Me’a
She’arim liegt nur einen guten Kilometer vom Damaskustor entfernt. Das Viertel
ist winzig und besteht lediglich aus wenigen Straßen, ist dafür umso bekannter
für die Radikalität der Bewohnenden in Glaubenssachen und der Auslegung
religiöser Vorschriften. Die Bewegung entstand Ende des 19. Jahrhunderts als
Reaktion gegen das aufgeklärte Reformjudentum und hat sich seitdem kaum
verändert. Ein durch und durch anachronistischer Ort.
Me’a
She’arim empfängt mich mit einer Ahnung tiefer Traurigkeit und Trostlosigkeit. Das
komplette Viertel ist verdreckt. An allen Ecken und Enden liegt Müll herum,
Müllcontainer werden ungeniert von Straßenkatzen und Ratten geplündert. Die
Fassaden bröckeln, und in den Ecken der Häuser und der Randsteine klebt
dreckiges Zeugs. Über all dem weht der Hauch religiösen Wahns. Eine sublime
Faszination, sich dieser morbiden Welt, mit dem Wissen sie jederzeit
unbeschadet verlassen zu können, hinzugeben, steigt in mir auf.
Die
Familien haben laut Statistiken durchschnittlich sieben Kinder. Die Männer
widmen sich fast ausschließlich dem Studium der Thora, während es die Frauen
sind, die neben der Care-Work in kleineren Jobs arbeiten müssen, um das geringe
Einkommen aufzubessern.
1874
geplant und gebaut wird hier zumeist kein Hebräisch, sondern Jiddisch, die
Sprache des osteuropäischen und im Zuge des Nationalsozialismus
unwiederbringlich vernichteten Schtetls gesprochen. Die Männer, sowieso in ganz
Jerusalem gegenwärtig, laufen ausschließlich in uniformen schwarzen Zweiteilern,
bestehend aus schwarzer Hose und schwarzem Jackett, sowie weißen Hemd herum und
tragen dazu schwarze Halbschuhe. Das Haupt wird durch ausladende schwarze
Hütte, oder pelzbesetzte Mützen, sogenannte Schtreimel, die den Spielsteinen
des Spiels Mühle nicht unähnlich sind, gekrönt. Im Gesicht haben die Boys meist
dünne Bärte, von den Schläfen fallen die charakteristischen Schläfchenlocken.
Die Körperhaltung entspricht in der Regel der Definition eines Leptosoms in
Reinform. Mal wird mit X-Beinen gegangen, mal mit O-Beinen, die Füße entweder
nach Außen, oder innen verdreht. Am liebsten möchte man den Typen kräftigst auf
den Rücken hauen und ihnen zubrüllen, sich mal grade zu machen.
Die
Damen tragen eine auch in Deutschland von Zeuginnen Jehovas bewährte Variante
von Röcken, Strickjacken und derben Strumpfhosen. Das Haar wird mit mehr oder
weniger stylischen Perücken geschmückt und die Augen starren hinter meist
riesigen Brillenfassungen leer den eigenen Kindern hinterher. Diese tragen
ähnliche Kleidung, nur eben ein paar Nummern kleiner und gucken einen aus
großen, traurigen und zugleich verachtenden Kulleraugen an.
Den
meisten gemein ist, dass sie in ihrem Aussehen, Körperhaltung und Ausstrahlung
den Eindruck machen nur einen viertel Chromosom an einer geistigen Behinderung
vorbei geschrammt zu sein und die prächtigen Pferdegebisse lassen Phantasien
freien Raum, dass deren Eigner es nicht so genau nehmen mit dem Verzicht des
geschlechtlichen Umgangs innerhalb der eigenen Sippe. Vielleicht ist das auch
der Grund, warum die Mehrzahl der Orthodoxen von der kargen Sozialhilfe des
Staates leben und lange Zeit vom Wehrdienst befreit waren.
Von
der Politik werden die Orthodoxen, die immerhin etwa zehn Prozent der
Bevölkerung Israels ausmachen, indes hofiert, da sie lange Zeit das Zünglein an
der Waage, bei den einst etwa gleichstarken politischen Blöcken der eher links,
bzw. eher rechts gerichteten Parteien waren. Diese Appeasementpolitik ändert
sich, obwohl die politische Landschaft mittlerweile viel ausdifferenzierter
ist, nur langsam. Dennoch werden die Stimmen der sakulären Bevölkerung um
Gleichberechtigung im Sinne von mehr Beteiligung an bürgerlichen Pflichten
durch die Orthodoxen immer lauter.
Bei
aller Tristesse ist Me’a She’arim meiner Meinung nach als Juwel zu betrachten.
Es unterstreicht einmal mehr, wie facettenreich dieser kleine Staat ist.
Sicherlich
bin ich in meiner Beschreibung hart mit dieser Minderheit ins Gericht gegangen,
will aber versichern, dass ich es mit anderen Extremisten gleich welcher Art nicht
anders gemacht hätte. Würde mich die meiner Meinung nach falsch verstandene,
aber allgemein postulierte Political Correctness interessieren, müsste ich wohl
längst in einer eingetragenen Lebensgemeinschaft leben. Für mich bedeutet
Political Correctness die Wahrheit zu sagen, auch wenn dieser vielleicht manchmal
durch das eigene Erleben und Narrativ etwas Trennschärfe, oder Klarheit fehlt.
So what...!
Da
es bereits zu dämmern anfängt und ich Hunger bekomme, mache ich mich an den Rückweg
zum Hostel. Unterwegs kaufe ich in einem kleinen Laden eine Tütensuppe und Brot
zum dippen. Zubereitet wird das Festmahl wenig später in Dans kleiner Küche.
Dort treffe ich wieder auf Silke, mit der ich mich lose für heute Abend
verabredet habe. Sie erzählt, dass sie erst in einem Hostel eine Freundin
treffen möchte und später mit zwei Israelis, die sie bei einem vorherigen
Aufenthalt in Jerusalem kennengelernt hat, verabredet sei. Ich könne gerne
mitkommen. Das lasse ich mir nicht entgehen. Ich esse und mache mich Stadtfein.
Zusammen
gehen wir gegen 21:00 los zur Straßenbahn, die uns ohne große Umstände zum
Hostel ihrer Freundin bringen wird. Silke kommt aus Köln und hat viele Jahre
für eine Unternehmensberatung gearbeitet. Vor einem halben Jahr hat sie
gekündigt und hat drei Monate lang Indien bereist und danach weitere drei
Monate in Israel in einer Gastfamilie verbracht. Diese lebt bei Haifa und Silke
hat dort für Kost und Logis die kleinen Kinder betreut. Morgen fliegt sie nach
Malta und will von da aus weiter nach Marokko. Wie lange sie dort bleiben wird,
ist noch unklar. Sie hat genug Ersparnisse, den Kopf frei und jede Menge Zeit.
Ich beneide sie.
Ich
frage Sie nach Tipps für meine ausstehenden drei Tage. Sie rät mir ein Auto zu
mieten und in die Negev-Wüste zu fahren. Zudem könne ich ihre israelische
Sim-Karte haben, die sie ab morgen nicht mehr benötige. Dann hätte ich
Internet.
Ich
gerate ins Grübeln und überschlage meine Optionen. Morgen ist Shabbat, das
heißt, dass in Jerusalem und weiten Teilen des Landes nicht viel los sein wird.
Nach Tel Aviv möchte ich so schnell nicht zurück und in den Norden zieht es
mich auch nicht wirklich. Wenn ich mit Silkes Sim-Karte Internetempfang habe,
dann könnt eine kleine Autotour in den Süden ein Spaß werden. Gemeinsam checken
wir bei einem Internetportal die Preise von Mietwagenanbietern. Wenn ich morgen
früh aufstehe, dann könnte ich bereits um 08:00 einen Wagen abholen und am
Sonntag um 07:00 wieder abgeben. Für die zwei Tage müsste ich inkl. aller
relevanten Versicherungen nur umgerechnet 60€ zahlen und könnte im Auto
schlafen und so Geld für Unterkünfte sparen. Sollte dann noch die Tour am
Sonntag in das Westjordanland klappen, würden die nächsten drei Tage inhaltlich
ausgefüllt sein und ich könnte Abends nach Tel Aviv fahren und dort am Montag
einen letzten entspannten Tag mit Strand und Entspannung begehen, bevor ich am
Dienstagvormittag wieder nach Berlin fliege.
Als
wir vor dem Hostel stehen, habe ich das Gefühl, dass sich auf dieser Reise die
Dinge von alleine fügen. Denn auf der Eingangstür prangt auch das Logo des
Tourveranstalters.
Wir
begeben uns in den ersten Stock in einen großen offenen Raum, der auch eine Bar
beinhaltet. Silkes Freundin ist mit einem Angestellten des Hostels liiert und
ich spreche mein Interesse an der Tour am Sonntag aus. Sie rät mir einfach bei
der Rezeption zu fragen, ob ich noch aufspringen könne. So versuche ich mein
Glück und erfahre, dass ich tatsächlich noch buchen könne. Für mich ist klar,
dass ich die zweite Hälfte meines Aufenthalts in Israel geplant verbringen
werde. Ich logge mich über das Hostel-Wlan ins Netz ein, buche den Mietwagen
für morgen früh und bezahle mit Kreditkarte den Trip nach Hebron. Zufrieden
begebe ich mich nach oben und setze mich neben Silke und ihre Freundin an die
Bar. Nach wenigen Minuten gerate ich mit Natalie aus Freiburg ins Gespräch. Sie
ist spontan für fünf Tage nach Israel geflogen und bleibt noch drei Tage in
Jerusalem. Natalie ist ende Dreißig, sieht umwerfend gut aus und fragt ich
relativ schnell, ob ich an Gott glaube. Ich stammle irgendwas von konfessionell
nicht gebunden und im weitesten Sinne spirituell und ernte dafür runzeln mit
den Augenbrauen. Sie habe in ihrem Leben schon viel ausprobiert, Partys
gefeiert, gemodelt, sich in gehobenen Kreisen bewegt etc. Das einzige, was sie
nachhaltig befriedigt und einen tieferen Sinn gegeben hätte, wäre ihr Glauben
an Gott. Als nächstes fragt sie mich nach meiner politischen Orientierung. Ich
gebe zu meine beiden Stimmen bei der letzten Wahl der SPD und den Grünen
gegeben zu haben. Daraufhin löchert sie mich bezüglich der jeweiligen
Wahlprogramme und erwischt mich auf dem kalten Fuß. Normalerweise glaube ich
mich relativ sicher auf dem Feld politischer Meinungen und Programme zu
bewegen, doch heute habe ich Ladehemmungen. Das liegt vielleicht auch an
Natalies Intelligenz und ihrem, trotz aller Forschheit, einnehmenden Charakter.
Im Laufe des Gesprächs wird immer deutlicher, dass sie
links-national-konservativ eingestellt ist und der “Aufstehen-Bewegung“ von
Frau Wagenknecht die Daumen drückt. Na, meinetwegen. Dafür ist sie nicht um ein
paar flotte Sprüche verlegen. Bezüglich der Flüchtlingswelle äußert sie:
„Zuerst per du und dann perdu“. Zu Glaubensfragen haut sie: „Entweder du
glaubst an den Kapitalismus, oder an Gott! Ansonsten bist du verloren!“ raus.
Hätte die Braut ihren Christenfimmel im Griff und wäre politisch anders
positioniert, wäre sie genau mein Beuteschema. Während sie sich weiter über die
deutsche Politik auslässt, setzt sich ein junger Israeli neben uns und grinst
uns unentwegt, wohl auf der Suche nach Gesprächsanteilen, an. Irgendwann sieht
er seine Zeit gekommen und fragt in die Runde, ob wir Monika Gruetters kennen
würden. Natalie kennt sie natürlich und ich habe zumindest schon mal den Namen
gehört. Der Typ zückt daraufhin eine Visitenkarte von Monika Gruetters,
„Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien“ und verkündet
ungefragt, dass er im kommenden Frühling dort ein Praktikum machen werde. Wider
Erwartung kommt diese Kund eher weniger cool bei uns beiden an und nach knapper
Beglückwünschung unterhalten Natalie und ich uns weiter. Daraufhin
raunt er mir von hinten ins Ohr: „I like it hard“ und guckt mir tief in die
Augen. Ich gebe ihm mit ehrlichem Bedauern zu verstehen, dass er bei mir an der
falschen Adresse ist, woraufhin er gelassen antwortet: „Take your time“. Worauf
du dir einen runterholen kannst, mein Bester!
Dann
allgemeine Aufbruchstimmung. Die beiden Israelischen Kumpels von Silke treffen
ein und bieten an uns über den großen Mahane-Yehuda-Markt in der Nähe des
Hostels zu führen. Dort würden am Wochenende eine Unmenge an Bars und
Pop-up-Restaurants öffnen und das wilde Jerusalemer Leben toben. Ich
verabschiede mich bei Natalie und zwinkere dem Toyboy mit gesenktem Blick und
lustvoll geöffnetem Mund zu. Der fühlt sich zu Recht verarscht und verzieht ein
Schmollgesicht, wie er mich da mit den beiden anderen Männern und Silke abziehen
sieht.
Die
beiden Jungs sind gut gelaunt und geben als erstes ein Dosenbier aus. Prost!
Prost! Prost! Prost!
Dann
geht es zuerst zu einem Kurzfilmabend in einen Subkultur-Schuppen auf der
Rückseite des Markts, wo ein überzeichneter Trickfilm imperialistische Armeen
zeigt, die sich Slapstick-artig selbst demontiert. Zwar kann man nix verstehen,
lustig ist`s trotzdem.
Als
unsre Büchsen geleert sind, ziehen uns die beiden weiter zum eigentlichen
Partyplace, dem größten Markt Israels. Wo tagsüber an unzähligen Ständen alle
möglichen Waren feilgeboten werden, findet am Wochenende ein Betreiberwechsel
statt und die Sortimente werden gegen Bar- und Imbiss-Utensilien getauscht. Überall
ist Musik. Überall dröhnt Musik. Überall sind Menschen. Überall reden Menschen.
Sitzen auf Barhockern, oder in engen Grüppchen zusammen. Hier Craftbier, da
Champagner, dort Bangkok Ice-Cream
Variationen. Reichlich Action. Aber klar, es ist Donnerstagabend. Morgen
beginnt das offizielle Wochenende mit dem Freitag als Shabbat, der zu
Sonnenuntergang beginnt und am Samstag mit Sonnenuntergang aufhört. Das treibt
die Leute raus auf die Straßen und rein in die Bars und Clubs.
Yossi
und Yagger, unsere beiden Führer, kennen sich hier bestens aus. Beide arbeiten im
Gastronomiebereich und hätten selbst schon Stände im Jerusalemer Markt
betrieben. Während die beiden bei gefühlt jeder zweiten Bude halten und
Small-Talk führen, merken Silke und ich, dass es uns beiden spießigen Mittdreißiger Mitteleuropäern etwas zu viel des Trubels ist. Wir verabschieden uns,
jedoch nicht ohne vorher noch von den beiden zu einem Drink aus einem
Slush-Eis-Automaten überredet zu werden. Ich lasse mir eine grünlich graue
Plörre aufdrängen, die süßlich-bitter schmeckt. Silke entscheidet sich für eine
Fruchtcocktailvariante. Das Zeugs schmeckt nicht schlecht und ich leere meinen
kleinen Becher restlos. Yossi freut sich, dass es mir schmeckt und erklärt
begeistert, dass es sich bei dem Kraut um Khat handelt. Jenem Aphrodisiakum,
welches vor Allem in Äthiopien, dem Jemen und anderen arabischen und
ostafrikanischen Staaten konsumiert wird. Na herzlichen Glückwunsch. Es ist
gegen Mitternacht, wir wollen nach Hause und ich lasse mir ein Aufputschmittel
einflößen. Dieses wird sicherlich nicht hochpotent dosiert sein, aber ich
reagiere seit je her sensibel auf Koffein und andere aufputschende Dinge.
Einmal eingenommen, bin ich wach. Nichts mit paradoxer Wirkung.
Wir
verabschieden uns und ich setzte zur Förderung der eigenen Ermüdung durch zu
Fuß nach Hause zu gehen. Das geschieht recht problemlos, jedoch merke ich
unterwegs, wie die wundersame Wirkung des Extrakts eintritt. Ich bin hellwach.
Im Hostel angekommen verabschiede ich Silke ins Bett und drehe noch eine
besinnliche Runde alleine ums Eck.
Morgen
also mit dem Mietauto in die Wüste und vielleicht bis nach Eilat am Golf von
Akaba.
In
mir brodelt eine gefährliche Mischung aus Khat-Wirkung und Tatendrang. Werde
ich es wohl so zeitig ins Bett schaffen, dass ich wenigstens vier Stunden
Schlaf bekomme?
Ich
werde es nur herausfinden, wenn ich es versuche. Gute Nacht.






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