Samstag, 2. Februar 2019

ISRAEL 2018 - Tag 4, Teil III


Me’a She’arim liegt nur einen guten Kilometer vom Damaskustor entfernt. Das Viertel ist winzig und besteht lediglich aus wenigen Straßen, ist dafür umso bekannter für die Radikalität der Bewohnenden in Glaubenssachen und der Auslegung religiöser Vorschriften. Die Bewegung entstand Ende des 19. Jahrhunderts als Reaktion gegen das aufgeklärte Reformjudentum und hat sich seitdem kaum verändert. Ein durch und durch anachronistischer Ort.
Me’a She’arim empfängt mich mit einer Ahnung tiefer Traurigkeit und Trostlosigkeit. Das komplette Viertel ist verdreckt. An allen Ecken und Enden liegt Müll herum, Müllcontainer werden ungeniert von Straßenkatzen und Ratten geplündert. Die Fassaden bröckeln, und in den Ecken der Häuser und der Randsteine klebt dreckiges Zeugs. Über all dem weht der Hauch religiösen Wahns. Eine sublime Faszination, sich dieser morbiden Welt, mit dem Wissen sie jederzeit unbeschadet verlassen zu können, hinzugeben, steigt in mir auf.
Die Familien haben laut Statistiken durchschnittlich sieben Kinder. Die Männer widmen sich fast ausschließlich dem Studium der Thora, während es die Frauen sind, die neben der Care-Work in kleineren Jobs arbeiten müssen, um das geringe Einkommen aufzubessern.
1874 geplant und gebaut wird hier zumeist kein Hebräisch, sondern Jiddisch, die Sprache des osteuropäischen und im Zuge des Nationalsozialismus unwiederbringlich vernichteten Schtetls gesprochen. Die Männer, sowieso in ganz Jerusalem gegenwärtig, laufen ausschließlich in uniformen schwarzen Zweiteilern, bestehend aus schwarzer Hose und schwarzem Jackett, sowie weißen Hemd herum und tragen dazu schwarze Halbschuhe. Das Haupt wird durch ausladende schwarze Hütte, oder pelzbesetzte Mützen, sogenannte Schtreimel, die den Spielsteinen des Spiels Mühle nicht unähnlich sind, gekrönt. Im Gesicht haben die Boys meist dünne Bärte, von den Schläfen fallen die charakteristischen Schläfchenlocken. Die Körperhaltung entspricht in der Regel der Definition eines Leptosoms in Reinform. Mal wird mit X-Beinen gegangen, mal mit O-Beinen, die Füße entweder nach Außen, oder innen verdreht. Am liebsten möchte man den Typen kräftigst auf den Rücken hauen und ihnen zubrüllen, sich mal grade zu machen.
Die Damen tragen eine auch in Deutschland von Zeuginnen Jehovas bewährte Variante von Röcken, Strickjacken und derben Strumpfhosen. Das Haar wird mit mehr oder weniger stylischen Perücken geschmückt und die Augen starren hinter meist riesigen Brillenfassungen leer den eigenen Kindern hinterher. Diese tragen ähnliche Kleidung, nur eben ein paar Nummern kleiner und gucken einen aus großen, traurigen und zugleich verachtenden Kulleraugen an.
Den meisten gemein ist, dass sie in ihrem Aussehen, Körperhaltung und Ausstrahlung den Eindruck machen nur einen viertel Chromosom an einer geistigen Behinderung vorbei geschrammt zu sein und die prächtigen Pferdegebisse lassen Phantasien freien Raum, dass deren Eigner es nicht so genau nehmen mit dem Verzicht des geschlechtlichen Umgangs innerhalb der eigenen Sippe. Vielleicht ist das auch der Grund, warum die Mehrzahl der Orthodoxen von der kargen Sozialhilfe des Staates leben und lange Zeit vom Wehrdienst befreit waren.
Von der Politik werden die Orthodoxen, die immerhin etwa zehn Prozent der Bevölkerung Israels ausmachen, indes hofiert, da sie lange Zeit das Zünglein an der Waage, bei den einst etwa gleichstarken politischen Blöcken der eher links, bzw. eher rechts gerichteten Parteien waren. Diese Appeasementpolitik ändert sich, obwohl die politische Landschaft mittlerweile viel ausdifferenzierter ist, nur langsam. Dennoch werden die Stimmen der sakulären Bevölkerung um Gleichberechtigung im Sinne von mehr Beteiligung an bürgerlichen Pflichten durch die Orthodoxen immer lauter.
Bei aller Tristesse ist Me’a She’arim meiner Meinung nach als Juwel zu betrachten. Es unterstreicht einmal mehr, wie facettenreich dieser kleine Staat ist.
Sicherlich bin ich in meiner Beschreibung hart mit dieser Minderheit ins Gericht gegangen, will aber versichern, dass ich es mit anderen Extremisten gleich welcher Art nicht anders gemacht hätte. Würde mich die meiner Meinung nach falsch verstandene, aber allgemein postulierte Political Correctness interessieren, müsste ich wohl längst in einer eingetragenen Lebensgemeinschaft leben. Für mich bedeutet Political Correctness die Wahrheit zu sagen, auch wenn dieser vielleicht manchmal durch das eigene Erleben und Narrativ etwas Trennschärfe, oder Klarheit fehlt. So what...!
Da es bereits zu dämmern anfängt und ich Hunger bekomme, mache ich mich an den Rückweg zum Hostel. Unterwegs kaufe ich in einem kleinen Laden eine Tütensuppe und Brot zum dippen. Zubereitet wird das Festmahl wenig später in Dans kleiner Küche. Dort treffe ich wieder auf Silke, mit der ich mich lose für heute Abend verabredet habe. Sie erzählt, dass sie erst in einem Hostel eine Freundin treffen möchte und später mit zwei Israelis, die sie bei einem vorherigen Aufenthalt in Jerusalem kennengelernt hat, verabredet sei. Ich könne gerne mitkommen. Das lasse ich mir nicht entgehen. Ich esse und mache mich Stadtfein.
Zusammen gehen wir gegen 21:00 los zur Straßenbahn, die uns ohne große Umstände zum Hostel ihrer Freundin bringen wird. Silke kommt aus Köln und hat viele Jahre für eine Unternehmensberatung gearbeitet. Vor einem halben Jahr hat sie gekündigt und hat drei Monate lang Indien bereist und danach weitere drei Monate in Israel in einer Gastfamilie verbracht. Diese lebt bei Haifa und Silke hat dort für Kost und Logis die kleinen Kinder betreut. Morgen fliegt sie nach Malta und will von da aus weiter nach Marokko. Wie lange sie dort bleiben wird, ist noch unklar. Sie hat genug Ersparnisse, den Kopf frei und jede Menge Zeit. Ich beneide sie.
Ich frage Sie nach Tipps für meine ausstehenden drei Tage. Sie rät mir ein Auto zu mieten und in die Negev-Wüste zu fahren. Zudem könne ich ihre israelische Sim-Karte haben, die sie ab morgen nicht mehr benötige. Dann hätte ich Internet.
Ich gerate ins Grübeln und überschlage meine Optionen. Morgen ist Shabbat, das heißt, dass in Jerusalem und weiten Teilen des Landes nicht viel los sein wird. Nach Tel Aviv möchte ich so schnell nicht zurück und in den Norden zieht es mich auch nicht wirklich. Wenn ich mit Silkes Sim-Karte Internetempfang habe, dann könnt eine kleine Autotour in den Süden ein Spaß werden. Gemeinsam checken wir bei einem Internetportal die Preise von Mietwagenanbietern. Wenn ich morgen früh aufstehe, dann könnte ich bereits um 08:00 einen Wagen abholen und am Sonntag um 07:00 wieder abgeben. Für die zwei Tage müsste ich inkl. aller relevanten Versicherungen nur umgerechnet 60€ zahlen und könnte im Auto schlafen und so Geld für Unterkünfte sparen. Sollte dann noch die Tour am Sonntag in das Westjordanland klappen, würden die nächsten drei Tage inhaltlich ausgefüllt sein und ich könnte Abends nach Tel Aviv fahren und dort am Montag einen letzten entspannten Tag mit Strand und Entspannung begehen, bevor ich am Dienstagvormittag wieder nach Berlin fliege.
Als wir vor dem Hostel stehen, habe ich das Gefühl, dass sich auf dieser Reise die Dinge von alleine fügen. Denn auf der Eingangstür prangt auch das Logo des Tourveranstalters.
Wir begeben uns in den ersten Stock in einen großen offenen Raum, der auch eine Bar beinhaltet. Silkes Freundin ist mit einem Angestellten des Hostels liiert und ich spreche mein Interesse an der Tour am Sonntag aus. Sie rät mir einfach bei der Rezeption zu fragen, ob ich noch aufspringen könne. So versuche ich mein Glück und erfahre, dass ich tatsächlich noch buchen könne. Für mich ist klar, dass ich die zweite Hälfte meines Aufenthalts in Israel geplant verbringen werde. Ich logge mich über das Hostel-Wlan ins Netz ein, buche den Mietwagen für morgen früh und bezahle mit Kreditkarte den Trip nach Hebron. Zufrieden begebe ich mich nach oben und setze mich neben Silke und ihre Freundin an die Bar. Nach wenigen Minuten gerate ich mit Natalie aus Freiburg ins Gespräch. Sie ist spontan für fünf Tage nach Israel geflogen und bleibt noch drei Tage in Jerusalem. Natalie ist ende Dreißig, sieht umwerfend gut aus und fragt ich relativ schnell, ob ich an Gott glaube. Ich stammle irgendwas von konfessionell nicht gebunden und im weitesten Sinne spirituell und ernte dafür runzeln mit den Augenbrauen. Sie habe in ihrem Leben schon viel ausprobiert, Partys gefeiert, gemodelt, sich in gehobenen Kreisen bewegt etc. Das einzige, was sie nachhaltig befriedigt und einen tieferen Sinn gegeben hätte, wäre ihr Glauben an Gott. Als nächstes fragt sie mich nach meiner politischen Orientierung. Ich gebe zu meine beiden Stimmen bei der letzten Wahl der SPD und den Grünen gegeben zu haben. Daraufhin löchert sie mich bezüglich der jeweiligen Wahlprogramme und erwischt mich auf dem kalten Fuß. Normalerweise glaube ich mich relativ sicher auf dem Feld politischer Meinungen und Programme zu bewegen, doch heute habe ich Ladehemmungen. Das liegt vielleicht auch an Natalies Intelligenz und ihrem, trotz aller Forschheit, einnehmenden Charakter. Im Laufe des Gesprächs wird immer deutlicher, dass sie links-national-konservativ eingestellt ist und der “Aufstehen-Bewegung“ von Frau Wagenknecht die Daumen drückt. Na, meinetwegen. Dafür ist sie nicht um ein paar flotte Sprüche verlegen. Bezüglich der Flüchtlingswelle äußert sie: „Zuerst per du und dann perdu“. Zu Glaubensfragen haut sie: „Entweder du glaubst an den Kapitalismus, oder an Gott! Ansonsten bist du verloren!“ raus. Hätte die Braut ihren Christenfimmel im Griff und wäre politisch anders positioniert, wäre sie genau mein Beuteschema. Während sie sich weiter über die deutsche Politik auslässt, setzt sich ein junger Israeli neben uns und grinst uns unentwegt, wohl auf der Suche nach Gesprächsanteilen, an. Irgendwann sieht er seine Zeit gekommen und fragt in die Runde, ob wir Monika Gruetters kennen würden. Natalie kennt sie natürlich und ich habe zumindest schon mal den Namen gehört. Der Typ zückt daraufhin eine Visitenkarte von Monika Gruetters, „Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien“ und verkündet ungefragt, dass er im kommenden Frühling dort ein Praktikum machen werde. Wider Erwartung kommt diese Kund eher weniger cool bei uns beiden an und nach knapper Beglückwünschung unterhalten Natalie und ich uns weiter. Daraufhin raunt er mir von hinten ins Ohr: „I like it hard“ und guckt mir tief in die Augen. Ich gebe ihm mit ehrlichem Bedauern zu verstehen, dass er bei mir an der falschen Adresse ist, woraufhin er gelassen antwortet: „Take your time“. Worauf du dir einen runterholen kannst, mein Bester!
Dann allgemeine Aufbruchstimmung. Die beiden Israelischen Kumpels von Silke treffen ein und bieten an uns über den großen Mahane-Yehuda-Markt in der Nähe des Hostels zu führen. Dort würden am Wochenende eine Unmenge an Bars und Pop-up-Restaurants öffnen und das wilde Jerusalemer Leben toben. Ich verabschiede mich bei Natalie und zwinkere dem Toyboy mit gesenktem Blick und lustvoll geöffnetem Mund zu. Der fühlt sich zu Recht verarscht und verzieht ein Schmollgesicht, wie er mich da mit den beiden anderen Männern und Silke abziehen sieht.
Die beiden Jungs sind gut gelaunt und geben als erstes ein Dosenbier aus. Prost! Prost! Prost! Prost!
Dann geht es zuerst zu einem Kurzfilmabend in einen Subkultur-Schuppen auf der Rückseite des Markts, wo ein überzeichneter Trickfilm imperialistische Armeen zeigt, die sich Slapstick-artig selbst demontiert. Zwar kann man nix verstehen, lustig ist`s trotzdem.
Als unsre Büchsen geleert sind, ziehen uns die beiden weiter zum eigentlichen Partyplace, dem größten Markt Israels. Wo tagsüber an unzähligen Ständen alle möglichen Waren feilgeboten werden, findet am Wochenende ein Betreiberwechsel statt und die Sortimente werden gegen Bar- und Imbiss-Utensilien getauscht. Überall ist Musik. Überall dröhnt Musik. Überall sind Menschen. Überall reden Menschen. Sitzen auf Barhockern, oder in engen Grüppchen zusammen. Hier Craftbier, da Champagner, dort Bangkok  Ice-Cream Variationen. Reichlich Action. Aber klar, es ist Donnerstagabend. Morgen beginnt das offizielle Wochenende mit dem Freitag als Shabbat, der zu Sonnenuntergang beginnt und am Samstag mit Sonnenuntergang aufhört. Das treibt die Leute raus auf die Straßen und rein in die Bars und Clubs.
Yossi und Yagger, unsere beiden Führer, kennen sich hier bestens aus. Beide arbeiten im Gastronomiebereich und hätten selbst schon Stände im Jerusalemer Markt betrieben. Während die beiden bei gefühlt jeder zweiten Bude halten und Small-Talk führen, merken Silke und ich, dass es uns beiden spießigen Mittdreißiger Mitteleuropäern etwas zu viel des Trubels ist. Wir verabschieden uns, jedoch nicht ohne vorher noch von den beiden zu einem Drink aus einem Slush-Eis-Automaten überredet zu werden. Ich lasse mir eine grünlich graue Plörre aufdrängen, die süßlich-bitter schmeckt. Silke entscheidet sich für eine Fruchtcocktailvariante. Das Zeugs schmeckt nicht schlecht und ich leere meinen kleinen Becher restlos. Yossi freut sich, dass es mir schmeckt und erklärt begeistert, dass es sich bei dem Kraut um Khat handelt. Jenem Aphrodisiakum, welches vor Allem in Äthiopien, dem Jemen und anderen arabischen und ostafrikanischen Staaten konsumiert wird. Na herzlichen Glückwunsch. Es ist gegen Mitternacht, wir wollen nach Hause und ich lasse mir ein Aufputschmittel einflößen. Dieses wird sicherlich nicht hochpotent dosiert sein, aber ich reagiere seit je her sensibel auf Koffein und andere aufputschende Dinge. Einmal eingenommen, bin ich wach. Nichts mit paradoxer Wirkung.
Wir verabschieden uns und ich setzte zur Förderung der eigenen Ermüdung durch zu Fuß nach Hause zu gehen. Das geschieht recht problemlos, jedoch merke ich unterwegs, wie die wundersame Wirkung des Extrakts eintritt. Ich bin hellwach. Im Hostel angekommen verabschiede ich Silke ins Bett und drehe noch eine besinnliche Runde alleine ums Eck.
Morgen also mit dem Mietauto in die Wüste und vielleicht bis nach Eilat am Golf von Akaba.
In mir brodelt eine gefährliche Mischung aus Khat-Wirkung und Tatendrang. Werde ich es wohl so zeitig ins Bett schaffen, dass ich wenigstens vier Stunden Schlaf bekomme?
Ich werde es nur herausfinden, wenn ich es versuche. Gute Nacht.









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