Sonntag, 29. September 2019

SCHOTTLAND TAG 1, Teil II - Im Sauseschritt von Pitlochry über die Speyside nach Lossiemouth


Willkommen bei Edradour!
Obwohl es erst 15:50 ist und ich noch zehn Minuten Zeit habe, verspüre ich schon wieder Druck, denn der Parkplatz ist voll mit Reisebussen und Mietwagen. Arnold Clark tut auf Heckscheiben kund, dass er der große Player im Mietwagen-Game ist. Hertz und Co geben sich lediglich an den Nummernschildern die Blöße. So viel zum britischen Understatement.
Ich quetsche mich in eine kleine Lücke und schnappe meine Kamera.
Erstes Highlight meines Urlaubs: die letzte Besichtigung des heutigen Tages in einer der kleinsten Destillen Schottlands. An der Kasse wechseln zehn Pfund den Besitzer. Dafür gibt es eine einstündige Führung, einen Whisky und einen Whiskylikör und zusätzlich ein Nosingglas mit Schriftzug der Brennerei.
Ich werde von der freundlichen Dame in den Verkostungsraum geschickt. Unter dem schottischen Pendant der Himmelsscheibe von Nebra warten bereits etwa zwanzig Leute. Ich der letzte. Scharren mit den Füssen. Die Leute sind heiß und ich auch. Schon 16:05. Mit der Zeit geizen die hier nicht, soviel steht fest.
Und dann kommt er angestiefelt. Kilt, Socken, Paisleymuster. Rot, Grün. Alter ca. Mitte Fünfzig. Ein echter Schotte, das strahlt der Typ förmlich aus. Riecht unterm Rock bestimmt nicht nach Veilchenduft. Dreht und bückt er sich etwa gleich und präsentiert uns seinen Arsch? Got shave the queen! Glücklicherweise nicht.
Dafür Vorstellungsrunde. - My Name is John, who are you? Unter anderem Philipp!
Where do you come from? 
America, Canada, Germany, Japan, Austria.
What are you doing in Scotland?
Doing research about our ancestors, being a whiskymaniac, just on vacation...
What is your Relation to whisky?
No relation, just wanted to do a distillerytour, i like to drink whisky, i am a whiskymaniac...
Ah, nice! Interesting. Welcome to the Edradour distillery. Lets start the tour!
Darauf folgend sofort die Whiskyproben, damit der Metabolismus die nächsten 50 Minuten Zeit hat den Alkohol abzubauen. Von wegen späterem Autofahren und so. Clever. Leider nur eine Standardabfüllung und süße Sahne mit Prozenten, dafür aber dezent angesäuselt.
Danach geht’s runter zu den Produktionsstätten. Handcrafted hier, traditional da. Smallest Distillery in Scottland dort. Jaja, ist klar. Gelungenes Marketing ist wenn man`s trotzdem glaubt.
Ein kleiner Fun links, ein frecher Spruch rechts. John hat das Publikum im Griff und Alle, die nicht so gut englisch sprechen, oder nur die Hälfte verstehen, lachen fleißig mit. Dann den Fluss wieder hoch. Geht es nun zum Fasslager? Richtig!
Beeindruckend. Angels Share in der Luft.
Der Dozent weiter witzig, informativ und professionell abgecheckt. Will also schnellstmöglich Feierabend machen. Ich auch, habe genug Eindrücke gesammelt und muss heute noch durch die komplette Speyside fahren. Die Glenfarclas-Brennerei zumindest von außen angucken und weiter bis nach Lossiemouth. Nordseeluft schnuppern und im günstigsten Airbnb weit und breit eine Nacht verbringen. 120 Meilen insgesamt. Mit Stopps und etwas Sightseeing zwischendurch sollte die Strecke in etwa vier Stunden machbar sein.
Dann, kurz vor Schluss der Tour: Ein älterer deutscher Managertyp hält es nicht mehr aus und faselt irgendwas von: „Whats with the... Äähhh, Abschreibungen... (an seine Frau gerichtet) wie heißt nochmal das Wort... ?Ähhh... Whats with the time that the value or worth or the money you know, that it loses it worth, or value... heißt das so?... Also ähh, i mean, If you build a building, in Germany we have 20 or more years of ääähh, we call it Abschreibung you know. The time that the building needs, untill it looses its value or worth. So if whisky needs to mature so many years. How long do you make your Abschreibungen on the Lager, äh, the Storage...?“
Das ist nun wirklich würdelos. Macht hier einen auf smart-dressed und business-administration, kennt noch nicht mal das Wort „ depreciation“ (habe ich in der Zwischenzeit gegooglet) und stellt darüber hinaus noch Fragen, die niemanden interessieren.
Seine Frau guckt hilflos abwesend ins Leere. Naja, vielleicht auch ein wenig selber Schuld, wenn man nach zig Jahren immer noch in Verbindung mit dem Typen gebracht wird.
Die restliche Crowd versteht nur railway station. Ich denke mir: Alter, halt doch einfach die F....e!
John dagegen macht eine Kunstpause, guckt eindringlich, sammelt kurz alle negative Energie aus tausenden dummen Fragen vieler Jahre Tourerfahrung, transformiert diese in Coolness und haut staubtrocken heraus: „Whats your Name?“
Die Kartoffel verdutzt: „Äh, Matthias...!?“
John ganz langsam: „Matthias – Kunstpause - You know what? – längere Kunstpause und neckischer Blick über alle gebannt Zuhörenden- Matthias... Its not about time, or value, or Absreibunk...“ Kunstpause... „Its about whisky... nothing else...!“
Allenthalben Begeisterung. Mit einer kleinen Ausnahme. Finales, versöhnliches Augenzwinkern in eine bestimmte Richtung. Keine weiteren Fragen. Tour beendet.
Kurz noch in den firmeneigenen Store gucken, über die hohe schottische Alkoholsteuer ärgern, nichts kaufen und retour zum Auto. Tür auf, Setzen, Schlüssel rein, Licht an, Gurt um, Rückwärtsgang, umdrehen, rechten Arm auf Beifahrersitz, Lenkrad rum, Gas, Bremse, Lenkrad andersrum, ersten Gang, Bremse, Ausfahrt, gucken, rechts abbiegen uuuund Schussssss...
Zurück zur Autobahn. 5pm, noch knapp 60 Meilen bis zum nächsten Ziel. Wann geht im September eigentlich die Sonne unter? Würde mal sagen gegen 8pm. Noch ist alles hell. Regen, Wolken, Sonne, Regen. Gaspedal, Bremse, Spurwechsel, Gaspedal.
Fast wie in Schleswig Holstein hier. Na gut, dann doch etwas hügeliger, aber nicht natürlich nicht hyggeliger. Landschaft wird wieder lieblicher. Etwas Hobbingen, etwas Angeln, etwas Granit, oder Gneis, oder whatever. Einigen wir uns auf Silikatgesteine.
Rechts schlängelt sich ein Fluss. Ist es etwa die Spey? Spey wie Speyside? Das wäre doch was. Die Straße folgt dem Fluss. Ich bin nüchtern, doch die zarte Eiche im Gaumen schiebt noch etwas nach. Kurz mache ich mir bewusst, dass ich in Schottland bin. Hier will ich schon seit Jahren hin und habe es jetzt geschafft.
Wobei, ich war doch bereits 1995 in Schottland. Mit meinem Vater, meiner Schwester und seiner damaligen Freundin Uschi. Der blonden Friseuse aus Hamburg, die uns stets mit ihrer fröhlichen Art, feschen Dauerwelle und einem weißen Golf Cabrio zu beeindrucken wusste.
Aber Moment, war die überhaupt mit? Auf jeden Fall war es eine organisierte Bustour inklusive Guide, Mikrofon und allem drum und dran. Wir waren in einer Destille.  Und auf dieser Highlander Burg? Es kann nur einen geben! Christopher Lambert? Kann schon sein. Werde ich wohl in den nächsten Tagen Flashbacks der Reise vor 21 Jahren haben? Viele Hauptstraßen gibt es hier ja nicht und da werde ich wohl die ein, oder andere Standardbusroute passieren.
Wie stark ist die Gedächtnisleistung eines Mittdreißigers an Erlebnisse in grauer Vorzeit?
Ich kann mich konkret nur an wenige Dinge erinnern. Wir haben in Hamburg bei Uschi geschlafen und sind dann früh morgens in einem Industriegebiet von einem Bus abgeholt worden und mittels Fähre von Bremerhaven nach York in Nordengland gefahren. Während der Überfahrt habe ich mir in einem unbeobachteten Moment eine Schachtel Peter Stuyvesand Zigaretten im Schiffshop gekauft und wollte ungesehen eine Kippe auf dem Panoramadeck durchziehen.
Mein Plan: Vatern und Uschi (sofern denn mitgekommen) checken die Pennkajüten, meine Schwester hält walkmanverkabelt Ausschau nach irgendwelchen Britpoppern und der starke Wind in Kombination mit späterem Kaugummikonsum vertreibt die Kippengerüche. Also raus an die Reling und herrlich eine Kippe schmöcken. Ahhhhhh!
Urplötzlich dann ein Schock. Das Hemd und den dazugehörigen Typen a la Jürgen von der Lippe kenne ich doch. Und tatsächlich, nach noch nicht mal der halben Kippe wackelt plötzlich mein Vater aus der großen Tür neben dem Panoramadeck heraus, verschafft sich einen Überblick, fokussiert den leicht pickeligen und ziemlich verdutzt dreinschauenden Teeny an der Reling und hält nach folgerichtigem Erkennen direkt auf diesen zu. Ich, mittels des Observierblicks des schlechten Gewissens mit den entscheidenden Zehntelsekunden Vorsprung gewappnet, schnippe den Glimmstängel in einer Bewegung vom Mund weg in die Gischt und grinse meinem Altvorderen dümmlich ins Gesicht. Der hat von dem Manöver nichts mitbekommen, steuert unvoreingenommen auf mich zu und gesellt sich neben mich. Gut, dass der Wind günstig steht. Jedoch habe ich noch den Qualm vom letzten Zug in der Lunge und weiß partout nicht wohin damit. Das Wetter ist zu warm, kondensierter Atem als Alibi geht nicht. Das „Totmachen“, wie beim Bong kiffen, soll ich erst ein Jahr später kennenlernen. Davon abgesehen reicht der Atem dazu eh nicht aus, da ich nicht herzhaft genug durchgezogen habe.
Mein Vater fängt an von Kumuluswolken und Schönwetter zu reden. Ganz der Marinesoldat, der er ist. Langsam wird die Luft knapp. Der Alte lässt nicht locker. Komisch, dass bereits dreißig Sekunden Luftanhalten zum Problem werden. Ich bin echt ein Weichei. Irgendwann muss ich einfach vor Lachen ob der Absurdität der Situation losprusten und ein dünnes Fähnchen Rauch haucht meinem Vater entgegen. Seine Reaktion darauf fällt mir nicht mehr ein, scheint nicht so dramatisch gewesen zu sein. Für mich stand jedoch viel auf dem Spiel. Unter der Androhung seinen Kindern einen Bausparvertrag vorzuenthalten, versuchte Monsieur uns mit viel pädagogischem Geschick vom Rauchen abzuhalten. Hat zumindest langfristig geklappt.
Nach Anlandung in York ging es direkt weiter nach Edinburgh. Schloss, Innenstadt, graue Steinarchitektur. Hotel mit schweren roten Teppichen. Alles schön und gediegen. Tags darauf dann ernüchterndes Frühstück. Bohnen, Würstchen und anderes labberiges Zeugs. Mit fünfzehn ist man in manchen Dingen noch sehr mäkelig. Dann, wie gesagt, die Destille. Wohl Glenfiddich und kaum Interesse an diesem komischen Fusel. Dafür lieber Black Metal aufm Walkman hören. Satyricon – Dark Medival Times.
Erinnerung vorerst ausgesetzt. Mal gucken, was unterwegs noch hochkommt.
Zurück auf die Autobahn. Jetzt wieder Tempo, Strecke machen. Schön hier. Dann abbiegen Da kommt das Schild: „Welcome to the Speyside. Malt Whisky Trail – follow!“ - Jawohl, wird gemacht!
Dann die ersten Pagodendächer in den Tälern. Links ran fahren. Aussteigen. Luft holen. Feuchte Wärme und ein leichter Hauch von nassem Schafsfell. Einen ordentlichen Strahl Wasser im Gebüsch platzieren. In Dunst und Nebel gehüllte Täler. Mystik liegt in der Luft. Die goldene Stunde. Photos machen und ein wenig in wildromantischen Männerphantasien schwelgen. Braveheart und so weiter, you know...?!
Jetzt aber schnell zurück in den Käfig, sonst holt mich vielleicht noch die Banshee. BBC 6 ist ein geiler Sender. Ich höre „Hinterland“ von „Lonelady“, während ich durch das Kernland der weltweiten Whiskyproduktion fahre.
Weiter. Tomintoul, Knockando, the Glenlivet, geht ja gut los mit Brennereien. Innerer Konflikt. Soll ich mir noch was angucken, oder straight zu Glenfarclas? Letzteres!
Und tatsächlich, rechts auf einmal das Schild einer der wenigen unabhängigen Brennereien Schottlands. Nix wie rauf aufs Gelände und ungeniert die Karre auf den Mitarbeiterparkplätzen abgestellt.
Weit und breit keine Seele. Touristen schon weg. Ein verlassener Gabelstapler, in der Brennerei geht ein Mann im Blaumann mit einer Kladde in der Hand seine Runden. Der Rest scheint automatisiert.
Ich drehe mit der Knipse in der Hand meine Runden. Zwischen den Wirtschaftsgebäuden entlang, einen Berg hinab, an den endlosen Lagern vorbei. Malzgeruch in der Luft. Kurz innehalten, ausmalen, wie es wohl wäre eine Nacht in den Lagern eingeschlossen zu sein.
Ken Loach, The Angels Share.
Zurück ins Auto und back on the road. Es dämmert beständig, noch 26 Meilen. Aberlour, Craigellachie, Rothes, Longmorn, Benriach, Elgin, und so weiter und so fort. Irgendwo nehme ich noch eine schicke, alte Brücke mit. War`s in Craigellachie? Wo das Wasser des Lebens gülden fließt...?! Mittlerweile ist es leider dunkel... Da schimmert gar nix mehr.
Dann steht an einer Tankstelle plötzlich ein Starfighter herum. Ich bin wohl nicht mehr weit von der Base der Royal Airforce entfernt. Stand doch irgendwas im Profil von dem Airbnb-Dude von drin. Er war da wohl irgendwie beschäftigt als Berufssoldat und nun retired.
Rumgewurschtel mit dem Navi, Wegbeschreibung von Airbnb aus dem Handy suchen. Einsetzender Regen, reflektierende Autolichter, Einfamilienhausgegend. Sackgasse. Dann eine Auffahrt und Licht in einer ausgebauten Garage.
Laut Navi bin ich da.
Durch das nasse Fenster sind vier ergraute Herren mit Dartpfeilen und Bier in der Hand zu erkennen. Einer wird aufmerksam und bewegt sich zur Tür.
Deftige Begrüßung mit ordentlichem Händedruck. Im Hintergrund Opernmusik und die grinsenden Kumpels.
Bill, der Hausherr und ehemalige Soldat, hat eine ziemlich zerschossene Kauleiste, ist sonst aber rührend nett. War Winchman in einer Sea-King. Seenotrettung also. Wie mein Vater. Nach Nennung der familiären Gemeinsamkeit ein High five.
Nachdem er jahrelang seine krebskranke Frau gepflegt hat, bietet er nun die Zimmer seiner Töchter via Airbnb feil. Frühstück inklusive. Laut Bewertungen macht er phänomenale Omeletts. Mit Reinigung und Gebühren eine Nacht für 27 Pounds.
Kurz noch den anderen Jungs Hallo gesagt. Man sei eine Schicksalsgemeinschaft Verwitweter und habe sich in einer Selbsthilfegruppe kennengelernt und beschlossen sich einmal in der Woche zu treffen und unter die Arme zu greifen. Erst Haushalt, Garten, oder Handwerkliches erledigen, dann den geselligen Teil des Tages bis in den späten Abend miteinander begehen.
Dann bin ich an der Reihe: Sozialpädagoge und so... Eigentlich kaum zu glauben, aber egal.
Wir checken schnell gemeinsam das Zimmer und das Badezimmer. Alles paletti. In mir aber schon wieder Hummeln. Ich muss noch Essen besorgen. Also Verabschiedung von den Jungs und mit Bill vereinbaren vielleicht später noch einen kleinen Plausch zu halten. Bei Tesco angekommen kaufe ich Pakoras und Curry. Take three, pay two – five Pounds – Deal!
Da es nun stärker regnet, spare ich mir einen Ausflug zum Hafen. Also back Home, Essen ab in die Mikrowelle und ne Runde mit Bill quatschen. Der schenkt mir sogleich einen süffigen 12jährigen Glenlivet ein und wir unterhalten uns die folgende Stunde wunderbar. In London geboren und aufgewachsen entschied er sich zur Royal Airforce zu gehen und landete in Westschottland. Hier wurde er zum Winchman in einem Seenotrettungshubschrauber ausgebildet und lernte seine spätere Ehefrau und Mutter der beiden erwachsenen Töchter kennen. Sein Job war es in Seenot geratene Menschen und diverse Güter an einer Rettungsleine in den Helikopter zu hieven. Seine Frau kümmerte sich größtenteils um die Kinder und den Haushalt und arbeitete nebenbei in einem Supermarkt. Er sei ja oft lange unterwegs gewesen. Weg von zu Hause. Typisches Soldatenleben, sagt er und zuckt mit den Schultern. Leider erkrankte seine Frau kurz nach seiner Pensionierung vor einigen Jahren an Krebs und Bill pflegte sie bis zu ihrem Tode. Sie sei die Liebe seines Lebens gewesen! Und während er das sagt, merkt man, wie das Glück in ihm, diese Frau kennengelernt haben zu dürfen, der Trauer des leidvollen Begleitens in den Tod bei weitem überwiegt. Die drei Kumpels seien auch verwitwet und man habe sich in einem Verein kennengelernt, in dem sich Verwitwete gegenseitig unterstützen. Einmal in der Woche treffen die vier sich reihum mal beim einen, mal beim anderen und helfen sich gegenseitig in der Erledigung von Haushalt, Handwerk, Garten und was sonst noch alles so anfällt. Und weil es unter der Woche immer so still sei, vermiete er eben zwei Zimmer bei Airbnb. Und ich muss sagen, dass macht er großartig. Bill ist charmant, witzig und hat ein Faible für cheesy Einrichtungsgegenstände. Mein Zimmer etwa ist gespickt mit Puppen, Kuscheltieren und anderem Gedöns. Auch scheint im ganzen Haus der leicht kitschige Geist der Verstorbenen zu wachen. Wohlbehütet bette ich mich neben eine überlebensgroße schwarze DuffyDuck Puppe und schlummere dem Morgen entgegen.















Freitag, 27. September 2019

SCHOTTLAND TAG 1, Teil I - Von Mietwagen, Aldi-Filialen und Geldautomaten


ANKUNFT
Das Flugzeug landet pünktlich um 12:55 Ortszeit in Glasgow-Paisley. Die Runway lediglich grau, wider Erwarten nicht Boteh-gemustert.
Abflug von Berlin-Schönefeld vor zwei Stunden und zehn Minuten ebenfalls in time. Rundum zufriedenstellend.
Jetzt Zack Zack! Flugzeug bitte zügig Einparken. Soeben geschehen. Sehr gut! Das Personal steht bereits, die Passagiere tun es Ihnen binnen Sekunden gleich. Alle springen auf, rege Betriebsamkeit, gezielte Griffe, Körperflanken, Rumpfregionen, jede Menge Handgepäck. Geschiebe, Gedränge, Ellenbögen, böse Blicke. Sorry hier, Sorry da. Ich atme kurz durch, dann stürze auch ich mich hinein in die allgemeine Hektik. Schließlich habe ich einen straffen Zeitplan für die nächsten 12 Tage.
Elegant plumpst mir mein Rucksack entgegen. Just darauf gehen die Türen auf, das große Vorwärtsstreben setzt ein.
Mit viel Glück und ohne Sitzplatzreservierung bin ich auf Platz 2E gelandet. Kenner wissen: ganz vorne rechts. Leider kein Fensterplatz, aber in Spuckweite zur Vordertür. Deswegen bin ich nun ganz vorne dabei. Der Steward lächelt herzlich und wünscht einen schönen Aufenthalt. Dito Toyboy! Die Wärme des Absenders strahlt hoffentlich auch ein wenig nach draußen ab. Soll in Schottland ja bekanntlich gut zu gebrauchen sein. Also witterungstechnisch, nicht der Orientierung wegen.
Apropos; wie ist denn überhaupt das Wetter? Noch stehen wir im Schatten eines Jumbojets von Virgin-Atlantic, welche unsere Boeing 737-800 ganz klar ihren Platz wissen lässt.
Divide et impera. Kommt in den besten Familien vor.
Die große Schwester wird sich später auf den Weg nach Miami machen. Am Check-in drängeln sich bestimmt schon die Oldies. Komisch, dachte die Schotten wären für solche Trips zu geizig. Wieder was dazu gelernt. Reisen bildet eben.
Mit Verlassen der Gangway stehe ich plötzlich in der Sonne. Mitte September geht klar in Schottland. Warum nach Miami fliegen für viel Kohle? Mein Flug hat keine 15 Euro gekostet. Wenn schon billig, dann auch richtig billig. Und wenn dann draußen sogar noch die Sonne lacht, lachen Herz und Portmonee gleich mit.
Für innehalten und Sonnenbad ist aber keine Zeit. 50 Meter im Stechschritt an der Absperrstrippe lang und rein ins Gehäuse. Kaum in der Arrival-Area angekommen, sehe ich den Hinweis auf eine Passkontrolle. Wie war das noch mal mit dem Schengenraum und der EU? Vielen Dank auch Wählerwille. Aber Meinetwegen. Lass ich den Tommies gönnerhaft ihre Marotten und spiele das Spielchen mit. Vielleicht kommt ja der Exit vom Brexit als krönendes Bonbon britischer Exzentrik.
Ich bin in Gedanken eh jenseits von Raum, aber eben nicht Zeit. Schließlich gilt es dieses kostbare Gut zu optimieren und gemäß dem knappen Zeitplan zu meinen Gunsten zu brechen. Zuerst Hochmut, um den Fall kümmere ich mich später.
Deswegen: be prepared und vorausschauend handeln. Ergo: Auf den verbleibenden 70-80 Metern zur Kontrolle in Schlangenlinien zackig die wenigen Passagiere überholen, die es irgendwie vor mir hierhin geschafft haben.
Vorsprung kann nie schaden, ein gesunder Abstand ist noch besser. Perlen der Weisheit aus dem Schwarzbuch der Narzissten.
Uuuund Yes! Als Erster angekommen und bei der Wahl der Mittel nur ein kleines bisschen an Würde eingebüßt. Etwas Reflexion muss schon sein.
Dann rein in diese komische Doppeltürkabine. Pass einlesen lassen, in die Kamera gucken, nicht lächeln und hinaus in die Freiheit.
Der formale Teil wäre geschafft. Nicht auszudenken, wenn ich jetzt in der sich zwangsläufig hinter mir bildenden Menschentraube stehen würde und einen anderen Glückspilz fröhlich als erstes davon laufen sehen müsste.
Erfolgsmomente des Gehetzten.
Jetzt schnell weiter und nicht umdrehen. Oder schon mal von einer Salzsäule gehört, für die sich Möglichkeiten ergeben? Eben! Na gut, mit Ausnahme vielleicht oralfixierter Sodomisten.
Im Gehen das Handy vom Flug- in den Telefonmodus zurückgestellt. Ping! Na sieh mal einer an, bin wohl doch noch in der EU, zumindest was kostenfreies Roaming angeht. Dann Nachricht an die Familie, dass ich heil gelandet bin. Gegenteiliges bitte den aktuellen Pressemitteilungen entnehmen.
Um es unkompliziert und flott aus Flughäfen heraus zu schaffen verzichte ich stets auf großes Gepäck. Ein Rucksack als Handgepäck muss reichen. Schließlich will ich nicht ewig bleiben und gut überlegt ist eben sparsam gepackt. Folglich das Gepäckband links liegen lassen und schnurstracks geradeaus. Tempo, Tempo, nochmals Tempo und nur im äußersten Notfall bremsen. Für die entsprechenden Spuren gibt es ja Rei aus der Tube.
Da! Der Ausgang und die große Halle mit den üblichen Wegweisern und Informationsschildern. Wo verdammich noch mal geht es zu den Mietautos? Nicht lange versuchen zu orientieren, sondern lieber gleich eine kompetent wirkende Person nach dem Car-Rental fragen.
Der Polizist da vorne – Bingo! Interessanten Dialekt sprechen die hier. Gerolltes rrrr. Fast schon stereotyp-teutonisch. Oder ist der Cop ausgewiesener Touristenkenner und die Aussprache ein erster Eindruck des schwarzen Inselhumors? Seine Auskunft zumindest ist eindeutig. Da vorne raus und dann am Parkplatz vorbei Richtung Blechcontainer.
Keine zwei Minuten und ein Dutzend überholte Passagiere später, erreiche ich tatsächlich den Counter von Hertz mit dem Wissen, dass ich potentielle Vormirdrankommer bereits mittels bewährter Überholtaktik auf ihre Plätze verwiesen habe. Und tatsächlich; niemand vor dem Schalter. Alles frei.
Aber Verdammt, von rechts, ganz klischeehaft aus dem toten Winkel kommend, tritt plötzlich jemand die Stufen zum Container empor. Vor mir!
Ein Stich regt sich in meinem Herzen und leichter Groll breitet sich im Bauch aus. Die Poleposition ist futsch. Bleibt nur, die kleine Niederlage sportsmanlike zu schlucken und sich wohl, oder übel als Zweiter einzureihen. Kleiner Trost: Nach wenigen Sekunden kommt ein vorhin im Gang überholter Passagier in die Wellblechbude des Autovermieters und muss hinter mir warten. Ein Blick über die Schulter verrät Augenrollen seinerseits. Ich schmunzle meinerseits. Hat sich der stramme Schritt zumindest der Schadenfreude wegen gelohnt.
Typisches Männerverhalten. Oder typisches Philippverhalten? Beim Schreiben komme ich mir ziemlich unsympathisch vor, aber so what ;)
Trotzdem blöde, dass der Kerl vor mir ausgerechnet ein Rentner ist. Diskriminierung noch oben muss eben auch mal sein. Aber gut, wenigstens ein dänischer Rentner, der an der sommerbesprossten Schweinestuppsnase, dem charmanten Akzent und letztlich seinem Pass unschwer zu erkennen ist. Hätte also weitaus schlimmer kommen können.   
Denn der Däne an sich gilt ja als entspannt und liberal und beherrscht wegen fehlender Fernsehsynchronisation zudem ein halbwegs passables Englisch.
Nun endlich regt sich auch der Dude hinterm Schalter, legt irgendeine Liste weg und eröffnet mittels professionell einstudierter Herzlichkeit den folgenden Gesprächsreigen.
Aussprache und Namensschild outen Wojchzek als polnischen Arbeitsmigranten.
Hello Sir, what can i do for you?“
Der Opa kontert mittels feistem Presston, einer zugehaltenen Nase gleich, mit exzellentem Schweinefleischdänglisch recht ungeniert dem eigenartig hart anmutenden und abgehackten Sprech des Angestellten: „You got car for me?“
Glück gehabt! Die Bilateralen Beziehungen lassen mittels eingeschränkter Wortschätze lediglich Raum für harte Fakten.
- Give me Creditcard, Voucher etc.! Sign here!
Where do i get the car?
Get Car from woman outside!
Thank you!
Thank you!
Diskussionen, Klärungsbedarf und Nachfragen unnötig. Der Rentner ist ein Profi und auch der Wojchzek wird in Sachen Dienstleistungen dem guten Ruf seiner sonst beblaumannten Landsmänner, wie auch der herzhaften Eintöpfe derer Babcie gerecht. Nachdem Opa seinen Schlüssel bekommen hat, darf ich vortreten. Wow, das hat nun wirklich keine fünf Minuten gedauert.
Also Objektiv. Subjektiv natürlich trotzdem viel mehr.
Als Wiedergutmachung grinst mich ein breites slawisches Amalgamlächeln an und erbittet die entsprechenden Unterlagen. Kannste haben – und zwar auf einmal und komplett!
Ich knalle meinen Voucher, die Kreditkarte, den Reisepass und sogar einen internationalen Führerschein auf den Tisch, lehne mich ausladend hinterher und versuche so, mit meiner oberen Körperhälfte, Territorium in seiner Wirkungsstätte gutzumachen. Mit etwas Glück fühlt er sich ob meines Blitzkrieges fernab von Charmeoffensive unangenehm berührt und macht extra schnell.
Nix da, der Mann leistet hartnäckig Widerstand:
„Do you need insurance?“
 „No, thank you!“
Hat der sich etwa den Voucher nicht genau angeguckt? Die Versicherung ist doch bereits inklusive und zwar auf Alles und ohne Selbstbeteiligung! Dem ADAC und seinen Mitgliederdeals sei Dank.
„Do you need a Navigationsystem for 10 Pound a day?“
Alter, ist die UK vielleicht noch in der EU? Hab ich Datenroaming aufm Handy for free? Eben! Also her mit den Schlüsseln und zeig mir wo ich unterschreiben muss.
Nach gefühlt 18 Tagen endlich finale Unterschrift und Übergabe, dann Umdrehen, ab durch die Tür gen Carpark 2, Platz 18 und auf do nimmer-widzenia.
Draußen erwartet mich der nächste glückliche Umstand. Ich hatte einen Kleinwagen gebucht und bekomme eine rassige Mittelklassenkarre. Irgendein Franzose mit sechs Gängen, fünf Türen und Digitalradio inklusive Navi. Juhu! Während ich bei vielen Dingen ein wahrer Pfennigfuchser bin, habe ich gelernt, dass man Mietwagen definitiv nicht bei Billiganbietern buchen sollte, wenn man eine stressfreie Zeit haben möchte.
Seit einem Erlebnis in Marokko mit angeblich zu geringem Kreditvolumen auf meiner Kreditkarte, flinken Fingern des Vermieters auf dem entsprechenden Kartenlesegerät, eines darauffolgend penetrant aufblinkenden Error-Zeichens und der großzügigen Möglichkeit mir gegen Zahlung von 50 Euro in Cash den Wagen trotzdem auszuhändigen, bin ich der Meinung, dass es nur wenige Dinge gibt, bei denen Geld urlaubstechnisch besser angelegt ist, als bei seriösen Autovermieter. Kein Bakschisch, kein Beschiss, keine schäbigen Karren, sondern manchmal sogar ein Upgrade.
Sollte ich nun vielleicht nochmals die Möglichkeit im Auto zu schlafen überdenken? Nein, Spaß bei Seite. Ein ordentliches Airbnb-Zimmer, oder ein Dorm-Bett müssen schon sein. Mit Übernachten auf Flughäfen, Bahnhöfen, Sparkassenfilialen, Autos etc. habe ich in der Vergangenheit zwar aushaltbare Erfahrungen gemacht, muss meinem Alter jedoch mittlerweile Tribut zollen.
Für den Linksverkehr bin ich aber dann doch noch fit genug. Der Ernst Jünger regt sich mal wieder in mir. Jaja, ich weiß, heikles Thema… Aber lieber Jünger, als Zündel… Soweit mein Motto.
Und da ich mich für keinen müden Joke zu Schade bin, merke ich hier an, dass ich die Vorstellung lustig finde meinem dänischen Rentner, der akribisch Fotos zur Dokumentation etwaiger bereits vorhandener Schäden an seinem Mietwagen macht, mittels Kotflügel einen saloppen Gruß an seinen Extremitäten zukommen zu lassen.
Beschwingt und voller Tatendrang verlasse ich letztlich doch vernünftig den geschützten Bereich des Car-Parks 2 und stürze mich ins Vergnügen.
Jetzt wird es ernst, denn Linksverkehr = Konzentration. Also fokussieren! Drei Kreisverkehre, etwas Verwirrung und eine große Portion Glück später schaffe ich es auf die Autobahn, passiere Glasgow-City und halte mich nordöstlich. Google-Maps berechnet eine Stunde und 39 Minuten Fahrt zu meinem ersten Ziel am heutigen Tage.
Einfacher ist jedoch die Nutzung des Navigationsgeräts im Auto. Anhalten lohnt dafür nicht. Also flinke Handgriffe, zur Mittelkonsole, Lenkrad leicht verreißen, wieder auf die Fahrbahn gucken, das ganze Spiel ein halbes dutzendmal wiederholen und schon sitzt die Route. Die Familie im vollbesetzten Van, die sich im Rückspiegel grad mehrfach auf der angrenzenden Koppel überschlägt, hat da einfach mal Pech gehabt. Schließlich geht es hier um meinen wohlverdienten Urlaub.
Ich, ich, ich! Alle anderen: Nicht!
Das Gleiche Prozedere beim Radio. Diesmal Ghettofaust eines vollbesetzten Schulbusses mit einem Betonbrückenpfeiler.
Just kidding.
Schnell finde ich BBC 6, drehe auf und gebe mich nun völlig der Straße hin.
Wie ticken hier die Autofahrer? Gibt es Blitzer, oder Polizeikontrollen? Soll ich mich genau an die Speedlimits halten, oder gehen auch 10mph mehr, ohne gleich kontrolliert zu werden und womöglich den Adler an der Wand machen zu müssen, Wagen, Führerschein und Unsummen an Geld zu verlieren?
Ich entscheide mich für 5mph über dem Limit.
Wenn ich mich ran halte, schaffe ich es pünktlich bis um 16:00 nach Pitlochry am Rande der Highlands. Soweit zumindest der Plan.
Vorher muss ich irgendwie an britische Pfund kommen. Im Flughafen zu wechseln kam für mich, der schlechten Wechselkurse wegen, nicht in Frage. Wenn schon AirBnB statt Karre, dann wenigstens beim Wechselkurs sparen.
Hier muss doch irgendwo unterwegs an der Autobahn ein Gewerbepark kommen. Wegen eines ATMs in eine Ortschaft zu fahren lohnt nicht, denn ich habe gelesen, dass es überall im Lande die Möglichkeit des Cash-Outs in Einkaufsläden gäbe. Einfach mit der Kreditkarte zur Kasse und sich dort etwas auszahlen lassen.
Da ich eh Kohldampf habe und es liebe in fremden Ländern das Warenangebot der Supermärkte zu checken, wäre das genau mein Ding.
Und siehe da! Bei einer Ausfahrt kurz hinter Perth sehe ich das Logo meines geliebten ALDIs am Horizont.
Schnell Blinker setzen, gucken, links runter, einen Kreisverkehr umrunden und ab auf den Parkplatz. Rein nach ALDI. Ich liebe nicht nur diese urdeutsche Heimstätte qualitäts- und preisbewusster Spießer, sondern auch die Aufpeppung der Sortimente in fremden Ländern. Während in deutschen Filialen seit Jahren lediglich das Sushi und der Salatbecher mit French Dressing für abenteurlichen Flair auf der Plastikgabel sorgen, orientiert man sich im UK gen Nahen und Mittleren Osten und beyond. Nehme ich Gemüse-Pakoras, Hähnchenbrust nach indonesischer Art, oder Falafel? Ich entscheide mich für letztere, denn die sind am schnellsten zu greifen; denn erinnere: die Zeit rennt und ich habe ein Ziel.
Dummerweise gilt das Cash-Out nur für einheimische Geld- und Kreditkarten. So muss ich den Fünf-Pfund-Schein bemühen, den ich in Berlin von einem Bekannten zum unschlagbaren Kurs von 1:1 gewechselt habe. Dafür nutze ich die Minute unfreiwilliger Gehzeit zurück zum Auto, um auf meinem Handy Googlemaps zu befragen, ob in Pitlochry ein ATM steht. Bingo, da steht einer hinter einem Tesco-Supermarkt.
Wäre ich doch schon früher darauf gekommen und hätte das von zu Hause aus recherchiert. Mist!
Retour ins Auto und weiter auf die Jagd nach Meilen. Insgesamt fünf Minuten Lehrzeit berappt, dafür aber im Besitz herrlich originalgetreuer Kichererbsen-Buletten mit Rosinenfüllung an Plastikverpackung. Allahu akbar! Beim nächsten Mal gönne ich mir Pakoras, soviel steht fest. Retour zur Tour. Noch 25 Meilen. Mampfmampf, Krümmelkrümmel. Die Landschaft, anfangs noch urbanisiert im Stile einer modernen Großstadt mit Agglomeration und Infrastruktur, wird karger und hügeliger. Die Sonne in steter Konkurrenz zu dunklen Wolken. Ab und zu Regenschauer, dann wieder blauer Himmel und so weiter. Wolkengebilde unterschiedlichster Grau- und Weißtönung. Aprilwetter im September. Schottischer Ganzjahresstandart.
Da hinten, ein Regenbogen. Kurz nach dem Pott mit Gold suchen? Ach nee, das wäre ja Irland.
Nebel in den Niederungen, Raben am Himmel, dunkle Berge am Horizont. Range Rover auf der Überholspur. Landlord in feinstem Tweed. Ich brav mit Funktionsjacke on point bei 72mph links daneben. Für den Bruchteil einer Sekunde sind wir gleichauf. Blickkontakt, ein schelmisches Zwinkern meinerseits nach oben, gepaart mit der stillen Hoffnung, dass der Landadel meinen Blick erwidert und mich kurz von der Illusion der süßen Klassenzugehörigkeit kosten lässt.
Jedoch nur: herablassendes Lächeln, ungläubiges Kopfschütteln, Gas, Rücklichter und Abgehängt-werden als Antwort.
In kürzester Zeit zum einfachen Schotten degradiert worden. Man kann nicht alles haben.
Dennoch weiter, weiter dem ersten unter vielen Zielen entgegen. Dem eigenen Glück immer einen Schritt voraus hetzen. 
In Pitlochry angekommen endlich die Bank of Scotland und 200 Pounds auf Tasche.
Blick auf die Uhr. Easy, 15:30 Ortszeit. Bis zum Ziel noch 10 Minuten Fahrzeit. Inklusive Parkplatz suchen vielleicht 15 Minuten. Das passt!
Gemächlicher als die Autobahn schlängelt sich die Landstraße nun die sanften Hügel hoch. Mischwald, Dickichte, Böschungen und Knicks zwischen den Feldern. Hier mal eine Kuhherde, da mal schnatternde Gänse vor einem Gehöft.
Sind das hier eigentlich schon die Highlands? Na sicher doch!
Drei Meilen auf den engen Straßen. Erstmals in einer der in Reiseführern beschriebenen und für Schottland typischen kleinen Bucht am Wegesrand warten, damit der Gegenverkehr an mir vorbei kommt. Freundliches Nicken. Und dann, hinter einer Kurve, fällt der Blick rechts auf eine Anhöhe. Weiße Zäune, weiße Häuser, rote Akzente. Ein kultivierter Fluss schlängelt sich dazwischen.
Wie aus einem kitschigen Urlaubsprospekt. Lagerhäuser, Kieswege , ein Pagodendach. Links der Parkplatz. Ich bin da! Die Edradour Whisky Distillery. 
Denn - kaum zu glauben - dieser Urlaub soll im Zeichen des Genusses stehen.
Und Widersprüche machen das Leben aus...