Dienstag, 19. Februar 2019

ISRAEL 2018 - Tag 7, Teil VI


Bei meiner Recherche im Internet habe ich viele Kommentare und Bewertungen zu der Tour nach Hebron gelesen und wundere mich nun, warum diese so abgefeiert wird. Viele Kommentatoren sind voll des Lobes ob der Möglichkeit auf komplexe Fragen vielseitige Antworten bekommen zu haben. Bin ich nur zu anspruchsvoll, um Ähnliches zu empfinden? Ich weiß es nicht. Was ich aber weiß, ist, dass diese Tour dennoch ein voller Erfolg für mich war. Wenn auch auf ganz andere Art und Weise, als vormals angenommen.
Ich habe durch die betonierten Sichtweisen unserer Gesprächspartner einen eindrucksvollen Eindruck in deren Denke und die Problematik bekommen. Ich bilde mir ein ansatzweise zu verstehen, wie manche Akteure zu ticken und warum der Nahostkonflikt, wenn auch hier nur in einer seiner vielen Facetten dargestellt, derart kompliziert zu sein scheint. Dafür haben sich die investierte Zeit, die Energie und das Geld allemal gelohnt. Vielen Dank!                                 
So beschließe ich meine Ohren nicht weiter mit dem weißen Rauschen Burzums zu malträtieren und mir lieber Jimmy Somerville zu gönnen. Jimmy Somerville geht immer. Wenn ich gute Laune brauche, dann höre ich Jimmy Somerville. Jimmy Somerville ist der Shit! Ich entscheide mich für ein Medley seiner bekanntesten Songs. Zuerst „Never can say Goodbye“, dann „You make me feel“, welches in „Don`t leave me this way“ übergeht,  gefolgt von „Love to love you Baby“. Ich spüre das Serotonin in mir aufwallen und werde mir wieder einmal bewusst, wie viel Glück ich in meinem Leben bis jetzt gehabt habe. Ich bin zwar nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren, habe aber eine solide deutsche Mittelklassenkindheit erlebt. Sicherlich mit all ihren von den Großeltern an die Eltern weitervererbten Weltkriegsneurosen, aber dennoch geborgen und stets abgesichert.
Zwar verfliegt der Unmut nicht sofort, aber ich fühle mich zusehens besser. Der Bus ist deutlich schneller als auf der Hinfahrt und schon nach einer Stunde erreichen wir gegen 18:30 den Busbahnhof in Jerusalem. Ich verabschiede mich von Tim und der Gruppe und begebe mich schnellstmöglich zur Straßenbahn, da ich meinen Rucksack aus dem Hostel holen will und schnell wieder zurück zum Busbahnhof möchte. Ich möchte spätestens um 20:00 im Bus nach Tel Aviv sitzen. Morgen wird mein letzter voller Tag in Israel sein, bevor ich am Dienstagmorgen zurück nach Berlin fliege. Ich habe mir bereits ein Hostel gebucht, dass eine knappe halbe Stunde Fußmarsch vom Busbahnhof entfernt, unweit der Altstadt des Stadtteils Jaffa liegt. Dort möchte ich nicht später als 22:00 Uhr einchecken und mich einfach nur aufs Ohr hauen und morgen einen letzten entspannten Tag mit Baden, Sightseeing und Müßiggang verbringen. Tatsächlich besteige ich gegen 20:00 Uhr den Schnellbus und bin bereits eine dreiviertel Stunde später in Tel Aviv. Unterwegs falle ich in einen bleiernen halbstündigen Schlaf und schrecke in dem Moment auf, wo der Bus in die Parkbucht einfährt. Obwohl noch benommen finde ich sofort den richtigen Ausgang und laufe auf direktem Wege zum Hostel, wo ich um 21:15 eintreffe. Dieses befindet sich in einer alten Fabriketage und erweckt eine saubere und ruhige Atmosphäre. Genau das, was ich jetzt brauche. Ich checke ein und bekomme ein Bett am Fenster mit schweren Vorhängen zum Separieren von der Umwelt zugewiesen. Ich nehme eine Dusche und will mich noch ein wenig zum Herunterkommen in die Lobby setzen. Dort trifft mich direkt der Schlag; die Person, die raumgreifend auf der großen Couch sitzt, kenne ich doch. Bevor ich mich umdrehen und weglaufen kann, scheint beim Gegenüber ebenfalls das Erkennen einzusetzen. Mit einer Mine, bestehend aus freudiger Überraschung, großmütiger Milde, Dominanz, Mütterlichkeit und Herrlichkeit erhebt die Person ihre Stimme und spricht:
 „Oh, what a wonder! Philipp from Germany! The Genius is back!“
Gottverdammt! Ja, davon hat sie gesprochen, dass sie von Ofirs Apartement in ein Hostel wechseln will. Aber warum ist immer noch hier? Hat die kein Zuhause? I
ch lächle bedeppert zurück und stammle: „Hey Reha, nice to meet you“.
Das nun folgende wirkt wie ein Gag aus einem schlechten Film, ist aber wirklich so passiert. Sie schlägt mit der rechten Hand auf die Couch, wohl um mich wie ein Schoßhündchen neben sich zu dirigieren. Ich gebe ihr, mit Blick auf die Tür und der Äußerung noch mal ans Wasser gehen zu wollen, jedoch zu verstehen, dass ich andere Pläne habe und ihrem irren Bann nicht unterliege.
Hört der Wahnsinn heute denn gar nicht mehr auf?
Mental, wie körperlich lädiert schlendere ich durch den milden Abend die wenigen hundert Meter zum Hafen Jaffas, und komme dabei soweit herunter, dass ich den Blick über die hell erleuchtete Skyline Tel-Avis genießen kann. Das gibt mir die nötige Ruhe, um den Tag Revue passieren zu lassen und neue Reisepläne zu schmieden.
Ich habe so vieles in der Welt  noch nicht gesehen; will noch so viel entdecken und erleben. Seit ich denken kann ist in mir eine Energie, die mich beständig nach draußen zieht. Egal ob jetzt hier am Hafen von Jaffa, in Phasen der Langeweile auf Arbeit, beim Spazieren, oder einfach als spontane Einfälle im Alltag. Egal ob in die nähere Umgebung, oder zunehmend in die weite Welt. Dem gegenüber stehen ausführliche Reisen in mein Inneres zu den Wurzeln meines Charakters, mit dem ich mich, nach vielen Jahren der Ausbildung und Arbeit, einer Handvoll längerer Beziehungen, Freundschaften etc., und nicht zu Letzt der Geburt meiner Kinder, deren Erziehung und dem letztlich gescheiterten Versuch mit ihrer Mutter eine nachhaltige Beziehung zu gestalten, letztendlich versöhnt habe und mich heute endlich ganz gut leiden kann. Bei mir brauchten die Dinge eben immer schon ihre Zeit. Heute bin ich 37Jahre alt, befinde mich wohl aber erst geistig auf dem Stand eines 30jährigen. Das meine ich übrigens ernst und durchaus positiv.
Ich weiß noch, wie ich, gerade 16 Jahren alt geworden, also in einem Alter, in dem ich eigentlich ein notgeiler Motherfucker hätte sein sollen, das erste Mal die Gelegenheit hatte mit meiner damaligen Freundin zu schlafen. Die hat die ganze Zeit an mir rumgefummelt und ich habe mir nur gedacht: „Was macht die da eigentlich…?“
Glücklicherweise habe ich damals erste Kiff-Experimente gemacht und bin einfach eingeschlafen, bevor es ernst wurde. Danach habe ich mich einfach nicht mehr gemeldet und die Sache verlief im Sande. Daraufhin hat es noch eine ganze Weile gedauert, bis ich mich zum Club der richtigen Männer zählen konnte. Auch in meinem Schul- und Ausbildungsweg bin ich erst spät in Gang gekommen. Ich wechselte vom Gymnasium auf die Realschule, blieb sitzen, wurde wieder hochgestuft, nur um wieder sitzen zu bleiben und machte mit Ach und Krach die mittlere Reife. Die Lehrer konnten nichts mit meiner Person anfangen und ich nichts mit dem System Schule. Das Fachabitur habe ich lediglich bestanden, weil der Mathelehrer drei Augen zudrückte. Erst im Bachelorstudium, dass ich mir entgegen aller starren Anwesenheitslisten zum Trotz und gemäß der Erfüllung meiner, zur Deckung meiner Kosten, drei Jobs gerecht zu werden, so gebogen habe, wie es mir passte, sah ich erstmals Land in Sicht und konnte später beruflich zeigen, dass nicht alle Hoffnung bei dem Jungen verloren ist. 
Als es in der Beziehung zur Mutter meiner Kinder vor einigen Jahren mal heftig kriselte, bin ich zu einer Psychiaterin gegangen, habe dort meine Symptome geschildert und einen ADHS-Test „bestanden“. Das war der Anfang eines allmählichen Verständnisses meiner Persönlichkeit, welches langsam dazu geführt hat, dass ich mich heute weitestgehend glücklich und frei fühle. Dazu kommt eine mir gegebene Resilienz, die ich immer unbewusst gespürt habe und ein Hauch Narzissmus, der wohlmöglich einige Beziehungen und Möglichkeiten im Laufe der Jahre kaputt gemacht hat, mich aber befähigt mir stets das zu nehmen, was mir meiner Meinung nach gut tut und sogar jetzt dazu dient mich in Form dieses Textes in aller Öffentlichkeit aufzuspielen.
Nach so viel Bedeutungsschwere sehne ich mich nach einem entspannten Tag am Meer und gehe erhobenen Hauptes zurück zum Hostel. Reha sitzt nicht mehr in der Lobby, dafür aber zwei junge Frauen aus Deutschland, von der die eine heute die Nachtschicht im Hostel innehat. Ich grüße, setze mich hin, surfe ein wenig im Internet und lausche der Konversation. Die beiden tauschen sich darüber aus, dass „die dicke Alte“ es doch tatsächlich fertig gebracht hätte sich von einer anderen Touristen waschen zu lassen. Mir rollen sich die Fußnägel hoch bei dem Gedanken, wen sie meinen könnten und welche Bilder mich nun ins Bett verfolgen werden. Na vielen Dank auch und Gute Nacht!

Montag, 18. Februar 2019

ISRAEL 2018 - Tag 7, Teil V

Eines steht fest, mit „the dark Side“ kann er nicht Tim meinen. Der ist mit seinem rosigen Midwest-Teint eher Schweinebacke... Ungebraten. So durchqueren wir erneut den Grenzzaun, zurück zu unserem amerikanisch-israelischen Emigranten. Er erläutert uns den Plan für die kommenden zweieinhalb Stunden. Wir werden erneut den Grenzzaun passieren, uns ausschließlich in der Zone H2 bewegen und dort bei einem Kulturzentrum, in dem viele Siedlerfamilien wohnen, vorbeischauen, eine Synagoge besuchen, mit einem Siedler aus Hebron über seine Standpunkt diskutieren, dann zu einem Aussichtspunkt gehen, wo archäologische Funde einer alten jüdischen Siedlung seien und man die Stadt überblicken kann. Zu guter Letzt werden wir uns den jüdischen Teil des Grabes der Patriarchen anschauen. Gegen 17:00 käme ein Bus, der uns zurück nach Jerusalem bringe.
Also auf zum Kulturzentrum. Wir laufen dabei über die ehemalige Hauptstraße dieses Teils von Hebron, der wie eine Geisterstraße aussieht. Hier war das Herz der früheren jüdischen Gemeinde, die bei dem besagten Massaker im Jahre 1929 vertrieben wurde und erst nach dem Sechstagekrieg wieder Besitzansprüche geltend machen konnte. Da aber der Status des Westjordanlandes unter Gesichtspunkten der Besitzverteilung schwierig ist, darf hier kein Gewerbe betrieben werden und viele Häuser stehen leer. Dennoch gäbe es viele Juden die versuchen würden hier Häuser zu erwerben. Manche Balkone dieser Häuser sind komplett mit Gittern eingerüstet, wohl um vor Steinwürfen zu schützen und mit selbstgemachten Plakaten geschmückt, in denen die palästinensischen Bewohner gegen die jüdischen Siedler wettern. Hier ist ein äußerst sensibler Ort, an dem die aggressiven Siedler regelmäßig Palästinenser angreifen und beschimpfen sollen.
Um dieser Tatsache etwas entgegen zu setzen erzählt Tim die Geschichte der von Palästinensern erschossenen THIP-Mitarbeiter, einer nach dem Massaker von Baruch Goldstein eingeführten UN-Beobachtermission. Der Mann und die Frau mussten sterben, weil sie für Siedler gehalten wurden. Auge um Auge...
Wenige Meter später gelangen wir zu einem Containerdorf, das offensichtlich eine Kaserne der Armee darstellen soll. Man kann hinein gucken und sehen, wie sich die Soldaten mit Sport und Fitnessübungen die Zeit vertreiben. Viele lungern aber einfach nur rum und vertreiben sich die Zeit mit Handys, oder Rauchen. Während die jungen Soldaten in den Städten und Bussen stets einen lebensfrohen Eindruck auf mich gemacht haben, herrscht hier eher Langeweile und eine eher unfreundliche Stimmung. Als ich ein beiläufiges Foto vom Treiben innerhalb mache, kommt mir ein grimmig aussehender junger Mann mit Sportklamotten entgegen und schnauzt mich auf Hebräisch an. Ich entschuldige mich und laufe der bereits weitergegangenen Gruppe hinterher. Diese ist am Kulturzentrum angelangt und Tim erzählt, dass eine reiche amerikanische Familie viel Geld gestiftet habe, um das Zentrum zu renovieren und auszubauen. Nun lebten hier mehrere Familien, die allesamt mindestens sieben Kinder hätten. Tatsächlich wimmelt es im Hof nur so von Kinderbanden, die ausgelassen spielen. Es sind wunderschöne Kinder mit großen Augen und eindrucksvoller Ausstrahlung. Voller Vitalität einerseits, aber auch von einer gewissen Trauer gekennzeichnet, wie ich sie bereits in Me'a She'arim auszumachen geglaubt habe und die nichts in ihren Augen zu suchen hat. Ich denke an meine Kinder und hoffe, dass sie zwar wertorientiert und mit klaren Regeln von ihren Eltern aufgezogen werden, aber doch halbwegs frei von ideologischen Unfug. Erwachsene Aufsichtspersonen kann ich keine ausmachen. Während in Deutschland die Helikoptereltern beständig um ihre Kinder herumstromern, scheint das hier kein Thema zu sein. Man ist sich wohl sicher, dass zumindest gesinnungstechnisch niemand den Kindern mehr etwas antun kann. Auffällig ist zudem, dass die Kleidung nicht mit dem Jerusalemer Orthodoxen-Dresscode übereistimmt. Die Kinder sind eher casual und einfach gekleidet. Tim erklärt, dass auch die religiösen und ideologischen Ausrichtungen innerhalb der Siedlerschaft recht komplex seien. Es gäbe nicht-orthodox Religiöse, orthodoxe Religiöse, Unreligiöse und so weiter und so fort. Auf meine Frage, wie viele Amerikaner unter den Siedlern sind, sagt er „Many!“. Ich frage weiter und möchte von ihm wissen, warum ausgerechnet so viele amerikanische Juden sich nach Israel gezogen fühlen? Tim, der alte Fuchs, hat natürlich komplett Recht mit seiner Antwort, wenn er erklärt, dass in Amerika nun halt zahlenmäßig die meisten Juden außerhalb Israels lebten und sich wohl daraus der hohe Anteil erklären ließe. Ich belasse es dabei und versuche nicht weiter auf den "Imperialismus" der Amerikaner einzugehen, der sich zu oft auch in missionarischer und wie hier scheinbar auch territorialer Weise vollzieht. Nicht, dass ich hier noch als "Anti-Imp" abgestempelt werde.
Wir machen eine Pinkelpause in der gut ausgestatteten Toilette des Zentrums, die gleichermaßen den Familien als einzige Waschmöglichkeit gilt und gehen weiter zur Synagoge. Ich lasse mir abermals etwas Zeit und schlendere der Gruppe hinterher. Es ist mitten am Nachmittag und außer uns, einer weiteren geführten Touristengruppe und einem einsamen Wachposten sind kaum Menschen auf der Straße. Wir sind in einem verdammten Geisterstadtteil gelandet. Absolutes Kontrastprogramm zur palästinensischen Seite. Hier werden abends nicht die Bürgersteige hochgeklappt, sie sind es bereits. Oder arbeiten die Menschen einfach nur beständig und abends ist hier mehrlos? Wenn ja, wie kann da noch Kraft bleiben sich mit den Palästinensern zu streiten? Entweder lässt Fanatismus erstaunliche Kräfte entstehen, oder die Totenstille der Umgebung wirkt so entspannend auf die Eiferer, dass sie sich stets für weitere Action erholen können. Und überhaupt; werden hier etwa wieder nur Vorkommnisse hochgespielt, die zwar geschehen, aber vielleicht doch nicht so krass sind, wie kolportiert? Wahrscheinlich ist dieser ewige Zwiespalts das Faszinosum des Konflikts.
Mittlerweile hat sich der Himmel zugezogen, ein kalter Wind bläst und es wird zunehmend unfreundlicher. Hebron liegt auf ca. 930m Höhe und der Herbst macht sich erstmals während meines Aufenthalts bemerkbar. Ich bin immer noch schlapp und friere. Die Atmosphäre kündet eher von einem permanenten Winter.
Auf einmal streicht etwas um meine Beine. Ich gucke nach unten und sehe eine hübsche und ausdrucksstarke Katze. Da der Abstand zur Gruppe recht gering ist und die Straße geradeaus verläuft gönne ich mir eine kleine Schmusepause. Die habe ich auch bitter nötig. Die Katze ist ebenfalls in Stimmung. Zart beißt sie mir ins Ohr und schmiegt sich an mich. Ich mache ein paar Fotos und nehme schweren Herzens Abschied. Schon geht es mir besser.
Der nächste Halt ist bei der alten Synagoge, die 1948 zerstört wurde und 1976 wiederaufgebaut wurde. Bevor wir hinein gehen deutet Timm auf einen neuen, aber leeren Spielplatz. Hier hätte vor einigen Jahren eine Mutter ihr Kind im Kinderwagen vor der Tür stehen lassen, um kurz etwas aus der Wohnung zu holen. Während sie drin war, hätten palästinensische Heckenschützen das Kind erschossen. Einfach, weil es jüdisch war. So traurig die Geschichte auch ist, platzt mir der Kragen und ich frage ihn provokativ, ob die Israelis und Palästinenser vom Tod besessen seien. Er guckt mich wenig überrascht an, zuckt kurz mit den Schultern und sagt: „Maybe you are right…“
Mein Gefühl verpufft in der Bedeutungslosigkeit.
Sprachlos wenden wir uns den prächtig geschmückten Thorarollen zu, die in einem verschlossenen Schrein eingesehen werden können und ausschließlich in Handarbeit und edelstem Leder gefertigt, sowie handschriftlich geschrieben sind. Der Preis einer einzelnen Rolle läge bei bis zu 50.000 Dollar.
Tim gibt zu verstehen, dass wir in wenigen Minuten mit dem versprochenen Siedler aus Hebron zusammenträfen, der hier als Rabbi tätig sei.
Wir nehmen Platz und wenig später erscheint ein charismatischer, hochgewachsener orthodoxer Mann unbestimmbaren Alters und begibt sich an ein für ihn bereitetes Pult. Auch er sei in Amerika, genauer New York, geboren und aufgewachsen. Dort habe er bedeutende jüdische Schulen besucht und sei schon früh auf eine lehrende Tätigkeit vorbereiten worden. Er habe in ganz Amerika in verschiedenen Gemeinden gepredigt und sei vor sieben Jahren nach Hebron gekommen. Hebron sei ein heiliger jüdischer Ort und Israel das heilige jüdische Land. Deswegen sei es für ihn nur folgerichtig hier zu leben. Er freue sich aber auf unsere Fragen und sei für jede Kritik offen, hoffe aber diese einleuchtend entkräften zu können.
So geht es auch bald los mit den Fragen und Anmerkungen aus unseren Reihen. Interessant dabei ist, dass eine weitaus unbefangenere Stimmung herrscht, als bei Yussuf. Bei ihm war es kaum vorstellbar harte Fragen zu z.B. dem Umgang mit Dissidenten, der grassierenden Korruption, oder warum so viele Hilfsgelder einfach im Nichts verschwänden. Unser Gesprächspartner schafft es eine Atmosphäre der Offenheit zu generieren und gleichzeitig mit uns zu spielen. Denn er hat, genau wie Yussuf, auf jede Frage eine Antwort:
„Warum siedeln die Juden ausgerechnet in der Innenstadt von Hebron?“ „Weil sie hier vor Zweitausend Jahren gelebt haben, weil sie hier bis zum Massaker 1929 gelebt haben, weil sie seit 1976 hier wieder leben und weil sie eigentlich immer schon hier gelebt haben! Warum sollten sie hier nicht wohnen dürfen? Eben!“
„Warum gibt es keine Zwei-Staaten-Lösung?“ „Weil die führenden Palästinenser kein Interesse daran haben. Sie und auch unzählige NGOs profitieren zu sehr von der Situation, der Aufmerksamkeit und den fließenden Hilfsgeldern, als dass sie eine Einigung wollten!“
„Warum begeben sich viele Familien in diese gefährliche Wohngegend, wenn man auch in einer Siedlung bei Hebron sicherer leben könnte?“ „Weil wir mit dem Glauben und Wissen verbunden sind, dass Richtige zu tun. Sehen sie Israel. In 70 Jahren erbaut und eines der erfolgreichsten Länder der Welt. Wie würde Hebron aufblühen, wenn wir mehr Einfluss hätten?!“
Und so weiter und so fort. Im Hintergrund kann man Tim sehen, der ein ums andere Mal bei den Antworten des Rabbis grinst und mit dem Kopf nickt.
Versteht mich nicht falsch. Sowohl Tim und auch der Rabbi sind sehr zuvorkommende und sympathische Menschen, doch auch in dieser steinernen ideologischen Blase gefangen, die keine Grautöne zu kennen scheint. Irgendein Kalenderspruch tat einst folgende Weisheit kund: Es gibt nur zwei Verbrechen auf der Welt: Religion und Krieg!
Wenn doch die Welt immer so einfach zu erklären wäre.
Mit raucht langsam echt der Schädel und ich kann es kaum erwarten aus der Synagoge herauszukommen. Als der Rabbi fertig ist, gehen wir dankbarerweise umgehend zu dem Aussichtspunkt. Tim erzählt uns viel von der jüdischen Siedlungsgeschichte der vergangenen 3000 Jahre, aber mir reicht es. Innerlich schalte ich auf Durchzug. Durchzug bekommen wir dann auch in echt auf der Aussichtsplattform. Diese ist eigentlich das Dach eines Wohnhauses, bei dessen Bau ein altes jüdisches Haus im Boden entdeckt wurde. Auch hier wurde mit amerikanischem Geld gegraben und das Haus auf Stelen über der Stätte weiter gebaut.
Von hier oben kann man herrlich über die Stadt gucken, aber ich beginne nun wirklich zu frösteln, habe ich doch dummerweise morgens, in Erwartung eines weiteren schönen Tages, nur meinen Kapuzenpulli mitgenommen. Jetzt heißt es zäh bleiben und die letzte Stunde der Tour überstehen. Wir schlängeln uns durch enge Gassen zurück zum Grabe der Propheten, wo Tim unterwegs und zu meiner Überraschung einen Palästinensischen Schäfer grüßt und Small-Talk mit ihm hält. Er erklärt uns, dass er auf seinen Touren oft die Abkürzung hier entlang nähme und in den Jahren angefangen habe sich mit dem Mann zu unterhalten. Er sei ganz nett. Schnell relativiert er jedoch, indem er auf den überall herumliegenden Müll zeigt, der ein typisch arabisches Problem sei. Ja, klar.
Am Grab der Propheten machen wir eine letzte Stippvisite und sind froh nach diesem harten Tag endlich an der Bushaltestelle anzukommen. Mittlerweile ist es etwas belebter auf der Straße und mir fällt der Imbiss- und Andenkenladen auf. Tim stellt uns die aus Frankreich stammende Chefin vor, eine dynamische Frau in den besten Jahren, und erklärt uns, dass man den Grenzsoldaten im Laden eine Pizza ausgeben könne. Man müsse lediglich einen Coupon im Werte von 65NIS kaufen und die Soldaten bekämen eine große Pizza und einen Softdrink. Im Laden wimmelt es tatsächlich von Soldaten, die Pizza essen. Ob diese selbstgekauft, oder gespendet ist, vermag ich freilich nicht zu sagen. Ich besorge dann auch lieber mir was zu essen, anstatt eine Runde zu schmeiße Nach dem anstrengenden Tag ist mir Selbstachtsamkeit wichtiger, als Stiftungswesen. Dann endlich, mit 20 Minuten Verspätung rumpelt der Bus an, wir steigen ein und verlassen diesen grotesken Ort. Mir fällt nichts Besseres ein als mich per Kopfhörer der Musik von Burzum hinzugeben. "Dunkelheit". Ja, richtig Varg... Du bist zwar ein Spacken, aber deine Musik passt gut... Auch zu mir!
Die Welt ist zuweilen ein dunkler Ort und Menschen mitunter sehr komplexe Wesen.













Sonntag, 17. Februar 2019

ISRAEL 2018 - Tag 7, Teil IV


Nun geht es mit Yussuf weiter in das moderne kommerzielle Viertel Hebrons. Wir schlängeln uns durch die enge Gasse des Souks, welche allmählich breiter wird und in einer dicht befahrenden Hauptstraße mündet. Von dem kühlenden Schatten und der feuchtkalten Luft, wie auch der trägen Ruhe ist hier nichts mehr zu spüren. Die Sonne gewinnt zunehmend an Kraft, Autos stehen hupend im Stau, Händler lassen aus billigen Boxen krachend pathetisch vorgetragenen Arab-Pop erklingen und versuchen uns ihre Waren aufzuschwatzen, Menschen, Menschen, Menschen drängen an uns vorbei. Männer umrahmen Gespräche mit weiten Gesten, Frauen reden in Handys, die in ihre Kopftücher geklemmt sind; dirigieren mit der linken Hand ihre Kinder, während die Rechte die Einkaufstüten hält. Endlich wieder Leben. Willkommen im arabischen Alltag.
Yussuf und ich gehen gemeinsam und ich habe Zeit  und Mut ihm endlich ein paar Fragen zu stellen.
Wir reden erst über Belangsloses. Er sei verheiratet, habe zwei Kinder, arbeite als Touristenführer, berate NGOs und seine Frau trüge kein Kopftuch. Ich bestätige ihm, dass auch meine Freundin kein Kopftuch trage und ergänze, dass es sicher anders wäre, wenn sie weniger gut aussehen würde. Wir beide lachen ein Lachen, wie es nur Männer bei flachen Witzen hinbekommen und schlagen miteinander ein. In diesem Moment merke ich, dass es so viele andere verbindende Dinge, als Politik, Religion und Kultur gibt. Ich gestehe ihm meine Liebe zu arabischem Essen und frage, wer denn nun seiner Meinung nach die Falafel und Hummus erfunden habe. Die Juden, oder die Araber? Für Yussuf ist klar, dass beides eine arabische Erfindung sei, gesteht den Israelis aber zu, die Falafel in Form eines Sandwichs mit Salat- und Saucenfüllung als quasi „to-go-Snack“ in die Moderne transferiert zu haben.
Obwohl ich dieses leichte Gespräch genieße und Yussuf mir wieder sympathischer wird, will ich doch etwas Gehaltvolleres fragen. Ich überlege, ob ich eher eine systemische Frage stellen soll, die meinem Gegenüber ermöglicht sich in andere Menschen hereinzufühlen, oder lieber eine offene Frage, die ihm Raum zum Erzählen seiner Erfahrungen gibt. Ich entscheide mich für ersteres, da ich glaube mit zweitem nur wieder in einer Litanei schrecklicher Ereignisse zu enden.
„What do you think are the wishes of the kids of the settlers and what do you think are the wishes of your kids for their future?“
Tatsächlich beginnt Yussuf nicht sofort mit einer automatisch abgespulten Antwort, sondern klingt viel differenzierter. Wir kommen überein, dass den Kindern die Chance gegeben werden sollte frei von Indoktrination der Eltern und anderen Akteuren einen freien Willen zu entwickeln, der ihren elementarsten Wünschen und Bedürfnissen, nach einem Leben in Frieden und Freiheit gerecht werden sollte. Kinder kennen keine Unterschiede zwischen Rassen, Religionen und Ideologien. Beide Seiten trägen ihren Teil zur Spaltung bei und nur miteinander könne eine positive Veränderung herbeigeführt werden. Klar klänge das pathetisch und auch habe Yussuf weiterhin eine ungeheure Wut auf die Israelis, aber er ist ebenfalls voller spürbarer Liebe für seine Kinder, als dass er deren Zukunft durch eine weitere Zuspitzung der Situation gefährden wolle.
Es ist etwas grundsätzlich Verschiedenes ob man mit Menschen in ihrer repräsentativen, oder aber in ihrer persönlichen Rolle spricht. Mein Eindruck von Yussuf beginnt sich zu ändern, auch wenn das Gefühl bleibt, dass er in seiner „offiziellen Rolle“ als Verfechter der Palästinensischen Sache und dem von ihm erwarteten und geforderten Aussagen gefangen zu sein scheint.
Wir halten an einer geschäftigen Kreuzung inmitten der Innenstadt. Bis auf eine massive Müllhalde hinter einem Wellblechbauzauns umgeben uns moderne Boutiquen, Handygeschäfte und Bankfilialen. Ich mache die ironische Bemerkung, dass ich jetzt gerne zu Macdonalds möchte. Yussuf erklärt mir, dass es diesen noch nicht gäbe, er den israelischen Franchise-Holder aber als Ehrenmann ansehe, da dieser davon absehe seine Filialen auf den Golanhöhen und in Siedlungen zu eröffnen. Verdammt, sogar ein Burger ist politisch.
Die nächsten 30 Minuten können wir uns frei in der Innenstadt bewegen. Yussuf gibt uns noch mit auf den Weg, dass wir unbesorgt und frei herumlaufen könnten; niemand würde uns etwas antun. Schließlich seien wir ja alles Christen und zwinkert einem der beiden Brasilianer, der mit seiner leicht übergewichtigen Tollpatschigkeit tatsächlich wie die rothaarige Variante des Jonnys aus „Eis am Stiel“ aussieht. Der guckt betreten zu Boden und murmelt etwas Unverständliches. Um nicht Opfer eines spontanen Pogroms zu werden zu, wende ich mich Isa zu, einer deutschen Politikstudentin, die für ein Semester ein Praktikum bei einer NGO macht. Wir haben uns während der Führung bereits mehrmals ob der Einseitigkeit der jeweiligen Vorträge ausgetauscht und scheinen beide zwischen Fassungslosigkeit, Hoffnung und jeder Menge offener Fragen zu schwanken.
Gemeinsam ziehen wir los und Isa ist fast schon besessen davon Stimmen der zivilen Bevölkerung Hebrons zur Situation mit den Siedlern und dem Staat Israel zu sammeln.
Unser Plan ist es wahllos und naiv Leute anzuquatschen, in der Hoffnung, dass diese Englisch sprechen und mit uns reden wollen. Wir beginnen mit einem älteren Herrn, der auf einem Hocker am Straßenrand sitzt und Tee trinkt. Nach kurzem Vorstellen unserer Personen fängt er an über das gesamte Gesicht zu Grinsen und erklärt uns in gutem Deutsch, dass er viele Jahre in der Stadt Schleswig gewohnt hätte und seine beiden Töchter derzeit in Hamburg studieren. Isa und ich können es kaum fassen. Sie kommt ursprünglich aus Hamburg und ich bin nur etwa zwanzig Kilometer von Schleswig entfernt aufgewachsen. Dort habe er lange Zeit in einer Zuckerraffinerie gearbeitet, bis diese Anfang 2003 geschlossen hätte und er nach Hebron zurückgekehrt sei. Nun könne er von seiner Rente ganz gut leben und gibt zu, dass es den Palästinensern an vielen Dingen mangele, um einen eigenen Staat aufrecht zu erhalten. Dennoch sei sein Wunsch die Gründung eines eigenen Staates mitzuerleben, auch damit seine Töchter zurückkehren können, um hier Karriere zu machen. Die Israelis seien ihm egal, er wolle einfach eine Zukunft für sein Land und seine Leute haben, aber dafür bedürfe es Einigkeit und Disziplin. Beides sehe er in absehbarer Zukunft nicht bei den Palästinensern. „Aber schau“, sagt er und macht eine ausladende Geste über den Straßenabschnitt. „Das alles glänzt, funkelt und sieht nach Wohlstand aus. Aber brauchen wir das wirklich? Ich will euch sagen, was wir brauchen; Wir brauchen eine gemeinsame Identität, die über die religiösen und politischen Konflikte in der palästinensischen Gesellschaft hinausgeht. Wir müssen als Palästinenser zusammenhalten, dann werden wir irgendwann unseren Staat bekommen“.
Ein Mann und ein Satz, wie er wohl nur besser von einem gewissen Claas R. erfunden werden könnte, so aber tatsächlich gesagt wurde. Isa und ich verabschieden uns herzlich und freuen uns wie kleine Kinder über diesen wortgewaltigen ersten Kontakt.
Der Mann hat etwas Wichtiges thematisiert, denn auch die palästinensische Gesellschaft ist äußerst divers. So sind nicht alle Bewohner ausschließlich Moslems, sondern es gibt auch eine kleine Minderheit von Christen. Im Bereich der Politik gibt es die PLO als Dachorganisation mit der Fatah als stärkste Partei, aber eben auch der Hamas, die dem Dachverband ablehnend gegenübersteht und vielen weiteren religiösen, bis sakuläre Parteien und Gruppierungen, die oftmals ihrer eigenen Agenda folgen.
Wir gehen weiter und sehen eine junge Frau, die bereits einige Meter vor uns unseren Augenkontakt aufnimmt und intuitiv anhält. Sie ist Studentin und spricht passables Englisch. Auf unsere Frage zu ihrem Verhältnis zu den Israelis zögert sie kurz und sagt: „I hate them!“ Wir fragen weiter, ob sie denn Israelis kennen würde und sie sagt, dass sie nur indirekt welche kennen würde; als aggressive Soldaten und rücksichtslose Politiker aus dem Fernsehen. Und überhaupt, wie solle sie denn welche kennenlernen?
Auf die Frage, wie für sie die Lösung des Konfliktes aussehen würde, äußert sie, dass alle Israelis das Land verlassen müssten. Isa und ich sehen ein, dass wir hier nicht weiterkommen. Die Studentin lädt uns zu sich in die Universität ein, da könne man mit anderen Studierenden weiter diskutieren. Da wir aber nur heute hier sind, müssen wir ablehnen. Zum Abschluss bittet die junge Frau ein Bild von mir und Isa machen zu dürfen. Als wir sie bitten sich doch zu uns zu gesellen und ein gemeinsames Foto zu machen, lehnt sie mit folgender Begründung ab: „My husband would not allow it!“
Isa ist weniger ob der hassvollen Antwort bezüglich der Israelis irritiert, denn der devoten Haltung gegenüber ihrem Ehemann. Obwohl sie mit ihren jungen Jahren einen charakterlich gefestigten und zielstrebigen Eindruck macht, scheint sie noch Minuten nach der Begegnung fassungslos, ob der für sie erniedrigend empfundenen Aussage.
Das spornt ihren Ehrgeiz noch mehr an wir sprechen eine weitere junge Frau an, die uns jedoch abweist. Da es langsam Zeit wird zurück zur Kreuzung zu kehren, machen wir einen letzten Versuch in einem Juwelierladen, in dem zwei Männer arbeiten. Nur der eine spricht englisch, ist aber erfreut über unser Interesse und gibt bereitwillig Auskunft über seine Meinung. Auch er hasst die Israelis. Es gäbe nichts Gutes an der Situation in Hebron. Als Teenager habe auch er Steine geworfen und überlegt Anschläge durchzuführen. Ich frage, ob es ihm wirtschaftlich gut geht, was er bejaht. Auf die Frage, ob er sich vorstellen könne sein Juweliergeschäft in einem von Israelis geführten Einkaufszentrum, wie dem nördlich von Jerusalem, zu eröffnen, sagt er nach kurzem Überlegen dennoch zu. Ich frage, ob es ihm nicht wie eine Niederlage vorkommen müsste an Israelis Miete zu zahlen? Er gibt zu, dass es ihm egal wäre, wenn denn der Umsatz stimmen würde. „Let me tell you something. I own a Juwelry-Business. In the end ist all about Gold, Diamonds and Money!“
Etwas verdattert treffen wir wieder mit der Gruppe zusammen. Auch die Brasilianer sind komplett und unbeschadet zurück. Wir zählen durch und gehen zurück durch den Souk und biegen rechts ab in einen Hinterhof. Es ist Mittagszeit und Yussuf führt uns in seine Wohnung. Der Raum, in dem wir essen werden sieht typisch arabisch eingerichtet aus. Er ist voll gestellt mit niedrigen Sofas voller Polster und einem langen, flachen Tisch in der Mitte. Die Wände sind in hellem smaragdgrün gestrichen und verstärken das kalte Neonlicht von der Decke. Am Kopfende hängen zwei gekreuzte Dolche. Die Fenster sind vergittert und in der Ecke steht ein übergroßer Ventilator.
Nachdem alle auf Toilette waren und ich in ein tiefes Loch im Boden gepinkelt habe, gibt es was zu Essen. Reis mit Erbsen und mariniertem Hühnchen. Einfach, aber äußerst lecker und sättigend. Zu trinken gibt es schweren und süßen Fruchtsaft und Wasser. Zum Nachtisch Zucker mit Tee, den Yussuf unter Ausnutzung der maximalen Spannweite zwischen Teekanne in der rechten Hand und Glas in der Linken aus gut einem Meter einfüllt, ohne dabei einen Tropfen zu verschütten. Unweigerlich frage ich mich, ob er in einer liberaleren Gesellschaft der ungekrönte König des Kekswichsen geworden wäre.
Danach geht es zurück durch die Schranke und in den moslemischen Teil des Grabes der Patriarchen. Der Sicherheitscheck verläuft glücklicherweise unkompliziert. Oben angekommen entledigen uns unserer Schuhe und laufen durch den erstaunlich lebhaften moscheeartigen Teil des Heiligtums. In den verschiedenen Räumen sind jeweils Frauen und Kinder, bzw. Männer mal am Smalltalk halten, mal am beten, mal am Spielen, oder am telefonieren. Ein Handwerker steht auf einem Gerüst und bessert die Übergänge von Wand zur Decke aus. Außer Yussufs weiteren Erwähnung erinnert nichts an das Massaker von Baruch Goldstein vor beinahe einem Vierteljahrhundert. Ich versuche mich auf die damals gestorbenen Menschen, unter denen viele Kinder waren zu konzentrieren, rieche aber lediglich alten Teppich, Moder, Mensch und Andächtigkeit und schäme mich ein ums andere Mal wegen meiner unsensiblen Art. Andererseits lässt es sich damit vielleicht ungemein entspannter durchs Leben gehen.
Langsam nähert sich unser Aufenthalt im palästinensischen Teil dem Ende. Es ist kurz vor 14:00 und wir sind wieder am Geschäft von Yussufs Vater. Dieser gibt arabischen Gewürzkaffee aus. Der spontane Koffeinkick gibt mir endlich das Gefühl wieder etwas fitter zu sein. Wir verabschieden uns von Yussuf und ich stecke ihm Zwanzig NIS Trinkgeld zu. Dann taucht auch schon Tim mit seinem fröhlichen Gesicht und ausgebreiteten Armen aus einem Imbiss auf der Siedlerseite auf. Beim Gehen hören wir ein letztes Mal Yussufs Stimme. Er ruft: „Much fun on the dark side!“