Donnerstag, 14. Februar 2019

ISRAEL 2018 - Tag 7, Teil I


Verdammte Axt! Ich fühle mich wie gerädert. Die Nacht war total beschissen. Zudem muss ich unbedingt kacken und mache mich in der Morgendämmerung auf die Suche nach einem Gebüsch. Leider finde ich nix komfortables. Wenn schon Stuhlgang, dann halbwegs entspannt. Irgendwie schaffe ich es dann doch einen soliden und halbwegs geschützten Baumstamm zu finden, den ich in Pfadfindermanier umklammere, um mich zu erleichtern. Dann Kontrastprogramm und switch zur feinen Damen. Mit einer ordentlichen Ladung Seife und durch eine mit Druck erzeugten Fontäne aus der Wasserflasche genieße ich die Vorzüge eines provisorischen Bidets.
Zurück am Auto schaffe ich ein letztes Mal Ordnung, überwinde die spannenden Sekunden, ob die Batterie das Auto anspringen lässt, starte erleichtert durch und fahre zum Autoverleih. Kurz vor 07:00Uhr ist dort bereits ein Mann zu Gange und nimmt sich meiner an. Er guckt kurz auf die Anzeige, auf der das Motorwarnsymbol leuchtet, scheint dieses jedoch zu ignorieren und sagt: „Seems that everything is okay!“
Ich mache auf cool, freue mich innerlich aber wie ein Schneekönig. Jaja, der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen.
Ich schultere meinen Rucksack und trabe drauflos. Die Blasen haben sich entspannt und der Fuß sich bereits am zweiten Tag an das neue Schuhwerk gewöhnt.
Ich gönne mir unterwegs ein leichtes Frühstück und wieder mal eine Coca-Cola.
Ich komme überpünktlich am Hostel an, schrubbe mir auf der Toilette gehörig die Zähne und das Gesicht und erfrage erfolgreich, ob ich meinen Rucksack bis heute Abend im Gepäckraum lassen darf. In der Lobby sammeln sich bereits die ersten Gäste. Insgesamt werden wir zu fünfzehnt sein. Dazu einen Juden als Führer auf der Siedler- und einen Moslem auf der Palästinenserseite.
Um Punkt 08:00 kommt ein energischer Mann mittleren Alters im Khaki-Dress durch die Eingangstür und begrüßt uns so lautstark, schnell und herzlich, wie es nur ein Amerikaner zu vollbringen vermag. Die Under-Armour-Trekkingschuhe und das leichte Übergewicht verstärken diesen Eindruck.
Wir beginnen mit einer Vorstellungsrunde. Die Teilnehmenden kommen aus Brasilien, Italien, Spanien, Ungarn, Österreich und Deutschland.
Tim, der Guide, stellt sich seinerseits vor. Er käme aus einem kleinen Nest im Mittleren Westen der USA und sei im Alter von 22 Jahren einer inneren Eingebung zu Folge nach Israel emigriert. Zwar seien seine Eltern jüdisch, hätten die Religion aber nie praktiziert. Nach einem Wirtschaftsstudium in Chicago habe er sich innerlich leer und nach Israel gezogen gefühlt. Seit 22 Jahren lebe er nun hier und sei mit einer Frau, die von jemenitischen Juden abstamme, verheiratet. Der alte Schlawiner hat bereits vier Kinder und war offensichtlich erst kürzlich wieder am "Reinhalter Bahnhof", wie man in Berlin zu sagen pflegt, denn das fünfte Kind sei unterwegs.
Leben tue die Familie in einer Siedlung unweit von Jerusalem. Er arbeite seit vielen Jahren als freier Touristenguide. Einer seiner Auftraggeber sei das Hostel, für die er und Yussuf, den wir später noch kennenlernen würde, die „double-narrated-Tour“ durchführen.
Ziel der Führung soll es sein die jeweiligen Lebensumstände und Perspektiven von jüdischen Siedlern und Palästinensischen Bewohnern der Stadt Hebron kennenzulernen. Kritische Fragen seien ausdrücklich erwünscht, auch wenn er nicht garantieren könne, dass wir befriedigende Antworten bekommen würden.
Doch warum ausgerechnet Hebron? Weil die Stadt Hebron, die auf dem Gebiet der Palästinensischen Autonomiebehörde liegt, eine lange Geschichte jüdischen, wie auch moslemischen Lebens und Heiligtümer vorzuweisen habe und durch einen von zionistischen und religiösen Siedlern getriebenen geographischen Keil bis in die Innenstadt sinnbildlich für den Nah-Ost-Konflikt auf engstem Raume stehe. Nirgends in der Region träfen jüdische Israelis und Palästinenser so dicht aufeinander und seien dennoch so weit voneinander entfernt.
Tim macht von vorhinein klar, dass uns ein sowohl physisch, wie auch mental sehr anstrengender Tag bevorstehen wird und wir uns ausreichend stärken, oder Proviant mitnehmen sollen. Dazu rät er an, dass, wer will, sich in den verbleibenden zehn Minuten bis zur Abfahrt der Straßenbahn noch etwas im nahegelegenen Mini-Markt besorgen kann. Wer das nicht möchte, könne in Yussufs Wohnung für 30NIS ein Mittagessen bekommen. Bis dahin dauere es aber einige Stunden.
Ich habe eine große Flasche Wasser dabei und mich frecherweise am Frühstücksbuffet an der Obstschale gütlich getan. Somit fühle ich mich bezüglich der Zufuhr von Energie und Flüssigkeit erst einmal gewappnet, verspüre jedoch eine unsägliche Müdigkeit und Kopfschmerzen. Vorsichtshalber werfe ich eine 600er Ibuprofen ein. Hoffentlich vergeht das Unwohlsein in den nächsten Stunden.  
Um 08:15 setzen wir uns in Bewegung und fahren mit der Straßenbahn zum Jerusalemer Busbahnhof. Schon jetzt teilt sich unsere Gruppe unfreiwillig, da die Brasilianer nicht gecheckt haben, dass wir in die Straßenbahn steigen sollen. Haben die überhaupt mitbekommen, dass wir zum Busbahnhof fahren? Dort angekommen warten wir die nächste Straßenbahn ab, in der die Schlafmützen tatsächlich schicksalsergeben stehen und gucken, wie Schlafmützen eben gucken. Tim muss hineinlaufen und auf sich aufmerksam machen, damit die vier Flitzpiepen checken, dass sie aussteigen sollen.
Guten Morgen! Bin ja mal gespannt, ob unsere Gruppe heute Abend komplett wieder nach Jerusalem gelangt.
Da heute Sonntag ist, beginnt für die Israelis die Arbeitswoche. Vor dem Busbahnhof am Security-Check ist es rappelvoll. Tim kennt die Gepflogenheiten, spricht mit den Sicherheitsleuten und managt, dass wir die verlorene Zeit durch die Straßenbahnaktion zumindest ansatzweise wieder rein bekommen, indem es schafft, dass wir an der Schlange vor den Röntgengeräten durchgewinkt werden. Ihm steht der Stress schon jetzt ins Gesicht geschrieben, da unser Bus in wenigen Minuten abfahren soll und der nächste erst in einer Stunde käme.
Im Busbahnhof wimmelt es von jungen Wehrdienstleistenden, die mit Rucksäcken und Waffen unterwegs sind, um zurück zu ihren Einheiten zu fahren. Die Stimmung ist ein ums andere Mal gelöst und fröhlich. Die Kameraden und Kameradinnen sind sichtlich erfreut sich nach dem Wochenende wiederzusehen und haben sich viel zu erzählen.
Als wir an unseren Terminal ankommen gibt es Entwarnung. Der Bus habe Verspätung. Also alles zurück auf Entspannung. Tim nutzt die Wartezeit und erzählt uns, dass wir in den Genuss kommen werden in einem kugelsicheren Bus zu fahren. Zu oft seinen in der Vergangenheit Steine geworfen und Schüsse auf Busse, die in die Siedlungen auf palästinensischem Gebiet fahren, abgegeben wurden, als dass man normale Busse hätte nehmen können. Zusätzlich habe die Regierung hohe Mauern an problematischen Stellen errichtet. Diese seien insbesondere bei den Tunneln hinter Ostjerusalem deutlich zu sehen und er würde uns rechtzeitig darauf aufmerksam machen.
Nach einigen Minuten des Beine in den Bauch Stehens fährt der Bus ein und das Einsteigeprozedere beginnt. Gefühlt alle wollen mit größeren Scheinen zahlen, so dass der Busfahrer mit dem Kleingeld in Nöte kommt. Genervt redet er auf uns ein und erst Tim kann klären, dass doch bitte einer von uns den Fahrpreis für alle Anderen, die kein Kleingeld haben, vorstrecken solle. Um dem betretenen Schweigen der alten Geizköppe, die wohl fürchten ihr Geld nicht wiederzusehen ein Ende zu setzen, ringe ich mich durch mit einem 200NIS Schein zu bezahlen. Das reicht für sechs Drückeberger und mich und wir können endlich los fahren. Tim verspricht ein Auge auf die Schuldner zu werfen und sie bei Zeiten an ihre Zahlungsverpflichtung mir gegenüber zu erinnern.
Wir verteilen uns auf dem mittleren Drittel des Busses. Innerhalb Jerusalems hält der Bus noch mehrmals und wird allmählich voll. Tim reckt den Hals über seinen Sitz und gibt lauthals Infos zu verschiedenen Stationen preis. Dann fahren wir auf die Stadtautobahn und gelangen rasch in ein Tal, dass von Felsen umrandet wird. Hier kann man deutlich sehen, von welcher Mauer Tim gesprochen hat. Riesig und unüberwindbare wölbt sie sich den Fels entlang und zieht sich in stattlicher Länge bis hin zu den ersten Tunneln. Sie ist hässlich und abschreckend, soll aber äußerst effektiv sein, wie unser Führer uns versichert.
Hinter den Tunneln gelangen wir endgültig auf palästinensisches Autonomiegebiet. Doch anstatt beständig von irgendwelchen verrückt gewordenen Terroristen von der Straße abgedrängt zu werden, fahren wir lediglich durch normalen und flüssigen Verkehr. Die Gegend ist zwar steinig und hügelig, aber nicht unwirtlich. Wir sehen Felder, kleine Städte und Dörfer, die allesamt einen halbwegs ertragbaren Lebensstandard erahnen lassen. Armut, wie auf dem Weg zum Toten Meer, oder wahrscheinlich auch im Gaza-Streifen und bei den Beduinensiedlungen hinter Be’er Sheva, ist hier nicht offensichtlich zu entdecken. Vielmehr scheint alles seinen geregelten Gang zu gehen. Aber was weiß ich schon.
Dennoch stechen die vielen jüdischen Siedlungen durch ihren relativ monotonen und modernen Charakter und die vielen Zäune und Mauern deutlich hervor. Ebenfalls ist die Straße von Checkpoints des israelischen Militärs gesäumt. Auf runden, durch Natodraht und Wellblechzäune gut gesicherten, wenige Quadratmeter großen Flächen, aus derer Mitte stets ein Wachturm ragt, steht jeweils ein Humvee mit mehreren schwerbewaffneten Soldaten.
Während der Bus sich durch die Kurvige Landschaft windet ist Tim kaum zu bremsen in seinen Aufzählungen, dass hier ein Palästinensischer Terrorist drei israelische Tramper umgebracht habe, da ein Israelischer Siedler in der sowohl von Siedlern, wie auch Palästinensern gleichermaßen genutzten und größten Einkaufspassage des Nahen Ostens, erstochen und dort ein fünfzehnjähriges Mädchen in der nächtlichen Abwesenheit ihres schützenden Vaters von einem Palästinenser vergewaltigt und ermordet worden sei.
Tim kennt sich aus auf der Landkarte des Todes und zumindest mir schwant, dass wir es bei ihm mit einem zionistischen Siedler erster Güte zu tun haben, der aus welchen Gründen auch immer die negativen Schlagzeilen den positiven vorzieht. Ich frage ihn, ob er mal persönlich schlechte Erfahrungen mit Palästinensern gemacht habe. Er verneint, weist aber auf Erzählungen Bekannter hin und fügt an, dass man den Palästinensern nicht vertrauen könne und es schon richtig sei, dass man sich in den Siedlungen zwar verbarrikadiere aber diese eben auch berechtigterweise, weil historisch begründet, weiter ausbaue. Er wolle aber nichts vorweg nehmen und wir sollten uns erstmal ein umfassendes Bild von Hebron und den dort auf uns wartenden Menschen machen. Später hätten wir noch genug Zeit für Fragen.
So steuert der Bus dann auch diverse Siedlungen an, die sich optisch kaum voneinander unterscheiden. Überall stehen Mehrfamilienhäuser in typischer Jerusalem-Brick-Bauweise. Die Straßen sind blitzsauber und kleine Parks und Spielplätze in den Hügeln zwischen den Häusern auszumachen. 
Tim sagt, dass viele Palästinenser sich aus pragmatischen Gründen mit den Siedlern abgefunden hätten und man gelegentlich sogar miteinander zusammen arbeite. Zum Beispiel gebe es seit geraumer Zeit ein neues Einkaufszentrum auf Palästinensischem Gebiet nordöstlich von Jerusalem, dass von einer Israelischen Einkaufskette betrieben wird und hunderten von Palästinensern sichere und fair bezahlte Arbeitsplätze, wie auch das Betreiben eigener Geschäfte böte. Klar, dort gelte das Prinzip „teile und herrsche“, aber immerhin. Zwar habe die Fatah, die als gemäßigt geltende palästinensische Freiheitsbewegung dieses Projekt bis zum äußersten verteufelt, jedoch interessiere dass die Bevölkerung kaum, da man ein größeres Interesse an pragmatischen Erwägungen und funktionierender Infrastruktur habe, als an müden Parolen und reaktionärer Politik. Darüber hinaus würden viele Siedler weniger aus ideologischen, oder religiösen Gründen in den Siedlungen wohnen, sondern weil es schlichtweg günstiger sei, als im teuren Jerusalem.
Ich fühle mich immer noch nicht ganz fit und der Bus macht keine Anstalten in Hebron anzukommen. Wir sind nun bereits eineinviertel Stunden unterwegs und es geht weiter von Siedlung zu Siedlung. Wenigstens leert sich der Bus zusehends, dafür ist bei Google-Maps nur schwer auszumachen, wo wir uns genau befinden, da manche Siedlungen zu neu sind, um bereits erfasst zu sein. Wir scheinen uns seit geraumer Zeit jedoch um den Stadtkern von Hebron zu schlängeln, ohne unserem Ziel spürbar näher zu kommen. Eine weitere viertel Stunde später fahren wir eine steile Serpentine hinab und der Bus kommt an einem kleinen Platz vor einer sonderbar aussehenden Burg zum Stehen. Die Straße wird durch einen Absperrzaun geteilt und wenige Meter weiter kann ich ein mannshohes Metalldrehkreuz ausmachen, durch dass man in einen dunklen Gang gelang. Überall stehen schwer bewaffnete Militärs herum. Auf der Straße selbst ist kein einziger Zivilist zu sehen. Mit einem Zischen gehen die Bustüren auf. Tim erhebt sich und tönt: „Welcome to Hebron!“ 




  

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