Eilat ist der
südlichste Zipfel Israels und erstreckt sich auf einem schmalen, lediglich
zwölf Kilometer breiten Küstenstreifen zwischen Jordanien im Osten und Ägypten
im Westen. Sogar das südlich gelegene Saudi Arabien ist bei klarem Wetter zu
erkennen. Derart eingekeilt zwischen ehemals feindlichen Ländern, kommt dem
kleinen Küstenort eine wichtige strategische Rolle zu. Zwar hat man mit den
direkten Nachbarländern bereits seit Jahren stabile Friedensverträge und auch
sublim gibt es Zusammenarbeit mit Saudi-Arabien, aber man weiß ja
nie. Deswegen ist die Marine ein weiterer wichtiger Arbeitgeber, welche mit
Korvetten, Patroullien- und Schnellbooten, sowie in Deutschland gebauten
U-Booten die territoriale Integrität zur See des kleinen Landes sichert.
Wie die meisten
Städte Israels ist auch Eilat weitestgehend aus pragmatischen Betonelementen
erbaut und lässt, trotz weitreichender Geschichte, jeglichen historischen
Charme missen. Dafür gibt es Hotels, Bars und Vergnügungsspektakel satt. Eilat
ist die Hochburg des Partytourismus in Israel und zudem wichtiger Industrie-
und Importhafen für Waren aus Fernost. Wer nicht aus geschäftlichen Gründen
herkommt, gibt sich dem Müßiggang hin und frisst, schnorchelt, säuft, oder
kopuliert dem Urlaubsende entgegen. Oftmals geht es dann zurück in die kalte
russische Heimat, oder auch immer öfter - einem irischen Billigflieger sei Dank
– nach Westeuropa. Trotz der geringen Einwohnerzahl besitzt die Stadt insgesamt
drei Flughäfen, von dem der neuste im kommenden Januar eröffnet werden und
den innerstädtischen Flughafen, der wirklich innerstädtischer nicht sein
könnte, ablösen soll.
Ein letztes
Highlight der sonst eher tristen und langweiligen Stadt ist die in den 1980er
Jahren ausgerufene Freihandelszone, die es Konsumenten erlaubt relativ günstig,
weil steuerbefreit, Luxuswaren, Klamotten etc. zu erstehen. Ich habe auf meinem
motorisierten Parforceritt den Flitz bekommen mir neue Schuhe zu kaufen. Da
der Herbst naht und ich bereits in der Vergangenheit zwei Paare des derzeit
beliebtesten Schuhwerks des Israelis mein Eigen nennen konnte und gute Erfahrungen
gemacht habe, beschließe ich bei einem zufälligen Vorbeifahren an einem
Schuhgeschäft den möglichen preislichen Vorteil gegenüber deutscher Schuhhändler
zu nutzen und mir ein Paar Blundstones zu kaufen. Tatsächlich sehe ich hinter
einem Kreisverkehr ein hell beleuchtetes Schuhgeschäft, dass trotz des Sabbats
geöffnet ist und halte an. Zumindest gucken wird ja erlaubt sein. Im Geschäft
finde ich auf Anhieb Schuhe in meiner Größe und Farbe. Anstatt 150€ kosten die
Schuhe hier lediglich etwas mehr als 120€. Meiner sonstigen Sparsamkeit zum
Trotz zücke ich die Kreditkarte und kassiere das Schuhwerk ein. Der komplette
Vorgang dauert keine fünf Minuten. Für meine Verhältnisse fast schon
überausgerüstet, male ich mir heroische Wanderungen durch die Wüste aus.
Eventuell sollte ich aber vorher noch in die Stiefel pinkeln, um die nötige
Geschmeidigkeit herzustellen und Blasenbildung vorzubeugen. Gedanklich beim
Film „Manta, Manta“, steige ich wieder ins Auto und mache mich auf die Suche
nach einem Schlafplatz.
Gegen 21:00 verlasse
ich die Stadt und passiere den Hafen in Richtung des israelisch-ägyptischen
Grenzübergangs Taba. Dort entdecke ich auf etwa halber Strecke einen Strandabschnitt,
auf dem dutzende Wohnmobile und umgebaute Sprinter stehen. Ich suche mir einen
Parkplatz und stelle fest, dass auch am Strand viele Zelte aufgebaut und kleine
Grüppchen um Lagerfeuer versammelt sind. Offenbar sind die Israelis große
Campingfreunde. Glücklicherweise probiert niemand die Akustik der Bucht für
Bongogetrommel aus und ich bin nicht genötigt, entgegen meiner Überzeugungen,
einen weiteren Gefühlsausbruch zu erleben. Das dezente Gitarrengezupfe und die
millionste Interpretation von Leonard Cohens „Hallelujah“ stören mich weniger,
da ich sie von meiner späteren Schlafstätte, dem umgeklappten Beifahrersitz,
kaum vernehmen kann.
Ich vertrete mir
kurz die Beine, sehe aber davon ab mich mit den Strandleuten anzufreunden, da
ich todmüde bin und auf einen erholsamen Schlaf hoffe. So esse ich lediglich
ein spärliches Abendbrot und lege mich gegen 22:00 hin.
Oh Wunder, oh
Wunder. Ich schaffe es stramme acht Stunden durch zu schlafen und wache ohne
körperliche Beschwerden gegen 06:00 Uhr auf. Da es derzeit nachts nicht kälter
als 15 Grad wird, kann ich ohne Schlafsack und nur mit langen Klamotten
bekleidet relativ ungestört und komfortabel auf dem halbwegs großen
Beifahrersitz schlafen. Als Kopfkissen dient mir mein Rucksack und die Füße
finden, durch große Wasserfladchen vom abknicken gehindert und in ein T-Shirt
gewickelt unterhalb des Handschuhfachs ein warmes Plätzchen.
Nach wenigen
Sekunden des Klarkommens ziehe ich mich im Auto umständlich um und tausche
Schlaf- gegen Badeklamotten. Zum Frühstücken muss vorerst ein erfrischendes Bad
reichen. Ein Steg führt mich im Morgengrauen direkt in das etwa 24Grad warme
und bauchtiefe Wasser Wenige Schwimmzüge später fühle ich mich wie neugeboren.
Ich tauche den Kopf mehrmals unter, pruste, vergewissere mich nach möglicher
Präsenz von Haifischen und beende in weniger als fünf Minuten das nasse
Vergnügen, denn innerlich tickt schon wider die Stoppuhr. Heute will ich viel
erleben. Zuerst besorge ich mir ein leichtes Frühstück, bestehend aus einem um
07:00 frisch zubereiteten Falafelsandwich mit Schafskäsekrümmeln und einer Dose
Cola. Dann fahre ich nach Nordwesten aus der Stadt hinaus und entlang der
ägyptischen Grenze in Richtung des Flughafens Ovda, wo auch der besagte
Billigflieger landet.
Die Gegend ist
geprägt von zerklüfteten und kargen Wüstenbergen. Die Straße steigt beständig
an und in einer Vielzahl von Klippen sind Verschläge auszumachen, die nach
improvisierten Verteidigungsposten, oder Ausgucken der Armee aussehen. Im Falle
eines Volltreffers würde ich da nur ungerne drin hocken. Aber vielleicht irre
ich mich und es ist in Wirklichkeit eine Falltoilette aus der bei nächster
Gelegenheit ein blanker Beduinenarsch auftaucht.
Gut gelaunt halte
ich nah wenigen Kilometern an und lasse die unwirkliche, und wegen der
anhaltenden Bewölkung blasse und verwaschene Wüsten- und Grenzkulisse auf mich
wirken. Auf einem Berg ist eine Aussichtsplattform für Touristen gebaut, von
der aus man weit bis in die Sinai-Halbinsel blicken kann. Unterhalb der
Plattform steht ein sandfarbene, eingezäunte Station der ägyptischen Armee
inmitten der knochentrockenen Landschaft und erweckt eher den Eindruck einer
Wüstung, denn eines wehrhaft besetzten Forts. Kein
Fahrzeug, kein Grenzsoldat zeugt von Leben. Auf der israelischen Seite herrscht
ebenfalls tote Hose. Lediglich die Grenzinfrastruktur und ein ausgebrannter PKW
zeugen von Formen menschlicher Präsenz.
Einige Kilometer
weiter gelange ich zu dem ersten Ziel meines Tages. Den „Red Canyon“.
Um zu diesem
ausgehöhlten Flussbett zu gelangen, muss man von der Hauptstraße abbiegen und
etwa zwei Kilometer auf einer Schotterpiste fahren. Am Wegesrand campen
vereinzelt Menschen mit Vans, aber als ich am Parkplatz des Canyons ankomme, bin
ich der einzige. Nun ist es an der Zeit die Qualitäten meiner neu erworbenen
Schuhe unter Beweis zu stellen. Noch etwas staksig freunden wir uns miteinander
an. Der Schaft drückt zwar etwas, aber das wird schon.
Nach zehn Minuten
erreiche ich den eigentlichen Canyon und stehe unvermittelt innerhalb eines
engen und zunehmend tiefer werdenden, etwa 200m langen Flussbett, in dem man
sich bei Regenwetter lieber nicht aufhalten sollte. Heute sagt der
Wetterbericht glücklicherweise eine Regenwahrscheinlichkeit von lediglich 5%
vor, so dass davon auszugehen ist, dass ich bei einem Mindestmaß an Vorsicht
heilen und trockenen Fußes herumlaufen kann.
Das Wasser hat
hier mit unvorstellbar beständiger Geduld und Kraft über Jahrmillionen hinweg
einen raffiniert gewundenen Schlängelpfad mit bis zu fünfzehn Metern Tiefe in
das Gestein gefressen, das nun Touristen und Wanderern seit wenigen Jahren als
Attraktion gilt. Der überall liegende Müll zeugt von dieser zuweilen
flegelhaften Präsenz.
Die Stimmung
innerhalb des Wadis ist trotzdem spektakulär. Zu dieser frühen Stunde, es ist
um 08:00 Uhr, bin ich komplett alleine und experimentiere nach Lust und Laune
mit dem Hall meiner Stimme. Auch komme ich der Selbstauslösefunktion meines
Handys auf die Schliche und schieße ein paar gediegene Selfies. Als ich mit
meinen Photos und Echoerzeugungen fertig bin, hallen plötzlich Schritte hinter mir
durch die Schlucht. Ich bin nicht mehr alleine. Mit dem Gedanken in einer
wilden Verfolgungsjagd eines Abenteuerfilms a la „Indiana Jones“ zu stecken,
arbeite ich mich weiter vor. Natürlich bin ich dabei Harrison Ford. Nach etwa 100m
und einigen kleineren Abstiegen, die mit Hilfe von Bergsteigerleitern begehbar
gemacht wurden, gelange ich an das Ende des Canyons, welcher sich in einem
breiten Dreieck öffnet und den Wassermassen ein entspanntes Abfließen ermöglicht.
Hier sind viele Klippschleifer zu Hause, die mit ihrem Aussehen, das einer
Mischung aus Kaninchen und Murmeltier gleicht, auf wundersame Weise mit
Elefanten und Seekühen verwandt sind. Alle drei Arten entstammen ursprünglich
dem Urkontinent Gondwana, haben sich im Laufe der Millionen Jahre aber entsprechend
ihrer jeweiligen Habitate immer mehr angepasst, so dass nur der Knochenbau und
die DNS noch Rückschlüsse auf den einstigen Ursprung schließen lassen. Putzig
und emsig springen die kleinen Biester von Vorsprung zu Vorsprung und gucken
keck, aber auch scheu auf mich hinab.
Auf dem Platz
stehe ich nicht mehr im Schatten und bemerke, wie die Sonne unweigerlich zu
sengen beginnt. Glücklicherweise habe ich genügend Wasser dabei und noch
weitere sechs Liter im Auto liegen. Kaum auszumalen, wie es mir ohne Auto,
Wasser und rettende Menschen in dieser Umgebung ergehen würde.
Um zurück zum
Parkplatz zu gelangen kann man einen abenteuerlichen Kletterweg mit weiteren
Bergsteigersicherungen nutzen. Von hier aus kann man auf Kammhöhe des Wadis in
diesen hinab gucken. Nun sehe ich auch den anderen Spaziergänger. Es handelt
sich um einen überausgerüsteten Mann in den Fünfzigern. Sein Equipment ist über
jeden Zweifel erhaben und würde selbst im größtanzunehmenden Katastrophenfall
ein auskömmliches Überleben in selbst widrigsten Umständen ermöglichen. Ist
bestimmt ein Schwabe.
Er erblickt mich,
guckt verwundert, womöglich in mir die Quelle der vorherigen komischen
Echogeräusche gefunden zu haben und nickt mir zu. Ich will freundlich sein und
meinen Nicken ein „Shalom“ zufügen. Einer freudschen Fehlleistung nach, gebe
ich allerdings „Shabbat“ von mir, was den Typen wohl vollends an mir zweifeln
lassen muss. Vielleicht denkt er jetzt, dass ich als nächstes Steine von oben
nach ihm werfen werde.
Nach einem
schweißtreibenden Aufstieg gelange ich zurück zu meinem Auto und stelle fest,
dass nun der beständige Touristenfluss, mit all seinen Nebenwirkungen und
Dummheiten, wie zum Beispiel des Tragens von Flip Flops bei unwirtlichem
Gelände einsetzt. Ein Glück habe ich meine Blundstones, die mich als robusten
und versierten Kenner schwierigen Terrains ausweisen. Mit einem arroganten
Blick ob soviel Unvermögen verlasse ich stolzen Hauptes den Parkplatz und
bin back on the road.


















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