Dienstag, 5. Februar 2019

ISRAEL 2018 - Tag 6, Teil I


Eilat ist der südlichste Zipfel Israels und erstreckt sich auf einem schmalen, lediglich zwölf Kilometer breiten Küstenstreifen zwischen Jordanien im Osten und Ägypten im Westen. Sogar das südlich gelegene Saudi Arabien ist bei klarem Wetter zu erkennen. Derart eingekeilt zwischen ehemals feindlichen Ländern, kommt dem kleinen Küstenort eine wichtige strategische Rolle zu. Zwar hat man mit den direkten Nachbarländern bereits seit Jahren stabile Friedensverträge und auch sublim gibt es Zusammenarbeit mit Saudi-Arabien, aber man weiß ja nie. Deswegen ist die Marine ein weiterer wichtiger Arbeitgeber, welche mit Korvetten, Patroullien- und Schnellbooten, sowie in Deutschland gebauten U-Booten die territoriale Integrität zur See des kleinen Landes sichert.
Wie die meisten Städte Israels ist auch Eilat weitestgehend aus pragmatischen Betonelementen erbaut und lässt, trotz weitreichender Geschichte, jeglichen historischen Charme missen. Dafür gibt es Hotels, Bars und Vergnügungsspektakel satt. Eilat ist die Hochburg des Partytourismus in Israel und zudem wichtiger Industrie- und Importhafen für Waren aus Fernost. Wer nicht aus geschäftlichen Gründen herkommt, gibt sich dem Müßiggang hin und frisst, schnorchelt, säuft, oder kopuliert dem Urlaubsende entgegen. Oftmals geht es dann zurück in die kalte russische Heimat, oder auch immer öfter - einem irischen Billigflieger sei Dank – nach Westeuropa. Trotz der geringen Einwohnerzahl besitzt die Stadt insgesamt drei Flughäfen, von dem der neuste im kommenden Januar eröffnet werden und den innerstädtischen Flughafen, der wirklich innerstädtischer nicht sein könnte, ablösen soll.
Ein letztes Highlight der sonst eher tristen und langweiligen Stadt ist die in den 1980er Jahren ausgerufene Freihandelszone, die es Konsumenten erlaubt relativ günstig, weil steuerbefreit, Luxuswaren, Klamotten etc. zu erstehen. Ich habe auf meinem motorisierten Parforceritt den Flitz bekommen mir neue Schuhe zu kaufen. Da der Herbst naht und ich bereits in der Vergangenheit zwei Paare des derzeit beliebtesten Schuhwerks des Israelis mein Eigen nennen konnte und gute Erfahrungen gemacht habe, beschließe ich bei einem zufälligen Vorbeifahren an einem Schuhgeschäft den möglichen preislichen Vorteil gegenüber deutscher Schuhhändler zu nutzen und mir ein Paar Blundstones zu kaufen. Tatsächlich sehe ich hinter einem Kreisverkehr ein hell beleuchtetes Schuhgeschäft, dass trotz des Sabbats geöffnet ist und halte an. Zumindest gucken wird ja erlaubt sein. Im Geschäft finde ich auf Anhieb Schuhe in meiner Größe und Farbe. Anstatt 150€ kosten die Schuhe hier lediglich etwas mehr als 120€. Meiner sonstigen Sparsamkeit zum Trotz zücke ich die Kreditkarte und kassiere das Schuhwerk ein. Der komplette Vorgang dauert keine fünf Minuten. Für meine Verhältnisse fast schon überausgerüstet, male ich mir heroische Wanderungen durch die Wüste aus. Eventuell sollte ich aber vorher noch in die Stiefel pinkeln, um die nötige Geschmeidigkeit herzustellen und Blasenbildung vorzubeugen. Gedanklich beim Film „Manta, Manta“, steige ich wieder ins Auto und mache mich auf die Suche nach einem Schlafplatz.
Gegen 21:00 verlasse ich die Stadt und passiere den Hafen in Richtung des israelisch-ägyptischen Grenzübergangs Taba. Dort entdecke ich auf etwa halber Strecke einen Strandabschnitt, auf dem dutzende Wohnmobile und umgebaute Sprinter stehen. Ich suche mir einen Parkplatz und stelle fest, dass auch am Strand viele Zelte aufgebaut und kleine Grüppchen um Lagerfeuer versammelt sind. Offenbar sind die Israelis große Campingfreunde. Glücklicherweise probiert niemand die Akustik der Bucht für Bongogetrommel aus und ich bin nicht genötigt, entgegen meiner Überzeugungen, einen weiteren Gefühlsausbruch zu erleben. Das dezente Gitarrengezupfe und die millionste Interpretation von Leonard Cohens „Hallelujah“ stören mich weniger, da ich sie von meiner späteren Schlafstätte, dem umgeklappten Beifahrersitz, kaum vernehmen kann.
Ich vertrete mir kurz die Beine, sehe aber davon ab mich mit den Strandleuten anzufreunden, da ich todmüde bin und auf einen erholsamen Schlaf hoffe. So esse ich lediglich ein spärliches Abendbrot und lege mich gegen 22:00 hin.
Oh Wunder, oh Wunder. Ich schaffe es stramme acht Stunden durch zu schlafen und wache ohne körperliche Beschwerden gegen 06:00 Uhr auf. Da es derzeit nachts nicht kälter als 15 Grad wird, kann ich ohne Schlafsack und nur mit langen Klamotten bekleidet relativ ungestört und komfortabel auf dem halbwegs großen Beifahrersitz schlafen. Als Kopfkissen dient mir mein Rucksack und die Füße finden, durch große Wasserfladchen vom abknicken gehindert und in ein T-Shirt gewickelt unterhalb des Handschuhfachs ein warmes Plätzchen.
Nach wenigen Sekunden des Klarkommens ziehe ich mich im Auto umständlich um und tausche Schlaf- gegen Badeklamotten. Zum Frühstücken muss vorerst ein erfrischendes Bad reichen. Ein Steg führt mich im Morgengrauen direkt in das etwa 24Grad warme und bauchtiefe Wasser Wenige Schwimmzüge später fühle ich mich wie neugeboren. Ich tauche den Kopf mehrmals unter, pruste, vergewissere mich nach möglicher Präsenz von Haifischen und beende in weniger als fünf Minuten das nasse Vergnügen, denn innerlich tickt schon wider die Stoppuhr. Heute will ich viel erleben. Zuerst besorge ich mir ein leichtes Frühstück, bestehend aus einem um 07:00 frisch zubereiteten Falafelsandwich mit Schafskäsekrümmeln und einer Dose Cola. Dann fahre ich nach Nordwesten aus der Stadt hinaus und entlang der ägyptischen Grenze in Richtung des Flughafens Ovda, wo auch der besagte Billigflieger landet.
Die Gegend ist geprägt von zerklüfteten und kargen Wüstenbergen. Die Straße steigt beständig an und in einer Vielzahl von Klippen sind Verschläge auszumachen, die nach improvisierten Verteidigungsposten, oder Ausgucken der Armee aussehen. Im Falle eines Volltreffers würde ich da nur ungerne drin hocken. Aber vielleicht irre ich mich und es ist in Wirklichkeit eine Falltoilette aus der bei nächster Gelegenheit ein blanker Beduinenarsch auftaucht.
Gut gelaunt halte ich nah wenigen Kilometern an und lasse die unwirkliche, und wegen der anhaltenden Bewölkung blasse und verwaschene Wüsten- und Grenzkulisse auf mich wirken. Auf einem Berg ist eine Aussichtsplattform für Touristen gebaut, von der aus man weit bis in die Sinai-Halbinsel blicken kann. Unterhalb der Plattform steht ein sandfarbene, eingezäunte Station der ägyptischen Armee inmitten der knochentrockenen Landschaft und erweckt eher den Eindruck einer Wüstung, denn eines wehrhaft besetzten Forts. Kein Fahrzeug, kein Grenzsoldat zeugt von Leben. Auf der israelischen Seite herrscht ebenfalls tote Hose. Lediglich die Grenzinfrastruktur und ein ausgebrannter PKW zeugen von Formen menschlicher Präsenz.
Einige Kilometer weiter gelange ich zu dem ersten Ziel meines Tages. Den „Red Canyon“.
Um zu diesem ausgehöhlten Flussbett zu gelangen, muss man von der Hauptstraße abbiegen und etwa zwei Kilometer auf einer Schotterpiste fahren. Am Wegesrand campen vereinzelt Menschen mit Vans, aber als ich am Parkplatz des Canyons ankomme, bin ich der einzige. Nun ist es an der Zeit die Qualitäten meiner neu erworbenen Schuhe unter Beweis zu stellen. Noch etwas staksig freunden wir uns miteinander an. Der Schaft drückt zwar etwas, aber das wird schon.
Nach zehn Minuten erreiche ich den eigentlichen Canyon und stehe unvermittelt innerhalb eines engen und zunehmend tiefer werdenden, etwa 200m langen Flussbett, in dem man sich bei Regenwetter lieber nicht aufhalten sollte. Heute sagt der Wetterbericht glücklicherweise eine Regenwahrscheinlichkeit von lediglich 5% vor, so dass davon auszugehen ist, dass ich bei einem Mindestmaß an Vorsicht heilen und trockenen Fußes herumlaufen kann.
Das Wasser hat hier mit unvorstellbar beständiger Geduld und Kraft über Jahrmillionen hinweg einen raffiniert gewundenen Schlängelpfad mit bis zu fünfzehn Metern Tiefe in das Gestein gefressen, das nun Touristen und Wanderern seit wenigen Jahren als Attraktion gilt. Der überall liegende Müll zeugt von dieser zuweilen flegelhaften Präsenz.
Die Stimmung innerhalb des Wadis ist trotzdem spektakulär. Zu dieser frühen Stunde, es ist um 08:00 Uhr, bin ich komplett alleine und experimentiere nach Lust und Laune mit dem Hall meiner Stimme. Auch komme ich der Selbstauslösefunktion meines Handys auf die Schliche und schieße ein paar gediegene Selfies. Als ich mit meinen Photos und Echoerzeugungen fertig bin, hallen plötzlich Schritte hinter mir durch die Schlucht. Ich bin nicht mehr alleine. Mit dem Gedanken in einer wilden Verfolgungsjagd eines Abenteuerfilms a la „Indiana Jones“ zu stecken, arbeite ich mich weiter vor. Natürlich bin ich dabei Harrison Ford. Nach etwa 100m und einigen kleineren Abstiegen, die mit Hilfe von Bergsteigerleitern begehbar gemacht wurden, gelange ich an das Ende des Canyons, welcher sich in einem breiten Dreieck öffnet und den Wassermassen ein entspanntes Abfließen ermöglicht. Hier sind viele Klippschleifer zu Hause, die mit ihrem Aussehen, das einer Mischung aus Kaninchen und Murmeltier gleicht, auf wundersame Weise mit Elefanten und Seekühen verwandt sind. Alle drei Arten entstammen ursprünglich dem Urkontinent Gondwana, haben sich im Laufe der Millionen Jahre aber entsprechend ihrer jeweiligen Habitate immer mehr angepasst, so dass nur der Knochenbau und die DNS noch Rückschlüsse auf den einstigen Ursprung schließen lassen. Putzig und emsig springen die kleinen Biester von Vorsprung zu Vorsprung und gucken keck, aber auch scheu auf mich hinab.
Auf dem Platz stehe ich nicht mehr im Schatten und bemerke, wie die Sonne unweigerlich zu sengen beginnt. Glücklicherweise habe ich genügend Wasser dabei und noch weitere sechs Liter im Auto liegen. Kaum auszumalen, wie es mir ohne Auto, Wasser und rettende Menschen in dieser Umgebung ergehen würde.
Um zurück zum Parkplatz zu gelangen kann man einen abenteuerlichen Kletterweg mit weiteren Bergsteigersicherungen nutzen. Von hier aus kann man auf Kammhöhe des Wadis in diesen hinab gucken. Nun sehe ich auch den anderen Spaziergänger. Es handelt sich um einen überausgerüsteten Mann in den Fünfzigern. Sein Equipment ist über jeden Zweifel erhaben und würde selbst im größtanzunehmenden Katastrophenfall ein auskömmliches Überleben in selbst widrigsten Umständen ermöglichen. Ist bestimmt ein Schwabe.
Er erblickt mich, guckt verwundert, womöglich in mir die Quelle der vorherigen komischen Echogeräusche gefunden zu haben und nickt mir zu. Ich will freundlich sein und meinen Nicken ein „Shalom“ zufügen. Einer freudschen Fehlleistung nach, gebe ich allerdings „Shabbat“ von mir, was den Typen wohl vollends an mir zweifeln lassen muss. Vielleicht denkt er jetzt, dass ich als nächstes Steine von oben nach ihm werfen werde.
Nach einem schweißtreibenden Aufstieg gelange ich zurück zu meinem Auto und stelle fest, dass nun der beständige Touristenfluss, mit all seinen Nebenwirkungen und Dummheiten, wie zum Beispiel des Tragens von Flip Flops bei unwirtlichem Gelände einsetzt. Ein Glück habe ich meine Blundstones, die mich als robusten und versierten Kenner schwierigen Terrains ausweisen. Mit einem arroganten Blick ob soviel Unvermögen verlasse ich stolzen Hauptes den Parkplatz und bin back on the road.



































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