Donnerstag, 31. Januar 2019

ISRAEL 2018 - Tag 4, Teil II


Löwentor, Ostjerusalem, moslemisches Viertel. Ich steige die steile und enge Treppe hinab und muss mich entscheiden. Folge ich den Wegweisern zur Via Dolorosa, dem Leidensweg Jesus Christus, auf dem der gute Mann dornengekrönt sein eigenes Kreuz gen Golgatha tragen musste. Oder wage ich mich in die engen Seitengassen des nordöstlichen Viertels vor? 
Entlang dessen Mauer windet sich ein Weg nach oben und eine alte Frau mit Kopftuch und viel zu vielen Tüten quält sich die Stufen hinauf. Ich empfinde spontan das Bedürfnis ihr meine Hilfe anzubieten und deute mit meinen Händen auf ihre Taschen. Sie guckt mich erst befremdlich und pikiert, dann den Sinn meiner Gesten verstehend belustigt an, schüttelt stolz den Kopf und verneint. „La, La!“
Immer mit der Ruhe Madame, ich wird Ihnen schon nicht meine Hilfe aufdrängen.
Mit gutem Karma beladen entscheide ich mich den Gang zu wagen und laufe fidel und aufmerksam in die Häuserschluchten.
Es ist gegen 11:30 und nur wenige Menschen sind auf der Straße. Aus den Häusern dringen geschäftige Küchengeräusche und vereinzelte Frauenstimmen. Die Straßen sind leer und es liegt mehr Müll herum, als in den anderen Vierteln. Etwa Vorboten der Ungleichbehandlung der Bevölkerung in Form von Sparmaßnahmen bei der Straßenreinigung? Wie aufs Wort sehe ich einen Müllwerker durch die Gassen gehen, der Kammern öffnet und daraus Säcke an eine größere Straße trägt. An dieser taucht kurz darauf laut knatternd ein kleiner Trecker auf. Hinter diesem geht ein weiterer Mann und wuchtet die Müllsäcke auf die gitterbewährte Ladefläche. Der lose Müll verbleibt auf den Straßen.
Von den Gassen geht eine eigenartige Kühle aus. Wie von Rohbauten, die noch unbewohnt einen schalen und kalten Betongeruch ausatmen. Ist diese Atmosphäre lediglich eine Illusion? Ich überlege, ob sie etwas mit meinen persönlichen Assoziationen zu tun hat bezüglich meiner Vorurteile und gelegentlichen Ressentiments gegenüber der fremden Religion. Spüre ich eine Unfreiheit durch von außen beeinflusste Umstände, oder durch die selbst gesetzten, religiös und kulturell bedingten?
Oder sagen meine Empfindungen mehr über mich aus, als zu der möglicherweise nur imaginierten Empfindung?
Zwei kleine Kinder reißen mich aus meinen Gedanken. Der eine hat ein Kinderfahrrad, dem es an Bereifung fehlt. Auf bloßen Metallfelgen rattert er über die Pflastersteine und vollführt obercoole Vollbremsungen auf dem rutschigen Untergrund. Ein bis zwei mal kommt es zu Funkenflug und sein Kumpel springt eifrig und freudig, aber auch mit einer nur zu kindlichen Erwartung um ihn herum, halb auf den Spaß seines Freundes, und mehr noch auf die eigene Anspannung endlich selber fahren zu dürfen fokussiert. Beide im totalen Zustand kindlicher Freiheit.
Mit einem Lächeln im Gesicht lande ich auf der Via Dolorosa, folge einer Gruppe Gläubiger, die ein großes Kreuz trägt. Laufe Weg an diversen Stätten mit tiefgehender Bedeutung. Lasse mich treiben. Links, rechts, treppauf, treppab, unten drunter, oben drüber. In einer weiteren Gasse ein Stand mit T-Shirts. Eines fällt direkt ins Auge; die Suchmaske von Google, in die „Israel“ eingetippt ist. Darunter geschrieben: „Did you mean Palestine?“ Ergänzend dazu weitere T-Shirts, unter anderem mit der Silhouette Israels auf palästinischer Fahne, verschwörungstheoretische Motive von „Uncle Sam“ mit Davidstern, Kufiyas etc. Als ich den Stand photographieren will fährt mich der Besitzer aggressiv an. „No Photo, no Photo!“ und drängt mich ab.
Bleib ruhig Brauner, wollt doch nur mal knipsen.
Weiter geht’s. Irgendwie lande ich im jüdischen Viertel und lasse mich vor der Hurva Synagoge nieder.
Hier herrscht reges touristisches Treiben. Der Platz vor der Synagoge ist gesäumt mit gut gefüllten Cafes, Imbissen und Restaurants. Straßenkatzen rekeln sich auf dem Steinboden, schnorren Essen und lassen sich kraulen. Menschen machen Photos und Selfies. Die Generation unserer Eltern hat die Natur durch überbordenden Konsum und Umweltverschmutzung irreparabel geschädigt, meine Generation besorgt der Welt durch das Streben nach den absoluten Instagram-Momenten den Rest.
Auf einmal ein Knall und Geschrei. Alle zucken zusammen, manche schlagen die Hände über dem Kopf zusammen, andere ziehen ihre Kinder zu sich. Was ist passiert? Schüsse? Eine Bombe?
Auch ich zucke zusammen, mache aber schnell die Quelle des Geräusches ausfindig. Eine junge Frau ist erschrocken von ihrem Stuhl aufgesprungen und hat mit ihrem Bein den wackeligen Tisch so zum wackeln gebracht, dass ein Metalltablett mit einem Knall zu Boden gefallen ist. Den Grund ihres Erschreckens habe ich bereits ausgemacht.
Mit einer Arroganz und Hochnäsigkeit, wie sie wohl nur ein Straßenkater in der wichtigsten aller Städte zu Stande bekommen kann, stolziert ein deftiger schwarzer Mikesch unter dem Tisch hervor, tut, als wenn nie was gewesen wäre und sonnt sich dennoch im Angesicht seiner unverhofften Wichtigkeit. Mit ostentativem Gebaren kommt er mit breiter, weiß behaarter Brust erhaben auf mich zugetigert, legt kurz den Kopf schief, taxiert mich und schreitet seiner Wege. Ich sagte es doch bereits Leute, es sind die Brusthaare. Die Brusthaare bestimmen den Charakter eines israelischen Mannes, wie Katers. Mit eitlem Arschwackeln macht er sich von dannen.
Es war mir eine Ehre, edler König. Auf dass sich noch viele Untertanen in ihrem Glanze wähnen dürfen.
Auf diese Art demütig geworden, fühle ich mich bereit für eine der wohl wichtigsten Sehenswürdigkeiten Jerusalems. Wieder winde ich mich durch die Gassen und passiere einen kleinen Tunnel mit vermehrter Polizeipräsenz. Einen kleinen Sicherheitscheck später stehe ich auf einem großen Platz und erblicke die Klagemauer. Jenem Überbleibsel der Mauer des zweiten Tempels der Juden. Unter Herodes neugestaltet und nur wenige Jahre später von den Römern wieder zerstört, bleibt die Mauer als Zeugnis vergangener Zeiten und stellt heute eine wichtige religiöse Stätte des Judentums dar.
In die Ritzen zwischen den Steinen stecken viele Menschen Zettel mit Gebeten, Wünschen, ihren Sorgen etc., wohl in der Hoffnung auf ein kleines Wunder.
Das Areal ist mit Drängelgittern abgesperrt, auf denen unzählige Menschen Süßigkeiten auf Heranwachsende werfen, die innerhalb der Gitter mit Thorarollen in und Tefillin an den Händen Bar Mitzwa feiern. Sephardische Juden machen Trillergeräusche mit ihren Mündern, andere Familien singen. Dazwischen Photografen und Kameramänner. Alle sind euphorisiert. Dazwischen belustigt und irritiert dreinschauende Touristen. Denn die Mauer ist für alle Menschen zugänglich, egal, ob Jude, oder nicht. Einzige Bedingung: das Tragen einer Kopfbedeckung. Die habe ich zwar nicht, dafür steht am Eingang zur Mauer ein Mann und verteilt aus einem großen Korb kostenlose Kippot. Ich schnappe mir eine und mische ich unter die Leute, berühre die Wand, spüre aber nur fettigen Stein.
Wieder keine Gefühlsregung. Bin ich enttäuscht? Irgendwie schon. Ich bin sicherlich kein religiöser Mensch im Sinne einer christlichen Körperschaften des öffentlichen Rechts, oder anderer organisierter Strukturen, dennoch würde ich mich auf gewisse Art und Weise als spirituell bezeichnen, was nicht zuletzt Ausdruck in Form des Genusses eichenfassgelagerter Geister findet.
Anstatt die Kippa wieder in den Korb zurückzuwerfen, wie es viele andere Besucher machen, behalte ich die Kappe noch eine Weile auf dem Kopf. Will mal sehen, wie man sich so als Möchtegern-Jude fühlt. Eigentlich nicht anders als vorher.
Das gute Stück wandert zur eventuellen späteren Verwendung in meine Tasche. Und ich wende mich nach links und überquere den Platz. Dort stehen viele Leute in einer Schlange vor einer Holzbrücke, die oberhalb der Klagemauer auf den Tempelberg führt. Am Ende stehen zwei deutsche Pärchen, die mich auf aufklären. Jeden Tag zu bestimmten Uhrzeiten wird der Tempelberg mit dem Felsendom und der al-Aqsa-Moschee nur für kurze Zeit für Touristen geöffnet. Je nach Sicherheitslage und anderen Faktoren variieren diese Zeiten, so dass man sich in den Hotels oder Touristeninformationen sicherheitshalber informieren sollte, um nicht vor verschlossenem Tore zu stehen. Wieder mal spielt mir das Glück in die Hände, denn in etwa zwanzig Minuten soll es hier los zum drittwichtigsten Heiligtum des Islams gehen. Noch mehr als für die Moslems hat der Tempelberg fundamentale Bedeutung für die Juden. Hier soll Abraham aus Gottgefälligkeit heraus versucht haben seinen Sohn zu töten und später standen die beiden zerstörten Tempel ebenda.
Wen wundert es da, dass auch hier Zank und Streit zwischen den beiden kontrahierenden Gruppen gibt.
Die Schlange vor dem Eingang erscheint mir nicht so lang, als dass man zu viel Zeit aufs Warten verschwenden müsste. Vor uns steht eine vermutlich spanische Familie und kaut Sesamringe. Während die Schlange hinter uns länger wird, gesellen sich zu der Familie in einem stetigen Strom weitere Menschen, die wohl deren Bekannten sind, dazu. Da der Zustrom jedoch nicht aufzuhören scheint, schließe ich, dass es sich eher um eine Reisegruppe zu handeln, die ein paar Leute vorgeschickt hat und nun versucht Zeit und Raum gut zu machen. So bildet sich innerhalb weniger Minuten eine kleine Traube vor uns. Was bei mir anerkennende Erinnerungen ob meiner eigenen Dreistigkeiten in Bezug auf Vorteilsnahme bei Umgehungen von Menschenmassen an den Pforten der Berliner Clubs erweckt, verleitet die deutschen Pärchen zu grimmigen Kommentaren und Unmutsäußerungen. Der größere der beiden Deutschen wendet sich ostentativ an seine Begleitung und mich und sagt, dass er gleich was sagen wird. Sein Tatendrang wird spontan durch eine Musiktruppe gut gekleideter Hippies gestört, die wie wild anfängt Trommeln, Hörner und andere Schlagwerke zu bearbeiten. Zum rhythmischen Sound der Leinenträger setzt sich plötzlich die Schlange in Bewegung und auch die Traube vor uns wird linienförmig. Wir schlängeln uns über die überdachte Holzbrücke und passieren den obligatorischen Sicherheitscheck. Ich frage mich, ob auch Tiere religiös, oder aggressiv sein können im Sinne des Nah-Ost-Konflikts. Müsste man dann nicht bei den Ameisen, die hier überall rumkrabbeln, auch einen Sicherheitscheck durchführen? Wahrscheinlich reichen die Steuergelder dafür nicht aus und man drückt zwei Augen zu.  Jedenfalls stehen wir auf einmal oben auf dem Tempelberg. Dieser ist quadratisch angelegt, von einer großen Mauer umgeben und beherbergt im Süden die Al-Aqsa-Moschee und im Norden den Felsendom.
Wir Touristen sind jedoch bei weitem nicht die einzigen Besucher. Für Moslems und Bewohner Ostjerusalems gibt es separate Eingänge, die zeitlich weniger eingeschränkt sind. So tummeln sich bereits viele Menschen hier oben und gehen ihren täglichen Ritualen nach. Heranwachsende Jungs vollführen auf einem sandigen Areal spektakuläre Kunstsprünge, arabische Schulklassen werden von Lehrern angeleitet, verschleierte Frauen hocken mit ihren kleinen Kindern in Gruppen im Schatten der Bäume und ältere Männer mit Gebetsketten in den Händen stehen rauchend und diskutierend vor der Moschee. In diese darf man als Ungläubiger nicht eintreten, jedoch kann man durch die geöffneten Tore einen Blick ins innere erhaschen. Drinnen ist alles mit Teppichen ausgelegt, aber nur wenige Gläubige finden sich zum Gebet ein. Was mir an Moscheen, wie auch am Islam grundsätzlich gefällt ist der Verzicht auf jeglichen Standesdünkel und protziges Inventar. Was wäre diese Religion nur für eine Bereicherung für die Welt, würde sie sich endlich reflektieren und modernisieren. Auch äußerlich ist die Moschee schlicht gehalten und ähnelt eher einer Markthalle, oder einem Bahnhof, nur dass sie eben eine charakteristische Kuppel trägt.
Wendet man sich um 180Grad und erhebt den Blick, dann sieht man den Felsendom. Erhaben und als Musterbeispiel früher islamischen Baukunst thront er erhöht auf der nördlichen Hälfte des Tempelbergs.
Wer hier kein Selfie macht, oder machen lässt, ist selber schuld. Als das erledigt ist, laufe ich noch etwas auf dem Areal herum. Am östlichen Ende erstreckt sich eine große Mauer mit Schießscharten, durch die man den Ölberg mit seinem riesigen jüdischen Friedhof blicken kann. Auf dem Weg zurück zum Ausgang beschmeißen sich Teenager gegenseitig mit Steinen. Wenig später kommt mir einer der Jungs hinterher und spricht mich mit bestem Englisch an: „Hello Sir! Do you have some money for me?“
In Berlin ist meine etwas zynische Antwort in diesen Fällen meist, dass ich qua meiner beruflichen Tätigkeit schon genug Gutes tue und nicht noch im Privaten Geld abdrücken möchte. Da ich mich in der Fremde als Tourist jedoch oft mit einem Anflug von schlechtem Gewissen plage, gebe ich dem Bengel eine zehn Schekel Münze in der Annahme, dass er sich mit diesem schon fast fürstlichen Betrag glücklich und zufrieden gibt. Der Junge starrt mir lediglich mit großen, leeren und fordernden Augen an und sagt: „I thought you would give me more. I want to go to University...“
Ich gucke den frechen Bastard mit einem Blick an, der in etwa der soeben ausgeschriebenen Beleidigung entspricht und erwidere: „If you want to go to University, why are you not in school now?“ Er antwortet: „Because it is Thursday and school ends at 1pm. Now it is quarter past three“.
Touché Habibi. Geschlagen und in der Hoffnung durch weitere Mildtätigkeit nicht mit in das Steinwerfspiel einbezogen zu werden, wühle ich nochmals in meinem Portemonee und weitere zehn Schekel wechseln den Besitzer. Ich erspare uns beiden ihm großväterlich und aufmunternd in die Wange zu kneifen. Da er sicherlich mehr Geld erwartet hat und ich eigentlich nichts geben wollte, geben wir uns mit der „Loose-Loose-Situation zufrieden.
Mir reicht es für heute mit Historie und so lasse ich nicht nur den Felsendom, sondern auch die komplette Altstadt hinter mir. Mir steht der Sinn nach etwas Abwechslung und ich will mich amüsieren. Auf in das Viertel der Ultraorthodoxen.
Auf nach Me’a She’arim!























Sonntag, 20. Januar 2019

ISRAEL 2018 - Tag 4, Teil I


Wieder erwache ich schon früh am morgen und habe wieder nur maximal fünf Stunden geschlafen. Ich wälze mich aus dem Bett und lasse die weiterhin erklingenden Röchel- und Grunzlaute hinter mir. In der Nach gesellte sich ein weiterer Gast in das Sechsbettzimmer, vollzog dann aber einen Rückzieher und hat es sich nun im Wohnzimmer auf dem Fußboden gemütlich gemacht. Ich verkrümle mich in die Küche und mache mir einen Kaffee. Danach geht es auf die Toilette und unter die Dusche. Auf Zehenspitzen tipple ich daraufhin im Zimmer umher und suche meine Sachen für den heutigen Tagesausflug zusammen. In der Zwischenzeit sind Freddie und Kate erwacht und gucken mich verschmitzt unter ihren Decken an und wünschen mir gleichzeitig mit gerecktem Daumen einen schönen Tag.
„Enjoy Life, Philipp... Just enjoy Life!“
Draußen ist es noch kühl und ein bewölkter Himmel kündet abwechslungsreichen Tag, als ich mich gegen 08:00 auf den Weg zur Altstadt mache. Von meinem Standort aus sind es etwa drei Kilometer Fußweg bis zum Damaskus-Tor, dem nördlichen und größten Eingang zur Altstadt. Ich gehe den direkten Weg, den mir Google-Maps anzeigt und sehe schon bald linkerhand auf den Berg Skopus, der nicht nur die Jerusalemer Universität beherbergt, sondern mit dem Hadassah-Meidcal-Center auch das angesehenste Krankenhaus des gesamten nahen Ostens. Einst gegründet von einer jüdischen Frauenorganisation, durch Angriffe der Jordanischen Armee zum Umzug gezwungen, steht der Neubau seit den 1970er Jahren nun wieder an der alten Stelle und behandelt alle Menschen der Region unabhängig von ihrer Religion und Staatsangehörigkeit.
Just in diesem Moment fällt mir siedendheiß ein, dass ich noch eine Rechnung mit dem kleinen Kätzchen offen habe. Ich kehre um und laufe die etwa 300m zurück zum Fundort, sehe die Mieze aber nirgends mehr. Ein Schimmer von Hoffnung tut sich in mir auf. Eventuell war sie einfach nur müde und durch das harte Straßenleben bereits so abgehärtet, dass die bloße Anwesenheit eines Menschen ihr keine Regung mehr zu entlocken vermochte. Ich tue die Gedanken Katzenfressender Straßenhunde beiseite und stelle mir vor, wie die Kleine einen randvoll mit Essen gefüllten Mülleimer findet und sich an dessen Inhalt gütlich tut.
Mit positiven Gedanken im Kopf läuft es sich ungemein leichter. Deswegen kann ich auch den allgegenwärtigen Verkehrslärm und die verdreckten Straßen ausblenden. Ich passiere eine erste Moschee und biege beim Rockefeller-Garden in die Sultan-Suleiman-Street ab. Ab jetzt verläuft die Straße an der Altstadtmauer und ich könnte bereits durch das Herodestor in den Arabischen Teil gelangen. Dieses sei jedoch derzeit für Touristen gesperrt und tastsächlich stehen schwer bewaffnete Polizisten davor.
Also weiter an der Straße entlang und gen Damaskustor Unwissentlich lasse ich dabei das Grab Jesus rechterhand liegen und orientiere mich an einer weiter vorne liegenden größeren Kreuzung, an der sich ebenfalls eine Straßenbahnhaltestelle und ein großer Parkplatz mit Reisebussen befindet.
Die Gegend ist hier eindeutig arabisch geprägt. An der Altstadt abgewandeten Straßenseite sind einige Lebensmittel- und Fastfoodläden, Obst- und Gemüsestände und Bäckereien. Es herrscht reges Treiben auf dem breiten Bürgersteig. Einheimische und Touristen wuseln umher, Waren werden entladen und die Straße mit Wasser abgespritzt.
Bald sehe ich linkerhand eine prächtige Treppe, die in einem Halbrund konzipiert abwärts zu einem prächtigen Tor führt. Das muss das Damaskustor sein. Dieses wurde im Zuge der umfangreichen Erneuerung der Stadtmauer Mitte des 16. Jahrhundert unter dem Straßennamensgebenden Sultan-Suleyman errichtet und zeugt mit seinen markanten Zinnen von Glanzzeiten muslimischer Baukunst.
Ich überquere die Straße und mische mich unter die noch überschaubare Anzahl von Menschen, die gen Durchgang strömen. Die Treppen müssen noch relativ neu sein, denn wenn man sich den Eintrag zum Damaskustor auf Wikipedia anguckt, dann sieht man dort ein Photo von etwa 1900, auf dem die Szenerie gänzlich anders, gar archaisch und primitiv, aussieht.
Überall dominiert hier der Jerusalem-Baustein und ist vor dem Tor bereits so glatt getreten, dass man sich bei Nässe sicherlich eine herrliche Schlitterpartie gönnen kann.
Tritt man in das Tor selbst, erwarten einen nicht nur die ersten arabischen Händlerinnen und Händler, auf dem Boden sitzend und Oliven, Kräuter und Süßigkeiten feilbietend, sondern urplötzlich ein Gedränge, das die vorherige Überschaubarkeit der Fußgänger nicht erahnen ließe.
Der Durchgang wird noch dadurch erschwert, dass die inneren Pfeiler des Tors versetzt zu den Äußeren stehen und man quasi um die Ecke biegen muss, um in die eigentliche Altstadt zu gelingen.
Dann stehe ich plötzlich auf den Stufen hinab zur Nablusroad, die sich, durch ein hohes Gitternetz vom Himmel abgeschirmt, unübersichtlich in die Eingeweide der Altstadt windet. Vor, hinter und neben mir Trubel, Menschengewirr, Läden, Marktstände, Geräusche, Gemurmel, Gerede und Gerüche. Polizisten mit Maschinenpistolen. Verzückte Touristen, keifende Araberinnen, wuselnde Kinder, dröhnen von Motorrollern.
Trotz einer spürbaren Luftzirkulation kann man die Atmosphäre schneiden, so dicht ist sie genährt von menschlichen Erzeugnissen hormoneller und wirtschaftlicher Art.
Auf dem Weg hier hin habe ich mich oft gefragt, wie der Gang in die bedeutungsvollste Stadt des Christentums wohl auf mich wirken wird; bin ich doch, trotz meiner in das Jetzt reichenden Vergangenheit als Black-Metal-Fan christlich sozialisiert und geprägt.
Was werde ich empfinden, wenn ich die Schwelle überschreite? Von Stimmen heimgesucht werden? Den Heiland sehen? Selber zum Heiland werden? Werde ich einen entrückten „Rundgang um die transzendentale Säule der Singularität“ machen? Und wo wir schon mal im Genre sind. Gibt es hier auch „the Gate of Nanna“?
Und überhaupt. Ist Josef nicht von Maria höchstpersönlich gehörnt worden? Mit Einwilligung Gottes? Das würde doch bedeuten, dass Josef der Gehörnte ist, also der Leibhaftige persönlich...?!
Herrjemine. Kausalketten schlagen über mir zusammen.
Ähnlich ernüchternd wie das genauso überlange, wie überflüssige und vorhin benannte Lied eines umso besseren Albums empfinde meine Reaktion auf die mich erschlagenden Eindrücke. Wenn schon kompliziert, dann auch richtig.
In den ersten Sekunden merke ich, wie der Wechsel von relativer Weite zu eindeutiger Enge mir über den Kopf steigt. Mein Blick verengt sich und meine Atmung wird schneller. Sicherlich bin ich noch meilenweit von dem entfernt, was gemeinhin unter Panikattacke verstanden wird, aber dennoch merke ich eindeutig, dass mir die Eindrücke zu viel werden. Ich entscheide mich deshalb direkt eine steile Treppe hinauf zu gehen und mich auf die Stufen zur heiligen Begräbniskirche zu setzen. Ich lasse die Szenerie einige Minuten auf mich wirken, führe mir mein Schawarmasandwich zu Gemüte und wage den erneuten Vorstoß in die Nablusroad.
Langsam akklimatisiere ich mich in dem feuchtwarmen Gedränge und befinde mich schon bald in einem Flow. Dieser treibt mich ungewollt in den Laden eines Gemüsehändlers, der mir sofort etwas verkaufen will. Als ich sehe, dass er frischen Granat- und Orangensaft anbietet, willige ich gerne zu einem großen Becher ein. Der Verkäufer drückt mir nach dem Bezahlen die Hand, guckt mir tief in die Augen und spricht:
„Remember me, recommend me!“
Schlürfend und bewusst, die von mir gegebene Zusage nicht einhalten zu können, verlasse ich das Geschäft und lasse mich weiter treiben. Erstmal nur gehen, vielmehr schlängeln und gucken. Eindrücke sammeln. Die Nablusroad nimmt kein Ende, ist aber mit lauter Seitenstraßen verbunden, in denen ebenfalls reges Leben pulsiert.
Die Menge staut sich, gereckte Hälse, Gehupe und arabische Rufe. Was geht da vorne vor? Messerattentat? Terror? Jesus? Nein, ein Minitrecker will sich durch den Gang quetschen. Alles drängt zur Seite. Frauen drücken sich in Häusereingänge, Männer ziehen die Plautze ein. Verkäufer freuen sich über unfreiwillige Kundschaft und setzen ihr freundlichstes Lächeln auf. Dann Dieselgeruch, der herrische Blick des Treckerkommandeurs und schon sprudelt das Leben wieder zurück auf die Gasse.
Ein Friseur rasiert einen Bart, aus einem riesigen Samowar wird Tee in Tassen gefüllt. Hinter einer uralten Holztür verbirgt sich ein hochmodernes Fitnessstudio, rohes Fleisch wird geschnitten, Christusreliquien feilgeboten, Gebete gesprochen, treppauf hinzugeströmt, treppab ausgedünnt. Die Mutterstadt braucht nicht hochzuleben. Sie lebt und atmet bereits seit tausenden Jahren und wird es noch in tausenden von Jahren tun.
Ich befinde mich im christlichen Viertel der Altstadt, was unschwer an den Gruppen mexikanischer und philippinischer Herkunft zu erraten ist, die in Gruppen Gebete murmelnd und singend an mir vorbeiziehen. Andere Gruppen von Touristen lassen sich von Wimpel- und Fähnchentragenden Guides über die Historie diverser Orte aufklären. Allen gemein ist der Hang der Männer zu Schirmmützen mit christlichen Symbolen, oder Jerusalem-Logos und bei den Frauen das Tragen von leichten Kopftüchern, sowie das meist fortgeschrittene Alter jenseits der Fünfzig. Die jüngeren Semester ziehen Individualreisen und Sonnenbrillen von Ray-Ban vor.
Nachdem ich etwa eine Stunde durch das christliche und armenische Viertel gelaufen bin, widme ich mich der Stadtmauer. Diese kann man gegen Eintritt begehen und sie bietet einem einen Überblick über weite Teile der Altstadt, exklusive der arabischen Seite und dem jüdischen Teil Jerusalems.
Um auf die Stadtmauer zu gelangen, muss ich bis zum Jaffator und Eintritt entrichten. Dann geht es auf verwinkelten Treppen aufwärts und auch oben bleibt es stufig und eng. Wer wohl der dickste Mensch war, der sich hier jemals längs gewunden hat?
Großer Skandal: Lobbyverband der dicken amerikanischen Christen verklagt die Stadt Jerusalem auf Verbreiterung des Rundgangs der Stadtmauer. Das Motto der Kampagne: Glaube darf keine Diskriminierung kennen! Nicht in Jerusalem, nicht weltweit!
Die Kosten für den Umbau könnten durch eine Erhöhung des Eintritts, nicht aber für Dicke, die ja schon gestraft genug sein, gegenfinanziert werden.
Nach diesem geistigen Exkurs geht es weiter mit der Exkursion.
Im Westen erblicke ich die Skyline Jerusalems mit einigen schicken Hotels und Hochhäusern. Im Inneren des Altstadt blickt man auf eine Schule, auf dessen Hof zwei Mannschaften gegeneinander Fußball spielen. Eine lebendige Geräuschkulisse, die von gelegentlichen Anweisungen der Lehrer unterbrochen wird. Hier spielen Mädchen und Jungs gemeinsam gegeneinander. Ob auch die Konfessionen und Zugehörigkeiten verschieden sind? Bei den Jungs vermag ich keine Kippa zu erkennen, bei den Mädchen keine Kopftücher. Eventuell eine Schule der kleinen christlichen Minderheit?
Ich gehe weiter und auf der Innenseite kehrt eine eigentümliche Stille ein, während auf der Außenseite der Verkehrslärm deutlich zu vernehmen ist. Aus einem größeren Gebäude, dass an einen wunderschönen begrünten und friedlichen Hinterhof grenzt, erklingt eine auf dem Piano virtuos gespielte Etüde. Nimmt mich für kurze Zeit gefangen, erstirbt dann abrupt und lässt Gehör für Vögelgezwitscher und laue Lüfte.
Weiter geht es in einem Duft von frisch aufgehangener Wäsche und feuchtwarmer Abluft aus den Klimaanlagen der Wohnhäuser, die sich wie selbstverständlich an die Mauer schmiegen. Alles ist verwinkelt und improvisiert, ja, aber auch stabil gebaut. Dennoch viel weniger Müll in den Winkeln und Gassen. Die Touristen und Bewohner scheinen disziplinierter, als außerhalb der Altstadt. Blickt man von der Warschauer Brücke in Friedrichshain nach unten, dann sieht man wie wenig die Menschen der Versuchung widerstehen können, ihren Müll hinunter zu werfen. Bier- und Schnapsflaschen reihen sich dort an Fast-Food-Verpackungen. Ich habe schon Menschen herunterpinkeln gesehen. Wahrscheinlich leisten sich die Prolls eher einen Urlaub auf Mallorca, denn in Jerusalem.
Hinter der nächsten Kurve streicht eine Katze umher. Hinter mir höre ich einen jungen Mann mit indischem Aussehen und Akzent scherzhaft zu mir sagen:
„Be careful, a Tiger“.
Ich blicke zu ihm, dann auf die Katze und wieder zu ihm und kontere mit Schalk im Nacken:
„Ah, i thought you are talking about yourself!“
Gelächter, Sekunden währende Freundschaft, dann ein kurzes Nicken zum Abschied und jeder geht weiter seiner Wege.
Das Leben kann so leicht sein, auch in Jerusalem.
In der Gegend um Jerusalem wurde vor ca. 6000 Jahren erstmals gesiedelt und der Bau der ersten Stadtmauer gegen 1800 vor Christus nachgewiesen. Um 1000 vor Christus wurde Jerusalem vom israelitischen König David erobert und zum Zentrum seines Reichs auserkoren. Sein Sohn erbaute auf dem Felsendom den ersten Tempel und Jerusalem war fortan Zentrum des jüdischen Glaubens. In den folgenden Tausend Jahren kam es zu Eroberungen durch die Babyloner, der Zerstörung des ersten Tempels und die Vertreibung der Juden, die sich dann aber wieder ansiedeln durften und den zweiten Tempel bauten, welcher wiederum ein paar Jahrhunderte später, im Jahre 70 unserer Zeitrechnung durch die siegreichen Römer zerstört wurde und die Juden abermals vertrieben, woraufhin diese ihre wechselvolle Geschichte in Europa und dem Rest der Welt antraten. Zwischendurch wandelte noch so eine bärtige Type durch die Gegend, predigte und ward an ein Kreuz geschlagen, aber das nur am Rande.
Weitere Jahrhunderte später eroberten die persischen Sassaniden kurzzeitig die Stadt, nur um sie kurze Zeit später an die expandierenden moslemischen Araber zu verlieren. Der Umayyaden-Kalif  Abd al Malik ließ um 692 den Felsendom, und wenige Jahre später die al-Aqsa-Moschee bauen. Fortan gaben sich wechselnde Herrschaftscliquen die Klinke in die Hand. Im Jahre 1099 eroberten christliche Kreuzfahrer erstmals die Stadt. Weiteren Querelen folgten wechselnde Besitzverhältnisse und Kreuzzüge, inklusive der üblichen Drangsalierungen Andersgläubiger et cetera pp. 1516 schafften es die Osmanen die Stadt und deren Herrschaft in die Neuzeit führten und bis zum ersten Weltkrieg zu behalten. Daraufhin Britisches Mandatgebiet, Zionismus, Gezerre und Kämpfe um Territorium und Selbstbestimmung. 1948 dann Gründung des Staates Israels. Offizieller Beginn des Nah-Ost-Konflikts, Landnahme und Annexion der Altstadt durch Jordanien und abermalige Vertreibung der jüdischen Bevölkerung, wie auch Zerstörung ihres Viertels. 1950 Ernennung Jerusalems zur Hauptstadt Israels. 1967 Rückeroberung der Altstadt im Sechstagekrieg, 1980 besagtes „Jerusalem Gesetz“ zur Unteilbarkeit der Stadt aus Sicht Israels. 1988 Ausrufung der PLO Jerusalems zur Hauptstadt der Palästinenser. Immer wieder Terror, Tempelberg, Al-Aqsa-Moschee, Klagemauer, Kirchen, Repression, Zank, Resignation, Hoffnung und knallharte Realität bis jetzt.
Auf all das Blick man hinab von dieser Mauer. Auf einen Stadtteil, der auf wenigen Quadratmeter sinnbildlich für den Nah-Ost-Konflikt steht.
Am Löwentor findet der Rundgang ein jähes Ende. Hier beginnt das arabische Viertel und der Durchgang ist auf der Mauer gesperrt. Bleibt mir nur der Weg abwärts.






















Samstag, 19. Januar 2019

ISRAEL 2018 - Tag 3, Teil V

Überfressen, wie ich bin, packt mich das schlechte Gewissen und ich beschließe noch einen kleinen Verdauungsspaziergang zu machen. Ich laufe drauf los und komme alsbald zu einem Hügel, von dem aus man über die Stadt gucken kann. Diese ist leider in Dunst gehüllt, so dass nur verwaschene Lichter zu erkennen sind. Ich entschließe mich umzukehren, als meine Aufmerksamkeit auf einen kleinen schwarzen Haufen gelenkt wird. Die Straße ist hier breit und es gibt einen Seitenstreifen, auf dem vereinzelt Autos parken. Etwa fünf Meter von mir entfernt tut sich zwischen zwei Wagen eine Lücke auf und dort liegt ein kleines Katzenjunges, grad erst dem Mutterschoße entschlüpft und vielleicht noch nicht gänzlich abgestillt, mutterseelenallein auf dem harten Asphalt und gibt keuchende Geräusche von sich. Ich bin unschlüssig, wie ich reagieren soll. Ist die kleine schwer krank, verletzt und entkräftet, oder schläft sie einfach nur? Das Keuchen und die absolute Bewegungslosigkeit, trotz meiner Anwesenheit, erschrecken mich. Das arme kleine Ding. Sicher, eine der tausenden Straßenkatzen, aber dennoch ein Lebewesen, zu dem ich, durch die Erfahrung selber mal eine Katze gehabt zu haben, doch eine Art Beziehung aufbauen kann.
Ich bin kurz davor es aufzusammeln. Doch wohin mit ihm? In die Wohnung? Na, da wird sich der Besitzer sicher freuen. Zu einem Tierarzt bringen? Jetzt, am späten Abend und ohne Ahnung wie einer zu finden wäre?
Pah! Träum weiter.
Ich wende mich ab; muss zu sehr an meine beiden Töchter denken und den Schmerz, den es bereiten würde, sie zu verlieren. Trotzdem gehe ich einfach weg und überlasse das sterbende Kätzchen seinem Schicksal. Lasse es alleine.
Wie hätte ich reagiert, wenn ich im tiefsten afrikanischen Busch ein sterbendes Kind gefunden hätte? Wäre ich auch einfach weggegangen?
Wo fängt Mitleid und Hilfe an und wo hört es auf? Kann man zwischen Mensch und Tier unterscheiden? Wo sind die Grenzen von Ethik und Moral?
Ist es nur konsequent Hühnchenfleisch aus Massentierhaltung zu essen und nur eine halbe Stunde später ein Kätzchen alleine am Straßenrand sterben zu lassen und dabei vor der Vorstellung des Verlusts der eigenen Kinder zu erschaudern?
Wie geht es dann den Menschen, die in dieser Region nur allzu oft mit Fragen zu „anständigem“ Verhalten konfrontiert sind?
Ich kann es nicht beantworten, beschließe aber zwei Dinge. Erstens will ich morgen früh noch mal an den Fundort des Kätzchens zurückkehren und sie, sofern sie wirklich gestorben sein sollte, beerdigen. Für den Fall weiteren Leids werde ich spotna einen Plan überlegen. Zweitens werde ich unbedingt versuchen die Tour in das Westjordanland zu buchen, um eventuell ein bisschen mehr Einblick in das Leben dieser beiden größtenteils verfeindeten Menschengruppen zu erlangen, die einander gegenseitig trotz aller menschlichen Gemeinsamkeiten mit so viel Argwohn betrachten.
Ich blicke mich um, will dem kleinen Ding bei aller Feigheit wenigstens einen letzten Blick schenken, da kommt von vorne ein Auto und leuchtet mit seinen Scheinwerfer den Seitenstreifen aus, so dass die kleinen Augen der Katze zu zwei weißen reflektierenden Punkten werden und mir so einen beinahe schon mokanten Gruß des Hades zukommen lassen. Ich erschrecke mich und taumle hastig der Wohnung entgegen.
Wenige Minuten später schleppe ich mich die Stufen zur Wohnung hoch.
Nur schnell unter Menschen kommen, zum Leben zurückkehren.
In der Bude herrscht glücklicherweise keine Totenstille. Kate und Freddie liegen zwar schon im Bett, ebenso wie eine weitere Gestalt, die ich vorher nicht gesehen habe,
dafür sitzen aber im Erker der Wohnung eine Frau und eine Mann in etwa meinem Alter. Beide unterhalten sich auf Englisch, wobei seine Gesprächsanteile und Gestikulierungen der ihrigen bei weitem überwiegen. Ich grüße und frage, ob ich mich für ein paar Minuten dazu setzen darf, da ich mich nach der Begegnung mit dem Tod ein wenig ablenken muss.
Gerne doch!
„And by the way, i am Dan, owner of the Hostel!“
„Aaaaah, cool, nice to meet you, i am Philipp from Berlin. I booked via Booking.com“
Die Frau heißt Silke, kommt aus München und so weiter und so fort.
Jetzt habe ich also den altruistischen Gastgeber vor Augen. Bereits seine Beschreibung des Hostels bei dem Buchungsportal, wie auch seine Whatsapp-Nachricht nach der erfolgten Buchung waren bereits äußerst ausführlich und detailgenau. So füllte alleine die erste Willkommens-Mail mehr als zweimal den kompletten Bildschirm meines Smart-Phones. Die drei weiteren Mail enthielten Karten und detaillierte Beschreibungen zum Finden des Hostels und waren gespickt mit dutzenden Emoticons, die mich kurz überlegen lassen haben, ob ich anstatt in Jerusalem, doch wieder an dem besagten lauwarmen Strandabschnitt in Tel-Aviv gelandet bin.
Nun also Dan in Persona.
Kaum haben wir uns vorgestellt, springt Dan auf und macht mir einen Tee in der Küche und bietet mir zusätzlich ein Bier an. Tee gerne, Bier nein Danke.
Dann sitzen wir zu dritt am Tisch und die beiden nehmen ihr Gespräch wieder auf. Es geht um das kürzlich ratifizierte und äußerst umstrittene Gesetz zur Stärkung des jüdischen Charakters Israels. Dieses beinhaltet unter Anderem die Förderung der Prosperität von jüdischen Gemeinden, was unschwer als der Ausbau von Siedlungen im Westjordanland zu verstehen ist, sowie die Erhebung der hebräischen Sprache zur einzigen offizielle Landessprache. Damit wird das Arabische zu einer Sprache degradiert, die nur noch Sonderstatus hat, vormals aber ebenfalls als offizielle Landessprache anerkannt war.
Kritiker sehen Israel damit auf dem Weg der Abkehr von der Demokratie und auch zivilgesellschaftlich gibt es massive Proteste dagegen.
Silke vertritt gemäßigte, liberale Positionen, so wie man es von einer guten Deutschen erwartet und Dan poltert in reaktionärem Ton für das Gesetz und gibt innerhalb der nächsten Stunde einen interessanten Einblick in seine Denke, die sicherlich auch viele andere Israelis repräsentiert.
Seine Großeltern seien ende der 1940er Jahre wegen der anhaltenden Pogromstimmung der Bevölkerung gegen Juden aus dem Jemen nach Israel geflüchtet und seitdem in Jerusalem ansässig. Er habe einige Jahre bei der Armee gedient, sei in den ersten Jahren in Gaza stationiert gewesen und später zum Transportflugzeugpiloten ausgebildet worden. Er sei so gut gewesen, dass man ihn für die Special-Forces vorgeschlagen hätte, was er jedoch ausgeschlug, als er bemerkt hat, dass es dort nur darum ging die Soldaten so hart abstumpfen zu lassen, bis sie alles ertragen konnten. Die Armeezeit hätte ihn zu dem Mann gemacht, der er heute ist. Zu einem überzeugten und anständigen Patrioten. Dennoch sei er sehr weltgewandt und viel in der Welt herumgekommen. Da er seit einigen Jahren Vater zweier Kinder ist, als Pilot bei einer Charter-Airline arbeite und seitdem kaum noch Zeit zum Reisen hätte, habe er sich gedacht, hole ich die Welt doch zu mir nach Jerusalem.
So betreibt er seit einigen Jahren das kleine Hostel dessen Wohnzimmerwand eine große Weltkarte mit hunderten von Pinnnadeln ziert, die Aufschluss über die Herkunft seiner Gäste aus der ganzen Welt gibt.
In der Folge werde auch ich in das Gespräch mit einbezogen und wir geraten in ein Gespräch über Rechtstaatlichkeit und Repression. Silke ist zwar nicht dogmatisch im Sinne der antiimperialistischen Linken, vertritt aber dennoch die Meinung, dass Israel ungleich mit den verschiedenen Bevölkerungsanteilen verfährt.
Was viele Leute eventuell nicht wissen ist, dass in Israel nicht ausschließlich Juden wohnen, sondern etwa 20% moslemischen Glaubens sind, sowie weitere 5% anderen Religionen anhängen und insbesondere das Bevölkerungswachstum der Moslems bei manchen Juden den Eindruck der Bildung eines Staates im Staate erwachsen lässt.
Ich halte mich zurück und lasse die beiden Argumente austauschen, wobei ich mich ertappe doch eher auf Silkes Seite zu stehen, da Dan in seinen Ansichten ziemlich betoniert zu sein scheint. So scheint seine Auffassung von den wahren Israelis nicht nur die Moslems auszuschließen, sondern auch die Äthiopischen Juden. Die sogenannten Falaschen lebten unter ärmlichen Umständen, meist als Bauern in Äthiopien und flohen wie viele andere Bevölkerungsgruppen während der großen Hungersnot 1984 in den Sudan. In Folge der nachlassenden Migration nach Israel entschloss sich der jüdische Staat zu einer raffinierten Evakuierung der Falaschen. Über eine Luftbrücke konnten zum Jahreswechsel 1984/1985 etwa 7000 Menschen nach Israel geflogen werden, sahen sich hier jedoch schnell mit den üblichen Problemen des Zusammentreffens gänzlich verschiedener Kulturen konfrontiert. Den Falaschen fiel es schwer sich in der hochmodernen Gesellschaft anzupassen und die etablierten Israelis hatten teils erhebliche Ressentiments gegenüber den „ungebildeten und verlausten Bauern“, denen obendrein sogar unterstellt worden ist, keine richtigen Juden zu sein.
So gibt auch Dan in zynischem Ton von sich, dass, wie dem Deutschen seine Flüchtlings- und Appeasement-Politik gegenüber den Moslems, dem Juden seine karitative Großzügigkeit den Äthiopiern gegenüber zum Wohlfühlargument des eigenen Gewissens dient.
Mit Deutschland scheint Dan sich auch bestens aus zu kennen. Hätte er doch schließlich erst letztes Jahr eine Gruppe Berliner SEK-Polizisten, die in Israel einen Lehrgang absolviert haben sollen, beherbergt. Dass die Beamten, in Zeiten knapper Kassen und mangelnder Fürsorge für die eigenen Leute, hier in dieser Bruchbude schlafen mussten, kann man ja noch irgendwie so glauben, aber die folgenden Aussagen Dans empfinde ich dann doch zu viel des Guten. So hätte man eines Abends gemeinsam getrunken und der Chef der Polizisten hätte ihm im betrunkenen Zustand anvertraut, dass seine Vorgesetzten ihn dazu zwingen würden, die angebliche Einsatzrealität in der Erfahrung mit Moslems gegenüber der Allgemeinheit zu verschweigen. Mein Argument, dass in Deutschland gerade Polizisten der Historie wegen zu mündigen Bürgern erzogen werden, die sicherlich genau wissen, welche Rechte und Pflichten aus der Demokratie erwachsen und wir in diversen Talkshows keifende Polizeigewerkschafter sitzen haben, die kein Blatt vor den Mund nehmen, lässt er nicht gelten.
Weiter geht es mit Kreuzberg. Da sei Dan vor fünfzehn Jahren zu Besuch gewesen und es hätten sich keine Polizisten dort hin getraut. Wegen der linken Szene und den Gangster-Türken.
Da ich mich seit mindestens fünfzehn Jahren gelegentlich in Kreuzberg herumtreibe, kontere ich, dass sich heute, wie damals immer Polizisten in lockerem Gebaren und ohne schussbereite Waffen gesehen habe und dieses Klischee vielmehr linksalternativer Wunschvorstellungen entspräche und hoffe zu gleich ihn nicht zu sehr mit der Aussage desavouiert zu haben.
Wohl auch weil das Publikum überschaubar ist, nimmt Dan es mit Fassung und lächelt milde. Dennoch beharrt er, im besten Schwarz-Weiß-Denken verhaftet, auf die genuine Unterschiedlichkeit der Menschen, insbesondere dargelegt an den unterentwickelten Palästinensern und ihren geistigen moslemischen Landsmänner im Staate Israel, sowie auch den „echten Juden“, die das Land in harter, fleißiger Arbeit urbar- und zu dem hochentwickelten Staat gemacht haben, der er heute ist.
Trotz dieser teils verwirrenden Aussagen bleibt auch hier wieder der Eindruck bestehen, dass ich Dan, unter Ausschluss seiner politischen Ansichten, als Menschen mag. Er ist total gastfreundlich und zuvorkommend, beherbergt Menschen aller Religionen und Länder und ist auch bei unserer Diskussion nie ausfällig, aggressiv oder belehrend geworden. Zu keinem Zeitpunkt des Gesprächs stellte sich bei mir eine unangenehme Befangenheit ein heikle Themen nicht zu hinterfragen, oder Argumente bei sich behalten zu müssen. Sogar die vermeintliche Jokerkarte, dass man als Ausländer, oder sogar insbesondere als Deutscher, die Sichtweise der Israelis niemals verstehen könne, hat er ausgespart zu ziehen, auch wenn ich fast darauf spekuliert habe.
So sehr ich die humanistische Welt, wie sie in der eurozentrischen Sichtweise vorzufinden ist, schätze, überkommen mich doch auch kritische Gedanken zu den Bevormundungstendenzen, die aus diesem Luxus gegenüber Ländern entstehen, die mit gänzlich anderen Lebensumständen und Problemen konfrontiert sind. Wir postulieren eine Welt mit überbordender Menschlichkeit, die in ihrem Wahn das menschliche Verhaltens zu perfektionieren dem Menschen keinerlei Raum mehr lässt menschlich und fehlerbehaftet zu sein. So schlimm Ignoranz, Ressentiments, das Streben nach der eigenen Scholle und die Verteidigung dieser, sowie viele andere negativ konnotierte Phänomene auch sind, gehören sie doch genauso zum Menschsein dazu und machen dennoch nicht die Summe eines Menschen aus.
Ich habe in Dan, wie auch bei unzähligen Klientengesprächen auf meiner Arbeit, bei Radtouren durch die deutsche Provinz, in der deutschen Bahn etc. viele Begegnungen mit Menschen gehabt, die mir in Gesprächen zwar oberflächlich in ihren Ansichten als mindestens kurios vorkamen, aber sich im innersten doch als nette Menschen präsentierten, die, vorausgesetzt man nähert sich ihnen mit aufrichtigem Interesse und Empathie, einem an ihrem guten Kern teilhaben lassen.
Bitte an dieser Stelle nicht falsch verstehen, dass ich Nationalismus und Engstirnigkeit gutheißen, oder verharmlosen möchte; das nicht. Aber ich denke, dass der Weg immer über gegenseitige Wertschätzung gehen muss. Sicherlich gelingt das nicht bei allen und es gibt genug Kameraden und Kameradinnen, deren Horizont zwischen Memel und Maas, oder gar nicht weiter als zur Interzonengrenze reicht. Dennoch vermute ich bei einem gewissen Schlag von Menschen mehr Potential als gemeinhin kolportiert wird.
So komme ich zu dem Schluss, dass in jedem Menschen das Gute überwiegt, diesem Guten aber auch ein sensibles und äußerst fragiles Wesen innewohnt, dass die Fähigkeit besitzt schnell ins Gegenteil umzuschlagen. Man muss es ein wenig kitzeln und umschmeicheln, was vielen Menschen wegen ihrer ideologischen Voreingenommenheit und Überzeugung leider nur zu schwer fällt und oft genug für eine unüberwindbare Segregation sorgt.
Über das für und wieder jeweiliger Positionen gelingt es sich mit Dan zumindest auszutauschen, ohne in eine Starre aus gegenseitiger Schuldzuweisungen und Überfrachtung von Argumenten zu geraten. Eine Diskussionskultur, wie ich sie mancherorts leider nur zu oft vermisse.
Aus diesen Überlegungen heraus gönne ich Dan die Möglichkeit sich mit seinem Hostel die Bühne für sein Ego und seine Ansichten geschaffen zu haben und dennoch bei Widerspruch zu seinen Aussagen eine aufrichtige Gastfreundschaft beibehalten zu können.
Gegen Mitternacht verabschiedet sich Dan zu seiner Familie; morgen früh müsse er Geschäftsleute nach Eilat bringen. Aber nachmittags habe er vor mit seiner älteren Tochter in seinem Jeep in die Wüste zu fahren; ob wir mitwollen?
Silke überlegt will es sich überlegen, ich lehne aber ab, da ich mir morgen den ganzen Tag Zeit für die Altstadt nehmen möchte.
Silke und ich unterhalten uns noch ein wenig und verabreden uns lose für morgen Abend auf ein Bier in einem großen Hostel, in dem eine Freundin von ihr arbeitet.
Dann begeben wir uns in das Sechsbettzimmer, in dem Kate so derbe Schnarchgeräusche von sich gibt, dass selbst meine angesabberten Klopapierstückchen nicht gegen den Lärm ankommen. Glücklicherweise entschließt sich meine Verdauung dazu, die riesige Ladung an orientalischem Essen in markantes Fluidum umzuwandeln, so dass ich die Geräuschkulisse um nicht nur tonintensive Abgänge ergänzen kann. Eigentlich ziemlich unverschämt. Von wegen: Deutscher Gasangriff , diesmal sogar auf jüdischem Staatsgebiet. Da hätte nicht nur die Bildzeitung eine Schlagzeile. Glücklicherweise ist das kleine Fenster weit geöffnet.
Etwas verschämt schaffe ich es erst nach einiger Zeit einzuschlafen und träume von friedlichen Wiesen voller Veilchenduft.