Sonntag, 6. Januar 2019

ISRAEL 2018 - Tag 3, Teil I


Gerne erzählt meine Mutter eine Anekdote die sich bei meiner Geburt zugetragen haben soll.
Noch mit ihr verkabelt wäre ich nicht direkt in quäkendes Säuglingsgeheul verfallen, sondern hätte als erster Akt meines Lebens dem Frauenarzt übers Bein gepinkelt.
Noch heute habe ich am Leben nichts auszusetzen, leide aber an einer gewissen Blasenschwäche, die mich etwa alle zwei Stunden zur Toilette treibt. In der Nacht schaffe ich es gelegentlich durchzuschlafen, muss aber meist nach etwa vier Stunden dem Druck nachgeben. Nach dem Aufstehen schaffe ich es teilweise zwei Minuten lang durch zu pinkeln. Eine beachtliche Leistung, wie ich finde.
Aber wie soll das erst mit zunehmendem Alter und körperlicher Gebrechlichkeit einhergehen? Naja, ist ja noch eine Weile hin.
Was dem einen seine Schuppenflechte ist, findet bei mir eben seinen Ausdruck in reichlicher Harnstoffabsonderung.
So wache ich bereits um 04:30 Uhr auf und schlurfe zur Toilette. Da ich meinen Wecker eh auf 05:00 Uhr gestellt habe, macht es nun keinen Sinn mehr sich hinzulegen.
Stattdessen packe ich lieber meine Sachen, brühe mir einen türkischen Kaffee und mache mich über die beiden Pampelmusen her. Diese sind leider derart kompliziert zu essen, dass ich nach einigen Schneid- und Löffelversuchen aufgebe und das drohende Massaker durch Auspressen des Saftes zu umgehen versuche.
Wenn das Essen heute schon so scheiße ist, wie muss es dann erst vor 2000 Jahren gewesen sein?
Um 05:20 regt es sich in einem anderen Zelt und die beiden verpennten Berliner Jungs tauchen mit ihren Zahnbürsten auf.
Eine Viertelstunde später sitzen wir in ihrem voll bepackten Auto und fahren durch den stockdunklen Morgen gen Süden.
Als Ehrenmann biete ich Ihnen Spritgeld an. Als Ehrenmänner wollen sie kein Spritgeld annehmen.
Danke schön! Gern geschehen!
Das Edelattribut vieler Örtlichkeiten ist der angeblich so beeindruckende Sonnenauf-, oder Untergang, den man nur da in wunderschön romantischer und dramatischer Form erleben könne.
Deswegen wollen wir auch bereits spätestens um 06:00 Uhr am Fuße des Berges sein und dann von der Festung aus die Sonne über den jordanischen Bergen aufgehen sehen.
Als wir wenige Minuten später den Parkplatz des Nationalparks Masada erreichen, sind bereits einige Reisebusse und PKWs vor Ort und es hat sich eine lange Schlange vor dem Kassenhäuschen gebildet.
Offensichtlich sind wir nicht die einzigen, die sich der goldenen Morgenstunde hingeben möchten.
Die beiden Berliner sind sehr sympathisch und so vertreiben wir uns die Zeit mit Späßchen und Small-Talk. Der Eine promoviere nur, weil er als Biologe ansonsten schlechtere Jobchancen hätte. Lehrer wolle er nicht werden und schon gar nicht als Quereinsteiger. Der Andere promoviere in Literatur und schreibe über die israelische Schriftstellerszene nach dem zweiten Weltkrieg. Deswegen sein die beiden nun auch auf einer zweiwöchigen Recherchereise durch das heilige Land.
Nach etwa einer Stunde Anstehen sind wir endlich an der Reihe. Noch ist es nicht am dämmern, aber ein heller Streifen wird langsam am östlichen Firmament ersichtlich. Jetzt heißt es Beeilung. Zwar könne man auch die Seilbahn nehmen, was für uns jedoch nicht in Frage kommt. Der Ehre halber und weil das Ding extra kostet.
So machen wir uns gemeinsam an die unzähligen Stufen, die sich in wirren Linien den Berg hochwinden. Etwa 300 Höhenmeter wollen bewältigt werden.
Da die beiden Jungs im Anschluss direkt weiter nach Ein Gedi fahren wollen, ich aber nach Jerusalem möchte und wir sicherlich unterschiedliche Tempi und Interessen bezüglich der Besichtigung des Festung haben werden, habe ich meinen Rucksack mitgenommen und schleppe diesen klebrig feucht an meinen Rücken gepappt mit nach oben.
Die erste viertel Stunde des Aufstiegs laufen wir als Dreiergruppe und spaßen rum. Irgendwann gehen bei dem sportlichen Biologen jedoch die Gäule durch und er setzt sich von uns beiden trägen Geisteswissenschaftlern ab.
Es ist schon Spektakel genug zu sehen, wer sich hier am frühen morgen bereits den Berg hoch quält. Hochrote Köpfe treffen auf ächzende Kehlen. Falsches Schuhwerk auf nigelnagelneues Outdoor-Equipment. Hektoliterweise wird Wasser gesoffen.
Ein Schlucken und Grunzen wie an einem vertikal ausgerichteten Trog.
Vielerorts wird sich auf dem hochgestellten Knie abgestützt und nach unten gestöhnt. Menschen motivieren und helfen sich. Reden aufeinander ein. Andere wiederum kennen nur ein Ziel: den schnellsten Weg nach oben.
Der Berg ruft und wir alle sind seine Jünger.
Noch ist keiner gestürzt, noch keiner zusammengeklappt. Noch...
Menschlichkeit in seiner reinsten Form.
Was HaPe Kerkeling in seinem Buch „Ich bin dann mal weg“ auf weit über dreihundert Seiten beschrieben hat, erlebe ich hier in wenigen Minuten.
Da ich erst im März meine kleine Tochter auf den Schultern die komplette Akropolis hoch und wieder herunter getragen habe, bin ich noch gut im Saft und mein Rucksack bereitet mir nur bedingt Schwierigkeiten. Dafür halten ich und mein Kumpane mit zunehmender Höhe immer länger den Mund und beschränken uns auf kurze ironische Kommentare. Ein Flimmern der Übernächtigung und Überanstrengung wird zunehmend vor meinen Augen sichtbar.
Ächz, Stöhn!
Plötzlich wird die vorgelagerte Seilbahnstation sichtbar und ein vor uns laufender, sichtlich erschöpft wirkender ostasiatischer Tourist in knallgelbem T-Shirt dreht sich zu uns um und bemerkt übeglücklich:
„We are getting closer!“
Der Literaturwissenschaftler und ich gucken uns an und antworten unisono:
„We are also getting closer... to you!“ und legen merkbar an Tempo zu, um den Überbringer der frohen Kunde zu einer letzten Höchstleistung anzustacheln. Gackernd spornen wir uns kurzzeitig zu dritt an die letzten Höhenmeter mit Würde zu nehmen. Nach einer guten halben Stunde haben wir die Myriaden der in unterschiedlicher Größe in den Fels gehauenen Stufen erklommen.
Nach dem Abschlagen mit dem Asiaten stellen wir zufrieden fest, dass wir weitaus mehr Menschen überholt haben, als selber überholt zu werden.
Ein Blick nach Osten zeigt, dass die Sonne den Bergkamm noch nicht überwunden hat.
Obwohl uns die Festung zu Füßen liegt, ist erstmal niemand an ihr interessiert. Alles strebt der Ostflanke zu, an der es sich vortrefflich Photos vom Sonnenaufgang machen lässt.
Ich nehme meinen Rucksack ab und stelle fest, dass mein Hemd total durchgeschwitzt ist. Ich lasse mich damit fotografieren und wechsle es gegen ein Longsleeve, das zufällig in den israelischen Nationalfarben Blau und weiß gestreift ist.
Durch das Auswringen des Hemdes beglücke ich die darunter liegenden Quadratzentimeter Boden sicherlich mit einem Vielfachen des jährlichen Niederschlags.
Nachdem auch ich ein schönes Plätzchen zum Fotografieren gefunden habe geht tatsächlich die Sonne auf. Ein meist auf Holländisch, oder Skandinavisch gehaltenes Raunen ertönt auf der Aussichtsplattform.
Aaaah, Ooooh!
Ich habe schon viele ähnliche Spektakel gesehen und finde Sonnenuntergänge persönlich atmosphärisch schöner, aber es hat dennoch einen besonderen Reiz früh aufgestanden und sich verausgabt zu haben und dafür dann mit dieser Aussicht belohnt zu werden.
Als die Sonne endlich über den Kamm ist, wird es sichtlich wärmer und wir drei verabschieden uns voneinander.
Danke nochmals fürs Mitnehmen und Adieu!
Die Besichtigung der Burg spare ich mir für später auf, denn ich habe Kohldampf und mir mein Frühstück redlich erklettert. Heute gibt es die Reste der gestrigen Einkäufe.
Dann mache ich mich an die Erkundung des Areals. Auf einigen Hektar stand hier eine große Befestigungsanlage, in der sich 70 nach Christus knapp Tausend jüdische Männer, Frauen und Kinder verschanzt hielten und monatelang den römischen Belagerern trotzten. Des Belagerns überdrüssig bauten diese alsbald eine noch jetzt eindrucksvoll erhaltene Rampe, um mit Rammböcken das Tor zu demolieren. Nach erfolgreicher Stürmung fanden die römischen Soldaten und ihre Schergen allerdings nur Tote vor. Die Menschen zogen es vor in Freiheit zu sterben, anstatt den Besatzern in die Hände zu fallen.
Aus diesem Grunde steht Masada symbolisch für den Freiheitswillen des jüdischen Volkes.
Ich für meinen Teil wäre wohl zu opportunistisch gewesen, um mich und meine Familie zu opfern und hätte es ev. den wenigen Frauen und Kindern gleich getan, die sich vor dem kollektiven Selbstmord verstecken konnten und die Gefangenschaft der Römer vorzogen.
Gedankenschwer begehe ich die teilweise sehr gut erhaltenen Paläste, Zweckbauten und riesigen Zisternen, die tausende Liter von Wasser auffingen und so den Belagerten ein langes Ausharren ermöglichten.
Auf diversen Tafeln wird dargestellt, wie die Bauten damals verziert waren und teilweise sind Fragmente und Ornamente der Handwerkskunst noch gut ersichtlich, so dass einem gewahr wird, wie kunstfertig und fortschrittlich die Menschen damals bereits waren.
Unter Berücksichtigung der widrigsten Umstände, die in dieser Wüstenumgebung herrschen, muss man den damaligen Menschen einmal mehr Respekt zollen.
Wohin man von der Festung auch guckt, sieht man nichts als Wüste, Berge und zerklüftetes Gestein. Eine wahrlich eindrucksvolle Landschaft.
Wenig später höre ich laute Rufe und Gesänge. Offensichtlich geht im nördlichen Teil der Anlage etwas vor sich.
Mehrere Gruppen junger Soldaten laufen mit einer Art Holzkreuz auf den Schultern um die Wette. Am Zielpunkt warten bereits andere Soldaten und feuern sie an. Offensichtlich handelt es sich hier um eine Übung, in der verschiedene Gruppen im Wettkampf miteinander eine Aufgabe erledigen müssen. Gleichzeitig überkreist uns eine Cessna mit dröhnendem Motor im Tiefflug.
Nach wenigen Minuten scheinen alle Gruppen sichtlich erschöpft am Ziel eingetroffen zu sein. Der Typ mit den meisten Keksen auf der Schulter hält eine kurze Rede, schüttelt dann jedem die Hand und überreicht allen Soldaten etwas. Dann wird ein Lied gesungen und der Abzug angeordnet. Vereinzelt klatschen offenbar israelische Touristen und klopfen den Uniformierten auf die Schultern.
Für die 24 NIS Eintrittsgeld bekommt man wahrlich etwas geboten.
Das neben dem Militärischen auch die Religion damals, wie heute eine wichtige Rolle spielt(e ) wird an einem alten Gebetshaus deutlich, dass allerdings kein Dach mehr hat.
Diesem Umstand ist es zu verdanken, dass ich überhaupt auf das Treiben im Inneren aufmerksam werde. Dort stehen mehrere Dutzend Männer und Jungen zusammen, tragen den Tefillin, den für gläubige Juden typischen Gebetsriemen, und verrichten ihr Morgengebet.
Andächtig lausche ich dem Gemurmel und freue mich schon fast auf mögliche Erweckungserlebnisse in Jerusalem.
Doch immer der Reihe nach.
Erstmal muss ich wieder runter vom Berg und dann den Bus nach Jerusalem kriegen.
So mache ich mich nach etwa zwei Stunden Aufenthalt kurz nach 10:00 Uhr an den Abstieg. Dieser ist noch anstrengender als der Aufstieg, da mich meine Knie bei jeder Stufe peinigen.
Über 22 Jahre Skateboardfahren und gelegentliches Fußballspielen hinterlassen deutliche Spuren.
Nun muss ich zusehen, wie ich nach Jerusalem komme. Zwar ist die Bushaltestelle genau am Eingang gelegen, doch unklar, wann der nächste Bus kommt, da die Infotafel nur auf Hebräisch beschriftet ist und die Uhrzeiten mindestens eine halbe Stunde Wartezeit aussagen; in welche Richtung auch immer.
Um die Zeit sinnvoll zu überbrücken, entscheide ich mich mein Glück beim Trampen zu versuchen.
Leider herrscht kaum Individualverkehr, da die meisten Touristen mit Bussen angereist sind, oder sich noch auf dem Berg befinden. So sind es lediglich ein paar Autos der Nationalparkbehörde und Busse, die an mir vorbei fahren und deren Fahrer teilweise entschuldigend mit den Achseln zucken.
Hoffentlich kommt blad der Bus, denn zunehmend nerven mich kleine Fliegen, die es darauf abgesehen haben mich unentwegt an den freien Körperstellen zu nerven.
Sieben auf einen Streich würde hier nichts nützen. Ich sehe mich mit einer Übermacht konfrontiert, derer ich mich nur durch ein rasches Besteigen eines Automobils entledigen kann.


























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