Gerne erzählt meine Mutter eine Anekdote die sich bei meiner
Geburt zugetragen haben soll.
Noch mit ihr verkabelt wäre ich nicht direkt in quäkendes
Säuglingsgeheul verfallen, sondern hätte als erster Akt meines Lebens dem
Frauenarzt übers Bein gepinkelt.
Noch heute habe ich am Leben nichts auszusetzen, leide aber an
einer gewissen Blasenschwäche, die mich etwa alle zwei Stunden zur Toilette
treibt. In der Nacht schaffe ich es gelegentlich durchzuschlafen, muss aber
meist nach etwa vier Stunden dem Druck nachgeben. Nach dem Aufstehen schaffe
ich es teilweise zwei Minuten lang durch zu pinkeln. Eine beachtliche Leistung,
wie ich finde.
Aber wie soll das erst mit zunehmendem Alter und körperlicher
Gebrechlichkeit einhergehen? Naja, ist ja noch eine Weile hin.
Was dem einen seine Schuppenflechte ist, findet bei mir eben
seinen Ausdruck in reichlicher Harnstoffabsonderung.
So wache ich bereits um 04:30 Uhr auf und schlurfe zur Toilette.
Da ich meinen Wecker eh auf 05:00 Uhr gestellt habe, macht es nun keinen Sinn
mehr sich hinzulegen.
Stattdessen packe ich lieber meine Sachen, brühe mir einen
türkischen Kaffee und mache mich über die beiden Pampelmusen her. Diese sind
leider derart kompliziert zu essen, dass ich nach einigen Schneid- und
Löffelversuchen aufgebe und das drohende Massaker durch Auspressen des Saftes
zu umgehen versuche.
Wenn das Essen heute schon so scheiße ist, wie muss es dann erst
vor 2000 Jahren gewesen sein?
Um 05:20 regt es sich in einem anderen Zelt und die beiden
verpennten Berliner Jungs tauchen mit ihren Zahnbürsten auf.
Eine Viertelstunde später sitzen wir in ihrem voll bepackten Auto
und fahren durch den stockdunklen Morgen gen Süden.
Als Ehrenmann biete ich Ihnen Spritgeld an. Als Ehrenmänner wollen
sie kein Spritgeld annehmen.
Danke schön! Gern geschehen!
Das Edelattribut vieler Örtlichkeiten ist der angeblich so
beeindruckende Sonnenauf-, oder Untergang, den man nur da in wunderschön
romantischer und dramatischer Form erleben könne.
Deswegen wollen wir auch bereits spätestens um 06:00 Uhr am Fuße
des Berges sein und dann von der Festung aus die Sonne über den jordanischen
Bergen aufgehen sehen.
Als wir wenige Minuten später den Parkplatz des Nationalparks
Masada erreichen, sind bereits einige Reisebusse und PKWs vor Ort und es hat
sich eine lange Schlange vor dem Kassenhäuschen gebildet.
Offensichtlich sind wir nicht die einzigen, die sich der goldenen
Morgenstunde hingeben möchten.
Die beiden Berliner sind sehr sympathisch und so vertreiben wir
uns die Zeit mit Späßchen und Small-Talk. Der Eine promoviere nur, weil er als
Biologe ansonsten schlechtere Jobchancen hätte. Lehrer wolle er nicht werden
und schon gar nicht als Quereinsteiger. Der Andere promoviere in Literatur und
schreibe über die israelische Schriftstellerszene nach dem zweiten Weltkrieg.
Deswegen sein die beiden nun auch auf einer zweiwöchigen Recherchereise durch
das heilige Land.
Nach etwa einer Stunde Anstehen sind wir endlich an der Reihe.
Noch ist es nicht am dämmern, aber ein heller Streifen wird langsam am
östlichen Firmament ersichtlich. Jetzt heißt es Beeilung. Zwar könne man auch
die Seilbahn nehmen, was für uns jedoch nicht in Frage kommt. Der Ehre halber
und weil das Ding extra kostet.
So machen wir uns gemeinsam an die unzähligen Stufen, die sich in
wirren Linien den Berg hochwinden. Etwa 300 Höhenmeter wollen bewältigt werden.
Da die beiden Jungs im Anschluss direkt weiter nach Ein Gedi
fahren wollen, ich aber nach Jerusalem möchte und wir sicherlich
unterschiedliche Tempi und Interessen bezüglich der Besichtigung des Festung
haben werden, habe ich meinen Rucksack mitgenommen und schleppe diesen klebrig
feucht an meinen Rücken gepappt mit nach oben.
Die erste viertel Stunde des Aufstiegs laufen wir als Dreiergruppe
und spaßen rum. Irgendwann gehen bei dem sportlichen Biologen jedoch die Gäule
durch und er setzt sich von uns beiden trägen Geisteswissenschaftlern ab.
Es ist schon Spektakel genug zu sehen, wer sich hier am frühen
morgen bereits den Berg hoch quält. Hochrote Köpfe treffen auf ächzende Kehlen.
Falsches Schuhwerk auf nigelnagelneues Outdoor-Equipment. Hektoliterweise wird
Wasser gesoffen.
Ein Schlucken und Grunzen wie an einem vertikal ausgerichteten Trog.
Vielerorts wird sich auf dem hochgestellten Knie abgestützt und
nach unten gestöhnt. Menschen motivieren und helfen sich. Reden aufeinander
ein. Andere wiederum kennen nur ein Ziel: den schnellsten Weg nach oben.
Der Berg ruft und wir alle sind seine Jünger.
Noch ist keiner gestürzt, noch keiner zusammengeklappt. Noch...
Menschlichkeit in seiner reinsten Form.
Was HaPe Kerkeling in seinem Buch „Ich bin dann mal weg“ auf weit über
dreihundert Seiten beschrieben hat, erlebe ich hier in wenigen Minuten.
Da ich erst im März meine kleine Tochter auf den Schultern die
komplette Akropolis hoch und wieder herunter getragen habe, bin ich noch gut im
Saft und mein Rucksack bereitet mir nur bedingt Schwierigkeiten. Dafür halten
ich und mein Kumpane mit zunehmender Höhe immer länger den Mund und beschränken
uns auf kurze ironische Kommentare. Ein Flimmern der Übernächtigung und
Überanstrengung wird zunehmend vor meinen Augen sichtbar.
Ächz, Stöhn!
Plötzlich wird die vorgelagerte Seilbahnstation sichtbar und ein
vor uns laufender, sichtlich erschöpft wirkender ostasiatischer Tourist in
knallgelbem T-Shirt dreht sich zu uns um und bemerkt übeglücklich:
„We are getting closer!“
Der Literaturwissenschaftler und ich gucken uns an und antworten
unisono:
„We are also getting closer... to you!“ und legen merkbar an Tempo
zu, um den Überbringer der frohen Kunde zu einer letzten Höchstleistung
anzustacheln. Gackernd spornen wir uns kurzzeitig zu dritt an die letzten
Höhenmeter mit Würde zu nehmen. Nach einer guten halben Stunde haben wir die
Myriaden der in unterschiedlicher Größe in den Fels gehauenen Stufen erklommen.
Nach dem Abschlagen mit dem Asiaten stellen wir zufrieden fest,
dass wir weitaus mehr Menschen überholt haben, als selber überholt zu werden.
Ein Blick
nach Osten zeigt, dass die Sonne den Bergkamm noch nicht überwunden hat.
Obwohl uns die Festung zu Füßen liegt, ist erstmal niemand an ihr
interessiert. Alles strebt der Ostflanke zu, an der es sich vortrefflich Photos
vom Sonnenaufgang machen lässt.
Ich nehme meinen Rucksack ab und stelle fest, dass mein Hemd total
durchgeschwitzt ist. Ich lasse mich damit fotografieren und wechsle es gegen
ein Longsleeve, das zufällig in den israelischen Nationalfarben Blau und weiß
gestreift ist.
Durch das Auswringen des Hemdes beglücke ich die darunter
liegenden Quadratzentimeter Boden sicherlich mit einem Vielfachen des
jährlichen Niederschlags.
Nachdem auch ich ein schönes Plätzchen zum Fotografieren gefunden
habe geht tatsächlich die Sonne auf. Ein meist auf Holländisch, oder
Skandinavisch gehaltenes Raunen ertönt auf der Aussichtsplattform.
Aaaah, Ooooh!
Ich habe schon viele ähnliche Spektakel gesehen und finde Sonnenuntergänge
persönlich atmosphärisch schöner, aber es hat dennoch einen besonderen Reiz
früh aufgestanden und sich verausgabt zu haben und dafür dann mit dieser
Aussicht belohnt zu werden.
Als die Sonne endlich über den Kamm ist, wird es sichtlich wärmer
und wir drei verabschieden uns voneinander.
Danke nochmals fürs Mitnehmen und Adieu!
Die Besichtigung der Burg spare ich mir für später auf, denn ich
habe Kohldampf und mir mein Frühstück redlich erklettert. Heute gibt es die
Reste der gestrigen Einkäufe.
Dann mache ich mich an die Erkundung des Areals. Auf einigen
Hektar stand hier eine große Befestigungsanlage, in der sich 70 nach Christus
knapp Tausend jüdische Männer, Frauen und Kinder verschanzt hielten und
monatelang den römischen Belagerern trotzten. Des Belagerns überdrüssig bauten
diese alsbald eine noch jetzt eindrucksvoll erhaltene Rampe, um mit Rammböcken
das Tor zu demolieren. Nach erfolgreicher Stürmung fanden die römischen
Soldaten und ihre Schergen allerdings nur Tote vor. Die Menschen zogen es vor
in Freiheit zu sterben, anstatt den Besatzern in die Hände zu fallen.
Aus diesem Grunde steht Masada symbolisch für den Freiheitswillen
des jüdischen Volkes.
Ich für meinen Teil wäre wohl zu opportunistisch gewesen, um mich
und meine Familie zu opfern und hätte es ev. den wenigen Frauen und Kindern
gleich getan, die sich vor dem kollektiven Selbstmord verstecken konnten und
die Gefangenschaft der Römer vorzogen.
Gedankenschwer begehe ich die teilweise sehr gut erhaltenen
Paläste, Zweckbauten und riesigen Zisternen, die tausende Liter von Wasser
auffingen und so den Belagerten ein langes Ausharren ermöglichten.
Auf diversen Tafeln wird dargestellt, wie die Bauten damals
verziert waren und teilweise sind Fragmente und Ornamente der Handwerkskunst
noch gut ersichtlich, so dass einem gewahr wird, wie kunstfertig und
fortschrittlich die Menschen damals bereits waren.
Unter Berücksichtigung der widrigsten Umstände, die in dieser
Wüstenumgebung herrschen, muss man den damaligen Menschen einmal mehr Respekt
zollen.
Wohin man von der Festung auch guckt, sieht man nichts als Wüste,
Berge und zerklüftetes Gestein. Eine wahrlich eindrucksvolle Landschaft.
Wenig später höre ich laute Rufe und Gesänge. Offensichtlich geht
im nördlichen Teil der Anlage etwas vor sich.
Mehrere Gruppen junger Soldaten laufen mit einer Art Holzkreuz auf
den Schultern um die Wette. Am Zielpunkt warten bereits andere Soldaten und feuern
sie an. Offensichtlich handelt es sich hier um eine Übung, in der verschiedene
Gruppen im Wettkampf miteinander eine Aufgabe erledigen müssen. Gleichzeitig
überkreist uns eine Cessna mit dröhnendem Motor im Tiefflug.
Nach wenigen Minuten scheinen alle Gruppen sichtlich erschöpft am
Ziel eingetroffen zu sein. Der Typ mit den meisten Keksen auf der Schulter hält
eine kurze Rede, schüttelt dann jedem die Hand und überreicht allen Soldaten
etwas. Dann wird ein Lied gesungen und der Abzug angeordnet. Vereinzelt
klatschen offenbar israelische Touristen und klopfen den Uniformierten auf die
Schultern.
Für die 24 NIS Eintrittsgeld bekommt man wahrlich etwas geboten.
Das neben dem Militärischen auch die Religion damals, wie heute eine
wichtige Rolle spielt(e ) wird an einem alten Gebetshaus deutlich, dass
allerdings kein Dach mehr hat.
Diesem Umstand ist es zu verdanken, dass ich überhaupt auf das
Treiben im Inneren aufmerksam werde. Dort stehen mehrere Dutzend Männer und
Jungen zusammen, tragen den Tefillin, den für gläubige Juden typischen
Gebetsriemen, und verrichten ihr Morgengebet.
Andächtig lausche ich dem Gemurmel und freue mich schon fast auf
mögliche Erweckungserlebnisse in Jerusalem.
Doch immer der Reihe nach.
Erstmal muss ich wieder runter vom Berg und dann den Bus nach
Jerusalem kriegen.
So mache ich mich nach etwa zwei Stunden Aufenthalt kurz nach
10:00 Uhr an den Abstieg. Dieser ist noch anstrengender als der Aufstieg, da
mich meine Knie bei jeder Stufe peinigen.
Über 22 Jahre Skateboardfahren und gelegentliches Fußballspielen
hinterlassen deutliche Spuren.
Nun muss ich zusehen, wie ich nach Jerusalem komme. Zwar ist die
Bushaltestelle genau am Eingang gelegen, doch unklar, wann der nächste Bus
kommt, da die Infotafel nur auf Hebräisch beschriftet ist und die Uhrzeiten
mindestens eine halbe Stunde Wartezeit aussagen; in welche Richtung auch immer.
Um die Zeit sinnvoll zu überbrücken, entscheide ich mich mein
Glück beim Trampen zu versuchen.
Leider herrscht kaum Individualverkehr, da die meisten Touristen
mit Bussen angereist sind, oder sich noch auf dem Berg befinden. So sind es
lediglich ein paar Autos der Nationalparkbehörde und Busse, die an mir vorbei
fahren und deren Fahrer teilweise entschuldigend mit den Achseln zucken.
Hoffentlich kommt blad der Bus, denn zunehmend nerven mich kleine
Fliegen, die es darauf abgesehen haben mich unentwegt an den freien Körperstellen
zu nerven.
Sieben auf einen Streich würde hier nichts nützen. Ich sehe mich
mit einer Übermacht konfrontiert, derer ich mich nur durch ein rasches
Besteigen eines Automobils entledigen kann.











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