Samstag, 19. Januar 2019

ISRAEL 2018 - Tag 3, Teil V

Überfressen, wie ich bin, packt mich das schlechte Gewissen und ich beschließe noch einen kleinen Verdauungsspaziergang zu machen. Ich laufe drauf los und komme alsbald zu einem Hügel, von dem aus man über die Stadt gucken kann. Diese ist leider in Dunst gehüllt, so dass nur verwaschene Lichter zu erkennen sind. Ich entschließe mich umzukehren, als meine Aufmerksamkeit auf einen kleinen schwarzen Haufen gelenkt wird. Die Straße ist hier breit und es gibt einen Seitenstreifen, auf dem vereinzelt Autos parken. Etwa fünf Meter von mir entfernt tut sich zwischen zwei Wagen eine Lücke auf und dort liegt ein kleines Katzenjunges, grad erst dem Mutterschoße entschlüpft und vielleicht noch nicht gänzlich abgestillt, mutterseelenallein auf dem harten Asphalt und gibt keuchende Geräusche von sich. Ich bin unschlüssig, wie ich reagieren soll. Ist die kleine schwer krank, verletzt und entkräftet, oder schläft sie einfach nur? Das Keuchen und die absolute Bewegungslosigkeit, trotz meiner Anwesenheit, erschrecken mich. Das arme kleine Ding. Sicher, eine der tausenden Straßenkatzen, aber dennoch ein Lebewesen, zu dem ich, durch die Erfahrung selber mal eine Katze gehabt zu haben, doch eine Art Beziehung aufbauen kann.
Ich bin kurz davor es aufzusammeln. Doch wohin mit ihm? In die Wohnung? Na, da wird sich der Besitzer sicher freuen. Zu einem Tierarzt bringen? Jetzt, am späten Abend und ohne Ahnung wie einer zu finden wäre?
Pah! Träum weiter.
Ich wende mich ab; muss zu sehr an meine beiden Töchter denken und den Schmerz, den es bereiten würde, sie zu verlieren. Trotzdem gehe ich einfach weg und überlasse das sterbende Kätzchen seinem Schicksal. Lasse es alleine.
Wie hätte ich reagiert, wenn ich im tiefsten afrikanischen Busch ein sterbendes Kind gefunden hätte? Wäre ich auch einfach weggegangen?
Wo fängt Mitleid und Hilfe an und wo hört es auf? Kann man zwischen Mensch und Tier unterscheiden? Wo sind die Grenzen von Ethik und Moral?
Ist es nur konsequent Hühnchenfleisch aus Massentierhaltung zu essen und nur eine halbe Stunde später ein Kätzchen alleine am Straßenrand sterben zu lassen und dabei vor der Vorstellung des Verlusts der eigenen Kinder zu erschaudern?
Wie geht es dann den Menschen, die in dieser Region nur allzu oft mit Fragen zu „anständigem“ Verhalten konfrontiert sind?
Ich kann es nicht beantworten, beschließe aber zwei Dinge. Erstens will ich morgen früh noch mal an den Fundort des Kätzchens zurückkehren und sie, sofern sie wirklich gestorben sein sollte, beerdigen. Für den Fall weiteren Leids werde ich spotna einen Plan überlegen. Zweitens werde ich unbedingt versuchen die Tour in das Westjordanland zu buchen, um eventuell ein bisschen mehr Einblick in das Leben dieser beiden größtenteils verfeindeten Menschengruppen zu erlangen, die einander gegenseitig trotz aller menschlichen Gemeinsamkeiten mit so viel Argwohn betrachten.
Ich blicke mich um, will dem kleinen Ding bei aller Feigheit wenigstens einen letzten Blick schenken, da kommt von vorne ein Auto und leuchtet mit seinen Scheinwerfer den Seitenstreifen aus, so dass die kleinen Augen der Katze zu zwei weißen reflektierenden Punkten werden und mir so einen beinahe schon mokanten Gruß des Hades zukommen lassen. Ich erschrecke mich und taumle hastig der Wohnung entgegen.
Wenige Minuten später schleppe ich mich die Stufen zur Wohnung hoch.
Nur schnell unter Menschen kommen, zum Leben zurückkehren.
In der Bude herrscht glücklicherweise keine Totenstille. Kate und Freddie liegen zwar schon im Bett, ebenso wie eine weitere Gestalt, die ich vorher nicht gesehen habe,
dafür sitzen aber im Erker der Wohnung eine Frau und eine Mann in etwa meinem Alter. Beide unterhalten sich auf Englisch, wobei seine Gesprächsanteile und Gestikulierungen der ihrigen bei weitem überwiegen. Ich grüße und frage, ob ich mich für ein paar Minuten dazu setzen darf, da ich mich nach der Begegnung mit dem Tod ein wenig ablenken muss.
Gerne doch!
„And by the way, i am Dan, owner of the Hostel!“
„Aaaaah, cool, nice to meet you, i am Philipp from Berlin. I booked via Booking.com“
Die Frau heißt Silke, kommt aus München und so weiter und so fort.
Jetzt habe ich also den altruistischen Gastgeber vor Augen. Bereits seine Beschreibung des Hostels bei dem Buchungsportal, wie auch seine Whatsapp-Nachricht nach der erfolgten Buchung waren bereits äußerst ausführlich und detailgenau. So füllte alleine die erste Willkommens-Mail mehr als zweimal den kompletten Bildschirm meines Smart-Phones. Die drei weiteren Mail enthielten Karten und detaillierte Beschreibungen zum Finden des Hostels und waren gespickt mit dutzenden Emoticons, die mich kurz überlegen lassen haben, ob ich anstatt in Jerusalem, doch wieder an dem besagten lauwarmen Strandabschnitt in Tel-Aviv gelandet bin.
Nun also Dan in Persona.
Kaum haben wir uns vorgestellt, springt Dan auf und macht mir einen Tee in der Küche und bietet mir zusätzlich ein Bier an. Tee gerne, Bier nein Danke.
Dann sitzen wir zu dritt am Tisch und die beiden nehmen ihr Gespräch wieder auf. Es geht um das kürzlich ratifizierte und äußerst umstrittene Gesetz zur Stärkung des jüdischen Charakters Israels. Dieses beinhaltet unter Anderem die Förderung der Prosperität von jüdischen Gemeinden, was unschwer als der Ausbau von Siedlungen im Westjordanland zu verstehen ist, sowie die Erhebung der hebräischen Sprache zur einzigen offizielle Landessprache. Damit wird das Arabische zu einer Sprache degradiert, die nur noch Sonderstatus hat, vormals aber ebenfalls als offizielle Landessprache anerkannt war.
Kritiker sehen Israel damit auf dem Weg der Abkehr von der Demokratie und auch zivilgesellschaftlich gibt es massive Proteste dagegen.
Silke vertritt gemäßigte, liberale Positionen, so wie man es von einer guten Deutschen erwartet und Dan poltert in reaktionärem Ton für das Gesetz und gibt innerhalb der nächsten Stunde einen interessanten Einblick in seine Denke, die sicherlich auch viele andere Israelis repräsentiert.
Seine Großeltern seien ende der 1940er Jahre wegen der anhaltenden Pogromstimmung der Bevölkerung gegen Juden aus dem Jemen nach Israel geflüchtet und seitdem in Jerusalem ansässig. Er habe einige Jahre bei der Armee gedient, sei in den ersten Jahren in Gaza stationiert gewesen und später zum Transportflugzeugpiloten ausgebildet worden. Er sei so gut gewesen, dass man ihn für die Special-Forces vorgeschlagen hätte, was er jedoch ausgeschlug, als er bemerkt hat, dass es dort nur darum ging die Soldaten so hart abstumpfen zu lassen, bis sie alles ertragen konnten. Die Armeezeit hätte ihn zu dem Mann gemacht, der er heute ist. Zu einem überzeugten und anständigen Patrioten. Dennoch sei er sehr weltgewandt und viel in der Welt herumgekommen. Da er seit einigen Jahren Vater zweier Kinder ist, als Pilot bei einer Charter-Airline arbeite und seitdem kaum noch Zeit zum Reisen hätte, habe er sich gedacht, hole ich die Welt doch zu mir nach Jerusalem.
So betreibt er seit einigen Jahren das kleine Hostel dessen Wohnzimmerwand eine große Weltkarte mit hunderten von Pinnnadeln ziert, die Aufschluss über die Herkunft seiner Gäste aus der ganzen Welt gibt.
In der Folge werde auch ich in das Gespräch mit einbezogen und wir geraten in ein Gespräch über Rechtstaatlichkeit und Repression. Silke ist zwar nicht dogmatisch im Sinne der antiimperialistischen Linken, vertritt aber dennoch die Meinung, dass Israel ungleich mit den verschiedenen Bevölkerungsanteilen verfährt.
Was viele Leute eventuell nicht wissen ist, dass in Israel nicht ausschließlich Juden wohnen, sondern etwa 20% moslemischen Glaubens sind, sowie weitere 5% anderen Religionen anhängen und insbesondere das Bevölkerungswachstum der Moslems bei manchen Juden den Eindruck der Bildung eines Staates im Staate erwachsen lässt.
Ich halte mich zurück und lasse die beiden Argumente austauschen, wobei ich mich ertappe doch eher auf Silkes Seite zu stehen, da Dan in seinen Ansichten ziemlich betoniert zu sein scheint. So scheint seine Auffassung von den wahren Israelis nicht nur die Moslems auszuschließen, sondern auch die Äthiopischen Juden. Die sogenannten Falaschen lebten unter ärmlichen Umständen, meist als Bauern in Äthiopien und flohen wie viele andere Bevölkerungsgruppen während der großen Hungersnot 1984 in den Sudan. In Folge der nachlassenden Migration nach Israel entschloss sich der jüdische Staat zu einer raffinierten Evakuierung der Falaschen. Über eine Luftbrücke konnten zum Jahreswechsel 1984/1985 etwa 7000 Menschen nach Israel geflogen werden, sahen sich hier jedoch schnell mit den üblichen Problemen des Zusammentreffens gänzlich verschiedener Kulturen konfrontiert. Den Falaschen fiel es schwer sich in der hochmodernen Gesellschaft anzupassen und die etablierten Israelis hatten teils erhebliche Ressentiments gegenüber den „ungebildeten und verlausten Bauern“, denen obendrein sogar unterstellt worden ist, keine richtigen Juden zu sein.
So gibt auch Dan in zynischem Ton von sich, dass, wie dem Deutschen seine Flüchtlings- und Appeasement-Politik gegenüber den Moslems, dem Juden seine karitative Großzügigkeit den Äthiopiern gegenüber zum Wohlfühlargument des eigenen Gewissens dient.
Mit Deutschland scheint Dan sich auch bestens aus zu kennen. Hätte er doch schließlich erst letztes Jahr eine Gruppe Berliner SEK-Polizisten, die in Israel einen Lehrgang absolviert haben sollen, beherbergt. Dass die Beamten, in Zeiten knapper Kassen und mangelnder Fürsorge für die eigenen Leute, hier in dieser Bruchbude schlafen mussten, kann man ja noch irgendwie so glauben, aber die folgenden Aussagen Dans empfinde ich dann doch zu viel des Guten. So hätte man eines Abends gemeinsam getrunken und der Chef der Polizisten hätte ihm im betrunkenen Zustand anvertraut, dass seine Vorgesetzten ihn dazu zwingen würden, die angebliche Einsatzrealität in der Erfahrung mit Moslems gegenüber der Allgemeinheit zu verschweigen. Mein Argument, dass in Deutschland gerade Polizisten der Historie wegen zu mündigen Bürgern erzogen werden, die sicherlich genau wissen, welche Rechte und Pflichten aus der Demokratie erwachsen und wir in diversen Talkshows keifende Polizeigewerkschafter sitzen haben, die kein Blatt vor den Mund nehmen, lässt er nicht gelten.
Weiter geht es mit Kreuzberg. Da sei Dan vor fünfzehn Jahren zu Besuch gewesen und es hätten sich keine Polizisten dort hin getraut. Wegen der linken Szene und den Gangster-Türken.
Da ich mich seit mindestens fünfzehn Jahren gelegentlich in Kreuzberg herumtreibe, kontere ich, dass sich heute, wie damals immer Polizisten in lockerem Gebaren und ohne schussbereite Waffen gesehen habe und dieses Klischee vielmehr linksalternativer Wunschvorstellungen entspräche und hoffe zu gleich ihn nicht zu sehr mit der Aussage desavouiert zu haben.
Wohl auch weil das Publikum überschaubar ist, nimmt Dan es mit Fassung und lächelt milde. Dennoch beharrt er, im besten Schwarz-Weiß-Denken verhaftet, auf die genuine Unterschiedlichkeit der Menschen, insbesondere dargelegt an den unterentwickelten Palästinensern und ihren geistigen moslemischen Landsmänner im Staate Israel, sowie auch den „echten Juden“, die das Land in harter, fleißiger Arbeit urbar- und zu dem hochentwickelten Staat gemacht haben, der er heute ist.
Trotz dieser teils verwirrenden Aussagen bleibt auch hier wieder der Eindruck bestehen, dass ich Dan, unter Ausschluss seiner politischen Ansichten, als Menschen mag. Er ist total gastfreundlich und zuvorkommend, beherbergt Menschen aller Religionen und Länder und ist auch bei unserer Diskussion nie ausfällig, aggressiv oder belehrend geworden. Zu keinem Zeitpunkt des Gesprächs stellte sich bei mir eine unangenehme Befangenheit ein heikle Themen nicht zu hinterfragen, oder Argumente bei sich behalten zu müssen. Sogar die vermeintliche Jokerkarte, dass man als Ausländer, oder sogar insbesondere als Deutscher, die Sichtweise der Israelis niemals verstehen könne, hat er ausgespart zu ziehen, auch wenn ich fast darauf spekuliert habe.
So sehr ich die humanistische Welt, wie sie in der eurozentrischen Sichtweise vorzufinden ist, schätze, überkommen mich doch auch kritische Gedanken zu den Bevormundungstendenzen, die aus diesem Luxus gegenüber Ländern entstehen, die mit gänzlich anderen Lebensumständen und Problemen konfrontiert sind. Wir postulieren eine Welt mit überbordender Menschlichkeit, die in ihrem Wahn das menschliche Verhaltens zu perfektionieren dem Menschen keinerlei Raum mehr lässt menschlich und fehlerbehaftet zu sein. So schlimm Ignoranz, Ressentiments, das Streben nach der eigenen Scholle und die Verteidigung dieser, sowie viele andere negativ konnotierte Phänomene auch sind, gehören sie doch genauso zum Menschsein dazu und machen dennoch nicht die Summe eines Menschen aus.
Ich habe in Dan, wie auch bei unzähligen Klientengesprächen auf meiner Arbeit, bei Radtouren durch die deutsche Provinz, in der deutschen Bahn etc. viele Begegnungen mit Menschen gehabt, die mir in Gesprächen zwar oberflächlich in ihren Ansichten als mindestens kurios vorkamen, aber sich im innersten doch als nette Menschen präsentierten, die, vorausgesetzt man nähert sich ihnen mit aufrichtigem Interesse und Empathie, einem an ihrem guten Kern teilhaben lassen.
Bitte an dieser Stelle nicht falsch verstehen, dass ich Nationalismus und Engstirnigkeit gutheißen, oder verharmlosen möchte; das nicht. Aber ich denke, dass der Weg immer über gegenseitige Wertschätzung gehen muss. Sicherlich gelingt das nicht bei allen und es gibt genug Kameraden und Kameradinnen, deren Horizont zwischen Memel und Maas, oder gar nicht weiter als zur Interzonengrenze reicht. Dennoch vermute ich bei einem gewissen Schlag von Menschen mehr Potential als gemeinhin kolportiert wird.
So komme ich zu dem Schluss, dass in jedem Menschen das Gute überwiegt, diesem Guten aber auch ein sensibles und äußerst fragiles Wesen innewohnt, dass die Fähigkeit besitzt schnell ins Gegenteil umzuschlagen. Man muss es ein wenig kitzeln und umschmeicheln, was vielen Menschen wegen ihrer ideologischen Voreingenommenheit und Überzeugung leider nur zu schwer fällt und oft genug für eine unüberwindbare Segregation sorgt.
Über das für und wieder jeweiliger Positionen gelingt es sich mit Dan zumindest auszutauschen, ohne in eine Starre aus gegenseitiger Schuldzuweisungen und Überfrachtung von Argumenten zu geraten. Eine Diskussionskultur, wie ich sie mancherorts leider nur zu oft vermisse.
Aus diesen Überlegungen heraus gönne ich Dan die Möglichkeit sich mit seinem Hostel die Bühne für sein Ego und seine Ansichten geschaffen zu haben und dennoch bei Widerspruch zu seinen Aussagen eine aufrichtige Gastfreundschaft beibehalten zu können.
Gegen Mitternacht verabschiedet sich Dan zu seiner Familie; morgen früh müsse er Geschäftsleute nach Eilat bringen. Aber nachmittags habe er vor mit seiner älteren Tochter in seinem Jeep in die Wüste zu fahren; ob wir mitwollen?
Silke überlegt will es sich überlegen, ich lehne aber ab, da ich mir morgen den ganzen Tag Zeit für die Altstadt nehmen möchte.
Silke und ich unterhalten uns noch ein wenig und verabreden uns lose für morgen Abend auf ein Bier in einem großen Hostel, in dem eine Freundin von ihr arbeitet.
Dann begeben wir uns in das Sechsbettzimmer, in dem Kate so derbe Schnarchgeräusche von sich gibt, dass selbst meine angesabberten Klopapierstückchen nicht gegen den Lärm ankommen. Glücklicherweise entschließt sich meine Verdauung dazu, die riesige Ladung an orientalischem Essen in markantes Fluidum umzuwandeln, so dass ich die Geräuschkulisse um nicht nur tonintensive Abgänge ergänzen kann. Eigentlich ziemlich unverschämt. Von wegen: Deutscher Gasangriff , diesmal sogar auf jüdischem Staatsgebiet. Da hätte nicht nur die Bildzeitung eine Schlagzeile. Glücklicherweise ist das kleine Fenster weit geöffnet.
Etwas verschämt schaffe ich es erst nach einiger Zeit einzuschlafen und träume von friedlichen Wiesen voller Veilchenduft.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen