Überfressen, wie ich bin, packt mich das schlechte Gewissen und
ich beschließe noch einen kleinen Verdauungsspaziergang zu machen. Ich laufe
drauf los und komme alsbald zu einem Hügel, von dem aus man über die Stadt
gucken kann. Diese ist leider in Dunst gehüllt, so dass nur verwaschene Lichter
zu erkennen sind. Ich entschließe mich umzukehren, als meine Aufmerksamkeit auf
einen kleinen schwarzen Haufen gelenkt wird. Die Straße ist hier breit und es
gibt einen Seitenstreifen, auf dem vereinzelt Autos parken. Etwa fünf Meter von
mir entfernt tut sich zwischen zwei Wagen eine Lücke auf und dort liegt ein
kleines Katzenjunges, grad erst dem Mutterschoße entschlüpft und vielleicht
noch nicht gänzlich abgestillt, mutterseelenallein auf dem harten Asphalt und
gibt keuchende Geräusche von sich. Ich bin unschlüssig, wie ich reagieren soll.
Ist die kleine schwer krank, verletzt und entkräftet, oder schläft sie einfach
nur? Das Keuchen und die absolute Bewegungslosigkeit, trotz meiner Anwesenheit,
erschrecken mich. Das arme kleine Ding. Sicher, eine der tausenden
Straßenkatzen, aber dennoch ein Lebewesen, zu dem ich, durch die Erfahrung
selber mal eine Katze gehabt zu haben, doch eine Art Beziehung aufbauen kann.
Ich bin kurz davor es aufzusammeln. Doch wohin mit ihm? In die
Wohnung? Na, da wird sich der Besitzer sicher freuen. Zu einem Tierarzt
bringen? Jetzt, am späten Abend und ohne Ahnung wie einer zu finden wäre?
Pah! Träum weiter.
Ich wende mich ab; muss zu sehr an meine beiden Töchter denken und
den Schmerz, den es bereiten würde, sie zu verlieren. Trotzdem gehe ich einfach
weg und überlasse das sterbende Kätzchen seinem Schicksal. Lasse es alleine.
Wie hätte ich reagiert, wenn ich im tiefsten afrikanischen Busch
ein sterbendes Kind gefunden hätte? Wäre ich auch einfach weggegangen?
Wo fängt Mitleid und Hilfe an und wo hört es auf? Kann man
zwischen Mensch und Tier unterscheiden? Wo sind die Grenzen von Ethik und
Moral?
Ist es nur konsequent Hühnchenfleisch aus Massentierhaltung zu
essen und nur eine halbe Stunde später ein Kätzchen alleine am Straßenrand
sterben zu lassen und dabei vor der Vorstellung des Verlusts der eigenen Kinder
zu erschaudern?
Wie geht es dann den Menschen, die in dieser Region nur allzu oft
mit Fragen zu „anständigem“ Verhalten konfrontiert sind?
Ich kann es nicht beantworten, beschließe aber zwei Dinge. Erstens
will ich morgen früh noch mal an den Fundort des Kätzchens zurückkehren und
sie, sofern sie wirklich gestorben sein sollte, beerdigen. Für den Fall
weiteren Leids werde ich spotna einen Plan überlegen. Zweitens werde ich unbedingt
versuchen die Tour in das Westjordanland zu buchen, um eventuell ein bisschen
mehr Einblick in das Leben dieser beiden größtenteils verfeindeten
Menschengruppen zu erlangen, die einander gegenseitig trotz aller menschlichen
Gemeinsamkeiten mit so viel Argwohn betrachten.
Ich blicke mich um, will dem kleinen Ding bei aller Feigheit
wenigstens einen letzten Blick schenken, da kommt von vorne ein Auto und
leuchtet mit seinen Scheinwerfer den Seitenstreifen aus, so dass die kleinen
Augen der Katze zu zwei weißen reflektierenden Punkten werden und mir so einen
beinahe schon mokanten Gruß des Hades zukommen lassen. Ich erschrecke mich und
taumle hastig der Wohnung entgegen.
Wenige Minuten später schleppe ich mich die Stufen zur Wohnung
hoch.
Nur schnell unter Menschen kommen, zum Leben zurückkehren.
In der Bude herrscht glücklicherweise keine Totenstille. Kate und
Freddie liegen zwar schon im Bett, ebenso wie eine weitere Gestalt, die ich
vorher nicht gesehen habe,
dafür sitzen aber im Erker der Wohnung eine Frau und eine Mann in
etwa meinem Alter. Beide unterhalten sich auf Englisch, wobei seine
Gesprächsanteile und Gestikulierungen der ihrigen bei weitem überwiegen. Ich
grüße und frage, ob ich mich für ein paar Minuten dazu setzen darf, da ich mich
nach der Begegnung mit dem Tod ein wenig ablenken muss.
Gerne doch!
„And by the way, i am Dan, owner of the Hostel!“
„Aaaaah, cool, nice to meet you, i am Philipp from Berlin. I
booked via Booking.com“
Die Frau heißt Silke, kommt aus München und so weiter und so fort.
Jetzt habe ich also den altruistischen Gastgeber vor Augen.
Bereits seine Beschreibung des Hostels bei dem Buchungsportal, wie auch seine
Whatsapp-Nachricht nach der erfolgten Buchung waren bereits äußerst ausführlich
und detailgenau. So füllte alleine die erste Willkommens-Mail mehr als zweimal
den kompletten Bildschirm meines Smart-Phones. Die drei weiteren Mail
enthielten Karten und detaillierte Beschreibungen zum Finden des Hostels und
waren gespickt mit dutzenden Emoticons, die mich kurz überlegen lassen haben,
ob ich anstatt in Jerusalem, doch wieder an dem besagten lauwarmen
Strandabschnitt in Tel-Aviv gelandet bin.
Nun also Dan in Persona.
Kaum haben wir uns vorgestellt, springt Dan auf und macht mir
einen Tee in der Küche und bietet mir zusätzlich ein Bier an. Tee gerne, Bier
nein Danke.
Dann sitzen wir zu dritt am Tisch und die beiden nehmen ihr
Gespräch wieder auf. Es geht um das kürzlich ratifizierte und äußerst
umstrittene Gesetz zur Stärkung des jüdischen Charakters Israels. Dieses
beinhaltet unter Anderem die Förderung der Prosperität von jüdischen Gemeinden,
was unschwer als der Ausbau von Siedlungen im Westjordanland zu verstehen ist,
sowie die Erhebung der hebräischen Sprache zur einzigen offizielle
Landessprache. Damit wird das Arabische zu einer Sprache degradiert, die nur
noch Sonderstatus hat, vormals aber ebenfalls als offizielle Landessprache
anerkannt war.
Kritiker sehen Israel damit auf dem Weg der Abkehr von der
Demokratie und auch zivilgesellschaftlich gibt es massive Proteste dagegen.
Silke vertritt gemäßigte, liberale Positionen, so wie man es von
einer guten Deutschen erwartet und Dan poltert in reaktionärem Ton für das
Gesetz und gibt innerhalb der nächsten Stunde einen interessanten Einblick in
seine Denke, die sicherlich auch viele andere Israelis repräsentiert.
Seine Großeltern seien ende der 1940er Jahre wegen der anhaltenden
Pogromstimmung der Bevölkerung gegen Juden aus dem Jemen nach Israel geflüchtet
und seitdem in Jerusalem ansässig. Er habe einige Jahre bei der Armee gedient,
sei in den ersten Jahren in Gaza stationiert gewesen und später zum
Transportflugzeugpiloten ausgebildet worden. Er sei so gut gewesen, dass man
ihn für die Special-Forces vorgeschlagen hätte, was er jedoch ausgeschlug, als
er bemerkt hat, dass es dort nur darum ging die Soldaten so hart abstumpfen zu
lassen, bis sie alles ertragen konnten. Die Armeezeit hätte ihn zu dem Mann
gemacht, der er heute ist. Zu einem überzeugten und anständigen Patrioten.
Dennoch sei er sehr weltgewandt und viel in der Welt herumgekommen. Da er seit
einigen Jahren Vater zweier Kinder ist, als Pilot bei einer Charter-Airline
arbeite und seitdem kaum noch Zeit zum Reisen hätte, habe er sich gedacht, hole
ich die Welt doch zu mir nach Jerusalem.
So betreibt er seit einigen Jahren das kleine Hostel dessen
Wohnzimmerwand eine große Weltkarte mit hunderten von Pinnnadeln ziert, die
Aufschluss über die Herkunft seiner Gäste aus der ganzen Welt gibt.
In der Folge werde auch ich in das Gespräch mit einbezogen und wir
geraten in ein Gespräch über Rechtstaatlichkeit und Repression. Silke ist zwar
nicht dogmatisch im Sinne der antiimperialistischen Linken, vertritt aber
dennoch die Meinung, dass Israel ungleich mit den verschiedenen
Bevölkerungsanteilen verfährt.
Was viele Leute eventuell nicht wissen ist, dass in Israel nicht
ausschließlich Juden wohnen, sondern etwa 20% moslemischen Glaubens sind, sowie
weitere 5% anderen Religionen anhängen und insbesondere das
Bevölkerungswachstum der Moslems bei manchen Juden den Eindruck der Bildung
eines Staates im Staate erwachsen lässt.
Ich halte mich zurück und lasse die beiden Argumente austauschen,
wobei ich mich ertappe doch eher auf Silkes Seite zu stehen, da Dan in seinen
Ansichten ziemlich betoniert zu sein scheint. So scheint seine Auffassung von
den wahren Israelis nicht nur die Moslems auszuschließen, sondern auch die Äthiopischen
Juden. Die sogenannten Falaschen lebten unter ärmlichen Umständen, meist als
Bauern in Äthiopien und flohen wie viele andere Bevölkerungsgruppen während der
großen Hungersnot 1984 in den Sudan. In Folge der nachlassenden Migration nach
Israel entschloss sich der jüdische Staat zu einer raffinierten Evakuierung der
Falaschen. Über eine Luftbrücke konnten zum Jahreswechsel 1984/1985 etwa 7000
Menschen nach Israel geflogen werden, sahen sich hier jedoch schnell mit den
üblichen Problemen des Zusammentreffens gänzlich verschiedener Kulturen
konfrontiert. Den Falaschen fiel es schwer sich in der hochmodernen
Gesellschaft anzupassen und die etablierten Israelis hatten teils erhebliche
Ressentiments gegenüber den „ungebildeten und verlausten Bauern“, denen
obendrein sogar unterstellt worden ist, keine richtigen Juden zu sein.
So gibt auch Dan in zynischem Ton von sich, dass, wie dem
Deutschen seine Flüchtlings- und Appeasement-Politik gegenüber den Moslems, dem
Juden seine karitative Großzügigkeit den Äthiopiern gegenüber zum
Wohlfühlargument des eigenen Gewissens dient.
Mit Deutschland scheint Dan sich auch bestens aus zu kennen. Hätte
er doch schließlich erst letztes Jahr eine Gruppe Berliner SEK-Polizisten, die
in Israel einen Lehrgang absolviert haben sollen, beherbergt. Dass die Beamten,
in Zeiten knapper Kassen und mangelnder Fürsorge für die eigenen Leute, hier in
dieser Bruchbude schlafen mussten, kann man ja noch irgendwie so glauben, aber
die folgenden Aussagen Dans empfinde ich dann doch zu viel des Guten. So hätte
man eines Abends gemeinsam getrunken und der Chef der Polizisten hätte ihm im
betrunkenen Zustand anvertraut, dass seine Vorgesetzten ihn dazu zwingen
würden, die angebliche Einsatzrealität in der Erfahrung mit Moslems gegenüber
der Allgemeinheit zu verschweigen. Mein Argument, dass in Deutschland gerade Polizisten
der Historie wegen zu mündigen Bürgern erzogen werden, die sicherlich genau
wissen, welche Rechte und Pflichten aus der Demokratie erwachsen und wir in
diversen Talkshows keifende Polizeigewerkschafter sitzen haben, die kein Blatt
vor den Mund nehmen, lässt er nicht gelten.
Weiter geht es mit Kreuzberg. Da sei Dan vor fünfzehn Jahren zu
Besuch gewesen und es hätten sich keine Polizisten dort hin getraut. Wegen der
linken Szene und den Gangster-Türken.
Da ich mich seit mindestens fünfzehn Jahren gelegentlich in
Kreuzberg herumtreibe, kontere ich, dass sich heute, wie damals immer
Polizisten in lockerem Gebaren und ohne schussbereite Waffen gesehen habe und
dieses Klischee vielmehr linksalternativer Wunschvorstellungen entspräche und
hoffe zu gleich ihn nicht zu sehr mit der Aussage desavouiert zu haben.
Wohl auch weil das Publikum überschaubar ist, nimmt Dan es mit
Fassung und lächelt milde. Dennoch beharrt er, im besten Schwarz-Weiß-Denken
verhaftet, auf die genuine Unterschiedlichkeit der Menschen, insbesondere
dargelegt an den unterentwickelten Palästinensern und ihren geistigen
moslemischen Landsmänner im Staate Israel, sowie auch den „echten Juden“, die
das Land in harter, fleißiger Arbeit urbar- und zu dem hochentwickelten Staat
gemacht haben, der er heute ist.
Trotz dieser teils verwirrenden Aussagen bleibt auch hier wieder der
Eindruck bestehen, dass ich Dan, unter Ausschluss seiner politischen Ansichten,
als Menschen mag. Er ist total gastfreundlich und zuvorkommend, beherbergt Menschen
aller Religionen und Länder und ist auch bei unserer Diskussion nie ausfällig,
aggressiv oder belehrend geworden. Zu keinem Zeitpunkt des Gesprächs stellte
sich bei mir eine unangenehme Befangenheit ein heikle Themen nicht zu
hinterfragen, oder Argumente bei sich behalten zu müssen. Sogar die
vermeintliche Jokerkarte, dass man als Ausländer, oder sogar insbesondere als
Deutscher, die Sichtweise der Israelis niemals verstehen könne, hat er ausgespart
zu ziehen, auch wenn ich fast darauf spekuliert habe.
So sehr ich die humanistische Welt, wie sie in der eurozentrischen
Sichtweise vorzufinden ist, schätze, überkommen mich doch auch kritische
Gedanken zu den Bevormundungstendenzen, die aus diesem Luxus gegenüber Ländern
entstehen, die mit gänzlich anderen Lebensumständen und Problemen konfrontiert
sind. Wir postulieren eine Welt mit überbordender Menschlichkeit, die in ihrem Wahn
das menschliche Verhaltens zu perfektionieren dem Menschen keinerlei Raum mehr
lässt menschlich und fehlerbehaftet zu sein. So schlimm Ignoranz, Ressentiments,
das Streben nach der eigenen Scholle und die Verteidigung dieser, sowie viele
andere negativ konnotierte Phänomene auch sind, gehören sie doch genauso zum
Menschsein dazu und machen dennoch nicht die Summe eines Menschen aus.
Ich habe in Dan, wie auch bei unzähligen Klientengesprächen auf
meiner Arbeit, bei Radtouren durch die deutsche Provinz, in der deutschen Bahn
etc. viele Begegnungen mit Menschen gehabt, die mir in Gesprächen zwar
oberflächlich in ihren Ansichten als mindestens kurios vorkamen, aber sich im
innersten doch als nette Menschen präsentierten, die, vorausgesetzt man nähert
sich ihnen mit aufrichtigem Interesse und Empathie, einem an ihrem guten Kern
teilhaben lassen.
Bitte an dieser Stelle nicht falsch verstehen, dass ich
Nationalismus und Engstirnigkeit gutheißen, oder verharmlosen möchte; das
nicht. Aber ich denke, dass der Weg immer über gegenseitige Wertschätzung gehen
muss. Sicherlich gelingt das nicht bei allen und es gibt genug Kameraden und
Kameradinnen, deren Horizont zwischen Memel und Maas, oder gar nicht weiter als
zur Interzonengrenze reicht. Dennoch vermute ich bei einem gewissen Schlag von
Menschen mehr Potential als gemeinhin kolportiert wird.
So komme ich zu dem Schluss, dass in jedem Menschen das Gute
überwiegt, diesem Guten aber auch ein sensibles und äußerst fragiles Wesen innewohnt,
dass die Fähigkeit besitzt schnell ins Gegenteil umzuschlagen. Man muss es ein wenig
kitzeln und umschmeicheln, was vielen Menschen wegen ihrer ideologischen
Voreingenommenheit und Überzeugung leider nur zu schwer fällt und oft genug für
eine unüberwindbare Segregation sorgt.
Über das für und wieder jeweiliger Positionen gelingt es sich mit
Dan zumindest auszutauschen, ohne in eine Starre aus gegenseitiger
Schuldzuweisungen und Überfrachtung von Argumenten zu geraten. Eine
Diskussionskultur, wie ich sie mancherorts leider nur zu oft vermisse.
Aus diesen Überlegungen heraus gönne ich Dan die Möglichkeit sich
mit seinem Hostel die Bühne für sein Ego und seine Ansichten geschaffen zu
haben und dennoch bei Widerspruch zu seinen Aussagen eine aufrichtige
Gastfreundschaft beibehalten zu können.
Gegen Mitternacht verabschiedet sich Dan zu seiner Familie; morgen
früh müsse er Geschäftsleute nach Eilat bringen. Aber nachmittags habe er vor
mit seiner älteren Tochter in seinem Jeep in die Wüste zu fahren; ob wir
mitwollen?
Silke überlegt will es sich überlegen, ich lehne aber ab, da ich
mir morgen den ganzen Tag Zeit für die Altstadt nehmen möchte.
Silke und ich unterhalten uns noch ein wenig und verabreden uns
lose für morgen Abend auf ein Bier in einem großen Hostel, in dem eine Freundin
von ihr arbeitet.
Dann begeben wir uns in das Sechsbettzimmer, in dem Kate so derbe
Schnarchgeräusche von sich gibt, dass selbst meine angesabberten
Klopapierstückchen nicht gegen den Lärm ankommen. Glücklicherweise entschließt
sich meine Verdauung dazu, die riesige Ladung an orientalischem Essen in markantes
Fluidum umzuwandeln, so dass ich die Geräuschkulisse um nicht nur tonintensive
Abgänge ergänzen kann. Eigentlich
ziemlich unverschämt. Von wegen: Deutscher Gasangriff , diesmal sogar auf jüdischem
Staatsgebiet. Da hätte nicht nur die Bildzeitung eine Schlagzeile. Glücklicherweise ist das kleine Fenster weit geöffnet.
Etwas verschämt schaffe ich es erst nach
einiger Zeit einzuschlafen und träume von friedlichen Wiesen voller Veilchenduft.
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