Die Wohnung befindet sich im ersten Stock. Schafft man es die
schwere Eingangstür, die mit dem zu hohen Teppich in Konflikt gerät und bei
einem Winkel von etwa 45Grad
stockt, zu öffnen, kann man sich elegant durch den erkämpften Spalt in
das Wohnzimmer winden.
Dieses ist voll gestellt mit diversen Dekorationsgegenständen
meines Erachtens nachüberflüssiger Natur, einem großen Tisch mit sechs durchgesessenen
Stühlen und etwa zehn Rucksäcken. Die Wand ist mit Andenken jeglicher Art,
Postkarten und Grüßen ehemaliger Bewohner gespickt.
Aus der Küche zischt es und ein Geruch von Gewürzen und tausend
und einer Nacht steigt in meine Nase. Im Dampf der Pfannen und Töpfe strahlt
mich eine absolute Charakterfresse an. Eine Art Kapitän Haddock mit roter
Knollnase und ziviler Kleidung.
Dahinter die dazu passende Bianca Castafiore. Vielleicht weniger
ausladend in der physischen Präsenz, dafür mit lautem und spitzem Sopran tonal
zumindest ebenbürtig.
„Hiiiiii, I am
Kaaaate from South Africa…! Are
you Daaaaan…?“
Der Haudegen ergänzt mit feinem Vibrato in der Stimme und
hingehaltener Männerpranke:
„Hey, my name is Freddie! Nice to meet you!!
Ich ergreife die Hand, lasse mich quetschen und presse hervor:
„Äh, no… I am not Dan. I am Philipp from Germany…“ und zeige
achselzuckend auf meinen Rucksack.
Kate bietet mir direkt einen Whisky an, den ich unmöglich ablehnen
kann und weist mich an Platz zu nehmen.
Während Freddie sich um das Essen kümmert und gelegentlich unter
Einsatz aller zur Verfügung stehender Gesichtsmuskeln zu uns rüber grinst,
werde ich auf einen Stihl gepresst und in ein Gespräch verwickelt. Eine Chance
den Rucksack abzunehmen wurde mir noch nicht gegeben. Um Kate nicht zu
unterbrechen lege ich ganz beiläufig ab und stelle mich der Informationsflut.
Kate und Freddie, sie etwa vierzig, er etwa sechzig, kommen beide
aus der Nähe von Kapstadt und seien heute Nacht, nach einem zwölf Stunden
langem Flug mit Umstieg in Addis Abeba, gegen 04:00Uhr morgens am Ben Gurion
Airport gelandet. Anstrengend sei das gewesen, deshalb habe man beim
Zwischenstopp bei den Spirituosen zuschlagen müssen, um die Zeit durchzustehen.
Dann hätten sie sich mit einem leichten Glimmer hier hin durchgeschlagen,
Schlaf nachgeholt, wären Einkaufen gewesen und wollen nun Abendbrot essen.
„Are you hungry Boy? Freddie is a very good hobby cook. We got
chicken and rice with arab spices.“
Ich sehe, dass die beiden nur eine überschaubare Menge gekocht
haben und lehne ab, was mit großem und ehrlichem Bedauern aufgenommen wird.
Wenig später ist das Essen fertig und Freddie gesellt sich zu uns.
Die beiden sind Onkel und Nichte, mehr oder weniger christlich - so genau
können sie das auch nicht definieren - und hatten kürzlich das Gefühl einmal in
ihrem Leben nach Jerusalem fliegen zu müssen, um sich die Wirkungsstätte des
vermeintlichen Erlösers anzugucken.
Sie arbeitet in der Verwaltung Kapstadts und er besitzt ein
Geschäft für Metallwaren.
Ich erzähle von mir und Berlin. Beide waren bereits in Europa,
aber lediglich in Irland und Holland, wo ihre familiären Wurzeln lägen. Beide
waren beeindruckt, dass man dort auf dem Land die Türen unverschlossen halte
und überall spazieren gehen könne, ohne Gefahr zu laufen überfallen zu werden.
Auf mein Nachfragen erzählen die beiden erzählen haarsträubende
Geschichten über die Situation in Süd-Afrika. Viele Menschen aus ihrem
Bekanntenkreis, egal ob schwarz, indisch, weiß, oder sonst welcher Abstammung,
hätten bereits Erfahrungen mit Kriminalität und Gewalt machen müssen und die
Beschäftigung von Sicherheits-Leuten, sowie das Wohnen in „Gated-Communities“ sei
normaler Bestandteil des Alltags und der Kostenkalkulation.
Freddie hätte bis jetzt Glück gehabt und sei weder in seinem
Geschäft, noch privat Opfer einer Straftat geworden, während Katies Tochter und
deren Freundinnen erst im Sommer unter vorgehaltener Waffe ihrer Handys und
Geldes entledigt wurden.
Einbrüche in Privathäuser kennen beide aus der ihren
Nachbarschaften und Katie berichtet, dass sie wegen ihres Jobs als
Sachbearbeiterin im Bauamt regelmäßig Bestechungsversuchen widerstehen müsse.
Als ich schildere, dass meine ältere Tochter ganz
selbstverständlich mit ihren Freundinnen, oder alleine zur Schule und wieder
zurück geht und sich darüber hinaus in ihrer Freizeit frei in der Umgebung
unserer Wohnung aufhält, klappt beiden die Kinnladen herunter. Weniger aus
Unwissenheit bezüglich der europäischen Lebensumstände, sondern vielmehr, weil,
wie Kate es ausdrückt, sie in ihrer Lebensrealität blind für solche Freiheiten
seien und es in ihrem Umfeld als unverantwortlich bis fahrlässig gilt,
derartige „Risiken“ einzugehen.
Aus diesem Grunde – beide entschuldigen sich wegen eines womöglich
gleich bei mir aufkeimenden Rassismusverdachts – hätten sie sich in Israel
sofort wohl gefühlt, als sie die Präsenz der mehrheitlich weißen Waffenträger
der Exekutive gesehen hätten.
Ich hege keine Verdachtsmomente und die beiden sind mir auch
weiterhin mit ihrer offenen und ehrlichen Art sympathisch.
Zwischendurch huschen immer mal andere Gäste durch die Szenerie.
Insgesamt bietet die Bude Platz für zwölf Leute. Sechs stapeln sich in einem
Zimmer, vier weitere in einem anderen Zimmer und zwei weitere Personen dürfen
sich eine Luxussuite teilen. Letztere wird von einem Polen und seinem Sohn
bewohnt, die allerdings äußerst wortkarg zu sein scheinen und sich nach einem
knappen Gruß direkt zum Duschen in das Badezimmer und daraufhin in die zeitweiligen
Jagdgründe verziehen.
So wie es aussieht werde ich mir heute das Zimmer mit meinen neuen
Freunden aus Südafrika und drei weiteren Leuten teilen, die allesamt noch
unterwegs zu sein scheinen. Im Viererzimmer wohnt eine Gruppe von jungen
biederen Mädchen aus Amerika, die es ebenfalls bei einem verschämten Gruß und
anschließender hermetisch geschlossener Cliquenbildung in ihrem Refugium
belassen.
Von soviel Autarkie beeindruck unterbreche ich, auf ein Stichwort
gebendes Gähnen von Kate hin, die Völkerverständigung, biete rhetorische
Abwaschhilfe an, erhalte die erwartete Ablehnung und schicke mich an, den
letzten Gang des Tages zu begehen.
Ich habe nämlich allmählich einen Bärenhunger und Lust auf Falafel
oder Schawarma. Auf Grund der bereits beschriebenen territorialen Besonderheit
des Stadtteils male ich mir ein reichhaltiges Angebot an Fressbuden aus, um
meinen Hunger auf orientalische Kost zu stillen. Ich bin 1981 geboren und habe
meine Jugend in einer kleinen Stadt im Norden Deutschlands verbracht. Auch dort
wurde an Wochenenden gefeiert und ein Gute-Nacht-Snack war, sofern es das
Portmonee zuließ, obligatorisch. In meiner Heimatstadt qualifizierten sich
dafür gleich mehrere Läden, die man je nach Gusto abwechselnd ansteuerte. In
einer Phase kurzzeitiger pubertärer Verklärung liebäugelte ich etwa zur Zeit
der Israelreise meiner Mutter mit einer naiven Variante des Vegetarismus und bestellte
erstmals in der lokalen Dönerbude die angebotene vegetarische Alternative zum
türkischen Gyros-Äquivalent. Braun, frostgerändert und eigenartig, auf
Blattsalat gebetet und in einer kalten Vitrine zur Schau gestellt, bereits
einen Hauch der Frustration ausstrahlend, die sich einstellt, wenn einem
schwant, dem Status Quo der Welt noch meilenweit voraus zu sein, lag sie da, die
Falafel und bettelte förmlich darum endlich von einem aufgeschlossenen Menschen
gegessen zu werden. Aus einem inneren Diskurs obsiegend verwies die Neugierde
meine sonst so mächtige Verlustangst in Essensdingen auf die Plätze, so dass
ich mich, unter den ungläubigen Blicken meiner Freunde, durchrang, ein
kulinarisches Wagnis einzugehen. „Ich hätte gerne diese Falafeln, oder wie die
Dinger heißen, bitte…!“„Kein Problem, Efendim. Soße Yoghurt, Soße Knoblauch,
oder Soße scharf? Salat komplett?“
„Äh, Yoghurt bitte... und keine Zwiebeln...“
„Macht 500 Mark!“
„Äh, wie jetzt...?“
„Hahaha, nur Scherz Efendim... Hahaha...! Mach fünf Mark, okay...?!“
„Äh, ja... Hier, bitte... (und innerlich: siktir lan)“
Dann Friteuse, Stopf, Schmier, Alufolie und prego arkadasim.
Mir wird eine der Substitution anheimgefallene Brottasche gereicht, derer bereits beim ersten Bissen die Erkenntnis folgt, etwas gekauft zu haben, das in etwa dem Humor des Verkäufers entspricht.
Operation Desert-Storm, versiegender Jordan, Negev-Wüste. Trockener und mehliger Geschmack. Sich durch Zahnzwischenräume quetschender Brei. Außen spitzkantig frittiert, innen noch gefroren. Orientalische Geschmacksmiasmen ausdünstend.
So fiel es mir denn auch nicht schwer den Inhalt mit den mich umgebenden und zufrieden an ihren Dönern knabbernden Freunden zu teilen. Einhellig fällten wir das Urteil: Geht gar nicht!
Wahrscheinlich fehlte dem industriell hergestellten Tiefkühlgut lediglich, wie allem, was nicht in Kontakt mit menschlichem Schweiß und Talg in Berührung kommt, das besondere Etwas, um mich zu überzeugen.
Kurze Zeit später widmete ich mich wieder dem Genuss von „Papas Schweinefleisch-Gyros“ und jeglicher ideologischer Grünzeugmumpitz ward aus meinem Gewissen verband, so dass auch die Kichererbsenbällchen alsbald aus meinem Gedächtnis verschwanden.
Erst ein paar Jahre später und längst nach Berlin verzogen, lernte ich arabisches Essen zu schätzen und kann seit dem nur schwer die Finger von dieser schlichten, aber doch verspielten Küche lassen.
Aus diesem Grunde freue ich mich jetzt umso mehr auf mein Abendessen und informiere mich im Internet über Imbisse in der Nähe.
„Äh, Yoghurt bitte... und keine Zwiebeln...“
„Macht 500 Mark!“
„Äh, wie jetzt...?“
„Hahaha, nur Scherz Efendim... Hahaha...! Mach fünf Mark, okay...?!“
„Äh, ja... Hier, bitte... (und innerlich: siktir lan)“
Dann Friteuse, Stopf, Schmier, Alufolie und prego arkadasim.
Mir wird eine der Substitution anheimgefallene Brottasche gereicht, derer bereits beim ersten Bissen die Erkenntnis folgt, etwas gekauft zu haben, das in etwa dem Humor des Verkäufers entspricht.
Operation Desert-Storm, versiegender Jordan, Negev-Wüste. Trockener und mehliger Geschmack. Sich durch Zahnzwischenräume quetschender Brei. Außen spitzkantig frittiert, innen noch gefroren. Orientalische Geschmacksmiasmen ausdünstend.
So fiel es mir denn auch nicht schwer den Inhalt mit den mich umgebenden und zufrieden an ihren Dönern knabbernden Freunden zu teilen. Einhellig fällten wir das Urteil: Geht gar nicht!
Wahrscheinlich fehlte dem industriell hergestellten Tiefkühlgut lediglich, wie allem, was nicht in Kontakt mit menschlichem Schweiß und Talg in Berührung kommt, das besondere Etwas, um mich zu überzeugen.
Kurze Zeit später widmete ich mich wieder dem Genuss von „Papas Schweinefleisch-Gyros“ und jeglicher ideologischer Grünzeugmumpitz ward aus meinem Gewissen verband, so dass auch die Kichererbsenbällchen alsbald aus meinem Gedächtnis verschwanden.
Erst ein paar Jahre später und längst nach Berlin verzogen, lernte ich arabisches Essen zu schätzen und kann seit dem nur schwer die Finger von dieser schlichten, aber doch verspielten Küche lassen.
Aus diesem Grunde freue ich mich jetzt umso mehr auf mein Abendessen und informiere mich im Internet über Imbisse in der Nähe.
Verlässt man die Wohnung und schlägt sich durch ein Gewimmel aus
Hinterhöfen angrenzender Wohnhäuser, gelangt man nach wenigen Minuten auf eine
breite Straße die eine kleine Passage beherbergt. In dieser befinden sich vier
verschiedene Fastfoodläden. Eine Pizzeria, ein Burgerladen, ein Asiate und ein
arabischer Imbiss.
Ich lasse mich bei letzterem nieder und bestelle einen Schawarmateller
mit Extra Falafel. Hinter der Theke drücken sich der Boss und sein heranwachsender
Sohn rum. Während der Alte gelangweilt das Essen zubereitet, übt sich der
kleine Gangster bereits im Abchecken und taxiert mich mit hartem Blick.
„Jude oder Christ? Tourist allemal. Ob ich dem wohl ins Essen
spucken soll?“
Wehe, du kleiner Hurensohn...
Ich setze mich betont lässig vor den Imbiss, gönne mir eine Sprite
und lasse den Blick schweifen.
Das Viertel ist gemischt bevölkert. Um mich herum wird arabisch
und hebräisch, aber auch englisch gesprochen und es laufen sowohl ältere, wie
auch jüngere Menschen umher, die einen studentischen Habitus ausstrahlen.
Tatsächlich befindet sich das „Students Village“ in unmittelbare
Nähe meines Standorts. Die Bebauung sieht jedoch eher wie eine hügelige Version
von Hellersdorf aus. Wobei eigentlich ganz Israel, bis auf wenige Ausnahmen,
architektonisch aussieht wie eine Hellersdorf-Variante.
So ist auch von studentischer Subkultur keine Spur zu sehen. Hier
gibt es anstatt Studentenkellern wohl eher Studentenbunker. Ob ich morgen Abend
wohl einen partytauglicheren Eindruck dieser sich mir bis jetzt so ernst und
förmlich präsentierenden Stadt bekomme?
Nun wird aber erstmal gegessen. Der kleine Motherfucker ruft mich
an den Tresen und schiebt mir beiläufig meinen Teller zu. Voller Freude
erblicke ich einen sagenhaften Haufen Essen für 50NIS. Wieder wundere ich mich
über die preislichen Disparitäten von Imbiss versus Supermarkt. Der Teller jedenfalls
ist randvoll mit Schawarma und von vier Kichererbsenbällchen größeren Ausmaßes
gekrönt. Auf einem weiteren Teller bekomme ich Salat und zwei platte arabische
Fladenbrote. In gutem Englisch erklärt mir der Frechdachs des weiteren, dass
ich mir am kleinen Buffet soviel Mixed Pickles, frittierte Auberginen und noch
mehr Salat nehmen könne. Das lasse ich mir nicht zweimal sagen, empfinde ich
doch schon leichte Anklänge von schlechter Laune und Zynismus. Untrügerische
Zeichen für leichte Unterzuckerung, derer nur sofortiger Konsum von reichlich Essen
Herr werden kann.
Artig bedanke ich mich auf Arabisch „Shukran Habibo“ und scheine
so nötige Sympathiepunkte bei dem Bengel einzufahren. Der kann nämlich
plötzlich sogar lächeln.
Nachdem ich mir den Berg an Essen reingeschaufelt habe, bleibt
noch genug übrig, um aus dem zweiten Fladenbrot ein Sandwich von annähernd biblischen
Ausmaßen zu wickeln.
Völlig fix und foxy trabe ich zurück in das Appartement.
Alhamdullilah, war das gut!
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