Freitag, 18. Januar 2019

ISRAEL 2018 - Tag 3, Teil IV


Die Wohnung befindet sich im ersten Stock. Schafft man es die schwere Eingangstür, die mit dem zu hohen Teppich in Konflikt gerät und bei einem Winkel von etwa 45Grad   stockt, zu öffnen, kann man sich elegant durch den erkämpften Spalt in das Wohnzimmer winden.
Dieses ist voll gestellt mit diversen Dekorationsgegenständen meines Erachtens nachüberflüssiger Natur, einem großen Tisch mit sechs durchgesessenen Stühlen und etwa zehn Rucksäcken. Die Wand ist mit Andenken jeglicher Art, Postkarten und Grüßen ehemaliger Bewohner gespickt.
Aus der Küche zischt es und ein Geruch von Gewürzen und tausend und einer Nacht steigt in meine Nase. Im Dampf der Pfannen und Töpfe strahlt mich eine absolute Charakterfresse an. Eine Art Kapitän Haddock mit roter Knollnase und ziviler Kleidung.
Dahinter die dazu passende Bianca Castafiore. Vielleicht weniger ausladend in der physischen Präsenz, dafür mit lautem und spitzem Sopran tonal zumindest ebenbürtig.
 „Hiiiiii, I am Kaaaate  from South Africa…! Are you Daaaaan…?“
Der Haudegen ergänzt mit feinem Vibrato in der Stimme und hingehaltener Männerpranke:
„Hey, my name is Freddie! Nice to meet you!!
Ich ergreife die Hand, lasse mich quetschen und presse hervor:
„Äh, no… I am not Dan. I am Philipp from Germany…“ und zeige achselzuckend auf meinen Rucksack.
Kate bietet mir direkt einen Whisky an, den ich unmöglich ablehnen kann und weist mich an Platz zu nehmen.
Während Freddie sich um das Essen kümmert und gelegentlich unter Einsatz aller zur Verfügung stehender Gesichtsmuskeln zu uns rüber grinst, werde ich auf einen Stihl gepresst und in ein Gespräch verwickelt. Eine Chance den Rucksack abzunehmen wurde mir noch nicht gegeben. Um Kate nicht zu unterbrechen lege ich ganz beiläufig ab und stelle mich der Informationsflut.
Kate und Freddie, sie etwa vierzig, er etwa sechzig, kommen beide aus der Nähe von Kapstadt und seien heute Nacht, nach einem zwölf Stunden langem Flug mit Umstieg in Addis Abeba, gegen 04:00Uhr morgens am Ben Gurion Airport gelandet. Anstrengend sei das gewesen, deshalb habe man beim Zwischenstopp bei den Spirituosen zuschlagen müssen, um die Zeit durchzustehen. Dann hätten sie sich mit einem leichten Glimmer hier hin durchgeschlagen, Schlaf nachgeholt, wären Einkaufen gewesen und wollen nun Abendbrot essen.
„Are you hungry Boy? Freddie is a very good hobby cook. We got chicken and rice with arab spices.“
Ich sehe, dass die beiden nur eine überschaubare Menge gekocht haben und lehne ab, was mit großem und ehrlichem Bedauern aufgenommen wird.
Wenig später ist das Essen fertig und Freddie gesellt sich zu uns. Die beiden sind Onkel und Nichte, mehr oder weniger christlich - so genau können sie das auch nicht definieren - und hatten kürzlich das Gefühl einmal in ihrem Leben nach Jerusalem fliegen zu müssen, um sich die Wirkungsstätte des vermeintlichen Erlösers anzugucken.
Sie arbeitet in der Verwaltung Kapstadts und er besitzt ein Geschäft für Metallwaren.
Ich erzähle von mir und Berlin. Beide waren bereits in Europa, aber lediglich in Irland und Holland, wo ihre familiären Wurzeln lägen. Beide waren beeindruckt, dass man dort auf dem Land die Türen unverschlossen halte und überall spazieren gehen könne, ohne Gefahr zu laufen überfallen zu werden.
Auf mein Nachfragen erzählen die beiden erzählen haarsträubende Geschichten über die Situation in Süd-Afrika. Viele Menschen aus ihrem Bekanntenkreis, egal ob schwarz, indisch, weiß, oder sonst welcher Abstammung, hätten bereits Erfahrungen mit Kriminalität und Gewalt machen müssen und die Beschäftigung von Sicherheits-Leuten, sowie das Wohnen in „Gated-Communities“ sei normaler Bestandteil des Alltags und der Kostenkalkulation.
Freddie hätte bis jetzt Glück gehabt und sei weder in seinem Geschäft, noch privat Opfer einer Straftat geworden, während Katies Tochter und deren Freundinnen erst im Sommer unter vorgehaltener Waffe ihrer Handys und Geldes entledigt wurden.
Einbrüche in Privathäuser kennen beide aus der ihren Nachbarschaften und Katie berichtet, dass sie wegen ihres Jobs als Sachbearbeiterin im Bauamt regelmäßig Bestechungsversuchen widerstehen müsse.
Als ich schildere, dass meine ältere Tochter ganz selbstverständlich mit ihren Freundinnen, oder alleine zur Schule und wieder zurück geht und sich darüber hinaus in ihrer Freizeit frei in der Umgebung unserer Wohnung aufhält, klappt beiden die Kinnladen herunter. Weniger aus Unwissenheit bezüglich der europäischen Lebensumstände, sondern vielmehr, weil, wie Kate es ausdrückt, sie in ihrer Lebensrealität blind für solche Freiheiten seien und es in ihrem Umfeld als unverantwortlich bis fahrlässig gilt, derartige „Risiken“ einzugehen.
Aus diesem Grunde – beide entschuldigen sich wegen eines womöglich gleich bei mir aufkeimenden Rassismusverdachts – hätten sie sich in Israel sofort wohl gefühlt, als sie die Präsenz der mehrheitlich weißen Waffenträger der Exekutive gesehen hätten.
Ich hege keine Verdachtsmomente und die beiden sind mir auch weiterhin mit ihrer offenen und ehrlichen Art sympathisch.
Zwischendurch huschen immer mal andere Gäste durch die Szenerie. Insgesamt bietet die Bude Platz für zwölf Leute. Sechs stapeln sich in einem Zimmer, vier weitere in einem anderen Zimmer und zwei weitere Personen dürfen sich eine Luxussuite teilen. Letztere wird von einem Polen und seinem Sohn bewohnt, die allerdings äußerst wortkarg zu sein scheinen und sich nach einem knappen Gruß direkt zum Duschen in das Badezimmer und daraufhin in die zeitweiligen Jagdgründe verziehen.
So wie es aussieht werde ich mir heute das Zimmer mit meinen neuen Freunden aus Südafrika und drei weiteren Leuten teilen, die allesamt noch unterwegs zu sein scheinen. Im Viererzimmer wohnt eine Gruppe von jungen biederen Mädchen aus Amerika, die es ebenfalls bei einem verschämten Gruß und anschließender hermetisch geschlossener Cliquenbildung in ihrem Refugium belassen.
Von soviel Autarkie beeindruck unterbreche ich, auf ein Stichwort gebendes Gähnen von Kate hin, die Völkerverständigung, biete rhetorische Abwaschhilfe an, erhalte die erwartete Ablehnung und schicke mich an, den letzten Gang des Tages zu begehen.
Ich habe nämlich allmählich einen Bärenhunger und Lust auf Falafel oder Schawarma. Auf Grund der bereits beschriebenen territorialen Besonderheit des Stadtteils male ich mir ein reichhaltiges Angebot an Fressbuden aus, um meinen Hunger auf orientalische Kost zu stillen. Ich bin 1981 geboren und habe meine Jugend in einer kleinen Stadt im Norden Deutschlands verbracht. Auch dort wurde an Wochenenden gefeiert und ein Gute-Nacht-Snack war, sofern es das Portmonee zuließ, obligatorisch. In meiner Heimatstadt qualifizierten sich dafür gleich mehrere Läden, die man je nach Gusto abwechselnd ansteuerte. In einer Phase kurzzeitiger pubertärer Verklärung liebäugelte ich etwa zur Zeit der Israelreise meiner Mutter mit einer naiven Variante des Vegetarismus und bestellte erstmals in der lokalen Dönerbude die angebotene vegetarische Alternative zum türkischen Gyros-Äquivalent. Braun, frostgerändert und eigenartig, auf Blattsalat gebetet und in einer kalten Vitrine zur Schau gestellt, bereits einen Hauch der Frustration ausstrahlend, die sich einstellt, wenn einem schwant, dem Status Quo der Welt noch meilenweit voraus zu sein, lag sie da, die Falafel und bettelte förmlich darum endlich von einem aufgeschlossenen Menschen gegessen zu werden. Aus einem inneren Diskurs obsiegend verwies die Neugierde meine sonst so mächtige Verlustangst in Essensdingen auf die Plätze, so dass ich mich, unter den ungläubigen Blicken meiner Freunde, durchrang, ein kulinarisches Wagnis einzugehen. „Ich hätte gerne diese Falafeln, oder wie die Dinger heißen, bitte…!“„Kein Problem, Efendim. Soße Yoghurt, Soße Knoblauch, oder Soße scharf? Salat komplett?“              
„Äh, Yoghurt bitte... und keine Zwiebeln...“                          
„Macht 500 Mark!“                      
 „Äh, wie jetzt...?“                                    
„Hahaha, nur Scherz Efendim... Hahaha...! Mach fünf Mark, okay...?!“                    
„Äh, ja... Hier, bitte... (und innerlich:  siktir lan)“                            
Dann Friteuse, Stopf, Schmier, Alufolie und prego arkadasim.            
Mir wird eine der Substitution anheimgefallene Brottasche gereicht, derer bereits beim ersten Bissen die Erkenntnis folgt, etwas gekauft zu haben, das in etwa dem Humor des Verkäufers entspricht.                                                          
Operation Desert-Storm, versiegender Jordan, Negev-Wüste. Trockener und mehliger Geschmack. Sich durch Zahnzwischenräume quetschender Brei. Außen spitzkantig frittiert, innen noch gefroren. Orientalische Geschmacksmiasmen ausdünstend.                                      
So fiel es mir denn auch nicht schwer den Inhalt mit den mich umgebenden und zufrieden an ihren Dönern knabbernden Freunden zu teilen. Einhellig fällten wir das Urteil: Geht gar nicht!   
Wahrscheinlich fehlte dem industriell hergestellten Tiefkühlgut lediglich, wie allem, was nicht in Kontakt mit menschlichem Schweiß und Talg in Berührung kommt, das besondere Etwas, um mich zu überzeugen.                  
Kurze Zeit später widmete ich mich wieder dem Genuss von „Papas Schweinefleisch-Gyros“ und jeglicher ideologischer Grünzeugmumpitz ward aus meinem Gewissen verband, so dass auch die Kichererbsenbällchen alsbald aus meinem Gedächtnis verschwanden.                       
Erst ein paar Jahre später und längst nach Berlin verzogen, lernte ich arabisches Essen zu schätzen und kann seit dem nur schwer die Finger von dieser schlichten, aber doch verspielten Küche lassen. 
Aus diesem Grunde freue ich mich jetzt umso mehr auf mein Abendessen und informiere mich im Internet über Imbisse in der Nähe.
Verlässt man die Wohnung und schlägt sich durch ein Gewimmel aus Hinterhöfen angrenzender Wohnhäuser, gelangt man nach wenigen Minuten auf eine breite Straße die eine kleine Passage beherbergt. In dieser befinden sich vier verschiedene Fastfoodläden. Eine Pizzeria, ein Burgerladen, ein Asiate und ein arabischer Imbiss.
Ich lasse mich bei letzterem nieder und bestelle einen Schawarmateller mit Extra Falafel. Hinter der Theke drücken sich der Boss und sein heranwachsender Sohn rum. Während der Alte gelangweilt das Essen zubereitet, übt sich der kleine Gangster bereits im Abchecken und taxiert mich mit hartem Blick.
„Jude oder Christ? Tourist allemal. Ob ich dem wohl ins Essen spucken soll?“
Wehe, du kleiner Hurensohn...
Ich setze mich betont lässig vor den Imbiss, gönne mir eine Sprite und lasse den Blick schweifen.
Das Viertel ist gemischt bevölkert. Um mich herum wird arabisch und hebräisch, aber auch englisch gesprochen und es laufen sowohl ältere, wie auch jüngere Menschen umher, die einen studentischen Habitus ausstrahlen.
Tatsächlich befindet sich das „Students Village“ in unmittelbare Nähe meines Standorts. Die Bebauung sieht jedoch eher wie eine hügelige Version von Hellersdorf aus. Wobei eigentlich ganz Israel, bis auf wenige Ausnahmen, architektonisch aussieht wie eine Hellersdorf-Variante.
So ist auch von studentischer Subkultur keine Spur zu sehen. Hier gibt es anstatt Studentenkellern wohl eher Studentenbunker. Ob ich morgen Abend wohl einen partytauglicheren Eindruck dieser sich mir bis jetzt so ernst und förmlich präsentierenden Stadt bekomme?
Nun wird aber erstmal gegessen. Der kleine Motherfucker ruft mich an den Tresen und schiebt mir beiläufig meinen Teller zu. Voller Freude erblicke ich einen sagenhaften Haufen Essen für 50NIS. Wieder wundere ich mich über die preislichen Disparitäten von Imbiss versus Supermarkt. Der Teller jedenfalls ist randvoll mit Schawarma und von vier Kichererbsenbällchen größeren Ausmaßes gekrönt. Auf einem weiteren Teller bekomme ich Salat und zwei platte arabische Fladenbrote. In gutem Englisch erklärt mir der Frechdachs des weiteren, dass ich mir am kleinen Buffet soviel Mixed Pickles, frittierte Auberginen und noch mehr Salat nehmen könne. Das lasse ich mir nicht zweimal sagen, empfinde ich doch schon leichte Anklänge von schlechter Laune und Zynismus. Untrügerische Zeichen für leichte Unterzuckerung, derer nur sofortiger Konsum von reichlich Essen Herr werden kann.
Artig bedanke ich mich auf Arabisch „Shukran Habibo“ und scheine so nötige Sympathiepunkte bei dem Bengel einzufahren. Der kann nämlich plötzlich sogar lächeln.
Nachdem ich mir den Berg an Essen reingeschaufelt habe, bleibt noch genug übrig, um aus dem zweiten Fladenbrot ein Sandwich von annähernd biblischen Ausmaßen zu wickeln.
Völlig fix und foxy trabe ich zurück in das Appartement.
Alhamdullilah, war das gut!

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