Vor meiner Reise hatte ich mir nur wenige Gedanken
über den Verlauf meiner Route gemacht. Fest stand, dass ich auf jeden Fall
mindestens zwei Tage in Tel-Aviv und Jerusalem verbringen und im Toten Meer
schwimmen wollte. Da ich wusste, dass die Festung in Masada eine wichtige Rolle
im Gründungsmythos des Landes spielt und nah am toten Meer ist, hatte ich vor
beides miteinander zu verbinden. Gestern beschloss ich dann nach Ein Gedi zu
fahren, da mir der Name gefiel, es hier ein halbwegs günstiges Zeltcamp gibt
und der Bus weiter nach Masada fährt.
Obendrein soll Ein Gedi mit seiner Oase und dem
Botanischen Garten einer der schönsten Kubbuzim im Lande sein.
Schnaufend staucht es den Bus zusammen, als er an
der Bushalte an der Abzweigung nach Ein Gedi zum Stehen kommt. Da habe ich wohl
etwas zu spät gecheckt, dass die Bushalte naht und grad noch Drücken können.
Sorry Leute!
Ich schultere den Rucksack, den ich diesmal mit an
Bord genommen habe und steige in die Hitze des Wüstenklimas aus. Trockene
Hitze, blauer Himmel, mindestens 30 Grad und eine wahnsinnige Kulisse. Absolut
traumhaft!
Das Camp, in dem ich heute übernachten werde, liegt
etwa 200m vom Ortseingang entfernt. Um dort hinzugelangen, muss ich der Straße
bergauf für etwa 500m folgen und sehe dann linkerhand mehrere betonierte
Streifen, die sich wie eine überdimensionierte Terrasse vor dem Ort gruppieren.
Auf dem obersten ist eine kleine Zeltstadt
aufgebaut. Davor ist in bester Aussteiger Hostel Manier ein offener Bar, Chill
und Rezeptionsbereich aufgebaut, in dem die übliche Kiffer und Tunichtgut
Bagage des Dorfes herumlungert. Zumindest kann mir niemand erzählen, dass die
kleinen 16jährigen Dinger und die leicht beflaumten Bürschchen zur Entourage
der Bediensteten gehören, oder gar alleine reisend unterwegs sind. Vielmehr
machen die mir den Anschein, als wenn ihnen die gleichen charakterlichen
Wesenszüge meiner Person in diesem Alter zugehörig sind:
Da abhängen, wo was los ist, bei gleichzeitig
minimalem, aber grad noch ausreichendem Vermeiden von grenzüberschreitendem
Nerven der Obrigkeiten und dem entsprechendem gleichen Aufwand hinsichtlich
einer Rechtfertigung bezüglich einer überhaupt irgendwie vorvorhandenen
Daseinsberechtigung.
Ja, die Dinge erscheinen heute, wie damals
kompliziert, aber wenn man erstmal dahinter gestiegen ist...
Ich mache hinter dem Tresen einen langhaarigen
Bombenleger mit mehreren eingeflochtenen Dreads aus und spreche ihn bezüglich
meiner Buchung an.
Er checkt seinen Computer und beginnt dann sogleich
seinen Text mit der Einweisung in die Örtlichkeit und ihren Gepflogenheiten
einzuweisen.
Gemeinsam gehen wir noch in das Zelt Nummer vier,
wo ich mein Rucksack ablege und lasse mir zu guter letzt den kürzesten Weg zu
einer Badestelle erklären.
Hier wird der Filzkopf langsam lebhaft. Das tote
Meer habe in der Vergangenheit sehr unter der Wasserentnahme der wenigen
Zuflüsse gelitten, so dass der Meeresspiegel in den letzten Jahrzehnten um mehr
als zwanzig Meter gesunken sei, was zur Folge habe, dass viele Küstenstreifen
durch sogenannte „Sinking-Holes“ unbegehbar seien.
Zwar gebe es eine von den Einheimischen und
Touristen gerne genutzte Badestelle unweit der Bushaltestelle, doch ich solle
sehr vorsichtig sein. Außerdem empfiehlt er mir mindestens drei große Wasserflaschen
zum Abspülen mitzunehmen, da es an der besagten Stelle keine Dusche gäbe.
Sinking Holes? Das klingt nach Abenteuer!
Natürlich hatte ich bereits von diesen gelesen und
auch wahrgenommen, dass mancher Orts die Straße eine abrupte Kurve nahm, obwohl
der Highway, zumindest auf den ersten Blick, ganz normal an der Küste weiter
verlief. Die dutzenden Schilder mit den Totenköpfen und der Aufschrift
„Sinking-Holes“ ließen bereits erahnen, dass schon wesentliche Teile der
Infrastruktur dem nachgebenden Erdreich zum Opfer gefallen sind. Ein
Zeitungsartikel berichtete gar von einer Frau, die verletzt über Nacht in einem
vier Meter tiefen Loch ausharren musste, bis jemand auf sie aufmerksam wurde.
Mittlerweile gäbe es mehrere tausend dieser Löcher und niemand vermag zu sagen,
wie lange dass tote Meer noch sicher zu erreichen ist. Ein Plan sähe zwar vor,
Wasser über einen Kanal hierher zu leiten, jedoch gäbe es ökologische Bedenken.
Ich gebe der rechten Gehirnhälfte den Vorzug und
entscheide meiner Intuition zu folgen und die verdammten „Sinking-Holes“ Löcher
sein zu lassen.
Ich beschließe sofort zum Baden aufzubrechen, da es
bald dämmert. Wäre zu blöd, wenn ich, anstatt in ein neues „Sinking-Hole“
einzubrechen, in der Dunkelheit in ein altes fallen würde.
Also schnell raus aus der Boxershort, die
Billig-Tennis-Bade-Allrounder Hose wieder angezogen und den Weg zurück an die
Hauptstraße. Von da aus soll ich etwa 800m bis zum rostigen Tor auf dem
parallel verlaufenden Schotterweg gehen und mir ab da den kürzesten Weg zum
Meer suchen.
Vorher halte ich jedoch noch bei einem der großen
Metallkäfige mit den Plastikwasserflaschen, wie ich sie bereits in Tel-Aviv an
jeder Ecke gesehen habe und nehme mir drei 1,5l Flaschen heraus, die ich direkt
daneben an einem großen und etwa zwei Meter breitem Waschbecken auffülle und in
eine herumfliegende Plastiktüte einpacke.
Schwer beladen jogge ich also bergab, immer weiter
dem mit etwa 420m unter Normalnull am tiefsten gelegenen Punkt der über Wasser
liegenden Welt entgegen.
Von Ein Gedi blickt man von Westen gen Osten auf
das Tote Meer. So kommt man zwar nicht in den Genuss eines spektakulären
Sonnenuntergangs, kriegt dafür aber immerhin das goldene Licht auf die Berge
auf der jordanischen Seite projiziert.
Vor dieser Kulisse verwirken die Warnschilder ihren
Zweck und scheinen nur noch als mahnende Spielverderber, denen man nur zu gerne
die Tour vermasseln möchte.
Dennoch laufe ich vorsichtig und inständig auf Verschonung hoffend den Schotterweg
entlang. Das reflektierte Licht des Zentralgestirns schimmert mich weich,
verlockend und herausfordernd an. Eine elektromagnetische Sirene und weder eine
Leier, noch Wachs, geschweige denn Sticke in Sicht.
Glücklicherweise gibt es im Toten Meer keine Insel.
Thanatos zieht mich dennoch weiter und ich lasse
alle Vernunft fahren. Wobei es mir der Vernunft ja so eine Sache ist. Ist sie
zwar Menschen gemacht, hat aber doch nichts Menschliches an sich.
Also weiter, Heia!
Am Tor angekommen zweigt der Weg rechts ab und geht
noch etwa 200m weiter, nur um sich dann in einem riesigen Loch zu verlieren. Ab
hier befindet man sich endgültig im Land der Raketenwürmer, denn dahinter sind
dutzende Löcher mit bis zu 20m Breite und etwa vier Metern Tiefe.
Herzlichen Glückwunsch Philipp!
Da find ich den kleinen weißen Fiat 500, den ich
bereits aus einiger Entfernung gesehen habe und der auf dem letzten Flecken vor
dem Riesenloch geparkt ist, als sehr beruhigend, auch wenn dessen Präsenz
weniger auf Kenntnisse über den hiesigen Grund, denn auf grenzenloser Dummheit
beruhen. Offensichtlich gehören wir einem gemeinsamen Club an.
Denn nun ist das Wasser nicht mehr weit und ich
kann bereits die Stimmen anderer Menschen vernehmen. Wenn die es bis zum Wasser
geschafft haben, dann ich doch wohl erst recht.
Nachdem ich einen halbwegs trittfesten Weg um
einige Versenkungen gefunden habe, stolpere ich plötzlich über zwei liegen
gelassene Armeerucksäcke.
Nanu, wem gehören denn die?
Schon eine Ecke weiter sehe ich, dass im Wasser
zwei junge Damen und zwei junge Herren treiben und sich auf Englisch
miteinander unterhalten und den Anschein machen, als hätten sie gegenseitig
viel zu erfragen. Die Jungs sprechen mit israelischem Akzent, die dünnere der
Mädels mit französischem und die dickere der beiden lacht, wie nur eine fröhliche
Dicke zu lachen vermag.
Ich kombiniere messerscharf, dass es sich bestimmt
um zwei verschiedene Gruppen handeln muss. Die Mädchen mit dem todsicheren
Gespür für den richtigen Parkplatz auf der einen Seite und zwei junge Israelis
auf Freiersfüßen.
Doch nun muss ich meine volle Konzentration auf den
finalen Abstieg zum Wasser richten. Der Zugang zum Toten Meer gelingt nämlich
vielerorts nur noch nach der Überwindung einer etwa 50m breiten Salzfläche. Diese
ist mal spiegelglatt, mal stachelig spitz und man muss sehr vorsichtig gehen,
um nicht irgendwo mit den Schuhen hängen zu bleiben, oder zu stolpern. Als ich
den ersten Fuß auf diese setze ertönt zugleich das Geräusch brechenden Eises
wie auf einem unzureichend gefrorenen See. Doch wo ein Wille ist, ist auch ein
Weg.
Auf dem letzten Drittel bleibe ich mit dem Schuh an
einer Kante hängen, ziehe mir diesen beim automatischen Heben des Beines aus
und trete mit dem ungeschützten Fuß schmerzhaft in eine Salzkante.
Glücklicherweise ist nichts Ernsthaftes passiert. Vorsichtshalber stakse ich
nun, mit hohen auf und ab Bewegungen der Beine einem Storchen gleich, die
letzten Meter zu einem Salzsaum, der, einer gefrorenen Welle gleich, das letzte
Hindernis zum Wasser darstellt.
Unten angekommen gibt es dann auch keinen Strand,
sondern ebenfalls nur betoniertes Salz und einen penetranten Schwefelgeruch.
Der See selber liegt völlig friedlich, still und
spiegelglatt vor mir. Keine einzige Welle regt die Oberfläche und das Wasser
fühlt sich seltsam weich und ölig an.
Nun aber rein da.
Ich nicke noch kurz der Vierergruppe zu, ziehe mir
Schuhe, Socken und T-Shirt aus und gehe vorsichtig ins Wasser.
Auf den ersten Metern befindet sich unter meinen
Füßen eine glitschige Salzscholle und ich muss aufpassen, dass mich hier nicht
das Unglück einholt, dass ich auf dem Hinweg missen durfte. Wenigstens der
Einstieg geht sanft von dannen und das Wasser bleibt maximal schienbeintief.
Nach etwa zehn Metern sacke ich plötzlich mit den Füßen um dreißig Zentimeter
tief in eine warme Variante von weichem Wattenmeer und erschrecke mich tierisch,
so dass ich mich beinahe mit den Händen abstützen muss und froh bin meine
geliebte Zahngeige im Mund gelassen zu haben, auf der ich nun nervös herumkauen
kann. Unangenehm fühlt sich das an den Füßen an. Ich reiße mich zusammen und
stakse weiter voran. Schon bald wird der Untergrund wieder härter und nun steht
mir das Wasser etwa zur Taille. Ich will einen weiteren Schritt machen, doch
plötzlich hebe ich ab. Haha,
welch unvermittelte Freude. Das Wasser ist bestimmt 30Grad warm und wabert nun
angenehm um mich herum. Ich fühle mich sofort wie nach dem post-orgasmic-chill,
wo man sich nur noch umdrehen und pennen will; eingehüllt in einen sanften
Schauer aus Oxytocin und Serotonin, gepaart mit kindlicher Freude. Die Sirenen
halten, was sie versprochen haben.
So plansche ich ein wenig herum, drehe mich wie ein
Delphin und jauchze in mich hinein.
Doch auch diese kleine Freude ist einer Allegorie
auf das Leben gleich und so dauert es nicht lange, bis sich ein Wermutstropfen
in das Idyll schleicht. Nicht weiter tragisch zwar, aber dennoch deutlich
spürbar.
In den vergangenen beiden Tagen habe ich zwar
bereits etwa fünf Stunden im Flugzeug gesessen und weitere drei Stunden in
Zügen und Bussen gesessen, bin aber auch jede Menge gelaufen. In Berlin bin ich
zwar beinahe täglich mit eigener Muskelkraft unterwegs, behelfe mir jedoch mit
einem Fahrrad und jogge etwa zweimal in der Woche fünf Kilometer. Nichts im
Vergleich also zu den gestern und heute abgelaufenen 30km Erkundungs- und
Joggingtour.
Langsam aber macht sich nun, kurz unter den Eiern,
an meinen Oberschenkelinnenseiten ein unangenehmes und immer stärker werdendes
Brennen bemerkbar. Mir schwant Böses. Diese Beschwerde hatte ich bereits vor
etwas mehr als zwölf Jahren beim sogenannten „Sommermärchen“. Dort arbeitete
ich für die Zeit der WM in einem tausende Leute fassenden Nachbau des Berliner
Olympiastadions direkt auf der Fanmeile vor dem Brandenburger Tor und war der
Getränkejunge, der dort auf Zuruf und Zuwinken der Gäste stundenlang aus einem
tragbaren Rucksack gekühlte Softdrinks verkauft hat. Treppauf Treppab,
stundenlang.
Damals wie heute die gleiche Diagnose:
Ich habe mir durch anhaltende mechanische Reibung einen
veritablen Wolf gelaufen. Der Salzgehalt von etwa 35% im Wasser tut sein
Übriges dazu.
Nach wenigen Minuten lässt der Schmerz nach und da
die Mitschwimmer mit anderem rumalbern beschäftigt sind, balanciere ich mein
Handy für das wohl gefährlichste Selfie meines Lebens ins Wasser. Die Operation
gelingt und ich habe, trotz fehlender Zeitung, Zigarre, oder Martiniglas ein
ordentliches Beweisbild von mir.
Beim Abwaschen des Salzwassers meldet sich der Wolf
erneut, begleitet mich auf dem Heimweg und lässt mich die unter mir lauernden
Gefahren vergessen. Der Schmerz lässt auch den Sündern Seelenheil zuteil
werden.










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