Donnerstag, 3. Januar 2019

ISRAEL 2018 - Tag 2, Teil V

Vor meiner Reise hatte ich mir nur wenige Gedanken über den Verlauf meiner Route gemacht. Fest stand, dass ich auf jeden Fall mindestens zwei Tage in Tel-Aviv und Jerusalem verbringen und im Toten Meer schwimmen wollte. Da ich wusste, dass die Festung in Masada eine wichtige Rolle im Gründungsmythos des Landes spielt und nah am toten Meer ist, hatte ich vor beides miteinander zu verbinden. Gestern beschloss ich dann nach Ein Gedi zu fahren, da mir der Name gefiel, es hier ein halbwegs günstiges Zeltcamp gibt und der Bus weiter nach Masada fährt.
Obendrein soll Ein Gedi mit seiner Oase und dem Botanischen Garten einer der schönsten Kubbuzim im Lande sein.
Schnaufend staucht es den Bus zusammen, als er an der Bushalte an der Abzweigung nach Ein Gedi zum Stehen kommt. Da habe ich wohl etwas zu spät gecheckt, dass die Bushalte naht und grad noch Drücken können. Sorry Leute!
Ich schultere den Rucksack, den ich diesmal mit an Bord genommen habe und steige in die Hitze des Wüstenklimas aus. Trockene Hitze, blauer Himmel, mindestens 30 Grad und eine wahnsinnige Kulisse. Absolut traumhaft!
Das Camp, in dem ich heute übernachten werde, liegt etwa 200m vom Ortseingang entfernt. Um dort hinzugelangen, muss ich der Straße bergauf für etwa 500m folgen und sehe dann linkerhand mehrere betonierte Streifen, die sich wie eine überdimensionierte Terrasse vor dem Ort gruppieren.
Auf dem obersten ist eine kleine Zeltstadt aufgebaut. Davor ist in bester Aussteiger Hostel Manier ein offener Bar, Chill und Rezeptionsbereich aufgebaut, in dem die übliche Kiffer und Tunichtgut Bagage des Dorfes herumlungert. Zumindest kann mir niemand erzählen, dass die kleinen 16jährigen Dinger und die leicht beflaumten Bürschchen zur Entourage der Bediensteten gehören, oder gar alleine reisend unterwegs sind. Vielmehr machen die mir den Anschein, als wenn ihnen die gleichen charakterlichen Wesenszüge meiner Person in diesem Alter zugehörig sind:
Da abhängen, wo was los ist, bei gleichzeitig minimalem, aber grad noch ausreichendem Vermeiden von grenzüberschreitendem Nerven der Obrigkeiten und dem entsprechendem gleichen Aufwand hinsichtlich einer Rechtfertigung bezüglich einer überhaupt irgendwie vorvorhandenen Daseinsberechtigung.
Ja, die Dinge erscheinen heute, wie damals kompliziert, aber wenn man erstmal dahinter gestiegen ist...
Ich mache hinter dem Tresen einen langhaarigen Bombenleger mit mehreren eingeflochtenen Dreads aus und spreche ihn bezüglich meiner Buchung an.
Er checkt seinen Computer und beginnt dann sogleich seinen Text mit der Einweisung in die Örtlichkeit und ihren Gepflogenheiten einzuweisen.
Gemeinsam gehen wir noch in das Zelt Nummer vier, wo ich mein Rucksack ablege und lasse mir zu guter letzt den kürzesten Weg zu einer Badestelle erklären.
Hier wird der Filzkopf langsam lebhaft. Das tote Meer habe in der Vergangenheit sehr unter der Wasserentnahme der wenigen Zuflüsse gelitten, so dass der Meeresspiegel in den letzten Jahrzehnten um mehr als zwanzig Meter gesunken sei, was zur Folge habe, dass viele Küstenstreifen durch sogenannte „Sinking-Holes“ unbegehbar seien.
Zwar gebe es eine von den Einheimischen und Touristen gerne genutzte Badestelle unweit der Bushaltestelle, doch ich solle sehr vorsichtig sein. Außerdem empfiehlt er mir mindestens drei große Wasserflaschen zum Abspülen mitzunehmen, da es an der besagten Stelle keine Dusche gäbe.
Sinking Holes? Das klingt nach Abenteuer!
Natürlich hatte ich bereits von diesen gelesen und auch wahrgenommen, dass mancher Orts die Straße eine abrupte Kurve nahm, obwohl der Highway, zumindest auf den ersten Blick, ganz normal an der Küste weiter verlief. Die dutzenden Schilder mit den Totenköpfen und der Aufschrift „Sinking-Holes“ ließen bereits erahnen, dass schon wesentliche Teile der Infrastruktur dem nachgebenden Erdreich zum Opfer gefallen sind. Ein Zeitungsartikel berichtete gar von einer Frau, die verletzt über Nacht in einem vier Meter tiefen Loch ausharren musste, bis jemand auf sie aufmerksam wurde. Mittlerweile gäbe es mehrere tausend dieser Löcher und niemand vermag zu sagen, wie lange dass tote Meer noch sicher zu erreichen ist. Ein Plan sähe zwar vor, Wasser über einen Kanal hierher zu leiten, jedoch gäbe es ökologische Bedenken.
Ich gebe der rechten Gehirnhälfte den Vorzug und entscheide meiner Intuition zu folgen und die verdammten „Sinking-Holes“ Löcher sein zu lassen.
Ich beschließe sofort zum Baden aufzubrechen, da es bald dämmert. Wäre zu blöd, wenn ich, anstatt in ein neues „Sinking-Hole“ einzubrechen, in der Dunkelheit in ein altes fallen würde.
Also schnell raus aus der Boxershort, die Billig-Tennis-Bade-Allrounder Hose wieder angezogen und den Weg zurück an die Hauptstraße. Von da aus soll ich etwa 800m bis zum rostigen Tor auf dem parallel verlaufenden Schotterweg gehen und mir ab da den kürzesten Weg zum Meer suchen.
Vorher halte ich jedoch noch bei einem der großen Metallkäfige mit den Plastikwasserflaschen, wie ich sie bereits in Tel-Aviv an jeder Ecke gesehen habe und nehme mir drei 1,5l Flaschen heraus, die ich direkt daneben an einem großen und etwa zwei Meter breitem Waschbecken auffülle und in eine herumfliegende Plastiktüte einpacke.
Schwer beladen jogge ich also bergab, immer weiter dem mit etwa 420m unter Normalnull am tiefsten gelegenen Punkt der über Wasser liegenden Welt entgegen.
Von Ein Gedi blickt man von Westen gen Osten auf das Tote Meer. So kommt man zwar nicht in den Genuss eines spektakulären Sonnenuntergangs, kriegt dafür aber immerhin das goldene Licht auf die Berge auf der jordanischen Seite projiziert.
Vor dieser Kulisse verwirken die Warnschilder ihren Zweck und scheinen nur noch als mahnende Spielverderber, denen man nur zu gerne die Tour vermasseln möchte.
Dennoch laufe ich vorsichtig und inständig  auf Verschonung hoffend den Schotterweg entlang. Das reflektierte Licht des Zentralgestirns schimmert mich weich, verlockend und herausfordernd an. Eine elektromagnetische Sirene und weder eine Leier, noch Wachs, geschweige denn Sticke in Sicht.
Glücklicherweise gibt es im Toten Meer keine Insel.
Thanatos zieht mich dennoch weiter und ich lasse alle Vernunft fahren. Wobei es mir der Vernunft ja so eine Sache ist. Ist sie zwar Menschen gemacht, hat aber doch nichts Menschliches an sich.
Also weiter, Heia!
Am Tor angekommen zweigt der Weg rechts ab und geht noch etwa 200m weiter, nur um sich dann in einem riesigen Loch zu verlieren. Ab hier befindet man sich endgültig im Land der Raketenwürmer, denn dahinter sind dutzende Löcher mit bis zu 20m Breite und etwa vier Metern Tiefe.
Herzlichen Glückwunsch Philipp!
Da find ich den kleinen weißen Fiat 500, den ich bereits aus einiger Entfernung gesehen habe und der auf dem letzten Flecken vor dem Riesenloch geparkt ist, als sehr beruhigend, auch wenn dessen Präsenz weniger auf Kenntnisse über den hiesigen Grund, denn auf grenzenloser Dummheit beruhen. Offensichtlich gehören wir einem gemeinsamen Club an.
Denn nun ist das Wasser nicht mehr weit und ich kann bereits die Stimmen anderer Menschen vernehmen. Wenn die es bis zum Wasser geschafft haben, dann ich doch wohl erst recht.
Nachdem ich einen halbwegs trittfesten Weg um einige Versenkungen gefunden habe, stolpere ich plötzlich über zwei liegen gelassene Armeerucksäcke.
Nanu, wem gehören denn die?
Schon eine Ecke weiter sehe ich, dass im Wasser zwei junge Damen und zwei junge Herren treiben und sich auf Englisch miteinander unterhalten und den Anschein machen, als hätten sie gegenseitig viel zu erfragen. Die Jungs sprechen mit israelischem Akzent, die dünnere der Mädels mit französischem und die dickere der beiden lacht, wie nur eine fröhliche Dicke zu lachen vermag.
Ich kombiniere messerscharf, dass es sich bestimmt um zwei verschiedene Gruppen handeln muss. Die Mädchen mit dem todsicheren Gespür für den richtigen Parkplatz auf der einen Seite und zwei junge Israelis auf Freiersfüßen.
Doch nun muss ich meine volle Konzentration auf den finalen Abstieg zum Wasser richten. Der Zugang zum Toten Meer gelingt nämlich vielerorts nur noch nach der Überwindung einer etwa 50m breiten Salzfläche. Diese ist mal spiegelglatt, mal stachelig spitz und man muss sehr vorsichtig gehen, um nicht irgendwo mit den Schuhen hängen zu bleiben, oder zu stolpern. Als ich den ersten Fuß auf diese setze ertönt zugleich das Geräusch brechenden Eises wie auf einem unzureichend gefrorenen See. Doch wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.
Auf dem letzten Drittel bleibe ich mit dem Schuh an einer Kante hängen, ziehe mir diesen beim automatischen Heben des Beines aus und trete mit dem ungeschützten Fuß schmerzhaft in eine Salzkante. Glücklicherweise ist nichts Ernsthaftes passiert. Vorsichtshalber stakse ich nun, mit hohen auf und ab Bewegungen der Beine einem Storchen gleich, die letzten Meter zu einem Salzsaum, der, einer gefrorenen Welle gleich, das letzte Hindernis zum Wasser darstellt.
Unten angekommen gibt es dann auch keinen Strand, sondern ebenfalls nur betoniertes Salz und einen penetranten Schwefelgeruch.
Der See selber liegt völlig friedlich, still und spiegelglatt vor mir. Keine einzige Welle regt die Oberfläche und das Wasser fühlt sich seltsam weich und ölig an.
Nun aber rein da.
Ich nicke noch kurz der Vierergruppe zu, ziehe mir Schuhe, Socken und T-Shirt aus und gehe vorsichtig ins Wasser.
Auf den ersten Metern befindet sich unter meinen Füßen eine glitschige Salzscholle und ich muss aufpassen, dass mich hier nicht das Unglück einholt, dass ich auf dem Hinweg missen durfte. Wenigstens der Einstieg geht sanft von dannen und das Wasser bleibt maximal schienbeintief. Nach etwa zehn Metern sacke ich plötzlich mit den Füßen um dreißig Zentimeter tief in eine warme Variante von weichem Wattenmeer und erschrecke mich tierisch, so dass ich mich beinahe mit den Händen abstützen muss und froh bin meine geliebte Zahngeige im Mund gelassen zu haben, auf der ich nun nervös herumkauen kann. Unangenehm fühlt sich das an den Füßen an. Ich reiße mich zusammen und stakse weiter voran. Schon bald wird der Untergrund wieder härter und nun steht mir das Wasser etwa zur Taille. Ich will einen weiteren Schritt machen, doch plötzlich hebe ich ab.                               Haha, welch unvermittelte Freude. Das Wasser ist bestimmt 30Grad warm und wabert nun angenehm um mich herum. Ich fühle mich sofort wie nach dem post-orgasmic-chill, wo man sich nur noch umdrehen und pennen will; eingehüllt in einen sanften Schauer aus Oxytocin und Serotonin, gepaart mit kindlicher Freude. Die Sirenen halten, was sie versprochen haben.
So plansche ich ein wenig herum, drehe mich wie ein Delphin und jauchze in mich hinein. 
Doch auch diese kleine Freude ist einer Allegorie auf das Leben gleich und so dauert es nicht lange, bis sich ein Wermutstropfen in das Idyll schleicht. Nicht weiter tragisch zwar, aber dennoch deutlich spürbar.
In den vergangenen beiden Tagen habe ich zwar bereits etwa fünf Stunden im Flugzeug gesessen und weitere drei Stunden in Zügen und Bussen gesessen, bin aber auch jede Menge gelaufen. In Berlin bin ich zwar beinahe täglich mit eigener Muskelkraft unterwegs, behelfe mir jedoch mit einem Fahrrad und jogge etwa zweimal in der Woche fünf Kilometer. Nichts im Vergleich also zu den gestern und heute abgelaufenen 30km Erkundungs- und Joggingtour.
Langsam aber macht sich nun, kurz unter den Eiern, an meinen Oberschenkelinnenseiten ein unangenehmes und immer stärker werdendes Brennen bemerkbar. Mir schwant Böses. Diese Beschwerde hatte ich bereits vor etwas mehr als zwölf Jahren beim sogenannten „Sommermärchen“. Dort arbeitete ich für die Zeit der WM in einem tausende Leute fassenden Nachbau des Berliner Olympiastadions direkt auf der Fanmeile vor dem Brandenburger Tor und war der Getränkejunge, der dort auf Zuruf und Zuwinken der Gäste stundenlang aus einem tragbaren Rucksack gekühlte Softdrinks verkauft hat. Treppauf Treppab, stundenlang.
Damals wie heute die gleiche Diagnose:
Ich habe mir durch anhaltende mechanische Reibung einen veritablen Wolf gelaufen. Der Salzgehalt von etwa 35% im Wasser tut sein Übriges dazu.
Nach wenigen Minuten lässt der Schmerz nach und da die Mitschwimmer mit anderem rumalbern beschäftigt sind, balanciere ich mein Handy für das wohl gefährlichste Selfie meines Lebens ins Wasser. Die Operation gelingt und ich habe, trotz fehlender Zeitung, Zigarre, oder Martiniglas ein ordentliches Beweisbild von mir.
Beim Abwaschen des Salzwassers meldet sich der Wolf erneut, begleitet mich auf dem Heimweg und lässt mich die unter mir lauernden Gefahren vergessen. Der Schmerz lässt auch den Sündern Seelenheil zuteil werden.












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