An manchen Tagen kann man sich gut leiden, an manchen weniger gut.
An den meisten Tagen aber beachtet man sich und seine Befindlichleiten kaum und
funktioniert vor sich hin. Heute ist einer der ersteren Tage. Ich fühle mich
sonderbar leicht und meine Haut prickelt angenehm. Als dermatologischer, wie
auch psychiatrischer Laie attestiere dem Toten Meer eine förderliche
Auswirkungen auf mein Gemüt und vor Allem meine Haut.
Meine Ex-Freundinnen sind sich zwar allesamt erstaunlich ungleich,
einig waren sie sich aber immer, was den Zustand meiner Haut anging. Diese sei
von je her sehr weich und schön anzufühlen gewesen.
Eine derartige Sensibilität für mein zweitgrößtes
Organ (muhahaha) ist mir bis heute abgegangen, aber spätestens jetzt erfühle
ich, dass die Damen recht hatten. Ich trage den Antagonisten zur
Schleifpapiergrobkörnung in Reinform am Körper.
Ist der neu? Nein, mit Salzwasser gewaschen.
Ein wandelnder Weichspüler. Ein mobiler Babyarsch.
Allerdings ein Babyarsch, der seinen Müll mitnimmt.
Entgegen der offensichtlich sonstigen Sitte, diesen einfach in die Pampe zu
werfen, oder an der Badestelle liegen zu lassen, schleppe ich die leeren
Flaschen wieder nach oben und werde kurz vor dem Camp von dem weißen Fiat 500
überholt, der mit laut dröhnender Musik und den beiden Israelischen Boys an mir
vorbei düst. Connection müsste man haben.
Sagt man dazu im Englischen eigentlich Vitamin-C?
Gleich mal mit dem Camp-eigenen WLAN googlen.
Oben angekommen spuckt mir mein Handy nur die
„Connection from Vitamin C with Iron“ aus. Da ich allmählich hungrig werde,
belasse ich es bei der rudimentären Recherche zu diesem äußerst wichtigen Thema
und mache Inventur im Rucksack.
Ich muss feststellen, dass die Reste vom teuren
Frühstück sicherlich nicht zur Deckung meines abendlichen Hungers ausreichen
werden und ich auch morgen früh etwas zwischen die Zähne benötige, um Masada
sicher zu besteigen.
Also auf in den Kibbuz zum einzigen Einkaufsladen
weit und breit.
Um in den Ort zu gelangen muss man abermals einen
kleinen Checkpoint passieren. Dieser wird von einer Frau bewacht, die in einem
kleinen Häuschen Daily Soaps guckt. Neben dem Schlagbaum gibt es ein paar
Kameras und ein großes Tor, dass wohl bei Bedrohungen jedweder Art oder
allgemeiner Weltverdrossenheit verschlossen wird. Trotz der Vorsichtsmaßnahmen
bemerkt die Frau mein Passieren nicht und ich begrüße sie extralaut mit einem
fröhlichen „Shalom!“
Sie guckt kurz zu mir auf, beachtet mich aber nicht
weiter. Hier kommt wohl jeder Hallodri rein.
Ein Gedi liegt etwa hundert Meter über, und einen
Kilometer vom Ufer des Toten Meers entfernt. Obwohl erstmalig bereits vor
sechstausend Jahren bewohnt, dann aber zur Wüstung geworden, wurde der Kibbuz
erst 1953 gegründet und die Oase zu einem Botanischen Garten umgestaltet, der
ganz Ein Gedi durchzieht.
Bereits zu Füßen des terrassenartig angelegten
Ortes spürt man die feucht-muffige und doch frische Anwesenheit der Pflanzen und
die trockene Luft bekommt plötzlich Volumen.
Allmählich wird es dunkel und die Heuschrecken
fangen an zu zirpen. Ich schlendere in dieser wohligen Atmosphäre eine
langgestreckte Kurve hinauf und folge den Schildern zum Supermarkt. Hinter mir
höre ich ein Tapsen, drehe mich um und sehe eine etwa 75 Jahre alte Dame im
Sportdress, die sich langsam, aber beständig nähert.
Als sie mich überholt, grüße ich Sie freundlich mit
dem bereits erprobten „Shalom“, finde aber abermals keinerlei Beachtung. Zu
sehr scheint die Frau in einem Tunnelblick aus altersstarrer
Leistungsbereitschaft und Runners-High gefangen zu sein, als dass Geschehnisse
fernab davon sie abzulenken vermögen.
Ich bilde mir einfach ein, dass ich der perfekte
„Nobody“ bin. Ein Spion der unauffälligsten Sorte. Gekommen um die geheimen
israelischen Atomwaffen, die in Wirklichkeit im Schutze der Oase Ein Gedis
lagern, zu infiltrieren.
Aber Moment Mal, ich bin doch Philosemit! Habe ich
das nicht bereits in der Einleitung klar gemacht?
Ein lautes Motorendröhnen lässt mich aus diesen
befremdlichen Gedanken erwachen. Ein Trecker mit Anhänger fährt an mir vorbei.
Vorne sitz ein schnittiger Kerl Mitte Zwanzig und auf dem Anhänger zwei weitere
Erwachsene und eine Rotte Heranwachsender. Allesamt schmettern sie ein stolzes
Lied.
Etwa hundert Meter vor mir biegen sie ab und halten
auf einem kleinen Fußballfeld. Die Gruppe steigt ab und die Erwachsenen gehen
zu einer Art Holztor. Einer der Älteren hält eine kurze Rede in
beschwörerischen Ton, erntet regen Zuspruch aus der Gruppe und macht sich
daraufhin daran den Turm in Brand zu stecken.
Etwas irritiert laufe ich an der Szenerie vorbei.
Die Chose erinnert mich an den Ku Klux Klan in zivil.
Warum sollte es den nicht auch in Israel geben? Und
früh übt sich, oder?
Das wäre dann zumindest der Beweis, dass doppelte
Standards auch im positiven Sinne nicht angebracht wären und es sehr wohl in
Israel Rassismus „geben darf“.
Aber hier, in einem Kibbuz mit regem
Tourismusverkehr? Sicherlich nicht!
Ich vermute daher, dass es sich eher um ein
zionistisches Ritual für die Dorfkids handelt. Gemeinschaft und ein wenig Feuer
haben noch jeden zusammengeschweißt.
Ich schweiße dagegen lieber dem Einkaufsladen
entgegen.
Dem heißen Braunen steht der Sinn nach einem kühlen
Blonden.
Ich gehe eine breite Treppe hinauf und stehe vor
einem großen Esssaal, in dem bereits dutzende Leute vor einem Buffet wie in
einer Uni-Mensa aufgereiht stehen.
Ich lasse mich von den Gerüchen und meinem Hunger
hineinlocken und begutachte das Essen. Drei verschiedene Speisen stehen zur
Auswahl. Panierter Fisch, Nudeln mit Soße und ein Eintopf. Dazu gibt es Reis, Brot,
Saucen, Mixed Pickles und ein großes Salatbuffet, sowie einen Getränkeautomaten
mit diversen Säften, Wasser und Limonaden.
Ich erkundige mich an der Kasse, auf der ein
mächtiger alter Mann mit blondweißem Haar sitzt, was das Essen denn kosten
würde.
Er spricht erstaunlich gut Englisch und antwortet
mit einem viel zu hohen Preis für die viel zu kleinen Teller. Da ich mich nicht
traue zu fragen, ob man sich mehrmals bedienen kann und ich, für den Fall das
ja, ich keine Tupperdose dabei habe, trolle ich mich mit einem immer größer
werdenden „Sinking Hole“ im Bauch.
Als ich den Einkaufsladen endlich gefunden habe,
staune ich zuerst abermals über die Preise. Diese kleben in doppelter Form an
den Lebensmitteln. Der eine scheint für die Bewohner des Kibbuz zu gelten und
der andere, etwa zehn Prozent höhere, für alle Externen. Also für mich.
Ob der nochmaligen Teuerung schüttle ich perplex
den Kopf, lasse mich vom Hunger aber zu keinen allzu großen Dummheiten
verleiten und entscheide mich für eine Tütensuppe, vier Brötchen, zwei Äpfel,
zwei Schokoriegel, Zwei Pampelmusen, eine 2l Flasche Wasser und zwei kleine
Biere. Die Biere sind zwar ungekühlt, dabei aber weitaus günstiger als das die
Weihenstephan-Biere, die kurioserweise als einzige im Kühlschrank stehen und
doppelt so teuer sind.
Alles in allem kostet mich der Spaß etwa 16€. Au
weia!
Aber gut, all das Essen muss ja gewissermaßen
importiert werden und die Fahrtkosten etc. werden somit auf die Preise
umgelegt. Ganz einfache betriebswirtschaftliche Machart. Die Plastiktüte gibt
es übrigens kostenlos.
Da ich schon mal oben im Dorf bin laufe ich eine
Runde durch den Botanischen Garten. Die Stimmung ist zwar teuer erkauft,
entschädigt aber zugleich.
Ob es Touristen sind, oder Einheimische, die hier
mit mir herumlaufen, vermag ich nicht zu sagen. Eines ist uns wohl gemein: Über
Allen und Allem liegt eine ruhige Harmonie und Friedlichkeit. Die warme Glocke
der abendlichen Feuchtigkeit, der sternenklare Himmel und die von dem
verlässlichen, aber leisen Zirpen gerahmte Ruhe vereinen sich zu einem „Common
Sense“ der Behaglichkeit.
Das einzige was hier stört sind die, sich in meine Hand schneidenden, Riemen der viel zu schweren Plastiktüte und der nervige Scheuerschmerz des Wolfs. Dennoch wollen der Magen endlich gefüllt und die Biere eine Weile im Gefrierfach herunter gekühlt werden.
Das einzige was hier stört sind die, sich in meine Hand schneidenden, Riemen der viel zu schweren Plastiktüte und der nervige Scheuerschmerz des Wolfs. Dennoch wollen der Magen endlich gefüllt und die Biere eine Weile im Gefrierfach herunter gekühlt werden.
Bevor ich das Camp erreiche esse ich einen Apfel
und werde ein zweites Mal von der Duracell-Rentnerin überholt. Das gibt Mut,
Nährstoffe und Motivation für den nächsten Tag.
Obwohl das Camp ziemlich gut gebucht ist, habe ich
Glück und kann sofort an dem größeren der zwei Gaskocher meine Suppe zubereiten
und mit den Brötchen essen.
Dazu gibt es ein Bier und als Nachtisch einen
Schokoriegel.
Während ich esse, kommen die beiden Israelis vom
Toten Meer in die Küche und machen sich ebenfalls Abendbrot. Wir kommen
miteinander ins Gespräch. Die beiden stammen aus Nordisrael und leisten seit
zwei Jahren ihren Wehrdienst. Nun haben sie Urlaub und wollen bis nach Eilat
trampen, um dort ein paar Tage tauchen zu gehen.
Nach der Armee wollen beide gemeinsam nach Mexiko
fliegen und eine Weile reisen. Dann wohl Studium, Party und Mädchen. Bis auf
den Wehrdienst also ganz normale Verhältnisse.
Wir sprechen über die Armee und die beiden sind
sich einig:
„It makes you adult!“
Nach dem Wehrdienst wollen beide gemeinsam nach
Mexiko fliegen und eine Weile reisen. Dann wohl Studium, Party und Mädchen as
much as possible.
Dann fällt dieser eine, mit absoluter Überzeugung
geäußerte Satz:
„No Army, no state“.
Ich lasse diese Worte noch lange in mir nachwirken und fühle mich, bei aller militärischen Notwendigkeit zur Sicherung des Staates Israels, abermals bestärkt, die Westbank zu besuchen und dort mit Menschen ins Gespräch zu kommen.
No army, no state!
Gesättigt, aber nicht zu voll gestopft waschen wir
gemeinsam und ich geselle mich in den Barbereich. Hier sitzen einige Leute rum,
aber die Stimmung tendiert eher in Richtung abchillen und „ein Jeder macht
Seins“. Nur vom Billardtisch kommen lautere Geräusche, wo sich die Dorfjugend
um den Typen, der mich nachmittags in Empfang genommen hat, und weitere seiner
Kollegen scharen. Abwechselnd lochen sie Kugeln ein, ernten Gelächter für ihre
anscheinend witzigen, wohlmöglich sogar geistreichen, aber ganz bestimmt coolen
Sprüche, gucken gelegentlich zur Bar, ob jemand etwas bestellen möchte und
hoffen sicherlich nicht gänzlich unbegründet heute Abend noch anderweitig
einlochen zu können.
Von dieser Vorstellung bin ich weit entfernt, denn
trotz der trägen Vibes im Camp entwickelt sich ein Gespräch zwischen mir und
einem älteren Herrn aus England, der zufälligerweise auch in meinem Zelt
schläft.
Er habe Hautprobleme und käme seit vielen Jahren an
das Tote Meer, um dessen heilende Wirkung zu erfahren. Eigentlich schlafe er
immer im Hotel, aber diesmal sei er abenteuerlustig gewesen und habe sich für
ein paar Nächte im Zelt entschieden. Mit feinem englischen Humor spannt er geschickt
den Bogen vom mangelnden Komfort auf der dünnen und harten Matratze im Zelt hin
zu der daraus entstehenden schlechten Laune mit der es sich vorzüglich über
seine dummen Landsmänner und deren Entscheidung für den Brexit ablästern lässt.
Da unser Tisch noch mehrere Plätze frei hat, fragt alsbald
ein junger Mann, ob er sich zu uns setzen dürfe. Natürlich darf er.
Der junge Mann ist etwa in meinem Alter. Dank des
demographischen Wandels darf ich mich vermutlich noch in zehn Jahren zu dieser
Kategorie zählen lassen. Aber das nur am Rande.
Er heißt Tom und ist eine Rheinländische Frohnatur.
Auch Tom leidet an Hautbeschwerden. Wie aufs Wort
fühlen sich beide herausgefordert ihre fiesen Hand-, Arm- und Beinkrusten und
gemachte Fortschritte miteinander zu vergleichen. Mir wird langsam gewahr, dass
ich, mal von den üblichen Zeitgeist-Neurosen und dem Raubtier zwischen meinen
Schenkeln abgesehen, sehr viel Glück habe, meinen Urlaub hier und das Leben im
Allgemeinen vorerst frei von derart tückischen Gebrechen fristen zu dürfen.
Nach dem das Hautthema erschöpft ist, sprechen wir
über meine Pläne und ich erläutere, dass ich morgen früh nach Masada möchte.
Tom zeigt daraufhin auf zwei junge Männer an der Bar, die auch aus Deutschland
kämen und von denen er weiß, dass sie morgen früh mit dem Mietwagen ebenfalls
nach Masada wollen. Er könne versuchen einen Kontakt herzustellen, dann müsse ich
nicht mit dem Bus fahren.
Guter Mann. Empathisches Mitdenken gefällt mir.
So lerne ich die beiden Doktoranten aus Berlin
kennen und wir vereinbaren uns morgen in aller Frühe gegen 05:30 Uhr auf dem
Parkplatz zu treffen und gemeinsam dorthin fahren.
Gegen 22:00 Uhr verabschiede ich mich von den Männern
und schmunzle über den knochentrockenen, aber nicht minder witzigen und wahren Kommentar
des Engländers: „Hear you later!“
Leider bin ich innerlich viel zu aufgekratzt, um schnell
einschlafen zu können.
So lausche ich abermals den Geräuschen der vier Mitschläfer,
von denen sich zwei in ihren Schnarchkünsten gegenseitig zu überbieten
versuchen.
Eines steht fest: bei nächster Gelegenheit muss ich
mir Ohropax aus Wachs besorgen. Die dichten viel besser ab, als meine
improvisierten Klopapierröllchen.
Apropos: Erst jetzt, wo ich darüber nachdenke, wird
mir der raffinierte Sinn des Wortes Ohropax bewusst. Ohro, wie Ohr und Pax wie
Frieden.
Heureka! Gelegenheiten verschaffen Erkenntnisse.
Letztlich schaffe ich es in den Schlaf zu gleiten
und stelle kurz vor dem Einschlafen fest, dass ich ein verdammt glücklicher
Mensch bin.


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