Donnerstag, 3. Januar 2019

Israel 2018 - Tag 2, Teil VI


An manchen Tagen kann man sich gut leiden, an manchen weniger gut. An den meisten Tagen aber beachtet man sich und seine Befindlichleiten kaum und funktioniert vor sich hin. Heute ist einer der ersteren Tage. Ich fühle mich sonderbar leicht und meine Haut prickelt angenehm. Als dermatologischer, wie auch psychiatrischer Laie attestiere dem Toten Meer eine förderliche Auswirkungen auf mein Gemüt und vor Allem meine Haut.
Meine Ex-Freundinnen sind sich zwar allesamt erstaunlich ungleich, einig waren sie sich aber immer, was den Zustand meiner Haut anging. Diese sei von je her sehr weich und schön anzufühlen gewesen.
Eine derartige Sensibilität für mein zweitgrößtes Organ (muhahaha) ist mir bis heute abgegangen, aber spätestens jetzt erfühle ich, dass die Damen recht hatten. Ich trage den Antagonisten zur Schleifpapiergrobkörnung in Reinform am Körper.
Ist der neu? Nein, mit Salzwasser gewaschen.
Ein wandelnder Weichspüler. Ein mobiler Babyarsch.
Allerdings ein Babyarsch, der seinen Müll mitnimmt. Entgegen der offensichtlich sonstigen Sitte, diesen einfach in die Pampe zu werfen, oder an der Badestelle liegen zu lassen, schleppe ich die leeren Flaschen wieder nach oben und werde kurz vor dem Camp von dem weißen Fiat 500 überholt, der mit laut dröhnender Musik und den beiden Israelischen Boys an mir vorbei düst. Connection müsste man haben.
Sagt man dazu im Englischen eigentlich Vitamin-C?
Gleich mal mit dem Camp-eigenen WLAN googlen.
Oben angekommen spuckt mir mein Handy nur die „Connection from Vitamin C with Iron“ aus. Da ich allmählich hungrig werde, belasse ich es bei der rudimentären Recherche zu diesem äußerst wichtigen Thema und mache Inventur im Rucksack.
Ich muss feststellen, dass die Reste vom teuren Frühstück sicherlich nicht zur Deckung meines abendlichen Hungers ausreichen werden und ich auch morgen früh etwas zwischen die Zähne benötige, um Masada sicher zu besteigen.
Also auf in den Kibbuz zum einzigen Einkaufsladen weit und breit.
Um in den Ort zu gelangen muss man abermals einen kleinen Checkpoint passieren. Dieser wird von einer Frau bewacht, die in einem kleinen Häuschen Daily Soaps guckt. Neben dem Schlagbaum gibt es ein paar Kameras und ein großes Tor, dass wohl bei Bedrohungen jedweder Art oder allgemeiner Weltverdrossenheit verschlossen wird. Trotz der Vorsichtsmaßnahmen bemerkt die Frau mein Passieren nicht und ich begrüße sie extralaut mit einem fröhlichen „Shalom!“
Sie guckt kurz zu mir auf, beachtet mich aber nicht weiter. Hier kommt wohl jeder Hallodri rein.
Ein Gedi liegt etwa hundert Meter über, und einen Kilometer vom Ufer des Toten Meers entfernt. Obwohl erstmalig bereits vor sechstausend Jahren bewohnt, dann aber zur Wüstung geworden, wurde der Kibbuz erst 1953 gegründet und die Oase zu einem Botanischen Garten umgestaltet, der ganz Ein Gedi durchzieht.
Bereits zu Füßen des terrassenartig angelegten Ortes spürt man die feucht-muffige und doch frische Anwesenheit der Pflanzen und die trockene Luft bekommt plötzlich Volumen.
Allmählich wird es dunkel und die Heuschrecken fangen an zu zirpen. Ich schlendere in dieser wohligen Atmosphäre eine langgestreckte Kurve hinauf und folge den Schildern zum Supermarkt. Hinter mir höre ich ein Tapsen, drehe mich um und sehe eine etwa 75 Jahre alte Dame im Sportdress, die sich langsam, aber beständig nähert.
Als sie mich überholt, grüße ich Sie freundlich mit dem bereits erprobten „Shalom“, finde aber abermals keinerlei Beachtung. Zu sehr scheint die Frau in einem Tunnelblick aus altersstarrer Leistungsbereitschaft und Runners-High gefangen zu sein, als dass Geschehnisse fernab davon sie abzulenken vermögen.
Ich bilde mir einfach ein, dass ich der perfekte „Nobody“ bin. Ein Spion der unauffälligsten Sorte. Gekommen um die geheimen israelischen Atomwaffen, die in Wirklichkeit im Schutze der Oase Ein Gedis lagern, zu infiltrieren.
Aber Moment Mal, ich bin doch Philosemit! Habe ich das nicht bereits in der Einleitung klar gemacht?
Ein lautes Motorendröhnen lässt mich aus diesen befremdlichen Gedanken erwachen. Ein Trecker mit Anhänger fährt an mir vorbei. Vorne sitz ein schnittiger Kerl Mitte Zwanzig und auf dem Anhänger zwei weitere Erwachsene und eine Rotte Heranwachsender. Allesamt schmettern sie ein stolzes Lied.
Etwa hundert Meter vor mir biegen sie ab und halten auf einem kleinen Fußballfeld. Die Gruppe steigt ab und die Erwachsenen gehen zu einer Art Holztor. Einer der Älteren hält eine kurze Rede in beschwörerischen Ton, erntet regen Zuspruch aus der Gruppe und macht sich daraufhin daran den Turm in Brand zu stecken.
Etwas irritiert laufe ich an der Szenerie vorbei. Die Chose erinnert mich an den Ku Klux Klan in zivil.
Warum sollte es den nicht auch in Israel geben? Und früh übt sich, oder?
Das wäre dann zumindest der Beweis, dass doppelte Standards auch im positiven Sinne nicht angebracht wären und es sehr wohl in Israel Rassismus „geben darf“.
Aber hier, in einem Kibbuz mit regem Tourismusverkehr? Sicherlich nicht!
Ich vermute daher, dass es sich eher um ein zionistisches Ritual für die Dorfkids handelt. Gemeinschaft und ein wenig Feuer haben noch jeden zusammengeschweißt.
Ich schweiße dagegen lieber dem Einkaufsladen entgegen.
Dem heißen Braunen steht der Sinn nach einem kühlen Blonden.
Ich gehe eine breite Treppe hinauf und stehe vor einem großen Esssaal, in dem bereits dutzende Leute vor einem Buffet wie in einer Uni-Mensa aufgereiht stehen.
Ich lasse mich von den Gerüchen und meinem Hunger hineinlocken und begutachte das Essen. Drei verschiedene Speisen stehen zur Auswahl. Panierter Fisch, Nudeln mit Soße und ein Eintopf. Dazu gibt es Reis, Brot, Saucen, Mixed Pickles und ein großes Salatbuffet, sowie einen Getränkeautomaten mit diversen Säften, Wasser und Limonaden.
Ich erkundige mich an der Kasse, auf der ein mächtiger alter Mann mit blondweißem Haar sitzt, was das Essen denn kosten würde.
Er spricht erstaunlich gut Englisch und antwortet mit einem viel zu hohen Preis für die viel zu kleinen Teller. Da ich mich nicht traue zu fragen, ob man sich mehrmals bedienen kann und ich, für den Fall das ja, ich keine Tupperdose dabei habe, trolle ich mich mit einem immer größer werdenden „Sinking Hole“ im Bauch.
Als ich den Einkaufsladen endlich gefunden habe, staune ich zuerst abermals über die Preise. Diese kleben in doppelter Form an den Lebensmitteln. Der eine scheint für die Bewohner des Kibbuz zu gelten und der andere, etwa zehn Prozent höhere, für alle Externen. Also für mich.
Ob der nochmaligen Teuerung schüttle ich perplex den Kopf, lasse mich vom Hunger aber zu keinen allzu großen Dummheiten verleiten und entscheide mich für eine Tütensuppe, vier Brötchen, zwei Äpfel, zwei Schokoriegel, Zwei Pampelmusen, eine 2l Flasche Wasser und zwei kleine Biere. Die Biere sind zwar ungekühlt, dabei aber weitaus günstiger als das die Weihenstephan-Biere, die kurioserweise als einzige im Kühlschrank stehen und doppelt so teuer sind.
Alles in allem kostet mich der Spaß etwa 16€. Au weia!
Aber gut, all das Essen muss ja gewissermaßen importiert werden und die Fahrtkosten etc. werden somit auf die Preise umgelegt. Ganz einfache betriebswirtschaftliche Machart. Die Plastiktüte gibt es übrigens kostenlos.
Da ich schon mal oben im Dorf bin laufe ich eine Runde durch den Botanischen Garten. Die Stimmung ist zwar teuer erkauft, entschädigt aber zugleich.
Ob es Touristen sind, oder Einheimische, die hier mit mir herumlaufen, vermag ich nicht zu sagen. Eines ist uns wohl gemein: Über Allen und Allem liegt eine ruhige Harmonie und Friedlichkeit. Die warme Glocke der abendlichen Feuchtigkeit, der sternenklare Himmel und die von dem verlässlichen, aber leisen Zirpen gerahmte Ruhe vereinen sich zu einem „Common Sense“ der Behaglichkeit.
Das einzige was hier stört sind die, sich in meine Hand schneidenden, Riemen der viel zu schweren Plastiktüte und der nervige Scheuerschmerz des Wolfs. Dennoch wollen der Magen endlich gefüllt und die Biere eine Weile im Gefrierfach herunter gekühlt werden.
Bevor ich das Camp erreiche esse ich einen Apfel und werde ein zweites Mal von der Duracell-Rentnerin überholt. Das gibt Mut, Nährstoffe und Motivation für den nächsten Tag.
Obwohl das Camp ziemlich gut gebucht ist, habe ich Glück und kann sofort an dem größeren der zwei Gaskocher meine Suppe zubereiten und mit den Brötchen essen.
Dazu gibt es ein Bier und als Nachtisch einen Schokoriegel.
Während ich esse, kommen die beiden Israelis vom Toten Meer in die Küche und machen sich ebenfalls Abendbrot. Wir kommen miteinander ins Gespräch. Die beiden stammen aus Nordisrael und leisten seit zwei Jahren ihren Wehrdienst. Nun haben sie Urlaub und wollen bis nach Eilat trampen, um dort ein paar Tage tauchen zu gehen.
Nach der Armee wollen beide gemeinsam nach Mexiko fliegen und eine Weile reisen. Dann wohl Studium, Party und Mädchen. Bis auf den Wehrdienst also ganz normale Verhältnisse.
Wir sprechen über die Armee und die beiden sind sich einig:
„It makes you adult!“
Nach dem Wehrdienst wollen beide gemeinsam nach Mexiko fliegen und eine Weile reisen. Dann wohl Studium, Party und Mädchen as much as possible.
Dann fällt dieser eine, mit absoluter Überzeugung geäußerte Satz:
„No Army, no state“.
Ich lasse diese Worte noch lange in mir nachwirken und fühle mich, bei aller militärischen Notwendigkeit zur Sicherung des Staates Israels, abermals bestärkt, die Westbank zu besuchen und dort mit Menschen ins Gespräch zu kommen.
No army, no state!
Gesättigt, aber nicht zu voll gestopft waschen wir gemeinsam und ich geselle mich in den Barbereich. Hier sitzen einige Leute rum, aber die Stimmung tendiert eher in Richtung abchillen und „ein Jeder macht Seins“. Nur vom Billardtisch kommen lautere Geräusche, wo sich die Dorfjugend um den Typen, der mich nachmittags in Empfang genommen hat, und weitere seiner Kollegen scharen. Abwechselnd lochen sie Kugeln ein, ernten Gelächter für ihre anscheinend witzigen, wohlmöglich sogar geistreichen, aber ganz bestimmt coolen Sprüche, gucken gelegentlich zur Bar, ob jemand etwas bestellen möchte und hoffen sicherlich nicht gänzlich unbegründet heute Abend noch anderweitig einlochen zu können.
Von dieser Vorstellung bin ich weit entfernt, denn trotz der trägen Vibes im Camp entwickelt sich ein Gespräch zwischen mir und einem älteren Herrn aus England, der zufälligerweise auch in meinem Zelt schläft.
Er habe Hautprobleme und käme seit vielen Jahren an das Tote Meer, um dessen heilende Wirkung zu erfahren. Eigentlich schlafe er immer im Hotel, aber diesmal sei er abenteuerlustig gewesen und habe sich für ein paar Nächte im Zelt entschieden. Mit feinem englischen Humor spannt er geschickt den Bogen vom mangelnden Komfort auf der dünnen und harten Matratze im Zelt hin zu der daraus entstehenden schlechten Laune mit der es sich vorzüglich über seine dummen Landsmänner und deren Entscheidung für den Brexit ablästern lässt.
Da unser Tisch noch mehrere Plätze frei hat, fragt alsbald ein junger Mann, ob er sich zu uns setzen dürfe. Natürlich darf er.
Der junge Mann ist etwa in meinem Alter. Dank des demographischen Wandels darf ich mich vermutlich noch in zehn Jahren zu dieser Kategorie zählen lassen. Aber das nur am Rande.
Er heißt Tom und ist eine Rheinländische Frohnatur.
Auch Tom leidet an Hautbeschwerden. Wie aufs Wort fühlen sich beide herausgefordert ihre fiesen Hand-, Arm- und Beinkrusten und gemachte Fortschritte miteinander zu vergleichen. Mir wird langsam gewahr, dass ich, mal von den üblichen Zeitgeist-Neurosen und dem Raubtier zwischen meinen Schenkeln abgesehen, sehr viel Glück habe, meinen Urlaub hier und das Leben im Allgemeinen vorerst frei von derart tückischen Gebrechen fristen zu dürfen.
Nach dem das Hautthema erschöpft ist, sprechen wir über meine Pläne und ich erläutere, dass ich morgen früh nach Masada möchte. Tom zeigt daraufhin auf zwei junge Männer an der Bar, die auch aus Deutschland kämen und von denen er weiß, dass sie morgen früh mit dem Mietwagen ebenfalls nach Masada wollen. Er könne versuchen einen Kontakt herzustellen, dann müsse ich nicht mit dem Bus fahren.
Guter Mann. Empathisches Mitdenken gefällt mir.
So lerne ich die beiden Doktoranten aus Berlin kennen und wir vereinbaren uns morgen in aller Frühe gegen 05:30 Uhr auf dem Parkplatz zu treffen und gemeinsam dorthin fahren.
Gegen 22:00 Uhr verabschiede ich mich von den Männern und schmunzle über den knochentrockenen, aber nicht minder witzigen und wahren Kommentar des Engländers: „Hear you later!“
Leider bin ich innerlich viel zu aufgekratzt, um schnell einschlafen zu können.
So lausche ich abermals den Geräuschen der vier Mitschläfer, von denen sich zwei in ihren Schnarchkünsten gegenseitig zu überbieten versuchen.
Eines steht fest: bei nächster Gelegenheit muss ich mir Ohropax aus Wachs besorgen. Die dichten viel besser ab, als meine improvisierten Klopapierröllchen.
Apropos: Erst jetzt, wo ich darüber nachdenke, wird mir der raffinierte Sinn des Wortes Ohropax bewusst. Ohro, wie Ohr und Pax wie Frieden.
Heureka! Gelegenheiten verschaffen Erkenntnisse.
Letztlich schaffe ich es in den Schlaf zu gleiten und stelle kurz vor dem Einschlafen fest, dass ich ein verdammt glücklicher Mensch bin.





Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen