Tag
II – Omelets, Geschenke und Whiskywissen
Augen langsam aufmachen. Blinzeln.
Blick zum Handy. Voller Genugtuung feststellen, dass ich fünf Minuten vor dem
Weckerklingeln von alleine aufgewacht bin. 06:25am. Aufrichten und die Beine
nach außen auf den Teppich wuchten. Ich stemme den Kadaver hoch und verspüre
lediglich eine leichte Verspannung in der Schulter. Die Füße versinken
zentimetertief im Hochflorteppich. Dieser endet glücklicherweise am Eingang zum
Badezimmer. Hier überwiegen Fliesen. Für die Bindung eventueller
Überschwemmungen und das Wärmen der Füße sorgen wiederum modisch leicht
antiquierte Sanitärvorleger. Ich überlege kurz, ob ich nach der Dusche und für
den Fall, dass die Schulterschmerzen nicht nachlassen wollen, den
Toilettenvorleger während des Frühstücks um meine Schultern legen soll. Der hat
so eine wunderbare Ausbuchtung, da, wo der Standfuß der Toilette im Boden
verschwindet und würde genau um den Hals passen. Hahaha, furchtbar witzig...
Da habe ich wohl schon früh am Morgen
einen Schalk im Nacken. Zum Frühstück gibt es dann anstatt eines Kaspars das
versprochene Omelett. Während der Zubereitung komme ich aus dem Staunen nicht
mehr heraus. Was Will da alles in der Pfanne versenkt ist wirklich sagenhaft.
Es zischt, spritzt, denaturiert und dampft und wenige Minuten später wird ein
Traum aus Eiweiß und Fett auf meinem Teller drapiert. Das Gourmetessen wird mit
Gurken, Tomaten und Paprika garniert und abschließend in Salatsoße ertränkt.
Wunderbar. Dazu gibt es Knast-Kaffee,
Apfel- und Orangensaft, Toast, Marmelade und Butter. Value for Money.
Ich haue rein und geize nicht mit
Komplimenten. Eier, Eier, Eier! Will hat ein hervorragendes Händchen für Eier, das
selbst dem strengsten Pietisten ein fröhliches Quietschen entfahren dürfte.
Dann geht es auch schon ans Packen und
Verabschieden. Als ich mich dem Auto zuwende, hält fällt Will noch etwas ein.
Am Abend hatte ich über meine Low-Budget-Art des Reisens gesprochen. Daraufhin
fiel ihm ein, dass er noch ein altes Einpersonenzelt hätte, dass seit Jahren
unbenutzt in der Garage liege. Dieses holt er nun und schenkt es mir. Dazu hat
er noch einen kleinen Sommerschlafsack, der zwar ebenfalls schon längere Zeit
nicht in Benutzung war, aber bestimmt nach der letzten Benutzung gewaschen
wurde, so wie er mir versichert. Was soll ich sagen... Ich bin überwältigt.
Zwar habe ich auf der Isle of Skye und der Isle of Islay jeweils ein Dormbett,
bzw. ein Zimmer in einem AirBnB gebucht, mir aber für die anderen Tage eine
gewisse Ungewissheit und Spontaneität vorbehalten. Ich wollte mir nach Lust,
Laune, Wetterlage und anderen vorherigen Unabwägbarkeiten je nach Bedarf ein
Airbnb besorgen, oder zur Not auch mal im Auto schlafen. Nun bekomme ich quasi
frei Haus und unerwartet ein gutes Stück Unabhängigkeit geschenkt.
Vielen Dank Will!
Der Mann ist wirklich super.
Hoffentlich findet er bald eine neue Herzdame. Bei seinem guten herzen und
sonnigen Gemüt sicherlich kein Problem.
Draußen hingegen: permanenter Regen, Böen,
Wind und graue Wolken.
Aus einem Strandspaziergang im
Küstenstädtchen wird wohl nix. Dafür erobere ich heute die Speyside und die
südlichen Highlands; notfalls ohne die Karre zu verlassen.
Die Speyside, sowie die angrenzenden
Highland-Destillen stellen seit je her das Herz der weltweiten Whiskyproduktion
dar. Mit Glenfiddich, Macallan, oder Glenlivet assoziieren die meisten Menschen
zu Recht folgende vier Wörter: Single Malt Scotch Whisky.
Um ordentlichen Whisky herzustellen
benötigt man lediglich Wasser, gemälzte Gerste und Hefe, ein nicht zu großes
Eichenholzfass und drei Jahre Wartezeit. Das Getreide wird angefeuchtet,
erwärmt, zum Keimen gebracht und wieder getrocknet, dann geschrotet und mit
Wasser vermischt. Schließlich gibt man Hefe dazu, welche dafür sorgt, dass die
im Getreide enthaltenen Zucker herausgelöst werden und Alkohole entstehen
können. Das Erzeugnis ist im Prinzip nichts anderes als ein hochprozentiges
Bier ohne Kohlensäure. Dieses wird dann zweifach destilliert und der Rohbrand
zur Reifung in Fässer abgefüllt. Alles, was nach der dreijährigen
Mindestreifezeit noch über 40% Alkoholgehalt hat, darf als Whisky vermarktet
werden. Um jedoch den edlen Single-Malt-Whisky herzustellen, bedarf es etwas
mehr Feingefühl in der Herstellung und Wertschätzung für die Rohstoffe. Während
für die, meist günstigen, Blended Whiskys Industriealkohol mit relativ
neutralem Geschmack in ausgelutschten Eichenfässern meist nur drei Jahre und
einen Tag reift, verläuft die Herstellung eines vernünftigen Single Malt Whiskys
etwas aufwändiger. Hier bestimmen die Rohstoffe, die Form der Brennblasen, das
Geschick der Brennmeister, das Fassmanagement, das feine Gespür für gutes
Marketing und ein nicht näher zu beschreibender Mythos, der nicht zuletzt von
den Whiskyenthusiasten auf der ganzen Welt genährt; nein vielmehr gemästet
wird, die Güte der edlen Tropfen. Alle Welt will es haben, das schottische
Wässerchen des Lebens... Lechz, sabber, stöhn...
Dabei ist Whisky überhaupt nicht
schottischen Ursprungs. Es waren vielmehr irische Mönche, die die seit 3000 vor
Christus bekannte Kunst der Destillation im 4. Jahrhundert zur Herstellung von
Trinkalkohol nutzten und dem damals wahrscheinlich noch sehr sprittigen und
scharfen Gesöff den Namen „aqua vitae“ gaben. Aus diesem Wort entwickelte sich
das gälische „uisge beatha“, welches wiederum zum heute gebräuchlichen Whisky,
bzw. in Irland und Amerika Whiskey wurde. Zwar kann man davon ausgehen, dass
auch in Schottland recht bald Alkohol gebrannt wurde, jedoch lässt sich erst
anhand eines Steuerdokuments aus dem Jahre 1494 eindeutig nachweisen, dass einst
ein schottischer Mönch Malz kaufte, um auf Anweisung Königs James IV „aquavite“
herzustellen. In Irland war man damals schon weiter und es lassen sich
unzählige konzessionierte Destillen nachweisen.
In beiden Ländern galt der Alkohol als
Medizin, oder Trägerstoff für heilsame Kräuter und die Herstellung war der
Mediziner- und Baderzunft vorbehalten. Doch schnell entdeckte auch das gemeine
Volk Gefallen an der ungemein berauschenden Wirkung des starken Alkohols und es
entstanden unzählige Schwarzbrennereien. Da aber zum Brennen alsbald mehr
Getreide verbraucht wurde, als für die Ernährung der Bevölkerung vorrätig, war
die Alkoholdestillation ab 1579 nur noch adligen Clans erlaubt.
Wer nun glaubt, dass dieses Gesetz den
Schwarzbrennern Einhalt gebot, hat sich geschnitten. Es wurde fleißig weiter
gebrannt und es darf davon ausgegangen werden, dass in jeder noch so
abgelegenen Ecke Schottlands mindestens eine Schwarzbrennerei vorhanden war. Schätzungen
belaufen sich für das 17. Und 18. Jahrhundert auf etwa 14000 illegale
Destillen. Auch machte die geographische Abgeschiedenheit mancher Regionen Kontrollen
seitens der Obrigkeiten nahezu unmöglich. Anno 1707 besteuerte der Staat Malz
erheblich und Steuerbeamte sollten mit militärischem Schutz die Schwarzbrenner
massiv bekämpfen. Doch die Bevölkerung und auch die mächtige katholische Kirche
Schottlands stellten sich ein ums andere Mal stur und konnten sogar oftmals verhindern,
dass erwischte Schwarzbrenner verurteilt wurden. Vielmehr kam es regelmäßig zu
Unruhen, wenn die Autoritäten gegen die unerlaubte Herstellung von Whisky vorgingen.
Aus schierer Verzweiflung erließen die Oberen in dieser Zeit eine Belohnung für
jede verratene Destille. Diese lag mit fünf Pfund allerdings über den Kosten,
die das Equipment für eine neue Destillationstechnik kostete. So kam es, dass
unzählige Menschen quasi anonym ihre eigenen Destillen bei den Steuerbeamten
meldeten, die Belohnung einstrichen, davon eine neue Destille bauten und am
Ende sogar noch etwas Geld übrig hatten.
Erst 1823 hatte der Staat ein Einsehen
und gab, gegen Entrichtung einer geringen Steuer, jedem die Möglichkeit Whisky
zu brennen. In dieser Zeit entstanden viele der heute noch aktiven Destillen. In
der Folgezeit erlebte der Whisky Phasen des Auf- und Abschwungs. Derzeit
befindet sich der Absatz, nicht zuletzt durch den wachsenden Mittelstand und
seinen Konsumgelüsten in Asien, auf einem Rekordhoch. Das führt einerseits
dazu, dass der Whisky etablierter Hersteller immer teuerer und rarer wird. Erst
kürzlich wurde eine einzelne 0,7l Flasche Whisky für sage und schreibe 1,7 Mio
€ versteigert.
Der Boom bringt aber auch viele neue
Craft-Destillen an den Start, die durch z.B. einfallsreiches Fassmanagement,
innovative Produktionstechniken und raffiniertem Marketing versuchen
Marktanteile zu ergattern.
Den aufgeschlossenen Konsumenten freut
es, kann er sich doch an einer großen Vielfalt an verfügbaren Whiskys erfreuen
und nach Lust und Laune probieren, vergleichen, ablästern und genießen.
Internet-Hypes, Onlineforen und Social-Media-Gruppen befeuern diesen Trend
genauso, wie z.B. in der Sneaker- und Musikkultur und finden ihre Bestätigung
in einer regen analogen Stammtischkultur.
Heute will ich ein wenig durch die
Gegend fahren und mir zumindest eine Destille genauer ansehen. Kaum lasse ich
die Stadtgrenze von Lossiemouth hinter mir und fahre ins Hinterland, tun sich
die Wolken auf und es wird sonnig. Ich checke den Wetterbericht und tatsächlich
soll es in den kommenden Stunden gutes Wetter geben.
Ich lasse die Küste hinter mir und fahre
durch die Speyside nach Dufftown. Die kleine Stadt beherbergt sieben Whisky-Brennereien,
ein Whiskymuseum, zwei Whiskyfestivals, mehrere Whisky-Läden und Geschäfte mit
Dienstleistungen, die sich ausschließlich mit – na was wohl... – natürlich
Whisky beschäftigen. Obwohl die kleine Stadt nicht mehr als 1700 Einwohner hat
und auch auf den Straßen absolut tote Hose herrscht, wird sie von vielen
Kennern als die Whisky-Hauptstadt der Welt angesehen.
Die wohl bekannteste heißt Glenfiddich.
„Glen“ steht für Tal und „Fiddich“ für Hirsch und dürfte als eine der
bekanntesten Destillen wohl auch den unbedarfteren der Leserschaft ein Begriff
sein.
Ich parke mein Auto also im Ort und
erkunde zu Fuß die Gegend. Heute ist Samstag und außer ein paar Kids auf dem
Weg zum Bolzplatz und Einheimischen mit Hunden ist nicht viel los. Autos parken
stoisch an den Straßenseiten, ein paar verirrte Möwen krächzen am Himmel,
hoffnungsfrohe Wäsche flatternd an Wäschespinnen erwartungsvoll den
angekündigten Sonnenstrahlen entgegen, durch Wohnzimmerfenster flackern Fußballübertragungen
und ein paar verlorene Gestalten lungern vor der einzigen
Sportwettannahmestelle des Ortes herum. Schottisches Kleinstadt-Wochenende. Bon
jour Tristesse.
Ich entscheid mich für körperliche
Ertüchtigung und laufe etwa eine Meile zur besagten Glenfiddich-Destille. Die
Brennerei ist in Besitz der reichsten Familie Schottlands. 2,7 Milliarden Pfund
Reichtum, der alleine auf der Produktion von Whisky basiert.
To make a long Story short – ganz nett,
aber so wie die Besuchertoiletten schon am jungen Tag müffeln, hält mich nichts
dort. Dafür reißt der Himmel auf und die Sonne zeigt, dass Schottland mehr
kann, als Regenwetter und dicke Wolken.
Ich spaziere entlang einer
beschaulichen Burgruine, einem fetten Mähdräscher und durch einen kleinen
verwunschenen Park zurück zu meinem Auto und bemerke, wie sich mein Schritt
wieder unweigerlich beschleunigt.
Kürzlich habe ich Jack Kerouacs „On the
Road“ gelesen und frage mich, wieso ich mich nicht für eine entschleunigtere
Art des Reisens entschieden habe. Früher bin ich oft getrampt und immer sicher
und entspannt ans Ziel gekommen. Zwar musste man öfter länger warten und auch waren
manche der Fahrer maulfaul, oder gar einfältig. Doch überwiegend waren es interessante
und witzige Zeitgenossen, die auch gerne mal Umwege in Kauf nahmen, um einen
zur nächsten Etappe, bzw. ans Ziel zu bringen.
Die Antwort folgt prompt in Form einer
Nachricht auf dem Handy. Die Familie lässt grüßen und will wissen, wann ich die
ersten Photos schicke.