Mittwoch, 10. Februar 2021

SKATEBOARDING & TAEKWANDO IN ÄTHIOPIEN - JANUAR/FEBRUAR 2020

Eine plötzliche Salve von Gürtelschlägen lässt den jungen Taekwando-Schüler blitzartig wieder eine aufrechte Haltung einnehmen und beschämt zu Boden gucken. Kurz ist es still in der dürftig aus Baumstämmen, Wellblech und Plastikplanen zusammengebauten Sporthalle. Etwa zwanzig verschwitzte Augenpaare folgen mit gesenktem Blick dem Verursacher des schmerzvollen Intermezzos, der sich mir mit entschuldigend geöffneten Armen und gespielter Büßermine zuwendet.

„Die Kids kommen von der Straße, die sind Schlimmeres gewohnt“ grinst Jimi Karlos, Sozialarbeiter, Skater und respekteinflößender Gyosa des Dojos, in meine Richtung. „Wer hier anfängt zu trainieren weiß schon vorher, dass ich keine Faulheit akzeptiere.“

Wie auf Geheiß beginnen schwere Regentropfen wie Maschinengewehrsalven auf das Wellblechdach einzuprasseln und das Training nimmt seinen Lauf.

In Hawassa, der größten Stadt im Südwesten Äthiopiens, deren mildes Klima, gute Hotels, Bars und Infrastruktur von der kleinen Oberschicht des Landes unter der Woche gerne zum Tagen und am Wochenende zum Entspannen genutzt wird, kündigt sich langsam die Regenzeit an. Bald wird die Natur wieder in sattem Grün erscheinen und die Wassermassen das Leben der Ärmsten noch ein bisschen schwerer machen.

Für die Straßenkinder der Stadt gibt es kaum Anlaufpunkte, um den Widrigkeiten des harten Alltags zumindest für kurze Zeit zu entfliehen. Einer dieser wenigen Orte liegt etwas außerhalb der Innenstadt und ist selbst für die sich stets allwissend gebenden Tuk-Tuk-Fahrer nur durch mehrmaliges Telefonieren zu finden.

In einer Art Industriegebiet besteht seit einigen Jahren eine der wenigen öffentlich geförderten Jugendeinrichtungen des Landes.

Dreimal in der Woche findet hier das auf den fünf Tugenden Höflichkeit, Integrität, Geduld, Selbstdisziplin und Unbezwingbarkeit basierende Taekwando-Training statt.

In weißen Anzügen bewegen sich Eleven synchron zu laut gerufenen Anweisungen, hallt der Sound von Fäusten und Pratzen, riecht es nach Schweiß und Ehrgeiz, dominiert ein Mann die Szenerie.

„Die Realität draußen ist für die Kids schwer. Viele fangen an Alkohol zu trinken, oder werden kriminell. Beim Training lernen sie Druck auszuhalten und mit Aggressionen umzugehen... Und den Druck...?! Nun, den mache ich..." grinst einmal mehr die unkonventionelle Respektperson in meine Richtung.

Der pädagogische Mehrwert von Sportangeboten ist hinlänglich bekannt und manchmal muss der Zweck die Mittel heiligen.

Dennoch soll der Ort auch ein geschützter Raum sein, in dem die jungen Menschen ein wenig Zerstreuung und Vergnügen finden können. So stehen in einer weiteren Hütte Tischtennisplatten, sowie ein Kicker und in einer Küche wird regelmäßig Mittagessen gekocht.

Zudem befindet sich hier eine weitere Betätigungsstätte, die, ihrem Image gemäß, wohl eher in den Metropolen der westlichen Welt zu erwarten wäre, als in der äthiopischen Provinz.

Direkt neben der Trainingshalle befindet sich ein moderner Skateboardpark aus Beton. Auf einer Fläche von etwa 25x30m wuseln vor dem Regenguss zahlreiche Kids zwischen- und durcheinander herum, machen Quatsch und bilden, nicht zuletzt durch ihre bunten Straßenklamotten, einen deutlichen Kontrast zu den disziplinierten und uniformierten Kampfsportlern nebenan. Zwar versucht ein älterer Skater ein wenig Ordnung in die Bande zu bringen, scheitert jedoch an deren Renitenz und Fortbewegungsdrang. So schwingt er sich dann auch kopfschüttelnd selber ins Getümmel und wird eins mit der quirligen Masse.

Seit je her sehen sich Skater*Innen losgelöst von gesellschaftlichen Konventionen und festgeschriebenen Regeln. Man findet sich außerhalb organisierter Strukturen zusammen, zweckentfremdet die Infrastruktur zu einem multifunktionellen Sportparcours und gestaltet eigene Räume. Nicht selten entsteht aus diesem Selbstverständnis eine Energie, die sich in Engagement und Schaffenskraft äußert.

So ist es den älteren Skater*Innen in Hawassa gelungen das etwa 25x30m große Areal von der Stadtverwaltung zur Verfügung gestellt zu bekommen. Mit Hilfe der NGO „ethiopia-skate“ und internationaler Unterstützung konnte Ende 2017 der Skatepark fertig gestellt werden und wird seitdem von den Skater*innen eigenständig unterhalten und erweitert.

„Die Locals haben wirklich Beindruckendes geschafft“ sagt Aurelio Macone, der „skate ethiopia“seit vielen Jahren unterstützt und an der Deutschen Botschaftsschule in Addis Abeba als Erzieher arbeitet. „Zivilgesellschaftliches Engagement ist in Äthiopien nicht selbstverständlich und die bürokratische Hürden sehr hoch, so dass man mit seinen Anliegen bei der Administration oftmals abgewiesen wird, oder nur mit Connections und Bestechungsgeld vorankommt.“

Insgesamt grenzt es eh schon fast an ein Wunder, dass an einem abgelegenen Ort in einem der ärmsten Länder der Welt eine lebendige Skateszene existiert. Zumal es in der relativen medialen Abgeschiedenheit eines Landes, in dem der Besitz von Smartphones und Internetzugang für die meisten Bewohner*innen noch immer einen Luxus darstellen und die Einfuhr von Skateboards verboten (!) ist, eigentlich kaum Berührungspunkte zu diesem Medium geben sollte.

Die meist von Skater*Innen aus der westlichen Welt gespendeten und teilweise über Immunität genießende Botschafts-Container ins Land geschafften Skateboards werden in einem kleinen Kabuff neben der Sporthalle verwahrt und auf Leihbasis an die lebensfreudige Meute vergeben.

Neben dem Erlernen von Tricks, der Zerstreuung und dem Zugehörigkeitsgefühl gehören sowohl die Pflege und Instandhaltung, wie auch die Erweiterung des Skateboardparks zum Konzept der Einrichtung und sollen den Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit geben Verantwortungsbewusstsein, Disziplin und handwerkliche Fähigkeiten zu erlernen.

So muss die Anlage immer erstmal sauber gemacht, oder repariert werden, bevor geskatet werden darf. Wer sich bewährt, darf die anderen Kids anleiten, oder bekommt gar einen Schlüssel, um auch außerhalb der offiziellen Zeiten Boards zu vergeben.

Skateboarding dient also eher als Erziehungsmittel, denn der Distinktion. Wer mitskaten will, muss sich die wenigen Skateboards mit den anderen teilen. Bei Streitereien klären die Kids die Konflikte erstaunlich wortreich und gewaltfrei untereinander, während bei „Auffälligkeiten“ schon  mal Jimi dafür sorgt, dass Ruhe ist, oder jemand für ein paar Tage im Gefängnis landet. Das spräche sich rum und sorge für Ruhe.

Natürlich ist das Niveau insgesamt nicht so hoch wie in Europa und Amerika, so dass sich die Qualität des Skatens weniger über das Trickpotential, denn über den Spaß, den man dabei haben kann, sowie dem psychosozialen Mehrwert definiert. Obwohl die Äthiopier*Innen eher zurückhaltend sind, ist es eine Freude die Losgelöstheit der Akteure*Innen zu beobachten, wenn sie unbeschwert über die glatte Oberfläche gleiten. Manche noch ungelenk, andere schon vom Selbstvertrauen kleinerer und größerer Erfolge gestärkt, wie etwa die heranwachsende Skaterin, die sich in einem unausgesprochenen Wettbewerb mit einem etwa gleichaltrigen Jungen zu befinden scheint. Beide messen sich an einem Hindernis, dass sie tatsächlich als erste hinunter zu springen vermag. Der daraufhin an den Konkurrenten adressierte Blick voller Stolz und Trotz ist sicherlich keine Selbstverständlichkeit in einem Äthiopien, in der vor allem die Männer nach wie vor das Sagen haben. So drängeln sich beim Gruppenphoto auch wieder die Jungs in den Vordergrund und präsentieren ghettolike und stolz ihre selbstgestochenen Jesus-Tattoos.

In Addis-Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens, hingegen wird der rasante wirtschaftliche Aufschwung des Landes auch an der „Kushineta-Skate-Crew“ bemerkbar. In einem robusten Einfamilienhaus mit großem Garten und Veranda dröhnt Yellowman aus einer Bluetoothbox und verkündet jamaikanische Weisen. Von Marihuana und leichten alkoholischen Getränken beseelte Gesichter leuchten im Widerschein der Smartphonedisplays, Instagram-Bilder werden zur Seite gewischt und Skateboardclips auf der Website des Thrasher-Magazines diskutiert. Regelmäßig wird ein Unglücklicher auserwählt, um Biernachschub, oder frittierte Kartoffeln für die Meute zu holen und ständig klopft es an der Wellblechtür, weil die jungen Wilden der jungen wilden Stadt Teil der Szene und der Szenerie sein wollen. Die typische Atmosphäre des harten Abchillens auf Bedürfnisstufe sechs findet hier ihre universelle Bestätigung.

Trotz der entspannten Atmosphäre haben es die Jungs um Jareed, Babo und Japkal in den letzten Jahren dank Skateboarding und entgegen horrender Bürokratie und Korruption geschafft ein eigenes Business aufzubauen und damit die Bedürfnisse der wachsenden Mittel- und Oberschicht, wie auch derer zahlreichen Expats und NGO-Mitarbeiter*Innen zu bedienen. Diese finden es hip ihre Kinder zum angebotenen Skateboardtraining zu schicken und gut dafür zu zahlen. Neu eröffnete Einkaufsläden und Shoppingmalls buchen die Jungs zum Showfahren, um Aufmerksamkeit zu erheischen und international bedeutende Magazine, Firmen und Profiskater berichten über die kleine und trotz aller Globalisierung scheinbar weiterhin kurios anmutenden Szene, bzw. kommen gleich zu Besuch, um Clips zu drehen und diese viral zu vermarkten.

Die gleichen Marketingtechniken machen sich die Kushineta-Jungs ebenfalls zu Nutzen, indem sie über die sozialen Medien selbstgebatikte T-Shirts verkaufen und sich somit insgesamt ein relativ gutes Einkommen sichern können.

Haupttreffpunkt der hiesigen Szene ist auch hier ein selbstgebauter Skatepark. An einer staubigen Seitenstraße, hinter einem der vielen neugebauten Bürohochhäuser, die im Erdgeschoss meist eine Shopping-Mall beheimaten, in der Dienstleistungen und westliche Produkte angeboten werden, liegt der, vor etwa sieben Jahren und ebenfalls auf Initiative von „etiopia-skate“ mit einheimischen Skater*innen aus Beton gebaute, Addis Skatepark. Im Gegensatz zur weitaus kleineren Provinzhauptstadt Hawassa geht es hier jedoch irgendwie rauer und großstädtiger zu. Zwar skaten alle zusammen, doch gibt es bereits kleinere Cliquenbildung und der Skatepark wirkt weniger geschützt, so dass immer wieder verwahrloste, betrunkene und nicht wirklich berechenbare Typen auf die Fläche torkeln und ihren Teil an der Show einfordern. Es herrschen eindeutig die informellen Regeln einer Großstadt vor, unter deren Ägide sich hie wie dort Skater*Innen besonders wohl zu fühlen scheinen und die immer auch Energie und Kapazitäten für Peergroup- und Subkulturübergreifende Zugehörigkeiten und Aktivitäten Raum lassen.

Dient der Garten des Einfamilienhauses dem „inner Circle“ der Skateszene, trifft hier eine etwas ausdifferenzierte Variante der Cool-Kids von Addis Abeba aufeinander, um gemeinsam abzuhängen, zu abendlichen Unternehmungen zu starten und ein Leben zu genießen, das sich nicht so sehr von dem ihrer geistigen Geschwister in anderen Ecken der Welt zu unterschieden scheint. Musik, Mode und Skateboarding sind lediglich artverwandte Vehikel, um den Geist einer vorwärtsgewandten und liberalen jungen Generation zu transportieren

Dennoch ist das Fahren und Besitzen eines intakten Skateboards in der Hauotstadt eindeutig eher den Jugendlichen aus besseren Familien vorbehalten, wobei die Mitglieder von "etiopia-skate" immer auch Utensilien für die Ärmeren vorhalten und diese durch z.B. Workshops, Trainings und Reparatur- und Erweiterungsarbeiten mit in das Geschehen einzubinden versuchen.

„Hierbei hätten manche Skater*innen bereits Fertigkeiten, wie z.B. das Mauern und Schweißen erlernt und diese nicht nur bei der Umsetzung anderer Skateparkvorhaben anwenden können, sondern auch als Qualifikation für den Arbeitsmarkt“. 

Denn auch in der Hauptstadt gilt die "DIY- und Learning by Doing" Attitüde als Weg und Empowerment durch Skateboarding als Ziel.

Zurück nach Hawassa, zurück in das Äthiopien von Jimi Karlos und den klaren Regeln. Gerade hat ein Taekwando-Schüler eine ordentliche Faust kassiert und ist bewusstlos zusammengebrochen. Jimi stemmt den Heranwachsenden hoch und trägt ihn ins Freie wo es mittlerweile zu regnen aufgehört hat.

Er gibt klare Anweisungen: „Du, hol Wasser... Du Verbandsmaterial und du ein Handtuch... Und ihr zwei haltet die Beine hoch...“

Immer mehr Kinder und Jugendliche versammeln sich und beobachten lautstark kommentierend die Szenerie. Während der Getroffene langsam wieder zu Sinnen kommt versucht ein zunehmend genervter Jimi die Kids vom Gaffen abzuhalten, erteilt dann aber mit einer Mischung aus Resignation, Wohlwollen, väterlicher Milde, sowie dem Wissen, dass sich daraufhin die Traube schlagartig auflösen wird, den Befehl die Skateboards heraus geben zu lassen. Auch ich wende mich von der Szene ab und springe auf mein Board, um gemeinsam mit den Locals die kleinen und großen Sorgen des äthiopischen Alltags zu vergessen und einfach nur abzuskaten.

 






Mittwoch, 29. April 2020

ASSERVATE AUS DEM REISEFUNDUS - MIT DEM "MIETWAGEN" DURCH MALAWI (TEIL 1)

Mein Vater und ich machen gemeinsam eine Reise. Nicht einfach nur einen kleinen Fahrradtrip, wie in Grundschulzeiten nach Dänemark in ein Sommerhaus in dem schon meine Mutter und meine Schwester mit Zimtwecken auf uns warten, sondern einen zweiwöchigen Trip nach Südostafrika. Ganz ohne Korrektiv.
Wer meinen Vater und mich kennt, der weiß, dass wir irgendwie grundverschieden, und dann doch auch wieder in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich sind.
Mein Vater war Zeit seines Lebens Berufssoldat, ich bin Sozialpädagoge. Soviel zu den Gegensätzen.
Wir beide sind schon ein wenig herumgekommen in der Welt und mögen Alkohol. Er Bier, ich Whisky. Soviel zu den Gemeinsamkeiten.
Kann also heiter werden, der Trip...;)
Nun besuchen wir eben meine Stiefschwester in Malawi. Der erste gemeinsame Urlaub seit 1996 nach Schottland. Damals war ich noch ein fünfzehnjähriger pickeliger Milchbubi mit Doc-Martens und Metal-Shirt, der heimlich geraucht hat. Heute bin ich so etwas wie ein erwachsener Mann. Mal sehen, wie ich mich behaupte.
Auf jeden Fall macht Marit in Malawi ein einjähriges Praktikum bei der GIZ und mein Vater hat sich nicht lumpen lassen mich auf eine Stippvisite mit umfänglichem Rahmenprogramm einzuladen.
Gemeinsam mit ihr machen wir mit den Locals Party, ärgern uns über Armut und Dreck, besuchen in Sambia einen Wildpark mit Safari-Programm und genießen das familiäre Zusammensein in der Wildnis.
Wieder zurück in der Hauptstadt Lilongwe wollen Klaus und ich anschließend drei Tage lang mit einem Mietwagen durch das Land gurken. Allerdings gehört Malawi zu den ärmsten Ländern der Welt. Es gibt nur ein geringes touristisches Aufkommen, wenige ausgebaute Straßen und kaum Wirtschaftsreisende, als dass es sich für internationale Mietwagenfirmen lohnen würde hier Business zu machen. Dementsprechend bedienen wir uns einer Connection von Marit, um an ein Auto zu kommen. Der Bruder des Freundes einer Freundin vermiete angeblich welche und würde uns sicherlich einen guten Preis für eine heile und funktionierende Karre mit allen nötigen Versicherungen und Papieren machen. So bestreitet Marit dann auch das erste Gespräch mit dem geschäftstüchtigen Schwippschwager um fünf Ecken, um mit der nötigen Hartnäckigkeit der geballten Ladung exotischer Erfahrungen auf eine korrekte Abwicklung zu bestehen. Der Typ hätte angeblich einen Toyota RAV4 neueren Baujahrs für uns und würde sich morgen mit genaueren Informationen zur Abwicklung und Abholung in zwei Tagen melden. 
Um für ihn erreichbar zu sein und auch, um uns im malawischen Hinterland, dass erstaunlich guten Internetempfang haben soll, orientieren zu können, hat mein Vater sich eine einheimische Sim-Karte gekauft. Marit übermittelt ihm unsere Nummer und auch der Preis von 40$ pro Tag erscheint in Ordnung. Zufrieden gehen wir ins Restaurant und lassen uns von Marit die erstrebenswertesten Ziele des Landes schildern.
Der kommende Tag vergeht dementsprechend mit dem Schmieden grober Reisepläne und dem Warten auf den entscheidenden Anruf. Allerdings meldet sich niemand und auch unsere Anrufe beim Vermieter werden nicht angenommen. Wir fürchten bereits um die Reisepläne, treffen dann nachmittags mit Marit jedoch auf ihre Freundin und den Bruder des Vermieters. Dieser lässt uns, nachdem wir ihn zu einem Telefonat mit seinem Bruder nötigen, tiefenentspannt wissen, dass morgen früh ein Auto für uns bereit stehe. Allerdings sei noch nicht ganz klar wann genau, da sein Bruder den kleinen SUV erst noch von einer Werkstatt abholen müsse. Aber es sei auf jeden Fall morgen früh fahrbereit und wir sollen uns keine Sorgen machen. Marit, bereits im Umgang mit der heimischen Compliance geschult, hakt nach ob das Auto morgen auch wirklich am Start sei. Der Kerl bejaht vehement und will dafür sorgen, dass sein Bruder sich morgen bei uns meldet, sobald dass Auto bereit sei. Schließlich wolle man ja vermeiden, dass Klaus und ich unnötig warten müssen. Marit fragt, ob sein Bruder denn unsere Nummer hätte. „Off course! Sure! Yes!“ Marit will auf Nummer sicher gehen und fragt, ob sie ihm unsere Nummer nicht doch lieber noch mal geben solle, damit er uns auf jeden Fall erreichen kann, falls doch etwas dazwischen käme. „No! We got the Number! Not necessary!“ Marit insistiert ein weiteres Mal, bis der Kerl jovial zu erkennen gibt, sich die Nummer dann doch geben zu lassen.
Mit einigen Zweifeln gehen wir abends zu Bett und hoffen darauf morgen einen Mietwagen zu bekommen.
Nach dem Frühstück klingelt Klaus Handy und tatsächlich ist der Vermieter dran - das Auto stünde zur Abholung auf seinem Grundstück bereit. Wir machen uns also mit Marit und einem gemieteten Tuk-Tuk auf den Weg, um in die namenlose Siedlung des Vermieters zu gelangen.
Mein Vater ist sichtlich nervös ob des Vehikels, dass wir in Empfang nehmen sollen. Schließlich hat er seit jeher ein interessantes Verhältnis zu Autos. Derzeit besitzt er vier Stück. Diese sind nicht etwa Liebhaberobjekte, mit denen er eine Sammlerleidenschaft befriedigt, oder gar auf eine Wertsteigerung hofft. Vielmehr sind sie Gebrauchsobjekte, denen jeweils eine besondere Funktion zukommt. Der Opel Zaphira eignet sich gut zum Einkaufen und Besorgungen machen, das Wohnmobil dient dem Reisen, der BMW Z3 steht für Ausflüge und die pure Lebenslust, während zu guter Letzt der Jaguar zum würdevollen Repräsentieren dient.
Allen Karren ist gemein, dass sie steten Reparatur- und Bastelbedarf haben und meinen pensionierten Vater auf Trapp halten.
Einmal, es muss vor über 45 Jahren gewesen sein, kaufte er sich einen VW-Käfer, baute dessen Kühlerhaube ab, besorgte eine alte Oldtimer-Haube von Mercedes und flexte, schraubte und schweißte solange an dieser herum, bis sie passte.
Ein anderes Mal, etwa an der Schwelle des neuen Jahrtausends, kaufte er sich bei Aldi einen Minifernseher und baute diesen in sein Auto ein. Etwas unterhalb des Rückspiegels baumelte die Röhre vor sich hin, empfing mit der Antenne öffentlich-rechtliche Sender und wurde über den Zigarettenanzünder mit Strom gespeist. Beide Male wurde mein Vater von der Polizei angehalten und ihm wurde ein Rück- bzw. Abbau empfohlen.
Neben vielen anderen Autos, sei ferner der Besitz eines Matra-Simca-Bagheeras, welchen mein Vater für kurze Zeit Mitte der 1970er besaß, zu erwähnen. Das schnittige Sportcoupé zeichnete sich insbesondere durch die drei nebeneinandergereihten Vordersitze, coole ausklappbare Scheinwerfer und den Gewinn des Negativpreises „Die silberne Zitrone“ des ADAC-Magazins aus. Diese Auszeichnung erhielt das Auto, weil es so katastrophale Verarbeitungsmängel aufwies, dass sich sogar eine eigene „Interessengemeinschaft der Bagheera-Geschädigten“ gründete.
Dazu kann ich nur sagen, dass ich jedem sein Engagement für die eigenen Belange gönne. Aber denkt auch mal einer an all die „Baghira-Geschädigten“ da draußen? Schließlich haben nicht alle so viel Geld für eine gute Reha, wie Roy Uwe Ludwig Horn...
Hmmm...? Eben...!
Halten wir fest: Was Autos angeht, kann meinem Vater niemand so schnell etwas vormachen. Allerdings hat der werte Herr vergessen seinen internationalen Führerschein zu verlängern und sitzt nun alsbald ungewollt auf dem undankbaren Beifahrersitz. Wie wird sich der ehemalige Stabsoffizier dort wohl fühlen?
Meine Autokarriere indes hält sich in Grenzen. So habe ich mir nach dem Bestehen des Führerscheins, für den ich drei Anläufe in der Praktischen Prüfung benötigte, in den Jahren 1999 und 2000 mit meiner Schwester den alten Seat Marbella meiner Mutter geteilt. Die Karre war der spanische Nachbau eines Fiat Pandas und hatte das größte Schiebedach aller Zeiten. Danach besaß ich noch für kurze Zeit einen VW-Passat aus den 1980ern mit Fließheck. Das Ding habe ich zwar günstig aus den Erlösen einer von meiner Mutter für mich abgeschlossen Invaliditätsversicherung bezüglich meiner skateboarderischen Umtriebe und einem veritablen Umknicker mit siebentägigem Krankenhausaufenthalt erstanden. Jedoch gab die Karre alsbald ihren Geist auf und ich hatte keine Kohle mehr, um die Lichtmaschine reparieren zu lassen. Danach bin ich jahrelang nur Öffis und Fahrrad gefahren, bis wir dann von den Großeltern der Mutter meiner Kinder einen Golf Plus geschenkt bekommen haben, der aber mittlerweile auch genau so geschrottet ist, wie meine Liebesbeziehung zur Enkelin.
Somit hätte der Fregattenkapitän a.D. also berechtigte Sorge das Steuer einem mindererfahrenen Leichtmatrosen wie mir zu überlassen.
Als wir schließlich in der gehobenen Wohngegend ankommen und uns das Tor geöffnet wird, kommt ein breit grinsender junger Mann mit weit geöffneten Armen angelaufen und begrüßt uns schon fast unterwürfig. Irgendetwas stimmt hier nicht, dass spüren mein Vater und ich sofort. Der Hambachsche sechste Sinn hat etwas gewittert...


Dienstag, 17. Dezember 2019

ISRAEL - EIN BESUCH IN DER GOLANI HEIGHTS DISTILLERY


Golandhöhen und Golani Distillers November - 2019

Aus dem Controlling kam Anfang Oktober die Ansage, dass alle Mitarbeitenden ihren Urlaub bis zum Ende des Jahres komplett zu nehmen hätten. Irgendwas mit Rückstellungsvermeidung und anderem Bilanzgedöns.
Da ich noch sieben Urlaubstage hatte, davon jedoch bereits fünf für die Weihnachtsferien verplant waren, musste ich also dringend die zwei verbleibenden Tage frei nehmen. Schnell war klar, dass im grauen Berliner November und in Kombination mit einem Wochenende nur ein Reiseziel in sonnigeren Gefilden in Frage käme. Ein Preischeck bei den üblichen Airlines ergab ein unschlagbar günstiges Flugangebot inklusive Mietwagen für vier Tage nach Israel für insgesamt knapp 200€.
Nun also doch wieder Israel.
Eigentlich dachte ich, nach meinem zweiten Besuch im Januar diesen Jahres, mit dem kleinen Land vorerst durch zu sein. Aber aller guten Dingen sind bekanntlich drei und irgendwie hatte ich sowieso das Gefühl hier noch ein, zwei Sache abhaken zu müssen. Dazu gehörte auch der Besuch der Golan-Heights Distillery im Nordosten Israels.
Stolz brüstet man sich dort mit dem Prädikat die erste Whisky Brennerei des Landes zu sein, was angesichts der rar gesäten Konkurrenz sicherlich nicht schwer ist. Gutes Marketing basiert eben oftmals auf mangelndem Wissen der Kunden ;)
Nichtsdestotrotz ist es für mich, als ambitionierten Whisky-Amateur, interessant einer privat geführten kleinen Destille einen Besuch abzustatten; zumal diese in einer auch klimatisch ungewöhnlichen Region ein eher untypisches Genussmittel herstellt. Fallen einem für Israel wahrscheinlich eher Jaffa-Orangen und anderes Grünzeugs, Hummus, koscheres Allerlei und maximal noch Rotwein, denn Whisky ein.
Da dieses alkoholische Getränk jedoch, entgegen z.B. Champagner, keiner geschützten Herkunftsbezeichnung unterliegt, sondern lediglich nach gewissen Regeln hergestellt werden muss, ist es bei dem bereits lang anhaltenden Whiskyboom verständlich, dass sich geneigte Enthusiasten auf der ganzen Welt an der Destillierkunst des edlen Nasses versuchen. Den israelischen Pionieren aus dem Golan haftet dabei zumindest kein schlechter Ruf an, den es im Folgenden zu überprüfen gilt.
Nach Landung, Mietautoabholung, Hostelübernachtung, Badevergnügen und Wüstenwanderung in der Umgebung von Eilat fahre ich am späten Freitagabend entlang dem Toten Meer gen Norden. Passiere erst En Bokek, dann Masada, schwelge spätestens auf Höhe von Ein Gedi in den tiefen Erinnerungen meiner vorherigen Reisen ins gelobte Land. Wenig später überfahre ich die Grüne Linie, lasse mich mit der sonoren Gleichmütigkeit des Automotors durch die schmale Straße zwischen Jordanien und dem Westjordanland leiten und gelange am nördlichen Ende der 1949 festgelegten Demarkationslinie kurz vor dem Grenzübergang "Allenby-Bridge" wieder auf Israelisches Territorium.
Ein kurzer Besuch in Nazareth und das ebenda vertilgte Falafelsandwich lassen mich zum Entschluss kommen in einer weniger stressigen Gegend ein Plätzchen für mein Auto und die Übernachtung zu suchen. In einer dunklen Stichstraße kurz vor dem See Genezareth finde ich endlich ein geeignetes Plätzchen und ein paar Stunden feinsten REM-Schlaf.
Am nächsten Morgen gucke ich mir erst die ziemlich langweilige Stadt Tiberias am See Genezareth an und will dann in das Grenzgebiet mit den beiden Todfeinden Israels, Syrien und Libanon fahren. In dem einst heftig umkämpften Grenzgebiet gibt es am Mount Hermon den einzigen Ski-Ort Israels. Obwohl es, je nach Sicherheitslage, nie eine Garantie für das kalte Freizeitvergnügen gibt, erscheint mir der Ort in meiner Fantasie als hervorragendes Fuck You gegenüber der undemokratischen Nachbarn. Auf der Strecke dorthin stehen diverse Denkmäler mit Kriegsgerät und Infotafeln zum Sechstagekrieg, als besonders
So rumple ich also am dritten Tag meines Kurztrips in die Levante gegen 12:45 Ortszeit in der Kleinstadt Katzrin im Nordosten des Landes ein. Da ich vorher noch auf annähernd 2600m im einzigen Skigebiet Israels auf einer naiv-gefährlichen Erkundungstour war und dort bei einer halblegalen Wanderung am Fuße des Skibergs (aber das ist eine andere Geschichte) ordentlich am Höhenklima zu knabbern hatte, habe ich das Bild einer idyllisch in den sanften Hügeln des niederen Golans gelegenen Brennerei mit angeschlossenem Bauernhof im Kopf. Keine Ahnung, wie ich darauf komme, da weder die Facebook- noch die Website irgendwelche Rückschlüsse auf derartige Romantik zulassen. Muss an der dünnen Luft liegen, die ich als Flachland Berliner nicht gewohnt bin.
Nüchtern muss ich nun allerdings feststellen, dass Google-Maps mich, anstatt in einen güldenen Hain, in ein Industriegebiet am Rande der Ortschaft leitet. An einem profanen langgezogenen Betonflachbau, in dem sich u.a. ein Metallverarbeitender Betrieb und eine Autowerkstatt befinden, angekommen, tut die Computerstimme schließlich kund: „Sie haben ihr Ziel erreicht!“.
Unschlüssig parke ich den Wagen am zugemüllten Straßenrand, steige aus, rieche verdampftes Korund und Eisen und gebe mich dem Sound einer kreischenden Flex hin. Weit und breit kein Landidyll auszumachen; stattdessen eine leidlich verputze Betonwand und vier große Wassertanks aus Plastik, hinter denen tatsächlich ein an die Wand gemaltes Logo der Brennerei prangt. Unweigerlich muss ich bei dem sich mir bietenden Paradoxon zu meiner Vorstellung grinsen. Wie naiv ich doch bin!
Obwohl der Landstrich zu den ältesten Kulturregionen der Menschheitsgeschichte gehört, wurde hier erst vor ca. 130 Jahren begonnen im größeren Maßstab zu siedeln, zu (land)wirtschaften und nach modernen Gepflogenheiten zu bauen. Historisch bedingte Bevölkerungswellen (um es dezent auszudrücken) trieben die Einwohnerzahl innerhalb der 70 Jahre nach Staatsgründung von ca. 800.000 im Jahre 1948 auf derzeit gut 9.000.000 Menschen. Prognosen sehen für die kommenden 30 Jahre ein weiteres Wachstum auf gut 15 Millionen Menschen vor. Das hat offensichtlich zur Folge, dass man sich bei der Schaffung von Infrastruktur, Wohn- und Gewerberaum einem äußerst pragmatischen Ansatz verpflichtet fühlt:
Schnell und nutzenorientiert bauen, dabei unnötige Details vernachlässigend, dass scheint der Situation angemessen der Tenor im Baugewerbe zu sein, um dem steten Wachstum Herr zu werden. Egal wo man sich im Lande befindet, überall sind Baustellen, hört man LKWs und Baumaschinen brummen, riecht den Duft von Abgasen, wachsen Betonungeheuer aus dem Boden und wundert man sich über abrupt im Nichts endende Straßen, die bei genauerer Betrachtung jedoch den Blick auf bereits angelegte Kanalisationen und andere Vorarbeiten einer späteren baulichen Erschließung freigeben. Wird Beton zur Befestigung von Straßen verarbeitet, macht sich niemand die Mühe diesen glattzustreichen. Guckt man sich das Schuhwerk vieler Menschen an, macht man bei einer sehr großen Anzahl den genialen und auch von mir seit Jahren bevorzugten „Blundstone-Boot“ aus, der sich wunderbar als Arbeits- Alltags- und Ausgehschuh in einem Nutzen lässt. Viele Namen, wie z.B. Ben, Zwi, Dan, Avi, Uri beschränken sich auf lediglich drei Buchstaben. Die Autos haben Schrammen und Dellen und man parkt auf den Millimeter genau. Auch politische und geographische Aspekte scheinen sich in einer reduzierten Zweckmäßigkeit zu bestätigen. Wenig Diplomatie, viel Draufgehaue. Was nicht passt wird passend gemacht und im Zweifel dem Nutzen von „etwas Größerem“ untergeordnet. Pragmatismus als Ideologie, als Lebensgefühl und Staatsdoktrin.
Ohne noch mehr konstruierte Korrelationen bemühen zu wollen erlaube ich mir abschließend die Frage: Warum also sollte die Golani-Destille einem anderen Charme anheimfallen, als dem des Pragmatischen? ...Eben...!
Dass Whisky Charakter und Seele besitzt, dürfte jedem Genießer bekannt sein. Dass diese Eigenschaften weniger von ästhetischer Architektur, denn guten Rohstoffen, handwerklichen Geschick, Fingerspitzengefühl und schlauem Fassmanagement herrühren, gilt ebenfalls als gesetzt.
Und da ich noch nie gehört habe, dass das Auge mittrinkt, will ich versöhnlich mit dem Brachial-Chic des heutigen Tagesziels sein.
So gehe ich voller Vorfreude auf das geöffnete Rolltor zu und gelange direkt in den einzigen Produktionsraum, der fast alle Schritte der Fertigung, vom Maischen und Brennen bis zur Abfüllung und Lagerung in diversen Fässern, wie auch dem finalen Bottling und Labeling, vereint.
Mehr als ca. 120qm bedarf es dafür nicht. Wobei schon jetzt angemerkt sein soll, dass die importierte gemälzte Gerste, wie auch der aus der Region stammende und als hälftiger Anteil benutzte Weizen, quasi Maischbottich-fertig angeliefert werden. Zum Mälzen und Darren reicht der Platz dann doch nicht aus.
Mit einem lauten „Shalom“ kündige ich mein Eintreten an und werde direkt von einem kleinen Felltiger umstrichen. Obwohl ich unregelmäßige Geräusche und eine Art Scheuern vernehme und die Präsenz eines anderen Menschen spüre, habe ich vorerst den Eindruck alleine zu sein. Nach einem weiteren, etwas kräftigeren Shalom taucht unvermittelt ein wilder Kerl vom Typ „american dirty Kid“ mit entsprechend markanter Kauleiste und einer Scheuerbürste in der Hand aus einer Ecke auf. Der noch recht jungsche Typ entstöpselt entspannt die Ohren, woraufhin ein unterschwelliges, dafür aber umso verzerrteres Musikrauschen erklingt und mittels Rumpelbeat und offensichtlich fehlender Finesse den soeben geschilderten Eindruck bestätigt und kommt im locker wiegenden Schritt auf mich zu. Während ich mal wieder zwischen dämlich grinsen und nicht wissen, was ich sagen soll schwanke, hat der behaarte Bolide (und in meiner nachträglich getrübten Erinnerung sogar mit schwarzen Kohlestreifen im Gesicht versehene) bereits meine Flosse gepackt und ist dabei mir mit schwieliger und handfester Art den Eindruck zu vermitteln direkt von einem zünftigen Hobo-Ride in das Handcrafted-Distillery-Geschehen gestolpert zu sein.
Punkrock, Outlawtum, Whisky und nen Schrubber – geile Kombination.
Nachdem John – so heißt er - die Schraubzwinge lockert, erfahre ich, dass er aus Pennsylvania in Amerika stamme und hier seit geraumer Zeit eine Art Praktikum macht, um das Brennen zu erlernen. Ob in der alten Heimat was gegen ihn vorliegt und er deswegen über 9000km weiter, also quasi aus Übersee und aus dem Sinn der vermeintlichen Verfolgungsbehörden, seiner feingeistigen Bestimmung folgt, oder er einfach nur ein weiterer geläuterter Jude auf``m Heimattrip ist, verpasse ich zu erfragen. Dafür erfahre ich, dass der Chef und Masterdistiller in Personalunion heute leider nicht da sei. Dafür aber seine Ehefrau und Mitgründerin, welche gleich die Führung mit mir machen wird. Derzeit sei sie noch in einem Gespräch, aber es gehe gleich los.
Schade, hatte mich schon auf nen zünftiges Besäufnis bei gemeinsamem Austausch musikalischer Jugendsünden mit John gefreut. Wobei... Wenn der Angestellte schon wie ein sympathischer Bürgerschreck aussieht, wie gewandet und gebärdet sich dann wohl die Chefin?
Während John sich daran macht seine Putzarbeiten wieder aufzunehmen, kraul ich dem Mietzekätzchen gehörig hinter den Ohren und warte darauf, dass die Chefin sich blicken lässt. Das kleine Fellknäuel ist äußerst schmusebedürftig und findet in meiner ausgeprägt sensiblen, kuscheligen und feinfühligen Person einen willigen Gegenpart. Schnurr, gurrrr, ruckedigu, fideralala und hoppsassa...
Zurück zum eigentlichen Thema...
Die Tür des kleinen Büros, Tastingrooms und Shops in einem schwingt auf und eine anmutige Dame, die im besten aller Sinne irgendwo zwischen Königin Esther, Uriella und Cher rangiert, tritt heraus und ich bin kurz davor im Lichte ihrer Schönheit zu erblinden. Wenn es eine Whisky-Göttin gibt, dann steht sie nun vor mir. Eine richtige Whisky-Milf quasi (um etwaigen Missverständnissen vorzubeugen: f für „fragen“ – schließlich ist sie ja die Kompetenz vor Ort)...
Freundlich werde ich ihren Gesprächspartnern, Gabriel und seiner Frau, vorgestellt und angewiesen noch eine Minute zu warten; es gehe gleich los.
So erfahre ich von Gabriel, dass er eine nicht unwesentliche Rolle in der Anschubfinanzierung der Destille geleistet habe. Freimütig erzählt mir der emigrierte Amerikaner mit jüdischen Wurzeln, dass er mit einem Computergeschäft "etwas" Geld verdient habe und nach seiner Übersiedlung nach Israel die beiden Gründer der Golani-Heights-Distillers kennengelernt hätte.
Deren Idee habe ihn so sehr begeistert, dass er einen ordentlichen Beitrag auf einer Online-Funding-Plattform gestiftet hätte, ohne jemals selbst Whisky getrunken zu haben. Strahlend steht er vor mir und deutet fast schon Brand-Ambassador-like auf die hinter ihm stehenden Flaschen und lässt stolz verlauten: See, the first 5year old Whisky... Fresh from the Cask... Not labeled yet, but soon ready to be sold. Whisky made in Israel…!
Und tatsächlich… In einem satten Braun-Rot aka Farbcodierung F64 grinst mich ein gros 0,7l Flaschen mit den flüssigen Verlockungen an. Ob es davon wohl später ein kleines Schlückchen gibt? Hoffentlich…
Dann endlich materialisiert sich die Whiskygöttin auch für mich, wird greif- und ansprechbar und stellt sich als Alona vor. Mein anfängliches Gestottere wird langsam zu einem gediegenen Small-talk, auf den die unweigerliche Fragen folgen, wie groß mein Wissen um Whisky ist und wie viele Destillen ich bereits besucht hätte. Cool winke ich ab, straffe die Brust, gebe:  I am an ambigious whisky-amateur! And about the amount of Distilleries...?! Too many! von mir, schiebe ein gediegenes Grinsen hinterher und fühle mich ganz wie Mann von Welt.
Nach ein paar weiteren Floskeln und der Tatsache bereits einige Minuten alleine durch den Produktionsraum gelungert zu sein und mir so ein Bild von den Vorgehensweisen vor Ort machen zu können, einigen wir uns darauf direkt zur Verkostung überzugehen. Hierbei sei, bezogen auf die genauere Erklärung von Herstellungsverfahren, Lagerung, Interaktion von Klima und Holz etc. anzumerken, dass zumindest oberflächlich betrachtet für die allermeisten Destillen gilt: Kennste eine, kennste alle…
Warum also Zeit verschwenden? Eben! Also ab in den Tasting-Room...
Ab jetzt müssen wir ehrlich zueinander sein. Drink and drive gehen für mich im realen Leben auf keinen Fall zusammen und ich bin bis heute noch nie (!) auch nur ansatzweise an der Promillegrenze gefahren. Doch heute habe ich das Gefühl eventuell etwas zu verpassen, wenn ich nicht von diesem Grundsatz abweiche.
Alona positioniert bereits sieben verschiedene Flaschen auf der Bar und fragt mich mit eindringlichem Blick: Do you still want to drive later…? Anstatt lange zu erklären, dass ich mir noch den Ort angucken und zu Abendbrot essen will und dann erst, in der Hoffnung wieder unter den in Israel erlaubten 0,5 Promille zu sein, Richtung Mittelmeer weiter fahren möchte, entgegne ich klar und deutlich: No! Und lasse den rot- und brauntönigen Elementen, wie auch meinem weiteren Schicksal still jauchzend ihren Lauf. 
Too make a long story short: In der folgenden Stunde verkoste ich acht verschiedene Destillate. Den dreijährigen Standard mit 40%, der in frischen amerikanischen Weißeiche- und israelischen Rotweinfässern ausgebaut wurde, den Golani Black, der ebenfalls mit 40% daher kommt, aber nur in frisch ausgekohlten Weißeichenfässern lagerte, dann den Golani Vino, welcher lediglich in Rotweinfässern lagerte, gefolgt vom Port-Cask gefinishten Golani T2 mit 63,1% in Fassstärke und einem Port-Cask only Single-Cask-Golani Whisky mit 46%, dem ein Whisky folgte, der in einem Bierfass der nahe gelegenen Bierbrauerei reifte und 50% Alkoholvolumen hatte. Daraufhin war ich bereits ordentlich angezählt und erfuhr, dass das Wasser aus den Golanhöhen stammt und die geheim gehaltene Hefe etwa 60 Stunden lang in der aus 50% Weizen und 50% gemälzter Gerste bestehenden Mashbill wirkt.
Mashbill? Ja, richtig gelesen. Rein ideologisch und vom Hausstil her sieht man sich eher in der Tradition nordamerikanischer Whisk(e)ys und der dort zahlreich entstandenen Craft-Brennereien. So kommen Alona und David, ihr Mann, ursprünglich aus dem französischen Teil Kanadas. David habe irgendwann keine Lust mehr auf sein Immobilienbusiness gehabt, dieses verkauft und dann hamse Alija, bzw. rüber jemacht, wie wir Berliner zu sagen pflegen. Da weltweit der Spirituosenmarkt seit Jahren boomt und insbesondere in Israel in den letzten Jahren eine große Nachfrage entstand, besannen sich die beiden auf ihre Leidenschaft und die Stärken des kleinen Landes, in dem vor Urzeiten wohl nicht nur Milch und Honig frohlockten, sondern auch Roggen und Weizen in rauen Mengen wuchsen und gründeten 2014 die Golani Heights Distillery.
Die seit vielen Jahren bestehende israelische Weinindustrie garantiert erschwingliche Fässer von hoher Güte und eigene Böttchereien und einiges an Expertenwissen und der traditionell gebrannte Arrak zumindest eine spärliche Tradition an gebranntem Alkohol. Der ersten Brennblase folgte bald eine größere und professionellere, so dass aus dem gewagten Experiment alsbald eine fröhliche Wissenschaft und schließlich ein geschäftiges Treiben wurde.
Die Anschubfinanzierung für den Ausbau der Destille und die Produktion des ersten Batches betrug etwa 50.000$, die über das bereits benannte Crowdfunding eingesammelt wurden. Weitere Kosten, Investitionen, Löhne und Abschreibungen wurden bis zur Abfüllung des ersten Whiskys im Jahre 2017 aus dem Verkauf von Gin, Absinth, Likör etc. erwirtschaftet. Man ergatterte gute Rezensionen in Fachzeitungen und bei Wettbewerben und entschied sich in Folge maßvoll zu expandieren.
So stehe demnächst die Lieferung einer größeren Mashtun an, sowie auch der Versuch lokal angebaute Gerste nach und nach gegen die bisherige Exportware auszutauschen. Irgendwann wolle man sogar das Mälzen alleine machen, aber das sei noch Zukunftsmusik. Dennoch produziere man weiterhin so geringe Mengen, dass es weder für einen Verkauf über den Dutyfree im Airport von Tel Aviv, noch für den Export ausreiche.
Die von der Golanie Heights Distillery verfolgte Strategie erkennt man dieser Tage bei fast allen unabhängigen Brennereien wieder. Ob in Schottland, Deutschland oder eben Israel geht der Trend bei Mikrodestillen zur Nachhaltigkeit und der Nutzung lokaler Ressourcen. Alleine in Israel eröffnet nun bald neben der Milk&Honey Distillery, der Golani Heights Distillery und der Jerusalem Distillery mit der edrei Distillery die vierte Brennerei, die diese Vorgehensweise für sich beansprucht und damit Werbung macht. Kann das auf Dauer gut gehen, oder gräbt man sich so Marktanteile ab?
Bei Golani zumindest stimmt das athmosphärische Gesamtpaket, wie auch die offenkundige Expertise Alonas. Auch wussten bis jetzt die verkosteten sechs Whiskys zu überzeugen.
Bereits leicht angeschickert frage ich, ob ich mal ein bisschen New-Make probieren dürfe. Kein Problem. Ehe ich mich versehe, wird mir aus einem großen Edelstahlbottich ein Glencairnglas mit dem Rohbrand gefüllt. Tatsächlich erschnüffle ich etwas Rauch. Ein Blick Alonas auf die Deklarierung des Inhalts bestätigt meinen Eindruck – erst kürzlich habe man mit etwas getorfter Gerste gebrannt und stehe kurz davor einige Fässer damit zu füllen.
Wieviel davon, bei jährlich etwa 7,5% Angels Share, nach einigen Jahren noch übrig bleibt, ist ungewiss. Jedoch verspricht die in südlichen Regionen ungemein schnellere Fassreifung interessante Ergebnisse mit diesem ungewöhnlichen Whisky, der der hohen Verdunstungsrate gemäß auch mit etwas mehr Alkoholvolumen abgefüllt wird. Entgegen der  schottischen Industrienorm mit seinen 63,5%, Alk verdünnt man hier den etwa 80%igen Rohbrand auf 67% Alkohol herunter, bevor er abgefüllt wird.
Nun aber genug des nutzlosen Wissens und zurück zum Tastingroom. Dort wartet bereits das Highlight des heutigen Tages.
In den letzten Tagen habe man damit begonnen den ersten 5jährigen Golani abzufüllen. Dieser wurde in den ersten Tagen des Bestehens der Brennerei paritätisch aus Weizen und Gerste gebrannt und reifte ausschließlich in erstmalig befüllten Fässern aus amerikanischer Weißeiche mit extra starkem Toasting und wurde mit kürzlich mit fassstarken 60,4% abgefüllt.
Wo sich nun bei eingefleischten Single-Malt-Fans der Magen umdreht, ist mein Interesse als toleranter Whisky-Weltenbummler geweckt. Weizenbrand in frischen und stark getoasteten Fässern der Sorte Quercus alba. Here we go und rein mit dem Rüssel ins Nosingglas.
Die Nase hält für mich Vanille, Karamell und erwärmte Milch bereit mit einem unterschwelligen Hauch von Lakritze und dem lauen Geruch frisch abgebrochener Äste und einer Ahnung von Kleber und Lösungsmitteln. Wasser öffnet und intensiviert das Bouquet; ich meine ferner etwas Zimt und Coca Cola zu erschnüffeln. Auf der Zunge trifft mich ein mächtig süßer und würziger Schlag, der die bereits benannten Attribute zu bestätigen weiß. Der Abgang ist ölig, seidig, mineralisch und wird mittellang von einer feinen Eichenwürze getragen.
Nun habe ich aber endgültig die Lampen an und verwerfe sogleich meinen eisernen Vorsatz niemals auch nur mit mehr als Handgepäck zu fliegen (außer natürlich ich bin in Schottland) und kaufe zwei Pullen von der bronzefarbenen Verheißung. Wie so oft äußere ich zuerst die Kaufabsicht und erkundige mich dann nach dem Preis. Mit 450 Schekeln, also etwa 120€ pro Flasche ist dieser durchaus ambitioniert. Dazu noch die Kohle für das Aufgabegepäck. Ergo nochmals 20€. Au weia. Obendrein sind die Etiketten der offiziellen 5 Years-Abfüllung noch nicht eingetroffen, so dass ich mich mit dem profanen Golani - Black Etikett zufrieden geben muss.
Dafür pinselt mir Alona aber ein „5y“ auf einen kleinen Extra-Sticker und klebt diesen mit auf die Flasche. So wird in meiner Einbildung aus der profanen Pulle quasi im Handumdrehen ein individuelles Bottling. Und da es ja auch bald Weihnachtsgeld gibt, ist schnell eine weitere Ausrede gefunden, der Kauf abgewickelt und die Schätze mittels Pappe und Gaffertape reisefertig gemacht.
Dann großer Abschied, geschwungene Worte, rethorische Einladungen nach Berlin und eben das übliche oberflächliche Gelaber angeschickerter Touristen, die sich noch im romantischen Taumel der Suggestion befinden und innerlich bereits in den Blog-Einträgen zu ihren exquisiten Abenteuern schwelgen, während anderswo vernünftigere Menschen vernünftigeren Dingen nachgehen.
Weitere Ernüchterungen, sowie den folgenden zweistündigen Spaziergang durch einen der wohl langweiligsten Orte im nahen Osten erspare ich euch genauso, wie die Rückfahrt mit dem Tramper, der frisch von einem dreitägigen „Moonshine-Gathering“ kam und mich zu sich zum Übernachten in Tel-Aviv eingeladen hat.



 

 













Mittwoch, 6. November 2019

SCHOTTLAND Tag 2, Teil I – Ein Omelet, ein Zelt und Whiskywissen


Tag II – Omelets, Geschenke und Whiskywissen
Augen langsam aufmachen. Blinzeln. Blick zum Handy. Voller Genugtuung feststellen, dass ich fünf Minuten vor dem Weckerklingeln von alleine aufgewacht bin. 06:25am. Aufrichten und die Beine nach außen auf den Teppich wuchten. Ich stemme den Kadaver hoch und verspüre lediglich eine leichte Verspannung in der Schulter. Die Füße versinken zentimetertief im Hochflorteppich. Dieser endet glücklicherweise am Eingang zum Badezimmer. Hier überwiegen Fliesen. Für die Bindung eventueller Überschwemmungen und das Wärmen der Füße sorgen wiederum modisch leicht antiquierte Sanitärvorleger. Ich überlege kurz, ob ich nach der Dusche und für den Fall, dass die Schulterschmerzen nicht nachlassen wollen, den Toilettenvorleger während des Frühstücks um meine Schultern legen soll. Der hat so eine wunderbare Ausbuchtung, da, wo der Standfuß der Toilette im Boden verschwindet und würde genau um den Hals passen. Hahaha, furchtbar witzig...
Da habe ich wohl schon früh am Morgen einen Schalk im Nacken. Zum Frühstück gibt es dann anstatt eines Kaspars das versprochene Omelett. Während der Zubereitung komme ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Was Will da alles in der Pfanne versenkt ist wirklich sagenhaft. Es zischt, spritzt, denaturiert und dampft und wenige Minuten später wird ein Traum aus Eiweiß und Fett auf meinem Teller drapiert. Das Gourmetessen wird mit Gurken, Tomaten und Paprika garniert und abschließend in Salatsoße ertränkt.
Wunderbar. Dazu gibt es Knast-Kaffee, Apfel- und Orangensaft, Toast, Marmelade und Butter. Value for Money.
Ich haue rein und geize nicht mit Komplimenten. Eier, Eier, Eier! Will hat ein hervorragendes Händchen für Eier, das selbst dem strengsten Pietisten ein fröhliches Quietschen entfahren dürfte.
Dann geht es auch schon ans Packen und Verabschieden. Als ich mich dem Auto zuwende, hält fällt Will noch etwas ein. Am Abend hatte ich über meine Low-Budget-Art des Reisens gesprochen. Daraufhin fiel ihm ein, dass er noch ein altes Einpersonenzelt hätte, dass seit Jahren unbenutzt in der Garage liege. Dieses holt er nun und schenkt es mir. Dazu hat er noch einen kleinen Sommerschlafsack, der zwar ebenfalls schon längere Zeit nicht in Benutzung war, aber bestimmt nach der letzten Benutzung gewaschen wurde, so wie er mir versichert. Was soll ich sagen... Ich bin überwältigt. Zwar habe ich auf der Isle of Skye und der Isle of Islay jeweils ein Dormbett, bzw. ein Zimmer in einem AirBnB gebucht, mir aber für die anderen Tage eine gewisse Ungewissheit und Spontaneität vorbehalten. Ich wollte mir nach Lust, Laune, Wetterlage und anderen vorherigen Unabwägbarkeiten je nach Bedarf ein Airbnb besorgen, oder zur Not auch mal im Auto schlafen. Nun bekomme ich quasi frei Haus und unerwartet ein gutes Stück Unabhängigkeit geschenkt.
Vielen Dank Will!
Der Mann ist wirklich super. Hoffentlich findet er bald eine neue Herzdame. Bei seinem guten herzen und sonnigen Gemüt sicherlich kein Problem.
Draußen hingegen: permanenter Regen, Böen, Wind und graue Wolken.
Aus einem Strandspaziergang im Küstenstädtchen wird wohl nix. Dafür erobere ich heute die Speyside und die südlichen Highlands; notfalls ohne die Karre zu verlassen.
Die Speyside, sowie die angrenzenden Highland-Destillen stellen seit je her das Herz der weltweiten Whiskyproduktion dar. Mit Glenfiddich, Macallan, oder Glenlivet assoziieren die meisten Menschen zu Recht folgende vier Wörter: Single Malt Scotch Whisky.
Um ordentlichen Whisky herzustellen benötigt man lediglich Wasser, gemälzte Gerste und Hefe, ein nicht zu großes Eichenholzfass und drei Jahre Wartezeit. Das Getreide wird angefeuchtet, erwärmt, zum Keimen gebracht und wieder getrocknet, dann geschrotet und mit Wasser vermischt. Schließlich gibt man Hefe dazu, welche dafür sorgt, dass die im Getreide enthaltenen Zucker herausgelöst werden und Alkohole entstehen können. Das Erzeugnis ist im Prinzip nichts anderes als ein hochprozentiges Bier ohne Kohlensäure. Dieses wird dann zweifach destilliert und der Rohbrand zur Reifung in Fässer abgefüllt. Alles, was nach der dreijährigen Mindestreifezeit noch über 40% Alkoholgehalt hat, darf als Whisky vermarktet werden. Um jedoch den edlen Single-Malt-Whisky herzustellen, bedarf es etwas mehr Feingefühl in der Herstellung und Wertschätzung für die Rohstoffe. Während für die, meist günstigen, Blended Whiskys Industriealkohol mit relativ neutralem Geschmack in ausgelutschten Eichenfässern meist nur drei Jahre und einen Tag reift, verläuft die Herstellung eines vernünftigen Single Malt Whiskys etwas aufwändiger. Hier bestimmen die Rohstoffe, die Form der Brennblasen, das Geschick der Brennmeister, das Fassmanagement, das feine Gespür für gutes Marketing und ein nicht näher zu beschreibender Mythos, der nicht zuletzt von den Whiskyenthusiasten auf der ganzen Welt genährt; nein vielmehr gemästet wird, die Güte der edlen Tropfen. Alle Welt will es haben, das schottische Wässerchen des Lebens... Lechz, sabber, stöhn...
Dabei ist Whisky überhaupt nicht schottischen Ursprungs. Es waren vielmehr irische Mönche, die die seit 3000 vor Christus bekannte Kunst der Destillation im 4. Jahrhundert zur Herstellung von Trinkalkohol nutzten und dem damals wahrscheinlich noch sehr sprittigen und scharfen Gesöff den Namen „aqua vitae“ gaben. Aus diesem Wort entwickelte sich das gälische „uisge beatha“, welches wiederum zum heute gebräuchlichen Whisky, bzw. in Irland und Amerika Whiskey wurde. Zwar kann man davon ausgehen, dass auch in Schottland recht bald Alkohol gebrannt wurde, jedoch lässt sich erst anhand eines Steuerdokuments aus dem Jahre 1494 eindeutig nachweisen, dass einst ein schottischer Mönch Malz kaufte, um auf Anweisung Königs James IV „aquavite“ herzustellen. In Irland war man damals schon weiter und es lassen sich unzählige konzessionierte Destillen nachweisen.
In beiden Ländern galt der Alkohol als Medizin, oder Trägerstoff für heilsame Kräuter und die Herstellung war der Mediziner- und Baderzunft vorbehalten. Doch schnell entdeckte auch das gemeine Volk Gefallen an der ungemein berauschenden Wirkung des starken Alkohols und es entstanden unzählige Schwarzbrennereien. Da aber zum Brennen alsbald mehr Getreide verbraucht wurde, als für die Ernährung der Bevölkerung vorrätig, war die Alkoholdestillation ab 1579 nur noch adligen Clans erlaubt.
Wer nun glaubt, dass dieses Gesetz den Schwarzbrennern Einhalt gebot, hat sich geschnitten. Es wurde fleißig weiter gebrannt und es darf davon ausgegangen werden, dass in jeder noch so abgelegenen Ecke Schottlands mindestens eine Schwarzbrennerei vorhanden war. Schätzungen belaufen sich für das 17. Und 18. Jahrhundert auf etwa 14000 illegale Destillen. Auch machte die geographische Abgeschiedenheit mancher Regionen Kontrollen seitens der Obrigkeiten nahezu unmöglich. Anno 1707 besteuerte der Staat Malz erheblich und Steuerbeamte sollten mit militärischem Schutz die Schwarzbrenner massiv bekämpfen. Doch die Bevölkerung und auch die mächtige katholische Kirche Schottlands stellten sich ein ums andere Mal stur und konnten sogar oftmals verhindern, dass erwischte Schwarzbrenner verurteilt wurden. Vielmehr kam es regelmäßig zu Unruhen, wenn die Autoritäten gegen die unerlaubte Herstellung von Whisky vorgingen. Aus schierer Verzweiflung erließen die Oberen in dieser Zeit eine Belohnung für jede verratene Destille. Diese lag mit fünf Pfund allerdings über den Kosten, die das Equipment für eine neue Destillationstechnik kostete. So kam es, dass unzählige Menschen quasi anonym ihre eigenen Destillen bei den Steuerbeamten meldeten, die Belohnung einstrichen, davon eine neue Destille bauten und am Ende sogar noch etwas Geld übrig hatten.
Erst 1823 hatte der Staat ein Einsehen und gab, gegen Entrichtung einer geringen Steuer, jedem die Möglichkeit Whisky zu brennen. In dieser Zeit entstanden viele der heute noch aktiven Destillen. In der Folgezeit erlebte der Whisky Phasen des Auf- und Abschwungs. Derzeit befindet sich der Absatz, nicht zuletzt durch den wachsenden Mittelstand und seinen Konsumgelüsten in Asien, auf einem Rekordhoch. Das führt einerseits dazu, dass der Whisky etablierter Hersteller immer teuerer und rarer wird. Erst kürzlich wurde eine einzelne 0,7l Flasche Whisky für sage und schreibe 1,7 Mio € versteigert.
Der Boom bringt aber auch viele neue Craft-Destillen an den Start, die durch z.B. einfallsreiches Fassmanagement, innovative Produktionstechniken und raffiniertem Marketing versuchen Marktanteile zu ergattern.
Den aufgeschlossenen Konsumenten freut es, kann er sich doch an einer großen Vielfalt an verfügbaren Whiskys erfreuen und nach Lust und Laune probieren, vergleichen, ablästern und genießen. Internet-Hypes, Onlineforen und Social-Media-Gruppen befeuern diesen Trend genauso, wie z.B. in der Sneaker- und Musikkultur und finden ihre Bestätigung in einer regen analogen Stammtischkultur.
Heute will ich ein wenig durch die Gegend fahren und mir zumindest eine Destille genauer ansehen. Kaum lasse ich die Stadtgrenze von Lossiemouth hinter mir und fahre ins Hinterland, tun sich die Wolken auf und es wird sonnig. Ich checke den Wetterbericht und tatsächlich soll es in den kommenden Stunden gutes Wetter geben.
Ich lasse die Küste hinter mir und fahre durch die Speyside nach Dufftown. Die kleine Stadt beherbergt sieben Whisky-Brennereien, ein Whiskymuseum, zwei Whiskyfestivals, mehrere Whisky-Läden und Geschäfte mit Dienstleistungen, die sich ausschließlich mit – na was wohl... – natürlich Whisky beschäftigen. Obwohl die kleine Stadt nicht mehr als 1700 Einwohner hat und auch auf den Straßen absolut tote Hose herrscht, wird sie von vielen Kennern als die Whisky-Hauptstadt der Welt angesehen.
Die wohl bekannteste heißt Glenfiddich. „Glen“ steht für Tal und „Fiddich“ für Hirsch und dürfte als eine der bekanntesten Destillen wohl auch den unbedarfteren der Leserschaft ein Begriff sein.
Ich parke mein Auto also im Ort und erkunde zu Fuß die Gegend. Heute ist Samstag und außer ein paar Kids auf dem Weg zum Bolzplatz und Einheimischen mit Hunden ist nicht viel los. Autos parken stoisch an den Straßenseiten, ein paar verirrte Möwen krächzen am Himmel, hoffnungsfrohe Wäsche flatternd an Wäschespinnen erwartungsvoll den angekündigten Sonnenstrahlen entgegen, durch Wohnzimmerfenster flackern Fußballübertragungen und ein paar verlorene Gestalten lungern vor der einzigen Sportwettannahmestelle des Ortes herum. Schottisches Kleinstadt-Wochenende. Bon jour Tristesse.
Ich entscheid mich für körperliche Ertüchtigung und laufe etwa eine Meile zur besagten Glenfiddich-Destille. Die Brennerei ist in Besitz der reichsten Familie Schottlands. 2,7 Milliarden Pfund Reichtum, der alleine auf der Produktion von Whisky basiert.
To make a long Story short – ganz nett, aber so wie die Besuchertoiletten schon am jungen Tag müffeln, hält mich nichts dort. Dafür reißt der Himmel auf und die Sonne zeigt, dass Schottland mehr kann, als Regenwetter und dicke Wolken.
Ich spaziere entlang einer beschaulichen Burgruine, einem fetten Mähdräscher und durch einen kleinen verwunschenen Park zurück zu meinem Auto und bemerke, wie sich mein Schritt wieder unweigerlich beschleunigt.
Kürzlich habe ich Jack Kerouacs „On the Road“ gelesen und frage mich, wieso ich mich nicht für eine entschleunigtere Art des Reisens entschieden habe. Früher bin ich oft getrampt und immer sicher und entspannt ans Ziel gekommen. Zwar musste man öfter länger warten und auch waren manche der Fahrer maulfaul, oder gar einfältig. Doch überwiegend waren es interessante und witzige Zeitgenossen, die auch gerne mal Umwege in Kauf nahmen, um einen zur nächsten Etappe, bzw. ans Ziel zu bringen.
Die Antwort folgt prompt in Form einer Nachricht auf dem Handy. Die Familie lässt grüßen und will wissen, wann ich die ersten Photos schicke.


Freitag, 11. Oktober 2019

ISRAEL 2018 - Tag 8


Tag 8, Teil I
                                   
Nanu, was ist denn mit mir passiert? Offenbar bin ich direkt eingeschlafen und ganz ohne Pinkelpause erst nach neun Stunden erwacht. So lange gepennt wie noch an keinem anderen meiner vorangegangenen Urlaubstage. Wow – ich fühle mich topfit und habe weder von Reha noch ihrer Waschung, geschweige denn von ihr gewaschen zu werden geträumt.                                                                            
Apropos Reha; wo ist die überhaupt? Vielleicht war es ja bereits ihre letzte Ölung. Jedenfalls sehe ich sie nirgends. Wahrscheinlich ist sie noch damit beschäftigt jemanden zu bequatschen ihr aus dem Bett zu helfen, oder ist gar den Weg alles Fleischlichen gegangen. Genug davon hätte sie ja. Wie auch immer.   Eines ist jedenfalls gewiss: Morgenstund hat Toastbrot, eine schale Mischung aus Margarine und Butter und billige Marmelade im Mund. Es gibt auch etwas Milk & Honey, dünnen Kaffee, Tee, ein paar lieblos geschnippelte Gurkenscheiben und als Bonus stark reduziertes Hummus, von dem sich jeder nur einen kleinen Kleks zu nehmen traut. Alle Hostelgäste scheinen gut erzogen, denn das bisschen Kichererbsenpaste, was sich in der Schüssel befindet wird von den Frühstückenden beständig halbiert. Als ich an der Reihe bin, ist noch etwa ein Sechszehntel in der Schale. Ich reduziere dieses auf ein Zweiunddreißigstel und beobachte den nach mir folgenden Spanier, wie er daraus ein Vierundsechzigstel macht. Seine Freundin halbiert nochmals auf ein Einhundertachtundzwanzigstel. Dann ein Zweihundertsechsundfünfzigstel, dann ein Fünfhundertzwölftel und so weiter und so fort. Wie schön wäre es, wenn wir an dieser Schale gemeinsam eine Kernspaltung vornehmen würden. 
Besser als mit einem großen Knall kann ich mir das Ende meines Urlaubs nicht vorstellen. Bevor es dazu kommt, durchbricht ein hungriger Israeli das manierliche Treiben, indem er mit seinem Toastbrot die Schale gründlich leer wischt und so dem israelischen Militär die vermeintliche Vorlage für einen atomaren Zweitschlag gegen den Iran nimmt.    
 Immer diese verpassten Chancen und „müden Clauswitze“.             
Zurück in der Realität wäge ich meine Optionen ab. Ich will auf jeden Fall Wäsche waschen, weil ich nur ungerne dreckige Klamotten mit nach Hause nehme. So wringe ich mit einer ordentlichen Portion Duschgel meine Klamotten bis zur Blasenbildung an den Händen im Wachbecken des Badezimmers durch und hänge die Klamotten zur Trocknung in einen Baum vor dem Hostel.  
 Nun will ich Frühsport machen, schwimmen gehen und zum offiziellen Check-out um 11:00 wieder im Hostel sein. Wenn ich Glück habe, dann darf ich meine Sachen bis zum Abend hier stehen lassen, denn mein Flug zurück nach Berlin geht erst am frühen Morgen des Folgetages. Da es sich nicht lohnt für eine weitere Nacht ein Zimmer zu zahlen, will ich abends auf dem Flughafen schlafen. Schon jetzt merke ich, dass ich in der vergangenen Nacht zu gut geschlafen habe, um heute Nacht am Flughafen problemlos einschlafen zu können. Nur faulenzen und ein wenig spazieren gehen kommt also nicht in Frage. Der Tag will gefüllt werden; nur wie? 
Am Strand angekommen und ein paar Ertüchtigungs- und Schwimmübungen später gerate ich, beeinflusst durch das rege Treiben am Strand, in meinen übliche Tatendrang. Jaffas schmaler Strandabschnitt mit seinem hübschen Abwasserrohr und einigen zwielichtigen Gestalten scheint morgens weniger Rentner und Familien anzuziehen, als vielmehr Partytouristen, Sportler, Lifestyleopfer und Schulschwänzer. Gemein ist ihnen, dass sie sich und alle anderen Anwesenden mit lauter Musik aus Bluetooth-Boxen beschallen.  
Was in Deutschland eher einer gewissen Bevölkerungsgruppe, der man mit etwas Kulanz gerade noch „Haupt im Kopp zu haben“ zugestehen kann, vorbehalten ist, scheint hier zum normalen Alltag der jungen Menschen zu gehören. Wumm, Wumm, Wumm, Utz, Utz, Utz. 
Mir dünkt, dass ich an meinem letzten Tag in Tel Aviv wenig Lust habe mir nochmals die zwar lebensfrohe, aber meiner Berliner Heimat doch sehr ähnlichen Bevölkerung anzugucken. Vielmehr wäre es spannend in eine der vielen Satellitenstädte zu fahren und einen Einblick auf das Leben fernab touristischer Hotspots zu werfen. Als Sozialarbeiter ist man ja immer auch ein kleines Stückchen Soziologe und als alter Skateboarder sowieso an abseitiger Infrastruktur interessiert.            
Seit vielen Jahren mache ich etwa einmal im Jahr mit meiner Skateboardgang einen Trip in eine uns unbekannte Stadt. Wir haben es uns zur Gewohnheit gemacht dort nach dem Frühstück mit einem öffentliche Verkehrsmittel zu einer Endstation im erweiterten Stadtgebiet zu fahren und dann Pi mal Daumen mit dem Skateboard zurück zum Stadtzentrum zu rollen. Unterwegs wird alles mitgenommen, was sich irgendwie mit dem Skateboard zu bearbeiten eignet. So lernt man die Stadt von seiner teils hässlichen, aber umso authentischeren Seite kennen und kommt mit der Normalbevölkerung in Kontakt. Zwar erlebt man vielleicht nicht mehr, als ein normaler Tourist, dafür aber eindeutig andere Dinge, die ich oftmals als interessanter empfinde. 
Gerne erinnere ich mich an einige kuriose Situationen zurück, wie z.B. den spießig angezogenen Mittvierziger-Typen, der uns in Sofia an einer U-Bahnstation beobachtete und beständig nervös zu uns herüberguckte. Dabei nestelte nervös an seinem Handy herum und fotografierte uns mehrmals. Das war so auffällig, dass wir schnell Notiz von ihm nahmen. Nachdem wir uns einig waren, dass er ein Wutbürger war, der die Polizei gerufen und Beweisfotos gemacht hat und nun ausharrt, um uns bis zu deren Eintreffen zu beobachten, packten wir unsere Sachen ein und hauten ab. Er fuhr daraufhin auf seinem Fahrrad hinter uns her, immer noch mit dem Handy in der Hand. Irgendwann kam ich mir zu blöd vor dieses Katz- und Mausspiel weiterzuführen, hielt an und stellte den Typen zur Rede. Er, mit einer Mischung aus betretenem Ertapptsein und offenkundiger Erleichterung, artikulierte sich in gebrochenem Englisch und zeigt mir unvermittelt ein pixeliges Video auf seinem Handy. Es stellte sich dann heraus, dass er in den 1990er Jahren Bulgarischer Meister im Einradfahren war und im Skateboarding Parallelen zu seinem Sport sah, sich aber nicht traute uns anzusprechen. Mittlerweile fanden sich auch meine Homies ein und guckten sich die Einradfotos an. Nach einigen erleichterten und amüsierten Floskeln schlugen wir gemeinsam ein und rollen unserer Wege. 
Derartige Anekdoten könnte ich Zuhauf erzählen und würde mich nun freuen zum Beispiel im klanghaften „Rishon Lezion“ Ähnliches zu erleben. Genug Angriffsfläche biete ich ja.  
 Wie ich so gedankenverloren zurück zum Hostel laufe, fällt mir im Augenwinkel eines der hässlichen, aber allgegenwärtigen Mietfahrräder ins Auge, welches mit offensichtlich geknacktem Schloss am Wegesrand steht.
Für mich ist klar; ein Geschenk des Himmels. Ich habe mich bereits mit dem Flugzeug, dem Zug, dem Bus, PKWs und zu Fuß fortbewegt. Habe einen Skateboardtrick gefilmt und beinahe einen Liegefahrradfahrer gekillt. Da wäre es doch blöd, wenn ich das Portfolio nicht noch um einen zünftigen Ritt auf einem Drahtesel erweitern würde. Dieses ist fortbewegungstechnisch eh mein angestammtes Habitat. Also kassiere ich die Schese skrupellos ein und beschließe heute noch nach Rishon Lezion zu radeln. 
Zurück am Hostel ist meine Wäsche zwar noch nicht getrocknet. Beim Abhängen merke ich, dass mein geliebtes Skate-Crew-T-Shirt geklaut worden ist. Da folgt die Strafe der Fahrradentwendung gleich auf dem Fuße.  
Ich überlege kurz, ob ich meinem immerwährenden Optimismus, nun weniger schleppen zu müssen, dem Vorzug über der Trauer bezüglich des Verlusts zu geben und entscheide mich für Letzteres.
The only true love is crew love!  
Wenigstens erlaubt mir die Besitzerin des Hostel die klamme Wäsche auf einem Heizkörper im Gepäckraum aufzuhängen. Auch meine Sachen kann ich bis zum Abend dort stehen lassen. Nachdem ich nun den hauswirtschaftlichen Teil des Tages beendet habe, kann ich mich der Fahrradtour widmen.



Tag 8, Teil II

Das Fahrrad ist die übelste Gurke. Der Sitz lässt sich nicht richtig arretieren und rutscht alle drei Minuten nach unten. Ich bin zwar nicht der Größte, mir mit meinen Knien im rhythmischen Stakkato selber in die Fresse zu treten ist allerdings auch nicht so toll. Da ich jedoch gerne zu Ende bringe, was ich anfange, halte ich an einer schäbigen Autowerkstatt an und gebe einem handfesten Araber mit prächtig behaartem Maurerdekolleté und komplettem Gesichtsbartschatten zu verstehen, dass ich gerne einen Nagel in die haarlose Ritze zwischen Sattelschaft und Rohr schlagen möchte, um das Rutschen zu unterbinden. Der Muselmann taxiert das zerschlagene Schloss, versteht sofort und grinst mich, wohl dem eigenen Geschäftsgebaren geschuldet, verschwörerisch an. Dann fragt er mich „Alemani?“, was ich auf Arabisch bejahe: „Na´am!“. 
Grinsend knufft er mir in die Seite sagt: „Hitler, good Man!“, zwinkert mir zu, relativiert dann aber sogleich mit: „Just a joke“ und wiehert laut drauf los.           Mal wieder auf dem falschen Fuß erwischt lächle ich gequält und hoffe auf eine weniger humorvolle, denn handwerklich fundierte Fortführung unseres Zusammentreffens. Tatsächlich greift er nun hinter sich, holt einen Hammer und einen Metallstift hervor, weist mich an zurückzubleiben und kümmert sich selber um das Problem. Drei mächtige Schläge später sitzt der Stift wie angelötet und nichts rutscht mehr.                                                                                                   Ich will dem Kollegen zehn NIS in die Hand drücken, was er aber fast schon als Beleidigung auffasst. Dafür erfreut er sich umso mehr daran meine Hand beim Händedrücken zu zerquetschen und mir kräftigst auf den Rücken zu Hauen.      Guter Mann! Hätte sich früher sicherlich ganz passabel in Mohammed Amin al-Husseinis Leibstandarte gemacht.                                                                  Dass kultur- und länderübergreifende Hilfe nicht immer politisch korrekt sein muss, haben paradoxerweise schon die Nazis gewusst. Tatsächlich gab es eine enge Verbindung zwischen al-Husseini, dem sogenannten Großmufti Jerusalems, und führenden Nationalsozialisten. Al Husseini wurde in Berlin hofiert und sorge für die Verbreitung moderner antisemitischer Verschwörungstheorien, wie die fiktiven Protokolle der Weisen von Zion, im Nahen Osten, die noch heute eine starke Wirkungsmacht haben und für den moslemischen Antisemitismus mitverantwortlich sind. Meinem behaarten Helfer hingegen attestiere ich lediglich einen deftigen Humor.                                                                                                      Und dann plötzlich wird mir Alles klar. Es sind wieder mal die Haare. Was dem Juden das Brusthaar ist, sind dem Araber das Maurerdekolleté und der Bart. Das macht im Endergebnis 2-1 für die vermeintlich schwächere Seite.                     Aber nun passt auf! Ich bin geneigt zu sagen, dass das mehr als eine Haaresbreite Vorsprung ist, auch wenn sich dieser bezüglich des Israel-Palästina-Konflikts wohl eher in zeitlichen Dimensionen durch ha(a)rtnäckige Beha(a)rlichkeit auszahlt und weniger in waffenstarrer Dominanz. Als eindeutigen Beweis meiner Erkenntnis lass ich gerne das alte Sprichwort der Taliban: „Ihr habt die Uhren, wir haben die Zeit“ gelten. Nicht umsonst schmücken die Gesichter der Fanatiker die prächtigsten Bärte der Welt. Sogar in Pathologen-Kreisen wird gemunkelt, dass Osama Bin Ladens unversehrter Arsch, dank eines undurchdringlichen Dickichts seiner veritablen Arschbehaarung, den gezielten Schüssen des zweiten Mais 2011 getrotzt haben soll. Wir können von Glück sagen, das Adolf Hitler sich seinerzeit irrigerweise mit einem kleinen Stummelbart begnügt hat, Stalin mit metrosexueller Intimrasur seiner Zeit voraus war und bei Mao spätestens seit 1959 nicht nur auf den Feldern einfach nichts mehr nachwachsen wollte.                               Der Lösung der Weltformel einen Schritt näher gekommen und endlich mit einem angepassten Sattel gesegnet, kann ich in der sengenden Mittagssonne entspannt losradeln.                                                                                    Einen Sonnenstich habe ich offenkundig bereits. Also was soll`s!?                          In meiner Phantasie leben in Rishon Lezion all die russischstämmigen Israelis, die nach dem Ende der Sowjetunion emigriert sind und von denen es über eine halbe Millionen geben soll. Da ich noch nie in Russland war, hoffe ich so zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen.                                                               Rishon Lezion gehört zum sogenannten Gusch Dan, was übersetzt so viel bedeutet wie „großer Gürtel“ und ist mit gut 250000 Einwohner nach Haifa, Tel-Aviv und Jerusalem die drittgrößte Stadt Israels. In dem Abschnitt zwischen Tel-Aviv an der Küste, Haifa im Norden, Jerusalem im Osten und Ashkelon im Süden leben bei weitem die meisten Israelis. Ähnlich wie Tel-Aviv ist Rishon Lezion nicht historisch gewachsen, sondern wurde 1882 von russischen Juden gegründet, die der zunehmenden Pogromstimmung in ihrer Heimat entkommen wollten. Erst nach der Staatsgründung Israels und vor Allem durch die Emigration in der Zeit der Perestroika wuchs die Stadt zu ihrer jetzigen Größe heran. Dem raschen Bedarf an Wohnraum wurden – vielleicht sogar aus nostalgischer sowjetischer Verklärung heraus – grobe hässliche Betonklötze in Plattenbauweise entgegen gesetzt.                           In meinem ersten Jahr in Berlin bin ich oft alleine mit dem Fahrrad in die Hochsiedlungen Ostberlins gefahren und habe mich der mir befremdlichen Atmosphäre ausgesetzt. Noch heute faszinieren mich diese Orte menschlichen Pragmatismus und brutalisierter Materialnutzung.                                                                 Um nach Rishon Lezion zu gelangen muss ich mich durch die Vororte Tel Avivs kämpfen. Diese tragen so klangvolle Namen wie Holon, oder Bat Yam und sehen total gleich aus. Einen Fahrradweg gibt es an der dicht befahrenen Hauptstraße nicht, so dass ich mich durch Seitenstraßen kämpfen muss. Hinter Jaffas Stadtgrenze gibt es mehrere kleinere zweistöckige Häuser mit begrünten Vorderhöfen. Die fast schon bürgerliche Gegend wird jedoch alsbald von fünfstöckigen und in die Tage gekommenen Mehrfamilienhäusern abgelöst. Beiden Gegenden gemein ist, dass überall Plakate hängen, auf denen ich vermeine Politiker auszumachen. Alle lächeln ein wunderbares Zahnpastalächeln und gucken ähnlich debil wie bereits ich auf vorherigen Stationen meines Urlaubes. Wird hier etwa bald gewählt?                                                                                                          Um auf dem rechten Weg zu bleiben, muss ich nun auf die lochstichige Hauptstraße wechseln. Alle dreihundert Meter steht eine Bushaltestelle und alle fünfhundert Meter kommt ein kleiner Park mit Spielplatz. Planstadt pur. Gelegentlich gehen Seitenstraßen ab, an denen kleinere Geschäfte sind. Hauptsächlich dienen die beiden Orte aber als Wohnraum und es ist kaum etwas los. Ich halte in Holon an einem Einkaufszentrum und gönne mir ein zweites Frühstück. In einem Geschäft gibt es dutzende Sorten von Gebäck, welches nach Gewicht bezahlt wird. Dort kaufe ich mir kleine Teigtaschen, die einem Börek ähnlich mit Spinat und Schafskäse gefüllt sind. Dazu gibt es einen frisch geheckselten eiskalten Obstcocktail mit Melone, Papaya, Ananas und Erdbeeren.                                            Ich lasse mich auf einer Parkbank nieder und beobachte die Szenerie. Um mich herum sind kaum junge Menschen zu sehen. Die scheinen alle zu arbeiten; schließlich ist ja ein Werktag und das teure Leben um die Mittelmeermetropole muss irgendwie bezahlt werden. Orthodox aussehende Menschen suche ich vergeblich. Hier gibt es hauptsächlich ältere Menschen, die Einkäufe in Plastiktüten durch die Gegend tragen, oder in Grüppchen herum sitzen und sich unterhalten. Wieder einmal würde ich gerne die Geschichten und Lebensleistungen dieser Menschen kennen, doch dafür reicht meine Zeit leider einfach nicht aus.       Morgen Mittag, etwa zur gleiche Zeit wie jetzt, werde ich in Berlin aus dem Flugzeug steigen, vorerst den kleinen Staat Israel hinter mir lassen und mich, bis auf ein paar Erinnerungen und Fotos wieder gänzlich meinem Alltag hingeben. Vielleicht ist es mir deswegen so wichtig am meinem letzten Tag ein Stückchen „Normalität“ des israelischen Alltags, fernab von touristischen Routen zu erleben. Einfach um mir nochmals zu bestätigen, dass hier, entgegen aller Vorurteile, Ressentiments und Glorifizierungen, einfach nur verdammt noch mal ganz stinknormale Menschen wohnen, die ähnliche Probleme haben, wie an sie von sich  Zuhause kennt.                                                                                                     Hinter Holon führt die Straße durch ein nicht enden wollendes Industriegebiet mit riesigen Einkaufszentren, Baumärkten, Baustoffhändlern etc. Über mir kreisen Flugzeuge im Tiefflug, die die beiden Flughäfen Tel Avivs ansteuern und brennt die Mittagssonne. Zwar fahre ich mittlerweile auf einem Bürgersteig, aber dieser geht auf und ab und mein Hintern und Rücken beginnen auf dem starren Fahrradrahmen an zu schmerzen. Wer Russland sehen will muss leiden, dass haben bereits Napoleon und ein paar Deutsche zu spüren bekommen. Der Rest ist Geschichte.                                                                                                             Hinter dem Industriegebiet endet die Straße in einer mächtigen T-Kreuzung, die in ost-westlicher Richtung verläuft. Die querende Straße ist nach Moshe Dajan benannt, einem ehemaligen Militär und Politiker, der für seine markigen Worte und Augenklappe bekannt war und im Sechs-Tage-Krieg als Verteidigungsminister für die raschen Erfolge verantwortlich war. Sechs Jahre später wurde Israel im sogenannten Jom-Kippur-Krieg abermals von Ägypten und Syrien angegriffen und geriet auf Grund von Fehleinschätzungen hinsichtlich des Bedrohungspotentials ins Hintertreffen. Im Jom-Kippur-Krieg hätte sich das Blatt beinahe gegen die Israelis gewendet und es wäre kaum vorzustellen, was passiert wäre, hätten die arabischen Armeen das Land eingenommen. Glücklicherweise konnte Dajan sich rappeln und die israelische Armee das Blatt wenden, so dass auch dieser Krieg gewonnen wurde. Weitere sechs Jahre später handelte der Ex-Militär als Außenminister den Friedensvertrag mit Ägypten aus und gilt somit als ein weiterer Held und Identifikationsfigur für diese kleine Nation.
In diesem Zusammenhang darf Golda Meir nicht unerwähnt bleiben. Diese war ab 1969 erste weibliche Regierungschefin von Israel und nach Sirimavo Bandaranaike in Sri Lanka und Indira Ghandi in Indien die dritte frei gewählte Regierungschefin der Welt. Zwar musste sie in Folge der Ereignisse des Jom-Kippur-Krieges zurücktreten, galt aber auf Grund ihrer Härte und Zähigkeit schon zu Ben Gurions Zeiten als „einziger richtiger Mann“ in seinem Kabinett. 
Heute sind Frauen, allem israelischen Machismo zum Trotz, relativ  fest in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Militär etabliert, was für mich einmal mehr der Beweis ist, wie schützenswert der Staat inmitten von undemokratischen und teils zutiefst menschenverachtenden Regimes ist.  Das macht den Staat im Vergleich zu anderen Staaten jedoch nicht zum Primus Immer wieder wird das Land durch Korruptionsskandale, die bis in die höchsten Kreise von Politik, Verbrechen und Wirtschaft reichen, erschüttert. Auch wenn es unabhängige Gerichte gibt, die ungehindert Anklage erheben, maße ich mir an zu fragen, warum die Menschen hier so anfällig für Machenschaften diversester Art sind. Vielleicht ist es „the Spirit of the Levante“?!
The Spirit of the Levante. So könnte ich doch meinen Drahtesel nennen. Oh ja!  
 The Spirit of the Levante, kurz „Spirit“ trägt mich auf seinen 14 Zoll Vollgummireifen weiter gen Rishon Lezion. Der Moshe Dajan Boulevard ist zwar breit gebaut, doch der Verkehr nun etwas verhaltener. Dafür ist die Infrastruktur komplett neu. Es gibt einen eigenen Fahrrad- und Fußgängerweg. Doch außer mir sind nur vereinzelt ältere Menschen mit Elektorädern, die mich und Spirit allesamt mühelos überholen und ein paar Garten- und Landschaftsbauer zu Gange, die einen Wall, der den Boulavard von einer modernen Wohngegend abgrenzt, begrünen. Alles kommt mir planstabsmäßig umgesetzt vor. Nichts wird dem Zufall überlassen. Alle paar Hundert Meter ein Park mit Spielplatz, einer Sportertüchtigungsanlage, kleinen Gewässern und Ruhezonen. Dazwischen die immer gleich aussehenden Mehrfamilienhäuser. Menschen sind hingegen weiterhin nur spärlich auszumachen. Die sind wohl auch hier alle am Arbeiten, in der Kita, oder in der Schule. Mein Handy zeigt mir an, dass es nun nicht mehr weit bis zum Stadtzentrum ist.


Tag 8, Teil III

Um in die Innenstadt Rishon Lezions zu gelangen, muss ich über eine große Autobahnbrücke fahren. Oben angekommen hat man eine gute Aussicht über das Umland. Soweit das Auge reicht sehe ich im strohigen Licht des heißen und trockenen Tages Baustellen und Häuser. Von Berlin bin ich mit Baulärm, Baustellen, Lastern etc. bestens vertraut, doch Israel stellt meinen Wohnort diesbezüglich locker in den Schatten. Überall, wirklich überall entstehen Häuser. Mal in schlichter Plattenbauweise, mal in parkähnlichen Anlagen mit ausladender Architektur. Unter mir rauschen die Betonmischer und LKWs mit Baumaschinen und Werkstoffen. Israel wächst beständig. Kein Wunder, dass Netanjahu auf großkotzige Rhetorik setzt bezüglich des Ausbaus weiterer Siedlungen und der Annexion Teile des Westjordanlandes.                                     
Ich nehme die enge Kurve hinab in die Stadt und fahre entlang der Autobahn durch einen Park und an Sportstätten vorbei. Nach wenigen Minuten erreiche den Rothschild Boulevard und folge diesem bis zum Stadtzentrum. Dieses besteht im weitesten Sinne aus einer großen Einkaufsmall, einem Kulturzentrum, einem Park und einer Stadthalle. 
Jetzt haben Spirit und ich uns einen Drink verdient. Da ich leider kein Kettenöl auftreiben kann, muss sich mein treues Pferd mit einem Keks unter einem Baum begnügen. Für mich gibt es ein weiteres Mal das braungoldene und mit Koffein und Unmengen von Zucker versetzte Wässerchen des Lebens.                      Prost Spirit! Prost Rishon Lezion, Prost Israel!                                                                    Ein paar kräftige und dezent hervor gepresste Rülpser später mache ich mich an die Observation. Da ich keine Zeitung und Schere zum Löcher schneiden dabei habe versuche ich es mit dem Paradox und schaue möglichst aufgeschlossen über den weiten Platz. Eventuell fühlt sich ja jemands angesprochen und setzt sich zu mir. Um mich herum ist jedoch nur mäßig emsiges Treiben auszumachen. Besonders russisch sieht es hier nicht aus.                                                Noch nicht mal der verwahrloste Bettler am Eingang des Einkaufszentrums macht den wodkaschwangeren Eindruck einer allen Unwägbarkeiten des Lebens unterworfenen russischen Demütigkeit.                                                               Sind Juden nicht nur die besseren Menschen, sondern auch die besseren Penner?                                                                                                                           Die Stadt wirkt irgendwie ziemlich brav und langweilig. Voll tote Hose hier. Einzig ein Auto mit Lautsprecher bringt etwas Leben in die Tristesse des frühen Nachmittags. Ich drehe mich um und sehe, dass es sich dabei um Wahlwerbung für einen unbestimmten Kandidaten handeln muss.                                             Ich checke mein Handy, gebe Israel und Wahl ein und finde heraus, dass in wenigen Tagen die Kommunalwahlen stattfinden, bei denen die Israelis die Bürgermeister ihrer 251 Städte und Kommunen wählen. Insbesondere in den vier größten Städten, zu denen auch Rishon Lezion gehört, wird der Ausgang der Wahl mit Spannung erwartet, da man von einer Signalwirkung für die kommenden Parlamentswahl im Jahr 2019 ausgeht, bei denen sich zeigen wird, ob es Bibi Netanjahu, trotz laufender Korruptionsverfahren gegen ihn und seine Frau, schafft, eine weitere Amtszeit zu erlangen und das Land somit gegebenenfalls noch weiter nach rechts rückt.                                                                                   Immer diese Politik. Noch nicht mal bei einer ganz banalen Suche nach Russen hat man davor seine Ruhe. Chert poberi!                                                                   Aber immer mit der Ruhe. So kann man seinen letzten Urlaubstag auch verbringen: In einer x-beliebigen Innenstadt auf einem Platz abhängen, den Kopf in den Nacken legen, die Augen schließen und sich dem Nichts hingeben. Om!         Und was passiert, wenn man sich dem Nichts hingibt und von allen Erwartungen frei macht? Richtig! Meist passiert dann etwas Bedeutendes.                                   Nur leider nicht auf dem Platz vor dem Einkaufszentrum in Rishon Lezion. Sprich, um etwas Leben in die Bude zu bekommen, muss ich selber aktiv werden. Da ich mich brennend für eine Meinung zur kommenden Kommunalwahl interessiere, beschließe ich mir einen jungen Menschen heraus zu picken, der nach Student, oder anderweitig der Beherrschung der englischen Sprache aussieht.              Kaum habe ich den Gedanken zu Ende geführt, läuft auch schon ein Pärchen auf mich zu und setzt sich eine Bank neben mich. Ich drehe mich zu ihnen und frage ungeniert auf Englisch, ob sie Einheimische wären und ich ihnen ein paar Fragen zu ihren Lebensumständen in Israel stellen dürfe. Überrascht und etwas überrumpelt haben sie keine Einwände, vermögen aber mit einer Gegenfrage zu kontern, die ich bereits gut erprobt beantworte:                                                                   „I am from Berlin!“. „Ah Berlin, cool! We were there last summer! We love Berlin...“                                                                                                              Aus Berlin zu kommen scheint auch so eine Art Persilschein zu sein.                  Nachdem wir uns gegenseitig die Großartigkeit unserer Heimaten versichert haben, entwickelt sich ein Gespräch zwischen mir und den beiden aufgeschlossenen jungen Menschen.                                                                                            Nora und Zvi studieren Marketing und Business-Administration an der Universität von Rishon Lezion. Nora ist Russin mit jüdischem Background und studiert und lebt seit drei Jahren in Israel. Zvis Eltern sind vor gut zwanzig Jahren mit ihrem kleinen Sohn nach Israel emigriert. Kennengelernt hätten sie sich an der Universität und seien seit zwei Jahren ein Paar. Gerne würden sie in Tel Aviv leben, aber die Lebenshaltungskosten wären selbst in Rishon Lezion so hoch, dass sie immer noch im Studentenwohnheim wohnen, obwohl sie gerne zusammenziehen würden.                                                                                                    Ich frage nach den Wahlen und schnell  stellt sich heraus, dass beide politisch eher links zu stehen scheinen. Nora will sich aber keine abschließende Meinung zur Politik des Landes erlauben, da sie nur hier studiere und keine Staatsbürgerschaft habe. Zvi poltert dafür ordentlich drauf los.                                                                                In Israel würde die Politik schon seit Jahrzehnten im Grunde genommen von immer den gleichen Menschen gemacht, nur dass diese ab und zu die Parteien wechseln, oder Neue gründen würden. Es herrsche Stillstand und fehle an frischen Ideen und jungen Politikern. Er wird seine Stimme einem Kandidaten der Grünen geben und habe große Hoffnung, dass dieser den aktuellen und bereits seit vielen Jahren amtierenden Bürgermeister ablöse.                                  Das Land brauche aber insgesamt einen Wandel, da es sonst irgendwann genauso autokratisch regiert würde, wie seine Nachbarstaaten, denen es sich immer mehr annähere. Leider fehle es an einer konstruktiven Opposition, oder gar einer Partei, oder Koalition, die der amtierenden rechtskonservativen Regierung die Stirn bieten könne.                                                                                              Die EU diene ihm als Beispiel einer funktionalen multistaatlichen Gefüges, in denen verschiedene Länder und Kulturen miteinander auskommen und funktionieren können. Deutschland sei für ihn das Paradebeispiel eines modernen demokratischen Staates.                                                                                    Ich erzähle von meinen bedrückenden Erlebnissen in Hebron und frage, warum er denkt, dass insbesondere die jungen Palästinenser die Juden so hassen würden. 
 Gleich anfangs erwähnt Zvi, dass ein Vorfall in Hebron, der weltweite Aufmerksamkeit erregte, in die Zeit seines Wehrdienstes fiel. Im März 2016 stachen zwei Palästinenser auf einen israelischen Soldaten ein, verletzten diesen schwer und wurden anschließend von anderen Soldaten angeschossen. Der Sanitätsoffizier Elor Azaria versorgte den verletzten Kameraden und tötete daraufhin ohne Not den wehrlos am Boden liegenden Palästinenser Abdel Fattah al Sharif mit einem Kopfschuss. Der Vorfall wurde von einem Nachbarn gefilmt und an die israelische Menschenrechtsorganisation B`Tselem weiterleitete. Diese machte das Video publik und es kam zu einer weltweiten Welle der Entrüstung. 
Auch Zvi und seine Kameraden hätten den Vorfall ausgiebig diskutiert und er sei zu der Überzeugung gekommen, dass er ein solches Verhalten; vor allem, weil der Täter in Folge zwar wegen Totschlags verurteilt wurde, jedoch schon neun Monate später wieder entlassen wurde, als unmenschlich ansehe und derartige Aktionen seinem Land nicht dienlich seien, auch wenn es natürlich eine beständige Gefahr durch Attentate gäbe. Vielmehr sei es die Pflicht der Armee und des Landes Israels humanistisches Handeln zu repräsentieren, denn nur so würde man auf der Welt glaubwürdig auftreten können und als Rechtsstaat glaubhaft bleiben.
Vielleicht seien Aktionen wie diese mitverantwortlich, warum Isa und ich in Hebron nur hasserfüllte Kommentare gegenüber Juden erhalten haben. Darüber hinaus sehe er die Besatzungspolitik als weitestgehend Schuld an der negativen Stimmung. Derzeit tue Israel alles dafür diesen Konflikt anzuheizen und an eine Zweistaatenlösung glaube niemand mehr. Womit wir auch schon bei Israels amtierenden Ministepräsidenten Benjamin Netanjahu angelangt sind.
Mit Netanjahus und seiner Partei Likud verbinde er eine weitere Verschlechterung dieses Images. Zwar brumme die Wirtschaft, aber die Außenwirkung des Landes leide ungemein. 
Er sei nach dem Wehrdienst ein gutes Jahr lang gereist und sei oft von anderen, nicht israelischen Touristen, in Diskussionen um Menschenrechte etc. verstrickt worden. Dort habe er in einem Zwiespalt gestanden, weil er einerseits die Politik des Landes gegenüber den Palästinensern schlecht heiße, aber eben auch starke Heimatgefühle hege und diese verteidigen wollte. Bibi, wie er den Präsidenten im Weiteren nennt, sei weitestgehend nur seinem Ego und seinen eigenen Interessen verpflichtet. Sicherlich, Bibi sei ein glühender Patriot, wisse sich aber vor allem politisch geschickt in Szene zu setzen, um seine Machtgier zu befriedigen. Israel werde das auf lange Sicht nicht gut tun und das sei nicht der einzige Grund, warum  viele junge und gut ausgebildete Menschen über einen Wegzug nachdächten. 
Also weiter im Text mit den Lebensbedingungen der gemeine  Israelis. Auch diesbezüglich ist Zvi wütend. Neben dem Studium arbeite er in einem Handyladen und als Mädchen für alles in einer Baufirma. Als z.B. Account-Manager bei einem lokalen Unternehmen würde er mit einem Master als Einsteiger umgerechnet 1600€ verdienen. Wie soll er von diesem Geld ein normales Leben führen? Vom Kinderbekommen ganz zu schweigen. Alleine die Miete für ein kleines Appartement würde über die Hälfte des Gehalts kosten. Für den Urlaub nach Berlin im letzten Jahr hätten er und Nora ein ganzes Jahr lang sparen müssen. Sowieso würden sie überlegen wegzuziehen. Berlin sei ihre erste Wahl.
Als Zvi von Berlin erzählt, klinkt sich auch Nora wieder in das Gespräch ein und tauscht mit mir die Mail-Adresse. Typische Rollenverteilung. Die Männer reden großspurig über Politik daher und die Frauen kümmern sich um die sozialen Dinge. Irgendwann habe ich die beiden genug ausgequetscht und Zvi scheint sichtlich außer Atem gekommen, vom ganzen Gerede. Also verabschieden wir uns herzlich und verbleiben, dass sie sich bei mir melden, falls es tatsächlich zu einem Umzug nach Berlin kommen sollte.                                                              Kurz bevor ich mich auf Spirit schwinge fällt mir noch ein, dass ich gar nicht gefragt habe, was denn die ganzen Russen so machen, die ich hier vermutet habe. Auf meine Frage hin gucken sich die beiden an und zucken mit den Schultern. „No idea… Maybe working? What do you think what they should do?“
Tja, was habe ich eigentlich gedacht? Vielleicht Wodka trinken? Schlägereien beim Autofahren anzetteln? Oder mit Hämmern auf defekten komplexen technischen Geräten einschlagen? 
So ist das mit den Vorurteilen. Kam traut man sich auf fremdes Territorium und kommt mit Menschen in Kontakt, verflüchtigen diese sich meist von alleine.   Danke Nora und Zvi für diese Erkenntnis.



Tag 8, Teil III

Schön, wie sich die Dinge manchmal von alleine zu fügen scheinen und nebenbei noch die Funken der Erkenntnis fliegen. Der Trip nach Rischon Lezion war trotz aller Strapazen ein voller Erfolg.  
Doch jetzt will ich zurück nach Tel-Aviv. Dafür habe ich mir von Google-Maps einen Weg berechnen lassen, der mit dem Hinweg einen ovalen Kreis beschließt. Leider müssen Spirit und ich schon bald feststellen, dass fast der gesamte Weg entlang der Autobahn zu führen scheint. Zuerst geht es noch neben dieser her und ich hege die Hoffnung, dass es so bleibt, doch dann endet der Fahrradstreifen abrupt im Nichts und es geht nur auf dem Seitenstreifen weiter.                   Normalerweise ist die App bei Fahrradrouten innerhalb Deutschlands äußerst pingelig und würde den Anwender niemals über Autobahnen, oder gar Bundesstraßen ohne ausgewiesenen Fahrradweg leiten. In Israel scheint das anders zu sein.                                                                                                                            Da ich mich in einem relativen Niemandsland aus Feldern und Brachen befinde, gibt es auch keinen alternativen Weg, auf den ich ausweichen könnte. Umdrehen kommt ebenfalls nicht in Frage, denn dann würde ich entweder die sechs Spuren und den Mittelstreifen der beiden Fahrbahnen überqueren, oder aber auf dem Seitenstreifen entgegen dem Verkehr zurück fahren müssen.                      Darauf habe ich absolut keine Lust. Gehörig am Zweifeln, werde ich plötzlich von einem helmlosen Mann auf einem Elektrorad überholt. Hoffnung und neuer Mut keinem in mir auf. Was der sich erlaubt, dass erlaube ich mir natürlich erst Recht! Außerdem beschließe ich, dass es auch die Polizei nicht zu jucken scheint. Und wenn doch, dann kann ich ja einmal mehr dumm grinsen, auf Tourist machen und auf die blöde App verweisen, die mich hier hin geschickt hat.                     Demnach Zähne zusammen beißen, Spirit die Sporen geben und voran!                    So ziehen in der nächsten Viertelstunde „Wruuuuuuuuhhhhm“ und „Ziiiiiisch “ dutzende von LKWs und PKWs direkt an mir vorbei. Niemand in den Autos scheint davon Notiz zu nehmen, dass sich irgendein Volltrottel auf einem viel zu kleinen Mietfahrrad neben ihnen auf dem Seitenstreifen abmüht.                             Normale israelische Härte eben.                                                                      Dennoch ist es ein unangenehmes Gefühl hier zu fahren, da insbesondere die Ausfahrten mindestens zweihundert Meter lang sind und keinen Seitenstreifen haben. So muss ich auf der ersten Spur der Autos fahren und besondere Vorsicht walten lassen. Ein heikles und nervöses Unterfangen.                                              Auch ist es nicht möglich von der Autobahn abzubiegen und durch Seitenstraßen gen Innenstadt zu fahren, da es keine Seitenstraßen gibt. Links neben mir befindet sich zwar die Siedlung Ben Gurion, diese endet laut App jedoch abrupt und einzig an einer weiteren Autobahn Richtung Tel-Aviv. Auf der rechten Seite erstrecken sich nur Felder und ein paar abgeschottete Industriegebiete.                  Mehr aus Verzweiflung, denn Überzeugung beschließe ich, dass ich die Autofahrer Kraft meiner Intuition spüren lassen werde, dass sie sich lieber nicht mit mir und Spirit anlegen sollten.                                                                                           Wir! Werden! Heil! Von! Der! Autobahn! Herunter! Kommen!                                             In diesem Sinne: Hüh Spirit, Hüh!                                                              Nach einigen sich endlos anfühlenden Kilometern bin ich nicht interessanterweise mehr der einzige Radfahrer. Zwei weitere Wahnsinnige haben sich zu mir gesellt. Sagte ich doch bereits. Normale israelische Härte und mal wieder alles richtig gemacht. Strike!                                                                        Gibt es Schöneres für einen Mann, als sich wegen eines dämlichen, aber aufgegangenen Plans selbst abzufeiern?!                                                                      Dann tut sich endlich eine Siedlung auf und gewährt den Fahrradfahrern die ersehnte Abfahrt. Nun geht es gemächlicher auf einem ganz normalen Fahrradweg zurück zum Hostel.                                                                                                                  Erleichtert radle ich weiter und lasse den Tag Revue passieren. Werden Nora und Zvi wirklich das Land verlassen? Werde ich sie irgendwann zufällig in Berlin treffen? Steuert Israel zukünftig weiter nach rechts? Steht zumindest einem größeren Teil der kritischen israelischen Bevölkerung eine weitere Diaspora bevor? Wie wird sich das gesellschaftliche Klima in Europa und der westlichen Welt langfristig gegenüber den Juden entwickeln? Gäbe das modernen Formen des Antisemitismus weitere Nahrung?                                                                            In Gedanken versunken gerate ich zu weit nach links und realisiere, dass es sich um die ausgewiesene Gegenfahrbahn des zweispurigen Fahrradweges handelt. Nur knapp und durch einen großartigen Reflex von Spirit entkomme ich einem Zusammenstoß mit einem E-Scooter-Fahrer. Dieser echauffiert sich zu Recht mit einem bösen und langgestreckten „Heeey“.                                                          Bereits zu einem gewissen Teil mit der Streitkultur der Menschen auf diesem kargen und doch so fruchtbaren Landstrich vertraut und durch den Fahrradfahrstil eh schon voll und ganz assimiliert drehe ich mich wider besserer Manieren, dafür aber mit vollstem Provokationsgehabe um, zeige mit Mittel- und Zeigefinger auf meine Augen und brülle dem Kontrahenten ein „Take a look“ entgegen. Der zu Recht Pikierte hält inne und zischt mir boshafte Laute mit auffällig vielen harten Konsonanten und Sch- und Ch-Lauten zu. Ich sehe lieber schnell zu, dass ich den Netanjahu mache und Land gewinne.                                                     Grinsend und voll von paradoxer Genugtuung ob der gerechtfertigten Schelte des Scooterfahrers gelange ich halbwegs geläutert und nicht mehr vom rechten Wege abkommend nach vier Stunden zurück zum Hostel.                                        Da ich kein Fahrradschloss habe, schiebe ich Spirit in das Gebüsch neben dem Eingang. Später will ich mit meinem treuen Weggefährten einen letzten Ritt zur Bahnstation tätigen und ihn dort frei lassen.                                                         Ich lasse mir mein Gepäck geben und fahre für ein letztes Bad an einen ruhigeren Strandabschnitt im Grenzgebiet von Jaffa- und Tel Aviv. Dort verknote ich Spirit und meine Habseligkeiten mit den Trägern des Rucksacks an einer im Sand steckenden Stange und springe in das Mittelmeer. Zum einen, um mich bis zu meiner heimischen Wohnung an dem verwegenen Gefühl einer urlaubsschweren Salzkruste am Körper ergötzen zu können, zum anderen, um den Schweiß der Tour nach Rishon Lezion abzuspülen. 
 Die Erinnerungen und Eindrücke der vergangenen acht Tage indes werde ich weder abwaschen können, noch wollen. Zu eindrücklich und nachhaltig wirken sie in mir weiter. Zwar war die vergangene Woche an Tagen überschaubar, an Inhalten dafür aber umso reichlicher gefüllt. Blicke ich zurück auf meine Vorstellungen und Ideale bezüglich Israels, die ich hatte, als ich vor über zehn Jahren ein junger Student war und vergleiche diese mit meinem jetzigen Bild, dann fallen mir relativ wenige, aber doch entscheidende Unterschiede auf. Der Markanteste ist wohl darin begründet, dass ich mich dem Land als Mensch angenähert habe und weniger als Technokrat der Ausgeburten meiner idealisierten Phantasie. 
Mir ist gewahr geworden wie wichtig der persönliche Kontakt ist, um andere Menschen zu verstehen und sich gegenseitig Wert beizumessen. Unabhängig von politischen Überzeugungen, kulturellen Abstammungen, oder Identitäten. 
Lerne die Menschen kennen, begegne ihnen mit Wertschätzung, lass dich ein wenig auf Sie ein, sei authentisch, unvoreingenommen und schon kommst du ihnen ein Stück näher und wirst mit ebendiesem vergolten. 
So einfach ist das und doch so schwer.  
Gegen 19:00 Uhr gönne ich mir eine letzte Falafel und kaufe ein Tunfisch-Sandwich für das morgige Frühstück vor dem Boarding. Wenn ich nachher auf dem Flughafen ankomme, werde ich meine mir ein ruhiges Plätzchen suchen, um ein wenig zu schlafen, bevor es um 06:05 Uhr zurück nach Berlin geht. 
 Innerlich bin ich bereits wieder am Rechnen. Wenn ich vielleicht vier Stunden am Flughafen schlafe und dann noch ein, oder zwei Stunden im Flugzeug schaffe, dann...  Ach, lassen wir das… Ich bin ja schließlich noch im Urlaub.  
Eine Stunde später fahren wir zum auserkorenen Bahnhof. Dort stelle ich Spirit mitten auf der Brücke ab, gebe ihm einen freundschaftlichen Klaps auf die Flanke, sage Lebe wohl und wende mich dem Ticketschalter zu und kaufe eine Fahrkarte zum Flughafen. Bevor ich die Rolltreppe zum Gleis nehme, drehe ich mich ein letztes Mal zu meinem Araberhengst mit israelischer Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis um.                                                                                           Stolz und erhaben steht „the Spirit of the Levante“ im goldenen Licht der israelischen Abendsonne und harrt geduldig, ausdauernd und zäh der Dinge die da kommen mögen.