Mein Vater und
ich machen gemeinsam eine Reise. Nicht einfach nur einen kleinen Fahrradtrip,
wie in Grundschulzeiten nach Dänemark in ein Sommerhaus in dem schon meine
Mutter und meine Schwester mit Zimtwecken auf uns warten, sondern einen zweiwöchigen
Trip nach Südostafrika. Ganz ohne Korrektiv.
Wer meinen
Vater und mich kennt, der weiß, dass wir irgendwie grundverschieden, und dann
doch auch wieder in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich sind.
Mein Vater war
Zeit seines Lebens Berufssoldat, ich bin Sozialpädagoge. Soviel zu den
Gegensätzen.
Wir beide sind
schon ein wenig herumgekommen in der Welt und mögen Alkohol. Er Bier, ich
Whisky. Soviel zu den Gemeinsamkeiten.
Kann also
heiter werden, der Trip...;)
Nun besuchen
wir eben meine Stiefschwester in Malawi. Der erste gemeinsame Urlaub seit 1996
nach Schottland. Damals war ich noch ein fünfzehnjähriger pickeliger Milchbubi
mit Doc-Martens und Metal-Shirt, der heimlich geraucht hat. Heute bin ich so
etwas wie ein erwachsener Mann. Mal sehen, wie ich mich behaupte.
Auf jeden Fall
macht Marit in Malawi ein einjähriges Praktikum bei der GIZ und mein Vater hat
sich nicht lumpen lassen mich auf eine Stippvisite mit umfänglichem
Rahmenprogramm einzuladen.
Gemeinsam mit
ihr machen wir mit den Locals Party, ärgern uns über Armut und Dreck, besuchen
in Sambia einen Wildpark mit Safari-Programm und genießen das familiäre
Zusammensein in der Wildnis.
Wieder zurück
in der Hauptstadt Lilongwe wollen Klaus und ich anschließend drei Tage lang mit
einem Mietwagen durch das Land gurken. Allerdings gehört Malawi zu den ärmsten
Ländern der Welt. Es gibt nur ein geringes touristisches Aufkommen, wenige
ausgebaute Straßen und kaum Wirtschaftsreisende, als dass es sich für
internationale Mietwagenfirmen lohnen würde hier Business zu machen.
Dementsprechend bedienen wir uns einer Connection von Marit, um an ein Auto zu
kommen. Der Bruder des Freundes einer Freundin vermiete angeblich welche und
würde uns sicherlich einen guten Preis für eine heile und funktionierende Karre
mit allen nötigen Versicherungen und Papieren machen. So bestreitet Marit dann
auch das erste Gespräch mit dem geschäftstüchtigen Schwippschwager um fünf
Ecken, um mit der nötigen Hartnäckigkeit der geballten Ladung exotischer
Erfahrungen auf eine korrekte Abwicklung zu bestehen. Der Typ hätte angeblich einen
Toyota RAV4 neueren Baujahrs für uns und würde sich morgen mit genaueren Informationen
zur Abwicklung und Abholung in zwei Tagen melden.
Um für ihn
erreichbar zu sein und auch, um uns im malawischen Hinterland, dass erstaunlich
guten Internetempfang haben soll, orientieren zu können, hat mein Vater sich
eine einheimische Sim-Karte gekauft. Marit übermittelt ihm unsere Nummer und
auch der Preis von 40$ pro Tag erscheint in Ordnung. Zufrieden gehen wir ins
Restaurant und lassen uns von Marit die erstrebenswertesten Ziele des Landes
schildern.
Der kommende
Tag vergeht dementsprechend mit dem Schmieden grober Reisepläne und dem Warten
auf den entscheidenden Anruf. Allerdings meldet sich niemand und auch unsere
Anrufe beim Vermieter werden nicht angenommen. Wir fürchten bereits um die
Reisepläne, treffen dann nachmittags mit Marit jedoch auf ihre Freundin und den
Bruder des Vermieters. Dieser lässt uns, nachdem wir ihn zu einem Telefonat mit
seinem Bruder nötigen, tiefenentspannt wissen, dass morgen früh ein Auto für
uns bereit stehe. Allerdings sei noch nicht ganz klar wann genau, da sein
Bruder den kleinen SUV erst noch von einer Werkstatt abholen müsse. Aber es sei
auf jeden Fall morgen früh fahrbereit und wir sollen uns keine Sorgen machen.
Marit, bereits im Umgang mit der heimischen Compliance geschult, hakt nach ob
das Auto morgen auch wirklich am Start sei. Der Kerl bejaht vehement und will
dafür sorgen, dass sein Bruder sich morgen bei uns meldet, sobald dass Auto
bereit sei. Schließlich wolle man ja vermeiden, dass Klaus und ich unnötig
warten müssen. Marit fragt, ob sein Bruder denn unsere Nummer hätte. „Off
course! Sure! Yes!“ Marit will auf Nummer sicher gehen und fragt, ob sie ihm
unsere Nummer nicht doch lieber noch mal geben solle, damit er uns auf jeden
Fall erreichen kann, falls doch etwas dazwischen käme. „No! We got the Number!
Not necessary!“ Marit insistiert ein weiteres Mal, bis der Kerl jovial zu erkennen
gibt, sich die Nummer dann doch geben zu lassen.
Mit einigen
Zweifeln gehen wir abends zu Bett und hoffen darauf morgen einen Mietwagen zu
bekommen.
Nach dem
Frühstück klingelt Klaus Handy und tatsächlich ist der Vermieter dran - das
Auto stünde zur Abholung auf seinem Grundstück bereit. Wir machen uns also mit
Marit und einem gemieteten Tuk-Tuk auf den Weg, um in die namenlose Siedlung
des Vermieters zu gelangen.
Mein Vater ist
sichtlich nervös ob des Vehikels, dass wir in Empfang nehmen sollen.
Schließlich hat er seit jeher ein interessantes Verhältnis zu Autos. Derzeit
besitzt er vier Stück. Diese sind nicht etwa Liebhaberobjekte, mit denen er
eine Sammlerleidenschaft befriedigt, oder gar auf eine Wertsteigerung hofft. Vielmehr
sind sie Gebrauchsobjekte, denen jeweils eine besondere Funktion zukommt. Der
Opel Zaphira eignet sich gut zum Einkaufen und Besorgungen machen, das
Wohnmobil dient dem Reisen, der BMW Z3 steht für Ausflüge und die pure
Lebenslust, während zu guter Letzt der Jaguar zum würdevollen Repräsentieren
dient.
Allen Karren
ist gemein, dass sie steten Reparatur- und Bastelbedarf haben und meinen
pensionierten Vater auf Trapp halten.
Einmal, es muss
vor über 45 Jahren gewesen sein, kaufte er sich einen VW-Käfer, baute
dessen Kühlerhaube ab, besorgte eine alte Oldtimer-Haube von Mercedes und
flexte, schraubte und schweißte solange an dieser herum, bis sie passte.
Ein anderes
Mal, etwa an der Schwelle des neuen Jahrtausends, kaufte er sich bei Aldi einen
Minifernseher und baute diesen in sein Auto ein. Etwas unterhalb des
Rückspiegels baumelte die Röhre vor sich hin, empfing mit der Antenne
öffentlich-rechtliche Sender und wurde über den Zigarettenanzünder mit Strom
gespeist. Beide Male wurde mein Vater von der Polizei angehalten und ihm wurde
ein Rück- bzw. Abbau empfohlen.
Neben vielen
anderen Autos, sei ferner der Besitz eines Matra-Simca-Bagheeras, welchen mein
Vater für kurze Zeit Mitte der 1970er besaß, zu erwähnen. Das schnittige
Sportcoupé zeichnete sich insbesondere durch die drei nebeneinandergereihten
Vordersitze, coole ausklappbare Scheinwerfer und den Gewinn des Negativpreises
„Die silberne Zitrone“ des ADAC-Magazins aus. Diese Auszeichnung erhielt das
Auto, weil es so katastrophale Verarbeitungsmängel aufwies, dass sich sogar
eine eigene „Interessengemeinschaft der Bagheera-Geschädigten“ gründete.
Dazu kann ich
nur sagen, dass ich jedem sein Engagement für die eigenen Belange gönne. Aber
denkt auch mal einer an all die „Baghira-Geschädigten“ da draußen? Schließlich
haben nicht alle so viel Geld für eine gute Reha, wie Roy Uwe Ludwig Horn...
Hmmm...?
Eben...!
Halten wir
fest: Was Autos angeht, kann meinem Vater niemand so schnell etwas vormachen. Allerdings hat der werte Herr vergessen seinen internationalen Führerschein zu verlängern und sitzt nun alsbald ungewollt auf dem undankbaren Beifahrersitz. Wie wird sich der ehemalige Stabsoffizier dort wohl fühlen?
Meine
Autokarriere indes hält sich in Grenzen. So habe ich mir nach dem Bestehen des
Führerscheins, für den ich drei Anläufe in der Praktischen Prüfung benötigte,
in den Jahren 1999 und 2000 mit meiner Schwester den alten Seat Marbella meiner Mutter geteilt. Die Karre
war der spanische Nachbau eines Fiat Pandas und hatte das größte Schiebedach
aller Zeiten. Danach besaß ich noch für kurze Zeit einen VW-Passat aus den
1980ern mit Fließheck. Das Ding habe ich zwar günstig aus den Erlösen einer von
meiner Mutter für mich abgeschlossen Invaliditätsversicherung bezüglich meiner
skateboarderischen Umtriebe und einem veritablen Umknicker mit siebentägigem
Krankenhausaufenthalt erstanden. Jedoch gab die Karre alsbald ihren Geist auf
und ich hatte keine Kohle mehr, um die Lichtmaschine reparieren zu lassen.
Danach bin ich jahrelang nur Öffis und Fahrrad gefahren, bis wir dann von den
Großeltern der Mutter meiner Kinder einen Golf Plus geschenkt bekommen haben,
der aber mittlerweile auch genau so geschrottet ist, wie meine Liebesbeziehung
zur Enkelin.
Somit hätte der Fregattenkapitän a.D. also berechtigte Sorge das Steuer einem mindererfahrenen Leichtmatrosen wie mir zu überlassen.
Somit hätte der Fregattenkapitän a.D. also berechtigte Sorge das Steuer einem mindererfahrenen Leichtmatrosen wie mir zu überlassen.
Als wir
schließlich in der gehobenen Wohngegend ankommen und uns das Tor geöffnet wird,
kommt ein breit grinsender junger Mann mit weit geöffneten Armen angelaufen und
begrüßt uns schon fast unterwürfig. Irgendetwas stimmt hier nicht, dass spüren
mein Vater und ich sofort. Der Hambachsche sechste Sinn hat etwas gewittert...
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