Mittwoch, 29. April 2020

ASSERVATE AUS DEM REISEFUNDUS - MIT DEM "MIETWAGEN" DURCH MALAWI (TEIL 1)

Mein Vater und ich machen gemeinsam eine Reise. Nicht einfach nur einen kleinen Fahrradtrip, wie in Grundschulzeiten nach Dänemark in ein Sommerhaus in dem schon meine Mutter und meine Schwester mit Zimtwecken auf uns warten, sondern einen zweiwöchigen Trip nach Südostafrika. Ganz ohne Korrektiv.
Wer meinen Vater und mich kennt, der weiß, dass wir irgendwie grundverschieden, und dann doch auch wieder in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich sind.
Mein Vater war Zeit seines Lebens Berufssoldat, ich bin Sozialpädagoge. Soviel zu den Gegensätzen.
Wir beide sind schon ein wenig herumgekommen in der Welt und mögen Alkohol. Er Bier, ich Whisky. Soviel zu den Gemeinsamkeiten.
Kann also heiter werden, der Trip...;)
Nun besuchen wir eben meine Stiefschwester in Malawi. Der erste gemeinsame Urlaub seit 1996 nach Schottland. Damals war ich noch ein fünfzehnjähriger pickeliger Milchbubi mit Doc-Martens und Metal-Shirt, der heimlich geraucht hat. Heute bin ich so etwas wie ein erwachsener Mann. Mal sehen, wie ich mich behaupte.
Auf jeden Fall macht Marit in Malawi ein einjähriges Praktikum bei der GIZ und mein Vater hat sich nicht lumpen lassen mich auf eine Stippvisite mit umfänglichem Rahmenprogramm einzuladen.
Gemeinsam mit ihr machen wir mit den Locals Party, ärgern uns über Armut und Dreck, besuchen in Sambia einen Wildpark mit Safari-Programm und genießen das familiäre Zusammensein in der Wildnis.
Wieder zurück in der Hauptstadt Lilongwe wollen Klaus und ich anschließend drei Tage lang mit einem Mietwagen durch das Land gurken. Allerdings gehört Malawi zu den ärmsten Ländern der Welt. Es gibt nur ein geringes touristisches Aufkommen, wenige ausgebaute Straßen und kaum Wirtschaftsreisende, als dass es sich für internationale Mietwagenfirmen lohnen würde hier Business zu machen. Dementsprechend bedienen wir uns einer Connection von Marit, um an ein Auto zu kommen. Der Bruder des Freundes einer Freundin vermiete angeblich welche und würde uns sicherlich einen guten Preis für eine heile und funktionierende Karre mit allen nötigen Versicherungen und Papieren machen. So bestreitet Marit dann auch das erste Gespräch mit dem geschäftstüchtigen Schwippschwager um fünf Ecken, um mit der nötigen Hartnäckigkeit der geballten Ladung exotischer Erfahrungen auf eine korrekte Abwicklung zu bestehen. Der Typ hätte angeblich einen Toyota RAV4 neueren Baujahrs für uns und würde sich morgen mit genaueren Informationen zur Abwicklung und Abholung in zwei Tagen melden. 
Um für ihn erreichbar zu sein und auch, um uns im malawischen Hinterland, dass erstaunlich guten Internetempfang haben soll, orientieren zu können, hat mein Vater sich eine einheimische Sim-Karte gekauft. Marit übermittelt ihm unsere Nummer und auch der Preis von 40$ pro Tag erscheint in Ordnung. Zufrieden gehen wir ins Restaurant und lassen uns von Marit die erstrebenswertesten Ziele des Landes schildern.
Der kommende Tag vergeht dementsprechend mit dem Schmieden grober Reisepläne und dem Warten auf den entscheidenden Anruf. Allerdings meldet sich niemand und auch unsere Anrufe beim Vermieter werden nicht angenommen. Wir fürchten bereits um die Reisepläne, treffen dann nachmittags mit Marit jedoch auf ihre Freundin und den Bruder des Vermieters. Dieser lässt uns, nachdem wir ihn zu einem Telefonat mit seinem Bruder nötigen, tiefenentspannt wissen, dass morgen früh ein Auto für uns bereit stehe. Allerdings sei noch nicht ganz klar wann genau, da sein Bruder den kleinen SUV erst noch von einer Werkstatt abholen müsse. Aber es sei auf jeden Fall morgen früh fahrbereit und wir sollen uns keine Sorgen machen. Marit, bereits im Umgang mit der heimischen Compliance geschult, hakt nach ob das Auto morgen auch wirklich am Start sei. Der Kerl bejaht vehement und will dafür sorgen, dass sein Bruder sich morgen bei uns meldet, sobald dass Auto bereit sei. Schließlich wolle man ja vermeiden, dass Klaus und ich unnötig warten müssen. Marit fragt, ob sein Bruder denn unsere Nummer hätte. „Off course! Sure! Yes!“ Marit will auf Nummer sicher gehen und fragt, ob sie ihm unsere Nummer nicht doch lieber noch mal geben solle, damit er uns auf jeden Fall erreichen kann, falls doch etwas dazwischen käme. „No! We got the Number! Not necessary!“ Marit insistiert ein weiteres Mal, bis der Kerl jovial zu erkennen gibt, sich die Nummer dann doch geben zu lassen.
Mit einigen Zweifeln gehen wir abends zu Bett und hoffen darauf morgen einen Mietwagen zu bekommen.
Nach dem Frühstück klingelt Klaus Handy und tatsächlich ist der Vermieter dran - das Auto stünde zur Abholung auf seinem Grundstück bereit. Wir machen uns also mit Marit und einem gemieteten Tuk-Tuk auf den Weg, um in die namenlose Siedlung des Vermieters zu gelangen.
Mein Vater ist sichtlich nervös ob des Vehikels, dass wir in Empfang nehmen sollen. Schließlich hat er seit jeher ein interessantes Verhältnis zu Autos. Derzeit besitzt er vier Stück. Diese sind nicht etwa Liebhaberobjekte, mit denen er eine Sammlerleidenschaft befriedigt, oder gar auf eine Wertsteigerung hofft. Vielmehr sind sie Gebrauchsobjekte, denen jeweils eine besondere Funktion zukommt. Der Opel Zaphira eignet sich gut zum Einkaufen und Besorgungen machen, das Wohnmobil dient dem Reisen, der BMW Z3 steht für Ausflüge und die pure Lebenslust, während zu guter Letzt der Jaguar zum würdevollen Repräsentieren dient.
Allen Karren ist gemein, dass sie steten Reparatur- und Bastelbedarf haben und meinen pensionierten Vater auf Trapp halten.
Einmal, es muss vor über 45 Jahren gewesen sein, kaufte er sich einen VW-Käfer, baute dessen Kühlerhaube ab, besorgte eine alte Oldtimer-Haube von Mercedes und flexte, schraubte und schweißte solange an dieser herum, bis sie passte.
Ein anderes Mal, etwa an der Schwelle des neuen Jahrtausends, kaufte er sich bei Aldi einen Minifernseher und baute diesen in sein Auto ein. Etwas unterhalb des Rückspiegels baumelte die Röhre vor sich hin, empfing mit der Antenne öffentlich-rechtliche Sender und wurde über den Zigarettenanzünder mit Strom gespeist. Beide Male wurde mein Vater von der Polizei angehalten und ihm wurde ein Rück- bzw. Abbau empfohlen.
Neben vielen anderen Autos, sei ferner der Besitz eines Matra-Simca-Bagheeras, welchen mein Vater für kurze Zeit Mitte der 1970er besaß, zu erwähnen. Das schnittige Sportcoupé zeichnete sich insbesondere durch die drei nebeneinandergereihten Vordersitze, coole ausklappbare Scheinwerfer und den Gewinn des Negativpreises „Die silberne Zitrone“ des ADAC-Magazins aus. Diese Auszeichnung erhielt das Auto, weil es so katastrophale Verarbeitungsmängel aufwies, dass sich sogar eine eigene „Interessengemeinschaft der Bagheera-Geschädigten“ gründete.
Dazu kann ich nur sagen, dass ich jedem sein Engagement für die eigenen Belange gönne. Aber denkt auch mal einer an all die „Baghira-Geschädigten“ da draußen? Schließlich haben nicht alle so viel Geld für eine gute Reha, wie Roy Uwe Ludwig Horn...
Hmmm...? Eben...!
Halten wir fest: Was Autos angeht, kann meinem Vater niemand so schnell etwas vormachen. Allerdings hat der werte Herr vergessen seinen internationalen Führerschein zu verlängern und sitzt nun alsbald ungewollt auf dem undankbaren Beifahrersitz. Wie wird sich der ehemalige Stabsoffizier dort wohl fühlen?
Meine Autokarriere indes hält sich in Grenzen. So habe ich mir nach dem Bestehen des Führerscheins, für den ich drei Anläufe in der Praktischen Prüfung benötigte, in den Jahren 1999 und 2000 mit meiner Schwester den alten Seat Marbella meiner Mutter geteilt. Die Karre war der spanische Nachbau eines Fiat Pandas und hatte das größte Schiebedach aller Zeiten. Danach besaß ich noch für kurze Zeit einen VW-Passat aus den 1980ern mit Fließheck. Das Ding habe ich zwar günstig aus den Erlösen einer von meiner Mutter für mich abgeschlossen Invaliditätsversicherung bezüglich meiner skateboarderischen Umtriebe und einem veritablen Umknicker mit siebentägigem Krankenhausaufenthalt erstanden. Jedoch gab die Karre alsbald ihren Geist auf und ich hatte keine Kohle mehr, um die Lichtmaschine reparieren zu lassen. Danach bin ich jahrelang nur Öffis und Fahrrad gefahren, bis wir dann von den Großeltern der Mutter meiner Kinder einen Golf Plus geschenkt bekommen haben, der aber mittlerweile auch genau so geschrottet ist, wie meine Liebesbeziehung zur Enkelin.
Somit hätte der Fregattenkapitän a.D. also berechtigte Sorge das Steuer einem mindererfahrenen Leichtmatrosen wie mir zu überlassen.
Als wir schließlich in der gehobenen Wohngegend ankommen und uns das Tor geöffnet wird, kommt ein breit grinsender junger Mann mit weit geöffneten Armen angelaufen und begrüßt uns schon fast unterwürfig. Irgendetwas stimmt hier nicht, dass spüren mein Vater und ich sofort. Der Hambachsche sechste Sinn hat etwas gewittert...


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen