Mittwoch, 31. Oktober 2018

ISRAEL 2018 - Tag 1, Teil II

Tag 1 – Montag, Teil II


Immer noch leicht verwirrt passiere ich die Kofferausgabe. Da ich nur mit Handgepäck reise, kann ich diese links liegen lassen und erreiche nach dem Durchschreiten einer Schiebetür die Eingangshalle. Vereinzelt verrenken sich dort Taxifahrer und Chauffeure mit Namensschildern die Hälse. Auf mich warten die sicherlich nicht. 
Die Flughafenhalle wirkt langweilig und austauschbar. Da ich noch 152$ von einer früheren Reise dabei habe, suche ich zuerst eine Wechselstube.
Apropos frühere "Reise". Immer wird von "Reise" gesprochen, niemand sagt mehr "Urlaub". Als wenn man sich für "Urlaube" schämen müsste und diese durch eine Art Selbstzensur zur "Reise" deklariert, um ja nicht dem Verdacht zu unterliegen, dass man sich erholen möchte. Immer wollen die Leute was erleben und sich anschließend mit ihren "Reiseerlebnissen" brüsten. Herrje... Jetzt aber weiter im Text mit meinem "Reiseblog".
Direkt an der Stirnseite finde ich eine, deren Wechselkurse ich lieber überlese und gespannt bin, wie viel Geld ich wohl bekommen werde. 
Nach vollzogenem Deal halte ich 520 Neue Israelische Schekel (NIS) in der Hand. Ich zücke sogleich mein Handy und überprüfe, was mich die Transaktion gekostet hat. Die Differenz beträgt knapp fünfzig NIS, also gute elf Euro an Gebühren. Geschenkt!
Nun will ich nach Down-Town-Tel Aviv. Laut Reiseführer stünden Schnellzug und Busse zur Verfügung. Mir ist das grundsätzlich egal, hauptsache ich komme weg vom Flughafen. Ich folge den Exit-Schildern und stehe innerhalb weniger Sekunden vor einem Fahrkartenautomaten, der neben einer Treppe zum Gleis steht. Dessen hebräischen Hyroglyphen kann ich zwar nicht entziffern, dafür stehen drei Servicedamen davor und bieten freimütig ihre Dienste an. Ich erkläre, dass ich nach Tel Aviv möchte und Cash zahlen will. Eine Lady tippt auf dem Display herum, 30NIS wechseln den Besitzer und ein kleiner rechteckiger Schein kommt zum Vorschein. Dann wird mir erklärt, dass ich neben dem Fahrkartenautomaten direkt die Stufen herunter gehen müsse und schon auf dem Bahnsteig sei. Vorher benötige ich den Fahrschein um das Drehkreuz zu passieren. 
Keine offenen Fragen, flutscht wie geschmiert. 
Auf dem Bahnsteig angekommen, sehe ich wieder nur hebräische Schriftzeichen. Zwar stehen viele Reisende herum, aber ich kann nicht erkennen, wohin ich mich orientieren soll. Vor allem sind die Gleise durch rot-weißes Flatterband und Metallzäune abgesperrt. Davor stehen uniformierte Männer und sorgen dafür, dass niemand den abgesperrten Bereich betritt. 
Nach wenigen Minuten fährt ein Zug ein und einer der Bediensteten ruft laut: "Not to Tel-Aviv - to Modi`in! Next Train to Tel-Aviv in five Minutes!" 
Das wäre also geklärt. Jetzt wird auch deutlich, warum die Absperrungen herumstehen. Genau auf Höhe der Türen geben die Uniformierten den Weg frei, so dass der Ein- und Ausstieg vollzogen werden kann. Hier wird, ganz im traditionellen Sinne der Wurzeln des Zionismus, Arbeitsbeschaffung auf die sozialistische Art und Weise betrieben und mit einer Prise Sicherheit gewürzt.
Nach insgesamt zehn Minuten des Wartens trifft der richtige Zug ein und ich muss schmunzeln. Diese Art von Schienenvehikel kenne ich. Handelt es sich hierbei doch um die guten alten roten Doppelstock-Regionalzüge, die von der DB überall in Deutschland eingesetzt werden. Ein Stückchen Heimat in der Ferne; gar ein kleiner Gruß aus alter deutsch-osmanischer Vergangenheit?
Ich bequeme mich direkt nach oben, finde einen freien Vierer und sehe, dass alle Sitze mit Mehrfachsteckdosen ausgestattet sind. 
Vor meiner Abreise habe ich mich mit meiner Israelerfahrenen und seit vielen Jahren in freundschaftlicher Verbandelung befindlichen Ex-Freundin getroffen und die Stecker und Dosenfrage meiner Destination auf gänzlich sachlicher Ebene und dem Status Quo unserer Beziehung gemäß diskutiert. (Sorry H., aber die Gelegenheit für einen billigen Witz in eloquentem Gewand konnte ich nicht ausschlagen...)
Meinen Recherchen nach gäbe es in Israel eigenwillige Stecker, die mit den unsrigen und denen der ehemaligen Kolonialmacht nicht kompatibel seien. 
Im Handyzeitalter ist es ja schier unvorstellbar keinen Zugang zu Strom zu haben. Reisen und Abenteuer? Pah, nicht 2018 und nicht mit mir! 
Der Test mit dem Aufladegerät gibt sofort Entwarnung. Der komische dreilöchrige Anschluss akzeptiert die deutsche Version und speist, ohne zu Murren, das kostbare Gut in den koreanischen Akkumulator. 
Schon reist es sich ein wenig leichter.
Die schwer bepackten Reisenden drängen sich mit ihren Koffer im Bauch des Zuges. Anstatt die schweren Gepäckstücke nach oben in das freie Abteil zu schleppen, stapeln sich sie sich lieber bis auf die oberste Treppestufe, wohl befürchtend, dass alleine gelassene Gepäckstücke höchst verdächtig wirken und gegebenenfalls sofort von Sicherheitsleuten entfernt werden.
Auch in mir regt sich die erste Phantasie eines Bombenanschlags, oder eines Amok-laufenden Palästinensers und ich fühle mich für ein paar Sekunden bedrückt.
Erst wenige Minuten im Land und schon hat mich der Nah-Ost-Konflikt eingeholt.
Dann geht ein Ruck durch die Bahn und wir fahren nicht zur Hölle sondern nach Tel-Aviv/Jaffa.
Die Aussicht auf Israel ist aus der Oberstock-Perspektive vorerst ernüchternd. Viel graugelber Beton, Graffitis, Abwasserbecken und Schnellstraßen. Dazwischen höchstens mal ein Busch, oder eine Ansammlung von monotonen Häusern.
In einer langgezogenen Kurve erhasche ich endlich einen Blick auf die Hochhäuserfassaden von Tel Aviv. Der Zug sinkt nun tiefer, vom Straßenniveau hinab in einen endlos langen Wasserauffanggraben, in dem große, derbe Rohre aus der Wand ragen und schaumiges Wasser einspeisen. Die Graffitis nehmen zu und sind teilweise über eine Länge von mehreren Dutzenden Metern angefertigt.
Die Subkultur ist dort präsent, wo das Protokoll die Repräsentanten niemals hin verorten würde. In ihrer Artikulation ist die Streetart jedoch austauschbar, was sie gewissermaßen mit den meisten Politikern teilt. Das erscheint mir wiederum schon fast menschlich, bedeutet aber – keine Sorge - noch lange nicht Ausdruck von Sympathie. Weder für die Street-Art, noch für die Politiker, um zumindest paritätisch das rare Wasser auf derer Mühlen zu verteilen.
Die Fahrt vergeht relativ schnell, schließlich liegt der Airport nur 19km von der Innenstadt entfernt. Ich nutze den Betonausblick und checke bei Googlemaps, wie ich am besten vom Zug aus zu meinem AirBnB komme. Zwar hat der Zug kein WLAN, dafür habe ich im Zwischenspeicher eine gut aufgelöste Karte und kann auch offline navigieren. Ich entscheide mich für den Bahnhof Savidor Center. Von dort aus sind es zu Fuß gute drei Kilometer, ergo knapp vierzig Minuten per pedes zu meiner Unterkunft.
Allmählich befinden wir uns in eindeutig städtischer Umgebung. Der Wassergraben wurde durch Platten- und Zweckbauten abgelöst und der Zug hält nun an Bahnhöfen mit einer Vielzahl an Menschen. Die Kleidung ist eindeutig westlich und deren Gebaren könnte so auch in Berlin stattfinden. Lediglich die Haare tendieren mehr zu goldbraun und lockig bei den Frauen und kurzgeschoren und glatzig bei den Männern. Im Großen und Ganzen sind keine Unterschiede auszumachen und es liegt noch wenig Flair von Urlaub in der klimatisierten Eisenbahnluft.
Wobei; sehe ich da etwa die ersten geradlinigen Jungs und knackigen Mädels in Uniformen mit Maschinenpistolen? Haltungsschäden haben die nicht, soviel steht fest. Und gut sieht das aus, irgendwie... Mehrheitlich in entspannten Gesprächen versunken, die Kanonen lässig nach unten gehangen und mit einem Lächeln auf den Gesichtern lässt sich weniger auf feindselige Überwachung schließen, denn auf Pflichterfüllung wider dem tierischen Ernst.           
Glücklicherweise sind die Anzeigetafeln in der Bahn auch auf Englisch und lassen meine Konzentration wieder wesentlicheren Dingen zu Teil werden. So finde ich unkompliziert die richtige Haltestelle und verlasse nach etwa zwanzig Minuten den Zug. Ich folge dem Strom der Aussteigenden eine Treppe hinauf und passiere, mittels des glücklicherweise noch nicht entsorgten Fahrscheins, ein weiteres Sicherheitsdrehkreuz.
Ich bin draußen - aber nanu - mitten auf einer riesigen Baustelle gelandet.
Um mich herum wird an einem Wolkenkratzer gebaut. An einem groooßen Wolkenkratzer. Lärm, Gestank und Staub. Aber auch knappe dreißig Grad und eitel Sonnenschein.
Willkommen in Tel Aviv!
Hier riecht es richtig gut nach Stadt. Warme Luftschwaden tragen einen interessanten Mix aus Gummi, Auspuff und Verwesung an meine Nase. Wähnt man sich kulturell und wirtschaftlich in der ersten Welt, so findet man sich olfaktorisch und optisch eher in einem Schwellenland wieder.
Das enervierende Piepen eines rückwärtsfahrenden Laster nehme ich da schon als willkommenen Fortschritt wahr und bin dankbar nicht unter dem Reifen des rangierenden Baustellenkippers den Urlaub zu beginnen.
 „Hey Kinder – Papa hat euch ein schönes Reifenmuster auf dem Oberkörper als Geschenk mitgebracht!“ Allgemeine Enttäuschung vorprogrammiert.
Die Baustellenumgebung hält noch ein paar Gehminuten an. Nach Passage einer großen Kreuzung führt mich die Arlozorov Street schnurstracks Richtung Westen, zur Stadtmitte und dem Strand. Da sogar hier draußen die Schilder in hebräisch und englisch sind, werde ich mich wohl kaum verlaufen, denn mein Guthaben von 6MB ist offensichtlich lediglich durch laufende Hintergrundprozesse aufgebraucht und ich bin nicht bereit der Abzocke des Mobilfunkanbieters weiteren Vorschub zu leisten.
Bis zu meinem Ziel in der Ben Yehuda Street sind es geschätzt noch ca. drei Kilometer. Mit dem Bus will ich nicht fahren, da ich mir einrede die Stadt von nun an zu Fuß erkunden zu müssen.
Die Umgebung ändert sich schlagartig. Die Straße ist zwar weiterhin breit und laut, dafür weicht die Baustelle abrupt einer Gegend mit Geschäften, Kiosken und Wohnhäusern mit kleinen Parkplätzen, Grünstreifen und Carports. In regelmäßigen Abständen stehen große Drahtverschläge für PET-Flaschen herum und Wasser- und Elektrostränge sind für jeden Saboteur problemlos zugänglich. Völlig arglos, gönne ich mir eine Coke und kündige meine Anwesenheit mit einem satten Rülpser an. Das tut gut.
Am deutschen Wesen soll der Nahe Osten genesen!
Da es erst früher Nachmittag ist, sind nur wenige Menschen auf der Straße unterwegs. Der Verkehr ist ebenso verhalten, was die Stadt dennoch nicht davon abhält weiter zu stinken. Ich sehe viele Katzen, derer Exkremente ungeniert an allen Ecken des Weges liegen und das Duftportfolio mittels einer schweren, süß-säuerlichen Note komplettieren.
Dafür sind die kleinen Biester niedlich und lassen sich nur zu gerne hinter den Ohren kraulen.
Da soll nochmal einer sagen das Auskommen unterschiedlicher Rassen sei in Israel schwierig.
Ähnlich flach wie die vorherige Anmerkung geht die Straße weiter. Eben und gerade.
Die Autos sind meist asiatischer Herkunft und werden auffällig oft durch Dodge Ram Long Haul Pickups ergänzt. Jenen Boliden, die von absoluter Deutungshoheit im Straßenverkehr zeugen und in meiner Phantasie stellvertretend für eine zeitgemäße amerikanische Präsenz und Interessenvertretung stehen, wie sie maskuliner und reaktionärer nicht sein könnte.
Komplettiert wird das bunte Blech-Allerlei durch die blau-weißen Busse der Dan Bus Company, welche in einem engmaschigen Netz den Großraum Tel Avivs bedient und täglich abertausende Fahrgäste in dieselschwangerer Umgebung transportiert.
Insgesamt scheint das Auto in Israel ein absoluter Gebrauchsgegenstand zu sein, worauf die Art der Beladung, die Anzahl der Dellen und das millimetergenaue Parkverhalten schließen lassen. Auch werden diese gerne mal zu Hauff in die engen Einfahrten der Häuser geparkt, oder ebenda dem Verfall preisgegeben.
Auf den folgenden drei Kilometern passiere ich viele Ampeln und noch mehr Zebrastreifen. Anfangs zaghaft und in Obacht der Autos taste ich mich vorsichtig an diese heran, bemerke jedoch alsbald, dass die Fahrer bereits einige Meter vor Erreichen des Zebrastreifens abbremsen und das Recht des Fußgängers in ihr Fahrverhalten implementiert zu haben scheinen. Von Hemdsärmeligkeit und Ellenbogenmentalität (laut Reiseführer) ist zumindest hier noch nichts zu spüren.
Ich bin mal gespannt, wann ich auf den ersten ungehobelten Israeli in Natura stoße. Ist doch immer so; wahrscheinich wenn ich es am wenigsten erwarte.             
Allmählich ändert sich das Stadtbild. Die Arlozorov Street wird enger, die Abstände zwischen den Häusern und den Bürgersteigen ebenfalls. An vielen Laternen sind Fahrräder in teils erbärmlichen, aber doch fahrbarem Zustand angekettet. Mehr Menschen sind unterwegs. Zu Fuß, auf dem Fahrrad und vor Allem auf kleinen elektrischen Tretrollern, die in Deutschland niemals für den Straßenverkehr zugelassen sein würden. Hier ballern vornehmlich junge Leute in atemberaubendem Tempo, teils zu zweit und ohne Helm an einem vorbei, so dass es die reinste Freude ist ihrer Leichtigkeit zuzusehen und der reinste Schmerz, sich Unfälle damit vorzustellen.
Mittlerweile bin ich eine gute halbe Stunde gelaufen und lese „Dizengoff Street“. Bereits auf den vorherigen Metern ist mir aufgefallen, dass fast alle Menschen ausnahmslos gut aussehen. Verdammt gut sogar. Jeder ist schlank, gut angezogen und auf eine unaufgesetzte Art vital und voller Lebensmut. So wie es eben  zu der angeblichen "Trendstraße" Dizengoff-Street passt. Bilde ich mir das nur ein? Urlaubsromantik? Überzogener Philosemitismus bis ins Paradoxe?
Nein! Die Leute sehen wirklich großartig aus. Dazu später aber noch mehr.
Dafür treffe ich zunehmend auf meine geliebtesten Hassobjekte: Hundebesitzer mit kleinen Kötern. Kuschelhunde, Kinderersatz, Seelentröster. Symptomträger einer liberalen Überarbeitungsgesellschaft, der nicht aufgegangen ist, worum es im Leben wirklich geht.
Der Grad der heutigen Tierliebe unserer westlichen Gesellschaft in Relation zu einer "normalen" Haltung, bei gleichzeitiger "Enttierlichung" industriell verwertbarer Nutztiere ist für mich nach wie vor befremdlich. Ohne mich hier mit einem Eigenbräu aus ökoliberalen- und reaktionären Ideologien gemein machen zu wollen, plädiere ich für weniger Kuschel-, denn Jagd- und Nutzhundehaltung, bei höherem Respekt und Wertschätzung bezüglich deren tierischem Wesen und dem Menschen nützlichen Eigenarten. Ferner für weniger Arbeit in Bürogebäuden im Sinne der Kapitalvermehrung für Dritte; für eine größere Sensibilität im Umgang und der Nutzung der eigenen Scholle und zu guter Letzt der Steigerung der charakterlichen Eigenschaften durch die Demutserfahrung und das Glück eigene Kinder großziehen zu dürfen und sich eben nicht einem Wadenzwicker in abgöttischer Liebe Untertan zu machen. Die Klarheit im Verhältnis zwischen Mensch und Tier, Arbeit, Umwelt und Freiheit bestimmt für mich die Klarheit des Geistes.
Hey, da ist ja wieder eine von den kleinen süßen Fellknäueln. Miez, Miez! Süüüüß, die lässt sich ja wirklich von mir streicheln. Aaaaahhhh, ist die niedlich!!! Jetzt bin ich glücklich und Hundebesitzer, wie Hunde mag ich natürlich auch ganz gerne ;)
Jetzt aber mal Ironie bei Seite, denn es wird ernst. Weil Obacht! Da kreuzt die Ben Yehuda Street. Ich muss in die Nr. 128 und dort in den 6. Stock in das Apartement 28.
Während die Dizengoff Street allgemein als die Amüsier- und Ladenmeile mit hippen Bars, Cafés und Publikum gilt, ist die parallel liegende Ben Yehuda Street die hemdsärmligere Ergänzung dazu. Etwas breiter und weniger anschaulich, dafür mit bodenständigen Restaurants, Geschäften und Menschen gesegnet, kommt sie mir einladender und besser zu meiner Durchschnittserscheinung passend vor.
Im regelmäßigen, aber vergänglichen WLAN-Schatten der Dan-Busse, in dessen Netzwerk sich mein Handy nun regelmäßig einloggt, bedeutet mir Google-Maps links abzubiegen. Nebenbei begreife ich das System der Tel Aviver Hausnummern, welches etwas gewöhnungsbedürftig ist.
Im Norden fängt es auf der einen Seite mit der 1 an geht in ungeraden Zahlen gen Süden bis zur höchsten Ziffer; auf der anderen Straßenseite geht es dann im äußersten Süden mit der 2 los und endet wiederum im Norden bei der höchsten Ziffer.
Warum haben die hier bei ihren kuriosen Hausnummerierungen, den Steckdosen und der Schrift eigentlich nicht Linksverkehr? Mann, Mann, Mann...!?
In einem der ewig gleich aussehenden Betonkästen mit Geschäften, oder Restaurants im Erdgeschoss, Müllcontainern an der Seite und etlichen Klimaanlagen an den Außenwänden werde ich fündig: die Nummer 128. Die Klingeln sind zwar beschriftet, da ich aber lediglich den Vornamen Ofir übermittelt bekommen habe bin ich mit den vielen Namen auf den Klingelschildern überfordert.
Wäre die Besiedelung damals gescheitert, wäre jetzt wohl ein „Sesam öffne dich“ angebracht.  Obwohl, dann würde ich wohl eher einen Bretterverschlag betreten, anstatt des glatt geschliffenen und unpersönlichen, dafür aber mit großem Spiegel bestückten Eingangsbereiches, der derweil noch unerreichbar vor mir liegt.
Da aber auch ein Goi mit einer gewissen Chuzpe gesegnet sein kann, klingle ich einfach an diversen Namensschildern und wage gleichzeitig einen Vorstoß in Richtung Haustür. Diese öffnet sich ohne fremden Zutuns und mit den hinter mir im Äther verhallenden Stimmen angeklingelter Anwohner stehe ich plötzlich im Spiegelsaal und sehe ich mich mit mir selbst konfrontiert.
Nach ca. 3000km, bzw. viereinhalb Stunden Flug, knapp vier Stunden Schlaf und einigen Kilometern Fußmarsch mit Rucksack in den Knochen sehe ich noch recht passabel aus.
Der Dreitagebart verleiht meinem bebrillten Harry-Potter-Gesicht einen etwas männlicheren Zug, die Ray-Ban mit den abfleddernden Lederapplikationen zeugt von kosmopolitischer Verwegenheit und letztlich die Aussicht nach wenigen Treppenstufen, der obligatorischen Begrüßung und Einweisung durch den Gastgeber und dem Abladen des Gepäcks den Urlaub so richtig zu beginnen, stimmen mich um einiges wacher und lassen neue Energie in mir aufkommen.




Donnerstag, 25. Oktober 2018

ISRAEL 2018 - Tag 1, Teil I


Tag 1 – Montag
Es ist 1:50 Uhr in der Nacht und ich muss in vier Stunden das Haus verlassen, um pünktlich am Airport zu sein. Obwohl ich innerlich wenig Aufregung verspüre, kann ich partout nicht schlafen. Zudem scheint eine Art Adrenalin-Fluidum von mir auszugehen, welches auch Solveig, meine dreieinhalb Jahre alte Tochter, immer wieder aus dem Schlaf holt. Sie kämpft sich neben mir durch das Bett, wacht alle dreißig Minuten kurz auf, scheint unentschieden, ob sie in das eigene Bett, welches sie sich mit ihrer großen Schwester teilt, und in dem auch ihre Mutter liegt, oder bei mir verbleiben möchte.
Wenn ich es in den nächsten Minuten schaffe wegzudämmern, dann blieben mir drei Stunden Schlaf. Das wäre so ungefähr das absolute Minimum, um den kommenden Tag durchzustehen. Insgeheim freue ich mich sogar darüber, da ich dann gegebenenfalls im Flieger schlafen kann, was die gefühlte Flugzeit ungemein verkürzen würde. 
Alles hat eben seine guten Seiten und ist stets eine Frage der Perspektive.
Während ich mich derartigen Gedanken hingebe, scheine ich einzuschlafen, denn plötzlich klingelt der Wecker und etwas gerädert, aber zielstrebig schieße ich nach knapp drei Stunden Schlaf aus dem Bett. 
Meine Sachen habe ich bereits am vorherigen Abend gepackt. Wie immer in der absoluten Sparvariante. Drei Unterhosen, drei paar Socken, drei T-Shirts, ein Hemd, eine kurze Hose, die gleichfalls als Badehose dient, Kulturbeutel, ein Magazin, Reiseführer, Notizbuch, zwei Kugelschreiber, Kamera, Objektiv, drei Akkus, Umhängetasche, Portmonee, Handy, Aufladekabel und Flip-Flops. Dazu noch eine leere Flasche Wasser, die ich nach der Sicherheitskontrolle mit feinster Tegeler Rohrperle befüllen werde, selbst geschmierte Brote und zwei Äpfel. 
Handgepäck only – mehr bedarf es nicht.
Nachdem ich auf Toilette war und mich geduscht habe, ziehe ich mir zur frischen Garnitur Unterwäsche eine lange Hose und einen Pullover an, um auch für kühlere Abende, Klimaanlagen und nicht zuletzt der Rückkehr in dieses zuweilen kalte Land gewappnet zu sein. Grundsätzlich setze ich aber voraus, dass die Gegend, in die ich heute reisen werde, wohlige Temperaturen für mich bereit hält und ich eine Woche lang in der kurzen Hose des blauen Sport-Discounters, Modell „Tennis“, verbringen kann, es sei denn Gebote des Anstands gebieten bedeckte Beine. 
Ein letzter Blick auf die Kinder, Küsse auf entspannte Wangen, im Geiste, am Körper und im Rucksack nochmal alle Notwendigkeiten gecheckt und los kann es gehen. 
Ich verlasse um Punkt 6:00 Uhr das Haus. Heute soll in Berlin ein letztmalig warmer und sonniger Tag mit Temperaturen über zwanzig Grad herrschen. Ich gönne es den Bewohnern, wiege mich zugleich in der Sicherheit die kommenden Tage in zumindest klimatisch warmen und beständigen Gefilden verbringen zu dürfen.
Wie bereits eingehend erläutert, bestand der Wunsch eine Reise dorthin zu unternehmen schon seit einigen Jahren. Im Frühling entschloss ich mich endlich Nägeln mit Köpfen zu machen und die Flüge zu buchen. Ich hatte bereits mit meiner Arbeit geklärt, dass ich eine längere unbezahlte Auszeit nehmen möchte und als krönenden Abschluss wollte ich in die Levante fliegen, konkret: Israel. Mit dem entsprechenden Vorlauf gelang es mir die Tickets und reservierte Fensterplätze für insgesamt 112 Euro zu bekommen. In dieser Hinsicht bin ich trotz bereits dutzender absolvierter Flüge immer noch aufgeregt wie ein Kind, wenn bei ich Start, Flug und Landung den Boden, die Wolken und den Himmel betrachten kann.
Ich besteige wenige Minuten später den 128er und finde auch hier mühelos einen Fensterplatz. Das Gros an Passagieren steigt zu dieser Uhrzeit erst am U-Bahnhof Kurt Schumacher Platz ein. Nun sitzen lediglich ein paar Flughafen- und Sicherheitsangestellte im Fond und starren vor sich hin. Mein Blick schweift über deren Gesichter und ich fühle mich, wie ich mich immer fühle, wenn ich solo unterwegs bin. Verwegen, etwas stolz, zunehmend aufgeregt und verdammt gut. Heute dazu ein wenig privilegiert. 
Was denken wohl die einfachen Angestellten des Flughafens, die nur wenige Euros über dem Mindestlohn verdienen, über die tägliche Fracht an Bohemiens und Geschäftsmenschen, die sie zu tausenden, Tag für Tag über sich ergehen lassen müssen? Würden sie auch gerne öfter Verreisen? Was sind ihre Träume, Wünsche und Sehnsüchte? Ich weiß es nicht und eigentlich will ich es auch nicht wissen. Ich habe frei, vor mir liegt eine Woche voller freudiger Erwartungen und ich bin verdammt gaga vor Müdigkeit und Aufregung.
Am „Kutschi“ wird der Bus voll. Der Anschluss an die U6 und viele weitere Buslinien machen es möglich. Rollkoffer, Trollys, Rucksäcke, Kaffeebecher und Menschen. Ich mache einer jungen Frau im Business-Dress Platz, die zwar perfekt geschminkt ist, aber deren Augen noch jegliche, für ihren Job sicherlich unerlässliche, Klarheit vermissen lassen. Zumindest lächelt sie mich entschuldigend an und sagt „sorry“, als sie beim Hinsetzen unfreiwillig ihre Rundungen gegen mich rammelt. Ich lächle zurück, antworte nicht weniger weltgewandt mit „no problem“ und für einen kurzen Augenblick sind wir Komplizen in einer Welt, die das Bodenständige und Globalisierte mittels klarer Codes voneinander trennt. 
In diesem Bus kennt ein jeder seinen Platz. 
Wenige Minuten später dann Endstation Tegel-Airport. Gelassen lasse ich den anderen Insassen den Vortritt, denn ich habe keinen Grund zur Eile. Hier kenne ich mich aus. Im Terminal A einen Blick auf die Anzeige. Sie verrät, dass ich zum Terminal C muss. Dieser liegt etwas Abseits vom Hauptgebäude, ist aber durch einen ca. 200m langen Gang noch verhältnismäßig schnell zu erreichen. Bezüglich möglicher Sicherheitskontrollen bin ich heute, entgegen meiner sonstigen Gewohnheiten, äußerst zeitig vor dem Abflug erschienen. So macht es mir dann auch nichts aus, als ich im Terminal C erfahre, dass ich wieder retour zum Terminal B soll. Dort angekommen verläuft alles äußerst gemächlich. Die Passagiere nach Tel Aviv werden nur oberflächlich im Security-Bereich gecheckt und verbringen die restliche Zeit bis zum Boarding in einem dieser kleinen schnuckeligen Warteräume mit Metallsitzen. 
Weil alles so schnell geht, bin ich fast als Erster durch die Kontrolle und kann mir seelenruhig die anderen Flugpassagiere angucken. Dieses ist ein bunt gemischtes Volk aus jungen Menschen, Familien und immerhin zwei Kopftuchträgerinnen. Insgesamt sehen die Mitreisenden ernüchternd normal aus. Typisches Billig-Flieger-Klientel eben. 
Da ich langsam müde werde, erspare ich mir weitere Blicke und Interpretationen, tauche stattdessen in einen Podcast über den Boxeraufstand in China ein und lasse den Beitrag über die Gründung Israels im Äther liegen. 
Das Boarding und der Transport per Bus zum Flugzeug ziehen sich hin, da mal wieder zu wenig Personal vorhanden sei, wie uns der Kapitän später entschuldigend per Lautsprecher mitteilt. Mit einer knappen halben Stunde Verspätung heben wir gegen 09:30 Uhr ab. 
Der Flug vergeht, wie Flüge eben vergehen. Gucken, Lesen, Essen, zur Toilette durchdrängeln, hinter der Saftschubse warten, bis der Gang zum Platz wieder frei ist, Sorry hier, Entschuldigung da, Hinquetschen, Gucken und vor Allem Sitzen, Sitzen, Sitzen. Immerhin schaffe ich es zwischen Bulgarien und dem Mittelmeer eine gute Stunde zu schlafen. Nach einer weiteren viertel Stunde des Klarkommens ertönt plötzlich ein Knacken und der Kapitän kündigt an, dass wir in wenigen Minuten landen werden. Das Wetter sei super, 28 Grad und wir hätten zehn Minuten der Verspätung wieder eingeholt.
Da ich einen Fensterplatz habe, starre ich nun unentwegt nach draußen. Bereits jetzt kann ich ein paar Erdgasfördertürme sehen und auch der Schiffsverkehr nimmt zu. Die Küste Israels kann nicht mehr weit sein. So rückt wenig später ein ziemlich gerader Küstenstreifen ins Blickfeld. Noch dominiert das Blau des Meeres, doch zunehmend verschafft sich ein Farbeklektizismus aus Sandfarben, Grau, Braun und Grün Raum. Zusehens werden erkennbare Strukturen von Landwirtschaft, kargen Ebenen und großstädtischer Be- und Zersiedlung sichtbar. 
Plötzlich erscheint ein karges Nah-Ost-Miami mit Wolkenkratzern und kristallblauem Strand im rechten Fensterrand. Mein Herz macht einen leichten Sprung und in mir regt sich ein Gefühl des Glücks. Das muss dann wohl Tel-Aviv sein!
Wir überfliegen ein weiß-graues Häusermeer. Mäandernde Straßen zu den mannigfaltigen Satellitenstädten und grüne bewirtschaftete Rechtecke lassen auf die Blitz-Urbarmachung dieses Landstrichs schließen. 
Schließlich setzt der Flieger zur Landung an und nach vollendetem Aufsetzen brandet ein begeistertes Klatschen auf, wie ich es seit einem Griechenlandurlaub mit meiner Familie vor 25 Jahren nicht mehr gehört habe. 
Wir rollen um 13:25 Uhr Ortszeit aus und parken. Ich checke meine Sachen und versichere mich, dass mein Reisepass, mein Handy und meine Kreditkarte noch da sind. Wenn man ehrlich ist, dann benötigt man heutzutage eigentlich nichts anderes mehr. Geld bekommt man am Automaten, Sachen kann man notfalls kaufen, das Handy ist mittels kostenlosem EU-Roaming, oder zugekaufter Sim-Karte universell einsetzbar und der deutsche Reisepass ist eines der barrierefreiesten Dokumente, das man sich zum Reisen wünschen kann. 
Für mich ist es immer ein besonderer Moment, wenn ich zum ersten Mal die Luft eines fremden Landes atmen kann. Die Flugzeugtür geht auf und je nach Region geht man unmittelbar in ein anderes Klima mit eigenen Gerüchen über. Wäre da nicht das Gedrängel und Vorwärtsstreben, könnte man diesen Moment des olfaktorischen Ankommens intensiver genießen. So bleibt es heute bei einer kurzen Wahrnehmung von warmer, trockener Luft, Gummi, Spuren von Kräutern und Weihrauch und Popel-anregendem Staub, die schon vor dem Besteigen des Shuttle Busses wieder durch allgemeine Geschäftigkeit in Vergessenheit gerät.
Den Bus betretend checke ich abermals den Verbleib meiner Kreditkarte, des Handys und des Reisepasses. Gleich wird es bekanntlich ernst, zählen die Einreisebestimmungen des Israelischen Staates doch zu den strengeren. 
Die Busfahrt zum Terminal dauert geschlagene zehn Minuten, da die Billigflieger aus Kostengründen am hintersten Ende des Airports geparkt werden. Zudem lässt der Busfahrer gefühlt alle drei Sekunden einen Lieferwagen, ein Polizeiauto, oder einen gepanzerten Limousinenkonvoi passieren. Endlich angekommen laufen wir auf einer großen und ziemlich stylischen Rampe durch eine Halle, die nicht nur an einen modernen Tempel erinnert, sondern uns direkt zur Passkontrolle führt. Schon von weitem sind lange Menschenschlangen vor einer Vielzahl von nebeneinander aufgereihten kleinen Kabinen erkennbar, von denen ca. die Hälfte mit Personal besetzt ist. Es sammeln sich Reisende aus aller Herren Länder in unterschiedlichster Größe und Coleur. Auch wenn das jährliche Passagieraufkommen des Ben-Gurion-Airports bei weitem unter dem von Tegel liegt, ist es eindeutig ein sehr viel internationaler Flughafen, als der zukünftige BER es vermutlich je sein wird. Die Vielfalt an Großraumflugzeugen und exotischen Airline-Logos, die wir bei der Busfahrt sehen könnten, findet in der bunten Schar der Wartenden seine Bestätigung.
Wie auch im Supermarkt ist es nicht einfach die schnellste Schlange zu finden. Ich vertraue auf meine Intuition und stelle mich direkt an das Ende der ersten und hoffe aufs Beste. Ich habe gelesen, dass die Einreise gerne mal längere Zeit in Anspruch nimmt. Der Beamte in meiner Kabine nimmt sich pro Person etwa zwei Minuten Zeit. Noch stehen ca. fünfzehn Leute vor mir, um mich herum sieht es nicht viel anders aus. Zeit also, um mich bei meinen Liebsten zu melden und eine gute Landung mitzuteilen. 
Ich schalte mein Handy vom Flugmodus in den normalen und bekomme sofort die typischen SMS meines Vertragsanbieters. Die Tarife lassen mich schlucken. Unter anderem wird mir großzügig angeboten ganze 6MB Datenvolumen für zwei Euro erstehen zu können. Ich müsste nur mit „WORLD“ antworten. Zwar checke ich gleich erfolgreich im freien WLAN des Airports ein und versende die obligatorischen Nachrichten per Messenger, da man aber nie wissen kann, kaufe ich vorsichtshalber die angepriesenen 6MB. 
Gemächlich, aber stetig geht es weiter. Die Menge vor mir lichtet sich zusehends. Endlich ist das spanisch sprechende Pärchen vor mir dran und hinter mir murmelt eine deutsche und vermutlich bereits Israelreise-erfahrene Familie, dass es heute aber ziemlich schnell voran ginge. 
Als ich schließlich vortreten möchte, steht der Beamte abrupt auf und weist mich an, „to wait for one Minute!“ Ich drehe mich zu der Familie um und entgegne leicht ironisch: „Haben sie nicht grad gesagt, dass es heute schnell gehe?“ Entschuldigendes Achselzucken.
Offensichtlich musste der Herr Staatsdiener mal für kleine Grenzbeamten, denn tatsächlich sieht man ihn nur etwas mehr als eine Minute später, dass Hemd in die Hose stopfend, wieder zur Kabine kommen. 
Nun beginnt der spannende Teil der Reise. Werde ich reingelassen? Welchen Fragen muss ich mich stellen? Haben Hacker der israelischen Regierung Kompromittierendes über mich herausgefunden, welches nun den direkten Weg auf den Bildschirm des Grenzers findet und ihn dazu veranlasst mich mit Schimpf und Schande vor den Augen aller Wartenden in ein kleines Verhörzimmer, dessen Tür nur außenseitig zu öffnen ist, abzuführen; in dem ich erst stundenlang alleine gelassen werde und letztlich derart weichgekocht bin alles zu gestehen, was mir vorgeworfen wird, nur um irgendwann wieder die Gelegenheit zu bekommen, meine Kinder in die Arme zu schließen? 
Ich muss zugeben, dass ich nasse Hände und weiche Knie habe, als ich endlich heran gewunken werde. Nach einer kurzen Begrüßung und Übergabe des Passes verstehe ich dann gleich die erste Frage des Grenzers nicht. Peinlich. Ich glaube, ich werde rot - höchst verdächtig. 
„I am sorry, i didn`t got it...“ - „Is it your first visit in Israel?“ - „Äh, yes“ - bricht es ein wenig zu schnell aus mir heraus. 
Der Typ fragt nach dem Grund meines Besuchs und ob ich jemanden hier kennen würde, woraufhin ich mit „just for vacation“ und „no“ antworte. Daraufhin händigt er mir schon wieder meinen Pass und die Einreisekarte aus, wünscht „a pleasant stay“ und ist in Gedanken bereits beim nächsten Einreisenden, während ich noch bedeppert, ob des schnellen Abfertigens, den Weg blockiere und nicht weiß, wohin ich mit den Papieren in meiner Hand soll.
Einreise überstanden!



Dienstag, 23. Oktober 2018

ISRAEL 2018 - Einleitung Teil II


Einleitung – Teil II

Ich liebe Low-Cost-Carrier. Vor allem, wenn sie vom Flughafen Tegel fliegen. Dieser liegt nur 14 Minuten Fahrt mit dem Bus von mir entfernt und von Haustür zum Terminal sind es keine Zwanzig Minuten - sofern der Bus pünktlich ist, was man bei der BVG natürlich nie so genau weiß. 
Seitdem die Fluggesellschaft, die sich nie entscheiden konnte, ob sie billig, oder Premium sein will, nicht mehr existiert und somit Platz für die beiden großen Billig-Flieger gemacht hat, ist das Leben hinsichtlich Verreisen für mich um einiges entspannter geworden, da ich nicht unbedingt mehr nach Schönefeld fahren muss, was ungleich mehr Fahrtzeit bedeutet.
Bei der vergangenen Volksabstimmung habe ich für den Weiterbetrieb von Tegel gestimmt, auch wenn ich in der direkten Einflugschneise wohne. Aber was soll ich machen? Die Illusion den Zugang zur weiten Welt um die Ecke zu haben ist für mich wichtiger als CO2-Ausstoß und Zimmerlautstärke. Ich finde es geil für super wenig Geld durch die Gegend zu fliegen und verschwende kaum Gedanken an das Personal, welches unter widrigen Bedingungen ihre Arbeit verrichten muss.
Was sagt das über mich aus? Ich hoffe zunächst einmal gar nichts. Dennoch bin ich mir bewusst, dass ich und bestimmt auch viele Andere, sich eine vorschnelle Meinung über Menschen, Dinge und Sachverhalte auf Grund spärlicher, oder mangelnder Informationen, Vorurteile und Phantasien machen. Ich finde so ein Verhalten im Übrigen gar nicht schlimm und bedenklich, sondern viel mehr menschlich und normal. Wir denken stets in Kategorien, sind die Summe unser Erfahrungen, Annahmen und nicht zuletzt Neurosen. Manche Lesenden entdecken sich womöglich in dem hier Geschriebenen wieder, andere denken sich eventuell: „Was ist denn das für ein blasierter Dödel?!“
Ähnlich geht es sicherlich vielen Leuten, wenn sie an eine Reise nach Israel, oder gar dessen bloße Existenz denken.
Entstammt man einer gewissen Peer-Group, dann scheiden sich die Geister an diesem Staat. Ich spreche von den moderaten Linken, Alternativen, Liberalen dieser Gesellschaft. Die, die Grün, wählen, maximal mit der Zweitstimme einen Vorstoß Richtung blau wagen, vielleicht die Hoffnung auf eine Renaissance der SPD noch nicht begraben haben und die Linke nur deswegen toll finden, weil ein Gysi doch so ein raffinierter Redner sei; Vergangenheit unwichtig.
Und wie in der derzeitigen Parteienlandschaft auch, zerfleischt man sich zuweilen innerhalb der eigenen Gruppierung hinsichtlich wichtiger und weniger wichtiger Dinge.
Vortrefflich dafür eignen tut sich das Thema Israel. Schnell kommt es in der Diskussion zu hitzigen Brandreden der Beteiligten. Die einen Pro, die anderen Contra. Die einen sachlich, zuweilen bis zur Überheblichkeit, gestützt durch harte Fakten, die anderen leidenschaftlich bis wirr, sich auf die Werte eines allumfassenden Humanismus berufend.
Zu Henryk M. Broder kann man stehen wie man will, aber mit einer Aussage hat er Recht: die Deutschen sind besessen von Auschwitz und obsessiv in ihrer Verteidigung für, bzw. der Verdammung gegen den Staat Israel und die Juden.
Spricht man mit Menschen des gleichen Schlags aus z.B. Spanien, Amerika, Schweden oder gar dem arabischen Raum, ist die Meinung wenigstens einhellig: Man ist in der Regel geschlossen gegen Israel.
Allerdings wird (meiner Erfahrung nach) weniger mit dem Lieblingsvorwurf vieler Deutschen argumentiert a la „Wie können die Juden nur so etwas mit den Palästinensern tun, wo sie doch selber den Holocaust erlebt haben“, als dem altbackenen Verständnis des Antiimperialismus gefröhnt, welches primär der Empörung über die fremde Aneignung von Land und Ressourcen Raum lässt und sekundär den Hinweis auf die noch böseren USA einstreut.
Macht das die Sache besser? Sicherlich nicht.
Beiden, von manchen Menschen gerne als moderne Antisemiten betitelte, Gruppen gleich ist jedoch, dass sie bezüglich Israel immer zweierlei Maß anwenden. Den sogenannten doppelten Standard. Ganz egal ob in Brasilien die Urwaldbevölkerung vertrieben und ermordet, in China die Uiguren um ihre Freiheit bangen müssen, oder Nordkorea als „amüsantere DDR“ belächelt wird. Geschieht irgendwo Unrecht auf der Welt, dann heißt es: „Ja, ist schlimm, müsste man mal was gegen tun...“ Aber kaum „macht“ Israel etwas, dann ist die Kacke am dampfen, aber so richtig und schon befindet sich ein gewisser Teil Deutschlands in einem Hick-Hack aus Anklagen und Rechtfertigungen.
Und – gänzlich Deutsch – wissen es alle besser und eine Freundschaft, ungeachtet der jeweiligen Positionen, scheint schier unmöglich. Bei Politik hört der Spaß eben auf.
Ich schreibe das hier nicht, weil ich ein besonderer Israel-Freund bin, sondern weil es mir als eine relativ nüchterne Analyse des Ist-Zustands erscheint.
Und dennoch wird gewahr, dass auch ich durch Verfassen dieses Textes und der offensichtlich oft und breit geführten Diskussionen mit anderen "Besessenen" schon längst mit in den Sog der Obsession geraten bin und einen Platz unter meinesgleichen halte.
Den eingeschworenen Philosemiten wird all das mit Sicherheit bekannt sein; hoffentlich zu zustimmendem Nicken führen. Womöglich fühlt sich sogar jemand ertappt und klopft sich in Gedanken milde, nachsichtig und väterlich auf die geistige Schulter. Das freut mich, aber gleichzeitig fordert es mich auch heraus.
Ich habe mich deswegen entschieden einfach die Political Correctness außer Acht zu lassen, ohne diese bewusst herauszufordern, mich von etwaiger Koketterie mit irgendwelchen Gruppierungen und Werten fernzuhalten und rein subjektiv bzw. frei Schnauze zu schreiben.
Und hier schließt sich nun der Kreis zu den eingangs beschriebenen Vorurteilen, Annahmen und Neurosen. Denn letztlich werde ich im Folgenden einen großen Teil meines Denkens und meines Ichs offenbaren und euch dadurch hoffentlich prächtig mit einer weiteren Facetten des menschlichen „Bescheuert-Seins“ amüsieren.



ISRAEL 2018 - Einleitung Teil I



ISRAEL-2018

Einleitung

Im Oktober 1998 brach meine Mutter zu einer organisierten Urlaubsreise nach Israel auf. Mir war das ganz Recht, bekam ich doch 20D-Mark pro Tag an Kostgeld und obendrein noch einen Bonus für Eventualitäten aller Art. So verfügte ich über ein kleines, aber feines Sümmchen an Kohle, kaufte davon ausschließlich sinnvolle Dinge, aß lediglich Nudeln mit Ketchup, hatte Herbstferien, die Bude zur freien Verfügung, konnte endlich ungestört von früh bis spät laute Musik hören, Freunde einladen und anderen Schabernack treiben. 
Zehn Tage später kam meine Mutter begeistert von ihrer Reise zurück. Da ich mich jedoch in einer spätpubertären Sturm und Drang Phase befand, interessierten mich ihre Erzählungen und Eindrücke herzlich wenig und ein eigens angefertigtes Fotoalbum verschwand, von mir kurz überflogen, alsbald im Schrank und ward nicht mehr gesehen. Auch die mitgenommene Süßspeise Halva blieb bestenfalls in ihrer Konsistenz als gewöhnungsbedürftig und im Geschmack als exotisch bis kurz nach dem gequälten Herunterwürgen im Gedächtnis. 
Ich war 17 Jahre alt und es waren Zeiten der jugendlichen Engstirnigkeit und Ignoranz. 
In den folgenden Jahren blieb Israel für mich höchstens durch die ein paar gesponnene Verschwörungstheorien und Gerüchte über „die Juden“, denen ich eher skeptisch gegenüber stand, die üblichen Nachrichten zum Nahost-Konflikt, die ich gleichmütig zur Kenntnis nahm, sowie gelegentliche Wiederholungen von "Eis am Stiel" im Abendprogramm des Privatfernsehens, die mir nicht mal ansatzweise eine Erektion, geschweige denn ein Lachen zu bescheren vermochten, in Erinnerung.
Kurzum; das Land war mir ziemlich genauso egal, wie der Absatz japanischer Qualitätswaren in Simbabwe, das Balzverhalten von Gottesanbeterinnen in zoologischer Gefangenschaft, oder dem sprichwörtlichen Umfallen des Besens in China.
Im Jahre 2005 rückte das Thema Israel und Judentum dann urplötzlich mehr aus pragmatischen Erwägungen, denn aus Wissbegierde in meinen Fokus. Ich studierte damals im ersten Semester "Soziale Arbeit" an der ASFH. Bezüglich der zeitlichen Vereinbarung der Pflichtveranstaltungen der Uni, der Organisation meiner Studentenjobs und Freizeitbedürfnisse durfte ich nicht wählerisch sein und belegte die sogenannte „Kultur-Werkstatt“ im Umfang von fünf Semesterwochenstunden.
Hier sollte mit Bild- und Tonaufzeichnungsequipment, sowie Interview-Fragetechniken der Status quo zum Antisemitismus unter jungen Moslems in Berlin aufgezeigt werden.
Da mich Videokameras und Filmemachen seit geraumer Zeit interessierten und die Veranstaltungen zeitlich günstig lagen, entschied ich mich diese zu belegen. Inhaltlich fand ich mich zudem dort eher wieder als bei „Puppenspiel für körperbehinderte Anorektiker“, „genderspezifische Betrachtungen der Zwölftonmusik“, oder anderen Kuriositäten aus dem Lehrkabinett zeitgenössischer Universitäten mit geisteswissenschaftlichem Lehrplan.
Die besagte Werkstatt lief über zwei Semester und die Studierenden sollten in kleinen Teams Filme mit Interviews diverser Akteure und Akteurinnen der pädagogischen und politischen Landschaft Berlins zum Thema erstellen. Im Rahmen der Interviews und Dreharbeiten beschäftigten wir uns eingehend mit den Themen Shoa, Antisemitismus, Nah-Ost-Konflikt, Staatsgründung Israel etc. und als braver Student begann ich mich ernsthafter damit auseinanderzusetzen.
Sicherlich waren die Art der Darbietung der Inhalte seitens der Dozenten tendenziös, jedoch empfand ich die folgende Entwicklung meiner „philosemitischen“ Positionen zum Thema Israel etc. als relativ frei und eine Reise dorthin erschien mir nur folgerichtig.
In mir entstanden in dieser Zeit viele Bilder eines Landes, dass weniger einer geographischen Region, bzw. einem politischen Gefüge, denn einem Ort der Verheißung gleich kam; in dem sich der Wunsch etwas Großem, Sinnstiftendem anzugehören, mit dem Reflex der Schuld und Sühne mischten, in dem auch Phantasien von heroischen Gefühlen Platz fanden. 
Jaja, ich war jung und Student.
Aus diversen Gründen kam es in den Folgejahren leider nicht zu einer Reise nach Israel, mein Interesse schwankte zwar, geriet aber nie gänzlich aus dem Sinn.
Als ich im Spätsommer 2014 endlich einen Flug mit Freunden nach Tel Aviv antreten wollte, kam uns die „operation protecting edge“ in die Quere; die Intervention der israelischen Armee gegen den andauernden Beschuss mit Raketen aus dem Gaza-Streifen.
Wohl durch die offiziellen Reisewarnungen verpflichtet, bot uns die Airline an, die Tickets zu Gunsten von Gutscheinen, oder Umbuchungen zu stornieren. Von meinen Kumpels überstimmt, flogen wir dann nach Sofia und ich legte die Planung für unbestimmte Zeit bei Seite.
Da ich in den vergangenen Jahren immer mehr Gefallen am alleinigen Reisen gefunden hatte, entschied ich mich im Frühjahr 2018 endlich, einen Flug für den kommenden Oktober zu buchen und diesen auch anzutreten. Komme was da wolle!
Irgendwie hatte ich das Gefühl und den Drang mit dieser Reise zumindest eine der vielen Lücken zu schließen, die in meiner Lust nach Entdeckungen und Erfahrungen klafften. Die in den Jahren dazu gewonnene Reife sollte es mir hoffentlich ermöglichen einen differenzierteren Blick zu entwickeln, als es mir zehn Jahre zuvor möglich gewesen wäre.

So kam es, dass ich Mitte Oktober 2018, bewaffnet mit einem Notizbuch, vielen Erwartungen und offenen Gemüts, endlich eine ganze Woche in Israel verbrachte – natürlich nicht ohne nochmal Rücksprache mit meiner Mutter über ihre damaligen Erfahrungen zu halten ;)