Tag 1 – Montag, Teil II
Immer noch leicht verwirrt passiere ich die Kofferausgabe. Da ich nur mit Handgepäck reise, kann ich diese links liegen lassen und erreiche nach dem
Durchschreiten einer Schiebetür die Eingangshalle. Vereinzelt
verrenken sich dort Taxifahrer und Chauffeure mit Namensschildern die
Hälse. Auf mich warten die sicherlich nicht.
Die Flughafenhalle wirkt langweilig und austauschbar. Da ich noch
152$ von einer früheren Reise dabei habe, suche ich zuerst eine
Wechselstube.
Apropos frühere "Reise". Immer wird von "Reise" gesprochen, niemand sagt mehr "Urlaub". Als wenn man sich für "Urlaube" schämen müsste und diese durch eine Art Selbstzensur zur "Reise" deklariert, um ja nicht dem Verdacht zu unterliegen, dass man sich erholen möchte. Immer wollen die Leute was erleben und sich anschließend mit ihren "Reiseerlebnissen" brüsten. Herrje... Jetzt aber weiter im Text mit meinem "Reiseblog".
Direkt an der Stirnseite finde ich eine, deren Wechselkurse ich lieber überlese und gespannt bin, wie viel Geld ich wohl bekommen werde.
Apropos frühere "Reise". Immer wird von "Reise" gesprochen, niemand sagt mehr "Urlaub". Als wenn man sich für "Urlaube" schämen müsste und diese durch eine Art Selbstzensur zur "Reise" deklariert, um ja nicht dem Verdacht zu unterliegen, dass man sich erholen möchte. Immer wollen die Leute was erleben und sich anschließend mit ihren "Reiseerlebnissen" brüsten. Herrje... Jetzt aber weiter im Text mit meinem "Reiseblog".
Direkt an der Stirnseite finde ich eine, deren Wechselkurse ich lieber überlese und gespannt bin, wie viel Geld ich wohl bekommen werde.
Nach vollzogenem Deal halte ich 520 Neue Israelische
Schekel (NIS) in der Hand. Ich zücke sogleich mein Handy und
überprüfe, was mich die Transaktion gekostet hat. Die Differenz
beträgt knapp fünfzig NIS, also gute elf Euro an Gebühren.
Geschenkt!
Nun will ich nach Down-Town-Tel Aviv. Laut Reiseführer stünden Schnellzug und Busse zur Verfügung. Mir ist das grundsätzlich egal, hauptsache ich komme weg vom Flughafen. Ich folge den Exit-Schildern und stehe
innerhalb weniger Sekunden vor einem Fahrkartenautomaten, der neben einer Treppe zum Gleis steht. Dessen hebräischen Hyroglyphen kann ich zwar nicht entziffern, dafür
stehen drei Servicedamen davor und bieten freimütig ihre Dienste an.
Ich erkläre, dass ich nach Tel Aviv möchte und Cash zahlen will. Eine Lady tippt auf dem Display herum, 30NIS wechseln den Besitzer und
ein kleiner rechteckiger Schein kommt zum Vorschein. Dann wird mir erklärt, dass ich neben dem Fahrkartenautomaten direkt die
Stufen herunter gehen müsse und schon auf dem Bahnsteig sei. Vorher
benötige ich den Fahrschein um das Drehkreuz zu passieren.
Keine offenen Fragen, flutscht wie
geschmiert.
Auf dem Bahnsteig angekommen, sehe ich wieder nur
hebräische Schriftzeichen. Zwar stehen viele Reisende herum, aber ich kann nicht erkennen, wohin ich mich orientieren soll. Vor allem sind die Gleise durch rot-weißes Flatterband und
Metallzäune abgesperrt. Davor stehen uniformierte Männer und sorgen dafür, dass niemand den abgesperrten Bereich betritt.
Nach wenigen Minuten fährt ein Zug ein und einer der Bediensteten ruft laut: "Not to Tel-Aviv - to Modi`in! Next Train to Tel-Aviv in five Minutes!"
Das wäre also geklärt. Jetzt wird auch deutlich, warum die Absperrungen herumstehen. Genau auf Höhe der Türen geben die Uniformierten den Weg frei, so dass der Ein- und Ausstieg vollzogen werden kann. Hier wird, ganz im traditionellen Sinne der Wurzeln des Zionismus, Arbeitsbeschaffung auf die sozialistische Art und Weise betrieben und mit einer Prise Sicherheit gewürzt.
Nach insgesamt zehn Minuten des Wartens trifft der richtige Zug
ein und ich muss schmunzeln. Diese Art von Schienenvehikel kenne ich. Handelt es sich hierbei doch um die guten alten roten
Doppelstock-Regionalzüge, die von der DB überall in Deutschland
eingesetzt werden. Ein Stückchen Heimat in der Ferne; gar ein
kleiner Gruß aus alter deutsch-osmanischer Vergangenheit?
Ich bequeme mich direkt nach oben, finde einen freien
Vierer und sehe, dass alle Sitze mit Mehrfachsteckdosen ausgestattet
sind.
Vor meiner Abreise habe ich mich mit meiner Israelerfahrenen und seit vielen Jahren in freundschaftlicher Verbandelung befindlichen Ex-Freundin getroffen und die Stecker und Dosenfrage meiner Destination auf gänzlich sachlicher Ebene und dem Status Quo unserer Beziehung gemäß diskutiert. (Sorry H., aber die Gelegenheit für einen billigen Witz in eloquentem Gewand konnte ich nicht ausschlagen...)
Meinen Recherchen nach gäbe es in Israel eigenwillige
Stecker, die mit den unsrigen und denen der ehemaligen Kolonialmacht
nicht kompatibel seien.
Im Handyzeitalter ist es ja schier unvorstellbar keinen Zugang
zu Strom zu haben. Reisen und Abenteuer? Pah, nicht 2018 und nicht
mit mir!
Der Test mit dem Aufladegerät gibt sofort
Entwarnung. Der komische dreilöchrige Anschluss akzeptiert die
deutsche Version und speist, ohne zu Murren, das kostbare Gut in den koreanischen Akkumulator.
Schon reist es sich ein wenig
leichter.
Die schwer bepackten Reisenden drängen sich mit ihren
Koffer im Bauch des Zuges. Anstatt die schweren Gepäckstücke nach oben in das freie Abteil zu schleppen, stapeln sich sie sich lieber bis auf die oberste Treppestufe, wohl befürchtend, dass alleine gelassene Gepäckstücke höchst verdächtig wirken und gegebenenfalls sofort von Sicherheitsleuten entfernt werden.
Auch in mir regt sich die erste Phantasie eines Bombenanschlags, oder eines Amok-laufenden Palästinensers und ich fühle mich für ein paar Sekunden bedrückt.
Erst wenige Minuten im Land und schon hat mich der Nah-Ost-Konflikt eingeholt.
Dann geht ein Ruck durch die Bahn und wir fahren nicht zur Hölle sondern nach Tel-Aviv/Jaffa.
Die Aussicht auf Israel ist aus der Oberstock-Perspektive vorerst ernüchternd. Viel graugelber Beton, Graffitis, Abwasserbecken und Schnellstraßen. Dazwischen höchstens mal ein Busch, oder eine Ansammlung von monotonen Häusern.
In einer langgezogenen Kurve erhasche ich endlich einen Blick auf die Hochhäuserfassaden von Tel Aviv. Der Zug sinkt nun tiefer, vom Straßenniveau hinab in einen endlos langen Wasserauffanggraben, in dem große, derbe Rohre aus der Wand ragen und schaumiges Wasser einspeisen. Die Graffitis nehmen zu und sind teilweise über eine Länge von mehreren Dutzenden Metern angefertigt.
Die Subkultur ist dort präsent, wo das Protokoll die Repräsentanten niemals hin verorten würde. In ihrer Artikulation ist die Streetart jedoch austauschbar, was sie gewissermaßen mit den meisten Politikern teilt. Das erscheint mir wiederum schon fast menschlich, bedeutet aber – keine Sorge - noch lange nicht Ausdruck von Sympathie. Weder für die Street-Art, noch für die Politiker, um zumindest paritätisch das rare Wasser auf derer Mühlen zu verteilen.
Die Fahrt vergeht relativ schnell, schließlich liegt der Airport nur 19km von der Innenstadt entfernt. Ich nutze den Betonausblick und checke bei Googlemaps, wie ich am besten vom Zug aus zu meinem AirBnB komme. Zwar hat der Zug kein WLAN, dafür habe ich im Zwischenspeicher eine gut aufgelöste Karte und kann auch offline navigieren. Ich entscheide mich für den Bahnhof Savidor Center. Von dort aus sind es zu Fuß gute drei Kilometer, ergo knapp vierzig Minuten per pedes zu meiner Unterkunft.
Allmählich befinden wir uns in eindeutig städtischer Umgebung. Der Wassergraben wurde durch Platten- und Zweckbauten abgelöst und der Zug hält nun an Bahnhöfen mit einer Vielzahl an Menschen. Die Kleidung ist eindeutig westlich und deren Gebaren könnte so auch in Berlin stattfinden. Lediglich die Haare tendieren mehr zu goldbraun und lockig bei den Frauen und kurzgeschoren und glatzig bei den Männern. Im Großen und Ganzen sind keine Unterschiede auszumachen und es liegt noch wenig Flair von Urlaub in der klimatisierten Eisenbahnluft.
Wobei; sehe ich da etwa die ersten geradlinigen Jungs und knackigen Mädels in Uniformen mit Maschinenpistolen? Haltungsschäden haben die nicht, soviel steht fest. Und gut sieht das aus, irgendwie... Mehrheitlich in entspannten Gesprächen versunken, die Kanonen lässig nach unten gehangen und mit einem Lächeln auf den Gesichtern lässt sich weniger auf feindselige Überwachung schließen, denn auf Pflichterfüllung wider dem tierischen Ernst.
Glücklicherweise sind die Anzeigetafeln in der Bahn auch auf Englisch und lassen meine Konzentration wieder wesentlicheren Dingen zu Teil werden. So finde ich unkompliziert die richtige Haltestelle und verlasse nach etwa zwanzig Minuten den Zug. Ich folge dem Strom der Aussteigenden eine Treppe hinauf und passiere, mittels des glücklicherweise noch nicht entsorgten Fahrscheins, ein weiteres Sicherheitsdrehkreuz.
Ich bin draußen - aber nanu - mitten auf einer riesigen Baustelle gelandet.
Um mich herum wird an einem Wolkenkratzer gebaut. An einem groooßen Wolkenkratzer. Lärm, Gestank und Staub. Aber auch knappe dreißig Grad und eitel Sonnenschein.
Willkommen in Tel Aviv!
Hier riecht es richtig gut nach Stadt. Warme Luftschwaden tragen einen interessanten Mix aus Gummi, Auspuff und Verwesung an meine Nase. Wähnt man sich kulturell und wirtschaftlich in der ersten Welt, so findet man sich olfaktorisch und optisch eher in einem Schwellenland wieder.
Das enervierende Piepen eines rückwärtsfahrenden Laster nehme ich da schon als willkommenen Fortschritt wahr und bin dankbar nicht unter dem Reifen des rangierenden Baustellenkippers den Urlaub zu beginnen.
„Hey Kinder – Papa hat euch ein schönes Reifenmuster auf dem Oberkörper als Geschenk mitgebracht!“ Allgemeine Enttäuschung vorprogrammiert.
Die Baustellenumgebung hält noch ein paar Gehminuten an. Nach Passage einer großen Kreuzung führt mich die Arlozorov Street schnurstracks Richtung Westen, zur Stadtmitte und dem Strand. Da sogar hier draußen die Schilder in hebräisch und englisch sind, werde ich mich wohl kaum verlaufen, denn mein Guthaben von 6MB ist offensichtlich lediglich durch laufende Hintergrundprozesse aufgebraucht und ich bin nicht bereit der Abzocke des Mobilfunkanbieters weiteren Vorschub zu leisten.
Bis zu meinem Ziel in der Ben Yehuda Street sind es geschätzt noch ca. drei Kilometer. Mit dem Bus will ich nicht fahren, da ich mir einrede die Stadt von nun an zu Fuß erkunden zu müssen.
Die Umgebung ändert sich schlagartig. Die Straße ist zwar weiterhin breit und laut, dafür weicht die Baustelle abrupt einer Gegend mit Geschäften, Kiosken und Wohnhäusern mit kleinen Parkplätzen, Grünstreifen und Carports. In regelmäßigen Abständen stehen große Drahtverschläge für PET-Flaschen herum und Wasser- und Elektrostränge sind für jeden Saboteur problemlos zugänglich. Völlig arglos, gönne ich mir eine Coke und kündige meine Anwesenheit mit einem satten Rülpser an. Das tut gut.
Am deutschen Wesen soll der Nahe Osten genesen!
Da es erst früher Nachmittag ist, sind nur wenige Menschen auf der Straße unterwegs. Der Verkehr ist ebenso verhalten, was die Stadt dennoch nicht davon abhält weiter zu stinken. Ich sehe viele Katzen, derer Exkremente ungeniert an allen Ecken des Weges liegen und das Duftportfolio mittels einer schweren, süß-säuerlichen Note komplettieren.
Dafür sind die kleinen Biester niedlich und lassen sich nur zu gerne hinter den Ohren kraulen.
Da soll nochmal einer sagen das Auskommen unterschiedlicher Rassen sei in Israel schwierig.
Ähnlich flach wie die vorherige Anmerkung geht die Straße weiter. Eben und gerade.
Die Autos sind meist asiatischer Herkunft und werden auffällig oft durch Dodge Ram Long Haul Pickups ergänzt. Jenen Boliden, die von absoluter Deutungshoheit im Straßenverkehr zeugen und in meiner Phantasie stellvertretend für eine zeitgemäße amerikanische Präsenz und Interessenvertretung stehen, wie sie maskuliner und reaktionärer nicht sein könnte.
Komplettiert wird das bunte Blech-Allerlei durch die blau-weißen Busse der Dan Bus Company, welche in einem engmaschigen Netz den Großraum Tel Avivs bedient und täglich abertausende Fahrgäste in dieselschwangerer Umgebung transportiert.
Insgesamt scheint das Auto in Israel ein absoluter Gebrauchsgegenstand zu sein, worauf die Art der Beladung, die Anzahl der Dellen und das millimetergenaue Parkverhalten schließen lassen. Auch werden diese gerne mal zu Hauff in die engen Einfahrten der Häuser geparkt, oder ebenda dem Verfall preisgegeben.
Auf den folgenden drei Kilometern passiere ich viele Ampeln und noch mehr Zebrastreifen. Anfangs zaghaft und in Obacht der Autos taste ich mich vorsichtig an diese heran, bemerke jedoch alsbald, dass die Fahrer bereits einige Meter vor Erreichen des Zebrastreifens abbremsen und das Recht des Fußgängers in ihr Fahrverhalten implementiert zu haben scheinen. Von Hemdsärmeligkeit und Ellenbogenmentalität (laut Reiseführer) ist zumindest hier noch nichts zu spüren.
Ich bin mal gespannt, wann ich auf den ersten ungehobelten Israeli in Natura stoße. Ist doch immer so; wahrscheinich wenn ich es am wenigsten erwarte.
Allmählich ändert sich das Stadtbild. Die Arlozorov Street wird enger, die Abstände zwischen den Häusern und den Bürgersteigen ebenfalls. An vielen Laternen sind Fahrräder in teils erbärmlichen, aber doch fahrbarem Zustand angekettet. Mehr Menschen sind unterwegs. Zu Fuß, auf dem Fahrrad und vor Allem auf kleinen elektrischen Tretrollern, die in Deutschland niemals für den Straßenverkehr zugelassen sein würden. Hier ballern vornehmlich junge Leute in atemberaubendem Tempo, teils zu zweit und ohne Helm an einem vorbei, so dass es die reinste Freude ist ihrer Leichtigkeit zuzusehen und der reinste Schmerz, sich Unfälle damit vorzustellen.
Mittlerweile bin ich eine gute halbe Stunde gelaufen und lese „Dizengoff Street“. Bereits auf den vorherigen Metern ist mir aufgefallen, dass fast alle Menschen ausnahmslos gut aussehen. Verdammt gut sogar. Jeder ist schlank, gut angezogen und auf eine unaufgesetzte Art vital und voller Lebensmut. So wie es eben zu der angeblichen "Trendstraße" Dizengoff-Street passt. Bilde ich mir das nur ein? Urlaubsromantik? Überzogener Philosemitismus bis ins Paradoxe?
Nein! Die Leute sehen wirklich großartig aus. Dazu später aber noch mehr.
Dafür treffe ich zunehmend auf meine geliebtesten Hassobjekte: Hundebesitzer mit kleinen Kötern. Kuschelhunde, Kinderersatz, Seelentröster. Symptomträger einer liberalen Überarbeitungsgesellschaft, der nicht aufgegangen ist, worum es im Leben wirklich geht.
Der Grad der heutigen Tierliebe unserer westlichen Gesellschaft in Relation zu einer "normalen" Haltung, bei gleichzeitiger "Enttierlichung" industriell verwertbarer Nutztiere ist für mich nach wie vor befremdlich. Ohne mich hier mit einem Eigenbräu aus ökoliberalen- und reaktionären Ideologien gemein machen zu wollen, plädiere ich für weniger Kuschel-, denn Jagd- und Nutzhundehaltung, bei höherem Respekt und Wertschätzung bezüglich deren tierischem Wesen und dem Menschen nützlichen Eigenarten. Ferner für weniger Arbeit in Bürogebäuden im Sinne der Kapitalvermehrung für Dritte; für eine größere Sensibilität im Umgang und der Nutzung der eigenen Scholle und zu guter Letzt der Steigerung der charakterlichen Eigenschaften durch die Demutserfahrung und das Glück eigene Kinder großziehen zu dürfen und sich eben nicht einem Wadenzwicker in abgöttischer Liebe Untertan zu machen. Die Klarheit im Verhältnis zwischen Mensch und Tier, Arbeit, Umwelt und Freiheit bestimmt für mich die Klarheit des Geistes.
Hey, da ist ja wieder eine von den kleinen süßen Fellknäueln. Miez, Miez! Süüüüß, die lässt sich ja wirklich von mir streicheln. Aaaaahhhh, ist die niedlich!!! Jetzt bin ich glücklich und Hundebesitzer, wie Hunde mag ich natürlich auch ganz gerne ;)
Jetzt aber mal Ironie bei Seite, denn es wird ernst. Weil Obacht! Da kreuzt die Ben Yehuda Street. Ich muss in die Nr. 128 und dort in den 6. Stock in das Apartement 28.
Während die Dizengoff Street allgemein als die Amüsier- und Ladenmeile mit hippen Bars, Cafés und Publikum gilt, ist die parallel liegende Ben Yehuda Street die hemdsärmligere Ergänzung dazu. Etwas breiter und weniger anschaulich, dafür mit bodenständigen Restaurants, Geschäften und Menschen gesegnet, kommt sie mir einladender und besser zu meiner Durchschnittserscheinung passend vor.
Im regelmäßigen, aber vergänglichen WLAN-Schatten der Dan-Busse, in dessen Netzwerk sich mein Handy nun regelmäßig einloggt, bedeutet mir Google-Maps links abzubiegen. Nebenbei begreife ich das System der Tel Aviver Hausnummern, welches etwas gewöhnungsbedürftig ist.
Im Norden fängt es auf der einen Seite mit der 1 an geht in ungeraden Zahlen gen Süden bis zur höchsten Ziffer; auf der anderen Straßenseite geht es dann im äußersten Süden mit der 2 los und endet wiederum im Norden bei der höchsten Ziffer.
Warum haben die hier bei ihren kuriosen Hausnummerierungen, den Steckdosen und der Schrift eigentlich nicht Linksverkehr? Mann, Mann, Mann...!?
In einem der ewig gleich aussehenden Betonkästen mit Geschäften, oder Restaurants im Erdgeschoss, Müllcontainern an der Seite und etlichen Klimaanlagen an den Außenwänden werde ich fündig: die Nummer 128. Die Klingeln sind zwar beschriftet, da ich aber lediglich den Vornamen Ofir übermittelt bekommen habe bin ich mit den vielen Namen auf den Klingelschildern überfordert.
Wäre die Besiedelung damals gescheitert, wäre jetzt wohl ein „Sesam öffne dich“ angebracht. Obwohl, dann würde ich wohl eher einen Bretterverschlag betreten, anstatt des glatt geschliffenen und unpersönlichen, dafür aber mit großem Spiegel bestückten Eingangsbereiches, der derweil noch unerreichbar vor mir liegt.
Da aber auch ein Goi mit einer gewissen Chuzpe gesegnet sein kann, klingle ich einfach an diversen Namensschildern und wage gleichzeitig einen Vorstoß in Richtung Haustür. Diese öffnet sich ohne fremden Zutuns und mit den hinter mir im Äther verhallenden Stimmen angeklingelter Anwohner stehe ich plötzlich im Spiegelsaal und sehe ich mich mit mir selbst konfrontiert.
Nach ca. 3000km, bzw. viereinhalb Stunden Flug, knapp vier Stunden Schlaf und einigen Kilometern Fußmarsch mit Rucksack in den Knochen sehe ich noch recht passabel aus.
Der Dreitagebart verleiht meinem bebrillten Harry-Potter-Gesicht einen etwas männlicheren Zug, die Ray-Ban mit den abfleddernden Lederapplikationen zeugt von kosmopolitischer Verwegenheit und letztlich die Aussicht nach wenigen Treppenstufen, der obligatorischen Begrüßung und Einweisung durch den Gastgeber und dem Abladen des Gepäcks den Urlaub so richtig zu beginnen, stimmen mich um einiges wacher und lassen neue Energie in mir aufkommen.
Auch in mir regt sich die erste Phantasie eines Bombenanschlags, oder eines Amok-laufenden Palästinensers und ich fühle mich für ein paar Sekunden bedrückt.
Erst wenige Minuten im Land und schon hat mich der Nah-Ost-Konflikt eingeholt.
Dann geht ein Ruck durch die Bahn und wir fahren nicht zur Hölle sondern nach Tel-Aviv/Jaffa.
Die Aussicht auf Israel ist aus der Oberstock-Perspektive vorerst ernüchternd. Viel graugelber Beton, Graffitis, Abwasserbecken und Schnellstraßen. Dazwischen höchstens mal ein Busch, oder eine Ansammlung von monotonen Häusern.
In einer langgezogenen Kurve erhasche ich endlich einen Blick auf die Hochhäuserfassaden von Tel Aviv. Der Zug sinkt nun tiefer, vom Straßenniveau hinab in einen endlos langen Wasserauffanggraben, in dem große, derbe Rohre aus der Wand ragen und schaumiges Wasser einspeisen. Die Graffitis nehmen zu und sind teilweise über eine Länge von mehreren Dutzenden Metern angefertigt.
Die Subkultur ist dort präsent, wo das Protokoll die Repräsentanten niemals hin verorten würde. In ihrer Artikulation ist die Streetart jedoch austauschbar, was sie gewissermaßen mit den meisten Politikern teilt. Das erscheint mir wiederum schon fast menschlich, bedeutet aber – keine Sorge - noch lange nicht Ausdruck von Sympathie. Weder für die Street-Art, noch für die Politiker, um zumindest paritätisch das rare Wasser auf derer Mühlen zu verteilen.
Die Fahrt vergeht relativ schnell, schließlich liegt der Airport nur 19km von der Innenstadt entfernt. Ich nutze den Betonausblick und checke bei Googlemaps, wie ich am besten vom Zug aus zu meinem AirBnB komme. Zwar hat der Zug kein WLAN, dafür habe ich im Zwischenspeicher eine gut aufgelöste Karte und kann auch offline navigieren. Ich entscheide mich für den Bahnhof Savidor Center. Von dort aus sind es zu Fuß gute drei Kilometer, ergo knapp vierzig Minuten per pedes zu meiner Unterkunft.
Allmählich befinden wir uns in eindeutig städtischer Umgebung. Der Wassergraben wurde durch Platten- und Zweckbauten abgelöst und der Zug hält nun an Bahnhöfen mit einer Vielzahl an Menschen. Die Kleidung ist eindeutig westlich und deren Gebaren könnte so auch in Berlin stattfinden. Lediglich die Haare tendieren mehr zu goldbraun und lockig bei den Frauen und kurzgeschoren und glatzig bei den Männern. Im Großen und Ganzen sind keine Unterschiede auszumachen und es liegt noch wenig Flair von Urlaub in der klimatisierten Eisenbahnluft.
Wobei; sehe ich da etwa die ersten geradlinigen Jungs und knackigen Mädels in Uniformen mit Maschinenpistolen? Haltungsschäden haben die nicht, soviel steht fest. Und gut sieht das aus, irgendwie... Mehrheitlich in entspannten Gesprächen versunken, die Kanonen lässig nach unten gehangen und mit einem Lächeln auf den Gesichtern lässt sich weniger auf feindselige Überwachung schließen, denn auf Pflichterfüllung wider dem tierischen Ernst.
Glücklicherweise sind die Anzeigetafeln in der Bahn auch auf Englisch und lassen meine Konzentration wieder wesentlicheren Dingen zu Teil werden. So finde ich unkompliziert die richtige Haltestelle und verlasse nach etwa zwanzig Minuten den Zug. Ich folge dem Strom der Aussteigenden eine Treppe hinauf und passiere, mittels des glücklicherweise noch nicht entsorgten Fahrscheins, ein weiteres Sicherheitsdrehkreuz.
Ich bin draußen - aber nanu - mitten auf einer riesigen Baustelle gelandet.
Um mich herum wird an einem Wolkenkratzer gebaut. An einem groooßen Wolkenkratzer. Lärm, Gestank und Staub. Aber auch knappe dreißig Grad und eitel Sonnenschein.
Willkommen in Tel Aviv!
Hier riecht es richtig gut nach Stadt. Warme Luftschwaden tragen einen interessanten Mix aus Gummi, Auspuff und Verwesung an meine Nase. Wähnt man sich kulturell und wirtschaftlich in der ersten Welt, so findet man sich olfaktorisch und optisch eher in einem Schwellenland wieder.
Das enervierende Piepen eines rückwärtsfahrenden Laster nehme ich da schon als willkommenen Fortschritt wahr und bin dankbar nicht unter dem Reifen des rangierenden Baustellenkippers den Urlaub zu beginnen.
„Hey Kinder – Papa hat euch ein schönes Reifenmuster auf dem Oberkörper als Geschenk mitgebracht!“ Allgemeine Enttäuschung vorprogrammiert.
Die Baustellenumgebung hält noch ein paar Gehminuten an. Nach Passage einer großen Kreuzung führt mich die Arlozorov Street schnurstracks Richtung Westen, zur Stadtmitte und dem Strand. Da sogar hier draußen die Schilder in hebräisch und englisch sind, werde ich mich wohl kaum verlaufen, denn mein Guthaben von 6MB ist offensichtlich lediglich durch laufende Hintergrundprozesse aufgebraucht und ich bin nicht bereit der Abzocke des Mobilfunkanbieters weiteren Vorschub zu leisten.
Bis zu meinem Ziel in der Ben Yehuda Street sind es geschätzt noch ca. drei Kilometer. Mit dem Bus will ich nicht fahren, da ich mir einrede die Stadt von nun an zu Fuß erkunden zu müssen.
Die Umgebung ändert sich schlagartig. Die Straße ist zwar weiterhin breit und laut, dafür weicht die Baustelle abrupt einer Gegend mit Geschäften, Kiosken und Wohnhäusern mit kleinen Parkplätzen, Grünstreifen und Carports. In regelmäßigen Abständen stehen große Drahtverschläge für PET-Flaschen herum und Wasser- und Elektrostränge sind für jeden Saboteur problemlos zugänglich. Völlig arglos, gönne ich mir eine Coke und kündige meine Anwesenheit mit einem satten Rülpser an. Das tut gut.
Am deutschen Wesen soll der Nahe Osten genesen!
Da es erst früher Nachmittag ist, sind nur wenige Menschen auf der Straße unterwegs. Der Verkehr ist ebenso verhalten, was die Stadt dennoch nicht davon abhält weiter zu stinken. Ich sehe viele Katzen, derer Exkremente ungeniert an allen Ecken des Weges liegen und das Duftportfolio mittels einer schweren, süß-säuerlichen Note komplettieren.
Dafür sind die kleinen Biester niedlich und lassen sich nur zu gerne hinter den Ohren kraulen.
Da soll nochmal einer sagen das Auskommen unterschiedlicher Rassen sei in Israel schwierig.
Ähnlich flach wie die vorherige Anmerkung geht die Straße weiter. Eben und gerade.
Die Autos sind meist asiatischer Herkunft und werden auffällig oft durch Dodge Ram Long Haul Pickups ergänzt. Jenen Boliden, die von absoluter Deutungshoheit im Straßenverkehr zeugen und in meiner Phantasie stellvertretend für eine zeitgemäße amerikanische Präsenz und Interessenvertretung stehen, wie sie maskuliner und reaktionärer nicht sein könnte.
Komplettiert wird das bunte Blech-Allerlei durch die blau-weißen Busse der Dan Bus Company, welche in einem engmaschigen Netz den Großraum Tel Avivs bedient und täglich abertausende Fahrgäste in dieselschwangerer Umgebung transportiert.
Insgesamt scheint das Auto in Israel ein absoluter Gebrauchsgegenstand zu sein, worauf die Art der Beladung, die Anzahl der Dellen und das millimetergenaue Parkverhalten schließen lassen. Auch werden diese gerne mal zu Hauff in die engen Einfahrten der Häuser geparkt, oder ebenda dem Verfall preisgegeben.
Auf den folgenden drei Kilometern passiere ich viele Ampeln und noch mehr Zebrastreifen. Anfangs zaghaft und in Obacht der Autos taste ich mich vorsichtig an diese heran, bemerke jedoch alsbald, dass die Fahrer bereits einige Meter vor Erreichen des Zebrastreifens abbremsen und das Recht des Fußgängers in ihr Fahrverhalten implementiert zu haben scheinen. Von Hemdsärmeligkeit und Ellenbogenmentalität (laut Reiseführer) ist zumindest hier noch nichts zu spüren.
Ich bin mal gespannt, wann ich auf den ersten ungehobelten Israeli in Natura stoße. Ist doch immer so; wahrscheinich wenn ich es am wenigsten erwarte.
Allmählich ändert sich das Stadtbild. Die Arlozorov Street wird enger, die Abstände zwischen den Häusern und den Bürgersteigen ebenfalls. An vielen Laternen sind Fahrräder in teils erbärmlichen, aber doch fahrbarem Zustand angekettet. Mehr Menschen sind unterwegs. Zu Fuß, auf dem Fahrrad und vor Allem auf kleinen elektrischen Tretrollern, die in Deutschland niemals für den Straßenverkehr zugelassen sein würden. Hier ballern vornehmlich junge Leute in atemberaubendem Tempo, teils zu zweit und ohne Helm an einem vorbei, so dass es die reinste Freude ist ihrer Leichtigkeit zuzusehen und der reinste Schmerz, sich Unfälle damit vorzustellen.
Mittlerweile bin ich eine gute halbe Stunde gelaufen und lese „Dizengoff Street“. Bereits auf den vorherigen Metern ist mir aufgefallen, dass fast alle Menschen ausnahmslos gut aussehen. Verdammt gut sogar. Jeder ist schlank, gut angezogen und auf eine unaufgesetzte Art vital und voller Lebensmut. So wie es eben zu der angeblichen "Trendstraße" Dizengoff-Street passt. Bilde ich mir das nur ein? Urlaubsromantik? Überzogener Philosemitismus bis ins Paradoxe?
Nein! Die Leute sehen wirklich großartig aus. Dazu später aber noch mehr.
Dafür treffe ich zunehmend auf meine geliebtesten Hassobjekte: Hundebesitzer mit kleinen Kötern. Kuschelhunde, Kinderersatz, Seelentröster. Symptomträger einer liberalen Überarbeitungsgesellschaft, der nicht aufgegangen ist, worum es im Leben wirklich geht.
Der Grad der heutigen Tierliebe unserer westlichen Gesellschaft in Relation zu einer "normalen" Haltung, bei gleichzeitiger "Enttierlichung" industriell verwertbarer Nutztiere ist für mich nach wie vor befremdlich. Ohne mich hier mit einem Eigenbräu aus ökoliberalen- und reaktionären Ideologien gemein machen zu wollen, plädiere ich für weniger Kuschel-, denn Jagd- und Nutzhundehaltung, bei höherem Respekt und Wertschätzung bezüglich deren tierischem Wesen und dem Menschen nützlichen Eigenarten. Ferner für weniger Arbeit in Bürogebäuden im Sinne der Kapitalvermehrung für Dritte; für eine größere Sensibilität im Umgang und der Nutzung der eigenen Scholle und zu guter Letzt der Steigerung der charakterlichen Eigenschaften durch die Demutserfahrung und das Glück eigene Kinder großziehen zu dürfen und sich eben nicht einem Wadenzwicker in abgöttischer Liebe Untertan zu machen. Die Klarheit im Verhältnis zwischen Mensch und Tier, Arbeit, Umwelt und Freiheit bestimmt für mich die Klarheit des Geistes.
Hey, da ist ja wieder eine von den kleinen süßen Fellknäueln. Miez, Miez! Süüüüß, die lässt sich ja wirklich von mir streicheln. Aaaaahhhh, ist die niedlich!!! Jetzt bin ich glücklich und Hundebesitzer, wie Hunde mag ich natürlich auch ganz gerne ;)
Jetzt aber mal Ironie bei Seite, denn es wird ernst. Weil Obacht! Da kreuzt die Ben Yehuda Street. Ich muss in die Nr. 128 und dort in den 6. Stock in das Apartement 28.
Während die Dizengoff Street allgemein als die Amüsier- und Ladenmeile mit hippen Bars, Cafés und Publikum gilt, ist die parallel liegende Ben Yehuda Street die hemdsärmligere Ergänzung dazu. Etwas breiter und weniger anschaulich, dafür mit bodenständigen Restaurants, Geschäften und Menschen gesegnet, kommt sie mir einladender und besser zu meiner Durchschnittserscheinung passend vor.
Im regelmäßigen, aber vergänglichen WLAN-Schatten der Dan-Busse, in dessen Netzwerk sich mein Handy nun regelmäßig einloggt, bedeutet mir Google-Maps links abzubiegen. Nebenbei begreife ich das System der Tel Aviver Hausnummern, welches etwas gewöhnungsbedürftig ist.
Im Norden fängt es auf der einen Seite mit der 1 an geht in ungeraden Zahlen gen Süden bis zur höchsten Ziffer; auf der anderen Straßenseite geht es dann im äußersten Süden mit der 2 los und endet wiederum im Norden bei der höchsten Ziffer.
Warum haben die hier bei ihren kuriosen Hausnummerierungen, den Steckdosen und der Schrift eigentlich nicht Linksverkehr? Mann, Mann, Mann...!?
In einem der ewig gleich aussehenden Betonkästen mit Geschäften, oder Restaurants im Erdgeschoss, Müllcontainern an der Seite und etlichen Klimaanlagen an den Außenwänden werde ich fündig: die Nummer 128. Die Klingeln sind zwar beschriftet, da ich aber lediglich den Vornamen Ofir übermittelt bekommen habe bin ich mit den vielen Namen auf den Klingelschildern überfordert.
Wäre die Besiedelung damals gescheitert, wäre jetzt wohl ein „Sesam öffne dich“ angebracht. Obwohl, dann würde ich wohl eher einen Bretterverschlag betreten, anstatt des glatt geschliffenen und unpersönlichen, dafür aber mit großem Spiegel bestückten Eingangsbereiches, der derweil noch unerreichbar vor mir liegt.
Da aber auch ein Goi mit einer gewissen Chuzpe gesegnet sein kann, klingle ich einfach an diversen Namensschildern und wage gleichzeitig einen Vorstoß in Richtung Haustür. Diese öffnet sich ohne fremden Zutuns und mit den hinter mir im Äther verhallenden Stimmen angeklingelter Anwohner stehe ich plötzlich im Spiegelsaal und sehe ich mich mit mir selbst konfrontiert.
Nach ca. 3000km, bzw. viereinhalb Stunden Flug, knapp vier Stunden Schlaf und einigen Kilometern Fußmarsch mit Rucksack in den Knochen sehe ich noch recht passabel aus.
Der Dreitagebart verleiht meinem bebrillten Harry-Potter-Gesicht einen etwas männlicheren Zug, die Ray-Ban mit den abfleddernden Lederapplikationen zeugt von kosmopolitischer Verwegenheit und letztlich die Aussicht nach wenigen Treppenstufen, der obligatorischen Begrüßung und Einweisung durch den Gastgeber und dem Abladen des Gepäcks den Urlaub so richtig zu beginnen, stimmen mich um einiges wacher und lassen neue Energie in mir aufkommen.






