Dienstag, 23. Oktober 2018

ISRAEL 2018 - Einleitung Teil II


Einleitung – Teil II

Ich liebe Low-Cost-Carrier. Vor allem, wenn sie vom Flughafen Tegel fliegen. Dieser liegt nur 14 Minuten Fahrt mit dem Bus von mir entfernt und von Haustür zum Terminal sind es keine Zwanzig Minuten - sofern der Bus pünktlich ist, was man bei der BVG natürlich nie so genau weiß. 
Seitdem die Fluggesellschaft, die sich nie entscheiden konnte, ob sie billig, oder Premium sein will, nicht mehr existiert und somit Platz für die beiden großen Billig-Flieger gemacht hat, ist das Leben hinsichtlich Verreisen für mich um einiges entspannter geworden, da ich nicht unbedingt mehr nach Schönefeld fahren muss, was ungleich mehr Fahrtzeit bedeutet.
Bei der vergangenen Volksabstimmung habe ich für den Weiterbetrieb von Tegel gestimmt, auch wenn ich in der direkten Einflugschneise wohne. Aber was soll ich machen? Die Illusion den Zugang zur weiten Welt um die Ecke zu haben ist für mich wichtiger als CO2-Ausstoß und Zimmerlautstärke. Ich finde es geil für super wenig Geld durch die Gegend zu fliegen und verschwende kaum Gedanken an das Personal, welches unter widrigen Bedingungen ihre Arbeit verrichten muss.
Was sagt das über mich aus? Ich hoffe zunächst einmal gar nichts. Dennoch bin ich mir bewusst, dass ich und bestimmt auch viele Andere, sich eine vorschnelle Meinung über Menschen, Dinge und Sachverhalte auf Grund spärlicher, oder mangelnder Informationen, Vorurteile und Phantasien machen. Ich finde so ein Verhalten im Übrigen gar nicht schlimm und bedenklich, sondern viel mehr menschlich und normal. Wir denken stets in Kategorien, sind die Summe unser Erfahrungen, Annahmen und nicht zuletzt Neurosen. Manche Lesenden entdecken sich womöglich in dem hier Geschriebenen wieder, andere denken sich eventuell: „Was ist denn das für ein blasierter Dödel?!“
Ähnlich geht es sicherlich vielen Leuten, wenn sie an eine Reise nach Israel, oder gar dessen bloße Existenz denken.
Entstammt man einer gewissen Peer-Group, dann scheiden sich die Geister an diesem Staat. Ich spreche von den moderaten Linken, Alternativen, Liberalen dieser Gesellschaft. Die, die Grün, wählen, maximal mit der Zweitstimme einen Vorstoß Richtung blau wagen, vielleicht die Hoffnung auf eine Renaissance der SPD noch nicht begraben haben und die Linke nur deswegen toll finden, weil ein Gysi doch so ein raffinierter Redner sei; Vergangenheit unwichtig.
Und wie in der derzeitigen Parteienlandschaft auch, zerfleischt man sich zuweilen innerhalb der eigenen Gruppierung hinsichtlich wichtiger und weniger wichtiger Dinge.
Vortrefflich dafür eignen tut sich das Thema Israel. Schnell kommt es in der Diskussion zu hitzigen Brandreden der Beteiligten. Die einen Pro, die anderen Contra. Die einen sachlich, zuweilen bis zur Überheblichkeit, gestützt durch harte Fakten, die anderen leidenschaftlich bis wirr, sich auf die Werte eines allumfassenden Humanismus berufend.
Zu Henryk M. Broder kann man stehen wie man will, aber mit einer Aussage hat er Recht: die Deutschen sind besessen von Auschwitz und obsessiv in ihrer Verteidigung für, bzw. der Verdammung gegen den Staat Israel und die Juden.
Spricht man mit Menschen des gleichen Schlags aus z.B. Spanien, Amerika, Schweden oder gar dem arabischen Raum, ist die Meinung wenigstens einhellig: Man ist in der Regel geschlossen gegen Israel.
Allerdings wird (meiner Erfahrung nach) weniger mit dem Lieblingsvorwurf vieler Deutschen argumentiert a la „Wie können die Juden nur so etwas mit den Palästinensern tun, wo sie doch selber den Holocaust erlebt haben“, als dem altbackenen Verständnis des Antiimperialismus gefröhnt, welches primär der Empörung über die fremde Aneignung von Land und Ressourcen Raum lässt und sekundär den Hinweis auf die noch böseren USA einstreut.
Macht das die Sache besser? Sicherlich nicht.
Beiden, von manchen Menschen gerne als moderne Antisemiten betitelte, Gruppen gleich ist jedoch, dass sie bezüglich Israel immer zweierlei Maß anwenden. Den sogenannten doppelten Standard. Ganz egal ob in Brasilien die Urwaldbevölkerung vertrieben und ermordet, in China die Uiguren um ihre Freiheit bangen müssen, oder Nordkorea als „amüsantere DDR“ belächelt wird. Geschieht irgendwo Unrecht auf der Welt, dann heißt es: „Ja, ist schlimm, müsste man mal was gegen tun...“ Aber kaum „macht“ Israel etwas, dann ist die Kacke am dampfen, aber so richtig und schon befindet sich ein gewisser Teil Deutschlands in einem Hick-Hack aus Anklagen und Rechtfertigungen.
Und – gänzlich Deutsch – wissen es alle besser und eine Freundschaft, ungeachtet der jeweiligen Positionen, scheint schier unmöglich. Bei Politik hört der Spaß eben auf.
Ich schreibe das hier nicht, weil ich ein besonderer Israel-Freund bin, sondern weil es mir als eine relativ nüchterne Analyse des Ist-Zustands erscheint.
Und dennoch wird gewahr, dass auch ich durch Verfassen dieses Textes und der offensichtlich oft und breit geführten Diskussionen mit anderen "Besessenen" schon längst mit in den Sog der Obsession geraten bin und einen Platz unter meinesgleichen halte.
Den eingeschworenen Philosemiten wird all das mit Sicherheit bekannt sein; hoffentlich zu zustimmendem Nicken führen. Womöglich fühlt sich sogar jemand ertappt und klopft sich in Gedanken milde, nachsichtig und väterlich auf die geistige Schulter. Das freut mich, aber gleichzeitig fordert es mich auch heraus.
Ich habe mich deswegen entschieden einfach die Political Correctness außer Acht zu lassen, ohne diese bewusst herauszufordern, mich von etwaiger Koketterie mit irgendwelchen Gruppierungen und Werten fernzuhalten und rein subjektiv bzw. frei Schnauze zu schreiben.
Und hier schließt sich nun der Kreis zu den eingangs beschriebenen Vorurteilen, Annahmen und Neurosen. Denn letztlich werde ich im Folgenden einen großen Teil meines Denkens und meines Ichs offenbaren und euch dadurch hoffentlich prächtig mit einer weiteren Facetten des menschlichen „Bescheuert-Seins“ amüsieren.



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