Tag 1 – Montag
Es ist 1:50 Uhr in der Nacht und ich muss in vier Stunden das Haus verlassen,
um pünktlich am Airport zu sein. Obwohl ich innerlich wenig
Aufregung verspüre, kann ich partout nicht schlafen. Zudem scheint
eine Art Adrenalin-Fluidum von mir auszugehen, welches auch Solveig,
meine dreieinhalb Jahre alte Tochter, immer wieder aus dem Schlaf
holt. Sie kämpft sich neben mir durch das Bett, wacht alle dreißig
Minuten kurz auf, scheint unentschieden, ob sie in das eigene Bett,
welches sie sich mit ihrer großen Schwester teilt, und in dem auch
ihre Mutter liegt, oder bei mir verbleiben möchte.
Wenn ich es in den nächsten
Minuten schaffe wegzudämmern, dann blieben mir drei Stunden Schlaf.
Das wäre so ungefähr das absolute Minimum, um den kommenden Tag
durchzustehen. Insgeheim freue ich mich sogar darüber, da ich dann gegebenenfalls im Flieger
schlafen kann, was die gefühlte Flugzeit ungemein
verkürzen würde.
Alles hat eben seine guten Seiten und ist stets
eine Frage der Perspektive.
Während ich mich derartigen
Gedanken hingebe, scheine ich einzuschlafen, denn plötzlich klingelt
der Wecker und etwas gerädert, aber zielstrebig schieße ich nach knapp drei Stunden Schlaf aus dem Bett.
Meine Sachen habe
ich bereits am vorherigen Abend gepackt. Wie immer in der absoluten
Sparvariante. Drei Unterhosen, drei paar Socken, drei T-Shirts, ein
Hemd, eine kurze Hose, die gleichfalls als Badehose dient,
Kulturbeutel, ein Magazin, Reiseführer, Notizbuch, zwei
Kugelschreiber, Kamera, Objektiv, drei Akkus, Umhängetasche,
Portmonee, Handy, Aufladekabel und Flip-Flops. Dazu noch eine leere
Flasche Wasser, die ich nach der Sicherheitskontrolle mit feinster
Tegeler Rohrperle befüllen werde, selbst geschmierte Brote und zwei
Äpfel.
Handgepäck only – mehr bedarf es nicht.
Nachdem ich auf Toilette war und mich geduscht habe, ziehe ich mir
zur frischen Garnitur Unterwäsche eine lange Hose und einen Pullover
an, um auch für kühlere Abende, Klimaanlagen und nicht zuletzt der
Rückkehr in dieses zuweilen kalte Land gewappnet zu sein.
Grundsätzlich setze ich aber voraus, dass die Gegend, in die ich heute
reisen werde, wohlige Temperaturen für mich bereit hält und ich
eine Woche lang in der kurzen Hose des blauen Sport-Discounters,
Modell „Tennis“, verbringen kann, es sei denn Gebote des Anstands gebieten bedeckte Beine.
Ein
letzter Blick auf die Kinder, Küsse auf entspannte Wangen, im
Geiste, am Körper und im Rucksack nochmal alle Notwendigkeiten
gecheckt und los kann es gehen.
Ich verlasse um Punkt 6:00 Uhr
das Haus. Heute soll in Berlin ein letztmalig warmer und sonniger Tag
mit Temperaturen über zwanzig Grad herrschen. Ich gönne es den
Bewohnern, wiege mich zugleich in der Sicherheit die kommenden Tage
in zumindest klimatisch warmen und beständigen Gefilden verbringen
zu dürfen.
Wie bereits eingehend
erläutert, bestand der Wunsch eine Reise dorthin zu unternehmen
schon seit einigen Jahren. Im Frühling entschloss ich mich endlich
Nägeln mit Köpfen zu machen und die Flüge zu buchen. Ich hatte
bereits mit meiner Arbeit geklärt, dass ich eine längere unbezahlte
Auszeit nehmen möchte und als krönenden Abschluss wollte ich in die
Levante fliegen, konkret: Israel. Mit dem entsprechenden Vorlauf
gelang es mir die Tickets und reservierte Fensterplätze für
insgesamt 112 Euro zu bekommen. In dieser Hinsicht bin ich trotz
bereits dutzender absolvierter Flüge immer noch aufgeregt wie ein
Kind, wenn bei ich Start, Flug und Landung den Boden, die Wolken und
den Himmel betrachten kann.
Ich besteige wenige Minuten
später den 128er und finde auch hier mühelos einen Fensterplatz.
Das Gros an Passagieren steigt zu dieser Uhrzeit erst am U-Bahnhof
Kurt Schumacher Platz ein. Nun sitzen lediglich ein paar Flughafen-
und Sicherheitsangestellte im Fond und starren vor sich hin. Mein
Blick schweift über deren Gesichter und ich fühle mich, wie ich
mich immer fühle, wenn ich solo unterwegs bin. Verwegen, etwas
stolz, zunehmend aufgeregt und verdammt gut. Heute dazu ein wenig
privilegiert.
Was denken wohl die einfachen Angestellten des
Flughafens, die nur wenige Euros über dem Mindestlohn verdienen,
über die tägliche Fracht an Bohemiens und Geschäftsmenschen, die
sie zu tausenden, Tag für Tag über sich ergehen lassen müssen?
Würden sie auch gerne öfter Verreisen? Was sind ihre Träume,
Wünsche und Sehnsüchte? Ich weiß es nicht und eigentlich will ich
es auch nicht wissen. Ich habe frei, vor mir liegt eine Woche voller
freudiger Erwartungen und ich bin verdammt gaga vor Müdigkeit und
Aufregung.
Am „Kutschi“ wird
der Bus voll. Der Anschluss an die U6 und viele weitere Buslinien
machen es möglich. Rollkoffer, Trollys, Rucksäcke, Kaffeebecher und Menschen. Ich
mache einer jungen Frau im Business-Dress Platz, die zwar perfekt
geschminkt ist, aber deren Augen noch jegliche, für ihren Job
sicherlich unerlässliche, Klarheit vermissen lassen. Zumindest
lächelt sie mich entschuldigend an und sagt „sorry“, als sie
beim Hinsetzen unfreiwillig ihre Rundungen gegen mich rammelt. Ich
lächle zurück, antworte nicht weniger weltgewandt mit „no
problem“ und für einen kurzen Augenblick sind wir Komplizen in
einer Welt, die das Bodenständige und Globalisierte mittels klarer
Codes voneinander trennt.
In diesem Bus kennt ein jeder seinen
Platz.
Wenige Minuten später dann Endstation
Tegel-Airport. Gelassen lasse ich den anderen Insassen den Vortritt,
denn ich habe keinen Grund zur Eile. Hier kenne ich mich aus. Im
Terminal A einen Blick auf die Anzeige. Sie verrät, dass ich zum
Terminal C muss. Dieser liegt etwas Abseits vom Hauptgebäude, ist
aber durch einen ca. 200m langen Gang noch verhältnismäßig schnell
zu erreichen. Bezüglich möglicher Sicherheitskontrollen bin ich
heute, entgegen meiner sonstigen Gewohnheiten, äußerst zeitig vor dem Abflug
erschienen. So macht es mir dann auch nichts aus, als ich im Terminal
C erfahre, dass ich wieder retour zum Terminal B soll. Dort
angekommen verläuft alles äußerst gemächlich. Die Passagiere nach
Tel Aviv werden nur oberflächlich im Security-Bereich gecheckt und
verbringen die restliche Zeit bis zum Boarding in einem dieser
kleinen schnuckeligen Warteräume mit Metallsitzen.
Weil
alles so schnell geht, bin ich fast als Erster durch die Kontrolle und kann mir
seelenruhig die anderen Flugpassagiere angucken. Dieses ist ein bunt
gemischtes Volk aus jungen Menschen, Familien und immerhin zwei
Kopftuchträgerinnen. Insgesamt sehen die Mitreisenden ernüchternd normal aus.
Typisches Billig-Flieger-Klientel eben.
Da ich langsam müde werde,
erspare ich mir weitere Blicke und Interpretationen, tauche
stattdessen in einen Podcast über den Boxeraufstand in China ein und
lasse den Beitrag über die Gründung Israels im Äther liegen.
Das Boarding und der Transport per Bus zum Flugzeug ziehen sich
hin, da mal wieder zu wenig Personal vorhanden sei, wie uns der
Kapitän später entschuldigend per Lautsprecher mitteilt. Mit einer
knappen halben Stunde Verspätung heben wir gegen 09:30 Uhr ab.
Der
Flug vergeht, wie Flüge eben vergehen. Gucken, Lesen, Essen, zur
Toilette durchdrängeln, hinter der Saftschubse warten, bis der Gang
zum Platz wieder frei ist, Sorry hier, Entschuldigung da, Hinquetschen, Gucken und vor Allem
Sitzen, Sitzen, Sitzen. Immerhin schaffe ich es zwischen
Bulgarien und dem Mittelmeer eine gute Stunde zu schlafen. Nach einer
weiteren viertel Stunde des Klarkommens ertönt plötzlich ein
Knacken und der Kapitän kündigt an, dass wir in wenigen Minuten
landen werden. Das Wetter sei super, 28 Grad und wir hätten zehn
Minuten der Verspätung wieder eingeholt.
Da ich einen
Fensterplatz habe, starre ich nun unentwegt nach draußen. Bereits
jetzt kann ich ein paar Erdgasfördertürme sehen und auch der
Schiffsverkehr nimmt zu. Die Küste Israels kann nicht mehr weit
sein. So rückt wenig später ein ziemlich gerader Küstenstreifen
ins Blickfeld. Noch dominiert das Blau des Meeres, doch zunehmend
verschafft sich ein Farbeklektizismus aus Sandfarben, Grau, Braun und
Grün Raum. Zusehens werden erkennbare Strukturen von Landwirtschaft,
kargen Ebenen und großstädtischer Be- und Zersiedlung sichtbar.
Plötzlich erscheint ein karges Nah-Ost-Miami mit Wolkenkratzern
und kristallblauem Strand im rechten Fensterrand. Mein Herz macht
einen leichten Sprung und in mir regt sich ein Gefühl des Glücks.
Das muss dann wohl Tel-Aviv sein!
Wir überfliegen ein
weiß-graues Häusermeer. Mäandernde Straßen zu den mannigfaltigen
Satellitenstädten und grüne bewirtschaftete Rechtecke lassen auf
die Blitz-Urbarmachung dieses Landstrichs schließen.
Schließlich
setzt der Flieger zur Landung an und nach vollendetem Aufsetzen
brandet ein begeistertes Klatschen auf, wie ich es seit einem
Griechenlandurlaub mit meiner Familie vor 25 Jahren nicht mehr gehört
habe.
Wir rollen um 13:25 Uhr Ortszeit aus und parken. Ich checke meine
Sachen und versichere mich, dass mein Reisepass, mein Handy und meine
Kreditkarte noch da sind. Wenn man ehrlich ist, dann benötigt man
heutzutage eigentlich nichts anderes mehr. Geld bekommt man am
Automaten, Sachen kann man notfalls kaufen, das Handy ist mittels
kostenlosem EU-Roaming, oder zugekaufter Sim-Karte universell
einsetzbar und der deutsche Reisepass ist eines der
barrierefreiesten Dokumente, das man sich zum Reisen wünschen kann.
Für mich ist es immer ein besonderer Moment, wenn
ich zum ersten Mal die Luft eines fremden Landes atmen kann. Die
Flugzeugtür geht auf und je nach Region geht man unmittelbar in ein
anderes Klima mit eigenen Gerüchen über. Wäre da nicht das
Gedrängel und Vorwärtsstreben, könnte man diesen Moment des
olfaktorischen Ankommens intensiver genießen. So bleibt es heute bei
einer kurzen Wahrnehmung von warmer, trockener Luft, Gummi, Spuren
von Kräutern und Weihrauch und Popel-anregendem Staub, die schon vor
dem Besteigen des Shuttle Busses wieder durch allgemeine Geschäftigkeit
in Vergessenheit gerät.
Den Bus betretend checke ich abermals
den Verbleib meiner Kreditkarte, des Handys und des Reisepasses.
Gleich wird es bekanntlich ernst, zählen die Einreisebestimmungen
des Israelischen Staates doch zu den strengeren.
Die
Busfahrt zum Terminal dauert geschlagene zehn Minuten, da die
Billigflieger aus Kostengründen am hintersten Ende des Airports
geparkt werden. Zudem lässt der Busfahrer gefühlt alle drei
Sekunden einen Lieferwagen, ein Polizeiauto, oder einen gepanzerten
Limousinenkonvoi passieren. Endlich angekommen laufen wir auf einer großen und ziemlich stylischen Rampe durch eine Halle, die nicht nur
an einen modernen Tempel erinnert, sondern uns direkt zur
Passkontrolle führt. Schon von weitem sind lange Menschenschlangen vor einer
Vielzahl von nebeneinander aufgereihten kleinen Kabinen erkennbar, von
denen ca. die Hälfte mit Personal besetzt ist. Es sammeln sich Reisende aus aller Herren Länder in unterschiedlichster Größe und
Coleur. Auch wenn das jährliche Passagieraufkommen des
Ben-Gurion-Airports bei weitem unter dem von Tegel liegt, ist es
eindeutig ein sehr viel internationaler Flughafen, als der zukünftige
BER es vermutlich je sein wird. Die Vielfalt an Großraumflugzeugen
und exotischen Airline-Logos, die wir bei der Busfahrt sehen könnten, findet in der bunten Schar der Wartenden
seine Bestätigung.
Wie auch im Supermarkt ist es nicht einfach die
schnellste Schlange zu finden. Ich vertraue auf meine Intuition und
stelle mich direkt an das Ende der ersten und hoffe aufs Beste. Ich
habe gelesen, dass die Einreise gerne mal längere Zeit in Anspruch
nimmt. Der Beamte in meiner Kabine nimmt sich pro Person etwa zwei
Minuten Zeit. Noch stehen ca. fünfzehn Leute vor mir, um mich herum
sieht es nicht viel anders aus. Zeit also, um mich bei meinen
Liebsten zu melden und eine gute Landung mitzuteilen.
Ich schalte
mein Handy vom Flugmodus in den normalen und bekomme sofort die typischen SMS meines Vertragsanbieters. Die Tarife lassen mich
schlucken. Unter anderem wird mir großzügig angeboten ganze 6MB
Datenvolumen für zwei Euro erstehen zu können. Ich müsste nur mit
„WORLD“ antworten. Zwar checke ich gleich erfolgreich im freien
WLAN des Airports ein und versende die obligatorischen Nachrichten
per Messenger, da man aber nie wissen kann, kaufe ich vorsichtshalber
die angepriesenen 6MB.
Gemächlich, aber stetig
geht es weiter. Die Menge vor mir lichtet sich zusehends. Endlich ist
das spanisch sprechende Pärchen vor mir dran und hinter mir murmelt
eine deutsche und vermutlich bereits Israelreise-erfahrene Familie,
dass es heute aber ziemlich schnell voran ginge.
Als ich
schließlich vortreten möchte, steht der Beamte abrupt auf und weist
mich an, „to wait for one Minute!“ Ich drehe mich zu der Familie
um und entgegne leicht ironisch: „Haben sie nicht grad gesagt, dass
es heute schnell gehe?“ Entschuldigendes Achselzucken.
Offensichtlich musste der Herr Staatsdiener mal für kleine
Grenzbeamten, denn tatsächlich sieht man ihn nur etwas mehr als eine
Minute später, dass Hemd in die Hose stopfend, wieder zur Kabine
kommen.
Nun beginnt der spannende Teil der Reise. Werde ich
reingelassen? Welchen Fragen muss ich mich stellen? Haben Hacker der
israelischen Regierung Kompromittierendes über mich herausgefunden,
welches nun den direkten Weg auf den Bildschirm des Grenzers findet und ihn dazu veranlasst mich mit Schimpf und Schande vor den Augen
aller Wartenden in ein kleines Verhörzimmer, dessen Tür nur
außenseitig zu öffnen ist, abzuführen; in dem ich erst stundenlang
alleine gelassen werde und letztlich derart weichgekocht bin alles
zu gestehen, was mir vorgeworfen wird, nur um irgendwann wieder die Gelegenheit zu bekommen,
meine Kinder in die Arme zu schließen?
Ich muss zugeben, dass
ich nasse Hände und weiche Knie habe, als ich endlich heran gewunken
werde. Nach einer kurzen Begrüßung und Übergabe des Passes
verstehe ich dann gleich die erste Frage des Grenzers nicht.
Peinlich. Ich glaube, ich werde rot - höchst verdächtig.
„I
am sorry, i didn`t got it...“ - „Is it your first visit in
Israel?“ - „Äh, yes“ - bricht es ein wenig zu schnell aus mir
heraus.
Der Typ fragt nach dem Grund meines Besuchs und ob
ich jemanden hier kennen würde, woraufhin ich mit „just for vacation“
und „no“ antworte. Daraufhin händigt er mir schon wieder meinen Pass und die Einreisekarte
aus, wünscht „a pleasant stay“ und ist in Gedanken bereits beim nächsten Einreisenden, während ich noch bedeppert, ob des
schnellen Abfertigens, den Weg blockiere und nicht weiß, wohin ich
mit den Papieren in meiner Hand soll.



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