Donnerstag, 25. Oktober 2018

ISRAEL 2018 - Tag 1, Teil I


Tag 1 – Montag
Es ist 1:50 Uhr in der Nacht und ich muss in vier Stunden das Haus verlassen, um pünktlich am Airport zu sein. Obwohl ich innerlich wenig Aufregung verspüre, kann ich partout nicht schlafen. Zudem scheint eine Art Adrenalin-Fluidum von mir auszugehen, welches auch Solveig, meine dreieinhalb Jahre alte Tochter, immer wieder aus dem Schlaf holt. Sie kämpft sich neben mir durch das Bett, wacht alle dreißig Minuten kurz auf, scheint unentschieden, ob sie in das eigene Bett, welches sie sich mit ihrer großen Schwester teilt, und in dem auch ihre Mutter liegt, oder bei mir verbleiben möchte.
Wenn ich es in den nächsten Minuten schaffe wegzudämmern, dann blieben mir drei Stunden Schlaf. Das wäre so ungefähr das absolute Minimum, um den kommenden Tag durchzustehen. Insgeheim freue ich mich sogar darüber, da ich dann gegebenenfalls im Flieger schlafen kann, was die gefühlte Flugzeit ungemein verkürzen würde. 
Alles hat eben seine guten Seiten und ist stets eine Frage der Perspektive.
Während ich mich derartigen Gedanken hingebe, scheine ich einzuschlafen, denn plötzlich klingelt der Wecker und etwas gerädert, aber zielstrebig schieße ich nach knapp drei Stunden Schlaf aus dem Bett. 
Meine Sachen habe ich bereits am vorherigen Abend gepackt. Wie immer in der absoluten Sparvariante. Drei Unterhosen, drei paar Socken, drei T-Shirts, ein Hemd, eine kurze Hose, die gleichfalls als Badehose dient, Kulturbeutel, ein Magazin, Reiseführer, Notizbuch, zwei Kugelschreiber, Kamera, Objektiv, drei Akkus, Umhängetasche, Portmonee, Handy, Aufladekabel und Flip-Flops. Dazu noch eine leere Flasche Wasser, die ich nach der Sicherheitskontrolle mit feinster Tegeler Rohrperle befüllen werde, selbst geschmierte Brote und zwei Äpfel. 
Handgepäck only – mehr bedarf es nicht.
Nachdem ich auf Toilette war und mich geduscht habe, ziehe ich mir zur frischen Garnitur Unterwäsche eine lange Hose und einen Pullover an, um auch für kühlere Abende, Klimaanlagen und nicht zuletzt der Rückkehr in dieses zuweilen kalte Land gewappnet zu sein. Grundsätzlich setze ich aber voraus, dass die Gegend, in die ich heute reisen werde, wohlige Temperaturen für mich bereit hält und ich eine Woche lang in der kurzen Hose des blauen Sport-Discounters, Modell „Tennis“, verbringen kann, es sei denn Gebote des Anstands gebieten bedeckte Beine. 
Ein letzter Blick auf die Kinder, Küsse auf entspannte Wangen, im Geiste, am Körper und im Rucksack nochmal alle Notwendigkeiten gecheckt und los kann es gehen. 
Ich verlasse um Punkt 6:00 Uhr das Haus. Heute soll in Berlin ein letztmalig warmer und sonniger Tag mit Temperaturen über zwanzig Grad herrschen. Ich gönne es den Bewohnern, wiege mich zugleich in der Sicherheit die kommenden Tage in zumindest klimatisch warmen und beständigen Gefilden verbringen zu dürfen.
Wie bereits eingehend erläutert, bestand der Wunsch eine Reise dorthin zu unternehmen schon seit einigen Jahren. Im Frühling entschloss ich mich endlich Nägeln mit Köpfen zu machen und die Flüge zu buchen. Ich hatte bereits mit meiner Arbeit geklärt, dass ich eine längere unbezahlte Auszeit nehmen möchte und als krönenden Abschluss wollte ich in die Levante fliegen, konkret: Israel. Mit dem entsprechenden Vorlauf gelang es mir die Tickets und reservierte Fensterplätze für insgesamt 112 Euro zu bekommen. In dieser Hinsicht bin ich trotz bereits dutzender absolvierter Flüge immer noch aufgeregt wie ein Kind, wenn bei ich Start, Flug und Landung den Boden, die Wolken und den Himmel betrachten kann.
Ich besteige wenige Minuten später den 128er und finde auch hier mühelos einen Fensterplatz. Das Gros an Passagieren steigt zu dieser Uhrzeit erst am U-Bahnhof Kurt Schumacher Platz ein. Nun sitzen lediglich ein paar Flughafen- und Sicherheitsangestellte im Fond und starren vor sich hin. Mein Blick schweift über deren Gesichter und ich fühle mich, wie ich mich immer fühle, wenn ich solo unterwegs bin. Verwegen, etwas stolz, zunehmend aufgeregt und verdammt gut. Heute dazu ein wenig privilegiert. 
Was denken wohl die einfachen Angestellten des Flughafens, die nur wenige Euros über dem Mindestlohn verdienen, über die tägliche Fracht an Bohemiens und Geschäftsmenschen, die sie zu tausenden, Tag für Tag über sich ergehen lassen müssen? Würden sie auch gerne öfter Verreisen? Was sind ihre Träume, Wünsche und Sehnsüchte? Ich weiß es nicht und eigentlich will ich es auch nicht wissen. Ich habe frei, vor mir liegt eine Woche voller freudiger Erwartungen und ich bin verdammt gaga vor Müdigkeit und Aufregung.
Am „Kutschi“ wird der Bus voll. Der Anschluss an die U6 und viele weitere Buslinien machen es möglich. Rollkoffer, Trollys, Rucksäcke, Kaffeebecher und Menschen. Ich mache einer jungen Frau im Business-Dress Platz, die zwar perfekt geschminkt ist, aber deren Augen noch jegliche, für ihren Job sicherlich unerlässliche, Klarheit vermissen lassen. Zumindest lächelt sie mich entschuldigend an und sagt „sorry“, als sie beim Hinsetzen unfreiwillig ihre Rundungen gegen mich rammelt. Ich lächle zurück, antworte nicht weniger weltgewandt mit „no problem“ und für einen kurzen Augenblick sind wir Komplizen in einer Welt, die das Bodenständige und Globalisierte mittels klarer Codes voneinander trennt. 
In diesem Bus kennt ein jeder seinen Platz. 
Wenige Minuten später dann Endstation Tegel-Airport. Gelassen lasse ich den anderen Insassen den Vortritt, denn ich habe keinen Grund zur Eile. Hier kenne ich mich aus. Im Terminal A einen Blick auf die Anzeige. Sie verrät, dass ich zum Terminal C muss. Dieser liegt etwas Abseits vom Hauptgebäude, ist aber durch einen ca. 200m langen Gang noch verhältnismäßig schnell zu erreichen. Bezüglich möglicher Sicherheitskontrollen bin ich heute, entgegen meiner sonstigen Gewohnheiten, äußerst zeitig vor dem Abflug erschienen. So macht es mir dann auch nichts aus, als ich im Terminal C erfahre, dass ich wieder retour zum Terminal B soll. Dort angekommen verläuft alles äußerst gemächlich. Die Passagiere nach Tel Aviv werden nur oberflächlich im Security-Bereich gecheckt und verbringen die restliche Zeit bis zum Boarding in einem dieser kleinen schnuckeligen Warteräume mit Metallsitzen. 
Weil alles so schnell geht, bin ich fast als Erster durch die Kontrolle und kann mir seelenruhig die anderen Flugpassagiere angucken. Dieses ist ein bunt gemischtes Volk aus jungen Menschen, Familien und immerhin zwei Kopftuchträgerinnen. Insgesamt sehen die Mitreisenden ernüchternd normal aus. Typisches Billig-Flieger-Klientel eben. 
Da ich langsam müde werde, erspare ich mir weitere Blicke und Interpretationen, tauche stattdessen in einen Podcast über den Boxeraufstand in China ein und lasse den Beitrag über die Gründung Israels im Äther liegen. 
Das Boarding und der Transport per Bus zum Flugzeug ziehen sich hin, da mal wieder zu wenig Personal vorhanden sei, wie uns der Kapitän später entschuldigend per Lautsprecher mitteilt. Mit einer knappen halben Stunde Verspätung heben wir gegen 09:30 Uhr ab. 
Der Flug vergeht, wie Flüge eben vergehen. Gucken, Lesen, Essen, zur Toilette durchdrängeln, hinter der Saftschubse warten, bis der Gang zum Platz wieder frei ist, Sorry hier, Entschuldigung da, Hinquetschen, Gucken und vor Allem Sitzen, Sitzen, Sitzen. Immerhin schaffe ich es zwischen Bulgarien und dem Mittelmeer eine gute Stunde zu schlafen. Nach einer weiteren viertel Stunde des Klarkommens ertönt plötzlich ein Knacken und der Kapitän kündigt an, dass wir in wenigen Minuten landen werden. Das Wetter sei super, 28 Grad und wir hätten zehn Minuten der Verspätung wieder eingeholt.
Da ich einen Fensterplatz habe, starre ich nun unentwegt nach draußen. Bereits jetzt kann ich ein paar Erdgasfördertürme sehen und auch der Schiffsverkehr nimmt zu. Die Küste Israels kann nicht mehr weit sein. So rückt wenig später ein ziemlich gerader Küstenstreifen ins Blickfeld. Noch dominiert das Blau des Meeres, doch zunehmend verschafft sich ein Farbeklektizismus aus Sandfarben, Grau, Braun und Grün Raum. Zusehens werden erkennbare Strukturen von Landwirtschaft, kargen Ebenen und großstädtischer Be- und Zersiedlung sichtbar. 
Plötzlich erscheint ein karges Nah-Ost-Miami mit Wolkenkratzern und kristallblauem Strand im rechten Fensterrand. Mein Herz macht einen leichten Sprung und in mir regt sich ein Gefühl des Glücks. Das muss dann wohl Tel-Aviv sein!
Wir überfliegen ein weiß-graues Häusermeer. Mäandernde Straßen zu den mannigfaltigen Satellitenstädten und grüne bewirtschaftete Rechtecke lassen auf die Blitz-Urbarmachung dieses Landstrichs schließen. 
Schließlich setzt der Flieger zur Landung an und nach vollendetem Aufsetzen brandet ein begeistertes Klatschen auf, wie ich es seit einem Griechenlandurlaub mit meiner Familie vor 25 Jahren nicht mehr gehört habe. 
Wir rollen um 13:25 Uhr Ortszeit aus und parken. Ich checke meine Sachen und versichere mich, dass mein Reisepass, mein Handy und meine Kreditkarte noch da sind. Wenn man ehrlich ist, dann benötigt man heutzutage eigentlich nichts anderes mehr. Geld bekommt man am Automaten, Sachen kann man notfalls kaufen, das Handy ist mittels kostenlosem EU-Roaming, oder zugekaufter Sim-Karte universell einsetzbar und der deutsche Reisepass ist eines der barrierefreiesten Dokumente, das man sich zum Reisen wünschen kann. 
Für mich ist es immer ein besonderer Moment, wenn ich zum ersten Mal die Luft eines fremden Landes atmen kann. Die Flugzeugtür geht auf und je nach Region geht man unmittelbar in ein anderes Klima mit eigenen Gerüchen über. Wäre da nicht das Gedrängel und Vorwärtsstreben, könnte man diesen Moment des olfaktorischen Ankommens intensiver genießen. So bleibt es heute bei einer kurzen Wahrnehmung von warmer, trockener Luft, Gummi, Spuren von Kräutern und Weihrauch und Popel-anregendem Staub, die schon vor dem Besteigen des Shuttle Busses wieder durch allgemeine Geschäftigkeit in Vergessenheit gerät.
Den Bus betretend checke ich abermals den Verbleib meiner Kreditkarte, des Handys und des Reisepasses. Gleich wird es bekanntlich ernst, zählen die Einreisebestimmungen des Israelischen Staates doch zu den strengeren. 
Die Busfahrt zum Terminal dauert geschlagene zehn Minuten, da die Billigflieger aus Kostengründen am hintersten Ende des Airports geparkt werden. Zudem lässt der Busfahrer gefühlt alle drei Sekunden einen Lieferwagen, ein Polizeiauto, oder einen gepanzerten Limousinenkonvoi passieren. Endlich angekommen laufen wir auf einer großen und ziemlich stylischen Rampe durch eine Halle, die nicht nur an einen modernen Tempel erinnert, sondern uns direkt zur Passkontrolle führt. Schon von weitem sind lange Menschenschlangen vor einer Vielzahl von nebeneinander aufgereihten kleinen Kabinen erkennbar, von denen ca. die Hälfte mit Personal besetzt ist. Es sammeln sich Reisende aus aller Herren Länder in unterschiedlichster Größe und Coleur. Auch wenn das jährliche Passagieraufkommen des Ben-Gurion-Airports bei weitem unter dem von Tegel liegt, ist es eindeutig ein sehr viel internationaler Flughafen, als der zukünftige BER es vermutlich je sein wird. Die Vielfalt an Großraumflugzeugen und exotischen Airline-Logos, die wir bei der Busfahrt sehen könnten, findet in der bunten Schar der Wartenden seine Bestätigung.
Wie auch im Supermarkt ist es nicht einfach die schnellste Schlange zu finden. Ich vertraue auf meine Intuition und stelle mich direkt an das Ende der ersten und hoffe aufs Beste. Ich habe gelesen, dass die Einreise gerne mal längere Zeit in Anspruch nimmt. Der Beamte in meiner Kabine nimmt sich pro Person etwa zwei Minuten Zeit. Noch stehen ca. fünfzehn Leute vor mir, um mich herum sieht es nicht viel anders aus. Zeit also, um mich bei meinen Liebsten zu melden und eine gute Landung mitzuteilen. 
Ich schalte mein Handy vom Flugmodus in den normalen und bekomme sofort die typischen SMS meines Vertragsanbieters. Die Tarife lassen mich schlucken. Unter anderem wird mir großzügig angeboten ganze 6MB Datenvolumen für zwei Euro erstehen zu können. Ich müsste nur mit „WORLD“ antworten. Zwar checke ich gleich erfolgreich im freien WLAN des Airports ein und versende die obligatorischen Nachrichten per Messenger, da man aber nie wissen kann, kaufe ich vorsichtshalber die angepriesenen 6MB. 
Gemächlich, aber stetig geht es weiter. Die Menge vor mir lichtet sich zusehends. Endlich ist das spanisch sprechende Pärchen vor mir dran und hinter mir murmelt eine deutsche und vermutlich bereits Israelreise-erfahrene Familie, dass es heute aber ziemlich schnell voran ginge. 
Als ich schließlich vortreten möchte, steht der Beamte abrupt auf und weist mich an, „to wait for one Minute!“ Ich drehe mich zu der Familie um und entgegne leicht ironisch: „Haben sie nicht grad gesagt, dass es heute schnell gehe?“ Entschuldigendes Achselzucken.
Offensichtlich musste der Herr Staatsdiener mal für kleine Grenzbeamten, denn tatsächlich sieht man ihn nur etwas mehr als eine Minute später, dass Hemd in die Hose stopfend, wieder zur Kabine kommen. 
Nun beginnt der spannende Teil der Reise. Werde ich reingelassen? Welchen Fragen muss ich mich stellen? Haben Hacker der israelischen Regierung Kompromittierendes über mich herausgefunden, welches nun den direkten Weg auf den Bildschirm des Grenzers findet und ihn dazu veranlasst mich mit Schimpf und Schande vor den Augen aller Wartenden in ein kleines Verhörzimmer, dessen Tür nur außenseitig zu öffnen ist, abzuführen; in dem ich erst stundenlang alleine gelassen werde und letztlich derart weichgekocht bin alles zu gestehen, was mir vorgeworfen wird, nur um irgendwann wieder die Gelegenheit zu bekommen, meine Kinder in die Arme zu schließen? 
Ich muss zugeben, dass ich nasse Hände und weiche Knie habe, als ich endlich heran gewunken werde. Nach einer kurzen Begrüßung und Übergabe des Passes verstehe ich dann gleich die erste Frage des Grenzers nicht. Peinlich. Ich glaube, ich werde rot - höchst verdächtig. 
„I am sorry, i didn`t got it...“ - „Is it your first visit in Israel?“ - „Äh, yes“ - bricht es ein wenig zu schnell aus mir heraus. 
Der Typ fragt nach dem Grund meines Besuchs und ob ich jemanden hier kennen würde, woraufhin ich mit „just for vacation“ und „no“ antworte. Daraufhin händigt er mir schon wieder meinen Pass und die Einreisekarte aus, wünscht „a pleasant stay“ und ist in Gedanken bereits beim nächsten Einreisenden, während ich noch bedeppert, ob des schnellen Abfertigens, den Weg blockiere und nicht weiß, wohin ich mit den Papieren in meiner Hand soll.
Einreise überstanden!



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen