Golandhöhen und Golani Distillers November - 2019
Aus dem Controlling kam Anfang Oktober die Ansage, dass alle
Mitarbeitenden ihren Urlaub bis zum Ende des Jahres komplett zu nehmen hätten. Irgendwas mit Rückstellungsvermeidung und anderem Bilanzgedöns.
Da ich noch sieben Urlaubstage hatte, davon jedoch bereits fünf für
die Weihnachtsferien verplant waren, musste ich also dringend die zwei
verbleibenden Tage frei nehmen. Schnell war klar, dass im grauen Berliner
November und in Kombination mit einem Wochenende nur ein Reiseziel in
sonnigeren Gefilden in Frage käme. Ein Preischeck bei den üblichen Airlines
ergab ein unschlagbar günstiges Flugangebot inklusive
Mietwagen für vier Tage nach Israel für insgesamt knapp 200€.
Nun also doch wieder Israel.
Eigentlich dachte ich, nach meinem zweiten Besuch im Januar
diesen Jahres, mit dem kleinen Land vorerst durch zu sein. Aber aller guten
Dingen sind bekanntlich drei und irgendwie hatte ich sowieso das Gefühl hier
noch ein, zwei Sache abhaken zu müssen. Dazu gehörte auch der Besuch der
Golan-Heights Distillery im Nordosten Israels.
Stolz brüstet man sich dort mit dem Prädikat die erste Whisky Brennerei des Landes zu sein, was angesichts der rar gesäten Konkurrenz sicherlich nicht schwer ist. Gutes Marketing basiert eben oftmals auf mangelndem Wissen der Kunden ;)
Stolz brüstet man sich dort mit dem Prädikat die erste Whisky Brennerei des Landes zu sein, was angesichts der rar gesäten Konkurrenz sicherlich nicht schwer ist. Gutes Marketing basiert eben oftmals auf mangelndem Wissen der Kunden ;)
Nichtsdestotrotz ist es für mich, als ambitionierten
Whisky-Amateur, interessant einer privat geführten kleinen Destille einen
Besuch abzustatten; zumal diese in einer auch klimatisch ungewöhnlichen Region ein eher untypisches Genussmittel herstellt. Fallen einem für Israel wahrscheinlich eher Jaffa-Orangen
und anderes Grünzeugs, Hummus, koscheres Allerlei und maximal noch Rotwein, denn
Whisky ein.
Da dieses alkoholische Getränk jedoch, entgegen z.B. Champagner, keiner geschützten
Herkunftsbezeichnung unterliegt, sondern lediglich nach gewissen Regeln
hergestellt werden muss, ist es bei dem bereits lang anhaltenden Whiskyboom
verständlich, dass sich geneigte Enthusiasten auf der ganzen Welt an der
Destillierkunst des edlen Nasses versuchen. Den israelischen Pionieren aus dem Golan haftet
dabei zumindest kein schlechter Ruf an, den es im Folgenden zu
überprüfen gilt.
Nach Landung, Mietautoabholung, Hostelübernachtung, Badevergnügen und Wüstenwanderung in der Umgebung von Eilat fahre ich am späten Freitagabend entlang dem Toten Meer gen Norden. Passiere erst En Bokek, dann Masada, schwelge spätestens auf Höhe von Ein Gedi in den tiefen Erinnerungen meiner vorherigen Reisen ins gelobte Land. Wenig später überfahre ich die Grüne Linie, lasse mich mit der sonoren Gleichmütigkeit des Automotors durch die schmale Straße zwischen Jordanien und dem Westjordanland leiten und gelange am nördlichen Ende der 1949 festgelegten Demarkationslinie kurz vor dem Grenzübergang "Allenby-Bridge" wieder auf Israelisches Territorium.
Ein kurzer Besuch in Nazareth und das ebenda vertilgte Falafelsandwich lassen mich zum Entschluss kommen in einer weniger stressigen Gegend ein Plätzchen für mein Auto und die Übernachtung zu suchen. In einer dunklen Stichstraße kurz vor dem See Genezareth finde ich endlich ein geeignetes Plätzchen und ein paar Stunden feinsten REM-Schlaf.
Am nächsten Morgen gucke ich mir erst die ziemlich langweilige Stadt Tiberias am See Genezareth an und will dann in das Grenzgebiet mit den beiden Todfeinden Israels, Syrien und Libanon fahren. In dem einst heftig umkämpften Grenzgebiet gibt es am Mount Hermon den einzigen Ski-Ort Israels. Obwohl es, je nach Sicherheitslage, nie eine Garantie für das kalte Freizeitvergnügen gibt, erscheint mir der Ort in meiner Fantasie als hervorragendes Fuck You gegenüber der undemokratischen Nachbarn. Auf der Strecke dorthin stehen diverse Denkmäler mit Kriegsgerät und Infotafeln zum Sechstagekrieg, als besonders
So rumple ich also am dritten Tag meines Kurztrips in die
Levante gegen 12:45 Ortszeit in der Kleinstadt Katzrin im Nordosten des Landes
ein. Da ich vorher noch auf annähernd 2600m im einzigen Skigebiet Israels auf
einer naiv-gefährlichen Erkundungstour war und dort bei einer halblegalen
Wanderung am Fuße des Skibergs (aber das ist eine andere Geschichte) ordentlich
am Höhenklima zu knabbern hatte, habe ich das Bild einer
idyllisch in den sanften Hügeln des niederen Golans gelegenen Brennerei mit
angeschlossenem Bauernhof im Kopf. Keine Ahnung, wie ich darauf komme, da weder
die Facebook- noch die Website irgendwelche Rückschlüsse auf derartige Romantik
zulassen. Muss an der dünnen Luft liegen, die ich als Flachland Berliner nicht
gewohnt bin.
Nüchtern muss ich nun allerdings feststellen, dass
Google-Maps mich, anstatt in einen güldenen Hain, in ein Industriegebiet am
Rande der Ortschaft leitet. An einem profanen langgezogenen Betonflachbau, in
dem sich u.a. ein Metallverarbeitender Betrieb und eine Autowerkstatt befinden,
angekommen, tut die Computerstimme schließlich kund: „Sie haben ihr Ziel erreicht!“.
Unschlüssig parke ich den Wagen am zugemüllten Straßenrand,
steige aus, rieche verdampftes Korund und Eisen und gebe mich dem Sound einer
kreischenden Flex hin. Weit und breit kein Landidyll auszumachen; stattdessen eine
leidlich verputze Betonwand und vier große Wassertanks aus Plastik, hinter
denen tatsächlich ein an die Wand gemaltes Logo der Brennerei prangt.
Unweigerlich muss ich bei dem sich mir bietenden Paradoxon zu meiner
Vorstellung grinsen. Wie naiv ich doch bin!
Obwohl der Landstrich zu den ältesten Kulturregionen der
Menschheitsgeschichte gehört, wurde hier erst vor ca. 130 Jahren begonnen im
größeren Maßstab zu siedeln, zu (land)wirtschaften und nach modernen
Gepflogenheiten zu bauen. Historisch bedingte Bevölkerungswellen (um es dezent auszudrücken) trieben die Einwohnerzahl
innerhalb der 70 Jahre nach Staatsgründung von ca. 800.000 im Jahre 1948 auf
derzeit gut 9.000.000 Menschen. Prognosen sehen für die kommenden 30 Jahre ein
weiteres Wachstum auf gut 15 Millionen Menschen vor. Das hat offensichtlich zur
Folge, dass man sich bei der Schaffung von Infrastruktur, Wohn- und Gewerberaum
einem äußerst pragmatischen Ansatz verpflichtet fühlt:
Schnell und nutzenorientiert bauen, dabei unnötige Details
vernachlässigend, dass scheint der Situation angemessen der Tenor im Baugewerbe
zu sein, um dem steten Wachstum Herr zu werden. Egal wo man sich im Lande
befindet, überall sind Baustellen, hört man LKWs und Baumaschinen brummen,
riecht den Duft von Abgasen, wachsen Betonungeheuer aus dem Boden und
wundert man sich über abrupt im Nichts endende Straßen, die bei genauerer
Betrachtung jedoch den Blick auf bereits angelegte Kanalisationen und andere
Vorarbeiten einer späteren baulichen Erschließung freigeben. Wird Beton zur Befestigung von Straßen verarbeitet, macht sich
niemand die Mühe diesen glattzustreichen. Guckt man sich das Schuhwerk vieler
Menschen an, macht man bei einer sehr großen Anzahl den genialen und auch von
mir seit Jahren bevorzugten „Blundstone-Boot“ aus, der sich wunderbar als
Arbeits- Alltags- und Ausgehschuh in einem Nutzen lässt. Viele Namen, wie z.B.
Ben, Zwi, Dan, Avi, Uri beschränken sich auf lediglich drei Buchstaben. Die
Autos haben Schrammen und Dellen und man parkt auf den Millimeter genau. Auch politische und geographische Aspekte scheinen sich in
einer reduzierten Zweckmäßigkeit zu bestätigen. Wenig Diplomatie, viel
Draufgehaue. Was nicht passt wird passend gemacht und im Zweifel dem Nutzen von
„etwas Größerem“ untergeordnet. Pragmatismus als Ideologie, als Lebensgefühl
und Staatsdoktrin.
Ohne noch mehr konstruierte Korrelationen bemühen zu wollen
erlaube ich mir abschließend die Frage: Warum also sollte die Golani-Destille
einem anderen Charme anheimfallen, als dem des Pragmatischen? ...Eben...!
Dass Whisky Charakter und Seele besitzt, dürfte jedem
Genießer bekannt sein. Dass diese Eigenschaften weniger von ästhetischer
Architektur, denn guten Rohstoffen, handwerklichen Geschick,
Fingerspitzengefühl und schlauem Fassmanagement herrühren, gilt ebenfalls als
gesetzt.
Und da ich noch nie gehört habe, dass das Auge mittrinkt,
will ich versöhnlich mit dem Brachial-Chic des heutigen Tagesziels sein.
So gehe ich voller Vorfreude auf das geöffnete Rolltor zu
und gelange direkt in den einzigen Produktionsraum, der fast alle Schritte der
Fertigung, vom Maischen und Brennen bis zur Abfüllung und Lagerung in diversen
Fässern, wie auch dem finalen Bottling und Labeling, vereint.
Mehr als ca. 120qm bedarf es dafür nicht. Wobei schon jetzt
angemerkt sein soll, dass die importierte gemälzte Gerste, wie auch der aus der
Region stammende und als hälftiger Anteil benutzte Weizen, quasi
Maischbottich-fertig angeliefert werden. Zum Mälzen und Darren reicht der Platz dann doch nicht
aus.
Mit einem lauten „Shalom“ kündige ich mein Eintreten an und
werde direkt von einem kleinen Felltiger umstrichen. Obwohl ich unregelmäßige
Geräusche und eine Art Scheuern vernehme und die Präsenz eines anderen Menschen
spüre, habe ich vorerst den Eindruck alleine zu sein. Nach einem weiteren,
etwas kräftigeren Shalom taucht unvermittelt ein wilder Kerl vom Typ „american
dirty Kid“ mit entsprechend markanter Kauleiste und einer Scheuerbürste in der
Hand aus einer Ecke auf. Der noch recht jungsche Typ entstöpselt entspannt die
Ohren, woraufhin ein unterschwelliges, dafür aber umso verzerrteres
Musikrauschen erklingt und mittels Rumpelbeat und offensichtlich fehlender
Finesse den soeben geschilderten Eindruck bestätigt und kommt im locker
wiegenden Schritt auf mich zu. Während ich mal wieder zwischen dämlich grinsen
und nicht wissen, was ich sagen soll schwanke, hat der behaarte Bolide (und in
meiner nachträglich getrübten Erinnerung sogar mit schwarzen Kohlestreifen im
Gesicht versehene) bereits meine Flosse gepackt und ist dabei mir mit
schwieliger und handfester Art den Eindruck zu vermitteln direkt von einem zünftigen
Hobo-Ride in das Handcrafted-Distillery-Geschehen gestolpert zu sein.
Punkrock, Outlawtum, Whisky und nen Schrubber – geile
Kombination.
Nachdem John – so heißt er - die Schraubzwinge lockert,
erfahre ich, dass er aus Pennsylvania in Amerika stamme und hier seit geraumer
Zeit eine Art Praktikum macht, um das Brennen zu erlernen. Ob in der alten
Heimat was gegen ihn vorliegt und er deswegen über 9000km weiter, also quasi aus
Übersee und aus dem Sinn der vermeintlichen Verfolgungsbehörden, seiner feingeistigen
Bestimmung folgt, oder er einfach nur ein weiterer geläuterter Jude auf``m
Heimattrip ist, verpasse ich zu erfragen. Dafür erfahre ich, dass der Chef und
Masterdistiller in Personalunion heute leider nicht da sei. Dafür aber seine
Ehefrau und Mitgründerin, welche gleich die Führung mit mir machen wird.
Derzeit sei sie noch in einem Gespräch, aber es gehe gleich los.
Schade, hatte mich schon auf nen zünftiges Besäufnis bei
gemeinsamem Austausch musikalischer Jugendsünden mit John gefreut. Wobei... Wenn
der Angestellte schon wie ein sympathischer Bürgerschreck aussieht, wie
gewandet und gebärdet sich dann wohl die Chefin?
Während John sich daran macht seine Putzarbeiten wieder
aufzunehmen, kraul ich dem Mietzekätzchen gehörig hinter den Ohren und warte darauf,
dass die Chefin sich blicken lässt. Das kleine Fellknäuel ist äußerst
schmusebedürftig und findet in meiner ausgeprägt sensiblen, kuscheligen und
feinfühligen Person einen willigen Gegenpart. Schnurr, gurrrr, ruckedigu,
fideralala und hoppsassa...
Zurück zum eigentlichen Thema...
Die Tür des kleinen Büros, Tastingrooms und Shops in einem
schwingt auf und eine anmutige Dame, die im besten aller
Sinne irgendwo zwischen Königin Esther, Uriella und Cher rangiert, tritt heraus
und ich bin kurz davor im Lichte ihrer Schönheit zu erblinden. Wenn es eine
Whisky-Göttin gibt, dann steht sie nun vor mir. Eine richtige Whisky-Milf quasi
(um etwaigen Missverständnissen vorzubeugen: f für „fragen“ – schließlich ist
sie ja die Kompetenz vor Ort)...
Freundlich werde ich ihren Gesprächspartnern, Gabriel und
seiner Frau, vorgestellt und angewiesen noch eine Minute zu warten; es gehe
gleich los.
So erfahre ich von Gabriel, dass er eine nicht unwesentliche
Rolle in der Anschubfinanzierung der Destille geleistet habe. Freimütig erzählt
mir der emigrierte Amerikaner mit jüdischen Wurzeln, dass er mit einem
Computergeschäft "etwas" Geld verdient habe und nach seiner Übersiedlung nach
Israel die beiden Gründer der Golani-Heights-Distillers kennengelernt hätte.
Deren Idee habe ihn so sehr begeistert, dass er einen
ordentlichen Beitrag auf einer Online-Funding-Plattform gestiftet hätte, ohne
jemals selbst Whisky getrunken zu haben. Strahlend steht er vor mir und deutet
fast schon Brand-Ambassador-like auf die hinter ihm stehenden Flaschen und
lässt stolz verlauten: See, the first 5year old Whisky... Fresh from the
Cask... Not labeled yet, but soon ready to be sold. Whisky made in Israel…!
Und tatsächlich… In einem satten Braun-Rot aka Farbcodierung
F64 grinst mich ein gros 0,7l Flaschen mit den flüssigen Verlockungen an. Ob es
davon wohl später ein kleines Schlückchen gibt? Hoffentlich…
Dann endlich materialisiert sich die Whiskygöttin auch für mich, wird
greif- und ansprechbar und stellt sich als Alona vor. Mein anfängliches Gestottere
wird langsam zu einem gediegenen Small-talk, auf den die unweigerliche Fragen
folgen, wie groß mein Wissen um Whisky ist und wie viele Destillen ich bereits
besucht hätte. Cool winke ich ab, straffe die Brust, gebe: I am an ambigious whisky-amateur! And
about the amount of Distilleries...?! Too many! von mir, schiebe ein gediegenes Grinsen
hinterher und fühle mich ganz wie Mann von Welt.
Nach ein paar weiteren Floskeln und der Tatsache bereits
einige Minuten alleine durch den Produktionsraum gelungert zu sein und mir so
ein Bild von den Vorgehensweisen vor Ort machen zu können, einigen wir uns
darauf direkt zur Verkostung überzugehen. Hierbei sei, bezogen auf die genauere
Erklärung von Herstellungsverfahren, Lagerung, Interaktion von Klima und Holz
etc. anzumerken, dass zumindest oberflächlich betrachtet für die allermeisten
Destillen gilt: Kennste eine, kennste alle…
Warum also Zeit verschwenden? Eben! Also ab in den
Tasting-Room...
Ab jetzt müssen wir ehrlich zueinander sein. Drink and drive
gehen für mich im realen Leben auf keinen Fall zusammen und ich bin bis heute
noch nie (!) auch nur ansatzweise an der Promillegrenze gefahren. Doch heute
habe ich das Gefühl eventuell etwas zu verpassen, wenn ich nicht von diesem
Grundsatz abweiche.
Alona positioniert bereits sieben verschiedene Flaschen auf
der Bar und fragt mich mit eindringlichem Blick: Do you still want to drive
later…? Anstatt lange zu erklären, dass ich mir noch den Ort angucken und zu
Abendbrot essen will und dann erst, in der Hoffnung wieder unter den in Israel
erlaubten 0,5 Promille zu sein, Richtung Mittelmeer weiter fahren möchte,
entgegne ich klar und deutlich: No! Und lasse den rot- und brauntönigen
Elementen, wie auch meinem weiteren Schicksal still jauchzend ihren Lauf.
Too make a long story short: In der folgenden Stunde
verkoste ich acht verschiedene Destillate. Den dreijährigen Standard mit 40%,
der in frischen amerikanischen Weißeiche- und israelischen Rotweinfässern
ausgebaut wurde, den Golani Black, der ebenfalls mit 40% daher kommt, aber nur
in frisch ausgekohlten Weißeichenfässern lagerte, dann den Golani Vino, welcher
lediglich in Rotweinfässern lagerte, gefolgt vom Port-Cask gefinishten Golani
T2 mit 63,1% in Fassstärke und einem Port-Cask only Single-Cask-Golani Whisky
mit 46%, dem ein Whisky folgte, der in einem Bierfass der nahe gelegenen
Bierbrauerei reifte und 50% Alkoholvolumen hatte. Daraufhin war ich bereits
ordentlich angezählt und erfuhr, dass das Wasser aus den Golanhöhen stammt und
die geheim gehaltene Hefe etwa 60 Stunden lang in der aus 50% Weizen und 50%
gemälzter Gerste bestehenden Mashbill wirkt.
Mashbill? Ja, richtig gelesen. Rein ideologisch und vom
Hausstil her sieht man sich eher in der Tradition nordamerikanischer Whisk(e)ys
und der dort zahlreich entstandenen Craft-Brennereien. So kommen Alona und
David, ihr Mann, ursprünglich aus dem französischen Teil Kanadas. David habe
irgendwann keine Lust mehr auf sein Immobilienbusiness gehabt, dieses verkauft
und dann hamse Alija, bzw. rüber jemacht, wie wir Berliner zu sagen pflegen. Da
weltweit der Spirituosenmarkt seit Jahren boomt und insbesondere in Israel in
den letzten Jahren eine große Nachfrage entstand, besannen sich die beiden auf
ihre Leidenschaft und die Stärken des kleinen Landes, in dem vor Urzeiten wohl
nicht nur Milch und Honig frohlockten, sondern auch Roggen und Weizen in rauen
Mengen wuchsen und gründeten 2014 die Golani Heights Distillery.
Die seit vielen Jahren bestehende israelische Weinindustrie
garantiert erschwingliche Fässer von hoher Güte und eigene Böttchereien und
einiges an Expertenwissen und der traditionell gebrannte Arrak zumindest eine
spärliche Tradition an gebranntem Alkohol. Der ersten Brennblase folgte bald
eine größere und professionellere, so dass aus dem gewagten Experiment alsbald
eine fröhliche Wissenschaft und schließlich ein geschäftiges Treiben wurde.
Die Anschubfinanzierung für den Ausbau der Destille und die
Produktion des ersten Batches betrug etwa 50.000$, die über das bereits
benannte Crowdfunding eingesammelt wurden. Weitere Kosten, Investitionen, Löhne
und Abschreibungen wurden bis zur Abfüllung des ersten Whiskys im Jahre 2017 aus
dem Verkauf von Gin, Absinth, Likör etc. erwirtschaftet. Man ergatterte gute
Rezensionen in Fachzeitungen und bei Wettbewerben und entschied sich in Folge
maßvoll zu expandieren.
So stehe demnächst die Lieferung einer größeren Mashtun an,
sowie auch der Versuch lokal angebaute Gerste nach und nach gegen die bisherige
Exportware auszutauschen. Irgendwann wolle man sogar das Mälzen alleine machen,
aber das sei noch Zukunftsmusik. Dennoch produziere man weiterhin so geringe
Mengen, dass es weder für einen Verkauf über den Dutyfree im Airport von Tel
Aviv, noch für den Export ausreiche.
Die von der Golanie Heights Distillery verfolgte Strategie erkennt
man dieser Tage bei fast allen unabhängigen Brennereien wieder. Ob in
Schottland, Deutschland oder eben Israel geht der Trend bei Mikrodestillen zur
Nachhaltigkeit und der Nutzung lokaler Ressourcen. Alleine in Israel eröffnet
nun bald neben der Milk&Honey Distillery, der Golani Heights Distillery und
der Jerusalem Distillery mit der edrei Distillery die vierte Brennerei, die
diese Vorgehensweise für sich beansprucht und damit Werbung macht. Kann das auf
Dauer gut gehen, oder gräbt man sich so Marktanteile ab?
Bei Golani zumindest stimmt das athmosphärische Gesamtpaket,
wie auch die offenkundige Expertise Alonas. Auch wussten bis jetzt die
verkosteten sechs Whiskys zu überzeugen.
Bereits leicht angeschickert frage ich, ob ich mal ein
bisschen New-Make probieren dürfe. Kein Problem. Ehe ich mich versehe, wird mir
aus einem großen Edelstahlbottich ein Glencairnglas mit dem Rohbrand gefüllt.
Tatsächlich erschnüffle ich etwas Rauch. Ein Blick Alonas auf die Deklarierung
des Inhalts bestätigt meinen Eindruck – erst kürzlich habe man mit etwas
getorfter Gerste gebrannt und stehe kurz davor einige Fässer damit zu füllen.
Wieviel davon, bei jährlich etwa 7,5% Angels Share, nach
einigen Jahren noch übrig bleibt, ist ungewiss. Jedoch verspricht die in
südlichen Regionen ungemein schnellere Fassreifung interessante Ergebnisse mit
diesem ungewöhnlichen Whisky, der der hohen Verdunstungsrate gemäß auch mit
etwas mehr Alkoholvolumen abgefüllt wird. Entgegen der schottischen Industrienorm mit seinen
63,5%, Alk verdünnt man hier den etwa 80%igen Rohbrand auf 67% Alkohol
herunter, bevor er abgefüllt wird.
Nun aber genug des nutzlosen Wissens und zurück zum
Tastingroom. Dort wartet bereits das Highlight des heutigen Tages.
In den letzten Tagen habe man damit begonnen den ersten
5jährigen Golani abzufüllen. Dieser wurde in den ersten Tagen des Bestehens der Brennerei paritätisch aus Weizen und Gerste gebrannt
und reifte ausschließlich in erstmalig befüllten Fässern aus amerikanischer
Weißeiche mit extra starkem Toasting und wurde mit kürzlich mit fassstarken 60,4%
abgefüllt.
Wo sich nun bei eingefleischten Single-Malt-Fans der Magen
umdreht, ist mein Interesse als toleranter Whisky-Weltenbummler geweckt. Weizenbrand
in frischen und stark getoasteten Fässern der Sorte Quercus alba. Here we go
und rein mit dem Rüssel ins Nosingglas.
Die Nase hält für mich Vanille, Karamell und erwärmte Milch
bereit mit einem unterschwelligen Hauch von Lakritze und dem lauen Geruch
frisch abgebrochener Äste und einer Ahnung von Kleber und Lösungsmitteln.
Wasser öffnet und intensiviert das Bouquet; ich meine ferner etwas Zimt und
Coca Cola zu erschnüffeln. Auf der Zunge trifft mich ein mächtig süßer und
würziger Schlag, der die bereits benannten Attribute zu bestätigen weiß. Der
Abgang ist ölig, seidig, mineralisch und wird mittellang von einer feinen
Eichenwürze getragen.
Nun habe ich aber endgültig die Lampen an und verwerfe
sogleich meinen eisernen Vorsatz niemals auch nur mit mehr als Handgepäck zu
fliegen (außer natürlich ich bin in Schottland) und kaufe zwei Pullen von der bronzefarbenen Verheißung. Wie so
oft äußere ich zuerst die Kaufabsicht und erkundige mich dann nach dem Preis.
Mit 450 Schekeln, also etwa 120€ pro Flasche ist dieser durchaus ambitioniert. Dazu
noch die Kohle für das Aufgabegepäck. Ergo nochmals 20€. Au weia. Obendrein sind die
Etiketten der offiziellen 5 Years-Abfüllung noch nicht eingetroffen, so dass
ich mich mit dem profanen Golani - Black Etikett zufrieden geben muss.
Dafür pinselt mir Alona aber ein „5y“ auf einen kleinen
Extra-Sticker und klebt diesen mit auf die Flasche. So wird in meiner
Einbildung aus der profanen Pulle quasi im Handumdrehen ein individuelles
Bottling. Und da es ja auch bald Weihnachtsgeld gibt, ist schnell eine weitere Ausrede
gefunden, der Kauf abgewickelt und die Schätze mittels Pappe und Gaffertape
reisefertig gemacht.
Dann großer Abschied, geschwungene Worte, rethorische
Einladungen nach Berlin und eben das übliche oberflächliche Gelaber
angeschickerter Touristen, die sich noch im romantischen Taumel der Suggestion
befinden und innerlich bereits in den Blog-Einträgen zu ihren exquisiten Abenteuern
schwelgen, während anderswo vernünftigere Menschen vernünftigeren Dingen
nachgehen.
Weitere Ernüchterungen, sowie den folgenden zweistündigen
Spaziergang durch einen der wohl langweiligsten Orte im nahen Osten erspare ich
euch genauso, wie die Rückfahrt mit dem Tramper, der frisch von einem
dreitägigen „Moonshine-Gathering“ kam und mich zu sich zum Übernachten in
Tel-Aviv eingeladen hat.


















