Während meiner Schulzeit saßen ganz vorne im Bus saßen
die Uncoolen, die den Fahrer zutexteten, jede Linie und Haltestelle auswendig
konnten und deren Lebenstraum es war, selber Busfahrer zu werden. Noch heute
schaue ich respektvoll auf diese zuweilen schmerzlich ausgegrenzte Spezies, die
schon damals beruflich voll orientiert war, während ich Tag ein, Tag aus mit
dem Sinn meiner beruflichen Tätigkeit hadere.
Unter den anderen Jungen galt es als besonders cool
möglichst breitbeinig auf der letzten Sitzreihe des Busses zu sitzen, das Bein
auf dem Absatz am Fenster abzustützen und mit halboffenem Mund Kaugummi zu
kauen. Eine Reihe weiter, den Checkern stets zugewandt durften meistens die
hübschen Mädels sitzen. Der Rest hatte sich zu verteilen.
Noch heute meine ich beobachten zu können, dass die
Rückbänke von Busses den obercoolen Boys gehören. Den Schulhofprimaten, den Herrschern
einer eigenen Welt.
Oder eben Leute wie mir, die zwar an Statistiken
glauben und daran eher vom Blitz getroffen zu werden, als Opfer eines
Terroranschlags zu werden, aber dennoch stets ein gesundes Maß Skepsis bewahren
und ein bisschen Kontrolle schätzen, um sich nicht gänzlich den Launen der Welt
hinzugeben.
Nachdem der Bus unversehrt die Stadt verlassen und
eine somit nach meinen Maßstäben weniger geeignete Gegend für Anschläge
erreicht hat, verflüchtigen sich derartige Gedanken aus meinem Inneren. Zwar
signalisierte meine Intuition mir bereits beim Einsteigen Entwarnung, aber man
weiß ja nie, ob ich es nicht vielleicht doch als Alltagsheld, oder Märtyrer der
westlichen Lebensweise auf ein Titelblatt schaffe, indem ich mich im richtigern
Moment auf einen nervös dreinblickenden und unnatürlich dick angezogenen
Attentäter stürze und eine oft geträumte Männerphantasie wahr werden lassen
muss.
Der Sitz im Adlerhorst des Busses hat allerdings
den Nachteil, dass ich, der als einer der letzten Insassen den Bus bestiegen
hat, meinen Rucksack auch als letzter in das Gepäckabteil geworfen habe und
dieser nun ganz vorne liegt und alle anderen ihr Gepäck wiederum über ihn
hinweg greifen, schieben und
raffen. Dies hat zur Folge, dass ich diesen nun aus der nass-staubigen Rinne
zwischen Bus und Bordstein sammeln darf. Der Busfahrer tut unbeteiligt und die
Mitreisenden haben mir bereits allesamt den Rücken zugedreht, so dass mir nur
bleibt meine Empörung mittels rollender Augen in unbestimmte Richtung zu richten.
Beim Verlassen des Ankunftsbereichs gelangt man
direkt in eine in den ZOB integrierte Shopping-Mall. Der Komplex mutet viel
moderner und sauberer an, als sein Pendant in Tel-Aviv.
Laut Google-Maps habe ich etwas Zeit und kann mir
sowohl etwas zu essen kaufen, wie auch die Beine vertreten, bevor der Bus
Richtung Ein Gedi abfährt.
Vor dem Haupteingang ist ein großer Stand mit großen
arabischen Pizzen aufgebaut. Ich entscheide mich für einen reichlich mit
Tomaten, Zwiebelringen und Paprika belegten Fladen und gönne mir eine Coca-Cola
aus der Dose dazu. Die Nachfrage, ob die Pizza erwärmt werden soll, bejahe ich
gerne. Das gute Stück kostet fünf NIS, was absolut value for money ist.
Ich gehe nach draußen und setze mich auf einen
kleinen Platz zwischen dem Busbahnhof und der Straßenbahn, um dem überteuerten
morgendlichen Frühstück die günstige und schmackhaftere Ergänzung zuzuführen.
Hier tummeln sich weitaus mehr „normale“ Leute, als
vom Bus aus ersichtlich. Es laufen nur vereinzelt Orthodoxe Juden herum, dafür
umso mehr Rucksacktouristen, die sich mit den Einheimischen in die Straßenbahn
drängeln.
Nachdem ich aufgegessen habe, laufe ich ein wenig
auf dem Vorplatz herum und sehe einige Bettlerinnen und Bettler. Einer davon
ist blind und trägt abgewetzte Armeeklamotten. Laut klagend reckt er die
offenen Hände in den Äther und bekommt von allen Bettlern am meisten Geld
zugesteckt. Münzen zwar nur, aber scheint ein einträgliches Geschäft zu sein.
Ich stelle mir vor, wie er von seinen Heldentaten in einem der vielen
Verteidigungskriege der vergangenen Jahrzehnte, in die sich das Land verwickelt
sah, erzählt und der eventuell daraus entstandenen Erblindung.
Er so: „Ich habe für eure Freiheit mein Augenlicht
gegeben!“
Und alle anderen dann so: schlechtes Gewissen, Mitleid
und Kohle gezückt.
Der König der Bettler.
In Tel Aviv ist mir kein Bettler aufgefallen.
Hier fallen mir hingegen besonders viele junge
Menschen in Uniform und mit Waffen auf. Eventuell liegt es daran, dass
Jerusalems Busbahnhof eine gewisse Verteilungsfunktion der Armee in die
besetzten Gebiete übernimmt und sich deswegen hier die jungen Rekruten
verstärkt sammeln. Einer von ihnen trägt ganz lässig einen Rucksack von
Borussia Dortmund nebst dem Maschinengewehr.
Nach etwa einer Stunde verspüre ich Harndrang. Ich
halte es für klug zurück in die Busbahnhofsmall gehen und muss wieder einen
Sicherheitscheck auf mich nehmen. Diesmal werde ich trotz des Rucksacks einfach
durch gewunken. Die Gebräuche beim Sicherheitscheck erscheinen mir ähnlich
undurchsichtig wie in der Bepreisung von Lebensmitteln.
Im ersten Stock finde ich dann die Toilette, in die
man gegen die Zahlung von einen NIS und der Passage eines eisernen Drehkreuzes
gelangt. Vor dem Kreuz hat sich eine kleine Schlange aus etwa sieben bis acht
Leuten gebildet, die alle wie normale Einheimische aussehen. Das Drehkreuz ist
dummerweise so konstruiert, dass es an der gleichen Stelle die Menschen rein
und wieder raus lässt und man muss sich immer absprechen, ob nun zuerst jemand
rein, oder raus darf.
Zusätzlich ist mir nicht ganz klar, wer hier an-,
oder einfach nur im Wege steht, da manche keine Anstalten machen aufzurücken,
wenn eine Person den entscheidenden Schritt weiter in Richtung Porzellan
geschafft hat. Ein wirklicher Flow sieht anders aus.
Irgendwie schaffen es die Leute auch nicht
miteinander zu sprechen und es kommt immer wieder zu unabgesprochenen Vorstößen
auf beiden Seiten, so dass die ein, oder andere Diskussion entsteht und es noch
länger dauert, bis ich endlich vor dem zugepinkelten Urinal stehe. Fazit der
letzten zwei Minuten: Diskutieren und zielen lernen die Leute beim Armeedienst
wohl eher nicht.
Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass ich noch
eine viertel Stunde bis zur Abfahrt des Busses habe. Ich besorge mir eine große
Flasche Wasser und orientiere mich. Das bemerkt ein junger Kerl und kommt
lächelnd auf mich zu.
„Sorry Sir, i need some money for the bus. Can you
give me four NIS?“
Aber klar doch. Hier mein Junge und nicht gleich
alles auf einmal ausgeben.
In Berlin habe ich die zynische Haltung des
Sozialarbeiters, der versucht seine Arbeit nicht mit nach Hause zu nehmen und
gebe äußerst selten Geld an Bettler. Hier scheint mich das Klima des Vorplatzes
angesteckt, oder aber der Typ mich einfach nur auf dem falschen Fuß erwischt zu
haben. Geld wechselt den Besitzer und ich versuche noch eine Antwort auf die
Frage nach dem Abfahrtsterminal nach Ein Gedi bei ihm loszuwerden. Detailiert
schildert er mir den Weg nach oben. Offensichtlich ein äußerst Ortskundiger
Busreisender.
Tatsächlich stehe ich wenige Rolltreppen später vor
der Metallschwingtür des Busses 486. Auch hier sind eher wenige Leute
unterwegs, dafür aber zwei Boys in Uniform und mit Knarre.
Diese stehen dann in der Schlange auch direkt vor
mir und bahnen sich zielgerichtet den Weg ihrem Status entsprechend zur
Rückbank. Der eine fläzt sich genüsslich auf den hintersten Sitz links und der
andere doch tatsächlich direkt vor, anstatt auf den rechten Fensterplatz neben
ihm.
Mir soll`s recht sein, kann doch ich diesen für
mich beanspruchen. Außerdem wittere ich eine Chance mit den beiden ins Gespräch
zu kommen; interessiere ich mich doch für ihr Rekrutenleben.
Ich habe nach der Schule Zivildienst geleistet.
Gänzlich zu verweigern fühlte sich für mich nicht richtig an und tatsächlich
habe ich in dem Wohnheim für Menschen mit Behinderung vor Allem von der
resoluten Hauswirtschafterin Vera so einiges gelernt. Da ich den Dienst in
meiner Heimatstadt abgeleistet hatte, veränderte sich meine Peergroup überhaupt
nicht. Das bedaure ich im Nachhinein, weil ich so nicht die Gelegenheit
bekommen habe Menschen mit gänzlich anderem Background und Sozialisation
kennenzulernen und von deren Sicht der Dinge gegebenenfalls auch charakterlich
zu profitieren.
Na wartet Jungs, wenn sich eine Gelegenheit ergibt,
dann quatsche ich euch an.
Vorerst belasse ich es aber dabei die
vorbeiziehende Stadt auf mich wirken zu lassen.
Neben der anderen Architektur im Vergleich zu Tel
Aviv fällt mir, dem alten Skateboarder, besonders auf, dass die Straßen hier
durchweg aus Asphalt und Teer bestehen, während die Böden in Tel Aviv
hauptsächlich unförmig gepflastert sind.
Mit Schmunzeln erinnere ich mich an meinen
gestrigen Zusammenstoß mit dem starken Mann
und lasse mich aus der Mutterstadt fahren.
Der Mann hat offenbar ein angespanntes Verhältnis zur Bremse und
dem Gaspedal. Abruptes stoppen, anfahren und fluchen gehören bei Egged wohl zur
Stellenbeschreibung eines Busfahrers. Kein Wunder, dass sein Reich mit diversen
Glücksbringern und anderen Devotionalien geschmückt ist. Ich identifiziere
einen Schal, der von einem Fußballverein stammen könnte, einen Panama-Hut und
ein paar Kuscheltiere.
Hoffentlich finde ich bei dem Fahrstil nicht meine letzte Ruhe
neben ebendiesen und kehre als Widergänger zurück nach Berlin.
Die Straße wird zur Autobahn und windet sich durch
eine zersiedelte Gegend, die teilweise wie ein Pass durch Berge anmutet. In der
Erwartung steil nach unten zu fahren und bald am tiefsten Punkt der Erde zu
sein, geht es erst einmal bergauf. Die Gegend wird zunehmend karger. Auf dem
Handy sehe ich, dass wir uns bereits im Westjordanland befinden. Dann war dieser
kleine Checkpoint, den wir fast unbemerkt passiert haben, vorhin wohl so was
wie die Grenze.
Tatsächlich sind nun viel mehr Autos mit arabischen
Kennzeichen und Kopftuch tragenden Frauen unterwegs. Zudem sind am Wegesrand
kleine bäuerliche Siedlungen mit Eseln und Ziegen zu sehen, die allesamt in
erbärmlichem Zustand sind. Vereinzelt treiben Hirten Ziegen durch die öde
Landschaft.
Sieht so die Realität in der Westbank aus? Ist es
im noch ärmer geltenden Gazastreifen noch schlimmer? Oder ist es vielmehr so,
dass sich die unzähligen ausländischen NGOs durch die Zuschaustellung
potemkinscher Dörfer den Zuspruch der Touristen, sowie weiterer Finanzierungen
der UNRWA, den Geberländern und die Unesco bis zum Sankt Nimmerleinstag sichern
wollen?
Ich weiß es nicht. Fest steht aber, dass ich es in
den verbleibenden Tagen irgendwie schaffen muss mir einen genaueren Eindruck
davon zu verschaffen.
Sicherlich sind die abzweigenden Straßen auch hier
ausgebaut und die Autos weit entfernt von den Rostlauben des Afrikas jenseits
der Sahara, aber dennoch wird eindrucksvoll und traurig zu gleich deutlich,
welchen zivilisatorischen Sprung man von dem hochentwickelten Israel in das
arme Westjordanland macht.
Als wenn er mich aus meinen Gedanken reißen möchte,
holt der junge Soldat neben mir plötzlich eine große Tüte mit Weingummi und
Süßigkeiten aller Art hervor. Tatsächlich ist mir aufgefallen, dass es hier
viele Geschäfte gibt, die in guter deutscher Manier Leckereien zum selber
zusammenstellen aller Art gibt. So sehe ich durch das transparente Plastik
sogar meine heiß geliebten sauren Zungen.
Verdammt, mir läuft das Wasser im Mund zusammen.
Nur Salmiaklakritz ist schöner.
Lässig stopft der junge Mann sich die Dinger vor
meinen Augen in den Mund und lümmelt sich mit allem was die unteren
Extremitäten hergeben auf der Rückbank. Das Gewehr klemmt er dabei, Mündung
selbstverständlich nach unten, lässig in die Lücke zwischen den Sitzen. Dazu
süffelt er sich einen schreien süß aussehenden Eistee rein. Sicherlich, mit 17,
oder 18 Jahren, älter ist der Bengel nicht, benötigt man noch ordentlich
kurzkettige Kohlenhydrate.
Ein ums andere Mal wandert die Hand von der Tüte
zum Mund. Hätte ich mir doch bloß einen kleinen Nachtisch zur Pizza gegönnt.
Glücklichweise spielt mir der Zufall in die Hand.
Die beiden Jungs sind nämlich zwischenzeitlich auch am herumalbern und bitten
mich doch tatsächlich darum, ein Photo von ihnen zu machen. Kein Problem.
Ich lasse mir ein Handy geben und mache insgesamt
fünf bis sechs Photos im Hoch- und Querformat. Daraufhin frage ich sie, wohin
sie wollen.
Als Antwort bekomme ich: „Army Camp“.
Daraufhin entspannt sich der folgende faszinierende
Dialog:
„Where you from?“
„Germany, Berlin“.
„Ah, Germany. Germany beautiful!“
„Yes, thank you. But Israel is beautiful too!“
Er nickt mir noch freundlich zu und wendet sich
dann wieder, ohne mir die Zuckertüte anzubieten, ab. Spricht wohl nicht gut
Englisch, der alte Knauser.
Also widme ich mich wieder dem Fenster. Die Sonne
knallt nun volle Dröhnung von Süden in mein Fenster. Ich ziehe den breiten
schwarzen Sonnenschutz hinab und versinke im Sitz. Nun geht es auch mit der
Straße deutlich bergab.
Den Weg der Schwerkraft nimmt nun auch die
Eisteeflasche des jungen Freundes und rollt, vom Besitzer gänzlich
unbeeindruckt hingenommen, den Mittelgang in Richtung des Busfahrers und
purzelt dann auf der Hälfte des Busses rechts auf die Stufen des Türbereichs.
Anstalten das Ding aufzuheben macht keiner.
Eindrucksvolle Lässigkeit.
Eindrucksvoll schlängelt sich nun auch die Straße
in die Depression. An den Seiten liegen große Felsstücke, die den Anschein erwecken,
als würden sie sich aus dem Schutze der allmächtigen Felswand vorsichtig in die
tote Landschaft tasten.
Dann taucht ein Schild auf, auf dem „Welcome
Megilot Dead Sea Regional Coucil“ steht.
In mir regen sich Freude und Adrenalin; schließlich
gilt das tote Meer schon seit meinen Kindheitstagen, als meine Mutter mich
allabendlich aus dem Weltalmanach über Daten und Zahlen zu Ländern und topographischen
Begebenheiten ausfragte, welche ich mit dem unendlichen Repertoire eines
Grundschüler auswendig aufzusagen vermochte, zu meinen geographischen
Favoriten. Um diesen Satz nicht unnötig weiter in die Länge zu ziehen füge ich
nach dem vorherigen Punkt an, dass der Besuch dieser landschaftlichen
Kuriosität als unabdingbarer Bestandteil meiner Reise abgehakt werden will und
nun zum Greifen nahe ist. An
der Abzweigung nach Jericho befindet sich ein Verkaufsstand für Kitsch und Nippes,
sowie eine Bushaltestelle. Die beiden Soldaten steigen hier aus und plötzlich
hat der Eisteegenießer wieder die Flasche in der Hand. In der Armee lernt man
offensichtlich nichts Unnötiges zu tun und Kräfte zu sparen.
Macht`s gut Kameraden!
Nun ist das Land gänzlich flach und das tote Meer
mit seinem nördlichen Zipfel eindeutig zu sehen. Eine trübe und milchige, aber
ungleich faszinierende Stimmung liegt in der Luft. Im Hintergrund sieht man das
diffuse Abbild eines jordanischen Bergkamms.
Erstaunlicherweise tut sich rechter Hand, in Nina
Hagen-greller Opposition zur Wüste, ein sattgrünes Feld auf.
Weiter sehe ich vereinzelte Gewächshäuser, in Reih
und Glied angeordnete Palmenkulturen und kleine Siedlungen. Der Bus hält nun
öfter und bei den Ortschaften scheint es sich um Kibbuzim zu handeln.
Wir fahren nun entlang dem Toten Meer immer
Richtung Süden. Die Straße ist weitestgehend schnurgerade. Wir sind etwa
eineinhalb Stunde unterwegs, als der Bus einen weiteren, aber deutlich besser
gesicherten Checkpoint erreicht. Ein Blick auf das Handy verrät, dass es sich
hierbei um die sogenannte „grüne Linie“ handelt, die wir bereits kurz hinter
Jerusalem passiert haben müssen. Hiermit ist die 1949, nach dem sogenannten
Palästinakrieg, mit den involvierten Kriegsparteien ausgehandelte Staatsgrenze
Israels gemeint. Wir befinden uns nun wieder auf israelischem Gebiet und somit
kann es nicht mehr weit bis nach Ein Gedi sein.



























