Montag, 31. Dezember 2018

ISRAEL 2018 - Tag 2, Teil IV


Während meiner Schulzeit saßen ganz vorne im Bus saßen die Uncoolen, die den Fahrer zutexteten, jede Linie und Haltestelle auswendig konnten und deren Lebenstraum es war, selber Busfahrer zu werden. Noch heute schaue ich respektvoll auf diese zuweilen schmerzlich ausgegrenzte Spezies, die schon damals beruflich voll orientiert war, während ich Tag ein, Tag aus mit dem Sinn meiner beruflichen Tätigkeit hadere.
Unter den anderen Jungen galt es als besonders cool möglichst breitbeinig auf der letzten Sitzreihe des Busses zu sitzen, das Bein auf dem Absatz am Fenster abzustützen und mit halboffenem Mund Kaugummi zu kauen. Eine Reihe weiter, den Checkern stets zugewandt durften meistens die hübschen Mädels sitzen. Der Rest hatte sich zu verteilen.
Noch heute meine ich beobachten zu können, dass die Rückbänke von Busses den obercoolen Boys gehören. Den Schulhofprimaten, den Herrschern einer eigenen Welt.
Oder eben Leute wie mir, die zwar an Statistiken glauben und daran eher vom Blitz getroffen zu werden, als Opfer eines Terroranschlags zu werden, aber dennoch stets ein gesundes Maß Skepsis bewahren und ein bisschen Kontrolle schätzen, um sich nicht gänzlich den Launen der Welt hinzugeben.
Nachdem der Bus unversehrt die Stadt verlassen und eine somit nach meinen Maßstäben weniger geeignete Gegend für Anschläge erreicht hat, verflüchtigen sich derartige Gedanken aus meinem Inneren. Zwar signalisierte meine Intuition mir bereits beim Einsteigen Entwarnung, aber man weiß ja nie, ob ich es nicht vielleicht doch als Alltagsheld, oder Märtyrer der westlichen Lebensweise auf ein Titelblatt schaffe, indem ich mich im richtigern Moment auf einen nervös dreinblickenden und unnatürlich dick angezogenen Attentäter stürze und eine oft geträumte Männerphantasie wahr werden lassen muss.
Der Sitz im Adlerhorst des Busses hat allerdings den Nachteil, dass ich, der als einer der letzten Insassen den Bus bestiegen hat, meinen Rucksack auch als letzter in das Gepäckabteil geworfen habe und dieser nun ganz vorne liegt und alle anderen ihr Gepäck wiederum über ihn hinweg  greifen, schieben und raffen. Dies hat zur Folge, dass ich diesen nun aus der nass-staubigen Rinne zwischen Bus und Bordstein sammeln darf. Der Busfahrer tut unbeteiligt und die Mitreisenden haben mir bereits allesamt den Rücken zugedreht, so dass mir nur bleibt meine Empörung mittels rollender Augen in unbestimmte Richtung zu richten.
Beim Verlassen des Ankunftsbereichs gelangt man direkt in eine in den ZOB integrierte Shopping-Mall. Der Komplex mutet viel moderner und sauberer an, als sein Pendant in Tel-Aviv.
Laut Google-Maps habe ich etwas Zeit und kann mir sowohl etwas zu essen kaufen, wie auch die Beine vertreten, bevor der Bus Richtung Ein Gedi abfährt.
Vor dem Haupteingang ist ein großer Stand mit großen arabischen Pizzen aufgebaut. Ich entscheide mich für einen reichlich mit Tomaten, Zwiebelringen und Paprika belegten Fladen und gönne mir eine Coca-Cola aus der Dose dazu. Die Nachfrage, ob die Pizza erwärmt werden soll, bejahe ich gerne. Das gute Stück kostet fünf NIS, was absolut value for money ist.
Ich gehe nach draußen und setze mich auf einen kleinen Platz zwischen dem Busbahnhof und der Straßenbahn, um dem überteuerten morgendlichen Frühstück die günstige und schmackhaftere Ergänzung zuzuführen.
Hier tummeln sich weitaus mehr „normale“ Leute, als vom Bus aus ersichtlich. Es laufen nur vereinzelt Orthodoxe Juden herum, dafür umso mehr Rucksacktouristen, die sich mit den Einheimischen in die Straßenbahn drängeln.
Nachdem ich aufgegessen habe, laufe ich ein wenig auf dem Vorplatz herum und sehe einige Bettlerinnen und Bettler. Einer davon ist blind und trägt abgewetzte Armeeklamotten. Laut klagend reckt er die offenen Hände in den Äther und bekommt von allen Bettlern am meisten Geld zugesteckt. Münzen zwar nur, aber scheint ein einträgliches Geschäft zu sein. Ich stelle mir vor, wie er von seinen Heldentaten in einem der vielen Verteidigungskriege der vergangenen Jahrzehnte, in die sich das Land verwickelt sah, erzählt und der eventuell daraus entstandenen Erblindung.
Er so: „Ich habe für eure Freiheit mein Augenlicht gegeben!“
Und alle anderen dann so: schlechtes Gewissen, Mitleid und Kohle gezückt.
Der König der Bettler.
In Tel Aviv ist mir kein Bettler aufgefallen.
Hier fallen mir hingegen besonders viele junge Menschen in Uniform und mit Waffen auf. Eventuell liegt es daran, dass Jerusalems Busbahnhof eine gewisse Verteilungsfunktion der Armee in die besetzten Gebiete übernimmt und sich deswegen hier die jungen Rekruten verstärkt sammeln. Einer von ihnen trägt ganz lässig einen Rucksack von Borussia Dortmund nebst dem Maschinengewehr.
Nach etwa einer Stunde verspüre ich Harndrang. Ich halte es für klug zurück in die Busbahnhofsmall gehen und muss wieder einen Sicherheitscheck auf mich nehmen. Diesmal werde ich trotz des Rucksacks einfach durch gewunken. Die Gebräuche beim Sicherheitscheck erscheinen mir ähnlich undurchsichtig wie in der Bepreisung von Lebensmitteln.
Im ersten Stock finde ich dann die Toilette, in die man gegen die Zahlung von einen NIS und der Passage eines eisernen Drehkreuzes gelangt. Vor dem Kreuz hat sich eine kleine Schlange aus etwa sieben bis acht Leuten gebildet, die alle wie normale Einheimische aussehen. Das Drehkreuz ist dummerweise so konstruiert, dass es an der gleichen Stelle die Menschen rein und wieder raus lässt und man muss sich immer absprechen, ob nun zuerst jemand rein, oder raus darf.
Zusätzlich ist mir nicht ganz klar, wer hier an-, oder einfach nur im Wege steht, da manche keine Anstalten machen aufzurücken, wenn eine Person den entscheidenden Schritt weiter in Richtung Porzellan geschafft hat. Ein wirklicher Flow sieht anders aus.
Irgendwie schaffen es die Leute auch nicht miteinander zu sprechen und es kommt immer wieder zu unabgesprochenen Vorstößen auf beiden Seiten, so dass die ein, oder andere Diskussion entsteht und es noch länger dauert, bis ich endlich vor dem zugepinkelten Urinal stehe. Fazit der letzten zwei Minuten: Diskutieren und zielen lernen die Leute beim Armeedienst wohl eher nicht.
Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass ich noch eine viertel Stunde bis zur Abfahrt des Busses habe. Ich besorge mir eine große Flasche Wasser und orientiere mich. Das bemerkt ein junger Kerl und kommt lächelnd auf mich zu.
„Sorry Sir, i need some money for the bus. Can you give me four NIS?“
Aber klar doch. Hier mein Junge und nicht gleich alles auf einmal ausgeben.
In Berlin habe ich die zynische Haltung des Sozialarbeiters, der versucht seine Arbeit nicht mit nach Hause zu nehmen und gebe äußerst selten Geld an Bettler. Hier scheint mich das Klima des Vorplatzes angesteckt, oder aber der Typ mich einfach nur auf dem falschen Fuß erwischt zu haben. Geld wechselt den Besitzer und ich versuche noch eine Antwort auf die Frage nach dem Abfahrtsterminal nach Ein Gedi bei ihm loszuwerden. Detailiert schildert er mir den Weg nach oben. Offensichtlich ein äußerst Ortskundiger Busreisender.
Tatsächlich stehe ich wenige Rolltreppen später vor der Metallschwingtür des Busses 486. Auch hier sind eher wenige Leute unterwegs, dafür aber zwei Boys in Uniform und mit Knarre.
Diese stehen dann in der Schlange auch direkt vor mir und bahnen sich zielgerichtet den Weg ihrem Status entsprechend zur Rückbank. Der eine fläzt sich genüsslich auf den hintersten Sitz links und der andere doch tatsächlich direkt vor, anstatt auf den rechten Fensterplatz neben ihm.
Mir soll`s recht sein, kann doch ich diesen für mich beanspruchen. Außerdem wittere ich eine Chance mit den beiden ins Gespräch zu kommen; interessiere ich mich doch für ihr Rekrutenleben.
Ich habe nach der Schule Zivildienst geleistet. Gänzlich zu verweigern fühlte sich für mich nicht richtig an und tatsächlich habe ich in dem Wohnheim für Menschen mit Behinderung vor Allem von der resoluten Hauswirtschafterin Vera so einiges gelernt. Da ich den Dienst in meiner Heimatstadt abgeleistet hatte, veränderte sich meine Peergroup überhaupt nicht. Das bedaure ich im Nachhinein, weil ich so nicht die Gelegenheit bekommen habe Menschen mit gänzlich anderem Background und Sozialisation kennenzulernen und von deren Sicht der Dinge gegebenenfalls auch charakterlich zu profitieren.
Na wartet Jungs, wenn sich eine Gelegenheit ergibt, dann quatsche ich euch an.
Vorerst belasse ich es aber dabei die vorbeiziehende Stadt auf mich wirken zu lassen.
Neben der anderen Architektur im Vergleich zu Tel Aviv fällt mir, dem alten Skateboarder, besonders auf, dass die Straßen hier durchweg aus Asphalt und Teer bestehen, während die Böden in Tel Aviv hauptsächlich unförmig gepflastert sind.
Mit Schmunzeln erinnere ich mich an meinen gestrigen Zusammenstoß mit dem starken Mann und lasse mich aus der Mutterstadt fahren.
Der Mann hat offenbar ein angespanntes Verhältnis zur Bremse und dem Gaspedal. Abruptes stoppen, anfahren und fluchen gehören bei Egged wohl zur Stellenbeschreibung eines Busfahrers. Kein Wunder, dass sein Reich mit diversen Glücksbringern und anderen Devotionalien geschmückt ist. Ich identifiziere einen Schal, der von einem Fußballverein stammen könnte, einen Panama-Hut und ein paar Kuscheltiere. 
Hoffentlich finde ich bei dem Fahrstil nicht meine letzte Ruhe neben ebendiesen und kehre als Widergänger zurück nach Berlin.
Die Straße wird zur Autobahn und windet sich durch eine zersiedelte Gegend, die teilweise wie ein Pass durch Berge anmutet. In der Erwartung steil nach unten zu fahren und bald am tiefsten Punkt der Erde zu sein, geht es erst einmal bergauf. Die Gegend wird zunehmend karger. Auf dem Handy sehe ich, dass wir uns bereits im Westjordanland befinden. Dann war dieser kleine Checkpoint, den wir fast unbemerkt passiert haben, vorhin wohl so was wie die Grenze.
Tatsächlich sind nun viel mehr Autos mit arabischen Kennzeichen und Kopftuch tragenden Frauen unterwegs. Zudem sind am Wegesrand kleine bäuerliche Siedlungen mit Eseln und Ziegen zu sehen, die allesamt in erbärmlichem Zustand sind. Vereinzelt treiben Hirten Ziegen durch die öde Landschaft.
Sieht so die Realität in der Westbank aus? Ist es im noch ärmer geltenden Gazastreifen noch schlimmer? Oder ist es vielmehr so, dass sich die unzähligen ausländischen NGOs durch die Zuschaustellung potemkinscher Dörfer den Zuspruch der Touristen, sowie weiterer Finanzierungen der UNRWA, den Geberländern und die Unesco bis zum Sankt Nimmerleinstag sichern wollen?
Ich weiß es nicht. Fest steht aber, dass ich es in den verbleibenden Tagen irgendwie schaffen muss mir einen genaueren Eindruck davon zu verschaffen.
Sicherlich sind die abzweigenden Straßen auch hier ausgebaut und die Autos weit entfernt von den Rostlauben des Afrikas jenseits der Sahara, aber dennoch wird eindrucksvoll und traurig zu gleich deutlich, welchen zivilisatorischen Sprung man von dem hochentwickelten Israel in das arme Westjordanland macht.
Als wenn er mich aus meinen Gedanken reißen möchte, holt der junge Soldat neben mir plötzlich eine große Tüte mit Weingummi und Süßigkeiten aller Art hervor. Tatsächlich ist mir aufgefallen, dass es hier viele Geschäfte gibt, die in guter deutscher Manier Leckereien zum selber zusammenstellen aller Art gibt. So sehe ich durch das transparente Plastik sogar meine heiß geliebten sauren Zungen.
Verdammt, mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Nur Salmiaklakritz ist schöner.
Lässig stopft der junge Mann sich die Dinger vor meinen Augen in den Mund und lümmelt sich mit allem was die unteren Extremitäten hergeben auf der Rückbank. Das Gewehr klemmt er dabei, Mündung selbstverständlich nach unten, lässig in die Lücke zwischen den Sitzen. Dazu süffelt er sich einen schreien süß aussehenden Eistee rein. Sicherlich, mit 17, oder 18 Jahren, älter ist der Bengel nicht, benötigt man noch ordentlich kurzkettige Kohlenhydrate.
Ein ums andere Mal wandert die Hand von der Tüte zum Mund. Hätte ich mir doch bloß einen kleinen Nachtisch zur Pizza gegönnt.
Glücklichweise spielt mir der Zufall in die Hand. Die beiden Jungs sind nämlich zwischenzeitlich auch am herumalbern und bitten mich doch tatsächlich darum, ein Photo von ihnen zu machen. Kein Problem.
Ich lasse mir ein Handy geben und mache insgesamt fünf bis sechs Photos im Hoch- und Querformat. Daraufhin frage ich sie, wohin sie wollen.
Als Antwort bekomme ich: „Army Camp“.
Daraufhin entspannt sich der folgende faszinierende Dialog:
„Where you from?“
„Germany, Berlin“.
„Ah, Germany. Germany beautiful!“
„Yes, thank you. But Israel is beautiful too!“
Er nickt mir noch freundlich zu und wendet sich dann wieder, ohne mir die Zuckertüte anzubieten, ab. Spricht wohl nicht gut Englisch, der alte Knauser.
Also widme ich mich wieder dem Fenster. Die Sonne knallt nun volle Dröhnung von Süden in mein Fenster. Ich ziehe den breiten schwarzen Sonnenschutz hinab und versinke im Sitz. Nun geht es auch mit der Straße deutlich bergab.
Den Weg der Schwerkraft nimmt nun auch die Eisteeflasche des jungen Freundes und rollt, vom Besitzer gänzlich unbeeindruckt hingenommen, den Mittelgang in Richtung des Busfahrers und purzelt dann auf der Hälfte des Busses rechts auf die Stufen des Türbereichs. Anstalten das Ding aufzuheben macht keiner.
Eindrucksvolle Lässigkeit.
Eindrucksvoll schlängelt sich nun auch die Straße in die Depression. An den Seiten liegen große Felsstücke, die den Anschein erwecken, als würden sie sich aus dem Schutze der allmächtigen Felswand vorsichtig in die tote Landschaft tasten.
Dann taucht ein Schild auf, auf dem „Welcome Megilot Dead Sea Regional Coucil“ steht.
In mir regen sich Freude und Adrenalin; schließlich gilt das tote Meer schon seit meinen Kindheitstagen, als meine Mutter mich allabendlich aus dem Weltalmanach über Daten und Zahlen zu Ländern und topographischen Begebenheiten ausfragte, welche ich mit dem unendlichen Repertoire eines Grundschüler auswendig aufzusagen vermochte, zu meinen geographischen Favoriten. Um diesen Satz nicht unnötig weiter in die Länge zu ziehen füge ich nach dem vorherigen Punkt an, dass der Besuch dieser landschaftlichen Kuriosität als unabdingbarer Bestandteil meiner Reise abgehakt werden will und nun zum Greifen nahe ist.    An der Abzweigung nach Jericho befindet sich ein Verkaufsstand für Kitsch und Nippes, sowie eine Bushaltestelle. Die beiden Soldaten steigen hier aus und plötzlich hat der Eisteegenießer wieder die Flasche in der Hand. In der Armee lernt man offensichtlich nichts Unnötiges zu tun und Kräfte zu sparen.
Macht`s gut Kameraden!
Nun ist das Land gänzlich flach und das tote Meer mit seinem nördlichen Zipfel eindeutig zu sehen. Eine trübe und milchige, aber ungleich faszinierende Stimmung liegt in der Luft. Im Hintergrund sieht man das diffuse Abbild eines jordanischen Bergkamms.
Erstaunlicherweise tut sich rechter Hand, in Nina Hagen-greller Opposition zur Wüste, ein sattgrünes Feld auf.
Weiter sehe ich vereinzelte Gewächshäuser, in Reih und Glied angeordnete Palmenkulturen und kleine Siedlungen. Der Bus hält nun öfter und bei den Ortschaften scheint es sich um Kibbuzim zu handeln.
Wir fahren nun entlang dem Toten Meer immer Richtung Süden. Die Straße ist weitestgehend schnurgerade. Wir sind etwa eineinhalb Stunde unterwegs, als der Bus einen weiteren, aber deutlich besser gesicherten Checkpoint erreicht. Ein Blick auf das Handy verrät, dass es sich hierbei um die sogenannte „grüne Linie“ handelt, die wir bereits kurz hinter Jerusalem passiert haben müssen. Hiermit ist die 1949, nach dem sogenannten Palästinakrieg, mit den involvierten Kriegsparteien ausgehandelte Staatsgrenze Israels gemeint. Wir befinden uns nun wieder auf israelischem Gebiet und somit kann es nicht mehr weit bis nach Ein Gedi sein.










Sonntag, 30. Dezember 2018

ISRAEL 2018 - Tag 2, Teil III


Um von der Destille bis zum Busbahnhof zu gelangen muss ich knapp drei Kilometer laufen. Dieser heißt im Original „HaTahana HaMerkazit HaHadasa“. Ich beschränke mich im Weiteren auf das deutsche Akronym „ZOB“.
In maximal einer halben Stunde will ich da sein.
Vielleicht habt ihr bereits bemerkt, dass sich mein Leben oftmals in Zeiten und Entfernungen abspielt. Nun kommt noch eine dritte Maßeinheit dazu:
Blutalkoholkonzentration.
Obwohl ich nur maximal 5cl Hochprozentiges getrunken habe, merke ich einen leichten Schwindel. Das fühlt sich nicht unangenehm an, ist aber etwas fehl am Platz, da ich mir einen derartigen Zustand um 12:30 mittags normalerweise verbitte.
Zum Protestanten in mir gesellt sich einmal mehr der Ernst Jünger und ich kämpfe mich zielstrebig durch alle Widrigkeiten des Verkehrs um den Bus nach Jerusalem zu erreichen. Dieser fährt zwar alle dreißig Minuten, doch wozu Zeit verschwenden?
Nichts nervt mich mehr, als die Option womöglich den nächsten Bus zu verpassen und eine bleierne halbe Stunde voller Selbstvorwürfe vertreiben zu müssen.
Wahrscheinlich ist es besser, dass ich alleine unterwegs bin. Wer würde es mit mir schon aushalten.
Mit dem Stadtbus zu fahren kommt für mich übrigens nicht in Frage, da ich mir vorgenommen habe möglichst viel von der Stadt zu sehen, zu atmen und zu fühlen. Das geht im Bus mitnichten besser als zu Fuß.
Der diätbewusste Anteil meines Ichs hat dabei ständig im Hinterkopf die vorhin aufgenommenen Kalorien zu verbrennen und dem ewigen Versuch der Reduzierung meines kleinen Bäuchleins Vorschub zu leisten.
Ob es mein Eiltempo ist, oder die Nachwehen des frühmorgendlichen Alkoholexzesses vermag ich nicht zu deuten, jedenfalls verpasse ich den ZOB und checke erst an einem dreckigen Nebeneingang, dass dieser hässliche Betonklotz mein vorläufiges Ziel darstellt.
Um in diesen Koloss hinein zu gelangen muss ich einen engen Eingang passieren an dessen Anfang ich meine erste richtige Kontrolle mit Security-Check außerhalb des Flughafens erlebe. Der Wachhabende sieht aus wie ein x-beliebiger Typ mit Wampe, Zivilkleidung und Maschinenpistole. Dazu gibt es einen obligatorischen Gepäck- und Körperscanner. So weit, so normal.
Der Dude spricht mich ohne Begrüßung auf Englisch an:
„Do you carry a gun?“
Hoppala, jetzt aber mal langsam.
So langsam dämmert mir, dass ich mich auf dieser Reise noch öfter überrumpelt fühlen werde durch das direkte Vorgehen der Menschen. Mal wieder Pragmatismus in Reinkultur.
Ich antworte: „Not even a knife“ und wuchte meinen Rucksack und die Brusttasche auf das Laufband.
Antwort, Inhalt des Rucksacks und der Brusttasche, sowie mein Körper scheinen tadellos zu sein und der Sicherheitsmensch verabschiedet mich mit einem Lächeln.
Nun befinde ich mich zwar im ZOB, scheine aber noch sehr weit vom eigentlichen Abfahrtsgeschehen entfernt zu sein, denn um mich herum herrscht eine feuchtkalte, nach Schimmel und Urin stinkende Atmosphäre. Ich befinde mich nicht im Herzen der verschiedenen Terminals sondern in einem Niemandsland aus Treppenaufgängen und leerstehenden kleinen Nischen, die in besseren Zeiten wohl mal Geschäfte beherbergten. Vereinzelt laufen Menschen zielstrebig an mir vorbei und die Treppen hinauf.
Ich entscheide mich für die beste aller Optionen und folge mit einigem Abstand einer älteren Dame. Nicht, dass die sich noch verfolgt fühlt und eine Szene macht.                                        Bald entdecke ich an der dreckigen, orangeroten Wand ein Schild mit Hebräischen Zeichen und einem Pfeil nach oben. Ich winde mich das enge Treppenhaus hinauf, gehe zwischendurch auf einer komischen öffentlichen Toilette pinkeln und finde mich endlich in einer großen Halle mit weiteren, diesmal aber offenen Treppenhäusern wieder.
Hier sieht es aus wie auf dem Polenmarkt. Billige Klamotten, Nippes und Zigaretten werden an diversen Ständen feilgeboten. Aber nirgends steht ein Schild mit dem vertrauten Wort „Departures“.
Ich frage einen sportlichen Typen, der mich noch weiter nach oben zur Plattform 6 verweist. Dort angekommen muss ich noch den richtigen Terminal finden. Diesmal frage ich in einer kleinen Kabine, die leicht erhöht den Eindruck offizieller und belastbarer Auskünfte erweckt und werde da von einem freundlichen älteren Herren zur Nummer 603 geschickt.
„You can buy a ticket from the Driver!“
Endlich entdecke ich das Schild 603, auf dem auch die Busnummer 403 nach Jerusalem prangt.
Der Bus steht bereits am Terminal und eine kleine Schlange an Menschen drängt sich an den weit geöffneten Gepäckklappen. Ich gehe durch die Tür nach draußen zum Bus.
Was sich bereits im Wartebereich angekündigt hat trifft mich nun olfaktorisch in voller Bandbreite. Benzingerüche, Gummi, Teer, Staub. Ein herrliches Amalgam urbanisierter Hochkultur.
Mit Blick auf den Busparkplatz wird mir die Größe des ZOBs gewahr. Ein riesiges Ungetüm, das man mal sieben multiplizieren muss, da es eben so viele Ebenen gibt. Sicherlich nicht alle in den entsprechenden Ausmaßen, aber doch allemal größer als der dagegen belanglos wirkende Berliner Busbahnhof am Messegelände.
Ich atme tief durch, nehme den Rucksack ab und lege ihn ebenfalls in den Bauch des Vehikels, reihe mich an der Schlange vor der Eingangstür ein und entrichte läppische 16 NIS, die im Preisleistungsverhältnis in keinerlei Relation zu den Preisen im Supermarkt von heute morgen stehen.
Noch einmal im Klartext für alle Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel in Deutschland: 16 Nis, das sind nicht mal vier Euro!
Zwar ist die Strecke von Tel Aviv nach Jerusalem mit einer knappen Stunde Fahrzeit und etwa 70km Entfernung relativ kurz, aber dennoch empfinde ich den Preis unschlagbar günstig, vor allem, weil er keinerlei Vorbuchung bedarf.
Die Busse sind mit blau bezogenen Sitzen ausgestattet und von der Kategorie Extraweich. Der Bus ist nur halbvoll, so dass ich bequem im hinteren Teil an einem Fenster Platz nehmen kann. Im Bus ist eine bunte Mischung aus Touristen und Einheimischen. Die Einheimischen haben sowohl jüdisches, wie auch arabisches und afrikanisches Aussehen, sofern man das hier überhaupt differenzieren kann. Die Touris kommen aus den üblichen westlichen Ländern. Deutschland mit eingenommen.
Der Busfahrer brabbelt irgendwas ins Mikrofon und schon geht es los. Nach einigem hin und her und Manövrieren im Rückwärtsgang mit dem vorwärts eingeparkten Bus geht es los. Ein kleiner Busstau vor der letzten Schranke ermöglicht einen Panoramablick aus dem siebten Stock über Tel Aviv. Dann fahren wir eine breite Ausfahrt hinab auf die Lenvisky-Road, die Autobahn 2 und schließlich auf die Autobahn 1 nach Jerusalem.
Die Strecke ist vom Verlauf her genau gleich wie die Zugstrecke, die ich bereits auf dem Hinweg vom Flughafen aus genommen habe. Da die Autobahn aber höher als die Trasse liegt, erlaubt sie eine bessere Aussicht auf die Umgebung.
Am talgig und fettig verschmierten Fenster zieht Tel Aviv vorbei. Ähnlich wie das Glas hat auch der den Ausfallstraßen zugewandte Teil der Stadt lange keine Säuberung mehr erfahren. Überall liegt Unrat herum.
Die Gebäude sind hauptsächlich weiß, grau und beige, allesamt mit Kabelsalat und ausladenden Klimaanlagen. Wen wundert es, liegt Tel Aviv doch auf dem 32 Breitengrad Nord und somit in einer äußerst warmen und trockenen Gegend. Wie bereits beim Anflug bemerkt, besteht die Gegend um Tel Aviv hauptsächlich aus braunen und beigen Landflecken, die von großen weiß-gelben Siedlungen, Straßen und kultivierte Grünflächen zerfurcht werden.
Topographisch ist das unmittelbare Umland Tel Avivs, der Gusch Dan, erstaunlich flach. Die einzigen nennenswerten Erhöhungen sind die unzähligen Satellitenstädte mit ihren unzähligen Plattenbauten. Wie Stalagmiten erwachsen sie brachial in die Höhe und zeugen von einer rasanten Besiedlungswut, die in der sandigen Umgebung und der sie urbar machenden Doktrin einen perfekten Nährraum zu finden scheinen.
Ich beschließe, dass ich mir eine dieser Trabanten näher ansehen muss und die Stimmung dort erleben möchte. Da ich die letzten drei Tage meiner Reise noch nicht verplant habe, werde ich gegebenenfalls einen Tag in einer Stadt im Gusch Dan verbringen.
Ich bin in einem kleinen, idyllischen Dorf nahe der Schleswig-Holsteinischen Ostsee aufgewachsen und als ich frisch nach Berlin gezogen bin, hat mich die Fremdartigkeit der Ostberliner Plattenbauten bei unzähligen Fahrradtouren durch Marzahn, Hohenschönhausen und Hellersdorf mit einer morbiden Faszination und einem diffusen Gefühl der Schwermut und Anziehungskraft erfüllt.
Was einst meinem naiven Ich als hässliche Menschenverwahranstalten vorkam, musste mit der Zeit und durch das Kennenlernen von Menschen Erfahrungen der Einsicht weichen, dass auch hier ganz normale Leute wohnen. Wahrscheinlich erklären sich dadurch auch die widersprüchlichen Gefühle, die ich damals hegte und mangels Empathie auch für mich selbst nicht zu deuten wusste.
Wir passieren linkerhand den Ben Gurion Airport und auf der rechten Seite schließt sich mit der Stadt Lod ein weiteres Betonungetüm an.
Daneben steht eine riesige Betonfabrik. Betonfabriken empfinde ich stets als optische Anmaßung Sondergleichen. Wer schon mal an der Costa del Sol in Spanien war, weiß eventuell was ich meine. In ihrer plumpen Unfigürlichkeit wirken sie auf mich wie die materialisierte Hybris einer in Israel seit langer Zeit erwarteten Immobilienkrise.
Passend dazu sind unheimlich viele Sattelschlepper mit Baugerät auf der Autobahn unterwegs. Der Busfahrer gibt mächtig Gas und die Brummies ziehen unentwegt auf der rechten Seite vorbei.
Hinter Lod geht es langsam aufwärts und die Vegetation verändert sich deutlich.
Bestimmte vorhin karge Erde die Szenerie, sind plötzlich bestellte Äcker und erntende Landwirte zu sehen. Trecker, Mähdrescher und Anhänger. Fast so wir in meiner Heimat Angeln. Nur dass dort seit Jahrtausenden das Land bestellt wird und hier der Ackerbau vielleicht erst etwas mehr als hundert Jahre Tradition hat und dem Land die Urbarmachung abgerungen wird, wie auch dem Staate insgesamt.
Dann kommt auf einmal Wald. Grüner Mischwald. Dann wieder zerklüfteter, aber bergiger Boden, gefolgt von Nadelwald.
Es wird etwas kurviger, karger und zunehmend bergig. Die Besiedelung ist nur noch sporadisch. Wenn aber, dann scheinen die Orte von oben auf einen herab zu blicken. Wie kleine Festungen.
Der Bus bahnt sich weiter den Weg gen Osten und die Besiedlung wird wieder dichter. Am Horizont lässt sich bereits die Silhouette einer Großstadt erkennen. Auch hier Wolkenkratzer, aber bei weitem nicht so viele wie in Tel Aviv. Aber ebenso viele Neubauten, jedoch in völlig anderer Bauweise. Die haben eher etwas Neoklassizistisches an sich, soweit ich das überhaupt beurteilen kann.
Das muss wohl Jerusalem sein; würde jedenfalls von der Fahrtzeit her hinhauen.
Erst jetzt bemerke ich, dass es im Bus freies WLAN gibt. Zwar benötige ich dieses nicht, da ich auch per GPS meinen Standort bestimmen könnte, aber eine schnellere Peilung per Internet bestätigt meine Vermutung.
So sieht also Jerusalem aus? Ein bisschen enttäuscht bin ich schon. Hatte ich mir doch eine uralte Stadt ausgemalt. Doch alles was ich sehe sind wieder nur eintönige weiß-gelbe Neubauten, allerdings viel zersiedelter, als der Ballungsraum an der Mittelmeerküste. Hier machen die unzähligen Hügel einer flächendeckenden Bebauung einen Strich durch die Rechnung.
Schon wieder eine dieser touristischen Fehlannahmen. Ist doch klar, dass auch Berlin aus weit mehr, als dem Brandenburger Tor, der Siegessäule und der Berliner Mauer besteht. Von daher nur logisch, dass auch Jerusalems Altstadt sich eine Peripherie erlauben darf.
Auffällig ist ebenso, dass kaum Menschen auf der Straße zu sehen sind. Die wenigen, die ich sehe, sind fast ausnahmslos orthodoxe Juden mit Löckchen und Schulkinder in einer Art uniformierter Gleichheit. Sonst herrscht ziemliche tote Hose in dieser ach so bedeutenden Stadt.
Vielleicht arbeitet aber der normale Teil der Bevölkerung einfach, während sich die Touristen ausnahmslos auf die Altstadt konzentrieren und die von Sozialhilfe lebenden Orthodoxen sich wohl einfach kurz eine Pause vom Thorastudium und Kindermachen nehmen und hier vereinzelt herumwieseln.
Diesen Fragen werde ich vorerst nur ungenügend nachkommen können, da ich heute lediglich einen Umsteigestopp in Jerusalem geplant habe und in einer guten Stunde den Anschlussbus nach Ein Gedi nehmen möchte.
Schnaufend erreicht der Bus den Jerusalemer ZOB und fährt in dessen Eingeweide ein. Eine weitere Etappe des noch langen und ereignisreichen Tages ist geschafft.







Samstag, 29. Dezember 2018

ISRAEL 2018 - Tag 2, Teil II


Vor sechs Jahren traf ich erstmals seit über zwanzig Jahren meinen Cousin. Obwohl ich bereits seit 2003 in Berlin wohnte und er seit ähnlich langer Zeit immer wieder beruflich dort tätig war, hatten wir keinen Kontakt; vielmehr wussten wir nichts von der gegenseitigen Anwesenheit. Das änderte sich vor gut sechs Jahren, als mein Vater wegen des Todes meiner Großmutter in Kontakt mit dem verloren gegangenen Zweig der Familie trat und auch einen Kontakt mit mir anbahnte.
So trafen wir uns kurz darauf in einem Restaurant unter seinem Berliner Hotel. Nach einem Blick auf die Getränkekarte hob Wolfgang anerkennend die Augenbrauen und tat seine Freude über die gute Whiskyauswahl kund. Daraufhin kam ich in den Genuss einer heiteren Verkostung durch die fünf Whiskyregionen Schottlands.
Obwohl ich bis dahin kaum Gefallen am Geschmack von Alkohol fand, blieb mir die eigenwillige Charakteristik des edlen Getränks angenehm im Gedächtnis. Es schien gar so, als hätte ich erst an diesem Abend die sensorische Reife für den Genuss von feinen Geistern erlangt. Wenige Tage nach der genussvollen Initiation kaufte ich meinen ersten Single-Malt-Whisky, einen zehn Jahre alten Jura. Darauf hin folgten viele weitere Whiskies, erste organisierte Tastings, Besuche in Destillerien in diversen Ländern und Reisen nach Schottland.
Kein Wunder also, dass mein Trip nach Israel auch den Besuch der ersten Whisky-Brennerei des Landes beinhalten sollte.
Israel und Whisky? Kommt der nicht aus Schottland?
Für viele Menschen sind Schottland und Whisky miteinander assoziiert, dabei bedarf es lediglich eines gemälzten Gerstenbrands, der nach einer minimalen Lagerzeit von drei Jahren in einem Eichenfass mit mindestens 40% Vol und ohne weitere Zusätze abgefüllt werden muss. Alles was dem entspricht, darf sich mit einem originalen Scotch-Whisky messen. Das bedeutet, dass es mittlerweile in Bolivien, Indien, Taiwan, Deutschland und eben auch Israel hunderte von teilweise sehr erfolgreichen Whiskyherstellern gibt.
Die Milk & Honey Distillery liegt etwa 4km von Ofirs Apartement entfernt im Stadtteil Jaffa. Der kürzeste Weg dorthin führt entlang der engen und hässlichen Ha-Yarkon-Street und der nicht minder hässlichen, aber breiteren Kaufmann-Street.
Ich habe bereits bei Ofir die Route ins Handy eingegeben und operiere nun offline durch die Hood. Wenn ich nun eine falsche Taste drücke, dann wäre womöglich die gespeicherte Route futsch. Aber eigentlich ist der Weg idiotensicher; also schaffe sogar ich es zur Brennerei. So oder so!
Schnell habe ich Jaffa erreicht, wo die Kaufmann-Street zum Jerusalem-Boulevard wird. Nach wenigen Hundert Metern erreiche ich die Zentrale von Scientology. Tom Cruise würde bei Israel wohl vom Land der vier Weltreligionen sprechen. Dort biege ich im 90Grad Winkel nach Osten ab, passiere ein Stadion und gelange schließlich zu einem Flachdachbau, an dem verheißungsvoll das Logo der Brennerei prangt. Von außen hat diese Bude nichts mit den romantischen Gebäuden und ihren Pagodendächern in Schottland zu tun.
Zweckmäßiger Industriecharme pur. Irgendwie israelisch... Gefällt mir.
Das Gebäude ist langgezogen, mit Wellblech gedeckt und hat keine von außen einsehbaren Fenster. Der Eingang wird von einer großen pechschwarzen Tür gerahmt, neben der sich eine kleine Klingel befindet. Ich drücke diese und warte ab. Nichts passiert.
Ich klingle nochmals und warte wieder. Hinter mir Straßenlärm und Baugeräusche, vor mir Totenstille. Ich klingle ein drittes Mal. Hier muss doch jemand aufmachen. Ich habe doch bereits vor einigen Wochen per Email eine Tour gebucht, diese bestätigt bekommen und per Kreditkarte bezahlt. Arbeiten die heute nicht? Shabbat ist doch erst Freitag und heute ist Dienstag. Jesses und Maria!
Ich gucke mich hilflos um, zucke mit den Achseln und fühle mich verarscht.
Wie ich so hilflos da stehe steuert ein business-casual gekleideter Kerl auf mich zu, nickt kurz und klingelt an der gleichen Klingel. Er scheint diese aber eine Hundertstelsekunde länger gedrückt zu halten als ich, denn plötzlich ertönt ein Summen, dass ich bei meinen Versuchen nicht vernommen habe. Ironischerweise kenne ich es in ähnlicher Form von der Klingel meiner eigenen Wohnung in Berlin. Erst wenn dieses Summen ertönt, klingelt es auch innen.
Aus der Gegensprechanlage erklingt eine Frauenstimme auf Hebräisch, der Mann stellt sich vor und die Tür geht auf. Ich husche mit hinein und finde mich in einem durchgestylten Ambiente wieder. Eine gelockte Dame kommt auf uns zu, begrüßt den Typen und gibt mir Zeit mich zu erklären.
Freudig teilt sie mir mit, dass ich heute Vormittag der einzige Gast sei und sie die Führung mit mir machen werde. Ich solle doch bitte noch links in den Raum gehen und ein paar Minuten Platz nehmen, Sie käme dann gleich.
Links bedeutet in einen großen Raum mit stylischer Bareinrichtung, Verkaufsartikeln und diversen Brennereidevotionalien zu gelangen.
Ich lege ab, nehme am Tresen Platz und lasse den Blick schweifen. Definitiv ein Start-Up, welches nicht erst versucht Traditionen vorzugaukeln, sondern offen und ehrlich, aus dem jugendlichen Mut zur Marktlücke (koscherer Whisky), Kapital und Wachstum schlagen will.                                                                                                                                                     Manchen Orten wohnt eine gewisse Energie inne. An diesem merkt man sofort, dass Profis am Werke sind, die von ihrer Idee zu einhundert Prozent überzeugt sind. Keine halben Sachen und volle Kraft voraus. Sogar die aus profanen OSB-Platten gefertigte Bar wirkt so gerade geschnitten, als wäre sie an einem CAD-Programm entworfen und einem 3D-Drucker entsprungen.
An der Wand prangt der freche Spruch „Everybody loves Whisky – Some haven`t found the Whisky they love. Yet!“
Würde ich so unterschreiben.
Wenige Minuten später kommt die Lady mit professionellem Lächeln zurück und fängt etwas zugeknöpft an mir einen einstudierten Text zur Geschichte der Brennerei vorzutragen:
Ein paar Freunde, die sich in der israelischen High-Tech-Industrie kennenlernten, haben ihre Liebe zum Whisky, der Handwerkskunst und des Pioniergeistes der einheimischen Start-Up-Kultur miteinander verbunden, Investoren und einen renommierten, aber leider mittlerweile verstorbenen Whiskyexperten aus Schottland (Dr. Jim Swan - u.a. Kilchoman, Kavalan und Jim Beam) dazu gewonnen und wahr werden lassen, wovon viele Whiskyenthusiasten träumen; die Gründung einer eigenen Whiskydestille.
Nun fragt sie mich: „How much knowledge do you have about the process of making Whisky?“
Ich erwidere, dass ich ein ambitionierter Amateur sei und ob es nicht, geschuldet der Tatsache der einzige Gast zu sein, möglich wäre eine etwas individuellere Tour zu bekommen.
Mit diesem Augenwink versuche ich sie aus einer möglichen Betriebsblindheit von Dutzenden bereits abgespulten Führungen zu erwecken und mir direkt Zugang zum Fasslager und den darin schlummernden Schätzen zu geben.
Doch die Dame nimmt den Faden nur bedingt auf und anstatt einfach mit der von mir gewünschten Tour loszulegen, fragt sie, was mich denn besonders interessieren würde.
Insgeheim hoffe ich natürlich darauf etwas Rohbrand probieren zu dürfen, oder gar eine Fassprobe von bereits gelagertem Whisky zu bekommen, traue mich diesen Wunsch jedoch nicht zu äußern und hoffe vielmehr auf die Kulanz und das Gespür dem „einzigen Gast“ genau die besondere Führung zu bieten, die sich später bei Tripadvisor und Konsorten in einem begeisterten Kommentar und fünf enthusiastischen Sterne in der Bewertung niederschlägt.
Deswegen bleibe ich kleinlaut und brabble irgendwas von Hefen und Fasstypen, die mich interessieren.
Leider spult Madame die komplette Standardführung ab, wie ich sie schon einige Male in einem Tross aus Reisebustouristen in Schottland erleben musste. Inhaltlich einwandfrei – sicher - aber auch meilenweit an meiner Wunschvorstellung vorbei.
Wobei! Ich habe auch nur etwas weniger als zehn Euro für die Tour bezahlt und rein technisch gesehen genau das bekommen, wofür ich bezahlt habe. So schaffe ich es versöhnlich mit diesem Bias klarzukommen und die Führung dennoch zu genießen.
Schon spannend, was die Leute hier auf die Beine gestellt haben.
Das Gebäude ist eine alte Bäckerei und bot somit bereits ein paar Gerätschaften, die z.B. zum Mahlen der gemälzten Gerste auch heute noch genutzt werden können.
Die Brennblase wurde irgendwo in Osteuropa ersteigert und sei, sofern ich es richtig verstanden habe, angeblich vor über dreißig Jahren in der DDR gefertigt worden. Was genau darauf gebrannt wurde, entzieht sich leider der Kenntnis des Guides.                                           Die Vorstellung von einem auf einer echten Pot-Still gebrannten Sliwowitz wäre sehr interessant.
Die gemälzte Gerste wird aus Schottland importiert und das Wasser kommt aus Tel-Aviv.
Ansonsten unterscheiden sich die verschiedenen Prozesse kaum von einer schottischen Destille, nur, dass hier bis zur finalen Abfüllung in die Flasche alle Arbeitsprozesse vor Ort stattfinden und es vor Allem keinen sogenannten „Spiritsafe“ gibt.
Der Spiritsafe ist ein abgeschlossenes Zählwerk, durch den der Rohbrand fließt und für den nur der Zollbeamte einen Schlüssel hat. Dadurch sollen Manipulationen bezüglich der hergestellten Alkoholmenge vermieden und die Alkoholsteuer genau festgelegt werden. Da es in Israel keine Tradition des Alkoholbrennens gibt, hat man sich offensichtlich auch noch nicht mit der Möglichkeit der Branntweinsteuer auseinandergesetzt. Somit läuft der Rohbrand ohne jegliche staatliche Kontrolle in große und offene Metalltanks.
Dieser Fakt dürfte sicherlich bei Investoren für offene Ohren gesorgt haben; ergibt sich doch so eine feine Möglichkeit die Marge zu erhöhen.
Das große Alleinstellungsmerkmal ist allerdings, dass der Whisky koscher ist. Das bedeutet, dass man mit den Lieferanten der Gerste und einem Rabbi abgeklärt habe, dass diese – obwohl vermutlich auch freitags geerntet – abgesegnet sei und man in der Destille am Shabbat nicht arbeitet.
Ansonsten stellt man auf einer kleineren Brennblase noch Gin her. Dieses ist bei vielen neu gegründeten unabhängigen Whiskydestillen gängiges Mittel um einen gewissen Cashflow von der Eröffnung an zu garantieren, da bei Whisky das erste verkaufsfertige Produkt ja frühestens nach drei Jahren verfügbar ist und dennoch Gehälter, Rohstoffe, Investitionen, Abschreibungen etc. finanziert werden müssen, um den Betreib aufrecht zu erhalten.
Ich mache einige Photos der Anlage und nach Besichtigung des Fasslagers geht es zurück in die Bar, wo ich vier verschiedene Produkte probieren darf.
Wir starten mit dem sogenannten New-Make, dem Rohbrand. Dieser wird, entgegen der schottischen Industrienorm, nicht mit 63,5% Vol in die Fässer gefüllt, sondern mit satten 73%. Das habe mit dem hohen Verdunstungsgrad des Alkohols im warmen Klima zu tun. 
Heute teste ich den auf 50% herunter verdünnten New-Make in seiner verkaufsfertigen Version. Die Attribute fruchtig, malzig und alkoholisch treffen den Charakters des Erzeugnisses wohl am Besten. Weiter geht es mit einem Gin, der mit soundso vielen Botanicals aromatisiert ist. Schmeckt ganz passabel und hat einen schön feurigen Abgang. Als nächstes kommt ein Eichenfass-gelagerter Gin, der den Charakter des weißen Gins um dezente Eichen- und Vanillekomponenten ergänzt.
Als letztes gibt es dann keinen Whisky.
Richtig, keinen Whisky.
Da man erst 2015 offiziell mit dem Brennen begonnen hat, sind die ersten drei Jahre lang gereiften Fässer leider den jeweiligen Eignern, die durch ihre Investitionen zu Beginn des Betriebs Geld in die Kassen gespült haben, vorbehalten, sowie einigen exklusiven Sonderabfüllungen. Somit muss ich mit einem knapp dreijährigen Fast-Whisky mit 46% Vol Vorlieb nehmen, was aber nicht weiter dramatisch ist, weil es zu den Vorzügen der südlicheren Breitengrade der nördlichen Hemisphäre gehört, dass der Whisky im wärmeren Klima schneller reift und somit nicht allzu jugendlich und metallisch schmeckt.                                    Das süffige Produkt reifte dreifach in einem ehemaligen Rotwein-, einem ehemaligen Bourbon- und einem ehemaligen Fass von der berüchtigten Whiskyinsel Islay und hinterlässt sensorisch einen guten Eindruck. Die Nase ist fruchtig, malzig und süß, was auch auf der Zunge seine Bestätigung findet.                                                                                                                               Leicht beschwingt, mit einem seidigen Abgang von Schokolade am Gaumen, verabschiede ich mich und breche auf zu meinem vorerst nächsten Ziel; dem ehemals größten und sich weiterhin in regem Betrieb befindlichen Busbahnhof der Welt.