Freitag, 28. Dezember 2018

ISRAEL 2018 - Tag 2, Teil I




Die Nacht war ein einziges Aufwachen, Wälzen, Reagieren auf Schnarchen, Schwitzen und Unterdrücken eines mit zunehmendem Alter dominanter werdenden Harndrangs.
Um 06:30 reicht es mir. Ich klettere die viel zu dünnen Metallstufen herunter, die sich schon bei geringstem Druck schmerzhaft in die Fußsohlen drücken und strecke meinen verspannten und mit leichtem Kopfschmerz gesegneten Körper.
Da alle noch schlafen, muss ich meine Morgenlatte nicht zwischen Bauch und Bund der Boxershorts klemmen.
Herrlich, die kleinen Freiheiten des Frühen Aufstehens.
Da heute Nacht ein nicht weiter benannter Idiot betrunken in das Zimmer getorkelt ist und beim friendly fire eine Schneise der Verwüstung hinterlassen hat, trete ich auf ein Feuerzeug und in einen herumliegenden Rucksack.
Etwas knackt. Mist! Und gleich darauf: Ist doch nicht meine Schuld, wenn die hier alles rum liegen lassen.
Erstmal Wasser lassen. Ah, das tut gut.
Ein Blick ins Wohnzimmer zeigt: Reha-frei Zone. Vorerst.
Ich brühe mir einen schwarzen Tee und setze mich hin. Heute habe ich viel vor, will mir die erste Whisky-Destille Israels angucken und danach vom Busbahnhof über Jerusalem bis nach Ein Gedi am Toten Meer fahren.
Vorher will ich am Strand joggen und Schwimmen gehen, ein zünftiges Frühstück im Supermarkt, sowie Proviant für die kommenden Tage besorgen.
Die Sache mit dem Relaxen von gestern ist schon wieder vergessen und ich stelle einen Zeitplan auf. Wenn ich um 07:00 los laufe, dann bin ich inklusive 100 Liegestütz und einem kurzem Bad im Meer um spätestens 08:00 im Supermarkt. Dort gebe ich mir 15 Minuten Zeit zum Einkaufen, so dass ich gegen 08:30 wieder im Appartement bin und Frühstück zubereiten kann. Spätestens um 09:30 werde ich gegessen und Besteck und Geschirr abgewaschen haben. Dann habe ich noch 30 Minuten Zeit um meine Sachen zu packen und mich zu verabschieden.
Sollte passen.
Allerdings folgt die erste Änderung bereits mit dem Anschlagen des Koffeins im Schwarzen Tee, so dass ich eine etwas längere Sitzung einlegen muss.           Da Optimismus immer gut kommt, bin ich froh den Körper bereits hier zu erleichtern und nicht genötigt bin, unter Vortäuschung falscher Tatsachen, ein spontanes U-Boot der Dolphin-Klasse in das Mittelmeer zu entlassen; auch wenn sich – qua meiner Schleswig-Holsteinischen Abstammung – somit ein Kreis schließen würde.
Mit zehnminütiger Abweichung vom Zeitplan vergesse ich alle körperlichen Wehwehchen, stecke meine Kreditkarte ein und laufe leichtfüßig gen Strand.
Wen wundert`s? Ich bin nicht alleine unterwegs.
Wieder laufen unzählige Israelis mit mir durch die Stadt. Wieder sehen alle verdammt gut und natürlich aus.
Am Strand angekommen entscheide ich mich Richtung Jaffa zu laufen. Diesen Strandabschnitt habe ich gestern nicht geschafft anzugucken.
Schon um 07:30 tummeln sich am Strand einige Großeltern mit ihren Enkeln die noch im Vorschulalter sind. Auch sind weitere Rentner damit befasst Frühsport zu betreiben. Andere chillen einfach nur in Strandliegen. Besonders imponiert mir ein etwa Siebzig Jähriger Mann, der mit jeder Menge Goldklunker behangen ist. Nicht zuletzt ziert eine feiste Kette seinen noch stattlichen Brustkorb und wird von stattlichem Brusthaar gesäumt.
Brusthaar scheint bei den Israelischen Männern eh von besonderer Bedeutung zu sein. Mal dezent gekraust, mal müde hängend, oft stolz gelockt, aber stets offenherzig wird es von den meisten Joggern und Sportlern zur Schau getragen.
T-Shirts? Wozu? Wenn man doch so selbstverständlich klar machen kann, dass es nur ein paar Haare bedarf um zu zeigen, wer der Boss ist.
Wahrscheinlich benötigt der einheimische Mann noch nicht mal eine Unterhose, weil sich ganz bestimmt ein dezenter, aber doch ausreichender Flaum von der Scham, über die Taille bis über die Arschbacken zieht. Ein natürlicher Lendenschutz, der nur den Anhängern der ältesten bekannten Religion vorbehalten ist. So alt, dass sich unweigerlich die Phantasie aufdrängt im Juden an sich das Missing Link der Hominisation zu sehen, welches für jeden durch diesen raffinierten und flauschigen Atavismus zu erkennen wäre und das Tragen von Unterwäsche, Bade- und Turnhosen für die glücklichen Auserwählten gänzlich unnötig machen würde.
Die Kerle sind dennoch allesamt geile Mackers. Armeeerfahrung, Machismo und sicherlich stets den schussbereiten Colt nicht nur unter dem Kopfkissen bereit.
Skyscrapers, Muskeln, Brusthaar und über allem die Israelische Flagge. Geil!
Dem Vorbild meiner sportlichen Mitläufer folgend entledige ich mich meiner Schuhe und jogge barfüßig durch die seichte Brandung. Der Wellengang gleicht einem weißen Wollfaden, der vorsichtig voran rollt, nur um dann spurlos im Sand zu verschwinden. Die Sonne kommt langsam hinter der Skyline hervor und taucht den Strand in ein wunderschönes Licht, welches regelmäßig von den Schatten der Hochhäuser geteilt wird.
Vor mir, etwa in drei Kilometern Entfernung, erkenne ich den Leuchtturm von Jaffa; dem historischen Teil der Doppelstadt. Bis dahin werde ich heute nicht mehr laufen. Zwar liegt die Destille nur etwa einen Kilometer östlich davon, aber ich habe mir vorgenommen, die letzten Tage meines Aufenthalts wieder in Tel-Aviv zu verbringen und mich dann ausführlich der Begehung Jaffas zu widmen.
Die für mich gültige Landmarke soll heute Morgen eine lang gestreckte Steinmole sein, die etwa 3km von Ofirs Appartement entfernt liegt.
Ich laufe tatsächlich auch in Berlin etwa zweimal in der Woche eine längere Strecke und empfinde Distanzen von 5-8 Kilometern für mich als super geeignet. So sollen es auch heute 6km werden, die ich in 30 Minuten schaffen will.
Das Laufen fällt ausgesprochen leicht. Habe ich in Berlin oft einen inneren Schweinehund, den ich meist über die ganze Länge der Strecke bekämpfen muss, ist hiervon in der morgendlichen Wärme und der leichten Brise keine Spur.
Trotz des schlechten und kurzen Schlafs bin ich innerlich so voller Energie, dass es eine Wohltat ist, dieser Kompensation zu verschaffen.
Der Sand an den Füßen fühlt sich perfekt an. Man sinkt nicht zu tief ein, als dass das Laufen sich anstrengend anfühlen würde und das Wasser lindert jegliche körperliche Anstrengung.
Es gibt diese Momente des Bei sich seins, des bedingungslosen Fühlens des eigenen Lebens. Sowohl im Negativen, als auch im Positiven.
Jetzt spüre ich mich voll und ganz und genieße intensive Momente des Glücks.
Ich bin ohne meine Kinder unterwegs, ja, dass ist irgendwie schmerzlich, weil ich sie gerne teilhaben lassen würde an diesem wunderbaren Morgen in dieser wunderbaren Stadt. Aber ich fühle mich auch frei. So frei, wie ich mich immer fühle, wenn ich für mehrere Tage alleine unterwegs bin. Wenn ich es bereits nach wenigen Minuten schaffe in einem Modus Operandi zu geraten, der mich fernab meiner Heimat, meiner herkömmlichen Identität, zu einem kindlichen Omnivoren werden lässt, der im positiven Sinne alles an Sinneseindrücken, Begegnungen und Atmosphären in sich rein fressen will, alles aufnehmen möchte, was abseits seines Alltags existiert.
Ich habe zwei Herzen in mir.
An der Steinmole angekommen überkommt mich das unüberwindbare Verlangen Liegestütze zu machen. Die Stimmung ist perfekt und wenn ich den Bauch einziehe und die Brust anspanne, dann ähnele ich beinahe David Hasselhoff zu Baywatch Zeiten. Zwar ohne dauergewelltes Haar, seiner Körpergröße und noch ein paar anderer Attribute, aber sonst stimmt alles.
Da der Abschnitt bei der Mole nicht nur das geographische Ende Tel Avivs, sondern auch das Ende des schönen Strands bedeutet, hinter dem sich ein schnöder Parkplatz befindet, bin ich fast alleine hier und kann mich ungeniert körperlicher Ertüchtigungsübungen widmen, die ich sonst nie machen würde.
Passenderweise besteht die Mole aus großen flachen Steinen, auf denen man vortrefflich Liegestütz machen kann.                                                                                                                        Wie geil muss das erst bei Sonnenuntergang und Gegenlicht aussehen.
Nach vier Sätzen á 15 Liegestützen zerre ich mir das T-Shirt vom Oberkörper, nehme die Kreditkarte aus der Hosentasche, lege sie in die Schuhe und stürze mich kopfüber in die sanfte Dünung.
Wieder dieses unbändige Gefühl der Freiheit. Ich schlage ein paar Kapriolen, tauche unter ein paar Wellen durch, jauchze leise und schieße mehrmals, wie der Mann aus dieser Duschgelwerbung aus den 1990ern, aus dem Wasser.
Nach drei Minuten Badespaß geht es an den zweiten Satz. Pumpen bis der Kopf rot wird.  Dann wieder ins Wasser. Prust, Schnauf, Jippie!
Wieder raus, wieder auf und ab. Mittlerweile stören mich sogar die alten Frauen nicht mehr, die sich eingefunden haben und mein Treiben als total normal zu empfinden scheinen.
Nach drei Sätzen und dreimal Baden ist Schluss und ich mache mich auf den Rückweg.
Etwas nüchterner, aber nichts desto trotz weiterhin bestens gelaunt jogge ich zurück zum Strandabschnitt Frishman-Beach. Wenn ich dort hart rechts abbiege, müsste ich etwa auf Höhe eines Supermarktes auf der Ben-Yehuda-Street herauskommen.
So ist es dann auch. Ich begebe mich in den „Super sal“ Supermarkt und mache mich auf die Suche nach Brot, Eiern, Käse, Harissa und Pastrami und Cola. Heute will ich zum Frühstück eine deftige Portion Eiweiß haben und das Ganze mit dem flüssigen Gold runterspülen. Der Tag ist noch jung und ich werde viel Energie benötigen.
Während die Preise für Brötchen noch halbwegs moderat ausfallen, gerate ich spätestens bei den Eiern ins Schlucken. Zwar habe ich von den hohen Preisen für Lebensmittel und Lebenshaltungskosten in Israel gehört und gelesen, doch die tatsächlichen Preise ziehen mir die Beine weg. Würde ich jetzt in einem Lidl, oder Aldi in Berlin stehen, um das deutsche Äquivalent meines Frühstücks zu kaufen, würde ich maximal sechs Euro bezahlen und dafür vier Vollkornbrötchen bekommen (1,40€), zehn Eier aus Bodenhaltung (1,49€), eine 200g Packung Käse (1,49€), Frühstücksbacon (0,99€) und eine Flasche Cola aus der Pet-Flasche (0,64€ inkl. Pfand). OK, Harrisa würde ich wohl mit was anderem substituieren und das mir jetzt keine Stimmen aufkommen von wegen billiger Discounter Ernährung und der Aufforderung Bio zu kaufen. Schließlich geht es hier um eine rein theoretische Rechnung ;)
Ein Six-Pack Eier der günstigsten Kategorie schlägt mit 18 NIS zu Buche, also mehr als vier Euro. So geht es auch bei den restlichen Lebensmitteln weiter. An der Kasse angekommen entrichte ich für 200g Pastrami, einem kleinen Gläschen Harissa, vier Gummibrötchen, sechs Eier und eine Dose Cola 70 NIS, also knapp 17€. Den Käse habe ich mir aus Kostengründen gespart.
Schon auf dem Heimweg ärgere ich mich, denn für das Geld hätte ich auch drei Falafelsandwichs frühstücken können.
Um 08:45 komme ich wieder im Appartement an und mache mich sogleich an die Zubereitung meines Frühstücks. Noch bin ich alleine in der Küche, höre aber bereits verdächtige Geräusche aus den jeweiligen Zimmern und dem Bad. Von Reha ist noch nichts zu sehen.
Schnell schaufle ich mir das Essen rein. Schmeckt erstaunlicherweise nach nichts. So fällt es mir schwer jeden der teuren Bissen zu genießen und ertappe mich dabei, wie ich ordentlich Salz auf das Essen streue, um wenigstens ein Minimum an sensorischem Reis bei all dem Pappgeschmack zu erhalten.
Da von Genuss keine Rede sein kann, bin ich bereits um 09:15 mit dem Essen fertig und habe somit kostbare Zeit aufgeholt. Mittlerweile drängen auch andere Gäste an den Herd und den Esstisch, so dass ich bereitwillig Platz mache. Bruce, der Australier, will am Herd seine Ruhe haben und erklärt sich bereit mein Geschirr und Besteck mit zu spülen, da das Becken genau neben seiner Wirkungsstätte liegt. Gerne, doch.
Im Schlafzimmer riecht es nach altem Iltisarsch und ich schaffe es in Rekordzeit meine Sachen zusammen zu sammeln.
Um Punkt 09:30 will ich mich in der Küche verabschieden und erblicke Reha.
Sofort setzt sie ein Lächeln auf und spricht mich an.
„Where have you been in the morning? I was waiting for you, because i wanted to show you something before you leave.“
Ok, bringen wir es hinter uns.
„I was running and swimming. What do you want to show me?“
„Take your Cell Phone and get connected to the Internet!“
Jawohl!
„Now go to Instagram! I want to show you my Son. You have to get to know him! He is on Instagram!“
„Äh, i dont have an Instagram-Account!“
„What? You dont have an Account? What is wrong with you?“
 Selber was ist denn falsch mit dir...?! Muss ich mir so etwas von einem greisen Psycho bieten lassen?
Ruhig bleiben und geschickt kontern.
„Sorry Reha, i dont need Instagram. I got all my pictures in my head!“
Doch anstatt mit diesem Spruch Eindruck zu hinterlassen seufzt Reha nur, atmet tief ein und sagt, mehr zu sich, als zu mir:
„You have to get to know him...“
In diesem Augenblick kommt Ofir in den Raum und ich nutze die Gelegenheit mich bei ihm zu bedanken und mich zu verabschieden.
Auch Reha verabschiede ich mit einer aufgesetzten Herzlichkeit; schließlich hat sie mir ja vier Dollar und zwei Amerikanische Flaggen für meine Kids geschenkt.
Um Punkt 10:00 Uhr schultere ich meinen Rucksack und mache mich auf den Weg zur Milk & Honey Destille.

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