Die Nacht war ein einziges Aufwachen, Wälzen, Reagieren auf
Schnarchen, Schwitzen und Unterdrücken eines mit zunehmendem Alter dominanter
werdenden Harndrangs.
Um 06:30 reicht es mir. Ich klettere die viel zu dünnen
Metallstufen herunter, die sich schon bei geringstem Druck schmerzhaft in die
Fußsohlen drücken und strecke meinen verspannten und mit leichtem Kopfschmerz
gesegneten Körper.
Da alle noch schlafen, muss ich meine Morgenlatte nicht zwischen
Bauch und Bund der Boxershorts klemmen.
Herrlich, die kleinen Freiheiten des Frühen Aufstehens.
Da heute Nacht ein nicht weiter benannter Idiot betrunken in das
Zimmer getorkelt ist und beim friendly fire eine Schneise der Verwüstung
hinterlassen hat, trete ich auf ein Feuerzeug und in einen herumliegenden
Rucksack.
Etwas knackt. Mist! Und gleich darauf: Ist doch nicht meine
Schuld, wenn die hier alles rum liegen lassen.
Erstmal Wasser lassen. Ah, das tut gut.
Ein Blick ins Wohnzimmer zeigt: Reha-frei Zone. Vorerst.
Ich brühe mir einen schwarzen Tee und setze mich hin. Heute habe
ich viel vor, will mir die erste Whisky-Destille Israels angucken und danach
vom Busbahnhof über Jerusalem bis nach Ein Gedi am Toten Meer fahren.
Vorher will ich am Strand joggen und Schwimmen gehen, ein
zünftiges Frühstück im Supermarkt, sowie Proviant für die kommenden Tage
besorgen.
Die Sache mit dem Relaxen von gestern ist schon wieder vergessen
und ich stelle einen Zeitplan auf. Wenn ich um 07:00 los laufe, dann bin ich
inklusive 100 Liegestütz und einem kurzem Bad im Meer um spätestens 08:00 im
Supermarkt. Dort gebe ich mir 15 Minuten Zeit zum Einkaufen, so dass ich gegen
08:30 wieder im Appartement bin und Frühstück zubereiten kann. Spätestens um
09:30 werde ich gegessen und Besteck und Geschirr abgewaschen haben. Dann habe
ich noch 30 Minuten Zeit um meine Sachen zu packen und mich zu verabschieden.
Sollte passen.
Allerdings folgt die erste Änderung bereits mit dem Anschlagen des
Koffeins im Schwarzen Tee, so dass ich eine etwas längere Sitzung einlegen
muss. Da Optimismus immer gut kommt,
bin ich froh den Körper bereits hier zu erleichtern und nicht genötigt bin,
unter Vortäuschung falscher Tatsachen, ein spontanes U-Boot der Dolphin-Klasse
in das Mittelmeer zu entlassen; auch wenn sich – qua meiner
Schleswig-Holsteinischen Abstammung – somit ein Kreis schließen würde.
Mit zehnminütiger Abweichung vom Zeitplan vergesse ich alle
körperlichen Wehwehchen, stecke meine Kreditkarte ein und laufe leichtfüßig gen
Strand.
Wen wundert`s? Ich bin nicht alleine unterwegs.
Wieder laufen unzählige Israelis mit mir durch die Stadt. Wieder
sehen alle verdammt gut und natürlich aus.
Am Strand angekommen entscheide ich mich Richtung Jaffa zu laufen.
Diesen Strandabschnitt habe ich gestern nicht geschafft anzugucken.
Schon um 07:30 tummeln sich am Strand einige Großeltern mit ihren
Enkeln die noch im Vorschulalter sind. Auch sind weitere Rentner damit befasst
Frühsport zu betreiben. Andere chillen einfach nur in Strandliegen. Besonders
imponiert mir ein etwa Siebzig Jähriger Mann, der mit jeder Menge Goldklunker behangen
ist. Nicht zuletzt ziert eine feiste Kette seinen noch stattlichen Brustkorb
und wird von stattlichem Brusthaar gesäumt.
Brusthaar scheint bei den Israelischen Männern eh von besonderer
Bedeutung zu sein. Mal dezent gekraust, mal müde hängend, oft stolz gelockt,
aber stets offenherzig wird es von den meisten Joggern und Sportlern zur Schau
getragen.
T-Shirts? Wozu? Wenn man doch so selbstverständlich klar machen
kann, dass es nur ein paar Haare bedarf um zu zeigen, wer der Boss ist.
Wahrscheinlich benötigt der einheimische Mann noch nicht mal eine
Unterhose, weil sich ganz bestimmt ein dezenter, aber doch ausreichender Flaum
von der Scham, über die Taille bis über die Arschbacken zieht. Ein natürlicher
Lendenschutz, der nur den Anhängern der ältesten bekannten Religion vorbehalten
ist. So alt, dass sich unweigerlich die Phantasie aufdrängt im Juden an sich
das Missing Link der Hominisation zu sehen, welches für jeden durch diesen
raffinierten und flauschigen Atavismus zu erkennen wäre und das Tragen von Unterwäsche, Bade- und Turnhosen für die glücklichen Auserwählten gänzlich unnötig machen würde.
Die Kerle sind dennoch allesamt geile Mackers. Armeeerfahrung,
Machismo und sicherlich stets den schussbereiten Colt nicht nur unter dem
Kopfkissen bereit.
Skyscrapers, Muskeln, Brusthaar und über allem die Israelische
Flagge. Geil!
Dem Vorbild meiner sportlichen Mitläufer folgend entledige ich
mich meiner Schuhe und jogge barfüßig durch die seichte Brandung. Der
Wellengang gleicht einem weißen Wollfaden, der vorsichtig voran rollt, nur um
dann spurlos im Sand zu verschwinden. Die Sonne kommt langsam hinter der
Skyline hervor und taucht den Strand in ein wunderschönes Licht, welches
regelmäßig von den Schatten der Hochhäuser geteilt wird.
Vor mir, etwa in drei Kilometern Entfernung, erkenne ich den
Leuchtturm von Jaffa; dem historischen Teil der Doppelstadt. Bis dahin werde
ich heute nicht mehr laufen. Zwar liegt die Destille nur etwa einen Kilometer
östlich davon, aber ich habe mir vorgenommen, die letzten Tage meines
Aufenthalts wieder in Tel-Aviv zu verbringen und mich dann ausführlich der
Begehung Jaffas zu widmen.
Die für mich gültige Landmarke soll heute Morgen eine lang
gestreckte Steinmole sein, die etwa 3km von Ofirs Appartement entfernt liegt.
Ich laufe tatsächlich auch in Berlin etwa zweimal in der Woche
eine längere Strecke und empfinde Distanzen von 5-8 Kilometern für mich als
super geeignet. So sollen es auch heute 6km werden, die ich in 30 Minuten
schaffen will.
Das Laufen fällt ausgesprochen leicht. Habe ich in Berlin oft
einen inneren Schweinehund, den ich meist über die ganze Länge der Strecke
bekämpfen muss, ist hiervon in der morgendlichen Wärme und der leichten Brise
keine Spur.
Trotz des schlechten und kurzen Schlafs bin ich innerlich so
voller Energie, dass es eine Wohltat ist, dieser Kompensation zu verschaffen.
Der Sand an den Füßen fühlt sich perfekt an. Man sinkt nicht zu
tief ein, als dass das Laufen sich anstrengend anfühlen würde und das Wasser
lindert jegliche körperliche Anstrengung.
Es gibt diese Momente des Bei sich seins, des bedingungslosen
Fühlens des eigenen Lebens. Sowohl im Negativen, als auch im Positiven.
Jetzt spüre ich mich voll und ganz und genieße intensive Momente
des Glücks.
Ich bin ohne meine Kinder unterwegs, ja, dass ist irgendwie schmerzlich,
weil ich sie gerne teilhaben lassen würde an diesem wunderbaren Morgen in
dieser wunderbaren Stadt. Aber ich fühle mich auch frei. So frei, wie ich mich
immer fühle, wenn ich für mehrere Tage alleine unterwegs bin. Wenn ich es
bereits nach wenigen Minuten schaffe in einem Modus Operandi zu geraten, der
mich fernab meiner Heimat, meiner herkömmlichen Identität, zu einem kindlichen
Omnivoren werden lässt, der im positiven Sinne alles an Sinneseindrücken,
Begegnungen und Atmosphären in sich rein fressen will, alles aufnehmen möchte,
was abseits seines Alltags existiert.
Ich habe zwei Herzen in mir.
An der Steinmole angekommen überkommt mich das unüberwindbare
Verlangen Liegestütze zu machen. Die Stimmung ist perfekt und wenn ich den
Bauch einziehe und die Brust anspanne, dann ähnele ich beinahe David Hasselhoff
zu Baywatch Zeiten. Zwar ohne dauergewelltes Haar, seiner Körpergröße und noch
ein paar anderer Attribute, aber sonst stimmt alles.
Da der Abschnitt bei der Mole nicht nur das geographische Ende Tel
Avivs, sondern auch das Ende des schönen Strands bedeutet, hinter dem sich ein
schnöder Parkplatz befindet, bin ich fast alleine hier und kann mich ungeniert
körperlicher Ertüchtigungsübungen widmen, die ich sonst nie machen würde.
Passenderweise besteht die Mole aus großen flachen Steinen, auf
denen man vortrefflich Liegestütz machen kann. Wie geil muss das erst bei Sonnenuntergang
und Gegenlicht aussehen.
Nach vier Sätzen á 15 Liegestützen zerre ich mir das T-Shirt vom
Oberkörper, nehme die Kreditkarte aus der Hosentasche, lege sie in die Schuhe
und stürze mich kopfüber in die sanfte Dünung.
Wieder dieses unbändige Gefühl der Freiheit. Ich schlage ein paar
Kapriolen, tauche unter ein paar Wellen durch, jauchze leise und schieße
mehrmals, wie der Mann aus dieser Duschgelwerbung aus den 1990ern, aus dem
Wasser.
Nach drei Minuten Badespaß geht es an den zweiten Satz. Pumpen bis
der Kopf rot wird. Dann wieder ins
Wasser. Prust, Schnauf, Jippie!
Wieder raus, wieder auf und ab. Mittlerweile stören mich sogar die
alten Frauen nicht mehr, die sich eingefunden haben und mein Treiben als total
normal zu empfinden scheinen.
Nach drei Sätzen und dreimal Baden ist Schluss und ich mache mich
auf den Rückweg.
Etwas nüchterner, aber nichts desto trotz weiterhin bestens gelaunt
jogge ich zurück zum Strandabschnitt Frishman-Beach. Wenn ich dort hart rechts
abbiege, müsste ich etwa auf Höhe eines Supermarktes auf der Ben-Yehuda-Street
herauskommen.
So ist es dann auch. Ich begebe mich in den „Super sal“ Supermarkt
und mache mich auf die Suche nach Brot, Eiern, Käse, Harissa und Pastrami und
Cola. Heute will ich zum Frühstück eine deftige Portion Eiweiß haben und das
Ganze mit dem flüssigen Gold runterspülen. Der Tag ist noch jung und ich werde
viel Energie benötigen.
Während die Preise für Brötchen noch halbwegs moderat ausfallen,
gerate ich spätestens bei den Eiern ins Schlucken. Zwar habe ich von den hohen
Preisen für Lebensmittel und Lebenshaltungskosten in Israel gehört und gelesen,
doch die tatsächlichen Preise ziehen mir die Beine weg. Würde ich jetzt in
einem Lidl, oder Aldi in Berlin stehen, um das deutsche Äquivalent meines Frühstücks
zu kaufen, würde ich maximal sechs Euro bezahlen und dafür vier Vollkornbrötchen
bekommen (1,40€), zehn Eier aus Bodenhaltung
(1,49€), eine 200g Packung Käse (1,49€), Frühstücksbacon (0,99€) und eine Flasche
Cola aus der Pet-Flasche (0,64€ inkl. Pfand). OK, Harrisa würde ich wohl mit
was anderem substituieren und das mir jetzt keine Stimmen aufkommen von wegen
billiger Discounter Ernährung und der Aufforderung Bio zu kaufen. Schließlich
geht es hier um eine rein theoretische Rechnung ;)
Ein Six-Pack Eier der günstigsten Kategorie schlägt
mit 18 NIS zu Buche, also mehr als vier Euro. So geht es auch bei den
restlichen Lebensmitteln weiter. An der Kasse angekommen entrichte ich für 200g
Pastrami, einem kleinen Gläschen Harissa, vier Gummibrötchen, sechs Eier und
eine Dose Cola 70 NIS, also knapp 17€. Den Käse habe ich mir aus Kostengründen
gespart.
Schon auf dem Heimweg ärgere ich mich, denn für das
Geld hätte ich auch drei Falafelsandwichs frühstücken können.
Um 08:45 komme ich wieder im Appartement an und
mache mich sogleich an die Zubereitung meines Frühstücks. Noch bin ich alleine
in der Küche, höre aber bereits verdächtige Geräusche aus den jeweiligen
Zimmern und dem Bad. Von Reha ist noch nichts zu sehen.
Schnell schaufle ich mir das Essen rein. Schmeckt
erstaunlicherweise nach nichts. So fällt es mir schwer jeden der teuren Bissen
zu genießen und ertappe mich dabei, wie ich ordentlich Salz auf das Essen
streue, um wenigstens ein Minimum an sensorischem Reis bei all dem
Pappgeschmack zu erhalten.
Da von Genuss keine Rede sein kann, bin ich bereits
um 09:15 mit dem Essen fertig und habe somit kostbare Zeit aufgeholt.
Mittlerweile drängen auch andere Gäste an den Herd und den Esstisch, so dass
ich bereitwillig Platz mache. Bruce, der Australier, will am Herd seine Ruhe
haben und erklärt sich bereit mein Geschirr und Besteck mit zu spülen, da das
Becken genau neben seiner Wirkungsstätte liegt. Gerne, doch.
Im Schlafzimmer riecht es nach altem Iltisarsch und
ich schaffe es in Rekordzeit meine Sachen zusammen zu sammeln.
Um Punkt 09:30 will ich mich in der Küche
verabschieden und erblicke Reha.
Sofort setzt sie ein Lächeln auf und spricht mich
an.
„Where have you been in the morning? I was waiting
for you, because i wanted to show you something before you leave.“
Ok, bringen wir es hinter uns.
„I was running and swimming. What do you want to
show me?“
„Take your Cell Phone and get connected to the
Internet!“
Jawohl!
„Now go to Instagram! I want to show you my Son.
You have to get to know him! He is on Instagram!“
„Äh, i dont have an Instagram-Account!“
„What? You dont have an Account? What is wrong with
you?“
Selber was ist denn falsch mit dir...?! Muss ich mir so etwas von
einem greisen Psycho bieten lassen?
Ruhig bleiben und geschickt kontern.
„Sorry Reha, i dont need Instagram. I got all my
pictures in my head!“
Doch anstatt mit diesem Spruch Eindruck zu
hinterlassen seufzt Reha nur, atmet tief ein und sagt, mehr zu sich, als zu
mir:
„You have to get to know him...“
In diesem Augenblick kommt Ofir in den Raum und ich
nutze die Gelegenheit mich bei ihm zu bedanken und mich zu verabschieden.
Auch Reha verabschiede ich mit einer aufgesetzten
Herzlichkeit; schließlich hat sie mir ja vier Dollar und zwei Amerikanische
Flaggen für meine Kids geschenkt.
Um Punkt 10:00 Uhr schultere ich meinen Rucksack
und mache mich auf den Weg zur Milk & Honey Destille.
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