An einer
unscheinbaren Straßenkreuzung prangt an einem schmuddelig beigen
Haus die Nummer 1. Ein Baumarkt, ein Möbelgeschäft und ein
Fahrradladen verheißen nichts Spannendes; einzig ein kleiner
Falafelladen deutet auf ein wenig Hippness hin.
Die Autos und Busse dröhnen an mir vorbei und lassen jegliche Strandatmosphäre missen. Ich höre mit dem gemächlichen Schlendern auf und lasse meinen Stadtschritt walten.
Die Autos und Busse dröhnen an mir vorbei und lassen jegliche Strandatmosphäre missen. Ich höre mit dem gemächlichen Schlendern auf und lasse meinen Stadtschritt walten.
Zügiger Lauf, Tunnelblick und go!
Wer weiß schon, was es alles zu entdecken gibt und irgendwann muss ich nach den Strapazen der Vergangenen Stunden ja auch mal ins Bett.
Ich betreibe conscious Traveling auf meine Art. Bewußt im Sinne der Assimilation an das levantinische Vorankommen durch Ellenbogeneinsatz.
So bahnt sich der deutsche Möchtegern Merkava seinen Weg über den, aus großen viereckigen und leicht aus dem Boden ragenden Steinplatten bestehenden, Bürgersteig. Hier zwänge ich mich durch einen Haufen plappernder Freuen, dort an einem raumeinnehmend telefonierenden Typen vorbei. Holterdipolter hier komme ich! Kollateralschäden billigend in Kauf nehmend.
Die Steinplatten entpuppen sich jedoch schnell als kleine garstige Widerstandsnester contra meiner trampelnden Vereinahmungsversuche. Und so dauert es nur wenige Meter, bis ich mit dem gewählten Schuhwerk, dass in seiner geminderten Einsatztauglichkeit und äußerlich in seiner arg skelletierten Form Pervertierung der Knobelbecher einer gewissen professionalisierten Wehrsportgruppe und Analogie auf deren derzeitigen Zustand zugleich ist, an einer dieser spitzen Kanten hängenbleibe und stolpernden Schrittes in die Schulter eines riesenhaften mosaischen Landsmannes rammel.
Ob sein gestählter Körper eher vom harten Crossfit-Workout, zionistischer Feldarbeit, oder gar der professionellen Verwendung als Power Forward bei Maccabi Tel Aviv herrührt, vermag ich nicht zu sagen. Vielleicht dreht auch einfach meine Fantasie wieder mal mit mir durch.
Fakt ist allerdings, dass der Kerl mir allein durch sein Schuhwerk (Blundstones) Siebenmeilenstiefelweit überlegen ist. Die über den Knien umgenähte Levi`s 501, sowie das kecke Hemd schlagen meine Decathlon-Büxe und das am Auschnitt ausgeleierte, bereits in gräuliche tendierende, ehemals schwarze T-Shirt allemal.
In dieser Hinsicht macht es wenig Sinn weiter den Bulldozer zu mimen, so dass ich meine Taktik ändere. Vom kompetativen Machomännergehabe ergebe ich mich in mein Schicksal als abgehalfterter und übermüdeter Touri. Das Einzige, was ich hier heute abend noch erobere, wird ein zünftiges Falafelsandwich sein. Vorher muss ich jedoch auf die Absolution meines Mensch gewordenen Prellbocks hoffen.
Da ich von meiner Oma eine gewisse Höflichkeit und rhetorische Schlagfestigkeit geerbt habe schiebe ich hinter das obligatorische "Sorry" noch ein "I never thougt that we would get to know each others under these Circumstances", welches ich mit einer bewußt erschöpft-harmlosen, aber auch kollegial- verschwörerischen Unschuldsmine geschickt zu untermalen weiß.
Derart geläutert hätte ich sicherlich ein Paradebeispiel für die Erfüllung der Direktive JCS 1067/6 abgegeben.
Der braunblond gelockte, in seiner Boshaftigkeit glücklicherweise gemäßigte Nephilim trägt`s mit Fassung, strafft den sakulären Kaftan und schreitet achselzuckend von dannen.
Sind wohl einiges gewohnt, die Israelis.
Im Flieger habe ich mir Gedanken über den tieferen Sinn meiner Reisen gemacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass Tourismus doch irgendwie lediglich eine neue Form von Kolonialismus ist. Der Homo oeconomicus drängt in fremde Länder und macht sich diese, allein durch seine Kaufkraft und zu erfüllenden Vorannahmen, Untertan. Die Infrastruktur und nicht zuletzt die Kultur richten sich zunehmend auf dessen Bedürfnisse aus und irgendwann ist alles verwestlicht, bzw. zunehmend verfernöstlicht.
Etwa auf Höhe Griechenlands, verlor ich mich zudem kurz in einer Psychodynamik aus verdrängter Kriegsschuld, familiärer Vorbelastung und urdeutschen Affekten, aus der ich für mich schlussfolgerte, dass ich mich doch mal locker machen sollte und frei von Gehirnmatsch einen stink normalen Urlaub, ohne Herrschaftsansprüche durchzuziehen.
Wer weiß schon, was es alles zu entdecken gibt und irgendwann muss ich nach den Strapazen der Vergangenen Stunden ja auch mal ins Bett.
Ich betreibe conscious Traveling auf meine Art. Bewußt im Sinne der Assimilation an das levantinische Vorankommen durch Ellenbogeneinsatz.
So bahnt sich der deutsche Möchtegern Merkava seinen Weg über den, aus großen viereckigen und leicht aus dem Boden ragenden Steinplatten bestehenden, Bürgersteig. Hier zwänge ich mich durch einen Haufen plappernder Freuen, dort an einem raumeinnehmend telefonierenden Typen vorbei. Holterdipolter hier komme ich! Kollateralschäden billigend in Kauf nehmend.
Die Steinplatten entpuppen sich jedoch schnell als kleine garstige Widerstandsnester contra meiner trampelnden Vereinahmungsversuche. Und so dauert es nur wenige Meter, bis ich mit dem gewählten Schuhwerk, dass in seiner geminderten Einsatztauglichkeit und äußerlich in seiner arg skelletierten Form Pervertierung der Knobelbecher einer gewissen professionalisierten Wehrsportgruppe und Analogie auf deren derzeitigen Zustand zugleich ist, an einer dieser spitzen Kanten hängenbleibe und stolpernden Schrittes in die Schulter eines riesenhaften mosaischen Landsmannes rammel.
Ob sein gestählter Körper eher vom harten Crossfit-Workout, zionistischer Feldarbeit, oder gar der professionellen Verwendung als Power Forward bei Maccabi Tel Aviv herrührt, vermag ich nicht zu sagen. Vielleicht dreht auch einfach meine Fantasie wieder mal mit mir durch.
Fakt ist allerdings, dass der Kerl mir allein durch sein Schuhwerk (Blundstones) Siebenmeilenstiefelweit überlegen ist. Die über den Knien umgenähte Levi`s 501, sowie das kecke Hemd schlagen meine Decathlon-Büxe und das am Auschnitt ausgeleierte, bereits in gräuliche tendierende, ehemals schwarze T-Shirt allemal.
In dieser Hinsicht macht es wenig Sinn weiter den Bulldozer zu mimen, so dass ich meine Taktik ändere. Vom kompetativen Machomännergehabe ergebe ich mich in mein Schicksal als abgehalfterter und übermüdeter Touri. Das Einzige, was ich hier heute abend noch erobere, wird ein zünftiges Falafelsandwich sein. Vorher muss ich jedoch auf die Absolution meines Mensch gewordenen Prellbocks hoffen.
Da ich von meiner Oma eine gewisse Höflichkeit und rhetorische Schlagfestigkeit geerbt habe schiebe ich hinter das obligatorische "Sorry" noch ein "I never thougt that we would get to know each others under these Circumstances", welches ich mit einer bewußt erschöpft-harmlosen, aber auch kollegial- verschwörerischen Unschuldsmine geschickt zu untermalen weiß.
Derart geläutert hätte ich sicherlich ein Paradebeispiel für die Erfüllung der Direktive JCS 1067/6 abgegeben.
Der braunblond gelockte, in seiner Boshaftigkeit glücklicherweise gemäßigte Nephilim trägt`s mit Fassung, strafft den sakulären Kaftan und schreitet achselzuckend von dannen.
Sind wohl einiges gewohnt, die Israelis.
Im Flieger habe ich mir Gedanken über den tieferen Sinn meiner Reisen gemacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass Tourismus doch irgendwie lediglich eine neue Form von Kolonialismus ist. Der Homo oeconomicus drängt in fremde Länder und macht sich diese, allein durch seine Kaufkraft und zu erfüllenden Vorannahmen, Untertan. Die Infrastruktur und nicht zuletzt die Kultur richten sich zunehmend auf dessen Bedürfnisse aus und irgendwann ist alles verwestlicht, bzw. zunehmend verfernöstlicht.
Etwa auf Höhe Griechenlands, verlor ich mich zudem kurz in einer Psychodynamik aus verdrängter Kriegsschuld, familiärer Vorbelastung und urdeutschen Affekten, aus der ich für mich schlussfolgerte, dass ich mich doch mal locker machen sollte und frei von Gehirnmatsch einen stink normalen Urlaub, ohne Herrschaftsansprüche durchzuziehen.
Darauf zurückbesinnend gebe ich mir nun eine innere Ohrfeige und spreche zu mir:
"Warum eigentlich so hektisch, Junge? Genieße doch einfach deinen Aufenthalt und spar dir deine Kriegsphantasien für die West-Bank auf!" (Kleiner Scherz am Rande)
"Warum eigentlich so hektisch, Junge? Genieße doch einfach deinen Aufenthalt und spar dir deine Kriegsphantasien für die West-Bank auf!" (Kleiner Scherz am Rande)
In
der Dizengoff-Street laufen viele geschmeidige Straßenkatzen umher und ich werde zunehmend zu einer. Auf Peace, Love und Happieness gepolt tapse ich nun, nach links,
rechts, oben und unten guckend, regelmäßig innehaltend und
gelegentlich schnuppernd, bedächtig und aufmerksam durch die von
Bäumen gesäumte, immer lebendiger werdende Hauptstraße.
Täusche ich mich, oder machen mir die Leute plötzlich freiwillig Platz? Ernte ich etwa gelegentlich ein Lächeln, wenn ich meinerseits innehalte, um Menschen passieren zu lassen?
Gute Vibrations zahlen sich offensichtlich aus.
Die Vibrations um mich herum ändern sich ebenfalls zusehends. Der Bordstein ist in seiner Form und Struktur zwar gleichbleibend, jedoch scheint jedes Haus nun mindestens eine Bar, ein Restaurant, eine Boutique, ein Tattopostudio oder womit auch immer sich Geld verdienen lässt, oder Menschen bespasst werden können, zu beherbergen und die Zahl flanierwütiger Menschen hat sich scheinbar potenziert. Ich bin eindeutig nicht der einzige Tourist und auch viele Israelis scheinen die Gunst der warmen Abendstunden zu nutzen um sich auf dem engen, aber gleichwohl freiheitlichen Boulevard zu präsentieren. Abends in einer der engen und hässlichen Satellitenstädte abhängen? Pustekuchen!
Der Montagabend gehört uns allen!
Mein neuer Mindset der Rücksicht führt mich nach etwa zwei Kilometern unbeschadet zu einem hässlichen Kreisverkehr; dem Dizengoff Square. Hier endet jäh die Ansammlung schicker Etablisements und eine erste Mall mit Kino, Supermarkt und einer gehörigern Portion Unfertigkeit bricht sich Bahn. Nach einem Naserümpfen geht die Straße dahinter weiter, wenn auch zunehmend kommerzialisierter. Hier eine Kunstgalerie, da ein Schönheitssalon, dort eine Fahrradmietstation, aber zwischendrin immer auch ein "traditionell" anmutendes Schreibwarengeschäft, oder eine Bäckerei.
Eigentlich eine gute Mischung, wenn man nicht im Hinterkopf hätte, wie hoch die Lebensunterhaltungskosten in dieser Stadt und dem Land allgemein sind und wie hart das Geld hierfür, bei etwa gleichen Löhnen wie in Deutschland, dafür verdient werden muss.
Nach einem weiteren knappen Kilometer schließt die Dizengoff Street am Charles Bronfman Auditorium, der größten Konzerthalle des Landes und dem Nationaltheater. Beide sind in ihrer beige-weißen Farbe und postmodernen Optik herrlich illuminiert und bieten auf dem Vorplatz viel Platz für die allgegenwärtigen E-Rollerfahrer und Mietradnutzer, sowie für chillende Menschen jeglicher Coleur.
Da ich zunehmend Hunger verspüre und es bereits gegen 20:30 ist, beschließe ich keine Zeit auf tiefergehendes Sightseeing zu vergeuden und biege in den Rothschild Boulevard ein.
Während die Dizengoff Street grob von Norden kommend in Richtung Südost verlief, verläuft der Rothschild Boulevard von Norden kommend in südwestlicher Richtung und führt mich grob zurück zur Ben Yehuda Street, in der sich auch meine Unterkunft befindet.
Der Boulevard ist vierspurig und gehört zu den Hauptstraßen der Stadt. In der Mitte befindet sich ein breiter Grünstreifen, der sowohl einer Fußgänger-, wie auch Fahrrad/Rollerspur in jede Richtung Platz bietet. In der Mitte ist wieder Platz für Spielplätze, Boulefelder und Fitnessgeräte. Am Rande sind Bäume gepflanzt und eine Vielzahl an Sitzbänken lässt Blick auf die Szenerie.
An den jeweiligen Kreuzungen stehen meist kleine Imbisse und Kioske und ermöglichen dem Volk kleine Verschnauf- und Stärkungspausen.
Eingerahmt ist der etwa 1,5km lange Boulevard von einem der Wahrzeichen der Stadt; den unzähligen, im Stile des Bauhauses erbauten, Häusern, derer Mieten und Kaufpreise zu den höchsten im Lande zählen.
Würde man um diesen architektonischen Umstand nicht wissen, fiele es einem wahrscheinlich gar nicht auf, das sich hier eine der historisch bedeutendsten Straßen der Stadt befindet.
Denn die ach so gehypten Häuser sind fast allesamt von großen Bäumen bedeckt, mit Klimaanlagen bestückt und durch ihre teils erheblich bröckelnde Fassade weniger als etwas Besonderes zu erkennen.
Vielmehr erscheint es mir, als wenn einmal mehr die ausgefallenen Bars und Restaurants die wahren Eyecatcher sind und ausladend um die Gunst der Besucher feilschen.
Ab und zu gelingt es einem jedoch auch einen Blick in eine der teils großzügig geschnittenen Wohnungen zu erhaschen und dort edle Holzregale mit schlauen Büchern, Skulpturen, Kunstwerken, Dekantern und anderem Gedöns der Oberschicht zu erhaschen.
Nach einigen Minuten entdecke ich auf der rechten Straßenseite einen Immobilienmakler mit dem klangvollen NAmen "Rothschild Real Estate". Die dort aufgerufenen Preise für die Wohnungen lassen einen zweimal schlucken.
Ooooookaaaaayyyyyy!
Da wundert es einen nicht, wenn ungefähr auf der Hälfte des Boulevards die Häuserreihen von einigen ebenso markanten, wie auch hihen Wolkenkratzern durchbrochen werden. Hier regiert eindeutig das Geld, wie der "First International Bank Tower" eindrucksvoll beweist.
Mitlerweile ist es 21:00 und mein Magen signalisiert mir eindeutig und zweifelsfrei, nun endlich gefüllt zu werden. Um nicht wieder in den Modus vom Beginn meiner Dizengoff-Begehung zu geraten, sollte ich einer Unterzuckerung, und der damit verbundenen schlechten Laune zuvor kommen.
Mit quitschenden Flip-Flops biege ich demnach scharf rechts in die Allenby Street ab, passiere die große Synagoge, diverse Spätis mit teurem Bier und allerhand anderer Geschäfte, um gegen 21:30 endlich wieder in der Ben Yehuda Street zu sein, die etwa einen weiteren Kilometer im Norden das sichere Asyl von Ofir bereit hält.
Von der Annahme getrieben, dass man erst etwas schaffen muss und somit von meinem mir selbst gegebenen Versprechen mehr zu genießen abweichend, erlaube ich mir erst etwa einhundert Meter vor der Herberge in einem Falafelladen einzukehren und endlich die ersehnten Kichererbsenbällchen einzuführen.
In der Bude herrscht reges Treiben. Die Typen hinter dem Tresen scheinen gemischter Konfession zu sein. Sonst hätten sie sich nicht Achmed und Fuat, Ben, Avi und Levi auf ihre Polohemden gestickt.
Mein Herz macht einen Hüpfer bei soviel transideologischer und religiöser Völkerverständigung.
Der friedensbewegte Anteil in mir guckt beseelt und imaginiert sich in eine Welt, in dem es eine friedliche Zweistaatenlösung gibt. Der Moslem macht die Falafel, der Jude serviert sie und am Ende wird der Erlös brüderlich geteilt. Herrlich - meine deutsche Seele ist entzückt.
Nach einem längeren Zusammenstellungsprozedere wird mir ein reich gefüllter Teller entgegengereicht. Dazu gibt es ein Goldstar Bier. Bezahlt wird sofort; ich entrichte 65 Shekel und verziehe mich in eine ruhige Ecke.
Von hier aus kann ich den ganzen Laden überblicken. Das ist wichtig, da ich ja keinen Handyempfang habe und mich doch irgendwie beschäftigen muss. Das ist ohne Internet gar nicht so einfach. Zumindest wenn man sich die anderen Besuchern des Restaurants anguckt.
Denn alle allein Essenden starren unentwegt auf ihre Handfunke. Die Rechte schaufelt Essen ein, die Linke wischt, scrollt und tippt unabwegig auf das Display ein.
Gebannt von diesen sonderbaren Wesen kleckere mir bereits beim ersten Bissen auf das T-Shirt. Nun ziert ein weißer Tahinstreifen die Brust und ich überschlage innerlich, wie lange wohl mein Klamottenvorrat ausreicht, wenn ich nicht vorsichtiger esse.
Nachdem aufgegessen ist, verabschiede ich mich mit einem genuschelten Mischwort, was sich sowohl nach Shalom und Salam anhören soll und allen Anwesenden verdeutlichen soll, dass hier ein äußerst versierter und weltgewandter Kunde manierlich den Laden verlässt.
Zufrieden und gesättigt wage ich mich an die finalen Schritte des Tages: die unzähligen kleinen Tippelstufen in den sechsten Stock zu meinem frohlockenden Bett.
Täusche ich mich, oder machen mir die Leute plötzlich freiwillig Platz? Ernte ich etwa gelegentlich ein Lächeln, wenn ich meinerseits innehalte, um Menschen passieren zu lassen?
Gute Vibrations zahlen sich offensichtlich aus.
Die Vibrations um mich herum ändern sich ebenfalls zusehends. Der Bordstein ist in seiner Form und Struktur zwar gleichbleibend, jedoch scheint jedes Haus nun mindestens eine Bar, ein Restaurant, eine Boutique, ein Tattopostudio oder womit auch immer sich Geld verdienen lässt, oder Menschen bespasst werden können, zu beherbergen und die Zahl flanierwütiger Menschen hat sich scheinbar potenziert. Ich bin eindeutig nicht der einzige Tourist und auch viele Israelis scheinen die Gunst der warmen Abendstunden zu nutzen um sich auf dem engen, aber gleichwohl freiheitlichen Boulevard zu präsentieren. Abends in einer der engen und hässlichen Satellitenstädte abhängen? Pustekuchen!
Der Montagabend gehört uns allen!
Mein neuer Mindset der Rücksicht führt mich nach etwa zwei Kilometern unbeschadet zu einem hässlichen Kreisverkehr; dem Dizengoff Square. Hier endet jäh die Ansammlung schicker Etablisements und eine erste Mall mit Kino, Supermarkt und einer gehörigern Portion Unfertigkeit bricht sich Bahn. Nach einem Naserümpfen geht die Straße dahinter weiter, wenn auch zunehmend kommerzialisierter. Hier eine Kunstgalerie, da ein Schönheitssalon, dort eine Fahrradmietstation, aber zwischendrin immer auch ein "traditionell" anmutendes Schreibwarengeschäft, oder eine Bäckerei.
Eigentlich eine gute Mischung, wenn man nicht im Hinterkopf hätte, wie hoch die Lebensunterhaltungskosten in dieser Stadt und dem Land allgemein sind und wie hart das Geld hierfür, bei etwa gleichen Löhnen wie in Deutschland, dafür verdient werden muss.
Nach einem weiteren knappen Kilometer schließt die Dizengoff Street am Charles Bronfman Auditorium, der größten Konzerthalle des Landes und dem Nationaltheater. Beide sind in ihrer beige-weißen Farbe und postmodernen Optik herrlich illuminiert und bieten auf dem Vorplatz viel Platz für die allgegenwärtigen E-Rollerfahrer und Mietradnutzer, sowie für chillende Menschen jeglicher Coleur.
Da ich zunehmend Hunger verspüre und es bereits gegen 20:30 ist, beschließe ich keine Zeit auf tiefergehendes Sightseeing zu vergeuden und biege in den Rothschild Boulevard ein.
Während die Dizengoff Street grob von Norden kommend in Richtung Südost verlief, verläuft der Rothschild Boulevard von Norden kommend in südwestlicher Richtung und führt mich grob zurück zur Ben Yehuda Street, in der sich auch meine Unterkunft befindet.
Der Boulevard ist vierspurig und gehört zu den Hauptstraßen der Stadt. In der Mitte befindet sich ein breiter Grünstreifen, der sowohl einer Fußgänger-, wie auch Fahrrad/Rollerspur in jede Richtung Platz bietet. In der Mitte ist wieder Platz für Spielplätze, Boulefelder und Fitnessgeräte. Am Rande sind Bäume gepflanzt und eine Vielzahl an Sitzbänken lässt Blick auf die Szenerie.
An den jeweiligen Kreuzungen stehen meist kleine Imbisse und Kioske und ermöglichen dem Volk kleine Verschnauf- und Stärkungspausen.
Eingerahmt ist der etwa 1,5km lange Boulevard von einem der Wahrzeichen der Stadt; den unzähligen, im Stile des Bauhauses erbauten, Häusern, derer Mieten und Kaufpreise zu den höchsten im Lande zählen.
Würde man um diesen architektonischen Umstand nicht wissen, fiele es einem wahrscheinlich gar nicht auf, das sich hier eine der historisch bedeutendsten Straßen der Stadt befindet.
Denn die ach so gehypten Häuser sind fast allesamt von großen Bäumen bedeckt, mit Klimaanlagen bestückt und durch ihre teils erheblich bröckelnde Fassade weniger als etwas Besonderes zu erkennen.
Vielmehr erscheint es mir, als wenn einmal mehr die ausgefallenen Bars und Restaurants die wahren Eyecatcher sind und ausladend um die Gunst der Besucher feilschen.
Ab und zu gelingt es einem jedoch auch einen Blick in eine der teils großzügig geschnittenen Wohnungen zu erhaschen und dort edle Holzregale mit schlauen Büchern, Skulpturen, Kunstwerken, Dekantern und anderem Gedöns der Oberschicht zu erhaschen.
Nach einigen Minuten entdecke ich auf der rechten Straßenseite einen Immobilienmakler mit dem klangvollen NAmen "Rothschild Real Estate". Die dort aufgerufenen Preise für die Wohnungen lassen einen zweimal schlucken.
Ooooookaaaaayyyyyy!
Da wundert es einen nicht, wenn ungefähr auf der Hälfte des Boulevards die Häuserreihen von einigen ebenso markanten, wie auch hihen Wolkenkratzern durchbrochen werden. Hier regiert eindeutig das Geld, wie der "First International Bank Tower" eindrucksvoll beweist.
Mitlerweile ist es 21:00 und mein Magen signalisiert mir eindeutig und zweifelsfrei, nun endlich gefüllt zu werden. Um nicht wieder in den Modus vom Beginn meiner Dizengoff-Begehung zu geraten, sollte ich einer Unterzuckerung, und der damit verbundenen schlechten Laune zuvor kommen.
Mit quitschenden Flip-Flops biege ich demnach scharf rechts in die Allenby Street ab, passiere die große Synagoge, diverse Spätis mit teurem Bier und allerhand anderer Geschäfte, um gegen 21:30 endlich wieder in der Ben Yehuda Street zu sein, die etwa einen weiteren Kilometer im Norden das sichere Asyl von Ofir bereit hält.
Von der Annahme getrieben, dass man erst etwas schaffen muss und somit von meinem mir selbst gegebenen Versprechen mehr zu genießen abweichend, erlaube ich mir erst etwa einhundert Meter vor der Herberge in einem Falafelladen einzukehren und endlich die ersehnten Kichererbsenbällchen einzuführen.
In der Bude herrscht reges Treiben. Die Typen hinter dem Tresen scheinen gemischter Konfession zu sein. Sonst hätten sie sich nicht Achmed und Fuat, Ben, Avi und Levi auf ihre Polohemden gestickt.
Mein Herz macht einen Hüpfer bei soviel transideologischer und religiöser Völkerverständigung.
Der friedensbewegte Anteil in mir guckt beseelt und imaginiert sich in eine Welt, in dem es eine friedliche Zweistaatenlösung gibt. Der Moslem macht die Falafel, der Jude serviert sie und am Ende wird der Erlös brüderlich geteilt. Herrlich - meine deutsche Seele ist entzückt.
Nach einem längeren Zusammenstellungsprozedere wird mir ein reich gefüllter Teller entgegengereicht. Dazu gibt es ein Goldstar Bier. Bezahlt wird sofort; ich entrichte 65 Shekel und verziehe mich in eine ruhige Ecke.
Von hier aus kann ich den ganzen Laden überblicken. Das ist wichtig, da ich ja keinen Handyempfang habe und mich doch irgendwie beschäftigen muss. Das ist ohne Internet gar nicht so einfach. Zumindest wenn man sich die anderen Besuchern des Restaurants anguckt.
Denn alle allein Essenden starren unentwegt auf ihre Handfunke. Die Rechte schaufelt Essen ein, die Linke wischt, scrollt und tippt unabwegig auf das Display ein.
Gebannt von diesen sonderbaren Wesen kleckere mir bereits beim ersten Bissen auf das T-Shirt. Nun ziert ein weißer Tahinstreifen die Brust und ich überschlage innerlich, wie lange wohl mein Klamottenvorrat ausreicht, wenn ich nicht vorsichtiger esse.
Nachdem aufgegessen ist, verabschiede ich mich mit einem genuschelten Mischwort, was sich sowohl nach Shalom und Salam anhören soll und allen Anwesenden verdeutlichen soll, dass hier ein äußerst versierter und weltgewandter Kunde manierlich den Laden verlässt.
Zufrieden und gesättigt wage ich mich an die finalen Schritte des Tages: die unzähligen kleinen Tippelstufen in den sechsten Stock zu meinem frohlockenden Bett.
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