Um in Ofirs Wohnung zu kommen, muss man an der Tür einen vierstelligen Code eingeben. Ich habe diesen vergessen. Da ich nicht unhöflich sein möchte, verzichte ich aufs Klingeln, oder Klopfennund verbinde mich mit dem WLAN. Leider ist der Empfang in dem Treppenhaus-Beton-Gehäuse nur sehr schlecht und ich stehe etwa fünf Minuten vor der Tür, bis endlich meine Mails geöffnet sind und ich den Code eingeben kann.
In der Wohnung angelangt, stelle ich fest, dass rege Betriebsamkeit in der Küche herrscht. Die Zeit häte ich mir durchaus auch sparen können.
Am Herd brutzelt sich ein älterer, halbbeglatzter, rotbäckig und kerngesund aussehender Kerl vom Typus biederer Verwaltungsbeamter auf Freiersfüßen ein Ei. Er stellt sich mir direkt mit stählernem Händedruck vor - "Hey Maaaate, my name is Bruuuuce!" - und widmet sich ebenso schnell wieder seinen Eiern, mit denen er sich alsbald in die Futterecke des Wohnzimmers verzieht.
Auf dem Sofa lümmelt Ofir mit der aus Amerika stammenden Reha und ist in ein reges Gespräch vertieft, während sich, durch die ausladenden Bewegungen des Gastgebers an die Ecke gedrängt, ein weiterer Kerl - Alex aus Smolensk - hinter seinem Handy rumdrückt und auf unbeteiligt macht.
Hab ich Reha eigentlich, seitdem ich hier nachmittags angekommen bin, schonmal woanders, als auf diesem Sofa gesehen? Auch jetzt sitzt, nein thront sie dort, mich taxierend, auffordend und aufmerksamkeitsheischend ansehend.
Ich gehe lieber mal ins Schlafzimmer. Dort herrscht unordentliche Stille auf engstem Raum. Rehas Blicke spüre ich noch durch die Wand.
Auf Zehenspitzen rödel ich ein wenig in meinen Sachen herum, schaffe Ordnung auf meinem Bett und entscheide vorerst mich nicht hinzulgen, denn hier sägt ein weiterer Gast bereits flach und sägt so dermaßen und raumergreifend Holz, dass an Ruhe nicht zu denken ist.
Das Badezimmer ist besetzt; es dringen laute Duschgeräusche und ein deftiges Prusten durch die dünne Tür. Wahrscheinlich hält sich da einer grad die Brause direkt in die Fresse. Mundspülungsklimax. Wruschgurgelröchel.
Ich beschließe den diversen Geräuschquellen aus dem Wege zu gehen, platziere mich auf einem Stuhl im Wohnzimmer und lausche dem Gespräch von Ofir und Reha.
Da ich nicht vorhabe in dieses einzusteigen, bleibt mir genügend Zeit um die beiden genauer zu beobachten.
Es geht um Demokratie und Diktatur. Trump vs. Sanders und Clinton im Wahlkampf, bzw. die Israelische Politik.
Ofir ist eindeutig für Demokratie, allerdings kann er verstehen, dass die Menschen sich nach einer starken Führung sehnen. Trump hält er allerdings für einen Volltrottel. Obama sei ein widersprüchliches Weichei gewesen und die israelische Politik funktioniere sowieso nicht.
Reha tickt da ganz anders. Trump sei ihr Mann. Außerdem tue er was für Israel und die Juden. Das müsse Ofir doch anerkennen!
Ofir rudert zurück und gesteht ein, dass es unter Bernie Sanders eventuell schwieriger für Israel geworden wäre. Aber nun seien die Verhältnisse in den USA wie sie sind und er wolle nicht über anderer Länder Politik urteilen.
Reha lässt das zähneknirschend durchgehen und freut sich zugleich über Bibi Netanjahu, dem sie seine militärische Erfahrung zu Gute heißt. "And Menachim Begin! What a Patriot!" "And i believe in God. Israel - Gods chosen land!"
Aha, daher weht der Wind also.
Diese Frau umgibt eine Aura von leichtem Wahn, sowohl politischer, wie auch religiöser Natur.
Da ist sie in diesem Land ja genau richtig.
Irgendwann bekommt Ofir wohl Hunger, oder kapituliert, denn er begibt sich zur Monster-Kühl-Gefrier-Kombi und holt sich gefrorenes Graubrot aus dem Tiefkühlfach. Dieses knackt er sich in kleine Stücke und futtert sie weg, wie Chips. Cooler Typ.
Reha nutzt die Chance und spricht mich direkt an: "Where do you come from?"
"Äh, from Berlin, Germany.!" Ich kontere: "Where do you come from?
Reha: "Me? From the Moon!
Schön, dann wäre das schonmal geklärt.
Es gibt Menschen, denen sieht man von Anfang an an, dass da irgendwie
was nicht ganz richtig in der Birne läuft. Da können Kraniometrie und
Phrenologie noch so oft wissenschaftlich widerlegt sein.
Während ich bedeppert drein blicke und überlege, ob der Spruch ironisch gemeint sein soll, guckt mich Reha bereits herausfordernd und wunderlich zugleich an.
Ofir, wohl froh der Konversation entgangen zu sein, hat mich ebenfalls fest im Blick. Dass er keine Anstalten macht sich wieder hinzusetzen kann man sich wohl gut vorstellen.
Als Sozialpädagoge interessieren mich Menschen mit Dachschaden ja
bereits von Berufswegen und eine unheimliche Macht des sich Zuständigfühlens ergreift mich. Dumm nur, dass die anderen beiden Akteure dieses Systems das Gleiche zu spüren, ja es gar zu erwarten scheinen.
So greift ein Zahnrad in das Andere und ohne es wirklich zu wollen, sehe ich mich elegant, aber bestimmt in eine Situation driften, in die ich eigentlich nicht aktiv eingreifen wollte.
Um dem spontanen Rollentausch ein Ende zu setzen, beschließt Reha sich meiner dümmlichen Mine zu erbarmen und mich in einen frohen Gesprächsreigen zu ziehen.
Tatsächlich ergibt sich ein richtiges Gespräch zwischen uns.
Auf meine Nachfrage, was sie in Israel mache, erfahre ich, dass sie einmal im Jahr irgendwelchen Bürokratie-Kram hier erledigen müsse, um irgendwelche staatsbürgerlichen Ansprüche geltend machen zu können. Sie habe einen amerikanischen Pass, fühle sich als Jüdin aber nur mit dem Wissen wohl jederzeit Alija machen zu können. Geboren sei sie aber in Polen, wo ihre Eltern die NS-Zeit überlebt hätten. Den Ort habe sie vergessen; irgendwo an der Grenze zu Deutschland und Holland.
"Äh, Grenze zu Deutschland und Holland...? Sicherlich...! ;)"
Im Kopf überschlage ich ihr Alter. Das ist gar nicht so einfach, da sie eine sonderbare Erscheinung ist, wie sie da in ihrem hemdsärmelig, ausgeleiertem weißen Kleid, das einen schönen Blick auf kräftige Arme und mächtige Säulen feilbietet. Dazu schweres Atmen und Schwitzen. Dazu das Haar: schütter und bereits glatzig durchlöchert... Uiuiui...
Ich weiß, man sollte sich allgemein wertschätzend über Menschen äußern. Vor Allem, wenn man sie zum Gegenstand eines Tagebuches macht und so gewissermaßen von ihrem Wesen profitiert. Aber was sollte an der nüchternen Beschreibung eines Ist-Zustand schon gehässig sein? Eben...!
Also weiter im Text.
Das Haupt wird von dünne, weiß-grau-blondem Haar gekrönt und weiß durch eine ungreifbare Jugendlichkeit, in Kombination mit aufgedunsener, aber zugleich glatter Haut und roten Bäckchen zu irritieren.
Das kenne ich aus der beruflichen Praxis eigentlich nur von langjährig Psychopharmaka-Behandelten.
Dazu diese Augen. Grün und stechend, denen ein Feuer innewohnt.
Was ist dahinter zu Hause?
Ich schätze sie auf etwa 70-75 Jahre. Das würde bedeuten, dass sie ziemlich genau in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg geboren sein muss.
Allerdings komme ich kaum zum fragen, da Reha jeden Satz, derer sie reichlich raushaut, mit folgender Floskel beginnt: "Listen...!"
Ich bin also ganz Ohr und sie erzählt mir von ihrem Sohn, der in Baltimore lebt, aber irgendwie auch in Ney York zu tun habe. Allerdings weniger beruflich, denn religiös. Er sei nämlich ein Orthodoxer. Ich versuche einen kleine Stich zu bekommen und prahle mit meinem Wissen: "Ah, Baltimore in Maryland...!" Reha daraufhin: "Listen! Not Maryland. Its one hour away from Washington and three hours from New York."
Ok, lassen wir das mit Geographie.
Zwangsläufig kommt das Gespräch dann zum Dritten Reich, den Nazis und dem Holocaust. Auch Ofir klinkt sich nun wieder mit ein. Ein ergiebiges Thema. Man muss den Deutschen schon fast dankbar sein, haben sie doch etwas erschaffen, was Kultur- und Nationenübergreifend seit Jahrzehnten für regen Gesprächsstoff sorgt.
Reha und Ofir kennen sich bestens aus und berufen sich gerne auf valide Quellen, wie dem History Channel, israelische Privatproduktionen oder Ähnliches. Beide sind überzeugt, dass die Nazis als kleine Elite agiert habe, die es gekonnt geschafft hätte, die deutsche Bevölkerung an der Nase herumzuführen.
Ob diese Überzeugung lediglich der Höflichkeit und Gastfreundlichkeit mir gegenüber entstammt, oder geglaubte Realität ist, vermag ich nicht einzuschätzen. Da mir auch nicht an reaktionärer Geschichtsklitterung gelegen ist, lasse ich den Antideutschen in mir walten und räume mit dem historisch unkorrekten Klischee auf; schwadroniere über den Rechtsruck in der Bevölkerung, der bereits vor der sogenannten Machtergreifung zu ordentlichen Stimmzuwächsen bei der NSDAP geführt hat und dass die die meisten Deutschen sich wohl kaum darauf berufen haben können, nichts gewusst zu haben von der Deportation von Juden, Dissidenten, Zigeunern etc.
Kurz darauf kläre ich die beiden über die Zusammenhänge zwischen der Organisation Gehlen und dessen späteren Verstickungen mit der CIA. Glücklicherweise hatte ich erst heute Nachmittag einen Wikipedia-Artikel darüber gelsen und kann nun so tun, als ob ich mich super auskenne.
Den Artikel über den Marshall- und Morgenthauplan habe ich bereits vor längerer Zeit gelesen, aber gut abgespeichert, da er sich immer mal zum Klugscheißen eignet, um die "Rehabilitierung" Deutschlands nach dem zweiten Weltkrieg zu erklären.
Was soll ich auch tun? Ich bin nunmal ein Mann und da spiele ich selbstverständlich gerne und ungefragt der "Herrklärer".
Außerdem bilde ich mir ein Rehas Wesen durchschaut zu haben. Im Gespräch mit Ofir und anfangs auch in unserem neigte sie stets dazu im Tone eines selbstüberzeugten Absolutismusses Dinge herauszuposaunen und als einzige Wahrheit dastehen zu lassen.
Da hat sie jedoch die Rechnung ohne mich gemacht. Meinem eigenen Narzissmus verpflichtet fühlend, reiße ich zunehmend das Ruder der Deutungshoheit an mich und schaffe diesmal proaktiv den Wechsel im System.
Deswegen nehme ich zunehmend weiter Fahrt auf und bringe den Völkermord an den Hereros und die logistische Unterstützung der Deutschen im ersten Weltkrieg beim Genozid an den Armeniern ins Spiel.
Ich beschließe die Brandrede mit einer Zeile von Paul Celan: "Death is a Master from Germany".
Hoffen wir mal, dass ich nicht einer den Zuhörern (und Euch Lesern)
nicht auf die Nerven gehe. Aber verdammt, mein Englisch ist aber auch
flüssig heute Abend... Hahaha!
Und... Liegt es an meiner
selbstverliebten Eitelkeit, oder an meinen analytischen Fähigkeiten,
oder warum glaube ich an Reha das Wesen von Anfälligkeit für
Sektengurus, oder Ähnlichem zu erkennen? Auf jeden Fall habe ich das
Gefühl, dass sie mich zunehmend faszinierter anguckt.
Wirklich jetzt, ohne Scheiß... Irgendwas scheine ich in ihr auszulösen.
Also knöpfe ich mir gleich noch den Holocaust vor, wobei ich bemerke, dass dieses Wort im jüdischen Sprachgebrauch nicht allzu geläufig zu sein scheint und ersetzte es schnell durch "Shoa".
Das ich mit dem nun folgenden Satz eine Lawine unverhoffter Art los trete, ist mir da noch nicht bewußt.
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