Eine plötzliche Salve von Gürtelschlägen lässt den jungen Taekwando-Schüler blitzartig wieder eine aufrechte Haltung einnehmen und beschämt zu Boden gucken. Kurz ist es still in der dürftig aus Baumstämmen, Wellblech und Plastikplanen zusammengebauten Sporthalle. Etwa zwanzig verschwitzte Augenpaare folgen mit gesenktem Blick dem Verursacher des schmerzvollen Intermezzos, der sich mir mit entschuldigend geöffneten Armen und gespielter Büßermine zuwendet.
„Die Kids kommen von der Straße, die sind Schlimmeres gewohnt“ grinst Jimi Karlos, Sozialarbeiter, Skater und respekteinflößender Gyosa des Dojos, in meine Richtung. „Wer hier anfängt zu trainieren weiß schon vorher, dass ich keine Faulheit akzeptiere.“
Wie auf Geheiß beginnen schwere Regentropfen wie Maschinengewehrsalven auf das Wellblechdach einzuprasseln und das Training nimmt seinen Lauf.
In Hawassa, der größten Stadt im Südwesten Äthiopiens, deren mildes Klima, gute Hotels, Bars und Infrastruktur von der kleinen Oberschicht des Landes unter der Woche gerne zum Tagen und am Wochenende zum Entspannen genutzt wird, kündigt sich langsam die Regenzeit an. Bald wird die Natur wieder in sattem Grün erscheinen und die Wassermassen das Leben der Ärmsten noch ein bisschen schwerer machen.
Für die Straßenkinder der Stadt gibt es kaum Anlaufpunkte, um den Widrigkeiten des harten Alltags zumindest für kurze Zeit zu entfliehen. Einer dieser wenigen Orte liegt etwas außerhalb der Innenstadt und ist selbst für die sich stets allwissend gebenden Tuk-Tuk-Fahrer nur durch mehrmaliges Telefonieren zu finden.
In einer Art Industriegebiet besteht seit einigen Jahren eine der wenigen öffentlich geförderten Jugendeinrichtungen des Landes.
Dreimal in der Woche findet hier das auf den fünf Tugenden Höflichkeit, Integrität, Geduld, Selbstdisziplin und Unbezwingbarkeit basierende Taekwando-Training statt.
In weißen Anzügen bewegen sich Eleven synchron zu laut gerufenen Anweisungen, hallt der Sound von Fäusten und Pratzen, riecht es nach Schweiß und Ehrgeiz, dominiert ein Mann die Szenerie.
„Die Realität draußen ist für die Kids schwer. Viele fangen an Alkohol zu trinken, oder werden kriminell. Beim Training lernen sie Druck auszuhalten und mit Aggressionen umzugehen... Und den Druck...?! Nun, den mache ich..." grinst einmal mehr die unkonventionelle Respektperson in meine Richtung.
Der pädagogische Mehrwert von Sportangeboten ist hinlänglich bekannt und manchmal muss der Zweck die Mittel heiligen.
Dennoch soll der Ort auch ein geschützter Raum sein, in dem die jungen Menschen ein wenig Zerstreuung und Vergnügen finden können. So stehen in einer weiteren Hütte Tischtennisplatten, sowie ein Kicker und in einer Küche wird regelmäßig Mittagessen gekocht.
Zudem befindet sich hier eine weitere Betätigungsstätte, die, ihrem Image gemäß, wohl eher in den Metropolen der westlichen Welt zu erwarten wäre, als in der äthiopischen Provinz.
Direkt neben der Trainingshalle befindet sich ein moderner Skateboardpark aus Beton. Auf einer Fläche von etwa 25x30m wuseln vor dem Regenguss zahlreiche Kids zwischen- und durcheinander herum, machen Quatsch und bilden, nicht zuletzt durch ihre bunten Straßenklamotten, einen deutlichen Kontrast zu den disziplinierten und uniformierten Kampfsportlern nebenan. Zwar versucht ein älterer Skater ein wenig Ordnung in die Bande zu bringen, scheitert jedoch an deren Renitenz und Fortbewegungsdrang. So schwingt er sich dann auch kopfschüttelnd selber ins Getümmel und wird eins mit der quirligen Masse.
Seit je her sehen sich Skater*Innen losgelöst von gesellschaftlichen Konventionen und festgeschriebenen Regeln. Man findet sich außerhalb organisierter Strukturen zusammen, zweckentfremdet die Infrastruktur zu einem multifunktionellen Sportparcours und gestaltet eigene Räume. Nicht selten entsteht aus diesem Selbstverständnis eine Energie, die sich in Engagement und Schaffenskraft äußert.
So ist es den älteren Skater*Innen in Hawassa gelungen das etwa 25x30m große Areal von der Stadtverwaltung zur Verfügung gestellt zu bekommen. Mit Hilfe der NGO „ethiopia-skate“ und internationaler Unterstützung konnte Ende 2017 der Skatepark fertig gestellt werden und wird seitdem von den Skater*innen eigenständig unterhalten und erweitert.
„Die Locals haben wirklich Beindruckendes geschafft“ sagt Aurelio Macone, der „skate ethiopia“seit vielen Jahren unterstützt und an der Deutschen Botschaftsschule in Addis Abeba als Erzieher arbeitet. „Zivilgesellschaftliches Engagement ist in Äthiopien nicht selbstverständlich und die bürokratische Hürden sehr hoch, so dass man mit seinen Anliegen bei der Administration oftmals abgewiesen wird, oder nur mit Connections und Bestechungsgeld vorankommt.“
Insgesamt grenzt es eh schon fast an ein Wunder, dass an einem abgelegenen Ort in einem der ärmsten Länder der Welt eine lebendige Skateszene existiert. Zumal es in der relativen medialen Abgeschiedenheit eines Landes, in dem der Besitz von Smartphones und Internetzugang für die meisten Bewohner*innen noch immer einen Luxus darstellen und die Einfuhr von Skateboards verboten (!) ist, eigentlich kaum Berührungspunkte zu diesem Medium geben sollte.
Die meist von Skater*Innen aus der westlichen Welt gespendeten und teilweise über Immunität genießende Botschafts-Container ins Land geschafften Skateboards werden in einem kleinen Kabuff neben der Sporthalle verwahrt und auf Leihbasis an die lebensfreudige Meute vergeben.
Neben dem Erlernen von Tricks, der Zerstreuung und dem Zugehörigkeitsgefühl gehören sowohl die Pflege und Instandhaltung, wie auch die Erweiterung des Skateboardparks zum Konzept der Einrichtung und sollen den Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit geben Verantwortungsbewusstsein, Disziplin und handwerkliche Fähigkeiten zu erlernen.
So muss die Anlage immer erstmal sauber gemacht, oder repariert werden, bevor geskatet werden darf. Wer sich bewährt, darf die anderen Kids anleiten, oder bekommt gar einen Schlüssel, um auch außerhalb der offiziellen Zeiten Boards zu vergeben.
Skateboarding dient also eher als Erziehungsmittel, denn der Distinktion. Wer mitskaten will, muss sich die wenigen Skateboards mit den anderen teilen. Bei Streitereien klären die Kids die Konflikte erstaunlich wortreich und gewaltfrei untereinander, während bei „Auffälligkeiten“ schon mal Jimi dafür sorgt, dass Ruhe ist, oder jemand für ein paar Tage im Gefängnis landet. Das spräche sich rum und sorge für Ruhe.
Natürlich ist das Niveau insgesamt nicht so hoch wie in Europa und Amerika, so dass sich die Qualität des Skatens weniger über das Trickpotential, denn über den Spaß, den man dabei haben kann, sowie dem psychosozialen Mehrwert definiert. Obwohl die Äthiopier*Innen eher zurückhaltend sind, ist es eine Freude die Losgelöstheit der Akteure*Innen zu beobachten, wenn sie unbeschwert über die glatte Oberfläche gleiten. Manche noch ungelenk, andere schon vom Selbstvertrauen kleinerer und größerer Erfolge gestärkt, wie etwa die heranwachsende Skaterin, die sich in einem unausgesprochenen Wettbewerb mit einem etwa gleichaltrigen Jungen zu befinden scheint. Beide messen sich an einem Hindernis, dass sie tatsächlich als erste hinunter zu springen vermag. Der daraufhin an den Konkurrenten adressierte Blick voller Stolz und Trotz ist sicherlich keine Selbstverständlichkeit in einem Äthiopien, in der vor allem die Männer nach wie vor das Sagen haben. So drängeln sich beim Gruppenphoto auch wieder die Jungs in den Vordergrund und präsentieren ghettolike und stolz ihre selbstgestochenen Jesus-Tattoos.
In Addis-Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens, hingegen wird der rasante wirtschaftliche Aufschwung des Landes auch an der „Kushineta-Skate-Crew“ bemerkbar. In einem robusten Einfamilienhaus mit großem Garten und Veranda dröhnt Yellowman aus einer Bluetoothbox und verkündet jamaikanische Weisen. Von Marihuana und leichten alkoholischen Getränken beseelte Gesichter leuchten im Widerschein der Smartphonedisplays, Instagram-Bilder werden zur Seite gewischt und Skateboardclips auf der Website des Thrasher-Magazines diskutiert. Regelmäßig wird ein Unglücklicher auserwählt, um Biernachschub, oder frittierte Kartoffeln für die Meute zu holen und ständig klopft es an der Wellblechtür, weil die jungen Wilden der jungen wilden Stadt Teil der Szene und der Szenerie sein wollen. Die typische Atmosphäre des harten Abchillens auf Bedürfnisstufe sechs findet hier ihre universelle Bestätigung.
Trotz der entspannten Atmosphäre haben es die Jungs um Jareed, Babo und Japkal in den letzten Jahren dank Skateboarding und entgegen horrender Bürokratie und Korruption geschafft ein eigenes Business aufzubauen und damit die Bedürfnisse der wachsenden Mittel- und Oberschicht, wie auch derer zahlreichen Expats und NGO-Mitarbeiter*Innen zu bedienen. Diese finden es hip ihre Kinder zum angebotenen Skateboardtraining zu schicken und gut dafür zu zahlen. Neu eröffnete Einkaufsläden und Shoppingmalls buchen die Jungs zum Showfahren, um Aufmerksamkeit zu erheischen und international bedeutende Magazine, Firmen und Profiskater berichten über die kleine und trotz aller Globalisierung scheinbar weiterhin kurios anmutenden Szene, bzw. kommen gleich zu Besuch, um Clips zu drehen und diese viral zu vermarkten.
Die gleichen Marketingtechniken machen sich die Kushineta-Jungs ebenfalls zu Nutzen, indem sie über die sozialen Medien selbstgebatikte T-Shirts verkaufen und sich somit insgesamt ein relativ gutes Einkommen sichern können.
Haupttreffpunkt der hiesigen Szene ist auch hier ein
selbstgebauter Skatepark. An einer staubigen Seitenstraße, hinter einem der vielen
neugebauten Bürohochhäuser, die im Erdgeschoss meist eine Shopping-Mall
beheimaten, in der Dienstleistungen und westliche Produkte angeboten werden, liegt der,
vor etwa sieben Jahren und ebenfalls auf Initiative von „etiopia-skate“ mit einheimischen
Skater*innen aus Beton gebaute, Addis Skatepark. Im Gegensatz zur weitaus
kleineren Provinzhauptstadt Hawassa geht es hier jedoch irgendwie rauer und großstädtiger zu. Zwar
skaten alle zusammen, doch gibt es bereits kleinere
Cliquenbildung und der Skatepark wirkt weniger geschützt, so dass immer wieder verwahrloste, betrunkene und nicht wirklich berechenbare
Typen auf die Fläche torkeln und ihren Teil an der Show einfordern. Es herrschen eindeutig die informellen Regeln einer Großstadt vor, unter deren Ägide sich hie wie dort Skater*Innen
besonders wohl zu fühlen scheinen und die immer auch Energie und Kapazitäten
für Peergroup- und Subkulturübergreifende Zugehörigkeiten und Aktivitäten Raum lassen.
Dient der Garten des Einfamilienhauses dem „inner Circle“
der Skateszene, trifft hier eine etwas ausdifferenzierte Variante der Cool-Kids
von Addis Abeba aufeinander, um gemeinsam abzuhängen, zu abendlichen Unternehmungen zu starten und ein Leben zu genießen, das sich nicht so sehr von dem ihrer geistigen Geschwister
in anderen Ecken der Welt zu unterschieden scheint. Musik, Mode und Skateboarding sind lediglich artverwandte Vehikel, um den Geist einer vorwärtsgewandten und liberalen jungen Generation zu transportieren
Dennoch ist das Fahren und Besitzen eines intakten Skateboards in der Hauotstadt eindeutig eher den Jugendlichen aus besseren Familien vorbehalten, wobei die Mitglieder von "etiopia-skate" immer auch Utensilien für die Ärmeren vorhalten und diese durch z.B. Workshops, Trainings und Reparatur- und Erweiterungsarbeiten mit in das Geschehen einzubinden versuchen.
„Hierbei hätten manche Skater*innen bereits Fertigkeiten, wie z.B. das Mauern und Schweißen erlernt und diese nicht nur bei der Umsetzung anderer Skateparkvorhaben anwenden können, sondern auch als Qualifikation für den Arbeitsmarkt“.
Denn auch in der Hauptstadt gilt die "DIY- und Learning by Doing" Attitüde als Weg und Empowerment durch Skateboarding als Ziel.
Zurück nach Hawassa, zurück in das Äthiopien von Jimi Karlos und den klaren Regeln. Gerade hat ein Taekwando-Schüler eine ordentliche Faust kassiert und ist bewusstlos zusammengebrochen. Jimi stemmt den Heranwachsenden hoch und trägt ihn ins Freie wo es mittlerweile zu regnen aufgehört hat.
Er gibt klare Anweisungen: „Du, hol Wasser... Du Verbandsmaterial und du ein Handtuch... Und ihr zwei haltet die Beine hoch...“
Immer mehr Kinder und Jugendliche versammeln sich und beobachten lautstark kommentierend die Szenerie. Während der Getroffene langsam wieder zu Sinnen kommt versucht ein zunehmend genervter Jimi die Kids vom Gaffen abzuhalten, erteilt dann aber mit einer Mischung aus Resignation, Wohlwollen, väterlicher Milde, sowie dem Wissen, dass sich daraufhin die Traube schlagartig auflösen wird, den Befehl die Skateboards heraus geben zu lassen. Auch ich wende mich von der Szene ab und springe auf mein Board, um gemeinsam mit den Locals die kleinen und großen Sorgen des äthiopischen Alltags zu vergessen und einfach nur abzuskaten.



