Montag, 31. Dezember 2018

ISRAEL 2018 - Tag 2, Teil IV


Während meiner Schulzeit saßen ganz vorne im Bus saßen die Uncoolen, die den Fahrer zutexteten, jede Linie und Haltestelle auswendig konnten und deren Lebenstraum es war, selber Busfahrer zu werden. Noch heute schaue ich respektvoll auf diese zuweilen schmerzlich ausgegrenzte Spezies, die schon damals beruflich voll orientiert war, während ich Tag ein, Tag aus mit dem Sinn meiner beruflichen Tätigkeit hadere.
Unter den anderen Jungen galt es als besonders cool möglichst breitbeinig auf der letzten Sitzreihe des Busses zu sitzen, das Bein auf dem Absatz am Fenster abzustützen und mit halboffenem Mund Kaugummi zu kauen. Eine Reihe weiter, den Checkern stets zugewandt durften meistens die hübschen Mädels sitzen. Der Rest hatte sich zu verteilen.
Noch heute meine ich beobachten zu können, dass die Rückbänke von Busses den obercoolen Boys gehören. Den Schulhofprimaten, den Herrschern einer eigenen Welt.
Oder eben Leute wie mir, die zwar an Statistiken glauben und daran eher vom Blitz getroffen zu werden, als Opfer eines Terroranschlags zu werden, aber dennoch stets ein gesundes Maß Skepsis bewahren und ein bisschen Kontrolle schätzen, um sich nicht gänzlich den Launen der Welt hinzugeben.
Nachdem der Bus unversehrt die Stadt verlassen und eine somit nach meinen Maßstäben weniger geeignete Gegend für Anschläge erreicht hat, verflüchtigen sich derartige Gedanken aus meinem Inneren. Zwar signalisierte meine Intuition mir bereits beim Einsteigen Entwarnung, aber man weiß ja nie, ob ich es nicht vielleicht doch als Alltagsheld, oder Märtyrer der westlichen Lebensweise auf ein Titelblatt schaffe, indem ich mich im richtigern Moment auf einen nervös dreinblickenden und unnatürlich dick angezogenen Attentäter stürze und eine oft geträumte Männerphantasie wahr werden lassen muss.
Der Sitz im Adlerhorst des Busses hat allerdings den Nachteil, dass ich, der als einer der letzten Insassen den Bus bestiegen hat, meinen Rucksack auch als letzter in das Gepäckabteil geworfen habe und dieser nun ganz vorne liegt und alle anderen ihr Gepäck wiederum über ihn hinweg  greifen, schieben und raffen. Dies hat zur Folge, dass ich diesen nun aus der nass-staubigen Rinne zwischen Bus und Bordstein sammeln darf. Der Busfahrer tut unbeteiligt und die Mitreisenden haben mir bereits allesamt den Rücken zugedreht, so dass mir nur bleibt meine Empörung mittels rollender Augen in unbestimmte Richtung zu richten.
Beim Verlassen des Ankunftsbereichs gelangt man direkt in eine in den ZOB integrierte Shopping-Mall. Der Komplex mutet viel moderner und sauberer an, als sein Pendant in Tel-Aviv.
Laut Google-Maps habe ich etwas Zeit und kann mir sowohl etwas zu essen kaufen, wie auch die Beine vertreten, bevor der Bus Richtung Ein Gedi abfährt.
Vor dem Haupteingang ist ein großer Stand mit großen arabischen Pizzen aufgebaut. Ich entscheide mich für einen reichlich mit Tomaten, Zwiebelringen und Paprika belegten Fladen und gönne mir eine Coca-Cola aus der Dose dazu. Die Nachfrage, ob die Pizza erwärmt werden soll, bejahe ich gerne. Das gute Stück kostet fünf NIS, was absolut value for money ist.
Ich gehe nach draußen und setze mich auf einen kleinen Platz zwischen dem Busbahnhof und der Straßenbahn, um dem überteuerten morgendlichen Frühstück die günstige und schmackhaftere Ergänzung zuzuführen.
Hier tummeln sich weitaus mehr „normale“ Leute, als vom Bus aus ersichtlich. Es laufen nur vereinzelt Orthodoxe Juden herum, dafür umso mehr Rucksacktouristen, die sich mit den Einheimischen in die Straßenbahn drängeln.
Nachdem ich aufgegessen habe, laufe ich ein wenig auf dem Vorplatz herum und sehe einige Bettlerinnen und Bettler. Einer davon ist blind und trägt abgewetzte Armeeklamotten. Laut klagend reckt er die offenen Hände in den Äther und bekommt von allen Bettlern am meisten Geld zugesteckt. Münzen zwar nur, aber scheint ein einträgliches Geschäft zu sein. Ich stelle mir vor, wie er von seinen Heldentaten in einem der vielen Verteidigungskriege der vergangenen Jahrzehnte, in die sich das Land verwickelt sah, erzählt und der eventuell daraus entstandenen Erblindung.
Er so: „Ich habe für eure Freiheit mein Augenlicht gegeben!“
Und alle anderen dann so: schlechtes Gewissen, Mitleid und Kohle gezückt.
Der König der Bettler.
In Tel Aviv ist mir kein Bettler aufgefallen.
Hier fallen mir hingegen besonders viele junge Menschen in Uniform und mit Waffen auf. Eventuell liegt es daran, dass Jerusalems Busbahnhof eine gewisse Verteilungsfunktion der Armee in die besetzten Gebiete übernimmt und sich deswegen hier die jungen Rekruten verstärkt sammeln. Einer von ihnen trägt ganz lässig einen Rucksack von Borussia Dortmund nebst dem Maschinengewehr.
Nach etwa einer Stunde verspüre ich Harndrang. Ich halte es für klug zurück in die Busbahnhofsmall gehen und muss wieder einen Sicherheitscheck auf mich nehmen. Diesmal werde ich trotz des Rucksacks einfach durch gewunken. Die Gebräuche beim Sicherheitscheck erscheinen mir ähnlich undurchsichtig wie in der Bepreisung von Lebensmitteln.
Im ersten Stock finde ich dann die Toilette, in die man gegen die Zahlung von einen NIS und der Passage eines eisernen Drehkreuzes gelangt. Vor dem Kreuz hat sich eine kleine Schlange aus etwa sieben bis acht Leuten gebildet, die alle wie normale Einheimische aussehen. Das Drehkreuz ist dummerweise so konstruiert, dass es an der gleichen Stelle die Menschen rein und wieder raus lässt und man muss sich immer absprechen, ob nun zuerst jemand rein, oder raus darf.
Zusätzlich ist mir nicht ganz klar, wer hier an-, oder einfach nur im Wege steht, da manche keine Anstalten machen aufzurücken, wenn eine Person den entscheidenden Schritt weiter in Richtung Porzellan geschafft hat. Ein wirklicher Flow sieht anders aus.
Irgendwie schaffen es die Leute auch nicht miteinander zu sprechen und es kommt immer wieder zu unabgesprochenen Vorstößen auf beiden Seiten, so dass die ein, oder andere Diskussion entsteht und es noch länger dauert, bis ich endlich vor dem zugepinkelten Urinal stehe. Fazit der letzten zwei Minuten: Diskutieren und zielen lernen die Leute beim Armeedienst wohl eher nicht.
Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass ich noch eine viertel Stunde bis zur Abfahrt des Busses habe. Ich besorge mir eine große Flasche Wasser und orientiere mich. Das bemerkt ein junger Kerl und kommt lächelnd auf mich zu.
„Sorry Sir, i need some money for the bus. Can you give me four NIS?“
Aber klar doch. Hier mein Junge und nicht gleich alles auf einmal ausgeben.
In Berlin habe ich die zynische Haltung des Sozialarbeiters, der versucht seine Arbeit nicht mit nach Hause zu nehmen und gebe äußerst selten Geld an Bettler. Hier scheint mich das Klima des Vorplatzes angesteckt, oder aber der Typ mich einfach nur auf dem falschen Fuß erwischt zu haben. Geld wechselt den Besitzer und ich versuche noch eine Antwort auf die Frage nach dem Abfahrtsterminal nach Ein Gedi bei ihm loszuwerden. Detailiert schildert er mir den Weg nach oben. Offensichtlich ein äußerst Ortskundiger Busreisender.
Tatsächlich stehe ich wenige Rolltreppen später vor der Metallschwingtür des Busses 486. Auch hier sind eher wenige Leute unterwegs, dafür aber zwei Boys in Uniform und mit Knarre.
Diese stehen dann in der Schlange auch direkt vor mir und bahnen sich zielgerichtet den Weg ihrem Status entsprechend zur Rückbank. Der eine fläzt sich genüsslich auf den hintersten Sitz links und der andere doch tatsächlich direkt vor, anstatt auf den rechten Fensterplatz neben ihm.
Mir soll`s recht sein, kann doch ich diesen für mich beanspruchen. Außerdem wittere ich eine Chance mit den beiden ins Gespräch zu kommen; interessiere ich mich doch für ihr Rekrutenleben.
Ich habe nach der Schule Zivildienst geleistet. Gänzlich zu verweigern fühlte sich für mich nicht richtig an und tatsächlich habe ich in dem Wohnheim für Menschen mit Behinderung vor Allem von der resoluten Hauswirtschafterin Vera so einiges gelernt. Da ich den Dienst in meiner Heimatstadt abgeleistet hatte, veränderte sich meine Peergroup überhaupt nicht. Das bedaure ich im Nachhinein, weil ich so nicht die Gelegenheit bekommen habe Menschen mit gänzlich anderem Background und Sozialisation kennenzulernen und von deren Sicht der Dinge gegebenenfalls auch charakterlich zu profitieren.
Na wartet Jungs, wenn sich eine Gelegenheit ergibt, dann quatsche ich euch an.
Vorerst belasse ich es aber dabei die vorbeiziehende Stadt auf mich wirken zu lassen.
Neben der anderen Architektur im Vergleich zu Tel Aviv fällt mir, dem alten Skateboarder, besonders auf, dass die Straßen hier durchweg aus Asphalt und Teer bestehen, während die Böden in Tel Aviv hauptsächlich unförmig gepflastert sind.
Mit Schmunzeln erinnere ich mich an meinen gestrigen Zusammenstoß mit dem starken Mann und lasse mich aus der Mutterstadt fahren.
Der Mann hat offenbar ein angespanntes Verhältnis zur Bremse und dem Gaspedal. Abruptes stoppen, anfahren und fluchen gehören bei Egged wohl zur Stellenbeschreibung eines Busfahrers. Kein Wunder, dass sein Reich mit diversen Glücksbringern und anderen Devotionalien geschmückt ist. Ich identifiziere einen Schal, der von einem Fußballverein stammen könnte, einen Panama-Hut und ein paar Kuscheltiere. 
Hoffentlich finde ich bei dem Fahrstil nicht meine letzte Ruhe neben ebendiesen und kehre als Widergänger zurück nach Berlin.
Die Straße wird zur Autobahn und windet sich durch eine zersiedelte Gegend, die teilweise wie ein Pass durch Berge anmutet. In der Erwartung steil nach unten zu fahren und bald am tiefsten Punkt der Erde zu sein, geht es erst einmal bergauf. Die Gegend wird zunehmend karger. Auf dem Handy sehe ich, dass wir uns bereits im Westjordanland befinden. Dann war dieser kleine Checkpoint, den wir fast unbemerkt passiert haben, vorhin wohl so was wie die Grenze.
Tatsächlich sind nun viel mehr Autos mit arabischen Kennzeichen und Kopftuch tragenden Frauen unterwegs. Zudem sind am Wegesrand kleine bäuerliche Siedlungen mit Eseln und Ziegen zu sehen, die allesamt in erbärmlichem Zustand sind. Vereinzelt treiben Hirten Ziegen durch die öde Landschaft.
Sieht so die Realität in der Westbank aus? Ist es im noch ärmer geltenden Gazastreifen noch schlimmer? Oder ist es vielmehr so, dass sich die unzähligen ausländischen NGOs durch die Zuschaustellung potemkinscher Dörfer den Zuspruch der Touristen, sowie weiterer Finanzierungen der UNRWA, den Geberländern und die Unesco bis zum Sankt Nimmerleinstag sichern wollen?
Ich weiß es nicht. Fest steht aber, dass ich es in den verbleibenden Tagen irgendwie schaffen muss mir einen genaueren Eindruck davon zu verschaffen.
Sicherlich sind die abzweigenden Straßen auch hier ausgebaut und die Autos weit entfernt von den Rostlauben des Afrikas jenseits der Sahara, aber dennoch wird eindrucksvoll und traurig zu gleich deutlich, welchen zivilisatorischen Sprung man von dem hochentwickelten Israel in das arme Westjordanland macht.
Als wenn er mich aus meinen Gedanken reißen möchte, holt der junge Soldat neben mir plötzlich eine große Tüte mit Weingummi und Süßigkeiten aller Art hervor. Tatsächlich ist mir aufgefallen, dass es hier viele Geschäfte gibt, die in guter deutscher Manier Leckereien zum selber zusammenstellen aller Art gibt. So sehe ich durch das transparente Plastik sogar meine heiß geliebten sauren Zungen.
Verdammt, mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Nur Salmiaklakritz ist schöner.
Lässig stopft der junge Mann sich die Dinger vor meinen Augen in den Mund und lümmelt sich mit allem was die unteren Extremitäten hergeben auf der Rückbank. Das Gewehr klemmt er dabei, Mündung selbstverständlich nach unten, lässig in die Lücke zwischen den Sitzen. Dazu süffelt er sich einen schreien süß aussehenden Eistee rein. Sicherlich, mit 17, oder 18 Jahren, älter ist der Bengel nicht, benötigt man noch ordentlich kurzkettige Kohlenhydrate.
Ein ums andere Mal wandert die Hand von der Tüte zum Mund. Hätte ich mir doch bloß einen kleinen Nachtisch zur Pizza gegönnt.
Glücklichweise spielt mir der Zufall in die Hand. Die beiden Jungs sind nämlich zwischenzeitlich auch am herumalbern und bitten mich doch tatsächlich darum, ein Photo von ihnen zu machen. Kein Problem.
Ich lasse mir ein Handy geben und mache insgesamt fünf bis sechs Photos im Hoch- und Querformat. Daraufhin frage ich sie, wohin sie wollen.
Als Antwort bekomme ich: „Army Camp“.
Daraufhin entspannt sich der folgende faszinierende Dialog:
„Where you from?“
„Germany, Berlin“.
„Ah, Germany. Germany beautiful!“
„Yes, thank you. But Israel is beautiful too!“
Er nickt mir noch freundlich zu und wendet sich dann wieder, ohne mir die Zuckertüte anzubieten, ab. Spricht wohl nicht gut Englisch, der alte Knauser.
Also widme ich mich wieder dem Fenster. Die Sonne knallt nun volle Dröhnung von Süden in mein Fenster. Ich ziehe den breiten schwarzen Sonnenschutz hinab und versinke im Sitz. Nun geht es auch mit der Straße deutlich bergab.
Den Weg der Schwerkraft nimmt nun auch die Eisteeflasche des jungen Freundes und rollt, vom Besitzer gänzlich unbeeindruckt hingenommen, den Mittelgang in Richtung des Busfahrers und purzelt dann auf der Hälfte des Busses rechts auf die Stufen des Türbereichs. Anstalten das Ding aufzuheben macht keiner.
Eindrucksvolle Lässigkeit.
Eindrucksvoll schlängelt sich nun auch die Straße in die Depression. An den Seiten liegen große Felsstücke, die den Anschein erwecken, als würden sie sich aus dem Schutze der allmächtigen Felswand vorsichtig in die tote Landschaft tasten.
Dann taucht ein Schild auf, auf dem „Welcome Megilot Dead Sea Regional Coucil“ steht.
In mir regen sich Freude und Adrenalin; schließlich gilt das tote Meer schon seit meinen Kindheitstagen, als meine Mutter mich allabendlich aus dem Weltalmanach über Daten und Zahlen zu Ländern und topographischen Begebenheiten ausfragte, welche ich mit dem unendlichen Repertoire eines Grundschüler auswendig aufzusagen vermochte, zu meinen geographischen Favoriten. Um diesen Satz nicht unnötig weiter in die Länge zu ziehen füge ich nach dem vorherigen Punkt an, dass der Besuch dieser landschaftlichen Kuriosität als unabdingbarer Bestandteil meiner Reise abgehakt werden will und nun zum Greifen nahe ist.    An der Abzweigung nach Jericho befindet sich ein Verkaufsstand für Kitsch und Nippes, sowie eine Bushaltestelle. Die beiden Soldaten steigen hier aus und plötzlich hat der Eisteegenießer wieder die Flasche in der Hand. In der Armee lernt man offensichtlich nichts Unnötiges zu tun und Kräfte zu sparen.
Macht`s gut Kameraden!
Nun ist das Land gänzlich flach und das tote Meer mit seinem nördlichen Zipfel eindeutig zu sehen. Eine trübe und milchige, aber ungleich faszinierende Stimmung liegt in der Luft. Im Hintergrund sieht man das diffuse Abbild eines jordanischen Bergkamms.
Erstaunlicherweise tut sich rechter Hand, in Nina Hagen-greller Opposition zur Wüste, ein sattgrünes Feld auf.
Weiter sehe ich vereinzelte Gewächshäuser, in Reih und Glied angeordnete Palmenkulturen und kleine Siedlungen. Der Bus hält nun öfter und bei den Ortschaften scheint es sich um Kibbuzim zu handeln.
Wir fahren nun entlang dem Toten Meer immer Richtung Süden. Die Straße ist weitestgehend schnurgerade. Wir sind etwa eineinhalb Stunde unterwegs, als der Bus einen weiteren, aber deutlich besser gesicherten Checkpoint erreicht. Ein Blick auf das Handy verrät, dass es sich hierbei um die sogenannte „grüne Linie“ handelt, die wir bereits kurz hinter Jerusalem passiert haben müssen. Hiermit ist die 1949, nach dem sogenannten Palästinakrieg, mit den involvierten Kriegsparteien ausgehandelte Staatsgrenze Israels gemeint. Wir befinden uns nun wieder auf israelischem Gebiet und somit kann es nicht mehr weit bis nach Ein Gedi sein.










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