Vor sechs Jahren traf ich erstmals seit über
zwanzig Jahren meinen Cousin. Obwohl ich bereits seit 2003 in Berlin wohnte und
er seit ähnlich langer Zeit immer wieder beruflich dort tätig war, hatten wir
keinen Kontakt; vielmehr wussten wir nichts von der gegenseitigen Anwesenheit.
Das änderte sich vor gut sechs Jahren, als mein Vater wegen des Todes meiner
Großmutter in Kontakt mit dem verloren gegangenen Zweig der Familie trat und auch einen Kontakt mit mir anbahnte.
So trafen wir uns kurz darauf in einem Restaurant
unter seinem Berliner Hotel. Nach einem Blick auf die Getränkekarte hob Wolfgang
anerkennend die Augenbrauen und tat seine Freude über die gute Whiskyauswahl kund.
Daraufhin kam ich in den Genuss einer heiteren Verkostung durch die fünf
Whiskyregionen Schottlands.
Obwohl ich bis dahin kaum Gefallen am Geschmack von
Alkohol fand, blieb mir die eigenwillige Charakteristik des edlen Getränks
angenehm im Gedächtnis. Es schien gar so, als hätte ich erst an diesem Abend die
sensorische Reife für den Genuss von feinen Geistern erlangt. Wenige
Tage nach der genussvollen Initiation kaufte ich meinen ersten Single-Malt-Whisky, einen zehn Jahre alten Jura.
Darauf hin folgten viele weitere Whiskies, erste organisierte Tastings, Besuche
in Destillerien in diversen Ländern und Reisen nach Schottland.
Kein Wunder also, dass mein Trip nach Israel auch
den Besuch der ersten Whisky-Brennerei des Landes beinhalten sollte.
Israel und Whisky? Kommt der nicht aus Schottland?
Für viele Menschen sind Schottland und Whisky
miteinander assoziiert, dabei bedarf es lediglich eines gemälzten
Gerstenbrands, der nach einer minimalen Lagerzeit von drei Jahren in einem
Eichenfass mit mindestens 40% Vol und ohne weitere Zusätze abgefüllt werden
muss. Alles was dem entspricht, darf sich mit einem originalen Scotch-Whisky
messen. Das bedeutet, dass es mittlerweile in Bolivien, Indien, Taiwan,
Deutschland und eben auch Israel hunderte von teilweise sehr erfolgreichen
Whiskyherstellern gibt.
Die Milk & Honey Distillery liegt etwa 4km von
Ofirs Apartement entfernt im Stadtteil Jaffa. Der kürzeste Weg dorthin führt
entlang der engen und hässlichen Ha-Yarkon-Street und der nicht minder
hässlichen, aber breiteren Kaufmann-Street.
Ich habe bereits bei Ofir die Route ins Handy
eingegeben und operiere nun offline durch die Hood. Wenn ich nun eine falsche
Taste drücke, dann wäre womöglich die gespeicherte Route futsch. Aber
eigentlich ist der Weg idiotensicher; also schaffe sogar ich es zur Brennerei.
So oder so!
Schnell habe ich Jaffa erreicht, wo die
Kaufmann-Street zum Jerusalem-Boulevard wird. Nach wenigen Hundert Metern
erreiche ich die Zentrale von Scientology. Tom Cruise würde bei Israel wohl vom
Land der vier Weltreligionen sprechen. Dort biege ich im 90Grad Winkel nach
Osten ab, passiere ein Stadion und gelange schließlich zu einem Flachdachbau, an
dem verheißungsvoll das Logo der Brennerei prangt. Von außen hat diese Bude
nichts mit den romantischen Gebäuden und ihren Pagodendächern in Schottland zu
tun.
Zweckmäßiger Industriecharme pur. Irgendwie
israelisch... Gefällt mir.
Das Gebäude ist langgezogen, mit Wellblech gedeckt
und hat keine von außen einsehbaren Fenster. Der Eingang wird von einer großen
pechschwarzen Tür gerahmt, neben der sich eine kleine Klingel befindet. Ich
drücke diese und warte ab. Nichts passiert.
Ich klingle nochmals und warte wieder. Hinter mir
Straßenlärm und Baugeräusche, vor mir Totenstille. Ich klingle ein drittes Mal.
Hier muss doch jemand aufmachen. Ich habe doch bereits vor einigen Wochen per
Email eine Tour gebucht, diese bestätigt bekommen und per Kreditkarte bezahlt.
Arbeiten die heute nicht? Shabbat ist doch erst Freitag und heute ist Dienstag.
Jesses und Maria!
Ich gucke mich hilflos um, zucke mit den Achseln
und fühle mich verarscht.
Wie ich so hilflos da stehe steuert ein business-casual
gekleideter Kerl auf mich zu, nickt kurz und klingelt an der gleichen Klingel.
Er scheint diese aber eine Hundertstelsekunde länger gedrückt zu halten als
ich, denn plötzlich ertönt ein Summen, dass ich bei meinen Versuchen nicht
vernommen habe. Ironischerweise kenne ich es in ähnlicher Form von der Klingel
meiner eigenen Wohnung in Berlin. Erst wenn dieses Summen ertönt, klingelt es
auch innen.
Aus der Gegensprechanlage erklingt eine
Frauenstimme auf Hebräisch, der Mann stellt sich vor und die Tür geht auf. Ich
husche mit hinein und finde mich in einem durchgestylten Ambiente wieder. Eine
gelockte Dame kommt auf uns zu, begrüßt den Typen und gibt mir Zeit mich zu erklären.
Freudig teilt sie mir mit, dass ich heute Vormittag
der einzige Gast sei und sie die Führung mit mir machen werde. Ich solle doch
bitte noch links in den Raum gehen und ein paar Minuten Platz nehmen, Sie käme
dann gleich.
Links bedeutet in einen großen Raum mit stylischer
Bareinrichtung, Verkaufsartikeln und diversen Brennereidevotionalien zu
gelangen.
Ich lege ab, nehme am Tresen Platz und lasse den
Blick schweifen. Definitiv ein Start-Up, welches nicht erst versucht
Traditionen vorzugaukeln, sondern offen und ehrlich, aus dem jugendlichen Mut
zur Marktlücke (koscherer Whisky), Kapital und Wachstum schlagen will. Manchen Orten wohnt eine gewisse Energie inne. An
diesem merkt man sofort, dass Profis am Werke sind, die von ihrer Idee zu
einhundert Prozent überzeugt sind. Keine halben Sachen und volle Kraft voraus.
Sogar die aus profanen OSB-Platten gefertigte Bar wirkt so gerade geschnitten,
als wäre sie an einem CAD-Programm entworfen und einem 3D-Drucker entsprungen.
An der Wand prangt der freche Spruch „Everybody
loves Whisky – Some haven`t found the Whisky they love. Yet!“
Würde ich so unterschreiben.
Wenige Minuten später kommt die Lady mit
professionellem Lächeln zurück und fängt etwas zugeknöpft an mir einen
einstudierten Text zur Geschichte der Brennerei vorzutragen:
Ein paar Freunde, die sich in der israelischen
High-Tech-Industrie kennenlernten, haben ihre Liebe zum Whisky, der
Handwerkskunst und des Pioniergeistes der einheimischen Start-Up-Kultur
miteinander verbunden, Investoren und einen renommierten, aber leider mittlerweile
verstorbenen Whiskyexperten aus Schottland (Dr. Jim Swan - u.a. Kilchoman, Kavalan und Jim Beam) dazu gewonnen und wahr werden
lassen, wovon viele Whiskyenthusiasten träumen; die Gründung einer eigenen
Whiskydestille.
Nun fragt sie mich: „How much knowledge do you have
about the process of making Whisky?“
Ich erwidere, dass ich ein ambitionierter Amateur
sei und ob es nicht, geschuldet der Tatsache der einzige Gast zu sein, möglich
wäre eine etwas individuellere Tour zu bekommen.
Mit diesem Augenwink versuche ich sie aus einer
möglichen Betriebsblindheit von Dutzenden bereits abgespulten Führungen zu
erwecken und mir direkt Zugang zum Fasslager und den darin schlummernden
Schätzen zu geben.
Doch die Dame nimmt den Faden nur bedingt auf und
anstatt einfach mit der von mir gewünschten Tour loszulegen, fragt sie, was
mich denn besonders interessieren würde.
Insgeheim hoffe ich natürlich darauf etwas Rohbrand
probieren zu dürfen, oder gar eine Fassprobe von bereits gelagertem Whisky zu
bekommen, traue mich diesen Wunsch jedoch nicht zu äußern und hoffe vielmehr
auf die Kulanz und das Gespür dem „einzigen Gast“ genau die besondere Führung
zu bieten, die sich später bei Tripadvisor und Konsorten in einem begeisterten
Kommentar und fünf enthusiastischen Sterne in der Bewertung niederschlägt.
Deswegen bleibe ich kleinlaut und brabble irgendwas
von Hefen und Fasstypen, die mich interessieren.
Leider spult Madame die komplette Standardführung
ab, wie ich sie schon einige Male in einem Tross aus Reisebustouristen in
Schottland erleben musste. Inhaltlich einwandfrei – sicher - aber auch
meilenweit an meiner Wunschvorstellung vorbei.
Wobei! Ich habe auch nur etwas weniger als zehn
Euro für die Tour bezahlt und rein technisch gesehen genau das bekommen, wofür
ich bezahlt habe. So schaffe ich es versöhnlich mit diesem Bias klarzukommen
und die Führung dennoch zu genießen.
Schon spannend, was die Leute hier auf die Beine
gestellt haben.
Das Gebäude ist eine alte Bäckerei und bot somit
bereits ein paar Gerätschaften, die z.B. zum Mahlen der gemälzten Gerste auch
heute noch genutzt werden können.
Die Brennblase wurde irgendwo in Osteuropa
ersteigert und sei, sofern ich es richtig verstanden habe, angeblich vor über
dreißig Jahren in der DDR gefertigt worden. Was genau darauf gebrannt wurde,
entzieht sich leider der Kenntnis des Guides. Die Vorstellung von einem
auf einer echten Pot-Still gebrannten Sliwowitz wäre sehr interessant.
Die gemälzte Gerste wird aus Schottland importiert
und das Wasser kommt aus Tel-Aviv.
Ansonsten unterscheiden sich die verschiedenen
Prozesse kaum von einer schottischen Destille, nur, dass hier bis zur finalen
Abfüllung in die Flasche alle Arbeitsprozesse vor Ort stattfinden und es vor
Allem keinen sogenannten „Spiritsafe“ gibt.
Der Spiritsafe ist ein abgeschlossenes Zählwerk,
durch den der Rohbrand fließt und für den nur der Zollbeamte einen Schlüssel
hat. Dadurch sollen Manipulationen bezüglich der hergestellten Alkoholmenge
vermieden und die Alkoholsteuer genau festgelegt werden. Da es in Israel keine
Tradition des Alkoholbrennens gibt, hat man sich offensichtlich auch noch nicht
mit der Möglichkeit der Branntweinsteuer auseinandergesetzt. Somit läuft der
Rohbrand ohne jegliche staatliche Kontrolle in große und offene Metalltanks.
Dieser Fakt dürfte sicherlich bei Investoren für
offene Ohren gesorgt haben; ergibt sich doch so eine feine Möglichkeit die Marge
zu erhöhen.
Das große Alleinstellungsmerkmal ist allerdings,
dass der Whisky koscher ist. Das bedeutet, dass man mit den Lieferanten der
Gerste und einem Rabbi abgeklärt habe, dass diese – obwohl vermutlich auch
freitags geerntet – abgesegnet sei und man in der Destille am Shabbat nicht
arbeitet.
Ansonsten stellt man auf einer kleineren Brennblase
noch Gin her. Dieses ist bei vielen neu gegründeten unabhängigen
Whiskydestillen gängiges Mittel um einen gewissen Cashflow von der Eröffnung an
zu garantieren, da bei Whisky das erste verkaufsfertige Produkt ja frühestens
nach drei Jahren verfügbar ist und dennoch Gehälter, Rohstoffe, Investitionen,
Abschreibungen etc. finanziert werden müssen, um den Betreib aufrecht zu erhalten.
Ich mache einige Photos der Anlage und nach
Besichtigung des Fasslagers geht es zurück in die Bar, wo ich vier verschiedene
Produkte probieren darf.
Wir starten mit dem sogenannten New-Make, dem
Rohbrand. Dieser wird, entgegen der schottischen Industrienorm, nicht mit 63,5% Vol in die
Fässer gefüllt, sondern mit satten 73%. Das habe mit dem hohen Verdunstungsgrad des Alkohols im warmen Klima zu tun.
Heute teste ich den auf 50% herunter verdünnten New-Make in seiner verkaufsfertigen Version. Die Attribute fruchtig, malzig und alkoholisch treffen den Charakters des Erzeugnisses wohl am Besten. Weiter geht es mit einem Gin, der mit soundso vielen Botanicals aromatisiert ist. Schmeckt ganz passabel und hat einen schön feurigen Abgang. Als nächstes kommt ein Eichenfass-gelagerter Gin, der den Charakter des weißen Gins um dezente Eichen- und Vanillekomponenten ergänzt.
Heute teste ich den auf 50% herunter verdünnten New-Make in seiner verkaufsfertigen Version. Die Attribute fruchtig, malzig und alkoholisch treffen den Charakters des Erzeugnisses wohl am Besten. Weiter geht es mit einem Gin, der mit soundso vielen Botanicals aromatisiert ist. Schmeckt ganz passabel und hat einen schön feurigen Abgang. Als nächstes kommt ein Eichenfass-gelagerter Gin, der den Charakter des weißen Gins um dezente Eichen- und Vanillekomponenten ergänzt.
Als letztes gibt es dann keinen Whisky.
Richtig, keinen Whisky.
Da
man erst 2015 offiziell mit dem Brennen begonnen hat, sind die ersten drei
Jahre lang gereiften Fässer leider den jeweiligen Eignern, die durch ihre
Investitionen zu Beginn des Betriebs Geld in die Kassen gespült haben,
vorbehalten, sowie einigen exklusiven Sonderabfüllungen. Somit muss ich mit
einem knapp dreijährigen Fast-Whisky mit 46% Vol Vorlieb nehmen, was aber nicht
weiter dramatisch ist, weil es zu den Vorzügen der südlicheren Breitengrade der
nördlichen Hemisphäre gehört, dass der Whisky im wärmeren Klima schneller reift
und somit nicht allzu jugendlich und metallisch schmeckt. Das süffige Produkt reifte dreifach in einem
ehemaligen Rotwein-, einem ehemaligen Bourbon- und einem ehemaligen Fass von
der berüchtigten Whiskyinsel Islay und hinterlässt sensorisch einen guten
Eindruck. Die Nase ist fruchtig, malzig und süß, was auch auf der Zunge seine
Bestätigung findet. Leicht beschwingt, mit einem seidigen Abgang von Schokolade
am Gaumen, verabschiede ich mich und breche auf zu meinem vorerst nächsten Ziel;
dem ehemals größten und sich weiterhin in regem Betrieb befindlichen Busbahnhof
der Welt.














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