Donnerstag, 20. Dezember 2018

ISRAEL 2018 - Tag 1, Teil VII

Bereits in der Einleitung bin ich auf Henryk M. Broder zu sprechen zu kommen und seine Art gewisse Dinge klar zu benennen. Ich bin mir nicht sicher, ob der folgende Satz ihm zuzuschreiben ist, oder er ihn in abgewandelter Form von Margarete Mitscherlich "übernommen" hat.
Jedoch hat er nachhaltig Eindruck bei mir hinterlassen und ich wollte ihn Reha und Ofir nicht vorenthalten.
Um unserem Gespräch also noch eine gewisse Würze und mir den Anschein eines smarten Psychoanalytikers zu geben gebe ich: "The germans hate the Jews because they let kill themselves by the Germans" von mir.
Reha klatscht abrupt in die welken Hände, macht Anstalten aufzuspringen, was ihr jedoch entweder nicht gelingt, oder sie schlauerweise noch rechtzeitig sein lässt und ruft laut aus:
"He is a Genius! He is a Genius! Please repeat what you said. You are a Genius!"
Wow! Das habe ich so nun nicht erwartet.
Da es nicht so mein Ding ist, mich mit fremden Feder zu schmücken, schiebe ich die vermeintliche  Quelle meines wortgewordenen Opus Deis hinterher, was aber - ganz Trump-like (von wegen erstmal in der Welt...) - niemand mehr mitbekommt.
Reha hat endlich offensichtlich mein Wesen erkannt und spricht aus, was ich schon immer wusste ;)
Ok, zurück auf den Boden.
Wir drehen und wenden die Aussage noch mehrmals. Ich verweise nochmal auf den vermeintlichen Autor, was weiterhin bedeutungslos zu sein scheint. Offensichtlich habe ich bei Reha einen Nerv getroffen, denn plötzlich fragt sie mich über meine beiden Töchter aus und will mir unbedingt etwas für die beiden mitgeben.
Umständlich kramt sie plötzlich zwischen ihren mächtigen Busen rum und holt plötzlich eine zugeschwitzte Umhängetasche hervor. Nach etwa einer Minute rumkramen, in denen ich nicht genau sagen kann, wie mir geschieht, holt sie acht 50Pence-Münzen hervor und drückt mir das lauwarme Metall in die Hände. Die solle ich den beiden geben. Und sie hätte noch etwas für mich.
"Please get my Bag. Its the big black one. Its in my room". Damit meint sie wohl das andere Schlafzimmer. Ein Glück, nicht dass sie nach dieser etwas übergriffigen Situation nachts zum Silbernacken wird.
Irgendein Gefühlszustand zwischen Missmut, Neugierde und dem Nachgeben bezüglich ihrer Beharrlichkeit lässt mich aufstehen und ihren unschwer zu erkennenden schwarzen, etwa 21KG schweren Koffer in die Wohnküche wuchten.
In kindlichem Eifer fummelt und nestelt sie in einer Seitentasche herum und zaubert tatsächlich zwei kleine, etwa 50cm lange Amerika-Fähnchen hervor. Die solle ich meinen Töchtern geben.
"They will love it!".
America fuck yeah!
Die Situation wirkt so grotesk auf mich, dass ich mich tatsächlich geschmeichelt fühle und um Worte ringe. Ich belasse es dann aber bei einem braven "Thank you".
Jetzt bloß keine Untertänigkeit zeigen. Nicht, dass sich die Rollenverteilung nochmals wendet.
Daraufhin drängt sie mir die Telefonnummer ihres Sohnes auf. "You must to get to know him!" Und dann befehlsmäßiger:
"Call him now!"
Ich gucke bedeppert. Will die wirklich, dass ich ihren kleinen belockten Fratz jetzt anrufe? Was soll das denn bitteschön kosten? Von Israel in die USA. Hat sie geschickt angeleiert. Billige Wahlkampfüberreste gegen teure Telefongebühren eingetauscht.
Wobei, gibt es da nicht diese Israel - Ostküstenconnection? Wird schon nicht so teuer werden.
Reha durchbricht meine Verschwörungstheoriegedanken und setzt erneut an, diesmal allerdings eindringlicher: "Call him now!" und fügt beinahe flehend hinten an: "Please!"
"Ooookay...?!" entfährt es mir.
Wir befinden uns in einem für mich unangenehmen Zustand der Ambivalenz, in der die eine Partei geschickt ihren taktischen, aus Überrumpelung entstandenen Vorsprung ausnutzt und sich die Unschlüssigkeit, den sich nicht auszusprechen trauenden Unwillen der anderen Partei zu Nutze macht. Hab ich doch gesagt, die Frau hat was pathologisches an sich.
Das Blatt der Dominanz scheint sich also wieder zu wenden. Verdammt!
Das Leben ist eben ein eiziges Gezerre um Deutungshoheiten und Macht. Und wir Menschen die Summe unserer Unzulänglichkeiten.
Deswegen jetzt Manipulation: Ich tue nur so, als wenn ich anrufen würde. Ich tue so, als ob ich das Tuten abwarte. Mit gespielter Enttäuschung gucke ich Reha an: "...Guess he is not available"
Was für ein dämliches Affentheater. Dafür gibt die Alte endlich Ruhe.
Glücklicherweise geht jetzt die Tür des Apartements auf und Till kommt herein. Sehe ich da ein glänzen in Rehas Augen? Frischfleisch!
Diese Chance muss ich nutzen. Ich strecke mich, gähne demonstartiv und biete dem leicht Angetrunkenen scheinheilig meinen Platz an, den er bereitwillig annimmt.
Brav verabschiede ich mich, wanke ins Badezimmer und besteige dann das Hochbett und versuche zu den mannigfaltigen Schnarchklängen der Mitschläfer ein wenig Ruhe zu finden.
Mein erster Tag in Israel findet mit angesabberten Klopapierstückchen im Ohr und in einen dünnen Bettbezug gehüllt sein Ende.



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