Um von der Destille bis zum Busbahnhof zu gelangen
muss ich knapp drei Kilometer laufen. Dieser heißt im Original „HaTahana
HaMerkazit HaHadasa“. Ich beschränke mich im Weiteren auf das deutsche Akronym
„ZOB“.
In maximal einer halben Stunde will ich da sein.
Vielleicht habt ihr bereits bemerkt, dass sich mein
Leben oftmals in Zeiten und Entfernungen abspielt. Nun kommt noch eine dritte
Maßeinheit dazu:
Blutalkoholkonzentration.
Obwohl ich nur maximal 5cl Hochprozentiges
getrunken habe, merke ich einen leichten Schwindel. Das fühlt sich nicht
unangenehm an, ist aber etwas fehl am Platz, da ich mir einen derartigen
Zustand um 12:30 mittags normalerweise verbitte.
Zum Protestanten in mir gesellt sich einmal mehr
der Ernst Jünger und ich kämpfe mich zielstrebig durch alle Widrigkeiten des
Verkehrs um den Bus nach Jerusalem zu erreichen. Dieser fährt zwar alle dreißig
Minuten, doch wozu Zeit verschwenden?
Nichts nervt mich mehr, als die Option womöglich
den nächsten Bus zu verpassen und eine bleierne halbe Stunde voller
Selbstvorwürfe vertreiben zu müssen.
Wahrscheinlich ist es besser, dass ich alleine
unterwegs bin. Wer würde es mit mir schon aushalten.
Mit dem Stadtbus zu fahren kommt für mich übrigens
nicht in Frage, da ich mir vorgenommen habe möglichst viel von der Stadt zu
sehen, zu atmen und zu fühlen. Das geht im Bus mitnichten besser als
zu Fuß.
Der diätbewusste Anteil meines Ichs hat dabei
ständig im Hinterkopf die vorhin aufgenommenen Kalorien zu verbrennen und dem ewigen
Versuch der Reduzierung meines kleinen Bäuchleins Vorschub zu leisten.
Ob es mein Eiltempo ist, oder die Nachwehen des
frühmorgendlichen Alkoholexzesses vermag ich nicht zu deuten, jedenfalls
verpasse ich den ZOB und checke erst an einem dreckigen Nebeneingang, dass
dieser hässliche Betonklotz mein vorläufiges Ziel darstellt.
Um in diesen Koloss hinein zu gelangen muss ich
einen engen Eingang passieren an dessen Anfang ich meine erste richtige
Kontrolle mit Security-Check außerhalb des Flughafens erlebe. Der Wachhabende
sieht aus wie ein x-beliebiger Typ mit Wampe, Zivilkleidung und
Maschinenpistole. Dazu gibt es einen obligatorischen Gepäck- und Körperscanner.
So weit, so normal.
Der Dude spricht mich ohne Begrüßung auf Englisch
an:
„Do you carry a gun?“
Hoppala, jetzt aber mal langsam.
So langsam dämmert mir, dass ich mich auf dieser Reise
noch öfter überrumpelt fühlen werde durch das direkte Vorgehen der Menschen.
Mal wieder Pragmatismus in Reinkultur.
Ich antworte: „Not even a knife“ und wuchte meinen
Rucksack und die Brusttasche auf das Laufband.
Antwort, Inhalt des Rucksacks und der Brusttasche,
sowie mein Körper scheinen tadellos zu sein und der Sicherheitsmensch
verabschiedet mich mit einem Lächeln.
Nun befinde ich mich zwar im ZOB, scheine aber noch
sehr weit vom eigentlichen Abfahrtsgeschehen entfernt zu sein, denn um mich
herum herrscht eine feuchtkalte, nach Schimmel und Urin stinkende Atmosphäre.
Ich befinde mich nicht im Herzen der verschiedenen Terminals sondern in einem
Niemandsland aus Treppenaufgängen und leerstehenden kleinen Nischen, die in
besseren Zeiten wohl mal Geschäfte beherbergten. Vereinzelt laufen Menschen
zielstrebig an mir vorbei und die Treppen hinauf.
Ich entscheide mich für die beste aller Optionen
und folge mit einigem Abstand einer älteren Dame. Nicht, dass die sich noch
verfolgt fühlt und eine Szene macht. Bald entdecke ich an
der dreckigen, orangeroten Wand ein Schild mit Hebräischen Zeichen und einem
Pfeil nach oben. Ich winde mich das enge Treppenhaus hinauf, gehe zwischendurch
auf einer komischen öffentlichen Toilette pinkeln und finde mich endlich in
einer großen Halle mit weiteren, diesmal aber offenen Treppenhäusern wieder.
Hier sieht es aus wie auf dem Polenmarkt. Billige
Klamotten, Nippes und Zigaretten werden an diversen Ständen feilgeboten. Aber
nirgends steht ein Schild mit dem vertrauten Wort „Departures“.
Ich frage einen sportlichen Typen, der mich noch
weiter nach oben zur Plattform 6 verweist. Dort angekommen muss ich noch den
richtigen Terminal finden. Diesmal frage ich in einer kleinen Kabine, die
leicht erhöht den Eindruck offizieller und belastbarer Auskünfte erweckt und
werde da von einem freundlichen älteren Herren zur Nummer 603 geschickt.
„You can buy a ticket from the Driver!“
Endlich entdecke ich das Schild 603, auf dem auch
die Busnummer 403 nach Jerusalem prangt.
Der Bus steht bereits am Terminal und eine kleine
Schlange an Menschen drängt sich an den weit geöffneten Gepäckklappen. Ich gehe
durch die Tür nach draußen zum Bus.
Was sich bereits im Wartebereich angekündigt hat
trifft mich nun olfaktorisch in voller Bandbreite. Benzingerüche,
Gummi, Teer, Staub. Ein herrliches Amalgam urbanisierter Hochkultur.
Mit Blick auf den Busparkplatz wird mir die Größe
des ZOBs gewahr. Ein riesiges Ungetüm, das man mal sieben multiplizieren muss,
da es eben so viele Ebenen gibt. Sicherlich nicht alle in den entsprechenden
Ausmaßen, aber doch allemal größer als der dagegen belanglos wirkende Berliner
Busbahnhof am Messegelände.
Ich atme tief durch, nehme den Rucksack ab und lege
ihn ebenfalls in den Bauch des Vehikels, reihe mich an der Schlange vor der
Eingangstür ein und entrichte läppische 16 NIS, die im Preisleistungsverhältnis
in keinerlei Relation zu den Preisen im Supermarkt von heute morgen stehen.
Noch einmal im Klartext für alle Nutzer
öffentlicher Verkehrsmittel in Deutschland: 16 Nis, das sind nicht mal vier
Euro!
Zwar ist die Strecke von Tel Aviv nach Jerusalem
mit einer knappen Stunde Fahrzeit und etwa 70km Entfernung relativ kurz, aber
dennoch empfinde ich den Preis unschlagbar günstig, vor allem, weil er
keinerlei Vorbuchung bedarf.
Die Busse sind mit blau bezogenen Sitzen
ausgestattet und von der Kategorie Extraweich. Der Bus ist nur halbvoll, so dass ich bequem im hinteren Teil an einem Fenster Platz nehmen kann.
Im Bus ist eine
bunte Mischung aus Touristen und Einheimischen. Die Einheimischen haben sowohl
jüdisches, wie auch arabisches und afrikanisches Aussehen, sofern man das hier
überhaupt differenzieren kann. Die Touris kommen aus den üblichen westlichen
Ländern. Deutschland mit eingenommen.
Der Busfahrer brabbelt irgendwas ins Mikrofon und
schon geht es los. Nach einigem hin und her und Manövrieren im Rückwärtsgang mit dem
vorwärts eingeparkten Bus geht es los. Ein kleiner Busstau vor der letzten Schranke
ermöglicht einen Panoramablick aus dem siebten Stock über Tel Aviv. Dann fahren wir eine breite Ausfahrt hinab auf die Lenvisky-Road, die Autobahn 2 und
schließlich auf die Autobahn 1 nach Jerusalem.
Die Strecke ist vom Verlauf her genau gleich wie
die Zugstrecke, die ich bereits auf dem Hinweg vom Flughafen aus genommen habe.
Da die Autobahn aber höher als die Trasse liegt, erlaubt sie eine bessere
Aussicht auf die Umgebung.
Am talgig und fettig verschmierten Fenster zieht
Tel Aviv vorbei. Ähnlich wie das Glas hat auch der den Ausfallstraßen
zugewandte Teil der Stadt lange keine Säuberung mehr erfahren. Überall liegt
Unrat herum.
Die Gebäude sind hauptsächlich weiß, grau und beige,
allesamt mit Kabelsalat und ausladenden Klimaanlagen. Wen wundert es, liegt Tel
Aviv doch auf dem 32 Breitengrad Nord und somit in einer äußerst warmen und
trockenen Gegend. Wie bereits beim Anflug bemerkt, besteht die Gegend um Tel
Aviv hauptsächlich aus braunen und beigen Landflecken, die von großen weiß-gelben
Siedlungen, Straßen und kultivierte Grünflächen zerfurcht werden.
Topographisch ist das unmittelbare Umland Tel
Avivs, der Gusch Dan, erstaunlich flach. Die einzigen nennenswerten Erhöhungen
sind die unzähligen Satellitenstädte mit ihren unzähligen Plattenbauten. Wie
Stalagmiten erwachsen sie brachial in die Höhe und zeugen von einer rasanten
Besiedlungswut, die in der sandigen Umgebung und der sie urbar machenden
Doktrin einen perfekten Nährraum zu finden scheinen.
Ich beschließe, dass ich mir eine dieser Trabanten
näher ansehen muss und die Stimmung dort erleben möchte. Da ich die letzten
drei Tage meiner Reise noch nicht verplant habe, werde ich gegebenenfalls einen
Tag in einer Stadt im Gusch Dan verbringen.
Ich bin in einem kleinen, idyllischen Dorf nahe der
Schleswig-Holsteinischen Ostsee aufgewachsen und als ich frisch nach Berlin
gezogen bin, hat mich die Fremdartigkeit der Ostberliner Plattenbauten bei
unzähligen Fahrradtouren durch Marzahn, Hohenschönhausen und Hellersdorf mit
einer morbiden Faszination und einem diffusen Gefühl der Schwermut und
Anziehungskraft erfüllt.
Was einst meinem naiven Ich als hässliche
Menschenverwahranstalten vorkam, musste mit der Zeit und durch das Kennenlernen
von Menschen Erfahrungen der Einsicht weichen, dass auch hier ganz normale
Leute wohnen. Wahrscheinlich erklären sich dadurch auch die widersprüchlichen
Gefühle, die ich damals hegte und mangels Empathie auch für mich selbst nicht
zu deuten wusste.
Wir passieren linkerhand den Ben Gurion Airport und
auf der rechten Seite schließt sich mit der Stadt Lod ein weiteres Betonungetüm
an.
Daneben steht eine riesige Betonfabrik.
Betonfabriken empfinde ich stets als optische Anmaßung Sondergleichen. Wer
schon mal an der Costa del Sol in Spanien war, weiß eventuell was ich meine. In
ihrer plumpen Unfigürlichkeit wirken sie auf mich wie die materialisierte
Hybris einer in Israel seit langer Zeit erwarteten Immobilienkrise.
Passend dazu sind unheimlich viele Sattelschlepper
mit Baugerät auf der Autobahn unterwegs. Der Busfahrer gibt mächtig Gas und die
Brummies ziehen unentwegt auf der rechten Seite vorbei.
Hinter Lod geht es langsam aufwärts und die
Vegetation verändert sich deutlich.
Bestimmte vorhin karge Erde die Szenerie, sind
plötzlich bestellte Äcker und erntende Landwirte zu sehen. Trecker, Mähdrescher
und Anhänger. Fast so wir in meiner Heimat Angeln. Nur dass dort seit
Jahrtausenden das Land bestellt wird und hier der Ackerbau vielleicht erst etwas
mehr als hundert Jahre Tradition hat und dem Land die Urbarmachung abgerungen
wird, wie auch dem Staate insgesamt.
Dann kommt auf einmal Wald. Grüner Mischwald. Dann
wieder zerklüfteter, aber bergiger Boden, gefolgt von Nadelwald.
Es wird etwas kurviger, karger und zunehmend bergig.
Die Besiedelung ist nur noch sporadisch. Wenn aber, dann scheinen die Orte von
oben auf einen herab zu blicken. Wie kleine Festungen.
Der Bus bahnt sich weiter den Weg gen Osten und die
Besiedlung wird wieder dichter. Am Horizont lässt sich bereits die Silhouette
einer Großstadt erkennen. Auch hier Wolkenkratzer, aber bei weitem nicht so
viele wie in Tel Aviv. Aber ebenso viele Neubauten, jedoch in völlig anderer
Bauweise. Die haben eher etwas Neoklassizistisches an sich, soweit ich das
überhaupt beurteilen kann.
Das muss wohl Jerusalem sein; würde jedenfalls von
der Fahrtzeit her hinhauen.
Erst jetzt bemerke ich, dass es im Bus freies WLAN
gibt. Zwar benötige ich dieses nicht, da ich auch per GPS meinen Standort
bestimmen könnte, aber eine schnellere Peilung per Internet bestätigt meine
Vermutung.
So sieht also Jerusalem aus? Ein bisschen
enttäuscht bin ich schon. Hatte ich mir doch eine uralte Stadt ausgemalt. Doch
alles was ich sehe sind wieder nur eintönige weiß-gelbe Neubauten, allerdings
viel zersiedelter, als der Ballungsraum an der Mittelmeerküste. Hier machen die
unzähligen Hügel einer flächendeckenden Bebauung einen Strich durch die
Rechnung.
Schon wieder eine dieser touristischen
Fehlannahmen. Ist doch klar, dass auch Berlin aus weit mehr, als dem
Brandenburger Tor, der Siegessäule und der Berliner Mauer besteht. Von daher
nur logisch, dass auch Jerusalems Altstadt sich eine Peripherie erlauben darf.
Auffällig ist ebenso, dass kaum Menschen auf der
Straße zu sehen sind. Die wenigen, die ich sehe, sind fast ausnahmslos
orthodoxe Juden mit Löckchen und Schulkinder in einer Art uniformierter
Gleichheit. Sonst herrscht ziemliche tote Hose in dieser ach so bedeutenden
Stadt.
Vielleicht arbeitet aber der normale Teil der
Bevölkerung einfach, während sich die Touristen ausnahmslos auf die Altstadt
konzentrieren und die von Sozialhilfe lebenden Orthodoxen sich wohl einfach
kurz eine Pause vom Thorastudium und Kindermachen nehmen und hier vereinzelt
herumwieseln.
Diesen Fragen werde ich vorerst nur ungenügend nachkommen
können, da ich heute lediglich einen Umsteigestopp in Jerusalem geplant habe
und in einer guten Stunde den Anschlussbus nach Ein Gedi nehmen möchte.







Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen