Sonntag, 30. Dezember 2018

ISRAEL 2018 - Tag 2, Teil III


Um von der Destille bis zum Busbahnhof zu gelangen muss ich knapp drei Kilometer laufen. Dieser heißt im Original „HaTahana HaMerkazit HaHadasa“. Ich beschränke mich im Weiteren auf das deutsche Akronym „ZOB“.
In maximal einer halben Stunde will ich da sein.
Vielleicht habt ihr bereits bemerkt, dass sich mein Leben oftmals in Zeiten und Entfernungen abspielt. Nun kommt noch eine dritte Maßeinheit dazu:
Blutalkoholkonzentration.
Obwohl ich nur maximal 5cl Hochprozentiges getrunken habe, merke ich einen leichten Schwindel. Das fühlt sich nicht unangenehm an, ist aber etwas fehl am Platz, da ich mir einen derartigen Zustand um 12:30 mittags normalerweise verbitte.
Zum Protestanten in mir gesellt sich einmal mehr der Ernst Jünger und ich kämpfe mich zielstrebig durch alle Widrigkeiten des Verkehrs um den Bus nach Jerusalem zu erreichen. Dieser fährt zwar alle dreißig Minuten, doch wozu Zeit verschwenden?
Nichts nervt mich mehr, als die Option womöglich den nächsten Bus zu verpassen und eine bleierne halbe Stunde voller Selbstvorwürfe vertreiben zu müssen.
Wahrscheinlich ist es besser, dass ich alleine unterwegs bin. Wer würde es mit mir schon aushalten.
Mit dem Stadtbus zu fahren kommt für mich übrigens nicht in Frage, da ich mir vorgenommen habe möglichst viel von der Stadt zu sehen, zu atmen und zu fühlen. Das geht im Bus mitnichten besser als zu Fuß.
Der diätbewusste Anteil meines Ichs hat dabei ständig im Hinterkopf die vorhin aufgenommenen Kalorien zu verbrennen und dem ewigen Versuch der Reduzierung meines kleinen Bäuchleins Vorschub zu leisten.
Ob es mein Eiltempo ist, oder die Nachwehen des frühmorgendlichen Alkoholexzesses vermag ich nicht zu deuten, jedenfalls verpasse ich den ZOB und checke erst an einem dreckigen Nebeneingang, dass dieser hässliche Betonklotz mein vorläufiges Ziel darstellt.
Um in diesen Koloss hinein zu gelangen muss ich einen engen Eingang passieren an dessen Anfang ich meine erste richtige Kontrolle mit Security-Check außerhalb des Flughafens erlebe. Der Wachhabende sieht aus wie ein x-beliebiger Typ mit Wampe, Zivilkleidung und Maschinenpistole. Dazu gibt es einen obligatorischen Gepäck- und Körperscanner. So weit, so normal.
Der Dude spricht mich ohne Begrüßung auf Englisch an:
„Do you carry a gun?“
Hoppala, jetzt aber mal langsam.
So langsam dämmert mir, dass ich mich auf dieser Reise noch öfter überrumpelt fühlen werde durch das direkte Vorgehen der Menschen. Mal wieder Pragmatismus in Reinkultur.
Ich antworte: „Not even a knife“ und wuchte meinen Rucksack und die Brusttasche auf das Laufband.
Antwort, Inhalt des Rucksacks und der Brusttasche, sowie mein Körper scheinen tadellos zu sein und der Sicherheitsmensch verabschiedet mich mit einem Lächeln.
Nun befinde ich mich zwar im ZOB, scheine aber noch sehr weit vom eigentlichen Abfahrtsgeschehen entfernt zu sein, denn um mich herum herrscht eine feuchtkalte, nach Schimmel und Urin stinkende Atmosphäre. Ich befinde mich nicht im Herzen der verschiedenen Terminals sondern in einem Niemandsland aus Treppenaufgängen und leerstehenden kleinen Nischen, die in besseren Zeiten wohl mal Geschäfte beherbergten. Vereinzelt laufen Menschen zielstrebig an mir vorbei und die Treppen hinauf.
Ich entscheide mich für die beste aller Optionen und folge mit einigem Abstand einer älteren Dame. Nicht, dass die sich noch verfolgt fühlt und eine Szene macht.                                        Bald entdecke ich an der dreckigen, orangeroten Wand ein Schild mit Hebräischen Zeichen und einem Pfeil nach oben. Ich winde mich das enge Treppenhaus hinauf, gehe zwischendurch auf einer komischen öffentlichen Toilette pinkeln und finde mich endlich in einer großen Halle mit weiteren, diesmal aber offenen Treppenhäusern wieder.
Hier sieht es aus wie auf dem Polenmarkt. Billige Klamotten, Nippes und Zigaretten werden an diversen Ständen feilgeboten. Aber nirgends steht ein Schild mit dem vertrauten Wort „Departures“.
Ich frage einen sportlichen Typen, der mich noch weiter nach oben zur Plattform 6 verweist. Dort angekommen muss ich noch den richtigen Terminal finden. Diesmal frage ich in einer kleinen Kabine, die leicht erhöht den Eindruck offizieller und belastbarer Auskünfte erweckt und werde da von einem freundlichen älteren Herren zur Nummer 603 geschickt.
„You can buy a ticket from the Driver!“
Endlich entdecke ich das Schild 603, auf dem auch die Busnummer 403 nach Jerusalem prangt.
Der Bus steht bereits am Terminal und eine kleine Schlange an Menschen drängt sich an den weit geöffneten Gepäckklappen. Ich gehe durch die Tür nach draußen zum Bus.
Was sich bereits im Wartebereich angekündigt hat trifft mich nun olfaktorisch in voller Bandbreite. Benzingerüche, Gummi, Teer, Staub. Ein herrliches Amalgam urbanisierter Hochkultur.
Mit Blick auf den Busparkplatz wird mir die Größe des ZOBs gewahr. Ein riesiges Ungetüm, das man mal sieben multiplizieren muss, da es eben so viele Ebenen gibt. Sicherlich nicht alle in den entsprechenden Ausmaßen, aber doch allemal größer als der dagegen belanglos wirkende Berliner Busbahnhof am Messegelände.
Ich atme tief durch, nehme den Rucksack ab und lege ihn ebenfalls in den Bauch des Vehikels, reihe mich an der Schlange vor der Eingangstür ein und entrichte läppische 16 NIS, die im Preisleistungsverhältnis in keinerlei Relation zu den Preisen im Supermarkt von heute morgen stehen.
Noch einmal im Klartext für alle Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel in Deutschland: 16 Nis, das sind nicht mal vier Euro!
Zwar ist die Strecke von Tel Aviv nach Jerusalem mit einer knappen Stunde Fahrzeit und etwa 70km Entfernung relativ kurz, aber dennoch empfinde ich den Preis unschlagbar günstig, vor allem, weil er keinerlei Vorbuchung bedarf.
Die Busse sind mit blau bezogenen Sitzen ausgestattet und von der Kategorie Extraweich. Der Bus ist nur halbvoll, so dass ich bequem im hinteren Teil an einem Fenster Platz nehmen kann. Im Bus ist eine bunte Mischung aus Touristen und Einheimischen. Die Einheimischen haben sowohl jüdisches, wie auch arabisches und afrikanisches Aussehen, sofern man das hier überhaupt differenzieren kann. Die Touris kommen aus den üblichen westlichen Ländern. Deutschland mit eingenommen.
Der Busfahrer brabbelt irgendwas ins Mikrofon und schon geht es los. Nach einigem hin und her und Manövrieren im Rückwärtsgang mit dem vorwärts eingeparkten Bus geht es los. Ein kleiner Busstau vor der letzten Schranke ermöglicht einen Panoramablick aus dem siebten Stock über Tel Aviv. Dann fahren wir eine breite Ausfahrt hinab auf die Lenvisky-Road, die Autobahn 2 und schließlich auf die Autobahn 1 nach Jerusalem.
Die Strecke ist vom Verlauf her genau gleich wie die Zugstrecke, die ich bereits auf dem Hinweg vom Flughafen aus genommen habe. Da die Autobahn aber höher als die Trasse liegt, erlaubt sie eine bessere Aussicht auf die Umgebung.
Am talgig und fettig verschmierten Fenster zieht Tel Aviv vorbei. Ähnlich wie das Glas hat auch der den Ausfallstraßen zugewandte Teil der Stadt lange keine Säuberung mehr erfahren. Überall liegt Unrat herum.
Die Gebäude sind hauptsächlich weiß, grau und beige, allesamt mit Kabelsalat und ausladenden Klimaanlagen. Wen wundert es, liegt Tel Aviv doch auf dem 32 Breitengrad Nord und somit in einer äußerst warmen und trockenen Gegend. Wie bereits beim Anflug bemerkt, besteht die Gegend um Tel Aviv hauptsächlich aus braunen und beigen Landflecken, die von großen weiß-gelben Siedlungen, Straßen und kultivierte Grünflächen zerfurcht werden.
Topographisch ist das unmittelbare Umland Tel Avivs, der Gusch Dan, erstaunlich flach. Die einzigen nennenswerten Erhöhungen sind die unzähligen Satellitenstädte mit ihren unzähligen Plattenbauten. Wie Stalagmiten erwachsen sie brachial in die Höhe und zeugen von einer rasanten Besiedlungswut, die in der sandigen Umgebung und der sie urbar machenden Doktrin einen perfekten Nährraum zu finden scheinen.
Ich beschließe, dass ich mir eine dieser Trabanten näher ansehen muss und die Stimmung dort erleben möchte. Da ich die letzten drei Tage meiner Reise noch nicht verplant habe, werde ich gegebenenfalls einen Tag in einer Stadt im Gusch Dan verbringen.
Ich bin in einem kleinen, idyllischen Dorf nahe der Schleswig-Holsteinischen Ostsee aufgewachsen und als ich frisch nach Berlin gezogen bin, hat mich die Fremdartigkeit der Ostberliner Plattenbauten bei unzähligen Fahrradtouren durch Marzahn, Hohenschönhausen und Hellersdorf mit einer morbiden Faszination und einem diffusen Gefühl der Schwermut und Anziehungskraft erfüllt.
Was einst meinem naiven Ich als hässliche Menschenverwahranstalten vorkam, musste mit der Zeit und durch das Kennenlernen von Menschen Erfahrungen der Einsicht weichen, dass auch hier ganz normale Leute wohnen. Wahrscheinlich erklären sich dadurch auch die widersprüchlichen Gefühle, die ich damals hegte und mangels Empathie auch für mich selbst nicht zu deuten wusste.
Wir passieren linkerhand den Ben Gurion Airport und auf der rechten Seite schließt sich mit der Stadt Lod ein weiteres Betonungetüm an.
Daneben steht eine riesige Betonfabrik. Betonfabriken empfinde ich stets als optische Anmaßung Sondergleichen. Wer schon mal an der Costa del Sol in Spanien war, weiß eventuell was ich meine. In ihrer plumpen Unfigürlichkeit wirken sie auf mich wie die materialisierte Hybris einer in Israel seit langer Zeit erwarteten Immobilienkrise.
Passend dazu sind unheimlich viele Sattelschlepper mit Baugerät auf der Autobahn unterwegs. Der Busfahrer gibt mächtig Gas und die Brummies ziehen unentwegt auf der rechten Seite vorbei.
Hinter Lod geht es langsam aufwärts und die Vegetation verändert sich deutlich.
Bestimmte vorhin karge Erde die Szenerie, sind plötzlich bestellte Äcker und erntende Landwirte zu sehen. Trecker, Mähdrescher und Anhänger. Fast so wir in meiner Heimat Angeln. Nur dass dort seit Jahrtausenden das Land bestellt wird und hier der Ackerbau vielleicht erst etwas mehr als hundert Jahre Tradition hat und dem Land die Urbarmachung abgerungen wird, wie auch dem Staate insgesamt.
Dann kommt auf einmal Wald. Grüner Mischwald. Dann wieder zerklüfteter, aber bergiger Boden, gefolgt von Nadelwald.
Es wird etwas kurviger, karger und zunehmend bergig. Die Besiedelung ist nur noch sporadisch. Wenn aber, dann scheinen die Orte von oben auf einen herab zu blicken. Wie kleine Festungen.
Der Bus bahnt sich weiter den Weg gen Osten und die Besiedlung wird wieder dichter. Am Horizont lässt sich bereits die Silhouette einer Großstadt erkennen. Auch hier Wolkenkratzer, aber bei weitem nicht so viele wie in Tel Aviv. Aber ebenso viele Neubauten, jedoch in völlig anderer Bauweise. Die haben eher etwas Neoklassizistisches an sich, soweit ich das überhaupt beurteilen kann.
Das muss wohl Jerusalem sein; würde jedenfalls von der Fahrtzeit her hinhauen.
Erst jetzt bemerke ich, dass es im Bus freies WLAN gibt. Zwar benötige ich dieses nicht, da ich auch per GPS meinen Standort bestimmen könnte, aber eine schnellere Peilung per Internet bestätigt meine Vermutung.
So sieht also Jerusalem aus? Ein bisschen enttäuscht bin ich schon. Hatte ich mir doch eine uralte Stadt ausgemalt. Doch alles was ich sehe sind wieder nur eintönige weiß-gelbe Neubauten, allerdings viel zersiedelter, als der Ballungsraum an der Mittelmeerküste. Hier machen die unzähligen Hügel einer flächendeckenden Bebauung einen Strich durch die Rechnung.
Schon wieder eine dieser touristischen Fehlannahmen. Ist doch klar, dass auch Berlin aus weit mehr, als dem Brandenburger Tor, der Siegessäule und der Berliner Mauer besteht. Von daher nur logisch, dass auch Jerusalems Altstadt sich eine Peripherie erlauben darf.
Auffällig ist ebenso, dass kaum Menschen auf der Straße zu sehen sind. Die wenigen, die ich sehe, sind fast ausnahmslos orthodoxe Juden mit Löckchen und Schulkinder in einer Art uniformierter Gleichheit. Sonst herrscht ziemliche tote Hose in dieser ach so bedeutenden Stadt.
Vielleicht arbeitet aber der normale Teil der Bevölkerung einfach, während sich die Touristen ausnahmslos auf die Altstadt konzentrieren und die von Sozialhilfe lebenden Orthodoxen sich wohl einfach kurz eine Pause vom Thorastudium und Kindermachen nehmen und hier vereinzelt herumwieseln.
Diesen Fragen werde ich vorerst nur ungenügend nachkommen können, da ich heute lediglich einen Umsteigestopp in Jerusalem geplant habe und in einer guten Stunde den Anschlussbus nach Ein Gedi nehmen möchte.
Schnaufend erreicht der Bus den Jerusalemer ZOB und fährt in dessen Eingeweide ein. Eine weitere Etappe des noch langen und ereignisreichen Tages ist geschafft.







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