Ofirs Apartement befindet sich etwa
auf Höhe der Strandabschnitte Frishman, Gordon und auch der
Schwulenstand Hilton ist nicht weit entfernt. La Mer... Da will ich hin!
Ich laufe die Ben
Yehuda Street etwa einhundert Meter nach Norden und biege dann in die
Sderot Street gen Westen ab. Diese verfügt über eine kleinen,
begehbaren Mittelstreifen, auf dem sich bereits badefreudiges
Klientel in die gleiche Richtung tummelt. Reiht man sich einmal in
diesen lebensfrohen Strom ein, wird man auch schon links und rechts
von joggenden Sportskanonen überholt. Bevor jedoch der Strand erreicht ist,
sieht man sich mit einem durchgehenden Betonbrutalismus aus dutzenden Hotels konfrontiert, der die Straßen von Tel-Aviv wie eine Mauer vom Strand trennt. Das wohl schönste Exemplar gilt es an dieser Stelle zu bezwingen.
In seiner
zweckmäßigen Hässlichkeit stelle ich mir die Frage, ob ich es hier
nicht eher mit einem überdimensionierten Wellenbrecher, denn einem
Hotel zu tun habe. So fehlt dem Carlton Hotel dann auch das Ritz im
Namen. Bezwingt man die Treppenstufen und den nicht weniger
hässlichen Vorplatz, wird man mit einer schönen Aussicht über die
nördlichen Abschnitte der 14km langen Strandpromenade Tel-Avivs
belohnt. Während hier oben der pragmatische Charme der 1970er Jahre
dominiert, herrscht 15m unter mir reges Treiben, dass auf die
Bedürfnisse einer urbanen, modernen Gesellschaft perfekt
zugeschnitten ist.
Unterstellt man den Stadtoberen in den
wasserabgewandten Straßen noch eine gewisse Nachlässigkeit in
Punkto Sauberkeit und Modernisierung, so ergibt sich hier ein
überraschend sauberes und fast schon ästhetisches Bild einer
Infrastruktur, die Funktionalität, Komfort und Interessen ihrer
Nutzer auf fast schon skandinavische Art und Weise miteinander zu
verbinden weiß. Die Strände sind weit und geräumig, dass Wasser
blau und rein, doch vor Allem die Ausstattung der jeweiligen
Abschnitte macht sie zu etwas Besonderem. Thematisch voneinander
getrennt liegen hier Spielplätze, Fitnessgeräte,
Beachvolleyballfelder, Liegestühle, bloßer Strand etc.
nebeneinander, jedoch in Harmonie miteinander verbunden und ergänzen sich zu
einem Eklektizismus purer Freizeitwonne.
Die Sonne steht noch am
Himmel und deutet bereits vage an in etwa einer Stunde genau gegenüber
zu versinken und dem Betrachter somit einen weiteren
verheißungsvollen Moment des Staunens zu bescheren.
Kein Wunder,
dass Sylt nicht an der Ostsee liegt.
Ich genieße die Aussicht für
einige Minuten und lasse den Geruch aus Salz, Serotonin und
Sonnenmilch auf mich wirken.
Blickt man nach Süden, Richtung Jaffa, wird
einem Gewahr, warum Israel auch als Hightech-Standort begriffen wird.
Die Skyline wirkt übermodern und stylisch.
Irgendwie geil hier jetzt
zu stehen, den warmen Wind und die Sonne auf der Haut zu spüren und
zu wissen, den Alltag für sieben Tage hinter mir lassen zu können.
Ich entscheide mich an den Strand zu gehen. Linkerhand führt die
Treppe zu einem größeren Platz, an dem sich Surfer für einen Ritt
bereit machen. Daneben duschen Rentner sich das Salzwasser von den
Körpern und fahren Kinder mit Inline-Skates und Skateboards herum.
Das Wasser brandet sanft, aber bestimmt an eine Mole und alles
lustwandelt und zerstreut sich im Takte einer diffusen Melodie, die nur
mediterrane Städte zu komponieren vermögen.
Beschwingt begebe auch
ich mich in den frohen Reigen und lasse mich treiben. Um mich herum
Menschen, viele Menschen. Doch auch hier ein Loblied auf die
Stadtplaner. Die Promenade lässt viel Platz und es kommt einem nicht
überfüllt vor. Zudem fühlt es sich recht natürlich an hier zu
sein, da eine gute Mischung aus Einheimischen und Touristen zu
bestehen scheint.
Besonders markiert ist ein Rad- und
E-Vehikelstreifen, auf dem unzählige Menschen mit Fahrrädern,
Inlinern und E-Rollern unterwegs sind. Die einen gemächlich, die
anderen im Affenzahn. Sogar E-Rollstuhlfahrer brettern in High-Speed
umher, als wenn sie nichts Weiteres zu verlieren hätten.
Zur
Wiederaufnahme der verbrannten Kalorien kann man sich in den
unzähligen Restaurants und Bars stärken, die aber meinem Geschmack
nach etwas zu geleckt, unpersönlich und steril daher kommen.
Alles schick hier, Tres chic.
Die Nah-Ost-Variante einer
skandinavischen Hauptstadt. Ähnlich die Klamotten und Stilmixe.
Anstatt
meinen Weg in südliche Richtung fortzusetzen, entscheide ich mich
für das Gegenteil. Im Norden soll der Strand erst zum Schwulenstrand
und dann zum Strand der Orthodoxen übergehen. Letzterer mit
Sichtschutz für sittsames Baden, ersterer dafür umso freizügiger.
Ich überlege, ob diese Nähe zueinander eher auf der Toleranz, die
der Stadt des Öfteren zugeschrieben wird, beruht, oder ob ihr eine
gewisse Ironie des Schicksals inne wohnt, die sich an der
Unterschiedlichkeit der jeweiligen Nutzer erfreut und in meiner
vorauseilenden Phantasie symptomatisch für ein Land voller
Gegensätze steht.
Die Antwort kennen wohl nur Jahwe und Dionysus.
Nach wenigen hundert Meter erreiche ich den
Schwulenstrand, an dem sich einige Paradiesvögel tummeln. Unmengen an gut aussehenden, einander abcheckenden Männern
mit ihren fein gestutzten Bärtchen und den frisch für den Urlaub
eingekauften "New-Balance-Sneakern".
Viel Haut und viel Gepose.
Ein paar der Jungs (oder sagt man Boyz?) sind mir bereits in Berlin am Flughafen in der Schlange hinter mir aufgefallen; mit ihrer nach edler Hautcreme duftenden, leicht frivolen Aura und den im Apollo gestählten Körpern. Nun stehen sie hier und tauschen abwechselnd mal harte, mal verstohlene Blicke des Abcheckens. Beneidenswert und Bemitleidenswert zugleich im Stolze ihrer hart erkämpften Freiheit und der gleichzeitigen Gezwungenheit der Regeln ihrer Subkultur.
Viel Haut und viel Gepose.
Ein paar der Jungs (oder sagt man Boyz?) sind mir bereits in Berlin am Flughafen in der Schlange hinter mir aufgefallen; mit ihrer nach edler Hautcreme duftenden, leicht frivolen Aura und den im Apollo gestählten Körpern. Nun stehen sie hier und tauschen abwechselnd mal harte, mal verstohlene Blicke des Abcheckens. Beneidenswert und Bemitleidenswert zugleich im Stolze ihrer hart erkämpften Freiheit und der gleichzeitigen Gezwungenheit der Regeln ihrer Subkultur.
Vorurteile?
Niemals!
Dafür
aber Ressentiments gegenüber Hundebesitzern. Kommt da doch
tatsächlich wieder einer dieser Paraphilen mit seiner Rennratte auf
mich zu. Die Töle sogar mit kleinem Laibchen und natürlich nicht
angeleint, dafür aber zwischen Allem und Jedem am rumwuseln. So auch
an meinen Beinen. Der Typ ist offensichtlich stockschwul und durch
das fortgeschrittene Alter, sowie die fehlende charakterliche Reife
des Kinderlosgebliebenen hoffnungslos in einer Endlosschleife des
„Dazugehörenwollens“ gefangen, was sich vor Allem an seiner
ab-so-lut unpassenden Garderobe feststellen lässt.
Skinny Jeans, zu enges Polohemd und aufgepimpte Turnschuhe der Marke „Balenciaga“. Ja, tatsächlich "Balenciaga"!
Sieht es so aus, das Camouflage der charakterlichen Unzulänglichkeiten?
Warum nicht einfach das klassische Blouson in hellbeige? Oder eine Multifunktionsweste mit dutzenden Taschen? Da würden dann auch die Kackebeutel rein passen, die ich bei diesem Carl Lagerfeld Verschnitt nirgendwo ausmachen kann.
Wenn du nicht gleich deinen Wauwau wegnimmst, dann setzt es aber was, denke ich mir. Da ich aber eher zu den Sprücheklopfern und geistigen Brandstiftern zähle, denn Mann der Tat bin, setze ich meinen Weg einfach fort und ignoriere den herausgeputzten Schöngeist demonstrativ.
Sorry Leute; würde mich political correctness interessieren, würde ich längst in einer eingetragenen Partnerschaft leben.
Skinny Jeans, zu enges Polohemd und aufgepimpte Turnschuhe der Marke „Balenciaga“. Ja, tatsächlich "Balenciaga"!
Sieht es so aus, das Camouflage der charakterlichen Unzulänglichkeiten?
Warum nicht einfach das klassische Blouson in hellbeige? Oder eine Multifunktionsweste mit dutzenden Taschen? Da würden dann auch die Kackebeutel rein passen, die ich bei diesem Carl Lagerfeld Verschnitt nirgendwo ausmachen kann.
Wenn du nicht gleich deinen Wauwau wegnimmst, dann setzt es aber was, denke ich mir. Da ich aber eher zu den Sprücheklopfern und geistigen Brandstiftern zähle, denn Mann der Tat bin, setze ich meinen Weg einfach fort und ignoriere den herausgeputzten Schöngeist demonstrativ.
Sorry Leute; würde mich political correctness interessieren, würde ich längst in einer eingetragenen Partnerschaft leben.
Ein
paar Meter weiter wird mir plötzlich mein Zynismus gewahr und ich
schäme mich ein bisschen meiner selbst. Gebe ich mich doch
einerseits weltgewandt und statte der einzigen Demokratie im Nahen
Osten einen Besuch ab, in der Hoffnung nette Bekanntschaften zu
machen, die mich so akzeptieren, wie ich bin und verfalle
andererseits schon bei erster Gelegenheit in Unmanierlichkeiten, die mir leider gelegentlich zu eigen sind.
Hätte
Herrmann Maas mich damals im Gefolge gehabt…?! Kaum auszudenken…
Gedankenschwer streife ich meine Flip Flops ab, wandle in die Gestade, wasche meine Füße, gar einen Teil meiner Seele rein und wende ich mich schlußendlich von der (eigenen) Sünde ab und dem Abschnitt der Orthodoxen zu.
Hier herrscht gänzlich tote Hose, soweit ich das durch den Hohen Bretterzaun zu erkennen vermag. Eventuell liegt es daran, dass es bereits dämmert und die Menschen sich langsam anderen Beschäftigungen zuwenden.
Ich spaziere weiter. Kurze Zeit später ändert sich der Küstenabschnitt. Von Stand keine Spur mehr, dafür eine Mole, ein Yachthafen und schließlich Lagerhäuser, die jedoch nicht (mehr) dem Fisch- oder Warenumschlag dienen, sondern für den Konsum zweckentfremdet wurden. Erst jede Menge Restaurants, an denen sich gut gewandete Menschen, den schönen Genüssen goutierend, lachend gegenübersitzen und von behemdeten Kellnern hofiert werden.
Edler Fisch und edler Wein. Meeresfrüchte? Sind die koscher? In Tel Aviv bestimmt!
Gedankenschwer streife ich meine Flip Flops ab, wandle in die Gestade, wasche meine Füße, gar einen Teil meiner Seele rein und wende ich mich schlußendlich von der (eigenen) Sünde ab und dem Abschnitt der Orthodoxen zu.
Hier herrscht gänzlich tote Hose, soweit ich das durch den Hohen Bretterzaun zu erkennen vermag. Eventuell liegt es daran, dass es bereits dämmert und die Menschen sich langsam anderen Beschäftigungen zuwenden.
Ich spaziere weiter. Kurze Zeit später ändert sich der Küstenabschnitt. Von Stand keine Spur mehr, dafür eine Mole, ein Yachthafen und schließlich Lagerhäuser, die jedoch nicht (mehr) dem Fisch- oder Warenumschlag dienen, sondern für den Konsum zweckentfremdet wurden. Erst jede Menge Restaurants, an denen sich gut gewandete Menschen, den schönen Genüssen goutierend, lachend gegenübersitzen und von behemdeten Kellnern hofiert werden.
Edler Fisch und edler Wein. Meeresfrüchte? Sind die koscher? In Tel Aviv bestimmt!
Weiter
geht es auf Holzbohlen. Auf dem Stadtplan meines Reiseführers habe
ich gesehen, dass nicht weit von der äußersten Spitze des Hafens,
die Dizengoff-Street beginnt. Ich will folglich noch diesen Teil der
Stadt begehen, bevor ich mir die Haupteinkaufsstraße der Stadt
widme.
Die Restaurants bestimmen weitere hundert Meter die Szenerie, werden dann aber von einer Vielzahl an Boutiquen und Dependenzen diverser Mode- Sport- und Lifestylelabels abgelöst.
Gerade noch gediegene Mittelmeeratmosphäre , jetzt jäher Wechsel zu Plastikschrott. Zudem scheinen hier ein paar „angesagte“ Clubs und Veranstaltungslocations zu sein. Einzig interessant an dieser Ecke ist, dass immer mehr Eisdielen, Kinderspielautomaten, Süßigkeiten- und Vergnügungsläden auftauchen und haufenweise Familien aus und in die diversen Spielhallen (anders kann man die Etablissements nicht benennen) strömen. Mich erinnert dieses Coney Island in klein ein wenig an List auf Sylt. Irgendwie dann doch wieder sympathisch.
Ich schaffe es raus aus der Amüsiermeile und erreiche die Ursprungskreuzung der legendären Dizengoff Street, oder korrekter und vor Allem melodiöser „Rehov Dizengoff“.
Sowohl Wikipedia, als auch mein Reiseführer wissen, dass diese Straße nach dem ersten Bürgermeister der Stadt „Meir Dizengoff“ benannt wurde, welcher sich noch zu Zeiten der britischen Besatzung um die Geschicke der Stadt gekümmert hat. Wer da wohl von wem abgeschrieben hat?! Im Falle dieses Textes behalte ich mir meinerseits eine Antwort vor und fahre mit der quellensicheren Beschreibung meiner Eindrücke im Teil 5 fort.
Die Restaurants bestimmen weitere hundert Meter die Szenerie, werden dann aber von einer Vielzahl an Boutiquen und Dependenzen diverser Mode- Sport- und Lifestylelabels abgelöst.
Gerade noch gediegene Mittelmeeratmosphäre , jetzt jäher Wechsel zu Plastikschrott. Zudem scheinen hier ein paar „angesagte“ Clubs und Veranstaltungslocations zu sein. Einzig interessant an dieser Ecke ist, dass immer mehr Eisdielen, Kinderspielautomaten, Süßigkeiten- und Vergnügungsläden auftauchen und haufenweise Familien aus und in die diversen Spielhallen (anders kann man die Etablissements nicht benennen) strömen. Mich erinnert dieses Coney Island in klein ein wenig an List auf Sylt. Irgendwie dann doch wieder sympathisch.
Ich schaffe es raus aus der Amüsiermeile und erreiche die Ursprungskreuzung der legendären Dizengoff Street, oder korrekter und vor Allem melodiöser „Rehov Dizengoff“.
Sowohl Wikipedia, als auch mein Reiseführer wissen, dass diese Straße nach dem ersten Bürgermeister der Stadt „Meir Dizengoff“ benannt wurde, welcher sich noch zu Zeiten der britischen Besatzung um die Geschicke der Stadt gekümmert hat. Wer da wohl von wem abgeschrieben hat?! Im Falle dieses Textes behalte ich mir meinerseits eine Antwort vor und fahre mit der quellensicheren Beschreibung meiner Eindrücke im Teil 5 fort.
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