Tag 1 – Montag, Teil III
Vor mir liegen 96
Treppenstufen. Zwar gibt es einen Fahrstuhl, aber dem traue ich nicht
und möchte ebenfalls meinem Spaziergelübde treu bleiben und Tel
Aviv zu Fuß beschreiten. Jesus hat in Jerusalem gelitten,
ich werde es ihm im weltlichen Pendant gleich tun.
Im Treppenhaus
verblasst der Glanz des Foyers zusehends. Wasserflecken und Risse
zeichnen sich an den Wänden ab, Gerümpel steht vor den Türen.
Alles sieht abgerockt aus und die Apartementnummern sind notdürftig
mit groben Strichen auf den dürftig verputzten Beton gepinselt.
Eine Wohnung im dritten Stock wird
gerade saniert. Die grauen Flächen, die hinter der stellenweise
abgerissen Tapete sichtbar und auf sublime Art schon längst des
Raumklimas Herr geworden sind, lassen auf nichts Gutes schließen.
Ganz oben angelangt orientiere ich mich mit meiner
Handytaschenlampe in der zunehmenden Dunkelheit und finde einen
Lichtschalter.
Fiat Lux!
Das kalte Neonlicht beleuchtet einen kargen Gang. Ein Klappfahrrad, natürlich mit
Elektroantrieb, reduziert den Durchgang kurzzeitig auf ca. 60cm.
Dahinter stehen drei große, on top staubbedeckte, auf Wadenhöhe
gänzlich blankgescheuerte Plastikreisekoffer und verengen die
Passage um weitere zehn Zentimeter. Brandschutz scheint hier keinen
zu interessieren und offensichtlich rückt man gerne zusammen.
Eigentlich nicht das Schlechteste, wenn man alleine unterwegs ist, denke ich kurz und versuche die Gedanken an etwaige Feuerszenarien aus meinem Hirn zu streichen.
Am Ende des Ganges biege ich links ab und
pralle beinahe mit meiner Nase gegen eine massive Holztür mit
zahlenkodiertem Türschloss. Ich öffne meine Emails und überfliege
die Nachricht meines Gastgebers nach der Kombination.
Nach erfolgreicher Eingabe bin ich drin. Im Gehäuse
herrscht reger Betrieb. Ein kleiner, untersetzter und ziemlich
deftiger Typ mit massiven Armen, stolzem Feinkostgewölbe, etwas zu
ausdefiniertem Brustkorb und den mächtigen Pranken eines stillen
Killers grinst mich mit einer Bohrmaschine in der einen und seinem
Handy in der anderen Hand breit an.
Die sephardische
Anthropogenese eines Serdar Somuncus. Ludaeum oeconomicus im
Handwerkspelz.
Dahinter sehe ich eine Küchenzeile,
die ihrer kompletten Verkleidung beraubt wurde und den Blick auf
Wasserstränge und Abwasserrohre freigibt. Neben einer riesigen silbernen Gefrier-, Kühl-, Eiswürfel- und Kaltwasserkombination, auf einer
ausladenden Couchgarnitur, kommt ein Gespräch zwischen einer
eigentümlich aussehenden alten Frau, einem sympatischen Strahlemann
und einem drahtigen Gaucho zum erliegen.
Acht Augen
starren mich an. Willkommen in
„Ofirs little Hostel in the Center of Tel Aviv“!
In
einer ureigenen Mischung aus peinlicher Betretung und Inanspruchnahme
des durch Kreditkartenbanking generierten Rechts hier anwesend sein
zu dürfen, durchschneide ich mit einem mechanisch gelassenen und
künstlich gut gelaunt klingenden „Hey! I am Philipp from Berlin!“
die Stille. Die Antwort entfährt so geschäftsmäßig,
wie prompt den sinnlichen Lippen des offensichtlichen
Wohnungseigners:
„AirBnB or Booking.com?"
Aha, da sind sie wieder, die Chiffren der Generation "Handgepäck“ und „Ich kenne meine Rechte!“ „I booked via
AirBnB! Philipp Hambach is my name! From Berlin! Germany...“
Langsam aber bestimmt weicht die Bohrmaschine dem Display. Tippen,
wischen, tippen, innehalten, dann eine erhellende Miene. „Ah, here
we got you. One night, right?!“
Das Eis scheint gebrochen und
ich versuche mich als Komiker: „Yes! A one night stand, hehehe...“ und
schiebe noch ein Augenzwinkern hinterher.
Der Joke verpufft im
Nichts. Dafür heißt mich Ofir mit einem zünftigen
Händedruck willkommen, legt mir mit Nachdruck die linke Hand auf die
Schulter und führt mich bestimmt zum Herzstück des Zimmers, um mir
Jorge aus Uruguay, Till „from Germany as well“ und Reha aus den
USA vorzustellen.
„Hey, nice to meet you...“ Hey, nice to meet you too...“
„Hey, nice to meet you...“ Hey, nice to meet you too...“
Als das erledigt ist, zeigt der Hausherr entschuldigend auf das Küchenchaos und erklärt, dass das
Waschbecken geleckt habe und er es reparieren müsse. Vorher wolle er
mir aber mein Bett zeigen und wo ich meine Sachen ablegen könne.
Sein Angebot einen Tee für mich zu machen schlage ich aus, stelle aber fest, dass der Typ mir auf Anhieb sympathisch ist und ich mich sicher aufgehoben fühle.
Sein Angebot einen Tee für mich zu machen schlage ich aus, stelle aber fest, dass der Typ mir auf Anhieb sympathisch ist und ich mich sicher aufgehoben fühle.
Das Apartement besteht zwei übereinanderliegenden
Wohnungen, welche durch eine Treppe miteinander verbunden sind. Oben
bewohnt Ofir eine kleine Einzimmerwohnung mit Terrasse, unten gibt es
die reparaturbedüftige Wohnküche, ein Badezimmer und zwei etwa zehn Quadratmeter große
Räume, die jeweils mit zwei Doppelstockbetten aus schwerem Gusseisen
im Stile „Armeekaserne - kalter Krieg“ bestückt sind. Ein Zimmer
geht nach hinten, zum Hof hinaus und ist bereits voll ausgebucht, das
andere nach vorne zur Ben Yehuda Straße. Dort sind erst die beiden
unteren Etagen besetzt, so dass ich mich für das obere Bett
entscheide, dass ca. 50cm weiter von der Zimmertür entfernt ist.
Ofir reicht mir Bettwäsche und bedeutet, meine Sachen in einem
Schrankfach ablegen zu können. Ich erleichtere meine Schultern und
lasse mir von meinem Gastgeber die wichtigsten Infos zur Wohnung und
der Hausordnung geben, Diese sind universell und schnell erklärt.
Der WLAN-Code hängt gut lesbar an der Wand.
Ich beziehe
zuerst das Bett, was gar nicht so einfach ist, da ich dabei auf der
Leiter stehen und mich ordentlich recken muss, um das Laken unter
die Matratze zu bekommen. Dieses ist weniger meiner leicht
unterdurchschnittlichen Körpergröße geschuldet, denn der Tatsache,
dass es bis zur Decke lediglich ca. 80cm sind und ein operieren im
Sitzen auf dem Bett so nicht in Frage kommt.
Nach diversen
Verrenkungen habe ich die Matratze und das Kopfkissen bezogen, den
Bezug für die Decke ohne Decke als Decke zurecht gelegt, kurz Zeit
gefunden den Zustand des Raumes eingehender zu checken und für die
verlangten 15Euro als value for money zu empfinden.
Als ich meine
Sachen in dem zugewiesenen Schrankabteil verstaut habe kommt mein Landsmann in
das Zimmer und wir halten einen kurzen Plausch. Till ist seit drei
Tagen in Tel Aviv und will noch zwei weitere Tage zu bleiben. Er sei
bereits mehrere Male in Israel gewesen und habe sich einfach in Tel
Aviv verliebt.
Na dann viel Spaß beim Liebe machen.
Na dann viel Spaß beim Liebe machen.
Wir verabreden uns lose für ein abendliches Bier,
aber nur, wenn wir uns zufällig abends in der Wohnung über den Weg
laufen; schließlich habe ein jeder ja eigene Pläne und überhaupt
empfindet man sich immer so angreifbar und verletzlich, wenn man
mal den Wunsch nach Gesellschaft äußert, was aber nicht
ausgesprochen, aber zumindest von meiner Seite gedacht wird.
Till
zieht es jetzt erst mal zum Einkaufen und ich habe das dringende Bedürfnis den
Strand anzugucken, ein wenig durch die Strassen zu ziehen und mir einen groben Überblick über die nähere Umgebung zu verschaffen.
Höflich verabschiede ich mich von Ofir, Reha und
Jorge, schnappe mir meine wichtigsten und unentbehrlichsten Sachen,
die ich in einem Geschenk meiner Mutter der Sorte „ermöglicht dir
immer alles Wichtige dicht am Körper zu tragen“, verstaue. Mit
ihren zig Geheimfächern und Reißverschlüssen, sowie der grünlich
beigen Optik ist sie die Taxifahrer- und Hobbyfunker-Variante unter
den Umhängetaschen. Kurz überlege ich,ob ich
mich joggingtechnisch in Schale schmeißen soll, vertage diesen weiteren unnötigen Masochismus vernünftigerweise auf morgen früh und tausche lediglich
Boxershort und lange Hose gegen das bereits erwähnte kurzbeinige
Modell „Tennis“, erlaube mir einen gewissen Kontrollverlust und schlüpfe in Flip-Flops, um jederzeit ohne Umziehstress in die Fluten stürzen zu können.
Jetzt endlich kann der
Urlaub beginnen!
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