Donnerstag, 1. November 2018

ISRAEL 2018 - Tag 1, Teil III



Tag 1 – Montag, Teil III


Vor mir liegen 96 Treppenstufen. Zwar gibt es einen Fahrstuhl, aber dem traue ich nicht und möchte ebenfalls meinem Spaziergelübde treu bleiben und Tel Aviv zu Fuß beschreiten. Jesus hat in Jerusalem gelitten, ich werde es ihm im weltlichen Pendant gleich tun. 
Im Treppenhaus verblasst der Glanz des Foyers zusehends. Wasserflecken und Risse zeichnen sich an den Wänden ab, Gerümpel steht vor den Türen. Alles sieht abgerockt aus und die Apartementnummern sind notdürftig mit groben Strichen auf den dürftig verputzten Beton gepinselt. Eine Wohnung im dritten Stock wird gerade saniert. Die grauen Flächen, die hinter der stellenweise abgerissen Tapete sichtbar und auf sublime Art schon längst des Raumklimas Herr geworden sind, lassen auf nichts Gutes schließen. Ganz oben angelangt orientiere ich mich mit meiner Handytaschenlampe in der zunehmenden Dunkelheit und finde einen Lichtschalter. 
Fiat Lux! 
Das kalte Neonlicht beleuchtet einen kargen Gang. Ein Klappfahrrad, natürlich mit Elektroantrieb, reduziert den Durchgang kurzzeitig auf ca. 60cm. Dahinter stehen drei große, on top staubbedeckte, auf Wadenhöhe gänzlich blankgescheuerte Plastikreisekoffer und verengen die Passage um weitere zehn Zentimeter. Brandschutz scheint hier keinen zu interessieren und offensichtlich rückt man gerne zusammen. Eigentlich nicht das Schlechteste, wenn man alleine unterwegs ist, denke ich kurz und versuche die Gedanken an etwaige Feuerszenarien aus meinem Hirn zu streichen.
Am Ende des Ganges biege ich links ab und pralle beinahe mit meiner Nase gegen eine massive Holztür mit zahlenkodiertem Türschloss. Ich öffne meine Emails und überfliege die Nachricht meines Gastgebers nach der Kombination. 
Nach erfolgreicher Eingabe bin ich drin. Im Gehäuse herrscht reger Betrieb. Ein kleiner, untersetzter und ziemlich deftiger Typ mit massiven Armen, stolzem Feinkostgewölbe, etwas zu ausdefiniertem Brustkorb und den mächtigen Pranken eines stillen Killers grinst mich mit einer Bohrmaschine in der einen und seinem Handy in der anderen Hand breit an. 
Die sephardische Anthropogenese eines Serdar Somuncus. Ludaeum oeconomicus im Handwerkspelz.
Dahinter sehe ich eine Küchenzeile, die ihrer kompletten Verkleidung beraubt wurde und den Blick auf Wasserstränge und Abwasserrohre freigibt. Neben einer riesigen silbernen Gefrier-, Kühl-, Eiswürfel- und Kaltwasserkombination, auf einer ausladenden Couchgarnitur, kommt ein Gespräch zwischen einer eigentümlich aussehenden alten Frau, einem sympatischen Strahlemann und einem drahtigen Gaucho zum erliegen. 
Acht Augen starren mich an. Willkommen in „Ofirs little Hostel in the Center of Tel Aviv“!
In einer ureigenen Mischung aus peinlicher Betretung und Inanspruchnahme des durch Kreditkartenbanking generierten Rechts hier anwesend sein zu dürfen, durchschneide ich mit einem mechanisch gelassenen und künstlich gut gelaunt klingenden „Hey! I am Philipp from Berlin!“ die Stille. Die Antwort entfährt so geschäftsmäßig, wie prompt den sinnlichen Lippen des offensichtlichen Wohnungseigners: 
„AirBnB or Booking.com?"
Aha, da sind sie wieder, die Chiffren der Generation "Handgepäck“ und „Ich kenne meine Rechte!“ „I booked via AirBnB! Philipp Hambach is my name! From Berlin! Germany...“ 
Langsam aber bestimmt weicht die Bohrmaschine dem Display. Tippen, wischen, tippen, innehalten, dann eine erhellende Miene. „Ah, here we got you. One night, right?!“
Das Eis scheint gebrochen und ich versuche mich als Komiker: „Yes! A one night stand, hehehe...“ und schiebe noch ein Augenzwinkern hinterher. 
Der Joke verpufft im Nichts. Dafür heißt mich Ofir mit einem zünftigen Händedruck willkommen, legt mir mit Nachdruck die linke Hand auf die Schulter und führt mich bestimmt zum Herzstück des Zimmers, um mir Jorge aus Uruguay, Till „from Germany as well“ und Reha aus den USA vorzustellen.
„Hey, nice to meet you...“ Hey, nice to meet you too...“ 
Als das erledigt ist, zeigt der Hausherr entschuldigend auf das Küchenchaos und erklärt, dass das Waschbecken geleckt habe und er es reparieren müsse. Vorher wolle er mir aber mein Bett zeigen und wo ich meine Sachen ablegen könne.
Sein Angebot einen Tee für mich zu machen schlage ich aus, stelle aber fest, dass der Typ mir auf Anhieb sympathisch ist und ich mich sicher aufgehoben fühle.
Das Apartement besteht zwei übereinanderliegenden Wohnungen, welche durch eine Treppe miteinander verbunden sind. Oben bewohnt Ofir eine kleine Einzimmerwohnung mit Terrasse, unten gibt es die reparaturbedüftige Wohnküche, ein Badezimmer und zwei etwa zehn Quadratmeter große Räume, die jeweils mit zwei Doppelstockbetten aus schwerem Gusseisen im Stile „Armeekaserne - kalter Krieg“ bestückt sind. Ein Zimmer geht nach hinten, zum Hof hinaus und ist bereits voll ausgebucht, das andere nach vorne zur Ben Yehuda Straße. Dort sind erst die beiden unteren Etagen besetzt, so dass ich mich für das obere Bett entscheide, dass ca. 50cm weiter von der Zimmertür entfernt ist. 
Ofir reicht mir Bettwäsche und bedeutet, meine Sachen in einem Schrankfach ablegen zu können. Ich erleichtere meine Schultern und lasse mir von meinem Gastgeber die wichtigsten Infos zur Wohnung und der Hausordnung geben, Diese sind universell und schnell erklärt. Der WLAN-Code hängt gut lesbar an der Wand.
Ich beziehe zuerst das Bett, was gar nicht so einfach ist, da ich dabei auf der Leiter stehen und mich ordentlich recken muss, um das Laken unter die Matratze zu bekommen. Dieses ist weniger meiner leicht unterdurchschnittlichen Körpergröße geschuldet, denn der Tatsache, dass es bis zur Decke lediglich ca. 80cm sind und ein operieren im Sitzen auf dem Bett so nicht in Frage kommt. 
Nach diversen Verrenkungen habe ich die Matratze und das Kopfkissen bezogen, den Bezug für die Decke ohne Decke als Decke zurecht gelegt, kurz Zeit gefunden den Zustand des Raumes eingehender zu checken und für die verlangten 15Euro als value for money zu empfinden.
Als ich meine Sachen in dem zugewiesenen Schrankabteil verstaut habe kommt mein Landsmann in das Zimmer und wir halten einen kurzen Plausch. Till ist seit drei Tagen in Tel Aviv und will noch zwei weitere Tage zu bleiben. Er sei bereits mehrere Male in Israel gewesen und habe sich einfach in Tel Aviv verliebt.
Na dann viel Spaß beim Liebe machen.
Wir verabreden uns lose für ein abendliches Bier, aber nur, wenn wir uns zufällig abends in der Wohnung über den Weg laufen; schließlich habe ein jeder ja eigene Pläne und überhaupt empfindet man sich immer so angreifbar und verletzlich, wenn man mal den Wunsch nach Gesellschaft äußert, was aber nicht ausgesprochen, aber zumindest von meiner Seite gedacht wird.
Till zieht es jetzt erst mal zum Einkaufen und ich habe das dringende Bedürfnis den Strand anzugucken, ein wenig durch die Strassen zu ziehen und mir einen groben Überblick über die nähere Umgebung zu verschaffen.
Höflich verabschiede ich mich von Ofir, Reha und Jorge, schnappe mir meine wichtigsten und unentbehrlichsten Sachen, die ich in einem Geschenk meiner Mutter der Sorte „ermöglicht dir immer alles Wichtige dicht am Körper zu tragen“, verstaue. Mit ihren zig Geheimfächern und Reißverschlüssen, sowie der grünlich beigen Optik ist sie die Taxifahrer- und Hobbyfunker-Variante unter den Umhängetaschen. Kurz überlege ich,ob ich mich joggingtechnisch in Schale schmeißen soll, vertage diesen weiteren unnötigen Masochismus vernünftigerweise auf morgen früh und tausche lediglich Boxershort und lange Hose gegen das bereits erwähnte kurzbeinige Modell „Tennis“, erlaube mir einen gewissen Kontrollverlust und schlüpfe in Flip-Flops, um jederzeit ohne Umziehstress in die Fluten stürzen zu können. 
Jetzt endlich kann der Urlaub beginnen!



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