Dienstag, 17. Dezember 2019

ISRAEL - EIN BESUCH IN DER GOLANI HEIGHTS DISTILLERY


Golandhöhen und Golani Distillers November - 2019

Aus dem Controlling kam Anfang Oktober die Ansage, dass alle Mitarbeitenden ihren Urlaub bis zum Ende des Jahres komplett zu nehmen hätten. Irgendwas mit Rückstellungsvermeidung und anderem Bilanzgedöns.
Da ich noch sieben Urlaubstage hatte, davon jedoch bereits fünf für die Weihnachtsferien verplant waren, musste ich also dringend die zwei verbleibenden Tage frei nehmen. Schnell war klar, dass im grauen Berliner November und in Kombination mit einem Wochenende nur ein Reiseziel in sonnigeren Gefilden in Frage käme. Ein Preischeck bei den üblichen Airlines ergab ein unschlagbar günstiges Flugangebot inklusive Mietwagen für vier Tage nach Israel für insgesamt knapp 200€.
Nun also doch wieder Israel.
Eigentlich dachte ich, nach meinem zweiten Besuch im Januar diesen Jahres, mit dem kleinen Land vorerst durch zu sein. Aber aller guten Dingen sind bekanntlich drei und irgendwie hatte ich sowieso das Gefühl hier noch ein, zwei Sache abhaken zu müssen. Dazu gehörte auch der Besuch der Golan-Heights Distillery im Nordosten Israels.
Stolz brüstet man sich dort mit dem Prädikat die erste Whisky Brennerei des Landes zu sein, was angesichts der rar gesäten Konkurrenz sicherlich nicht schwer ist. Gutes Marketing basiert eben oftmals auf mangelndem Wissen der Kunden ;)
Nichtsdestotrotz ist es für mich, als ambitionierten Whisky-Amateur, interessant einer privat geführten kleinen Destille einen Besuch abzustatten; zumal diese in einer auch klimatisch ungewöhnlichen Region ein eher untypisches Genussmittel herstellt. Fallen einem für Israel wahrscheinlich eher Jaffa-Orangen und anderes Grünzeugs, Hummus, koscheres Allerlei und maximal noch Rotwein, denn Whisky ein.
Da dieses alkoholische Getränk jedoch, entgegen z.B. Champagner, keiner geschützten Herkunftsbezeichnung unterliegt, sondern lediglich nach gewissen Regeln hergestellt werden muss, ist es bei dem bereits lang anhaltenden Whiskyboom verständlich, dass sich geneigte Enthusiasten auf der ganzen Welt an der Destillierkunst des edlen Nasses versuchen. Den israelischen Pionieren aus dem Golan haftet dabei zumindest kein schlechter Ruf an, den es im Folgenden zu überprüfen gilt.
Nach Landung, Mietautoabholung, Hostelübernachtung, Badevergnügen und Wüstenwanderung in der Umgebung von Eilat fahre ich am späten Freitagabend entlang dem Toten Meer gen Norden. Passiere erst En Bokek, dann Masada, schwelge spätestens auf Höhe von Ein Gedi in den tiefen Erinnerungen meiner vorherigen Reisen ins gelobte Land. Wenig später überfahre ich die Grüne Linie, lasse mich mit der sonoren Gleichmütigkeit des Automotors durch die schmale Straße zwischen Jordanien und dem Westjordanland leiten und gelange am nördlichen Ende der 1949 festgelegten Demarkationslinie kurz vor dem Grenzübergang "Allenby-Bridge" wieder auf Israelisches Territorium.
Ein kurzer Besuch in Nazareth und das ebenda vertilgte Falafelsandwich lassen mich zum Entschluss kommen in einer weniger stressigen Gegend ein Plätzchen für mein Auto und die Übernachtung zu suchen. In einer dunklen Stichstraße kurz vor dem See Genezareth finde ich endlich ein geeignetes Plätzchen und ein paar Stunden feinsten REM-Schlaf.
Am nächsten Morgen gucke ich mir erst die ziemlich langweilige Stadt Tiberias am See Genezareth an und will dann in das Grenzgebiet mit den beiden Todfeinden Israels, Syrien und Libanon fahren. In dem einst heftig umkämpften Grenzgebiet gibt es am Mount Hermon den einzigen Ski-Ort Israels. Obwohl es, je nach Sicherheitslage, nie eine Garantie für das kalte Freizeitvergnügen gibt, erscheint mir der Ort in meiner Fantasie als hervorragendes Fuck You gegenüber der undemokratischen Nachbarn. Auf der Strecke dorthin stehen diverse Denkmäler mit Kriegsgerät und Infotafeln zum Sechstagekrieg, als besonders
So rumple ich also am dritten Tag meines Kurztrips in die Levante gegen 12:45 Ortszeit in der Kleinstadt Katzrin im Nordosten des Landes ein. Da ich vorher noch auf annähernd 2600m im einzigen Skigebiet Israels auf einer naiv-gefährlichen Erkundungstour war und dort bei einer halblegalen Wanderung am Fuße des Skibergs (aber das ist eine andere Geschichte) ordentlich am Höhenklima zu knabbern hatte, habe ich das Bild einer idyllisch in den sanften Hügeln des niederen Golans gelegenen Brennerei mit angeschlossenem Bauernhof im Kopf. Keine Ahnung, wie ich darauf komme, da weder die Facebook- noch die Website irgendwelche Rückschlüsse auf derartige Romantik zulassen. Muss an der dünnen Luft liegen, die ich als Flachland Berliner nicht gewohnt bin.
Nüchtern muss ich nun allerdings feststellen, dass Google-Maps mich, anstatt in einen güldenen Hain, in ein Industriegebiet am Rande der Ortschaft leitet. An einem profanen langgezogenen Betonflachbau, in dem sich u.a. ein Metallverarbeitender Betrieb und eine Autowerkstatt befinden, angekommen, tut die Computerstimme schließlich kund: „Sie haben ihr Ziel erreicht!“.
Unschlüssig parke ich den Wagen am zugemüllten Straßenrand, steige aus, rieche verdampftes Korund und Eisen und gebe mich dem Sound einer kreischenden Flex hin. Weit und breit kein Landidyll auszumachen; stattdessen eine leidlich verputze Betonwand und vier große Wassertanks aus Plastik, hinter denen tatsächlich ein an die Wand gemaltes Logo der Brennerei prangt. Unweigerlich muss ich bei dem sich mir bietenden Paradoxon zu meiner Vorstellung grinsen. Wie naiv ich doch bin!
Obwohl der Landstrich zu den ältesten Kulturregionen der Menschheitsgeschichte gehört, wurde hier erst vor ca. 130 Jahren begonnen im größeren Maßstab zu siedeln, zu (land)wirtschaften und nach modernen Gepflogenheiten zu bauen. Historisch bedingte Bevölkerungswellen (um es dezent auszudrücken) trieben die Einwohnerzahl innerhalb der 70 Jahre nach Staatsgründung von ca. 800.000 im Jahre 1948 auf derzeit gut 9.000.000 Menschen. Prognosen sehen für die kommenden 30 Jahre ein weiteres Wachstum auf gut 15 Millionen Menschen vor. Das hat offensichtlich zur Folge, dass man sich bei der Schaffung von Infrastruktur, Wohn- und Gewerberaum einem äußerst pragmatischen Ansatz verpflichtet fühlt:
Schnell und nutzenorientiert bauen, dabei unnötige Details vernachlässigend, dass scheint der Situation angemessen der Tenor im Baugewerbe zu sein, um dem steten Wachstum Herr zu werden. Egal wo man sich im Lande befindet, überall sind Baustellen, hört man LKWs und Baumaschinen brummen, riecht den Duft von Abgasen, wachsen Betonungeheuer aus dem Boden und wundert man sich über abrupt im Nichts endende Straßen, die bei genauerer Betrachtung jedoch den Blick auf bereits angelegte Kanalisationen und andere Vorarbeiten einer späteren baulichen Erschließung freigeben. Wird Beton zur Befestigung von Straßen verarbeitet, macht sich niemand die Mühe diesen glattzustreichen. Guckt man sich das Schuhwerk vieler Menschen an, macht man bei einer sehr großen Anzahl den genialen und auch von mir seit Jahren bevorzugten „Blundstone-Boot“ aus, der sich wunderbar als Arbeits- Alltags- und Ausgehschuh in einem Nutzen lässt. Viele Namen, wie z.B. Ben, Zwi, Dan, Avi, Uri beschränken sich auf lediglich drei Buchstaben. Die Autos haben Schrammen und Dellen und man parkt auf den Millimeter genau. Auch politische und geographische Aspekte scheinen sich in einer reduzierten Zweckmäßigkeit zu bestätigen. Wenig Diplomatie, viel Draufgehaue. Was nicht passt wird passend gemacht und im Zweifel dem Nutzen von „etwas Größerem“ untergeordnet. Pragmatismus als Ideologie, als Lebensgefühl und Staatsdoktrin.
Ohne noch mehr konstruierte Korrelationen bemühen zu wollen erlaube ich mir abschließend die Frage: Warum also sollte die Golani-Destille einem anderen Charme anheimfallen, als dem des Pragmatischen? ...Eben...!
Dass Whisky Charakter und Seele besitzt, dürfte jedem Genießer bekannt sein. Dass diese Eigenschaften weniger von ästhetischer Architektur, denn guten Rohstoffen, handwerklichen Geschick, Fingerspitzengefühl und schlauem Fassmanagement herrühren, gilt ebenfalls als gesetzt.
Und da ich noch nie gehört habe, dass das Auge mittrinkt, will ich versöhnlich mit dem Brachial-Chic des heutigen Tagesziels sein.
So gehe ich voller Vorfreude auf das geöffnete Rolltor zu und gelange direkt in den einzigen Produktionsraum, der fast alle Schritte der Fertigung, vom Maischen und Brennen bis zur Abfüllung und Lagerung in diversen Fässern, wie auch dem finalen Bottling und Labeling, vereint.
Mehr als ca. 120qm bedarf es dafür nicht. Wobei schon jetzt angemerkt sein soll, dass die importierte gemälzte Gerste, wie auch der aus der Region stammende und als hälftiger Anteil benutzte Weizen, quasi Maischbottich-fertig angeliefert werden. Zum Mälzen und Darren reicht der Platz dann doch nicht aus.
Mit einem lauten „Shalom“ kündige ich mein Eintreten an und werde direkt von einem kleinen Felltiger umstrichen. Obwohl ich unregelmäßige Geräusche und eine Art Scheuern vernehme und die Präsenz eines anderen Menschen spüre, habe ich vorerst den Eindruck alleine zu sein. Nach einem weiteren, etwas kräftigeren Shalom taucht unvermittelt ein wilder Kerl vom Typ „american dirty Kid“ mit entsprechend markanter Kauleiste und einer Scheuerbürste in der Hand aus einer Ecke auf. Der noch recht jungsche Typ entstöpselt entspannt die Ohren, woraufhin ein unterschwelliges, dafür aber umso verzerrteres Musikrauschen erklingt und mittels Rumpelbeat und offensichtlich fehlender Finesse den soeben geschilderten Eindruck bestätigt und kommt im locker wiegenden Schritt auf mich zu. Während ich mal wieder zwischen dämlich grinsen und nicht wissen, was ich sagen soll schwanke, hat der behaarte Bolide (und in meiner nachträglich getrübten Erinnerung sogar mit schwarzen Kohlestreifen im Gesicht versehene) bereits meine Flosse gepackt und ist dabei mir mit schwieliger und handfester Art den Eindruck zu vermitteln direkt von einem zünftigen Hobo-Ride in das Handcrafted-Distillery-Geschehen gestolpert zu sein.
Punkrock, Outlawtum, Whisky und nen Schrubber – geile Kombination.
Nachdem John – so heißt er - die Schraubzwinge lockert, erfahre ich, dass er aus Pennsylvania in Amerika stamme und hier seit geraumer Zeit eine Art Praktikum macht, um das Brennen zu erlernen. Ob in der alten Heimat was gegen ihn vorliegt und er deswegen über 9000km weiter, also quasi aus Übersee und aus dem Sinn der vermeintlichen Verfolgungsbehörden, seiner feingeistigen Bestimmung folgt, oder er einfach nur ein weiterer geläuterter Jude auf``m Heimattrip ist, verpasse ich zu erfragen. Dafür erfahre ich, dass der Chef und Masterdistiller in Personalunion heute leider nicht da sei. Dafür aber seine Ehefrau und Mitgründerin, welche gleich die Führung mit mir machen wird. Derzeit sei sie noch in einem Gespräch, aber es gehe gleich los.
Schade, hatte mich schon auf nen zünftiges Besäufnis bei gemeinsamem Austausch musikalischer Jugendsünden mit John gefreut. Wobei... Wenn der Angestellte schon wie ein sympathischer Bürgerschreck aussieht, wie gewandet und gebärdet sich dann wohl die Chefin?
Während John sich daran macht seine Putzarbeiten wieder aufzunehmen, kraul ich dem Mietzekätzchen gehörig hinter den Ohren und warte darauf, dass die Chefin sich blicken lässt. Das kleine Fellknäuel ist äußerst schmusebedürftig und findet in meiner ausgeprägt sensiblen, kuscheligen und feinfühligen Person einen willigen Gegenpart. Schnurr, gurrrr, ruckedigu, fideralala und hoppsassa...
Zurück zum eigentlichen Thema...
Die Tür des kleinen Büros, Tastingrooms und Shops in einem schwingt auf und eine anmutige Dame, die im besten aller Sinne irgendwo zwischen Königin Esther, Uriella und Cher rangiert, tritt heraus und ich bin kurz davor im Lichte ihrer Schönheit zu erblinden. Wenn es eine Whisky-Göttin gibt, dann steht sie nun vor mir. Eine richtige Whisky-Milf quasi (um etwaigen Missverständnissen vorzubeugen: f für „fragen“ – schließlich ist sie ja die Kompetenz vor Ort)...
Freundlich werde ich ihren Gesprächspartnern, Gabriel und seiner Frau, vorgestellt und angewiesen noch eine Minute zu warten; es gehe gleich los.
So erfahre ich von Gabriel, dass er eine nicht unwesentliche Rolle in der Anschubfinanzierung der Destille geleistet habe. Freimütig erzählt mir der emigrierte Amerikaner mit jüdischen Wurzeln, dass er mit einem Computergeschäft "etwas" Geld verdient habe und nach seiner Übersiedlung nach Israel die beiden Gründer der Golani-Heights-Distillers kennengelernt hätte.
Deren Idee habe ihn so sehr begeistert, dass er einen ordentlichen Beitrag auf einer Online-Funding-Plattform gestiftet hätte, ohne jemals selbst Whisky getrunken zu haben. Strahlend steht er vor mir und deutet fast schon Brand-Ambassador-like auf die hinter ihm stehenden Flaschen und lässt stolz verlauten: See, the first 5year old Whisky... Fresh from the Cask... Not labeled yet, but soon ready to be sold. Whisky made in Israel…!
Und tatsächlich… In einem satten Braun-Rot aka Farbcodierung F64 grinst mich ein gros 0,7l Flaschen mit den flüssigen Verlockungen an. Ob es davon wohl später ein kleines Schlückchen gibt? Hoffentlich…
Dann endlich materialisiert sich die Whiskygöttin auch für mich, wird greif- und ansprechbar und stellt sich als Alona vor. Mein anfängliches Gestottere wird langsam zu einem gediegenen Small-talk, auf den die unweigerliche Fragen folgen, wie groß mein Wissen um Whisky ist und wie viele Destillen ich bereits besucht hätte. Cool winke ich ab, straffe die Brust, gebe:  I am an ambigious whisky-amateur! And about the amount of Distilleries...?! Too many! von mir, schiebe ein gediegenes Grinsen hinterher und fühle mich ganz wie Mann von Welt.
Nach ein paar weiteren Floskeln und der Tatsache bereits einige Minuten alleine durch den Produktionsraum gelungert zu sein und mir so ein Bild von den Vorgehensweisen vor Ort machen zu können, einigen wir uns darauf direkt zur Verkostung überzugehen. Hierbei sei, bezogen auf die genauere Erklärung von Herstellungsverfahren, Lagerung, Interaktion von Klima und Holz etc. anzumerken, dass zumindest oberflächlich betrachtet für die allermeisten Destillen gilt: Kennste eine, kennste alle…
Warum also Zeit verschwenden? Eben! Also ab in den Tasting-Room...
Ab jetzt müssen wir ehrlich zueinander sein. Drink and drive gehen für mich im realen Leben auf keinen Fall zusammen und ich bin bis heute noch nie (!) auch nur ansatzweise an der Promillegrenze gefahren. Doch heute habe ich das Gefühl eventuell etwas zu verpassen, wenn ich nicht von diesem Grundsatz abweiche.
Alona positioniert bereits sieben verschiedene Flaschen auf der Bar und fragt mich mit eindringlichem Blick: Do you still want to drive later…? Anstatt lange zu erklären, dass ich mir noch den Ort angucken und zu Abendbrot essen will und dann erst, in der Hoffnung wieder unter den in Israel erlaubten 0,5 Promille zu sein, Richtung Mittelmeer weiter fahren möchte, entgegne ich klar und deutlich: No! Und lasse den rot- und brauntönigen Elementen, wie auch meinem weiteren Schicksal still jauchzend ihren Lauf. 
Too make a long story short: In der folgenden Stunde verkoste ich acht verschiedene Destillate. Den dreijährigen Standard mit 40%, der in frischen amerikanischen Weißeiche- und israelischen Rotweinfässern ausgebaut wurde, den Golani Black, der ebenfalls mit 40% daher kommt, aber nur in frisch ausgekohlten Weißeichenfässern lagerte, dann den Golani Vino, welcher lediglich in Rotweinfässern lagerte, gefolgt vom Port-Cask gefinishten Golani T2 mit 63,1% in Fassstärke und einem Port-Cask only Single-Cask-Golani Whisky mit 46%, dem ein Whisky folgte, der in einem Bierfass der nahe gelegenen Bierbrauerei reifte und 50% Alkoholvolumen hatte. Daraufhin war ich bereits ordentlich angezählt und erfuhr, dass das Wasser aus den Golanhöhen stammt und die geheim gehaltene Hefe etwa 60 Stunden lang in der aus 50% Weizen und 50% gemälzter Gerste bestehenden Mashbill wirkt.
Mashbill? Ja, richtig gelesen. Rein ideologisch und vom Hausstil her sieht man sich eher in der Tradition nordamerikanischer Whisk(e)ys und der dort zahlreich entstandenen Craft-Brennereien. So kommen Alona und David, ihr Mann, ursprünglich aus dem französischen Teil Kanadas. David habe irgendwann keine Lust mehr auf sein Immobilienbusiness gehabt, dieses verkauft und dann hamse Alija, bzw. rüber jemacht, wie wir Berliner zu sagen pflegen. Da weltweit der Spirituosenmarkt seit Jahren boomt und insbesondere in Israel in den letzten Jahren eine große Nachfrage entstand, besannen sich die beiden auf ihre Leidenschaft und die Stärken des kleinen Landes, in dem vor Urzeiten wohl nicht nur Milch und Honig frohlockten, sondern auch Roggen und Weizen in rauen Mengen wuchsen und gründeten 2014 die Golani Heights Distillery.
Die seit vielen Jahren bestehende israelische Weinindustrie garantiert erschwingliche Fässer von hoher Güte und eigene Böttchereien und einiges an Expertenwissen und der traditionell gebrannte Arrak zumindest eine spärliche Tradition an gebranntem Alkohol. Der ersten Brennblase folgte bald eine größere und professionellere, so dass aus dem gewagten Experiment alsbald eine fröhliche Wissenschaft und schließlich ein geschäftiges Treiben wurde.
Die Anschubfinanzierung für den Ausbau der Destille und die Produktion des ersten Batches betrug etwa 50.000$, die über das bereits benannte Crowdfunding eingesammelt wurden. Weitere Kosten, Investitionen, Löhne und Abschreibungen wurden bis zur Abfüllung des ersten Whiskys im Jahre 2017 aus dem Verkauf von Gin, Absinth, Likör etc. erwirtschaftet. Man ergatterte gute Rezensionen in Fachzeitungen und bei Wettbewerben und entschied sich in Folge maßvoll zu expandieren.
So stehe demnächst die Lieferung einer größeren Mashtun an, sowie auch der Versuch lokal angebaute Gerste nach und nach gegen die bisherige Exportware auszutauschen. Irgendwann wolle man sogar das Mälzen alleine machen, aber das sei noch Zukunftsmusik. Dennoch produziere man weiterhin so geringe Mengen, dass es weder für einen Verkauf über den Dutyfree im Airport von Tel Aviv, noch für den Export ausreiche.
Die von der Golanie Heights Distillery verfolgte Strategie erkennt man dieser Tage bei fast allen unabhängigen Brennereien wieder. Ob in Schottland, Deutschland oder eben Israel geht der Trend bei Mikrodestillen zur Nachhaltigkeit und der Nutzung lokaler Ressourcen. Alleine in Israel eröffnet nun bald neben der Milk&Honey Distillery, der Golani Heights Distillery und der Jerusalem Distillery mit der edrei Distillery die vierte Brennerei, die diese Vorgehensweise für sich beansprucht und damit Werbung macht. Kann das auf Dauer gut gehen, oder gräbt man sich so Marktanteile ab?
Bei Golani zumindest stimmt das athmosphärische Gesamtpaket, wie auch die offenkundige Expertise Alonas. Auch wussten bis jetzt die verkosteten sechs Whiskys zu überzeugen.
Bereits leicht angeschickert frage ich, ob ich mal ein bisschen New-Make probieren dürfe. Kein Problem. Ehe ich mich versehe, wird mir aus einem großen Edelstahlbottich ein Glencairnglas mit dem Rohbrand gefüllt. Tatsächlich erschnüffle ich etwas Rauch. Ein Blick Alonas auf die Deklarierung des Inhalts bestätigt meinen Eindruck – erst kürzlich habe man mit etwas getorfter Gerste gebrannt und stehe kurz davor einige Fässer damit zu füllen.
Wieviel davon, bei jährlich etwa 7,5% Angels Share, nach einigen Jahren noch übrig bleibt, ist ungewiss. Jedoch verspricht die in südlichen Regionen ungemein schnellere Fassreifung interessante Ergebnisse mit diesem ungewöhnlichen Whisky, der der hohen Verdunstungsrate gemäß auch mit etwas mehr Alkoholvolumen abgefüllt wird. Entgegen der  schottischen Industrienorm mit seinen 63,5%, Alk verdünnt man hier den etwa 80%igen Rohbrand auf 67% Alkohol herunter, bevor er abgefüllt wird.
Nun aber genug des nutzlosen Wissens und zurück zum Tastingroom. Dort wartet bereits das Highlight des heutigen Tages.
In den letzten Tagen habe man damit begonnen den ersten 5jährigen Golani abzufüllen. Dieser wurde in den ersten Tagen des Bestehens der Brennerei paritätisch aus Weizen und Gerste gebrannt und reifte ausschließlich in erstmalig befüllten Fässern aus amerikanischer Weißeiche mit extra starkem Toasting und wurde mit kürzlich mit fassstarken 60,4% abgefüllt.
Wo sich nun bei eingefleischten Single-Malt-Fans der Magen umdreht, ist mein Interesse als toleranter Whisky-Weltenbummler geweckt. Weizenbrand in frischen und stark getoasteten Fässern der Sorte Quercus alba. Here we go und rein mit dem Rüssel ins Nosingglas.
Die Nase hält für mich Vanille, Karamell und erwärmte Milch bereit mit einem unterschwelligen Hauch von Lakritze und dem lauen Geruch frisch abgebrochener Äste und einer Ahnung von Kleber und Lösungsmitteln. Wasser öffnet und intensiviert das Bouquet; ich meine ferner etwas Zimt und Coca Cola zu erschnüffeln. Auf der Zunge trifft mich ein mächtig süßer und würziger Schlag, der die bereits benannten Attribute zu bestätigen weiß. Der Abgang ist ölig, seidig, mineralisch und wird mittellang von einer feinen Eichenwürze getragen.
Nun habe ich aber endgültig die Lampen an und verwerfe sogleich meinen eisernen Vorsatz niemals auch nur mit mehr als Handgepäck zu fliegen (außer natürlich ich bin in Schottland) und kaufe zwei Pullen von der bronzefarbenen Verheißung. Wie so oft äußere ich zuerst die Kaufabsicht und erkundige mich dann nach dem Preis. Mit 450 Schekeln, also etwa 120€ pro Flasche ist dieser durchaus ambitioniert. Dazu noch die Kohle für das Aufgabegepäck. Ergo nochmals 20€. Au weia. Obendrein sind die Etiketten der offiziellen 5 Years-Abfüllung noch nicht eingetroffen, so dass ich mich mit dem profanen Golani - Black Etikett zufrieden geben muss.
Dafür pinselt mir Alona aber ein „5y“ auf einen kleinen Extra-Sticker und klebt diesen mit auf die Flasche. So wird in meiner Einbildung aus der profanen Pulle quasi im Handumdrehen ein individuelles Bottling. Und da es ja auch bald Weihnachtsgeld gibt, ist schnell eine weitere Ausrede gefunden, der Kauf abgewickelt und die Schätze mittels Pappe und Gaffertape reisefertig gemacht.
Dann großer Abschied, geschwungene Worte, rethorische Einladungen nach Berlin und eben das übliche oberflächliche Gelaber angeschickerter Touristen, die sich noch im romantischen Taumel der Suggestion befinden und innerlich bereits in den Blog-Einträgen zu ihren exquisiten Abenteuern schwelgen, während anderswo vernünftigere Menschen vernünftigeren Dingen nachgehen.
Weitere Ernüchterungen, sowie den folgenden zweistündigen Spaziergang durch einen der wohl langweiligsten Orte im nahen Osten erspare ich euch genauso, wie die Rückfahrt mit dem Tramper, der frisch von einem dreitägigen „Moonshine-Gathering“ kam und mich zu sich zum Übernachten in Tel-Aviv eingeladen hat.



 

 













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