Tag 8, Teil I
Nanu, was ist denn mit mir passiert?
Offenbar bin ich direkt eingeschlafen und ganz ohne Pinkelpause erst nach neun
Stunden erwacht. So lange gepennt wie noch an keinem anderen meiner
vorangegangenen Urlaubstage. Wow – ich fühle mich topfit und habe weder von Reha
noch ihrer Waschung, geschweige denn von ihr gewaschen zu werden geträumt.
Apropos Reha; wo ist die überhaupt? Vielleicht war es ja bereits ihre letzte Ölung. Jedenfalls sehe ich sie nirgends. Wahrscheinlich ist sie noch damit beschäftigt jemanden zu bequatschen ihr aus dem Bett zu helfen, oder ist gar den Weg alles Fleischlichen gegangen. Genug davon hätte sie ja. Wie auch immer. Eines ist jedenfalls gewiss: Morgenstund hat Toastbrot, eine schale Mischung aus Margarine und Butter und billige Marmelade im Mund. Es gibt auch etwas Milk & Honey, dünnen Kaffee, Tee, ein paar lieblos geschnippelte Gurkenscheiben und als Bonus stark reduziertes Hummus, von dem sich jeder nur einen kleinen Kleks zu nehmen traut. Alle Hostelgäste scheinen gut erzogen, denn das bisschen Kichererbsenpaste, was sich in der Schüssel befindet wird von den Frühstückenden beständig halbiert. Als ich an der Reihe bin, ist noch etwa ein Sechszehntel in der Schale. Ich reduziere dieses auf ein Zweiunddreißigstel und beobachte den nach mir folgenden Spanier, wie er daraus ein Vierundsechzigstel macht. Seine Freundin halbiert nochmals auf ein Einhundertachtundzwanzigstel. Dann ein Zweihundertsechsundfünfzigstel, dann ein Fünfhundertzwölftel und so weiter und so fort. Wie schön wäre es, wenn wir an dieser Schale gemeinsam eine Kernspaltung vornehmen würden.
Besser als mit einem großen Knall kann ich mir das Ende meines Urlaubs nicht vorstellen. Bevor es dazu kommt, durchbricht ein hungriger Israeli das manierliche Treiben, indem er mit seinem Toastbrot die Schale gründlich leer wischt und so dem israelischen Militär die vermeintliche Vorlage für einen atomaren Zweitschlag gegen den Iran nimmt.
Immer diese verpassten Chancen und „müden Clauswitze“.
Zurück in der Realität wäge ich meine Optionen ab. Ich will auf jeden Fall Wäsche waschen, weil ich nur ungerne dreckige Klamotten mit nach Hause nehme. So wringe ich mit einer ordentlichen Portion Duschgel meine Klamotten bis zur Blasenbildung an den Händen im Wachbecken des Badezimmers durch und hänge die Klamotten zur Trocknung in einen Baum vor dem Hostel.
Nun will ich Frühsport machen, schwimmen gehen und zum offiziellen Check-out um 11:00 wieder im Hostel sein. Wenn ich Glück habe, dann darf ich meine Sachen bis zum Abend hier stehen lassen, denn mein Flug zurück nach Berlin geht erst am frühen Morgen des Folgetages. Da es sich nicht lohnt für eine weitere Nacht ein Zimmer zu zahlen, will ich abends auf dem Flughafen schlafen. Schon jetzt merke ich, dass ich in der vergangenen Nacht zu gut geschlafen habe, um heute Nacht am Flughafen problemlos einschlafen zu können. Nur faulenzen und ein wenig spazieren gehen kommt also nicht in Frage. Der Tag will gefüllt werden; nur wie?
Am Strand angekommen und ein paar Ertüchtigungs- und Schwimmübungen später gerate ich, beeinflusst durch das rege Treiben am Strand, in meinen übliche Tatendrang. Jaffas schmaler Strandabschnitt mit seinem hübschen Abwasserrohr und einigen zwielichtigen Gestalten scheint morgens weniger Rentner und Familien anzuziehen, als vielmehr Partytouristen, Sportler, Lifestyleopfer und Schulschwänzer. Gemein ist ihnen, dass sie sich und alle anderen Anwesenden mit lauter Musik aus Bluetooth-Boxen beschallen.
Was in Deutschland eher einer gewissen Bevölkerungsgruppe, der man mit etwas Kulanz gerade noch „Haupt im Kopp zu haben“ zugestehen kann, vorbehalten ist, scheint hier zum normalen Alltag der jungen Menschen zu gehören. Wumm, Wumm, Wumm, Utz, Utz, Utz.
Mir dünkt, dass ich an meinem letzten Tag in Tel Aviv wenig Lust habe mir nochmals die zwar lebensfrohe, aber meiner Berliner Heimat doch sehr ähnlichen Bevölkerung anzugucken. Vielmehr wäre es spannend in eine der vielen Satellitenstädte zu fahren und einen Einblick auf das Leben fernab touristischer Hotspots zu werfen. Als Sozialarbeiter ist man ja immer auch ein kleines Stückchen Soziologe und als alter Skateboarder sowieso an abseitiger Infrastruktur interessiert.
Apropos Reha; wo ist die überhaupt? Vielleicht war es ja bereits ihre letzte Ölung. Jedenfalls sehe ich sie nirgends. Wahrscheinlich ist sie noch damit beschäftigt jemanden zu bequatschen ihr aus dem Bett zu helfen, oder ist gar den Weg alles Fleischlichen gegangen. Genug davon hätte sie ja. Wie auch immer. Eines ist jedenfalls gewiss: Morgenstund hat Toastbrot, eine schale Mischung aus Margarine und Butter und billige Marmelade im Mund. Es gibt auch etwas Milk & Honey, dünnen Kaffee, Tee, ein paar lieblos geschnippelte Gurkenscheiben und als Bonus stark reduziertes Hummus, von dem sich jeder nur einen kleinen Kleks zu nehmen traut. Alle Hostelgäste scheinen gut erzogen, denn das bisschen Kichererbsenpaste, was sich in der Schüssel befindet wird von den Frühstückenden beständig halbiert. Als ich an der Reihe bin, ist noch etwa ein Sechszehntel in der Schale. Ich reduziere dieses auf ein Zweiunddreißigstel und beobachte den nach mir folgenden Spanier, wie er daraus ein Vierundsechzigstel macht. Seine Freundin halbiert nochmals auf ein Einhundertachtundzwanzigstel. Dann ein Zweihundertsechsundfünfzigstel, dann ein Fünfhundertzwölftel und so weiter und so fort. Wie schön wäre es, wenn wir an dieser Schale gemeinsam eine Kernspaltung vornehmen würden.
Besser als mit einem großen Knall kann ich mir das Ende meines Urlaubs nicht vorstellen. Bevor es dazu kommt, durchbricht ein hungriger Israeli das manierliche Treiben, indem er mit seinem Toastbrot die Schale gründlich leer wischt und so dem israelischen Militär die vermeintliche Vorlage für einen atomaren Zweitschlag gegen den Iran nimmt.
Immer diese verpassten Chancen und „müden Clauswitze“.
Zurück in der Realität wäge ich meine Optionen ab. Ich will auf jeden Fall Wäsche waschen, weil ich nur ungerne dreckige Klamotten mit nach Hause nehme. So wringe ich mit einer ordentlichen Portion Duschgel meine Klamotten bis zur Blasenbildung an den Händen im Wachbecken des Badezimmers durch und hänge die Klamotten zur Trocknung in einen Baum vor dem Hostel.
Nun will ich Frühsport machen, schwimmen gehen und zum offiziellen Check-out um 11:00 wieder im Hostel sein. Wenn ich Glück habe, dann darf ich meine Sachen bis zum Abend hier stehen lassen, denn mein Flug zurück nach Berlin geht erst am frühen Morgen des Folgetages. Da es sich nicht lohnt für eine weitere Nacht ein Zimmer zu zahlen, will ich abends auf dem Flughafen schlafen. Schon jetzt merke ich, dass ich in der vergangenen Nacht zu gut geschlafen habe, um heute Nacht am Flughafen problemlos einschlafen zu können. Nur faulenzen und ein wenig spazieren gehen kommt also nicht in Frage. Der Tag will gefüllt werden; nur wie?
Am Strand angekommen und ein paar Ertüchtigungs- und Schwimmübungen später gerate ich, beeinflusst durch das rege Treiben am Strand, in meinen übliche Tatendrang. Jaffas schmaler Strandabschnitt mit seinem hübschen Abwasserrohr und einigen zwielichtigen Gestalten scheint morgens weniger Rentner und Familien anzuziehen, als vielmehr Partytouristen, Sportler, Lifestyleopfer und Schulschwänzer. Gemein ist ihnen, dass sie sich und alle anderen Anwesenden mit lauter Musik aus Bluetooth-Boxen beschallen.
Was in Deutschland eher einer gewissen Bevölkerungsgruppe, der man mit etwas Kulanz gerade noch „Haupt im Kopp zu haben“ zugestehen kann, vorbehalten ist, scheint hier zum normalen Alltag der jungen Menschen zu gehören. Wumm, Wumm, Wumm, Utz, Utz, Utz.
Mir dünkt, dass ich an meinem letzten Tag in Tel Aviv wenig Lust habe mir nochmals die zwar lebensfrohe, aber meiner Berliner Heimat doch sehr ähnlichen Bevölkerung anzugucken. Vielmehr wäre es spannend in eine der vielen Satellitenstädte zu fahren und einen Einblick auf das Leben fernab touristischer Hotspots zu werfen. Als Sozialarbeiter ist man ja immer auch ein kleines Stückchen Soziologe und als alter Skateboarder sowieso an abseitiger Infrastruktur interessiert.
Seit vielen Jahren mache ich etwa
einmal im Jahr mit meiner Skateboardgang einen Trip in eine uns unbekannte Stadt.
Wir haben es uns zur Gewohnheit gemacht dort nach dem Frühstück mit einem
öffentliche Verkehrsmittel zu einer Endstation im erweiterten Stadtgebiet zu
fahren und dann Pi mal Daumen mit dem Skateboard zurück zum Stadtzentrum zu rollen.
Unterwegs wird alles mitgenommen, was sich irgendwie mit dem Skateboard zu
bearbeiten eignet. So lernt man die Stadt von seiner teils hässlichen, aber umso
authentischeren Seite kennen und kommt mit der Normalbevölkerung in Kontakt.
Zwar erlebt man vielleicht nicht mehr, als ein normaler Tourist, dafür aber
eindeutig andere Dinge, die ich oftmals als interessanter empfinde.
Gerne erinnere ich mich an einige kuriose Situationen zurück, wie z.B. den spießig angezogenen Mittvierziger-Typen, der uns in Sofia an einer U-Bahnstation beobachtete und beständig nervös zu uns herüberguckte. Dabei nestelte nervös an seinem Handy herum und fotografierte uns mehrmals. Das war so auffällig, dass wir schnell Notiz von ihm nahmen. Nachdem wir uns einig waren, dass er ein Wutbürger war, der die Polizei gerufen und Beweisfotos gemacht hat und nun ausharrt, um uns bis zu deren Eintreffen zu beobachten, packten wir unsere Sachen ein und hauten ab. Er fuhr daraufhin auf seinem Fahrrad hinter uns her, immer noch mit dem Handy in der Hand. Irgendwann kam ich mir zu blöd vor dieses Katz- und Mausspiel weiterzuführen, hielt an und stellte den Typen zur Rede. Er, mit einer Mischung aus betretenem Ertapptsein und offenkundiger Erleichterung, artikulierte sich in gebrochenem Englisch und zeigt mir unvermittelt ein pixeliges Video auf seinem Handy. Es stellte sich dann heraus, dass er in den 1990er Jahren Bulgarischer Meister im Einradfahren war und im Skateboarding Parallelen zu seinem Sport sah, sich aber nicht traute uns anzusprechen. Mittlerweile fanden sich auch meine Homies ein und guckten sich die Einradfotos an. Nach einigen erleichterten und amüsierten Floskeln schlugen wir gemeinsam ein und rollen unserer Wege.
Derartige Anekdoten könnte ich Zuhauf erzählen und würde mich nun freuen zum Beispiel im klanghaften „Rishon Lezion“ Ähnliches zu erleben. Genug Angriffsfläche biete ich ja.
Wie ich so gedankenverloren zurück zum Hostel laufe, fällt mir im Augenwinkel eines der hässlichen, aber allgegenwärtigen Mietfahrräder ins Auge, welches mit offensichtlich geknacktem Schloss am Wegesrand steht.
Für mich ist klar; ein Geschenk des Himmels. Ich habe mich bereits mit dem Flugzeug, dem Zug, dem Bus, PKWs und zu Fuß fortbewegt. Habe einen Skateboardtrick gefilmt und beinahe einen Liegefahrradfahrer gekillt. Da wäre es doch blöd, wenn ich das Portfolio nicht noch um einen zünftigen Ritt auf einem Drahtesel erweitern würde. Dieses ist fortbewegungstechnisch eh mein angestammtes Habitat. Also kassiere ich die Schese skrupellos ein und beschließe heute noch nach Rishon Lezion zu radeln.
Zurück am Hostel ist meine Wäsche zwar noch nicht getrocknet. Beim Abhängen merke ich, dass mein geliebtes Skate-Crew-T-Shirt geklaut worden ist. Da folgt die Strafe der Fahrradentwendung gleich auf dem Fuße.
Ich überlege kurz, ob ich meinem immerwährenden Optimismus, nun weniger schleppen zu müssen, dem Vorzug über der Trauer bezüglich des Verlusts zu geben und entscheide mich für Letzteres.
The only true love is crew love!
Wenigstens erlaubt mir die Besitzerin des Hostel die klamme Wäsche auf einem Heizkörper im Gepäckraum aufzuhängen. Auch meine Sachen kann ich bis zum Abend dort stehen lassen. Nachdem ich nun den hauswirtschaftlichen Teil des Tages beendet habe, kann ich mich der Fahrradtour widmen.
Gerne erinnere ich mich an einige kuriose Situationen zurück, wie z.B. den spießig angezogenen Mittvierziger-Typen, der uns in Sofia an einer U-Bahnstation beobachtete und beständig nervös zu uns herüberguckte. Dabei nestelte nervös an seinem Handy herum und fotografierte uns mehrmals. Das war so auffällig, dass wir schnell Notiz von ihm nahmen. Nachdem wir uns einig waren, dass er ein Wutbürger war, der die Polizei gerufen und Beweisfotos gemacht hat und nun ausharrt, um uns bis zu deren Eintreffen zu beobachten, packten wir unsere Sachen ein und hauten ab. Er fuhr daraufhin auf seinem Fahrrad hinter uns her, immer noch mit dem Handy in der Hand. Irgendwann kam ich mir zu blöd vor dieses Katz- und Mausspiel weiterzuführen, hielt an und stellte den Typen zur Rede. Er, mit einer Mischung aus betretenem Ertapptsein und offenkundiger Erleichterung, artikulierte sich in gebrochenem Englisch und zeigt mir unvermittelt ein pixeliges Video auf seinem Handy. Es stellte sich dann heraus, dass er in den 1990er Jahren Bulgarischer Meister im Einradfahren war und im Skateboarding Parallelen zu seinem Sport sah, sich aber nicht traute uns anzusprechen. Mittlerweile fanden sich auch meine Homies ein und guckten sich die Einradfotos an. Nach einigen erleichterten und amüsierten Floskeln schlugen wir gemeinsam ein und rollen unserer Wege.
Derartige Anekdoten könnte ich Zuhauf erzählen und würde mich nun freuen zum Beispiel im klanghaften „Rishon Lezion“ Ähnliches zu erleben. Genug Angriffsfläche biete ich ja.
Wie ich so gedankenverloren zurück zum Hostel laufe, fällt mir im Augenwinkel eines der hässlichen, aber allgegenwärtigen Mietfahrräder ins Auge, welches mit offensichtlich geknacktem Schloss am Wegesrand steht.
Für mich ist klar; ein Geschenk des Himmels. Ich habe mich bereits mit dem Flugzeug, dem Zug, dem Bus, PKWs und zu Fuß fortbewegt. Habe einen Skateboardtrick gefilmt und beinahe einen Liegefahrradfahrer gekillt. Da wäre es doch blöd, wenn ich das Portfolio nicht noch um einen zünftigen Ritt auf einem Drahtesel erweitern würde. Dieses ist fortbewegungstechnisch eh mein angestammtes Habitat. Also kassiere ich die Schese skrupellos ein und beschließe heute noch nach Rishon Lezion zu radeln.
Zurück am Hostel ist meine Wäsche zwar noch nicht getrocknet. Beim Abhängen merke ich, dass mein geliebtes Skate-Crew-T-Shirt geklaut worden ist. Da folgt die Strafe der Fahrradentwendung gleich auf dem Fuße.
Ich überlege kurz, ob ich meinem immerwährenden Optimismus, nun weniger schleppen zu müssen, dem Vorzug über der Trauer bezüglich des Verlusts zu geben und entscheide mich für Letzteres.
The only true love is crew love!
Wenigstens erlaubt mir die Besitzerin des Hostel die klamme Wäsche auf einem Heizkörper im Gepäckraum aufzuhängen. Auch meine Sachen kann ich bis zum Abend dort stehen lassen. Nachdem ich nun den hauswirtschaftlichen Teil des Tages beendet habe, kann ich mich der Fahrradtour widmen.
Tag 8, Teil II
Das Fahrrad ist die übelste Gurke.
Der Sitz lässt sich nicht richtig arretieren und rutscht alle drei Minuten nach
unten. Ich bin zwar nicht der Größte, mir mit meinen Knien im rhythmischen
Stakkato selber in die Fresse zu treten ist allerdings auch nicht so toll. Da
ich jedoch gerne zu Ende bringe, was ich anfange, halte ich an einer schäbigen
Autowerkstatt an und gebe einem handfesten Araber mit prächtig behaartem
Maurerdekolleté und komplettem Gesichtsbartschatten zu verstehen, dass ich
gerne einen Nagel in die haarlose Ritze zwischen Sattelschaft und Rohr schlagen
möchte, um das Rutschen zu unterbinden. Der Muselmann taxiert das zerschlagene
Schloss, versteht sofort und grinst mich, wohl dem eigenen Geschäftsgebaren
geschuldet, verschwörerisch an. Dann fragt er mich „Alemani?“, was ich auf Arabisch
bejahe: „Na´am!“.
Grinsend knufft er mir in die Seite sagt: „Hitler, good Man!“, zwinkert mir zu, relativiert dann aber sogleich mit: „Just a joke“ und wiehert laut drauf los. Mal wieder auf dem falschen Fuß erwischt lächle ich gequält und hoffe auf eine weniger humorvolle, denn handwerklich fundierte Fortführung unseres Zusammentreffens. Tatsächlich greift er nun hinter sich, holt einen Hammer und einen Metallstift hervor, weist mich an zurückzubleiben und kümmert sich selber um das Problem. Drei mächtige Schläge später sitzt der Stift wie angelötet und nichts rutscht mehr. Ich will dem Kollegen zehn NIS in die Hand drücken, was er aber fast schon als Beleidigung auffasst. Dafür erfreut er sich umso mehr daran meine Hand beim Händedrücken zu zerquetschen und mir kräftigst auf den Rücken zu Hauen. Guter Mann! Hätte sich früher sicherlich ganz passabel in Mohammed Amin al-Husseinis Leibstandarte gemacht. Dass kultur- und länderübergreifende Hilfe nicht immer politisch korrekt sein muss, haben paradoxerweise schon die Nazis gewusst. Tatsächlich gab es eine enge Verbindung zwischen al-Husseini, dem sogenannten Großmufti Jerusalems, und führenden Nationalsozialisten. Al Husseini wurde in Berlin hofiert und sorge für die Verbreitung moderner antisemitischer Verschwörungstheorien, wie die fiktiven Protokolle der Weisen von Zion, im Nahen Osten, die noch heute eine starke Wirkungsmacht haben und für den moslemischen Antisemitismus mitverantwortlich sind. Meinem behaarten Helfer hingegen attestiere ich lediglich einen deftigen Humor. Und dann plötzlich wird mir Alles klar. Es sind wieder mal die Haare. Was dem Juden das Brusthaar ist, sind dem Araber das Maurerdekolleté und der Bart. Das macht im Endergebnis 2-1 für die vermeintlich schwächere Seite. Aber nun passt auf! Ich bin geneigt zu sagen, dass das mehr als eine Haaresbreite Vorsprung ist, auch wenn sich dieser bezüglich des Israel-Palästina-Konflikts wohl eher in zeitlichen Dimensionen durch ha(a)rtnäckige Beha(a)rlichkeit auszahlt und weniger in waffenstarrer Dominanz. Als eindeutigen Beweis meiner Erkenntnis lass ich gerne das alte Sprichwort der Taliban: „Ihr habt die Uhren, wir haben die Zeit“ gelten. Nicht umsonst schmücken die Gesichter der Fanatiker die prächtigsten Bärte der Welt. Sogar in Pathologen-Kreisen wird gemunkelt, dass Osama Bin Ladens unversehrter Arsch, dank eines undurchdringlichen Dickichts seiner veritablen Arschbehaarung, den gezielten Schüssen des zweiten Mais 2011 getrotzt haben soll. Wir können von Glück sagen, das Adolf Hitler sich seinerzeit irrigerweise mit einem kleinen Stummelbart begnügt hat, Stalin mit metrosexueller Intimrasur seiner Zeit voraus war und bei Mao spätestens seit 1959 nicht nur auf den Feldern einfach nichts mehr nachwachsen wollte. Der Lösung der Weltformel einen Schritt näher gekommen und endlich mit einem angepassten Sattel gesegnet, kann ich in der sengenden Mittagssonne entspannt losradeln. Einen Sonnenstich habe ich offenkundig bereits. Also was soll`s!? In meiner Phantasie leben in Rishon Lezion all die russischstämmigen Israelis, die nach dem Ende der Sowjetunion emigriert sind und von denen es über eine halbe Millionen geben soll. Da ich noch nie in Russland war, hoffe ich so zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Rishon Lezion gehört zum sogenannten Gusch Dan, was übersetzt so viel bedeutet wie „großer Gürtel“ und ist mit gut 250000 Einwohner nach Haifa, Tel-Aviv und Jerusalem die drittgrößte Stadt Israels. In dem Abschnitt zwischen Tel-Aviv an der Küste, Haifa im Norden, Jerusalem im Osten und Ashkelon im Süden leben bei weitem die meisten Israelis. Ähnlich wie Tel-Aviv ist Rishon Lezion nicht historisch gewachsen, sondern wurde 1882 von russischen Juden gegründet, die der zunehmenden Pogromstimmung in ihrer Heimat entkommen wollten. Erst nach der Staatsgründung Israels und vor Allem durch die Emigration in der Zeit der Perestroika wuchs die Stadt zu ihrer jetzigen Größe heran. Dem raschen Bedarf an Wohnraum wurden – vielleicht sogar aus nostalgischer sowjetischer Verklärung heraus – grobe hässliche Betonklötze in Plattenbauweise entgegen gesetzt. In meinem ersten Jahr in Berlin bin ich oft alleine mit dem Fahrrad in die Hochsiedlungen Ostberlins gefahren und habe mich der mir befremdlichen Atmosphäre ausgesetzt. Noch heute faszinieren mich diese Orte menschlichen Pragmatismus und brutalisierter Materialnutzung. Um nach Rishon Lezion zu gelangen muss ich mich durch die Vororte Tel Avivs kämpfen. Diese tragen so klangvolle Namen wie Holon, oder Bat Yam und sehen total gleich aus. Einen Fahrradweg gibt es an der dicht befahrenen Hauptstraße nicht, so dass ich mich durch Seitenstraßen kämpfen muss. Hinter Jaffas Stadtgrenze gibt es mehrere kleinere zweistöckige Häuser mit begrünten Vorderhöfen. Die fast schon bürgerliche Gegend wird jedoch alsbald von fünfstöckigen und in die Tage gekommenen Mehrfamilienhäusern abgelöst. Beiden Gegenden gemein ist, dass überall Plakate hängen, auf denen ich vermeine Politiker auszumachen. Alle lächeln ein wunderbares Zahnpastalächeln und gucken ähnlich debil wie bereits ich auf vorherigen Stationen meines Urlaubes. Wird hier etwa bald gewählt? Um auf dem rechten Weg zu bleiben, muss ich nun auf die lochstichige Hauptstraße wechseln. Alle dreihundert Meter steht eine Bushaltestelle und alle fünfhundert Meter kommt ein kleiner Park mit Spielplatz. Planstadt pur. Gelegentlich gehen Seitenstraßen ab, an denen kleinere Geschäfte sind. Hauptsächlich dienen die beiden Orte aber als Wohnraum und es ist kaum etwas los. Ich halte in Holon an einem Einkaufszentrum und gönne mir ein zweites Frühstück. In einem Geschäft gibt es dutzende Sorten von Gebäck, welches nach Gewicht bezahlt wird. Dort kaufe ich mir kleine Teigtaschen, die einem Börek ähnlich mit Spinat und Schafskäse gefüllt sind. Dazu gibt es einen frisch geheckselten eiskalten Obstcocktail mit Melone, Papaya, Ananas und Erdbeeren. Ich lasse mich auf einer Parkbank nieder und beobachte die Szenerie. Um mich herum sind kaum junge Menschen zu sehen. Die scheinen alle zu arbeiten; schließlich ist ja ein Werktag und das teure Leben um die Mittelmeermetropole muss irgendwie bezahlt werden. Orthodox aussehende Menschen suche ich vergeblich. Hier gibt es hauptsächlich ältere Menschen, die Einkäufe in Plastiktüten durch die Gegend tragen, oder in Grüppchen herum sitzen und sich unterhalten. Wieder einmal würde ich gerne die Geschichten und Lebensleistungen dieser Menschen kennen, doch dafür reicht meine Zeit leider einfach nicht aus. Morgen Mittag, etwa zur gleiche Zeit wie jetzt, werde ich in Berlin aus dem Flugzeug steigen, vorerst den kleinen Staat Israel hinter mir lassen und mich, bis auf ein paar Erinnerungen und Fotos wieder gänzlich meinem Alltag hingeben. Vielleicht ist es mir deswegen so wichtig am meinem letzten Tag ein Stückchen „Normalität“ des israelischen Alltags, fernab von touristischen Routen zu erleben. Einfach um mir nochmals zu bestätigen, dass hier, entgegen aller Vorurteile, Ressentiments und Glorifizierungen, einfach nur verdammt noch mal ganz stinknormale Menschen wohnen, die ähnliche Probleme haben, wie an sie von sich Zuhause kennt. Hinter Holon führt die Straße durch ein nicht enden wollendes Industriegebiet mit riesigen Einkaufszentren, Baumärkten, Baustoffhändlern etc. Über mir kreisen Flugzeuge im Tiefflug, die die beiden Flughäfen Tel Avivs ansteuern und brennt die Mittagssonne. Zwar fahre ich mittlerweile auf einem Bürgersteig, aber dieser geht auf und ab und mein Hintern und Rücken beginnen auf dem starren Fahrradrahmen an zu schmerzen. Wer Russland sehen will muss leiden, dass haben bereits Napoleon und ein paar Deutsche zu spüren bekommen. Der Rest ist Geschichte. Hinter dem Industriegebiet endet die Straße in einer mächtigen T-Kreuzung, die in ost-westlicher Richtung verläuft. Die querende Straße ist nach Moshe Dajan benannt, einem ehemaligen Militär und Politiker, der für seine markigen Worte und Augenklappe bekannt war und im Sechs-Tage-Krieg als Verteidigungsminister für die raschen Erfolge verantwortlich war. Sechs Jahre später wurde Israel im sogenannten Jom-Kippur-Krieg abermals von Ägypten und Syrien angegriffen und geriet auf Grund von Fehleinschätzungen hinsichtlich des Bedrohungspotentials ins Hintertreffen. Im Jom-Kippur-Krieg hätte sich das Blatt beinahe gegen die Israelis gewendet und es wäre kaum vorzustellen, was passiert wäre, hätten die arabischen Armeen das Land eingenommen. Glücklicherweise konnte Dajan sich rappeln und die israelische Armee das Blatt wenden, so dass auch dieser Krieg gewonnen wurde. Weitere sechs Jahre später handelte der Ex-Militär als Außenminister den Friedensvertrag mit Ägypten aus und gilt somit als ein weiterer Held und Identifikationsfigur für diese kleine Nation.
In diesem Zusammenhang darf Golda Meir nicht unerwähnt bleiben. Diese war ab 1969 erste weibliche Regierungschefin von Israel und nach Sirimavo Bandaranaike in Sri Lanka und Indira Ghandi in Indien die dritte frei gewählte Regierungschefin der Welt. Zwar musste sie in Folge der Ereignisse des Jom-Kippur-Krieges zurücktreten, galt aber auf Grund ihrer Härte und Zähigkeit schon zu Ben Gurions Zeiten als „einziger richtiger Mann“ in seinem Kabinett.
Heute sind Frauen, allem israelischen Machismo zum Trotz, relativ fest in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Militär etabliert, was für mich einmal mehr der Beweis ist, wie schützenswert der Staat inmitten von undemokratischen und teils zutiefst menschenverachtenden Regimes ist. Das macht den Staat im Vergleich zu anderen Staaten jedoch nicht zum Primus Immer wieder wird das Land durch Korruptionsskandale, die bis in die höchsten Kreise von Politik, Verbrechen und Wirtschaft reichen, erschüttert. Auch wenn es unabhängige Gerichte gibt, die ungehindert Anklage erheben, maße ich mir an zu fragen, warum die Menschen hier so anfällig für Machenschaften diversester Art sind. Vielleicht ist es „the Spirit of the Levante“?!
The Spirit of the Levante. So könnte ich doch meinen Drahtesel nennen. Oh ja!
The Spirit of the Levante, kurz „Spirit“ trägt mich auf seinen 14 Zoll Vollgummireifen weiter gen Rishon Lezion. Der Moshe Dajan Boulevard ist zwar breit gebaut, doch der Verkehr nun etwas verhaltener. Dafür ist die Infrastruktur komplett neu. Es gibt einen eigenen Fahrrad- und Fußgängerweg. Doch außer mir sind nur vereinzelt ältere Menschen mit Elektorädern, die mich und Spirit allesamt mühelos überholen und ein paar Garten- und Landschaftsbauer zu Gange, die einen Wall, der den Boulavard von einer modernen Wohngegend abgrenzt, begrünen. Alles kommt mir planstabsmäßig umgesetzt vor. Nichts wird dem Zufall überlassen. Alle paar Hundert Meter ein Park mit Spielplatz, einer Sportertüchtigungsanlage, kleinen Gewässern und Ruhezonen. Dazwischen die immer gleich aussehenden Mehrfamilienhäuser. Menschen sind hingegen weiterhin nur spärlich auszumachen. Die sind wohl auch hier alle am Arbeiten, in der Kita, oder in der Schule. Mein Handy zeigt mir an, dass es nun nicht mehr weit bis zum Stadtzentrum ist.
Grinsend knufft er mir in die Seite sagt: „Hitler, good Man!“, zwinkert mir zu, relativiert dann aber sogleich mit: „Just a joke“ und wiehert laut drauf los. Mal wieder auf dem falschen Fuß erwischt lächle ich gequält und hoffe auf eine weniger humorvolle, denn handwerklich fundierte Fortführung unseres Zusammentreffens. Tatsächlich greift er nun hinter sich, holt einen Hammer und einen Metallstift hervor, weist mich an zurückzubleiben und kümmert sich selber um das Problem. Drei mächtige Schläge später sitzt der Stift wie angelötet und nichts rutscht mehr. Ich will dem Kollegen zehn NIS in die Hand drücken, was er aber fast schon als Beleidigung auffasst. Dafür erfreut er sich umso mehr daran meine Hand beim Händedrücken zu zerquetschen und mir kräftigst auf den Rücken zu Hauen. Guter Mann! Hätte sich früher sicherlich ganz passabel in Mohammed Amin al-Husseinis Leibstandarte gemacht. Dass kultur- und länderübergreifende Hilfe nicht immer politisch korrekt sein muss, haben paradoxerweise schon die Nazis gewusst. Tatsächlich gab es eine enge Verbindung zwischen al-Husseini, dem sogenannten Großmufti Jerusalems, und führenden Nationalsozialisten. Al Husseini wurde in Berlin hofiert und sorge für die Verbreitung moderner antisemitischer Verschwörungstheorien, wie die fiktiven Protokolle der Weisen von Zion, im Nahen Osten, die noch heute eine starke Wirkungsmacht haben und für den moslemischen Antisemitismus mitverantwortlich sind. Meinem behaarten Helfer hingegen attestiere ich lediglich einen deftigen Humor. Und dann plötzlich wird mir Alles klar. Es sind wieder mal die Haare. Was dem Juden das Brusthaar ist, sind dem Araber das Maurerdekolleté und der Bart. Das macht im Endergebnis 2-1 für die vermeintlich schwächere Seite. Aber nun passt auf! Ich bin geneigt zu sagen, dass das mehr als eine Haaresbreite Vorsprung ist, auch wenn sich dieser bezüglich des Israel-Palästina-Konflikts wohl eher in zeitlichen Dimensionen durch ha(a)rtnäckige Beha(a)rlichkeit auszahlt und weniger in waffenstarrer Dominanz. Als eindeutigen Beweis meiner Erkenntnis lass ich gerne das alte Sprichwort der Taliban: „Ihr habt die Uhren, wir haben die Zeit“ gelten. Nicht umsonst schmücken die Gesichter der Fanatiker die prächtigsten Bärte der Welt. Sogar in Pathologen-Kreisen wird gemunkelt, dass Osama Bin Ladens unversehrter Arsch, dank eines undurchdringlichen Dickichts seiner veritablen Arschbehaarung, den gezielten Schüssen des zweiten Mais 2011 getrotzt haben soll. Wir können von Glück sagen, das Adolf Hitler sich seinerzeit irrigerweise mit einem kleinen Stummelbart begnügt hat, Stalin mit metrosexueller Intimrasur seiner Zeit voraus war und bei Mao spätestens seit 1959 nicht nur auf den Feldern einfach nichts mehr nachwachsen wollte. Der Lösung der Weltformel einen Schritt näher gekommen und endlich mit einem angepassten Sattel gesegnet, kann ich in der sengenden Mittagssonne entspannt losradeln. Einen Sonnenstich habe ich offenkundig bereits. Also was soll`s!? In meiner Phantasie leben in Rishon Lezion all die russischstämmigen Israelis, die nach dem Ende der Sowjetunion emigriert sind und von denen es über eine halbe Millionen geben soll. Da ich noch nie in Russland war, hoffe ich so zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Rishon Lezion gehört zum sogenannten Gusch Dan, was übersetzt so viel bedeutet wie „großer Gürtel“ und ist mit gut 250000 Einwohner nach Haifa, Tel-Aviv und Jerusalem die drittgrößte Stadt Israels. In dem Abschnitt zwischen Tel-Aviv an der Küste, Haifa im Norden, Jerusalem im Osten und Ashkelon im Süden leben bei weitem die meisten Israelis. Ähnlich wie Tel-Aviv ist Rishon Lezion nicht historisch gewachsen, sondern wurde 1882 von russischen Juden gegründet, die der zunehmenden Pogromstimmung in ihrer Heimat entkommen wollten. Erst nach der Staatsgründung Israels und vor Allem durch die Emigration in der Zeit der Perestroika wuchs die Stadt zu ihrer jetzigen Größe heran. Dem raschen Bedarf an Wohnraum wurden – vielleicht sogar aus nostalgischer sowjetischer Verklärung heraus – grobe hässliche Betonklötze in Plattenbauweise entgegen gesetzt. In meinem ersten Jahr in Berlin bin ich oft alleine mit dem Fahrrad in die Hochsiedlungen Ostberlins gefahren und habe mich der mir befremdlichen Atmosphäre ausgesetzt. Noch heute faszinieren mich diese Orte menschlichen Pragmatismus und brutalisierter Materialnutzung. Um nach Rishon Lezion zu gelangen muss ich mich durch die Vororte Tel Avivs kämpfen. Diese tragen so klangvolle Namen wie Holon, oder Bat Yam und sehen total gleich aus. Einen Fahrradweg gibt es an der dicht befahrenen Hauptstraße nicht, so dass ich mich durch Seitenstraßen kämpfen muss. Hinter Jaffas Stadtgrenze gibt es mehrere kleinere zweistöckige Häuser mit begrünten Vorderhöfen. Die fast schon bürgerliche Gegend wird jedoch alsbald von fünfstöckigen und in die Tage gekommenen Mehrfamilienhäusern abgelöst. Beiden Gegenden gemein ist, dass überall Plakate hängen, auf denen ich vermeine Politiker auszumachen. Alle lächeln ein wunderbares Zahnpastalächeln und gucken ähnlich debil wie bereits ich auf vorherigen Stationen meines Urlaubes. Wird hier etwa bald gewählt? Um auf dem rechten Weg zu bleiben, muss ich nun auf die lochstichige Hauptstraße wechseln. Alle dreihundert Meter steht eine Bushaltestelle und alle fünfhundert Meter kommt ein kleiner Park mit Spielplatz. Planstadt pur. Gelegentlich gehen Seitenstraßen ab, an denen kleinere Geschäfte sind. Hauptsächlich dienen die beiden Orte aber als Wohnraum und es ist kaum etwas los. Ich halte in Holon an einem Einkaufszentrum und gönne mir ein zweites Frühstück. In einem Geschäft gibt es dutzende Sorten von Gebäck, welches nach Gewicht bezahlt wird. Dort kaufe ich mir kleine Teigtaschen, die einem Börek ähnlich mit Spinat und Schafskäse gefüllt sind. Dazu gibt es einen frisch geheckselten eiskalten Obstcocktail mit Melone, Papaya, Ananas und Erdbeeren. Ich lasse mich auf einer Parkbank nieder und beobachte die Szenerie. Um mich herum sind kaum junge Menschen zu sehen. Die scheinen alle zu arbeiten; schließlich ist ja ein Werktag und das teure Leben um die Mittelmeermetropole muss irgendwie bezahlt werden. Orthodox aussehende Menschen suche ich vergeblich. Hier gibt es hauptsächlich ältere Menschen, die Einkäufe in Plastiktüten durch die Gegend tragen, oder in Grüppchen herum sitzen und sich unterhalten. Wieder einmal würde ich gerne die Geschichten und Lebensleistungen dieser Menschen kennen, doch dafür reicht meine Zeit leider einfach nicht aus. Morgen Mittag, etwa zur gleiche Zeit wie jetzt, werde ich in Berlin aus dem Flugzeug steigen, vorerst den kleinen Staat Israel hinter mir lassen und mich, bis auf ein paar Erinnerungen und Fotos wieder gänzlich meinem Alltag hingeben. Vielleicht ist es mir deswegen so wichtig am meinem letzten Tag ein Stückchen „Normalität“ des israelischen Alltags, fernab von touristischen Routen zu erleben. Einfach um mir nochmals zu bestätigen, dass hier, entgegen aller Vorurteile, Ressentiments und Glorifizierungen, einfach nur verdammt noch mal ganz stinknormale Menschen wohnen, die ähnliche Probleme haben, wie an sie von sich Zuhause kennt. Hinter Holon führt die Straße durch ein nicht enden wollendes Industriegebiet mit riesigen Einkaufszentren, Baumärkten, Baustoffhändlern etc. Über mir kreisen Flugzeuge im Tiefflug, die die beiden Flughäfen Tel Avivs ansteuern und brennt die Mittagssonne. Zwar fahre ich mittlerweile auf einem Bürgersteig, aber dieser geht auf und ab und mein Hintern und Rücken beginnen auf dem starren Fahrradrahmen an zu schmerzen. Wer Russland sehen will muss leiden, dass haben bereits Napoleon und ein paar Deutsche zu spüren bekommen. Der Rest ist Geschichte. Hinter dem Industriegebiet endet die Straße in einer mächtigen T-Kreuzung, die in ost-westlicher Richtung verläuft. Die querende Straße ist nach Moshe Dajan benannt, einem ehemaligen Militär und Politiker, der für seine markigen Worte und Augenklappe bekannt war und im Sechs-Tage-Krieg als Verteidigungsminister für die raschen Erfolge verantwortlich war. Sechs Jahre später wurde Israel im sogenannten Jom-Kippur-Krieg abermals von Ägypten und Syrien angegriffen und geriet auf Grund von Fehleinschätzungen hinsichtlich des Bedrohungspotentials ins Hintertreffen. Im Jom-Kippur-Krieg hätte sich das Blatt beinahe gegen die Israelis gewendet und es wäre kaum vorzustellen, was passiert wäre, hätten die arabischen Armeen das Land eingenommen. Glücklicherweise konnte Dajan sich rappeln und die israelische Armee das Blatt wenden, so dass auch dieser Krieg gewonnen wurde. Weitere sechs Jahre später handelte der Ex-Militär als Außenminister den Friedensvertrag mit Ägypten aus und gilt somit als ein weiterer Held und Identifikationsfigur für diese kleine Nation.
In diesem Zusammenhang darf Golda Meir nicht unerwähnt bleiben. Diese war ab 1969 erste weibliche Regierungschefin von Israel und nach Sirimavo Bandaranaike in Sri Lanka und Indira Ghandi in Indien die dritte frei gewählte Regierungschefin der Welt. Zwar musste sie in Folge der Ereignisse des Jom-Kippur-Krieges zurücktreten, galt aber auf Grund ihrer Härte und Zähigkeit schon zu Ben Gurions Zeiten als „einziger richtiger Mann“ in seinem Kabinett.
Heute sind Frauen, allem israelischen Machismo zum Trotz, relativ fest in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Militär etabliert, was für mich einmal mehr der Beweis ist, wie schützenswert der Staat inmitten von undemokratischen und teils zutiefst menschenverachtenden Regimes ist. Das macht den Staat im Vergleich zu anderen Staaten jedoch nicht zum Primus Immer wieder wird das Land durch Korruptionsskandale, die bis in die höchsten Kreise von Politik, Verbrechen und Wirtschaft reichen, erschüttert. Auch wenn es unabhängige Gerichte gibt, die ungehindert Anklage erheben, maße ich mir an zu fragen, warum die Menschen hier so anfällig für Machenschaften diversester Art sind. Vielleicht ist es „the Spirit of the Levante“?!
The Spirit of the Levante. So könnte ich doch meinen Drahtesel nennen. Oh ja!
The Spirit of the Levante, kurz „Spirit“ trägt mich auf seinen 14 Zoll Vollgummireifen weiter gen Rishon Lezion. Der Moshe Dajan Boulevard ist zwar breit gebaut, doch der Verkehr nun etwas verhaltener. Dafür ist die Infrastruktur komplett neu. Es gibt einen eigenen Fahrrad- und Fußgängerweg. Doch außer mir sind nur vereinzelt ältere Menschen mit Elektorädern, die mich und Spirit allesamt mühelos überholen und ein paar Garten- und Landschaftsbauer zu Gange, die einen Wall, der den Boulavard von einer modernen Wohngegend abgrenzt, begrünen. Alles kommt mir planstabsmäßig umgesetzt vor. Nichts wird dem Zufall überlassen. Alle paar Hundert Meter ein Park mit Spielplatz, einer Sportertüchtigungsanlage, kleinen Gewässern und Ruhezonen. Dazwischen die immer gleich aussehenden Mehrfamilienhäuser. Menschen sind hingegen weiterhin nur spärlich auszumachen. Die sind wohl auch hier alle am Arbeiten, in der Kita, oder in der Schule. Mein Handy zeigt mir an, dass es nun nicht mehr weit bis zum Stadtzentrum ist.
Tag 8, Teil III
Um in die Innenstadt Rishon Lezions
zu gelangen, muss ich über eine große Autobahnbrücke fahren. Oben angekommen
hat man eine gute Aussicht über das Umland. Soweit das Auge reicht sehe ich im
strohigen Licht des heißen und trockenen Tages Baustellen und Häuser. Von
Berlin bin ich mit Baulärm, Baustellen, Lastern etc. bestens vertraut, doch
Israel stellt meinen Wohnort diesbezüglich locker in den Schatten. Überall,
wirklich überall entstehen Häuser. Mal in schlichter Plattenbauweise, mal in parkähnlichen
Anlagen mit ausladender Architektur. Unter mir rauschen die Betonmischer und
LKWs mit Baumaschinen und Werkstoffen. Israel wächst beständig. Kein Wunder, dass
Netanjahu auf großkotzige Rhetorik setzt bezüglich des Ausbaus weiterer
Siedlungen und der Annexion Teile des Westjordanlandes.
Ich nehme die enge Kurve hinab in die Stadt und fahre entlang der Autobahn durch einen Park und an Sportstätten vorbei. Nach wenigen Minuten erreiche den Rothschild Boulevard und folge diesem bis zum Stadtzentrum. Dieses besteht im weitesten Sinne aus einer großen Einkaufsmall, einem Kulturzentrum, einem Park und einer Stadthalle.
Jetzt haben Spirit und ich uns einen Drink verdient. Da ich leider kein Kettenöl auftreiben kann, muss sich mein treues Pferd mit einem Keks unter einem Baum begnügen. Für mich gibt es ein weiteres Mal das braungoldene und mit Koffein und Unmengen von Zucker versetzte Wässerchen des Lebens. Prost Spirit! Prost Rishon Lezion, Prost Israel! Ein paar kräftige und dezent hervor gepresste Rülpser später mache ich mich an die Observation. Da ich keine Zeitung und Schere zum Löcher schneiden dabei habe versuche ich es mit dem Paradox und schaue möglichst aufgeschlossen über den weiten Platz. Eventuell fühlt sich ja jemands angesprochen und setzt sich zu mir. Um mich herum ist jedoch nur mäßig emsiges Treiben auszumachen. Besonders russisch sieht es hier nicht aus. Noch nicht mal der verwahrloste Bettler am Eingang des Einkaufszentrums macht den wodkaschwangeren Eindruck einer allen Unwägbarkeiten des Lebens unterworfenen russischen Demütigkeit. Sind Juden nicht nur die besseren Menschen, sondern auch die besseren Penner? Die Stadt wirkt irgendwie ziemlich brav und langweilig. Voll tote Hose hier. Einzig ein Auto mit Lautsprecher bringt etwas Leben in die Tristesse des frühen Nachmittags. Ich drehe mich um und sehe, dass es sich dabei um Wahlwerbung für einen unbestimmten Kandidaten handeln muss. Ich checke mein Handy, gebe Israel und Wahl ein und finde heraus, dass in wenigen Tagen die Kommunalwahlen stattfinden, bei denen die Israelis die Bürgermeister ihrer 251 Städte und Kommunen wählen. Insbesondere in den vier größten Städten, zu denen auch Rishon Lezion gehört, wird der Ausgang der Wahl mit Spannung erwartet, da man von einer Signalwirkung für die kommenden Parlamentswahl im Jahr 2019 ausgeht, bei denen sich zeigen wird, ob es Bibi Netanjahu, trotz laufender Korruptionsverfahren gegen ihn und seine Frau, schafft, eine weitere Amtszeit zu erlangen und das Land somit gegebenenfalls noch weiter nach rechts rückt. Immer diese Politik. Noch nicht mal bei einer ganz banalen Suche nach Russen hat man davor seine Ruhe. Chert poberi! Aber immer mit der Ruhe. So kann man seinen letzten Urlaubstag auch verbringen: In einer x-beliebigen Innenstadt auf einem Platz abhängen, den Kopf in den Nacken legen, die Augen schließen und sich dem Nichts hingeben. Om! Und was passiert, wenn man sich dem Nichts hingibt und von allen Erwartungen frei macht? Richtig! Meist passiert dann etwas Bedeutendes. Nur leider nicht auf dem Platz vor dem Einkaufszentrum in Rishon Lezion. Sprich, um etwas Leben in die Bude zu bekommen, muss ich selber aktiv werden. Da ich mich brennend für eine Meinung zur kommenden Kommunalwahl interessiere, beschließe ich mir einen jungen Menschen heraus zu picken, der nach Student, oder anderweitig der Beherrschung der englischen Sprache aussieht. Kaum habe ich den Gedanken zu Ende geführt, läuft auch schon ein Pärchen auf mich zu und setzt sich eine Bank neben mich. Ich drehe mich zu ihnen und frage ungeniert auf Englisch, ob sie Einheimische wären und ich ihnen ein paar Fragen zu ihren Lebensumständen in Israel stellen dürfe. Überrascht und etwas überrumpelt haben sie keine Einwände, vermögen aber mit einer Gegenfrage zu kontern, die ich bereits gut erprobt beantworte: „I am from Berlin!“. „Ah Berlin, cool! We were there last summer! We love Berlin...“ Aus Berlin zu kommen scheint auch so eine Art Persilschein zu sein. Nachdem wir uns gegenseitig die Großartigkeit unserer Heimaten versichert haben, entwickelt sich ein Gespräch zwischen mir und den beiden aufgeschlossenen jungen Menschen. Nora und Zvi studieren Marketing und Business-Administration an der Universität von Rishon Lezion. Nora ist Russin mit jüdischem Background und studiert und lebt seit drei Jahren in Israel. Zvis Eltern sind vor gut zwanzig Jahren mit ihrem kleinen Sohn nach Israel emigriert. Kennengelernt hätten sie sich an der Universität und seien seit zwei Jahren ein Paar. Gerne würden sie in Tel Aviv leben, aber die Lebenshaltungskosten wären selbst in Rishon Lezion so hoch, dass sie immer noch im Studentenwohnheim wohnen, obwohl sie gerne zusammenziehen würden. Ich frage nach den Wahlen und schnell stellt sich heraus, dass beide politisch eher links zu stehen scheinen. Nora will sich aber keine abschließende Meinung zur Politik des Landes erlauben, da sie nur hier studiere und keine Staatsbürgerschaft habe. Zvi poltert dafür ordentlich drauf los. In Israel würde die Politik schon seit Jahrzehnten im Grunde genommen von immer den gleichen Menschen gemacht, nur dass diese ab und zu die Parteien wechseln, oder Neue gründen würden. Es herrsche Stillstand und fehle an frischen Ideen und jungen Politikern. Er wird seine Stimme einem Kandidaten der Grünen geben und habe große Hoffnung, dass dieser den aktuellen und bereits seit vielen Jahren amtierenden Bürgermeister ablöse. Das Land brauche aber insgesamt einen Wandel, da es sonst irgendwann genauso autokratisch regiert würde, wie seine Nachbarstaaten, denen es sich immer mehr annähere. Leider fehle es an einer konstruktiven Opposition, oder gar einer Partei, oder Koalition, die der amtierenden rechtskonservativen Regierung die Stirn bieten könne. Die EU diene ihm als Beispiel einer funktionalen multistaatlichen Gefüges, in denen verschiedene Länder und Kulturen miteinander auskommen und funktionieren können. Deutschland sei für ihn das Paradebeispiel eines modernen demokratischen Staates. Ich erzähle von meinen bedrückenden Erlebnissen in Hebron und frage, warum er denkt, dass insbesondere die jungen Palästinenser die Juden so hassen würden.
Gleich anfangs erwähnt Zvi, dass ein Vorfall in Hebron, der weltweite Aufmerksamkeit erregte, in die Zeit seines Wehrdienstes fiel. Im März 2016 stachen zwei Palästinenser auf einen israelischen Soldaten ein, verletzten diesen schwer und wurden anschließend von anderen Soldaten angeschossen. Der Sanitätsoffizier Elor Azaria versorgte den verletzten Kameraden und tötete daraufhin ohne Not den wehrlos am Boden liegenden Palästinenser Abdel Fattah al Sharif mit einem Kopfschuss. Der Vorfall wurde von einem Nachbarn gefilmt und an die israelische Menschenrechtsorganisation B`Tselem weiterleitete. Diese machte das Video publik und es kam zu einer weltweiten Welle der Entrüstung.
Auch Zvi und seine Kameraden hätten den Vorfall ausgiebig diskutiert und er sei zu der Überzeugung gekommen, dass er ein solches Verhalten; vor allem, weil der Täter in Folge zwar wegen Totschlags verurteilt wurde, jedoch schon neun Monate später wieder entlassen wurde, als unmenschlich ansehe und derartige Aktionen seinem Land nicht dienlich seien, auch wenn es natürlich eine beständige Gefahr durch Attentate gäbe. Vielmehr sei es die Pflicht der Armee und des Landes Israels humanistisches Handeln zu repräsentieren, denn nur so würde man auf der Welt glaubwürdig auftreten können und als Rechtsstaat glaubhaft bleiben.
Vielleicht seien Aktionen wie diese mitverantwortlich, warum Isa und ich in Hebron nur hasserfüllte Kommentare gegenüber Juden erhalten haben. Darüber hinaus sehe er die Besatzungspolitik als weitestgehend Schuld an der negativen Stimmung. Derzeit tue Israel alles dafür diesen Konflikt anzuheizen und an eine Zweistaatenlösung glaube niemand mehr. Womit wir auch schon bei Israels amtierenden Ministepräsidenten Benjamin Netanjahu angelangt sind.
Mit Netanjahus und seiner Partei Likud verbinde er eine weitere Verschlechterung dieses Images. Zwar brumme die Wirtschaft, aber die Außenwirkung des Landes leide ungemein.
Er sei nach dem Wehrdienst ein gutes Jahr lang gereist und sei oft von anderen, nicht israelischen Touristen, in Diskussionen um Menschenrechte etc. verstrickt worden. Dort habe er in einem Zwiespalt gestanden, weil er einerseits die Politik des Landes gegenüber den Palästinensern schlecht heiße, aber eben auch starke Heimatgefühle hege und diese verteidigen wollte. Bibi, wie er den Präsidenten im Weiteren nennt, sei weitestgehend nur seinem Ego und seinen eigenen Interessen verpflichtet. Sicherlich, Bibi sei ein glühender Patriot, wisse sich aber vor allem politisch geschickt in Szene zu setzen, um seine Machtgier zu befriedigen. Israel werde das auf lange Sicht nicht gut tun und das sei nicht der einzige Grund, warum viele junge und gut ausgebildete Menschen über einen Wegzug nachdächten.
Also weiter im Text mit den Lebensbedingungen der gemeine Israelis. Auch diesbezüglich ist Zvi wütend. Neben dem Studium arbeite er in einem Handyladen und als Mädchen für alles in einer Baufirma. Als z.B. Account-Manager bei einem lokalen Unternehmen würde er mit einem Master als Einsteiger umgerechnet 1600€ verdienen. Wie soll er von diesem Geld ein normales Leben führen? Vom Kinderbekommen ganz zu schweigen. Alleine die Miete für ein kleines Appartement würde über die Hälfte des Gehalts kosten. Für den Urlaub nach Berlin im letzten Jahr hätten er und Nora ein ganzes Jahr lang sparen müssen. Sowieso würden sie überlegen wegzuziehen. Berlin sei ihre erste Wahl.
Als Zvi von Berlin erzählt, klinkt sich auch Nora wieder in das Gespräch ein und tauscht mit mir die Mail-Adresse. Typische Rollenverteilung. Die Männer reden großspurig über Politik daher und die Frauen kümmern sich um die sozialen Dinge. Irgendwann habe ich die beiden genug ausgequetscht und Zvi scheint sichtlich außer Atem gekommen, vom ganzen Gerede. Also verabschieden wir uns herzlich und verbleiben, dass sie sich bei mir melden, falls es tatsächlich zu einem Umzug nach Berlin kommen sollte. Kurz bevor ich mich auf Spirit schwinge fällt mir noch ein, dass ich gar nicht gefragt habe, was denn die ganzen Russen so machen, die ich hier vermutet habe. Auf meine Frage hin gucken sich die beiden an und zucken mit den Schultern. „No idea… Maybe working? What do you think what they should do?“
Tja, was habe ich eigentlich gedacht? Vielleicht Wodka trinken? Schlägereien beim Autofahren anzetteln? Oder mit Hämmern auf defekten komplexen technischen Geräten einschlagen?
So ist das mit den Vorurteilen. Kam traut man sich auf fremdes Territorium und kommt mit Menschen in Kontakt, verflüchtigen diese sich meist von alleine. Danke Nora und Zvi für diese Erkenntnis.
Ich nehme die enge Kurve hinab in die Stadt und fahre entlang der Autobahn durch einen Park und an Sportstätten vorbei. Nach wenigen Minuten erreiche den Rothschild Boulevard und folge diesem bis zum Stadtzentrum. Dieses besteht im weitesten Sinne aus einer großen Einkaufsmall, einem Kulturzentrum, einem Park und einer Stadthalle.
Jetzt haben Spirit und ich uns einen Drink verdient. Da ich leider kein Kettenöl auftreiben kann, muss sich mein treues Pferd mit einem Keks unter einem Baum begnügen. Für mich gibt es ein weiteres Mal das braungoldene und mit Koffein und Unmengen von Zucker versetzte Wässerchen des Lebens. Prost Spirit! Prost Rishon Lezion, Prost Israel! Ein paar kräftige und dezent hervor gepresste Rülpser später mache ich mich an die Observation. Da ich keine Zeitung und Schere zum Löcher schneiden dabei habe versuche ich es mit dem Paradox und schaue möglichst aufgeschlossen über den weiten Platz. Eventuell fühlt sich ja jemands angesprochen und setzt sich zu mir. Um mich herum ist jedoch nur mäßig emsiges Treiben auszumachen. Besonders russisch sieht es hier nicht aus. Noch nicht mal der verwahrloste Bettler am Eingang des Einkaufszentrums macht den wodkaschwangeren Eindruck einer allen Unwägbarkeiten des Lebens unterworfenen russischen Demütigkeit. Sind Juden nicht nur die besseren Menschen, sondern auch die besseren Penner? Die Stadt wirkt irgendwie ziemlich brav und langweilig. Voll tote Hose hier. Einzig ein Auto mit Lautsprecher bringt etwas Leben in die Tristesse des frühen Nachmittags. Ich drehe mich um und sehe, dass es sich dabei um Wahlwerbung für einen unbestimmten Kandidaten handeln muss. Ich checke mein Handy, gebe Israel und Wahl ein und finde heraus, dass in wenigen Tagen die Kommunalwahlen stattfinden, bei denen die Israelis die Bürgermeister ihrer 251 Städte und Kommunen wählen. Insbesondere in den vier größten Städten, zu denen auch Rishon Lezion gehört, wird der Ausgang der Wahl mit Spannung erwartet, da man von einer Signalwirkung für die kommenden Parlamentswahl im Jahr 2019 ausgeht, bei denen sich zeigen wird, ob es Bibi Netanjahu, trotz laufender Korruptionsverfahren gegen ihn und seine Frau, schafft, eine weitere Amtszeit zu erlangen und das Land somit gegebenenfalls noch weiter nach rechts rückt. Immer diese Politik. Noch nicht mal bei einer ganz banalen Suche nach Russen hat man davor seine Ruhe. Chert poberi! Aber immer mit der Ruhe. So kann man seinen letzten Urlaubstag auch verbringen: In einer x-beliebigen Innenstadt auf einem Platz abhängen, den Kopf in den Nacken legen, die Augen schließen und sich dem Nichts hingeben. Om! Und was passiert, wenn man sich dem Nichts hingibt und von allen Erwartungen frei macht? Richtig! Meist passiert dann etwas Bedeutendes. Nur leider nicht auf dem Platz vor dem Einkaufszentrum in Rishon Lezion. Sprich, um etwas Leben in die Bude zu bekommen, muss ich selber aktiv werden. Da ich mich brennend für eine Meinung zur kommenden Kommunalwahl interessiere, beschließe ich mir einen jungen Menschen heraus zu picken, der nach Student, oder anderweitig der Beherrschung der englischen Sprache aussieht. Kaum habe ich den Gedanken zu Ende geführt, läuft auch schon ein Pärchen auf mich zu und setzt sich eine Bank neben mich. Ich drehe mich zu ihnen und frage ungeniert auf Englisch, ob sie Einheimische wären und ich ihnen ein paar Fragen zu ihren Lebensumständen in Israel stellen dürfe. Überrascht und etwas überrumpelt haben sie keine Einwände, vermögen aber mit einer Gegenfrage zu kontern, die ich bereits gut erprobt beantworte: „I am from Berlin!“. „Ah Berlin, cool! We were there last summer! We love Berlin...“ Aus Berlin zu kommen scheint auch so eine Art Persilschein zu sein. Nachdem wir uns gegenseitig die Großartigkeit unserer Heimaten versichert haben, entwickelt sich ein Gespräch zwischen mir und den beiden aufgeschlossenen jungen Menschen. Nora und Zvi studieren Marketing und Business-Administration an der Universität von Rishon Lezion. Nora ist Russin mit jüdischem Background und studiert und lebt seit drei Jahren in Israel. Zvis Eltern sind vor gut zwanzig Jahren mit ihrem kleinen Sohn nach Israel emigriert. Kennengelernt hätten sie sich an der Universität und seien seit zwei Jahren ein Paar. Gerne würden sie in Tel Aviv leben, aber die Lebenshaltungskosten wären selbst in Rishon Lezion so hoch, dass sie immer noch im Studentenwohnheim wohnen, obwohl sie gerne zusammenziehen würden. Ich frage nach den Wahlen und schnell stellt sich heraus, dass beide politisch eher links zu stehen scheinen. Nora will sich aber keine abschließende Meinung zur Politik des Landes erlauben, da sie nur hier studiere und keine Staatsbürgerschaft habe. Zvi poltert dafür ordentlich drauf los. In Israel würde die Politik schon seit Jahrzehnten im Grunde genommen von immer den gleichen Menschen gemacht, nur dass diese ab und zu die Parteien wechseln, oder Neue gründen würden. Es herrsche Stillstand und fehle an frischen Ideen und jungen Politikern. Er wird seine Stimme einem Kandidaten der Grünen geben und habe große Hoffnung, dass dieser den aktuellen und bereits seit vielen Jahren amtierenden Bürgermeister ablöse. Das Land brauche aber insgesamt einen Wandel, da es sonst irgendwann genauso autokratisch regiert würde, wie seine Nachbarstaaten, denen es sich immer mehr annähere. Leider fehle es an einer konstruktiven Opposition, oder gar einer Partei, oder Koalition, die der amtierenden rechtskonservativen Regierung die Stirn bieten könne. Die EU diene ihm als Beispiel einer funktionalen multistaatlichen Gefüges, in denen verschiedene Länder und Kulturen miteinander auskommen und funktionieren können. Deutschland sei für ihn das Paradebeispiel eines modernen demokratischen Staates. Ich erzähle von meinen bedrückenden Erlebnissen in Hebron und frage, warum er denkt, dass insbesondere die jungen Palästinenser die Juden so hassen würden.
Gleich anfangs erwähnt Zvi, dass ein Vorfall in Hebron, der weltweite Aufmerksamkeit erregte, in die Zeit seines Wehrdienstes fiel. Im März 2016 stachen zwei Palästinenser auf einen israelischen Soldaten ein, verletzten diesen schwer und wurden anschließend von anderen Soldaten angeschossen. Der Sanitätsoffizier Elor Azaria versorgte den verletzten Kameraden und tötete daraufhin ohne Not den wehrlos am Boden liegenden Palästinenser Abdel Fattah al Sharif mit einem Kopfschuss. Der Vorfall wurde von einem Nachbarn gefilmt und an die israelische Menschenrechtsorganisation B`Tselem weiterleitete. Diese machte das Video publik und es kam zu einer weltweiten Welle der Entrüstung.
Auch Zvi und seine Kameraden hätten den Vorfall ausgiebig diskutiert und er sei zu der Überzeugung gekommen, dass er ein solches Verhalten; vor allem, weil der Täter in Folge zwar wegen Totschlags verurteilt wurde, jedoch schon neun Monate später wieder entlassen wurde, als unmenschlich ansehe und derartige Aktionen seinem Land nicht dienlich seien, auch wenn es natürlich eine beständige Gefahr durch Attentate gäbe. Vielmehr sei es die Pflicht der Armee und des Landes Israels humanistisches Handeln zu repräsentieren, denn nur so würde man auf der Welt glaubwürdig auftreten können und als Rechtsstaat glaubhaft bleiben.
Vielleicht seien Aktionen wie diese mitverantwortlich, warum Isa und ich in Hebron nur hasserfüllte Kommentare gegenüber Juden erhalten haben. Darüber hinaus sehe er die Besatzungspolitik als weitestgehend Schuld an der negativen Stimmung. Derzeit tue Israel alles dafür diesen Konflikt anzuheizen und an eine Zweistaatenlösung glaube niemand mehr. Womit wir auch schon bei Israels amtierenden Ministepräsidenten Benjamin Netanjahu angelangt sind.
Mit Netanjahus und seiner Partei Likud verbinde er eine weitere Verschlechterung dieses Images. Zwar brumme die Wirtschaft, aber die Außenwirkung des Landes leide ungemein.
Er sei nach dem Wehrdienst ein gutes Jahr lang gereist und sei oft von anderen, nicht israelischen Touristen, in Diskussionen um Menschenrechte etc. verstrickt worden. Dort habe er in einem Zwiespalt gestanden, weil er einerseits die Politik des Landes gegenüber den Palästinensern schlecht heiße, aber eben auch starke Heimatgefühle hege und diese verteidigen wollte. Bibi, wie er den Präsidenten im Weiteren nennt, sei weitestgehend nur seinem Ego und seinen eigenen Interessen verpflichtet. Sicherlich, Bibi sei ein glühender Patriot, wisse sich aber vor allem politisch geschickt in Szene zu setzen, um seine Machtgier zu befriedigen. Israel werde das auf lange Sicht nicht gut tun und das sei nicht der einzige Grund, warum viele junge und gut ausgebildete Menschen über einen Wegzug nachdächten.
Also weiter im Text mit den Lebensbedingungen der gemeine Israelis. Auch diesbezüglich ist Zvi wütend. Neben dem Studium arbeite er in einem Handyladen und als Mädchen für alles in einer Baufirma. Als z.B. Account-Manager bei einem lokalen Unternehmen würde er mit einem Master als Einsteiger umgerechnet 1600€ verdienen. Wie soll er von diesem Geld ein normales Leben führen? Vom Kinderbekommen ganz zu schweigen. Alleine die Miete für ein kleines Appartement würde über die Hälfte des Gehalts kosten. Für den Urlaub nach Berlin im letzten Jahr hätten er und Nora ein ganzes Jahr lang sparen müssen. Sowieso würden sie überlegen wegzuziehen. Berlin sei ihre erste Wahl.
Als Zvi von Berlin erzählt, klinkt sich auch Nora wieder in das Gespräch ein und tauscht mit mir die Mail-Adresse. Typische Rollenverteilung. Die Männer reden großspurig über Politik daher und die Frauen kümmern sich um die sozialen Dinge. Irgendwann habe ich die beiden genug ausgequetscht und Zvi scheint sichtlich außer Atem gekommen, vom ganzen Gerede. Also verabschieden wir uns herzlich und verbleiben, dass sie sich bei mir melden, falls es tatsächlich zu einem Umzug nach Berlin kommen sollte. Kurz bevor ich mich auf Spirit schwinge fällt mir noch ein, dass ich gar nicht gefragt habe, was denn die ganzen Russen so machen, die ich hier vermutet habe. Auf meine Frage hin gucken sich die beiden an und zucken mit den Schultern. „No idea… Maybe working? What do you think what they should do?“
Tja, was habe ich eigentlich gedacht? Vielleicht Wodka trinken? Schlägereien beim Autofahren anzetteln? Oder mit Hämmern auf defekten komplexen technischen Geräten einschlagen?
So ist das mit den Vorurteilen. Kam traut man sich auf fremdes Territorium und kommt mit Menschen in Kontakt, verflüchtigen diese sich meist von alleine. Danke Nora und Zvi für diese Erkenntnis.
Tag 8, Teil III
Schön, wie sich die Dinge manchmal
von alleine zu fügen scheinen und nebenbei noch die Funken der Erkenntnis fliegen.
Der Trip nach Rischon Lezion war trotz aller Strapazen ein voller Erfolg.
Doch jetzt will ich zurück nach Tel-Aviv. Dafür habe ich mir von Google-Maps einen Weg berechnen lassen, der mit dem Hinweg einen ovalen Kreis beschließt. Leider müssen Spirit und ich schon bald feststellen, dass fast der gesamte Weg entlang der Autobahn zu führen scheint. Zuerst geht es noch neben dieser her und ich hege die Hoffnung, dass es so bleibt, doch dann endet der Fahrradstreifen abrupt im Nichts und es geht nur auf dem Seitenstreifen weiter. Normalerweise ist die App bei Fahrradrouten innerhalb Deutschlands äußerst pingelig und würde den Anwender niemals über Autobahnen, oder gar Bundesstraßen ohne ausgewiesenen Fahrradweg leiten. In Israel scheint das anders zu sein. Da ich mich in einem relativen Niemandsland aus Feldern und Brachen befinde, gibt es auch keinen alternativen Weg, auf den ich ausweichen könnte. Umdrehen kommt ebenfalls nicht in Frage, denn dann würde ich entweder die sechs Spuren und den Mittelstreifen der beiden Fahrbahnen überqueren, oder aber auf dem Seitenstreifen entgegen dem Verkehr zurück fahren müssen. Darauf habe ich absolut keine Lust. Gehörig am Zweifeln, werde ich plötzlich von einem helmlosen Mann auf einem Elektrorad überholt. Hoffnung und neuer Mut keinem in mir auf. Was der sich erlaubt, dass erlaube ich mir natürlich erst Recht! Außerdem beschließe ich, dass es auch die Polizei nicht zu jucken scheint. Und wenn doch, dann kann ich ja einmal mehr dumm grinsen, auf Tourist machen und auf die blöde App verweisen, die mich hier hin geschickt hat. Demnach Zähne zusammen beißen, Spirit die Sporen geben und voran! So ziehen in der nächsten Viertelstunde „Wruuuuuuuuhhhhm“ und „Ziiiiiisch “ dutzende von LKWs und PKWs direkt an mir vorbei. Niemand in den Autos scheint davon Notiz zu nehmen, dass sich irgendein Volltrottel auf einem viel zu kleinen Mietfahrrad neben ihnen auf dem Seitenstreifen abmüht. Normale israelische Härte eben. Dennoch ist es ein unangenehmes Gefühl hier zu fahren, da insbesondere die Ausfahrten mindestens zweihundert Meter lang sind und keinen Seitenstreifen haben. So muss ich auf der ersten Spur der Autos fahren und besondere Vorsicht walten lassen. Ein heikles und nervöses Unterfangen. Auch ist es nicht möglich von der Autobahn abzubiegen und durch Seitenstraßen gen Innenstadt zu fahren, da es keine Seitenstraßen gibt. Links neben mir befindet sich zwar die Siedlung Ben Gurion, diese endet laut App jedoch abrupt und einzig an einer weiteren Autobahn Richtung Tel-Aviv. Auf der rechten Seite erstrecken sich nur Felder und ein paar abgeschottete Industriegebiete. Mehr aus Verzweiflung, denn Überzeugung beschließe ich, dass ich die Autofahrer Kraft meiner Intuition spüren lassen werde, dass sie sich lieber nicht mit mir und Spirit anlegen sollten. Wir! Werden! Heil! Von! Der! Autobahn! Herunter! Kommen! In diesem Sinne: Hüh Spirit, Hüh! Nach einigen sich endlos anfühlenden Kilometern bin ich nicht interessanterweise mehr der einzige Radfahrer. Zwei weitere Wahnsinnige haben sich zu mir gesellt. Sagte ich doch bereits. Normale israelische Härte und mal wieder alles richtig gemacht. Strike! Gibt es Schöneres für einen Mann, als sich wegen eines dämlichen, aber aufgegangenen Plans selbst abzufeiern?! Dann tut sich endlich eine Siedlung auf und gewährt den Fahrradfahrern die ersehnte Abfahrt. Nun geht es gemächlicher auf einem ganz normalen Fahrradweg zurück zum Hostel. Erleichtert radle ich weiter und lasse den Tag Revue passieren. Werden Nora und Zvi wirklich das Land verlassen? Werde ich sie irgendwann zufällig in Berlin treffen? Steuert Israel zukünftig weiter nach rechts? Steht zumindest einem größeren Teil der kritischen israelischen Bevölkerung eine weitere Diaspora bevor? Wie wird sich das gesellschaftliche Klima in Europa und der westlichen Welt langfristig gegenüber den Juden entwickeln? Gäbe das modernen Formen des Antisemitismus weitere Nahrung? In Gedanken versunken gerate ich zu weit nach links und realisiere, dass es sich um die ausgewiesene Gegenfahrbahn des zweispurigen Fahrradweges handelt. Nur knapp und durch einen großartigen Reflex von Spirit entkomme ich einem Zusammenstoß mit einem E-Scooter-Fahrer. Dieser echauffiert sich zu Recht mit einem bösen und langgestreckten „Heeey“. Bereits zu einem gewissen Teil mit der Streitkultur der Menschen auf diesem kargen und doch so fruchtbaren Landstrich vertraut und durch den Fahrradfahrstil eh schon voll und ganz assimiliert drehe ich mich wider besserer Manieren, dafür aber mit vollstem Provokationsgehabe um, zeige mit Mittel- und Zeigefinger auf meine Augen und brülle dem Kontrahenten ein „Take a look“ entgegen. Der zu Recht Pikierte hält inne und zischt mir boshafte Laute mit auffällig vielen harten Konsonanten und Sch- und Ch-Lauten zu. Ich sehe lieber schnell zu, dass ich den Netanjahu mache und Land gewinne. Grinsend und voll von paradoxer Genugtuung ob der gerechtfertigten Schelte des Scooterfahrers gelange ich halbwegs geläutert und nicht mehr vom rechten Wege abkommend nach vier Stunden zurück zum Hostel. Da ich kein Fahrradschloss habe, schiebe ich Spirit in das Gebüsch neben dem Eingang. Später will ich mit meinem treuen Weggefährten einen letzten Ritt zur Bahnstation tätigen und ihn dort frei lassen. Ich lasse mir mein Gepäck geben und fahre für ein letztes Bad an einen ruhigeren Strandabschnitt im Grenzgebiet von Jaffa- und Tel Aviv. Dort verknote ich Spirit und meine Habseligkeiten mit den Trägern des Rucksacks an einer im Sand steckenden Stange und springe in das Mittelmeer. Zum einen, um mich bis zu meiner heimischen Wohnung an dem verwegenen Gefühl einer urlaubsschweren Salzkruste am Körper ergötzen zu können, zum anderen, um den Schweiß der Tour nach Rishon Lezion abzuspülen.
Die Erinnerungen und Eindrücke der vergangenen acht Tage indes werde ich weder abwaschen können, noch wollen. Zu eindrücklich und nachhaltig wirken sie in mir weiter. Zwar war die vergangene Woche an Tagen überschaubar, an Inhalten dafür aber umso reichlicher gefüllt. Blicke ich zurück auf meine Vorstellungen und Ideale bezüglich Israels, die ich hatte, als ich vor über zehn Jahren ein junger Student war und vergleiche diese mit meinem jetzigen Bild, dann fallen mir relativ wenige, aber doch entscheidende Unterschiede auf. Der Markanteste ist wohl darin begründet, dass ich mich dem Land als Mensch angenähert habe und weniger als Technokrat der Ausgeburten meiner idealisierten Phantasie.
Mir ist gewahr geworden wie wichtig der persönliche Kontakt ist, um andere Menschen zu verstehen und sich gegenseitig Wert beizumessen. Unabhängig von politischen Überzeugungen, kulturellen Abstammungen, oder Identitäten.
Lerne die Menschen kennen, begegne ihnen mit Wertschätzung, lass dich ein wenig auf Sie ein, sei authentisch, unvoreingenommen und schon kommst du ihnen ein Stück näher und wirst mit ebendiesem vergolten.
So einfach ist das und doch so schwer.
Gegen 19:00 Uhr gönne ich mir eine letzte Falafel und kaufe ein Tunfisch-Sandwich für das morgige Frühstück vor dem Boarding. Wenn ich nachher auf dem Flughafen ankomme, werde ich meine mir ein ruhiges Plätzchen suchen, um ein wenig zu schlafen, bevor es um 06:05 Uhr zurück nach Berlin geht.
Innerlich bin ich bereits wieder am Rechnen. Wenn ich vielleicht vier Stunden am Flughafen schlafe und dann noch ein, oder zwei Stunden im Flugzeug schaffe, dann... Ach, lassen wir das… Ich bin ja schließlich noch im Urlaub.
Eine Stunde später fahren wir zum auserkorenen Bahnhof. Dort stelle ich Spirit mitten auf der Brücke ab, gebe ihm einen freundschaftlichen Klaps auf die Flanke, sage Lebe wohl und wende mich dem Ticketschalter zu und kaufe eine Fahrkarte zum Flughafen. Bevor ich die Rolltreppe zum Gleis nehme, drehe ich mich ein letztes Mal zu meinem Araberhengst mit israelischer Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis um. Stolz und erhaben steht „the Spirit of the Levante“ im goldenen Licht der israelischen Abendsonne und harrt geduldig, ausdauernd und zäh der Dinge die da kommen mögen.
Doch jetzt will ich zurück nach Tel-Aviv. Dafür habe ich mir von Google-Maps einen Weg berechnen lassen, der mit dem Hinweg einen ovalen Kreis beschließt. Leider müssen Spirit und ich schon bald feststellen, dass fast der gesamte Weg entlang der Autobahn zu führen scheint. Zuerst geht es noch neben dieser her und ich hege die Hoffnung, dass es so bleibt, doch dann endet der Fahrradstreifen abrupt im Nichts und es geht nur auf dem Seitenstreifen weiter. Normalerweise ist die App bei Fahrradrouten innerhalb Deutschlands äußerst pingelig und würde den Anwender niemals über Autobahnen, oder gar Bundesstraßen ohne ausgewiesenen Fahrradweg leiten. In Israel scheint das anders zu sein. Da ich mich in einem relativen Niemandsland aus Feldern und Brachen befinde, gibt es auch keinen alternativen Weg, auf den ich ausweichen könnte. Umdrehen kommt ebenfalls nicht in Frage, denn dann würde ich entweder die sechs Spuren und den Mittelstreifen der beiden Fahrbahnen überqueren, oder aber auf dem Seitenstreifen entgegen dem Verkehr zurück fahren müssen. Darauf habe ich absolut keine Lust. Gehörig am Zweifeln, werde ich plötzlich von einem helmlosen Mann auf einem Elektrorad überholt. Hoffnung und neuer Mut keinem in mir auf. Was der sich erlaubt, dass erlaube ich mir natürlich erst Recht! Außerdem beschließe ich, dass es auch die Polizei nicht zu jucken scheint. Und wenn doch, dann kann ich ja einmal mehr dumm grinsen, auf Tourist machen und auf die blöde App verweisen, die mich hier hin geschickt hat. Demnach Zähne zusammen beißen, Spirit die Sporen geben und voran! So ziehen in der nächsten Viertelstunde „Wruuuuuuuuhhhhm“ und „Ziiiiiisch “ dutzende von LKWs und PKWs direkt an mir vorbei. Niemand in den Autos scheint davon Notiz zu nehmen, dass sich irgendein Volltrottel auf einem viel zu kleinen Mietfahrrad neben ihnen auf dem Seitenstreifen abmüht. Normale israelische Härte eben. Dennoch ist es ein unangenehmes Gefühl hier zu fahren, da insbesondere die Ausfahrten mindestens zweihundert Meter lang sind und keinen Seitenstreifen haben. So muss ich auf der ersten Spur der Autos fahren und besondere Vorsicht walten lassen. Ein heikles und nervöses Unterfangen. Auch ist es nicht möglich von der Autobahn abzubiegen und durch Seitenstraßen gen Innenstadt zu fahren, da es keine Seitenstraßen gibt. Links neben mir befindet sich zwar die Siedlung Ben Gurion, diese endet laut App jedoch abrupt und einzig an einer weiteren Autobahn Richtung Tel-Aviv. Auf der rechten Seite erstrecken sich nur Felder und ein paar abgeschottete Industriegebiete. Mehr aus Verzweiflung, denn Überzeugung beschließe ich, dass ich die Autofahrer Kraft meiner Intuition spüren lassen werde, dass sie sich lieber nicht mit mir und Spirit anlegen sollten. Wir! Werden! Heil! Von! Der! Autobahn! Herunter! Kommen! In diesem Sinne: Hüh Spirit, Hüh! Nach einigen sich endlos anfühlenden Kilometern bin ich nicht interessanterweise mehr der einzige Radfahrer. Zwei weitere Wahnsinnige haben sich zu mir gesellt. Sagte ich doch bereits. Normale israelische Härte und mal wieder alles richtig gemacht. Strike! Gibt es Schöneres für einen Mann, als sich wegen eines dämlichen, aber aufgegangenen Plans selbst abzufeiern?! Dann tut sich endlich eine Siedlung auf und gewährt den Fahrradfahrern die ersehnte Abfahrt. Nun geht es gemächlicher auf einem ganz normalen Fahrradweg zurück zum Hostel. Erleichtert radle ich weiter und lasse den Tag Revue passieren. Werden Nora und Zvi wirklich das Land verlassen? Werde ich sie irgendwann zufällig in Berlin treffen? Steuert Israel zukünftig weiter nach rechts? Steht zumindest einem größeren Teil der kritischen israelischen Bevölkerung eine weitere Diaspora bevor? Wie wird sich das gesellschaftliche Klima in Europa und der westlichen Welt langfristig gegenüber den Juden entwickeln? Gäbe das modernen Formen des Antisemitismus weitere Nahrung? In Gedanken versunken gerate ich zu weit nach links und realisiere, dass es sich um die ausgewiesene Gegenfahrbahn des zweispurigen Fahrradweges handelt. Nur knapp und durch einen großartigen Reflex von Spirit entkomme ich einem Zusammenstoß mit einem E-Scooter-Fahrer. Dieser echauffiert sich zu Recht mit einem bösen und langgestreckten „Heeey“. Bereits zu einem gewissen Teil mit der Streitkultur der Menschen auf diesem kargen und doch so fruchtbaren Landstrich vertraut und durch den Fahrradfahrstil eh schon voll und ganz assimiliert drehe ich mich wider besserer Manieren, dafür aber mit vollstem Provokationsgehabe um, zeige mit Mittel- und Zeigefinger auf meine Augen und brülle dem Kontrahenten ein „Take a look“ entgegen. Der zu Recht Pikierte hält inne und zischt mir boshafte Laute mit auffällig vielen harten Konsonanten und Sch- und Ch-Lauten zu. Ich sehe lieber schnell zu, dass ich den Netanjahu mache und Land gewinne. Grinsend und voll von paradoxer Genugtuung ob der gerechtfertigten Schelte des Scooterfahrers gelange ich halbwegs geläutert und nicht mehr vom rechten Wege abkommend nach vier Stunden zurück zum Hostel. Da ich kein Fahrradschloss habe, schiebe ich Spirit in das Gebüsch neben dem Eingang. Später will ich mit meinem treuen Weggefährten einen letzten Ritt zur Bahnstation tätigen und ihn dort frei lassen. Ich lasse mir mein Gepäck geben und fahre für ein letztes Bad an einen ruhigeren Strandabschnitt im Grenzgebiet von Jaffa- und Tel Aviv. Dort verknote ich Spirit und meine Habseligkeiten mit den Trägern des Rucksacks an einer im Sand steckenden Stange und springe in das Mittelmeer. Zum einen, um mich bis zu meiner heimischen Wohnung an dem verwegenen Gefühl einer urlaubsschweren Salzkruste am Körper ergötzen zu können, zum anderen, um den Schweiß der Tour nach Rishon Lezion abzuspülen.
Die Erinnerungen und Eindrücke der vergangenen acht Tage indes werde ich weder abwaschen können, noch wollen. Zu eindrücklich und nachhaltig wirken sie in mir weiter. Zwar war die vergangene Woche an Tagen überschaubar, an Inhalten dafür aber umso reichlicher gefüllt. Blicke ich zurück auf meine Vorstellungen und Ideale bezüglich Israels, die ich hatte, als ich vor über zehn Jahren ein junger Student war und vergleiche diese mit meinem jetzigen Bild, dann fallen mir relativ wenige, aber doch entscheidende Unterschiede auf. Der Markanteste ist wohl darin begründet, dass ich mich dem Land als Mensch angenähert habe und weniger als Technokrat der Ausgeburten meiner idealisierten Phantasie.
Mir ist gewahr geworden wie wichtig der persönliche Kontakt ist, um andere Menschen zu verstehen und sich gegenseitig Wert beizumessen. Unabhängig von politischen Überzeugungen, kulturellen Abstammungen, oder Identitäten.
Lerne die Menschen kennen, begegne ihnen mit Wertschätzung, lass dich ein wenig auf Sie ein, sei authentisch, unvoreingenommen und schon kommst du ihnen ein Stück näher und wirst mit ebendiesem vergolten.
So einfach ist das und doch so schwer.
Gegen 19:00 Uhr gönne ich mir eine letzte Falafel und kaufe ein Tunfisch-Sandwich für das morgige Frühstück vor dem Boarding. Wenn ich nachher auf dem Flughafen ankomme, werde ich meine mir ein ruhiges Plätzchen suchen, um ein wenig zu schlafen, bevor es um 06:05 Uhr zurück nach Berlin geht.
Innerlich bin ich bereits wieder am Rechnen. Wenn ich vielleicht vier Stunden am Flughafen schlafe und dann noch ein, oder zwei Stunden im Flugzeug schaffe, dann... Ach, lassen wir das… Ich bin ja schließlich noch im Urlaub.
Eine Stunde später fahren wir zum auserkorenen Bahnhof. Dort stelle ich Spirit mitten auf der Brücke ab, gebe ihm einen freundschaftlichen Klaps auf die Flanke, sage Lebe wohl und wende mich dem Ticketschalter zu und kaufe eine Fahrkarte zum Flughafen. Bevor ich die Rolltreppe zum Gleis nehme, drehe ich mich ein letztes Mal zu meinem Araberhengst mit israelischer Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis um. Stolz und erhaben steht „the Spirit of the Levante“ im goldenen Licht der israelischen Abendsonne und harrt geduldig, ausdauernd und zäh der Dinge die da kommen mögen.




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