ISRAEL-2018
Einleitung
Im
Oktober 1998 brach meine Mutter zu einer organisierten Urlaubsreise
nach Israel auf. Mir war das ganz Recht, bekam ich doch 20D-Mark pro Tag an Kostgeld und obendrein noch einen Bonus für
Eventualitäten aller Art. So verfügte ich über ein kleines, aber
feines Sümmchen an Kohle, kaufte davon ausschließlich sinnvolle Dinge, aß lediglich
Nudeln mit Ketchup, hatte Herbstferien, die Bude zur freien
Verfügung, konnte endlich ungestört von früh bis spät laute Musik
hören, Freunde einladen und anderen Schabernack treiben.
Zehn Tage später kam meine Mutter
begeistert von ihrer Reise zurück. Da ich mich jedoch in einer
spätpubertären Sturm und Drang Phase befand, interessierten mich ihre Erzählungen und Eindrücke herzlich wenig und ein
eigens angefertigtes Fotoalbum verschwand, von mir kurz überflogen, alsbald im Schrank und ward nicht mehr gesehen. Auch die mitgenommene
Süßspeise Halva blieb bestenfalls in ihrer Konsistenz als gewöhnungsbedürftig
und im Geschmack als exotisch bis kurz nach dem
gequälten Herunterwürgen im Gedächtnis.
Ich war 17 Jahre alt und es waren Zeiten der jugendlichen
Engstirnigkeit und Ignoranz.
In
den folgenden Jahren blieb Israel für mich höchstens durch die ein
paar gesponnene Verschwörungstheorien und Gerüchte über „die
Juden“, denen ich eher skeptisch gegenüber stand, die üblichen
Nachrichten zum Nahost-Konflikt, die ich gleichmütig zur Kenntnis
nahm, sowie gelegentliche Wiederholungen von "Eis am Stiel" im
Abendprogramm des Privatfernsehens, die mir nicht mal ansatzweise
eine Erektion, geschweige denn ein Lachen zu bescheren vermochten, in Erinnerung.
Kurzum; das Land war mir
ziemlich genauso egal, wie der Absatz japanischer Qualitätswaren
in Simbabwe, das Balzverhalten von Gottesanbeterinnen in zoologischer Gefangenschaft, oder dem sprichwörtlichen Umfallen des Besens in
China.
Im
Jahre 2005 rückte das Thema Israel und Judentum dann urplötzlich
mehr aus pragmatischen Erwägungen, denn aus Wissbegierde in meinen
Fokus. Ich studierte damals im ersten Semester "Soziale Arbeit"
an der ASFH. Bezüglich der zeitlichen Vereinbarung der
Pflichtveranstaltungen der Uni, der Organisation meiner Studentenjobs
und Freizeitbedürfnisse durfte ich nicht wählerisch sein und
belegte die sogenannte „Kultur-Werkstatt“ im Umfang von fünf
Semesterwochenstunden.
Hier
sollte mit Bild- und Tonaufzeichnungsequipment, sowie
Interview-Fragetechniken der Status quo zum Antisemitismus unter
jungen Moslems in Berlin aufgezeigt werden.
Da
mich Videokameras und Filmemachen seit geraumer Zeit interessierten
und die Veranstaltungen zeitlich günstig lagen, entschied ich mich
diese zu belegen. Inhaltlich fand ich mich zudem dort eher wieder als
bei „Puppenspiel für körperbehinderte Anorektiker“,
„genderspezifische Betrachtungen der Zwölftonmusik“, oder
anderen Kuriositäten aus dem Lehrkabinett zeitgenössischer
Universitäten mit geisteswissenschaftlichem Lehrplan.
Die
besagte Werkstatt lief über zwei Semester und die Studierenden
sollten in kleinen Teams Filme mit Interviews diverser Akteure und
Akteurinnen der pädagogischen und politischen Landschaft Berlins zum
Thema erstellen. Im Rahmen der Interviews und Dreharbeiten
beschäftigten wir uns eingehend mit den Themen
Shoa, Antisemitismus, Nah-Ost-Konflikt, Staatsgründung Israel etc.
und als braver Student begann ich mich ernsthafter damit auseinanderzusetzen.
Sicherlich
waren die Art der Darbietung der Inhalte seitens der Dozenten
tendenziös, jedoch empfand ich die folgende Entwicklung meiner
„philosemitischen“ Positionen zum Thema Israel etc. als relativ
frei und eine Reise dorthin erschien mir nur folgerichtig.
In
mir entstanden in dieser Zeit viele Bilder eines Landes, dass weniger
einer geographischen Region, bzw. einem politischen Gefüge, denn
einem Ort der Verheißung gleich kam; in dem sich der Wunsch etwas
Großem, Sinnstiftendem anzugehören, mit dem Reflex der Schuld und
Sühne mischten, in dem auch Phantasien von heroischen Gefühlen
Platz fanden.
Jaja, ich war jung und Student.
Aus
diversen Gründen kam es in den Folgejahren leider nicht zu einer
Reise nach Israel, mein Interesse schwankte zwar, geriet aber nie gänzlich aus dem Sinn.
Als
ich im Spätsommer 2014 endlich einen Flug mit Freunden nach Tel Aviv
antreten wollte, kam uns die „operation protecting edge“ in die
Quere; die Intervention der israelischen Armee gegen den andauernden
Beschuss mit Raketen aus dem Gaza-Streifen.
Wohl
durch die offiziellen Reisewarnungen verpflichtet, bot uns die
Airline an, die Tickets zu Gunsten von Gutscheinen, oder Umbuchungen
zu stornieren. Von meinen Kumpels überstimmt, flogen wir dann nach
Sofia und ich legte die Planung für unbestimmte Zeit bei Seite.
Da
ich in den vergangenen Jahren immer mehr Gefallen am alleinigen
Reisen gefunden hatte, entschied ich mich im Frühjahr 2018 endlich,
einen Flug für den kommenden Oktober zu buchen und diesen auch
anzutreten. Komme was da wolle!
Irgendwie
hatte ich das Gefühl und den Drang mit dieser Reise zumindest eine
der vielen Lücken zu schließen, die in meiner Lust nach
Entdeckungen und Erfahrungen klafften. Die in den Jahren dazu
gewonnene Reife sollte es mir hoffentlich ermöglichen einen
differenzierteren Blick zu entwickeln, als es mir zehn Jahre zuvor
möglich gewesen wäre.
So
kam es, dass ich Mitte Oktober 2018, bewaffnet mit einem Notizbuch,
vielen Erwartungen und offenen Gemüts, endlich eine ganze
Woche in Israel verbrachte – natürlich nicht ohne nochmal
Rücksprache mit meiner Mutter über ihre damaligen Erfahrungen zu
halten ;)
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