Dienstag, 23. Oktober 2018

ISRAEL 2018 - Einleitung Teil I



ISRAEL-2018

Einleitung

Im Oktober 1998 brach meine Mutter zu einer organisierten Urlaubsreise nach Israel auf. Mir war das ganz Recht, bekam ich doch 20D-Mark pro Tag an Kostgeld und obendrein noch einen Bonus für Eventualitäten aller Art. So verfügte ich über ein kleines, aber feines Sümmchen an Kohle, kaufte davon ausschließlich sinnvolle Dinge, aß lediglich Nudeln mit Ketchup, hatte Herbstferien, die Bude zur freien Verfügung, konnte endlich ungestört von früh bis spät laute Musik hören, Freunde einladen und anderen Schabernack treiben. 
Zehn Tage später kam meine Mutter begeistert von ihrer Reise zurück. Da ich mich jedoch in einer spätpubertären Sturm und Drang Phase befand, interessierten mich ihre Erzählungen und Eindrücke herzlich wenig und ein eigens angefertigtes Fotoalbum verschwand, von mir kurz überflogen, alsbald im Schrank und ward nicht mehr gesehen. Auch die mitgenommene Süßspeise Halva blieb bestenfalls in ihrer Konsistenz als gewöhnungsbedürftig und im Geschmack als exotisch bis kurz nach dem gequälten Herunterwürgen im Gedächtnis. 
Ich war 17 Jahre alt und es waren Zeiten der jugendlichen Engstirnigkeit und Ignoranz. 
In den folgenden Jahren blieb Israel für mich höchstens durch die ein paar gesponnene Verschwörungstheorien und Gerüchte über „die Juden“, denen ich eher skeptisch gegenüber stand, die üblichen Nachrichten zum Nahost-Konflikt, die ich gleichmütig zur Kenntnis nahm, sowie gelegentliche Wiederholungen von "Eis am Stiel" im Abendprogramm des Privatfernsehens, die mir nicht mal ansatzweise eine Erektion, geschweige denn ein Lachen zu bescheren vermochten, in Erinnerung.
Kurzum; das Land war mir ziemlich genauso egal, wie der Absatz japanischer Qualitätswaren in Simbabwe, das Balzverhalten von Gottesanbeterinnen in zoologischer Gefangenschaft, oder dem sprichwörtlichen Umfallen des Besens in China.
Im Jahre 2005 rückte das Thema Israel und Judentum dann urplötzlich mehr aus pragmatischen Erwägungen, denn aus Wissbegierde in meinen Fokus. Ich studierte damals im ersten Semester "Soziale Arbeit" an der ASFH. Bezüglich der zeitlichen Vereinbarung der Pflichtveranstaltungen der Uni, der Organisation meiner Studentenjobs und Freizeitbedürfnisse durfte ich nicht wählerisch sein und belegte die sogenannte „Kultur-Werkstatt“ im Umfang von fünf Semesterwochenstunden.
Hier sollte mit Bild- und Tonaufzeichnungsequipment, sowie Interview-Fragetechniken der Status quo zum Antisemitismus unter jungen Moslems in Berlin aufgezeigt werden.
Da mich Videokameras und Filmemachen seit geraumer Zeit interessierten und die Veranstaltungen zeitlich günstig lagen, entschied ich mich diese zu belegen. Inhaltlich fand ich mich zudem dort eher wieder als bei „Puppenspiel für körperbehinderte Anorektiker“, „genderspezifische Betrachtungen der Zwölftonmusik“, oder anderen Kuriositäten aus dem Lehrkabinett zeitgenössischer Universitäten mit geisteswissenschaftlichem Lehrplan.
Die besagte Werkstatt lief über zwei Semester und die Studierenden sollten in kleinen Teams Filme mit Interviews diverser Akteure und Akteurinnen der pädagogischen und politischen Landschaft Berlins zum Thema erstellen. Im Rahmen der Interviews und Dreharbeiten beschäftigten wir uns eingehend mit den Themen Shoa, Antisemitismus, Nah-Ost-Konflikt, Staatsgründung Israel etc. und als braver Student begann ich mich ernsthafter damit auseinanderzusetzen.
Sicherlich waren die Art der Darbietung der Inhalte seitens der Dozenten tendenziös, jedoch empfand ich die folgende Entwicklung meiner „philosemitischen“ Positionen zum Thema Israel etc. als relativ frei und eine Reise dorthin erschien mir nur folgerichtig.
In mir entstanden in dieser Zeit viele Bilder eines Landes, dass weniger einer geographischen Region, bzw. einem politischen Gefüge, denn einem Ort der Verheißung gleich kam; in dem sich der Wunsch etwas Großem, Sinnstiftendem anzugehören, mit dem Reflex der Schuld und Sühne mischten, in dem auch Phantasien von heroischen Gefühlen Platz fanden. 
Jaja, ich war jung und Student.
Aus diversen Gründen kam es in den Folgejahren leider nicht zu einer Reise nach Israel, mein Interesse schwankte zwar, geriet aber nie gänzlich aus dem Sinn.
Als ich im Spätsommer 2014 endlich einen Flug mit Freunden nach Tel Aviv antreten wollte, kam uns die „operation protecting edge“ in die Quere; die Intervention der israelischen Armee gegen den andauernden Beschuss mit Raketen aus dem Gaza-Streifen.
Wohl durch die offiziellen Reisewarnungen verpflichtet, bot uns die Airline an, die Tickets zu Gunsten von Gutscheinen, oder Umbuchungen zu stornieren. Von meinen Kumpels überstimmt, flogen wir dann nach Sofia und ich legte die Planung für unbestimmte Zeit bei Seite.
Da ich in den vergangenen Jahren immer mehr Gefallen am alleinigen Reisen gefunden hatte, entschied ich mich im Frühjahr 2018 endlich, einen Flug für den kommenden Oktober zu buchen und diesen auch anzutreten. Komme was da wolle!
Irgendwie hatte ich das Gefühl und den Drang mit dieser Reise zumindest eine der vielen Lücken zu schließen, die in meiner Lust nach Entdeckungen und Erfahrungen klafften. Die in den Jahren dazu gewonnene Reife sollte es mir hoffentlich ermöglichen einen differenzierteren Blick zu entwickeln, als es mir zehn Jahre zuvor möglich gewesen wäre.

So kam es, dass ich Mitte Oktober 2018, bewaffnet mit einem Notizbuch, vielen Erwartungen und offenen Gemüts, endlich eine ganze Woche in Israel verbrachte – natürlich nicht ohne nochmal Rücksprache mit meiner Mutter über ihre damaligen Erfahrungen zu halten ;)

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