Sonntag, 20. Januar 2019

ISRAEL 2018 - Tag 4, Teil I


Wieder erwache ich schon früh am morgen und habe wieder nur maximal fünf Stunden geschlafen. Ich wälze mich aus dem Bett und lasse die weiterhin erklingenden Röchel- und Grunzlaute hinter mir. In der Nach gesellte sich ein weiterer Gast in das Sechsbettzimmer, vollzog dann aber einen Rückzieher und hat es sich nun im Wohnzimmer auf dem Fußboden gemütlich gemacht. Ich verkrümle mich in die Küche und mache mir einen Kaffee. Danach geht es auf die Toilette und unter die Dusche. Auf Zehenspitzen tipple ich daraufhin im Zimmer umher und suche meine Sachen für den heutigen Tagesausflug zusammen. In der Zwischenzeit sind Freddie und Kate erwacht und gucken mich verschmitzt unter ihren Decken an und wünschen mir gleichzeitig mit gerecktem Daumen einen schönen Tag.
„Enjoy Life, Philipp... Just enjoy Life!“
Draußen ist es noch kühl und ein bewölkter Himmel kündet abwechslungsreichen Tag, als ich mich gegen 08:00 auf den Weg zur Altstadt mache. Von meinem Standort aus sind es etwa drei Kilometer Fußweg bis zum Damaskus-Tor, dem nördlichen und größten Eingang zur Altstadt. Ich gehe den direkten Weg, den mir Google-Maps anzeigt und sehe schon bald linkerhand auf den Berg Skopus, der nicht nur die Jerusalemer Universität beherbergt, sondern mit dem Hadassah-Meidcal-Center auch das angesehenste Krankenhaus des gesamten nahen Ostens. Einst gegründet von einer jüdischen Frauenorganisation, durch Angriffe der Jordanischen Armee zum Umzug gezwungen, steht der Neubau seit den 1970er Jahren nun wieder an der alten Stelle und behandelt alle Menschen der Region unabhängig von ihrer Religion und Staatsangehörigkeit.
Just in diesem Moment fällt mir siedendheiß ein, dass ich noch eine Rechnung mit dem kleinen Kätzchen offen habe. Ich kehre um und laufe die etwa 300m zurück zum Fundort, sehe die Mieze aber nirgends mehr. Ein Schimmer von Hoffnung tut sich in mir auf. Eventuell war sie einfach nur müde und durch das harte Straßenleben bereits so abgehärtet, dass die bloße Anwesenheit eines Menschen ihr keine Regung mehr zu entlocken vermochte. Ich tue die Gedanken Katzenfressender Straßenhunde beiseite und stelle mir vor, wie die Kleine einen randvoll mit Essen gefüllten Mülleimer findet und sich an dessen Inhalt gütlich tut.
Mit positiven Gedanken im Kopf läuft es sich ungemein leichter. Deswegen kann ich auch den allgegenwärtigen Verkehrslärm und die verdreckten Straßen ausblenden. Ich passiere eine erste Moschee und biege beim Rockefeller-Garden in die Sultan-Suleiman-Street ab. Ab jetzt verläuft die Straße an der Altstadtmauer und ich könnte bereits durch das Herodestor in den Arabischen Teil gelangen. Dieses sei jedoch derzeit für Touristen gesperrt und tastsächlich stehen schwer bewaffnete Polizisten davor.
Also weiter an der Straße entlang und gen Damaskustor Unwissentlich lasse ich dabei das Grab Jesus rechterhand liegen und orientiere mich an einer weiter vorne liegenden größeren Kreuzung, an der sich ebenfalls eine Straßenbahnhaltestelle und ein großer Parkplatz mit Reisebussen befindet.
Die Gegend ist hier eindeutig arabisch geprägt. An der Altstadt abgewandeten Straßenseite sind einige Lebensmittel- und Fastfoodläden, Obst- und Gemüsestände und Bäckereien. Es herrscht reges Treiben auf dem breiten Bürgersteig. Einheimische und Touristen wuseln umher, Waren werden entladen und die Straße mit Wasser abgespritzt.
Bald sehe ich linkerhand eine prächtige Treppe, die in einem Halbrund konzipiert abwärts zu einem prächtigen Tor führt. Das muss das Damaskustor sein. Dieses wurde im Zuge der umfangreichen Erneuerung der Stadtmauer Mitte des 16. Jahrhundert unter dem Straßennamensgebenden Sultan-Suleyman errichtet und zeugt mit seinen markanten Zinnen von Glanzzeiten muslimischer Baukunst.
Ich überquere die Straße und mische mich unter die noch überschaubare Anzahl von Menschen, die gen Durchgang strömen. Die Treppen müssen noch relativ neu sein, denn wenn man sich den Eintrag zum Damaskustor auf Wikipedia anguckt, dann sieht man dort ein Photo von etwa 1900, auf dem die Szenerie gänzlich anders, gar archaisch und primitiv, aussieht.
Überall dominiert hier der Jerusalem-Baustein und ist vor dem Tor bereits so glatt getreten, dass man sich bei Nässe sicherlich eine herrliche Schlitterpartie gönnen kann.
Tritt man in das Tor selbst, erwarten einen nicht nur die ersten arabischen Händlerinnen und Händler, auf dem Boden sitzend und Oliven, Kräuter und Süßigkeiten feilbietend, sondern urplötzlich ein Gedränge, das die vorherige Überschaubarkeit der Fußgänger nicht erahnen ließe.
Der Durchgang wird noch dadurch erschwert, dass die inneren Pfeiler des Tors versetzt zu den Äußeren stehen und man quasi um die Ecke biegen muss, um in die eigentliche Altstadt zu gelingen.
Dann stehe ich plötzlich auf den Stufen hinab zur Nablusroad, die sich, durch ein hohes Gitternetz vom Himmel abgeschirmt, unübersichtlich in die Eingeweide der Altstadt windet. Vor, hinter und neben mir Trubel, Menschengewirr, Läden, Marktstände, Geräusche, Gemurmel, Gerede und Gerüche. Polizisten mit Maschinenpistolen. Verzückte Touristen, keifende Araberinnen, wuselnde Kinder, dröhnen von Motorrollern.
Trotz einer spürbaren Luftzirkulation kann man die Atmosphäre schneiden, so dicht ist sie genährt von menschlichen Erzeugnissen hormoneller und wirtschaftlicher Art.
Auf dem Weg hier hin habe ich mich oft gefragt, wie der Gang in die bedeutungsvollste Stadt des Christentums wohl auf mich wirken wird; bin ich doch, trotz meiner in das Jetzt reichenden Vergangenheit als Black-Metal-Fan christlich sozialisiert und geprägt.
Was werde ich empfinden, wenn ich die Schwelle überschreite? Von Stimmen heimgesucht werden? Den Heiland sehen? Selber zum Heiland werden? Werde ich einen entrückten „Rundgang um die transzendentale Säule der Singularität“ machen? Und wo wir schon mal im Genre sind. Gibt es hier auch „the Gate of Nanna“?
Und überhaupt. Ist Josef nicht von Maria höchstpersönlich gehörnt worden? Mit Einwilligung Gottes? Das würde doch bedeuten, dass Josef der Gehörnte ist, also der Leibhaftige persönlich...?!
Herrjemine. Kausalketten schlagen über mir zusammen.
Ähnlich ernüchternd wie das genauso überlange, wie überflüssige und vorhin benannte Lied eines umso besseren Albums empfinde meine Reaktion auf die mich erschlagenden Eindrücke. Wenn schon kompliziert, dann auch richtig.
In den ersten Sekunden merke ich, wie der Wechsel von relativer Weite zu eindeutiger Enge mir über den Kopf steigt. Mein Blick verengt sich und meine Atmung wird schneller. Sicherlich bin ich noch meilenweit von dem entfernt, was gemeinhin unter Panikattacke verstanden wird, aber dennoch merke ich eindeutig, dass mir die Eindrücke zu viel werden. Ich entscheide mich deshalb direkt eine steile Treppe hinauf zu gehen und mich auf die Stufen zur heiligen Begräbniskirche zu setzen. Ich lasse die Szenerie einige Minuten auf mich wirken, führe mir mein Schawarmasandwich zu Gemüte und wage den erneuten Vorstoß in die Nablusroad.
Langsam akklimatisiere ich mich in dem feuchtwarmen Gedränge und befinde mich schon bald in einem Flow. Dieser treibt mich ungewollt in den Laden eines Gemüsehändlers, der mir sofort etwas verkaufen will. Als ich sehe, dass er frischen Granat- und Orangensaft anbietet, willige ich gerne zu einem großen Becher ein. Der Verkäufer drückt mir nach dem Bezahlen die Hand, guckt mir tief in die Augen und spricht:
„Remember me, recommend me!“
Schlürfend und bewusst, die von mir gegebene Zusage nicht einhalten zu können, verlasse ich das Geschäft und lasse mich weiter treiben. Erstmal nur gehen, vielmehr schlängeln und gucken. Eindrücke sammeln. Die Nablusroad nimmt kein Ende, ist aber mit lauter Seitenstraßen verbunden, in denen ebenfalls reges Leben pulsiert.
Die Menge staut sich, gereckte Hälse, Gehupe und arabische Rufe. Was geht da vorne vor? Messerattentat? Terror? Jesus? Nein, ein Minitrecker will sich durch den Gang quetschen. Alles drängt zur Seite. Frauen drücken sich in Häusereingänge, Männer ziehen die Plautze ein. Verkäufer freuen sich über unfreiwillige Kundschaft und setzen ihr freundlichstes Lächeln auf. Dann Dieselgeruch, der herrische Blick des Treckerkommandeurs und schon sprudelt das Leben wieder zurück auf die Gasse.
Ein Friseur rasiert einen Bart, aus einem riesigen Samowar wird Tee in Tassen gefüllt. Hinter einer uralten Holztür verbirgt sich ein hochmodernes Fitnessstudio, rohes Fleisch wird geschnitten, Christusreliquien feilgeboten, Gebete gesprochen, treppauf hinzugeströmt, treppab ausgedünnt. Die Mutterstadt braucht nicht hochzuleben. Sie lebt und atmet bereits seit tausenden Jahren und wird es noch in tausenden von Jahren tun.
Ich befinde mich im christlichen Viertel der Altstadt, was unschwer an den Gruppen mexikanischer und philippinischer Herkunft zu erraten ist, die in Gruppen Gebete murmelnd und singend an mir vorbeiziehen. Andere Gruppen von Touristen lassen sich von Wimpel- und Fähnchentragenden Guides über die Historie diverser Orte aufklären. Allen gemein ist der Hang der Männer zu Schirmmützen mit christlichen Symbolen, oder Jerusalem-Logos und bei den Frauen das Tragen von leichten Kopftüchern, sowie das meist fortgeschrittene Alter jenseits der Fünfzig. Die jüngeren Semester ziehen Individualreisen und Sonnenbrillen von Ray-Ban vor.
Nachdem ich etwa eine Stunde durch das christliche und armenische Viertel gelaufen bin, widme ich mich der Stadtmauer. Diese kann man gegen Eintritt begehen und sie bietet einem einen Überblick über weite Teile der Altstadt, exklusive der arabischen Seite und dem jüdischen Teil Jerusalems.
Um auf die Stadtmauer zu gelangen, muss ich bis zum Jaffator und Eintritt entrichten. Dann geht es auf verwinkelten Treppen aufwärts und auch oben bleibt es stufig und eng. Wer wohl der dickste Mensch war, der sich hier jemals längs gewunden hat?
Großer Skandal: Lobbyverband der dicken amerikanischen Christen verklagt die Stadt Jerusalem auf Verbreiterung des Rundgangs der Stadtmauer. Das Motto der Kampagne: Glaube darf keine Diskriminierung kennen! Nicht in Jerusalem, nicht weltweit!
Die Kosten für den Umbau könnten durch eine Erhöhung des Eintritts, nicht aber für Dicke, die ja schon gestraft genug sein, gegenfinanziert werden.
Nach diesem geistigen Exkurs geht es weiter mit der Exkursion.
Im Westen erblicke ich die Skyline Jerusalems mit einigen schicken Hotels und Hochhäusern. Im Inneren des Altstadt blickt man auf eine Schule, auf dessen Hof zwei Mannschaften gegeneinander Fußball spielen. Eine lebendige Geräuschkulisse, die von gelegentlichen Anweisungen der Lehrer unterbrochen wird. Hier spielen Mädchen und Jungs gemeinsam gegeneinander. Ob auch die Konfessionen und Zugehörigkeiten verschieden sind? Bei den Jungs vermag ich keine Kippa zu erkennen, bei den Mädchen keine Kopftücher. Eventuell eine Schule der kleinen christlichen Minderheit?
Ich gehe weiter und auf der Innenseite kehrt eine eigentümliche Stille ein, während auf der Außenseite der Verkehrslärm deutlich zu vernehmen ist. Aus einem größeren Gebäude, dass an einen wunderschönen begrünten und friedlichen Hinterhof grenzt, erklingt eine auf dem Piano virtuos gespielte Etüde. Nimmt mich für kurze Zeit gefangen, erstirbt dann abrupt und lässt Gehör für Vögelgezwitscher und laue Lüfte.
Weiter geht es in einem Duft von frisch aufgehangener Wäsche und feuchtwarmer Abluft aus den Klimaanlagen der Wohnhäuser, die sich wie selbstverständlich an die Mauer schmiegen. Alles ist verwinkelt und improvisiert, ja, aber auch stabil gebaut. Dennoch viel weniger Müll in den Winkeln und Gassen. Die Touristen und Bewohner scheinen disziplinierter, als außerhalb der Altstadt. Blickt man von der Warschauer Brücke in Friedrichshain nach unten, dann sieht man wie wenig die Menschen der Versuchung widerstehen können, ihren Müll hinunter zu werfen. Bier- und Schnapsflaschen reihen sich dort an Fast-Food-Verpackungen. Ich habe schon Menschen herunterpinkeln gesehen. Wahrscheinlich leisten sich die Prolls eher einen Urlaub auf Mallorca, denn in Jerusalem.
Hinter der nächsten Kurve streicht eine Katze umher. Hinter mir höre ich einen jungen Mann mit indischem Aussehen und Akzent scherzhaft zu mir sagen:
„Be careful, a Tiger“.
Ich blicke zu ihm, dann auf die Katze und wieder zu ihm und kontere mit Schalk im Nacken:
„Ah, i thought you are talking about yourself!“
Gelächter, Sekunden währende Freundschaft, dann ein kurzes Nicken zum Abschied und jeder geht weiter seiner Wege.
Das Leben kann so leicht sein, auch in Jerusalem.
In der Gegend um Jerusalem wurde vor ca. 6000 Jahren erstmals gesiedelt und der Bau der ersten Stadtmauer gegen 1800 vor Christus nachgewiesen. Um 1000 vor Christus wurde Jerusalem vom israelitischen König David erobert und zum Zentrum seines Reichs auserkoren. Sein Sohn erbaute auf dem Felsendom den ersten Tempel und Jerusalem war fortan Zentrum des jüdischen Glaubens. In den folgenden Tausend Jahren kam es zu Eroberungen durch die Babyloner, der Zerstörung des ersten Tempels und die Vertreibung der Juden, die sich dann aber wieder ansiedeln durften und den zweiten Tempel bauten, welcher wiederum ein paar Jahrhunderte später, im Jahre 70 unserer Zeitrechnung durch die siegreichen Römer zerstört wurde und die Juden abermals vertrieben, woraufhin diese ihre wechselvolle Geschichte in Europa und dem Rest der Welt antraten. Zwischendurch wandelte noch so eine bärtige Type durch die Gegend, predigte und ward an ein Kreuz geschlagen, aber das nur am Rande.
Weitere Jahrhunderte später eroberten die persischen Sassaniden kurzzeitig die Stadt, nur um sie kurze Zeit später an die expandierenden moslemischen Araber zu verlieren. Der Umayyaden-Kalif  Abd al Malik ließ um 692 den Felsendom, und wenige Jahre später die al-Aqsa-Moschee bauen. Fortan gaben sich wechselnde Herrschaftscliquen die Klinke in die Hand. Im Jahre 1099 eroberten christliche Kreuzfahrer erstmals die Stadt. Weiteren Querelen folgten wechselnde Besitzverhältnisse und Kreuzzüge, inklusive der üblichen Drangsalierungen Andersgläubiger et cetera pp. 1516 schafften es die Osmanen die Stadt und deren Herrschaft in die Neuzeit führten und bis zum ersten Weltkrieg zu behalten. Daraufhin Britisches Mandatgebiet, Zionismus, Gezerre und Kämpfe um Territorium und Selbstbestimmung. 1948 dann Gründung des Staates Israels. Offizieller Beginn des Nah-Ost-Konflikts, Landnahme und Annexion der Altstadt durch Jordanien und abermalige Vertreibung der jüdischen Bevölkerung, wie auch Zerstörung ihres Viertels. 1950 Ernennung Jerusalems zur Hauptstadt Israels. 1967 Rückeroberung der Altstadt im Sechstagekrieg, 1980 besagtes „Jerusalem Gesetz“ zur Unteilbarkeit der Stadt aus Sicht Israels. 1988 Ausrufung der PLO Jerusalems zur Hauptstadt der Palästinenser. Immer wieder Terror, Tempelberg, Al-Aqsa-Moschee, Klagemauer, Kirchen, Repression, Zank, Resignation, Hoffnung und knallharte Realität bis jetzt.
Auf all das Blick man hinab von dieser Mauer. Auf einen Stadtteil, der auf wenigen Quadratmeter sinnbildlich für den Nah-Ost-Konflikt steht.
Am Löwentor findet der Rundgang ein jähes Ende. Hier beginnt das arabische Viertel und der Durchgang ist auf der Mauer gesperrt. Bleibt mir nur der Weg abwärts.






















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