Wieder erwache ich schon früh am morgen und habe wieder nur
maximal fünf Stunden geschlafen. Ich wälze mich aus dem Bett und lasse die
weiterhin erklingenden Röchel- und Grunzlaute hinter mir. In der Nach gesellte
sich ein weiterer Gast in das Sechsbettzimmer, vollzog dann aber einen
Rückzieher und hat es sich nun im Wohnzimmer auf dem Fußboden gemütlich
gemacht. Ich verkrümle mich in die Küche und mache mir einen Kaffee. Danach
geht es auf die Toilette und unter die Dusche. Auf Zehenspitzen tipple ich daraufhin
im Zimmer umher und suche meine Sachen für den heutigen Tagesausflug zusammen.
In der Zwischenzeit sind Freddie und Kate erwacht und gucken mich verschmitzt
unter ihren Decken an und wünschen mir gleichzeitig mit gerecktem Daumen einen
schönen Tag.
„Enjoy Life, Philipp... Just enjoy Life!“
Draußen ist es noch kühl und ein bewölkter Himmel kündet abwechslungsreichen
Tag, als ich mich gegen 08:00 auf den Weg zur Altstadt mache. Von meinem
Standort aus sind es etwa drei Kilometer Fußweg bis zum Damaskus-Tor, dem
nördlichen und größten Eingang zur Altstadt. Ich gehe den direkten Weg, den mir
Google-Maps anzeigt und sehe schon bald linkerhand auf den Berg Skopus, der
nicht nur die Jerusalemer Universität beherbergt, sondern mit dem
Hadassah-Meidcal-Center auch das angesehenste Krankenhaus des gesamten nahen
Ostens. Einst gegründet von einer jüdischen Frauenorganisation, durch Angriffe
der Jordanischen Armee zum Umzug gezwungen, steht der Neubau seit den 1970er
Jahren nun wieder an der alten Stelle und behandelt alle Menschen der Region
unabhängig von ihrer Religion und Staatsangehörigkeit.
Just in diesem Moment fällt mir siedendheiß ein, dass ich noch
eine Rechnung mit dem kleinen Kätzchen offen habe. Ich kehre um und laufe die
etwa 300m zurück zum Fundort, sehe die Mieze aber nirgends mehr. Ein Schimmer
von Hoffnung tut sich in mir auf. Eventuell war sie einfach nur müde und durch
das harte Straßenleben bereits so abgehärtet, dass die bloße Anwesenheit eines
Menschen ihr keine Regung mehr zu entlocken vermochte. Ich tue die Gedanken
Katzenfressender Straßenhunde beiseite und stelle mir vor, wie die Kleine einen
randvoll mit Essen gefüllten Mülleimer findet und sich an dessen Inhalt gütlich
tut.
Mit positiven Gedanken im Kopf läuft es sich ungemein leichter. Deswegen
kann ich auch den allgegenwärtigen Verkehrslärm und die verdreckten Straßen
ausblenden. Ich passiere eine erste Moschee und biege beim Rockefeller-Garden
in die Sultan-Suleiman-Street ab. Ab jetzt verläuft die Straße an der
Altstadtmauer und ich könnte bereits durch das Herodestor in den Arabischen
Teil gelangen. Dieses sei jedoch derzeit für Touristen gesperrt und
tastsächlich stehen schwer bewaffnete Polizisten davor.
Also weiter an der Straße entlang und gen Damaskustor Unwissentlich
lasse ich dabei das Grab Jesus rechterhand liegen und orientiere mich an einer
weiter vorne liegenden größeren Kreuzung, an der sich ebenfalls eine Straßenbahnhaltestelle
und ein großer Parkplatz mit Reisebussen befindet.
Die Gegend ist hier eindeutig arabisch geprägt. An der Altstadt
abgewandeten Straßenseite sind einige Lebensmittel- und Fastfoodläden, Obst-
und Gemüsestände und Bäckereien. Es herrscht reges Treiben auf dem breiten
Bürgersteig. Einheimische und Touristen wuseln umher, Waren werden entladen und
die Straße mit Wasser abgespritzt.
Bald sehe ich linkerhand eine prächtige Treppe, die in einem
Halbrund konzipiert abwärts zu einem prächtigen Tor führt. Das muss das
Damaskustor sein. Dieses wurde im Zuge der umfangreichen Erneuerung der
Stadtmauer Mitte des 16. Jahrhundert unter dem Straßennamensgebenden
Sultan-Suleyman errichtet und zeugt mit seinen markanten Zinnen von Glanzzeiten
muslimischer Baukunst.
Ich überquere die Straße und mische mich unter die noch
überschaubare Anzahl von Menschen, die gen Durchgang strömen. Die Treppen
müssen noch relativ neu sein, denn wenn man sich den Eintrag zum Damaskustor
auf Wikipedia anguckt, dann sieht man dort ein Photo von etwa 1900, auf dem die
Szenerie gänzlich anders, gar archaisch und primitiv, aussieht.
Überall dominiert hier der Jerusalem-Baustein und ist vor dem Tor
bereits so glatt getreten, dass man sich bei Nässe sicherlich eine herrliche
Schlitterpartie gönnen kann.
Tritt man in das Tor selbst, erwarten einen nicht nur die ersten
arabischen Händlerinnen und Händler, auf dem Boden sitzend und Oliven, Kräuter
und Süßigkeiten feilbietend, sondern urplötzlich ein Gedränge, das die
vorherige Überschaubarkeit der Fußgänger nicht erahnen ließe.
Der Durchgang wird noch dadurch erschwert, dass die inneren
Pfeiler des Tors versetzt zu den Äußeren stehen und man quasi um die Ecke
biegen muss, um in die eigentliche Altstadt zu gelingen.
Dann stehe ich plötzlich auf den Stufen hinab zur Nablusroad, die
sich, durch ein hohes Gitternetz vom Himmel abgeschirmt, unübersichtlich in die
Eingeweide der Altstadt windet. Vor, hinter und neben mir Trubel,
Menschengewirr, Läden, Marktstände, Geräusche, Gemurmel, Gerede und Gerüche.
Polizisten mit Maschinenpistolen. Verzückte Touristen, keifende Araberinnen, wuselnde
Kinder, dröhnen von Motorrollern.
Trotz einer spürbaren Luftzirkulation kann man die Atmosphäre
schneiden, so dicht ist sie genährt von menschlichen Erzeugnissen hormoneller
und wirtschaftlicher Art.
Auf dem Weg hier hin habe ich mich oft gefragt, wie der Gang in
die bedeutungsvollste Stadt des Christentums wohl auf mich wirken wird; bin ich
doch, trotz meiner in das Jetzt reichenden Vergangenheit als Black-Metal-Fan
christlich sozialisiert und geprägt.
Was werde ich empfinden, wenn ich die Schwelle überschreite? Von
Stimmen heimgesucht werden? Den Heiland sehen? Selber zum Heiland werden? Werde
ich einen entrückten „Rundgang um die transzendentale Säule der Singularität“
machen? Und wo wir schon mal im Genre sind. Gibt es hier auch „the Gate of
Nanna“?
Und überhaupt. Ist Josef nicht von Maria höchstpersönlich gehörnt
worden? Mit Einwilligung Gottes? Das würde doch bedeuten, dass Josef der
Gehörnte ist, also der Leibhaftige persönlich...?!
Herrjemine. Kausalketten schlagen über mir zusammen.
Ähnlich ernüchternd wie das genauso überlange, wie überflüssige
und vorhin benannte Lied eines umso besseren Albums empfinde meine Reaktion auf
die mich erschlagenden Eindrücke. Wenn schon kompliziert, dann auch richtig.
In den ersten Sekunden merke ich, wie der Wechsel von relativer
Weite zu eindeutiger Enge mir über den Kopf steigt. Mein Blick verengt sich und
meine Atmung wird schneller. Sicherlich bin ich noch meilenweit von dem
entfernt, was gemeinhin unter Panikattacke verstanden wird, aber dennoch merke
ich eindeutig, dass mir die Eindrücke zu viel werden. Ich entscheide mich
deshalb direkt eine steile Treppe hinauf zu gehen und mich auf die Stufen zur
heiligen Begräbniskirche zu setzen. Ich lasse die Szenerie einige Minuten auf
mich wirken, führe mir mein Schawarmasandwich zu Gemüte und wage den erneuten
Vorstoß in die Nablusroad.
Langsam akklimatisiere ich mich in dem feuchtwarmen Gedränge und
befinde mich schon bald in einem Flow. Dieser treibt mich ungewollt in den
Laden eines Gemüsehändlers, der mir sofort etwas verkaufen will. Als ich sehe,
dass er frischen Granat- und Orangensaft anbietet, willige ich gerne zu einem
großen Becher ein. Der Verkäufer drückt mir nach dem Bezahlen die Hand, guckt
mir tief in die Augen und spricht:
„Remember me, recommend me!“
Schlürfend und bewusst, die von mir gegebene Zusage nicht
einhalten zu können, verlasse ich das Geschäft und lasse mich weiter treiben.
Erstmal nur gehen, vielmehr schlängeln und gucken. Eindrücke sammeln. Die
Nablusroad nimmt kein Ende, ist aber mit lauter Seitenstraßen verbunden, in
denen ebenfalls reges Leben pulsiert.
Die Menge staut sich, gereckte Hälse, Gehupe und arabische Rufe.
Was geht da vorne vor? Messerattentat? Terror? Jesus? Nein, ein Minitrecker
will sich durch den Gang quetschen. Alles drängt zur Seite. Frauen drücken sich
in Häusereingänge, Männer ziehen die Plautze ein. Verkäufer freuen sich über
unfreiwillige Kundschaft und setzen ihr freundlichstes Lächeln auf. Dann
Dieselgeruch, der herrische Blick des Treckerkommandeurs und schon sprudelt das
Leben wieder zurück auf die Gasse.
Ein Friseur rasiert einen Bart, aus einem riesigen Samowar wird
Tee in Tassen gefüllt. Hinter einer uralten Holztür verbirgt sich ein
hochmodernes Fitnessstudio, rohes Fleisch wird geschnitten, Christusreliquien feilgeboten,
Gebete gesprochen, treppauf hinzugeströmt, treppab ausgedünnt. Die Mutterstadt
braucht nicht hochzuleben. Sie lebt und atmet bereits seit tausenden Jahren und
wird es noch in tausenden von Jahren tun.
Ich befinde mich im christlichen Viertel der Altstadt, was
unschwer an den Gruppen mexikanischer und philippinischer Herkunft zu erraten
ist, die in Gruppen Gebete murmelnd und singend an mir vorbeiziehen. Andere
Gruppen von Touristen lassen sich von Wimpel- und Fähnchentragenden Guides über
die Historie diverser Orte aufklären. Allen gemein ist der Hang der Männer zu
Schirmmützen mit christlichen Symbolen, oder Jerusalem-Logos und bei den Frauen
das Tragen von leichten Kopftüchern, sowie das meist fortgeschrittene Alter
jenseits der Fünfzig. Die jüngeren Semester ziehen Individualreisen und
Sonnenbrillen von Ray-Ban vor.
Nachdem ich etwa eine Stunde durch das christliche und armenische Viertel
gelaufen bin, widme ich mich der Stadtmauer. Diese kann man gegen Eintritt
begehen und sie bietet einem einen Überblick über weite Teile der Altstadt,
exklusive der arabischen Seite und dem jüdischen Teil Jerusalems.
Um auf die Stadtmauer zu gelangen, muss ich bis zum Jaffator und
Eintritt entrichten. Dann geht es auf verwinkelten Treppen aufwärts und auch
oben bleibt es stufig und eng. Wer wohl der dickste Mensch war, der sich hier
jemals längs gewunden hat?
Großer Skandal: Lobbyverband der dicken amerikanischen Christen
verklagt die Stadt Jerusalem auf Verbreiterung des Rundgangs der Stadtmauer.
Das Motto der Kampagne: Glaube darf keine Diskriminierung kennen! Nicht in
Jerusalem, nicht weltweit!
Die Kosten für den Umbau könnten durch eine Erhöhung des
Eintritts, nicht aber für Dicke, die ja schon gestraft genug sein,
gegenfinanziert werden.
Nach diesem geistigen Exkurs geht es weiter mit der Exkursion.
Im Westen erblicke ich die Skyline Jerusalems mit einigen schicken
Hotels und Hochhäusern. Im Inneren des Altstadt blickt man auf eine Schule, auf
dessen Hof zwei Mannschaften gegeneinander Fußball spielen. Eine lebendige
Geräuschkulisse, die von gelegentlichen Anweisungen der Lehrer unterbrochen
wird. Hier spielen Mädchen und Jungs gemeinsam gegeneinander. Ob auch die
Konfessionen und Zugehörigkeiten verschieden sind? Bei den Jungs vermag ich
keine Kippa zu erkennen, bei den Mädchen keine Kopftücher. Eventuell eine
Schule der kleinen christlichen Minderheit?
Ich gehe weiter und auf der Innenseite kehrt eine eigentümliche
Stille ein, während auf der Außenseite der Verkehrslärm deutlich zu vernehmen
ist. Aus einem größeren Gebäude, dass an einen wunderschönen begrünten und
friedlichen Hinterhof grenzt, erklingt eine auf dem Piano virtuos gespielte
Etüde. Nimmt mich für kurze Zeit gefangen, erstirbt dann abrupt und lässt Gehör
für Vögelgezwitscher und laue Lüfte.
Weiter geht es in einem Duft von frisch aufgehangener Wäsche und
feuchtwarmer Abluft aus den Klimaanlagen der Wohnhäuser, die sich wie
selbstverständlich an die Mauer schmiegen. Alles ist verwinkelt und
improvisiert, ja, aber auch stabil gebaut. Dennoch viel weniger Müll in den
Winkeln und Gassen. Die Touristen und Bewohner scheinen disziplinierter, als
außerhalb der Altstadt. Blickt man von der Warschauer Brücke in Friedrichshain
nach unten, dann sieht man wie wenig die Menschen der Versuchung widerstehen
können, ihren Müll hinunter zu werfen. Bier- und Schnapsflaschen reihen sich
dort an Fast-Food-Verpackungen. Ich habe schon Menschen herunterpinkeln
gesehen. Wahrscheinlich leisten sich die Prolls eher einen Urlaub auf Mallorca,
denn in Jerusalem.
Hinter der nächsten Kurve streicht eine Katze umher. Hinter mir
höre ich einen jungen Mann mit indischem Aussehen und Akzent scherzhaft zu mir
sagen:
„Be careful, a Tiger“.
Ich blicke zu ihm, dann auf die Katze und wieder zu ihm und
kontere mit Schalk im Nacken:
„Ah, i thought you are talking about yourself!“
Gelächter, Sekunden währende Freundschaft, dann ein kurzes Nicken
zum Abschied und jeder geht weiter seiner Wege.
Das Leben kann so leicht sein, auch in Jerusalem.
In der Gegend um Jerusalem wurde vor ca. 6000 Jahren erstmals
gesiedelt und der Bau der ersten Stadtmauer gegen 1800 vor Christus
nachgewiesen. Um 1000 vor Christus wurde Jerusalem vom israelitischen König
David erobert und zum Zentrum seines Reichs auserkoren. Sein Sohn erbaute auf
dem Felsendom den ersten Tempel und Jerusalem war fortan Zentrum des jüdischen
Glaubens. In den folgenden Tausend Jahren kam es zu Eroberungen durch die
Babyloner, der Zerstörung des ersten Tempels und die Vertreibung der Juden, die
sich dann aber wieder ansiedeln durften und den zweiten Tempel bauten, welcher
wiederum ein paar Jahrhunderte später, im Jahre 70 unserer Zeitrechnung durch
die siegreichen Römer zerstört wurde und die Juden abermals vertrieben,
woraufhin diese ihre wechselvolle Geschichte in Europa und dem Rest der Welt
antraten. Zwischendurch wandelte noch so eine bärtige Type durch die Gegend,
predigte und ward an ein Kreuz geschlagen, aber das nur am Rande.
Weitere Jahrhunderte später eroberten die persischen Sassaniden
kurzzeitig die Stadt, nur um sie kurze Zeit später an die expandierenden
moslemischen Araber zu verlieren. Der Umayyaden-Kalif Abd al Malik ließ um 692 den Felsendom, und wenige Jahre später
die al-Aqsa-Moschee bauen. Fortan gaben sich wechselnde Herrschaftscliquen die
Klinke in die Hand. Im Jahre 1099 eroberten christliche Kreuzfahrer erstmals
die Stadt. Weiteren Querelen folgten wechselnde Besitzverhältnisse und
Kreuzzüge, inklusive der üblichen Drangsalierungen Andersgläubiger et cetera
pp. 1516 schafften es die Osmanen die Stadt und deren Herrschaft in die Neuzeit
führten und bis zum ersten Weltkrieg zu behalten. Daraufhin Britisches
Mandatgebiet, Zionismus, Gezerre und Kämpfe um Territorium und
Selbstbestimmung. 1948 dann Gründung des Staates Israels. Offizieller Beginn
des Nah-Ost-Konflikts, Landnahme und Annexion der Altstadt durch Jordanien und
abermalige Vertreibung der jüdischen Bevölkerung, wie auch Zerstörung ihres
Viertels. 1950 Ernennung Jerusalems zur Hauptstadt Israels. 1967 Rückeroberung
der Altstadt im Sechstagekrieg, 1980 besagtes „Jerusalem Gesetz“ zur
Unteilbarkeit der Stadt aus Sicht Israels. 1988 Ausrufung der PLO Jerusalems
zur Hauptstadt der Palästinenser. Immer wieder Terror, Tempelberg,
Al-Aqsa-Moschee, Klagemauer, Kirchen, Repression, Zank, Resignation, Hoffnung
und knallharte Realität bis jetzt.
Auf all das Blick man hinab von dieser Mauer. Auf einen Stadtteil,
der auf wenigen Quadratmeter sinnbildlich für den Nah-Ost-Konflikt steht.
Am Löwentor findet der Rundgang ein jähes Ende. Hier beginnt das
arabische Viertel und der Durchgang ist auf der Mauer gesperrt. Bleibt mir nur
der Weg abwärts.






















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