Wenn man von meiner Position aus den Kopf nach links wendet, dann
sieht man neben dem Gebäude der Nationalparkbehörde einen Hotelkomplex. Dieser
ist mit einem großen automatischen Tor von der Umwelt abgeschirmt. Dieses Tor
öffnet sich nun langsam und beständig und ein weißer Wagen der Kompaktklasse
fährt heraus. Ich halte den Daumen raus, das Auto bremst. Das Fenster
wird heruntergefahren und ein sportlicher Typ mit Bürstenhaarschnitt und an den
Schläfen spitz zulaufender Sonnenbrille grinst mich an. Der Fahrer sieht aus, wie aus einem
amerikanischen Militärwerbefilm entsprungen.
Schnell klärt sich, dass er nach Ein Gedi zum Einkaufen fährt und
mich gerne mitnimmt.
Auf der etwa zwanzig Minuten langen Fahrt erfahre ich, dass mein
Chauffeur aus Kanada kommt und eine eigene Firma hat, die spezielle Rohrsysteme
produziert. Nachdem Trump hohe Zölle auf kanadische Produkte erhoben hat, sei
ein großer Teil seines Geschäfts weggebrochen und er befinde sich derzeit auf
einer mehrwöchigen Verkaufstour im Nahen Osten. Nach der Unterzeichnung eines
Auftrags in Jerusalem habe er sich ein paar Tage Auszeit genommen. Wenn er mit
seiner Tour fertig ist, will er unbedingt noch zum Oktoberfest nach München.
Ich versuche ihm diese Version der Fake-Bespaßung auszureden und rate ihm, um
etwas vermeintlich authentisch Deutsches zu erleben, lieber irgendwo in
Oberbayern eine Gaststätte zu besuchen und dort wesentlich günstigeres Bier und
Essen zu sich zu nehmen. Das überzeugt ihn zwar, aber da er sich mit zwei
Freunden im München treffen wird, werden sie wohl beides machen.
Im Auto überlege ich mir meine Möglichkeiten. Ich könnte von Ein Gedi
direkt weiter nach Jerusalem fahren; wieder mit der Option die Wartezeit auf
den Bus mit trampen zu überbrücken, oder aber nochmals in das Zelt-Camp fahren,
um dort meine Wäsche zu waschen, etwas zu Mittag zu essen, noch einmal Baden zu
gehen und vor Allem eine Unterkunft in einem Hostel in Jerusalem zu buchen.
Da es erst kurz vor 11:00 Uhr ist, entscheide ich mich dafür
nochmals nach Ein Gedi zu fahren.
Dort organisiere ich mir ein Zimmer in einem Hostel in Jerusalem
und wasche die Klamotten in dem großen Waschbecken. Das mache ich so gründlich,
dass ich vom Auswringen Blasen an den Händen bekomme. Dann hänge ich die
Klamotten in die Pampa, wo sie hoffentlich bei dem trocken-warmen und leicht
windigen Wetter schnell trocknen.
Dabei werde ich argwöhnisch von einem rothaarigen und käsehäutigen
Raggae-Bediensteten des Camps beäugt, der neben mir die Müllcontainer
aufbereitet und mir bereits durch sein enerviertes trommeln auf einer Djembe am
gestrigen Abend negativ aufgefallen ist.
Laut dem Vermittlungsportal für Ferienunterkünfte ist der
Check-out um 11:00. Jetzt ist es 11:15. Die sind doch nicht etwa so pingelig
und machen gleich den übelsten Larry, nur weil jemand mal ein wenig mit den
Konventionen bricht?
Eher das Gegenteil würde ich erwarten.
Alles voll peacig und so. One World, One Love.
Deswegen grüße ich freundlich mit dem bereits bewährten „Shalom“
und versuche so harmlos und liebenswürdig zu gucken, als wäre ich einen viertel
Chromosom an einer geistigen Behinderung vorbeigeschrammt.
Der Gesichtsausdruck scheint zu wirken, denn der Rastamann lässt
mich gewähren. Vorerst.
Ich gebe der Wäsche zwei Stunden Zeit zum trocknen und gehe
nochmals in den Laden, um mir ein Mittagessen zu besorgen. Als ich bereits
einhundert Meter vom Camp entfernt bin, kommt mir ein riesiger Müllwagen
entgegen, biegt auf den Parkplatz des Camps ab und hüllt meine feuchten
Klamotten in eine riesige Staubwolke.
Super Timing!
Ich kaufe eine weitere Tütensuppe für 17NIS und zwei pappige Brötchen,
werde dann aber übermütig und gönne mir israelische Lakritzschnecken, die vom
Aussehen tatsächlich meiner Vorstellung von geronnenem Pferdeblut entsprechen
und durch ihren eigenartigen Geschmack in ausdifferenzierter Art und Weise beeindrucken.
Westliche Welt hin, oder her. Im Kulinarischen scheiden sich die
Geister.
Als ich am gestrigen Abend nach dem Einkaufen durch den
Botanischen Garten flaniert bin, fielen mir einige schräg betonierte Häuschen
mit großen Türen auf, derer Bedeutung mir noch klar war. Nun sehe ich auf dem
Rückweg eine dieser Türen geöffnet, so dass man herein gucken kann. Ein älterer
Mann scheint in dem anschließenden Raum etwas zu warten, oder sauberzumachen.
Natürlich, diese Räume sind Bunker!
Ich entschließe mich den Herren anzusprechen, jedoch ergibt sich
kein richtiges Gespräch, da er nur Hebräisch und Russisch spricht. Dennoch
versteht er das Wort Bunker und das ich aus Berlin komme. Daraufhin zeigt er
mir einen erhobenen Daumen, formt dann mit beiden Händen eine Art Schutzdach
über seinem Kopf und sagt breit grinsend:
„Palästina, Stalinorgel!“
Wir brechen beide in Gelächter aus und er haut mir zum Abschied so
deftig auf die Schulter, dass ich mit Raketenabtrieb zurück zum Camp gelange.
Dort angekommen ist die Wäsche an den Bündchen noch ein ganz wenig
feucht. In den für das Mittag veranschlagten 30 Minuten wird sie sicherlich
trocken sein und ich kann mich ans Staub rausschlagen machen.
Kaum fängt das Wasser an zu kochen, lungert der Angestellte wieder
um mich herum und gibt vor die Zelte zu reinigen. Dem schwant wohl, dass er es
bei mir mit einem Schmarotzer der besonderen Art zu tun hat. Da ich tatsächlich
der einzige Tourist im Camp zu sein scheine, weil alle anderen entweder abgereist,
oder zu Ausflügen unterwegs sind, liegt er mit seiner Vermutung genau richtig.
Da ich ihm ja bereits vor einer guten Stunde gegrüßt habe,
entschließe ich mich ihn jetzt zu ignorieren.
Dennoch spüre ich die Blicke wie Dolche im Rücken, wie er da so
verstohlen um mich herumstrolcht.
Nach ein paar Minuten entschließt sich die askenasische Melange
aus Hippie und Preuße mich anzusprechen.
Doch anstatt mich umgehend des Camps zu verweisen ziert er sich erst
ein wenig und fragt mich unverhofft:
„Hey – your T-Shirt is cool. Do you ride a Skateboard?“
Ich bin perplex ob der unerwarteten Frage und gucke an mir runter.
Tatsächlich. Ich habe ja vor dem Waschen mein blau-weiß gestreiftes
Telnjaschka-Longsleeve ausgezogen und ebenfalls gewaschen und dafür ein uraltes
T-Shirt einer längst pleite gegangenen Skate-Firma angezogen.
Nachdem ich bejaht habe, outet der Bruder sich als alte
Skate-Ratte und erzählt mir, dass er ab und zu hier arbeite und mit dem Chef
plane eine Mini-Ramp auf eine der betonierten Flächen unterhalb des Camps zu
bauen.
Wir unterhalten uns noch ein bisschen über die israelische
Skateszene, dann macht er sich wieder an die Arbeit und verabschiedet mich mit
einer satten Handschlag-Kombination.
Obwohl ich sonst großes Vertrauen in meine Intuition und
Menschenkenntnis habe, muss ich diesen heute ausnahmsweise kleine Schwächen attestieren.
Ausnahmen bestätigen eben die Regel.
Somit schmeckt heute auch die Tütensuppe viel besser, als die
gestrige.
Nachdem abgewaschen ist, inspiziere ich die Wäsche. Diese ist zwar
trocken, muss aber nach der Staubattacke ordentlich ausgeschüttelt werden,
bevor sie wieder in den Rucksack gestopft wird.
Ein letztes Mal logge ich mich in das WLAN ein. Es ist um 13:35
Uhr. Wenn ich jetzt losgehe, dann erreiche ich den Bus um 13:39 Uhr wohl nicht
mehr. Der nächste käme um 14:54. Da ich aber auch keine Lust mehr auf das Camp
habe, beschließe ich mir das nahe gelegenen „Arugot Nature Reserve“ anzugucken.
Neben der Oase in Ein Gedi ist hier eine weitere Attraktion in Form eines
Wasserfalls, eines Flusses und eines fruchtbaren Ufers zu bestaunen, an dem
nubische Steinböcke und anderes Getier zu sichten sind.
Um dorthin zu gelangen muss ich an der Hauptstraße nach Norden
laufen und den Kibbuz umrunden. Ein Weg durch den Kibbuz, der erheblich Zeit
sparen würde, ist nicht möglich, da es nur den einen Eingang gibt.
Totale Überwachung nach außen, wie innen.
So laufe ich wieder los. Auf der Straße ist nicht viel los, so
dass meine Trampversuche scheitern. Die Temperatur ist sicherlich wieder bei
über 30Grad und gelegentlich sticht einem der Geruch von verwesendem Tier in
der Nase. Um dem zu entkommen, biege ich abermals auf Höhe des rostigen Tors
gen Badestelle ab und lasse es ein weiteres Mal darauf ankommen nicht
einzubrechen. Ein weiteres Mal gelingt es mir heil in das Wasser rein und
wieder heraus zu kommen. Auch der Wolf scheint nicht wieder entfesselt. Ich
opfere eine der beiden Wasserflaschen und schaffe es die relevanten Stellen
ausreichend zu überspülen. Dann geht es geht zurück auf die flimmernde Straße.
Ich denke an Kara ben Nemsi und wünsche mir einen Hadschi Halef
Omar, der meine Sachen trägt. Dennoch kann ich diese überschaubare Wanderung am
Straßenrand genießen.
Einen Teil der Faszination dieser unwirklichen Region macht für
mich das gegenüberliegende Jordanien aus. Trotz des diffusen Schimmers auf dem
Meer kann man klar die etwa 15km entfernte Küstenlinie ausmachen und erkennt
dort sowohl kleinere Ortschaften mit Hotels, aber auch eine Art Kraftwerk.
Zwar wohne ich in Berlin-Wedding, habe mit Marokko bisher jedoch
erst ein mehrheitlich von Moslems bewohntes Land besucht und sehr positive
Erinnerungen von Land und Leuten gewonnen und bilde mir ein von dieser
Erfahrung auf das Leben der Menschen am Ostufer des Toten Meers schließen zu
können. Dennoch trage ich ein melancholisches Gefühl in mir. Wie sieht wohl das
Leben der Menschen jenseits des Wassers aus? Wovon Leben Sie? Welche Träume
haben sie? Ist das Leben schwer? Sind sie glücklich? Und all das in dieser
kargen, lebensfeindlichen und doch so mächtigen Natur?
Beeindruckt und gedemütigt, im positivsten Sinne dieses Wortes,
dünkt mir,
dass ich es als Westeuropäer auf dieser Welt definitv einfacher
habe, als ein Großteil der aller anderen Menschen.
Ich orakle: „Das Schicksal scheißt oftmals auf den größten Haufen“
und werde mir der Bedeutung dieser Worte in der sengenden Hitze selber nicht
gewahr.
Dann passiere die „Ein Gedi Mineral Water“ Fabrik, wo eines der
meistverkauften Tafelwasser des Landes hergestellt wird und erreiche nach einer
guten halben Stunde das „Arugot-Nature-Reserve“.
Hier herrscht großes Gedränge. Viele Jugendgruppen laufen und
albern herum, machen Selfies und essen Fast-Food.
Am Rand des Vorplatzes des Eingangsbereichs türmt sich ein ca. 2m
hoher Berg aus dutzenden Rucksäcken, der von einem bewaffneten Security bewacht
wird.
Was würde wohl passieren, wenn jemand laut „Bombe“ schreit und auf
den Haufen deutet? Ich will es nicht ausprobieren.
Den Park zu besichtigen ist heute leider nicht mehr möglich, da
ich zu spät dran bin. Für Aufenthalte werden mindestens zwei Stunden Zeit
veranschlagt. Der Oktober zählt, laut Infotafel, bereits zur Nebensaison und
somit schließt der Park um 16:00 Uhr. Da es nun bereits auf 14:30 Uhr zugeht,
werde ich nicht mehr eingelassen.
Ich gehe also zur Bushaltestelle und halte wieder den Daumen raus.
Es dauert nur zwei Minuten, dann hält ein Auto im typischen
Mietwagen-Stil an. Eine nette asiatisch aussehende Frau mittleren Alters lächelt
mich durch das runtergelassene Beifahrerfenster an, während ihr europäisch
aussehender Begleiter bereits vom Fahrersitz aus auf die Rückbank greift und
dort Platz für mich schafft.
Ich erkläre mein Anliegen nach Jerusalem zu wollen, lande einen
Volltreffer und darf mich setzen.
Jack und Lu sind verheiratet, kommen aus L.A., machen keinen Hehl
aus ihrem christlichen Glauben und wollen in den nächsten zwei Wochen auf den
Spuren Jesus wandeln.
Doch anstatt mich missionieren zu wollen, führen wir das übliche
Gespräch von Individualreisenden:
„Where have you been?“ „Where are you going next?“ „What can you recomment?“ etc. Immer das Gleich – ja, sicherlich – aber auch todsicher, wenn es um eine lockere und seichte Unterhaltung geht.
„Where have you been?“ „Where are you going next?“ „What can you recomment?“ etc. Immer das Gleich – ja, sicherlich – aber auch todsicher, wenn es um eine lockere und seichte Unterhaltung geht.
Allerdings spricht Jack dabei so leise, dass ich auf der Rückbank
nicht unterscheiden kann, ob er mit mir, oder Lu spricht. So versuche ich im
richtigen Moment ein halblautes „yes“, „ah“, oder „interesting“ anzubringen, in
der Hoffnung, dass es den richtigen Adressaten trifft, bzw. im Falle eines
unpassenden Kommentars so leise genuschelt ist, dass die Beiden es
gegebenenfalls auch überhören könnten.
Hängen bleibt, dass sie gestern von einer Kreuzfahrt kommend Eilat
erreicht haben und nun nach Jerusalem fahren, um dort ein strammes einwöchiges
Jesus-Programm durchzuziehen.
Ich indes berichte von meiner lustwandlerischen Spontaneität und der
Freiheit von einem Tag auf den anderen zu entscheiden, was ich machen will.
Dazu gehört auch, dass ich heute Vormittag bei meinen Recherchen
bezüglich einer Unterkunft in Jerusalem einen Anbieter von Touren in das
Westjordanland ausfindig gemacht habe. Am Sonntag könnte ich mit diesem nach
Hebron fahren und dort eine Tour mit jeweils einem jüdischen Siedler und einem
palästinensischen Bewohner machen. Die Tour ist zwar bereits ausgebucht, aber
ich werde später dort anrufen und mich nach einem eventuell frei gewordenen
Platz erkundigen. Manchmal hat man ja Glück.
Die beiden sind etwas irritiert und scheinen nicht zu verstehen,
was das Besondere an dieser „double narrated Tour“ sei. Ich begründe mein Interesse mit dem Nah-Ost-Konflikt
und der in Herbon vorherrschenden Situation, dass dort wenige hundert Jüdische
Siedler es geschafft haben die komplette Stadt zu teilen und illegitimerweise von
der Armee dabei geschützt werden. Jack und Lu gucken sich an und geben ein eher
fragendes „Ah yes, we heard about it...“ und daraufhin ein absolutes: „Only God
knows the answer...“ von sich.
Die Beiden werden mir immer sympathischer. Während unsereins es
sich das Leben mit Politik, Weltanschauungen, Ideologien und sonstigem Gedöns
kompliziert macht, finden diese beiden alle Antworten in ihrem Glauben.
Oder doch einfach nur stereotype Amerikaner? Only God knows the
answer...
Auf jeden Fall gibt Jack gerne Gas und überholt auch mal drei
Autos auf einmal. Sicherlich voller Gottvertrauen.
Whatever. Ich sitze mit den Beiden im Auto, habe 34 NIS gespart
und bin bald in der heiligen Stadt.
Wir erreichen Jerusalem mitten in der Rush-Hour. Zudem haben die
beiden Probleme mit der Navigation. So fahren wir gefühlt mehrmals im Kreis.
Irgendwann stehen wir in einem Wohngebiet auf einem Hügel und ich erkläre mich
bereit den Navigationsjob mit Lu`s Handy zu übernehmen.
Wenige Minuten später sind wir in der Nähe des Busbahnhofs und
ihres Hotels. Dort verabschieden wir uns und im WLAN-Schatten eines
Egged-Busses navigiere ich meinen Weg zum Hostel.



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