Löwentor, Ostjerusalem, moslemisches Viertel.
Ich steige die steile und enge Treppe hinab und muss mich entscheiden. Folge
ich den Wegweisern zur Via Dolorosa, dem Leidensweg Jesus Christus, auf dem der
gute Mann dornengekrönt sein eigenes Kreuz gen Golgatha tragen musste. Oder
wage ich mich in die engen Seitengassen des nordöstlichen Viertels vor?
Entlang dessen Mauer windet sich ein Weg nach oben und eine alte Frau mit Kopftuch und viel zu vielen Tüten quält sich die Stufen hinauf. Ich empfinde spontan das Bedürfnis ihr meine Hilfe anzubieten und deute mit meinen Händen auf ihre Taschen. Sie guckt mich erst befremdlich und pikiert, dann den Sinn meiner Gesten verstehend belustigt an, schüttelt stolz den Kopf und verneint. „La, La!“
Entlang dessen Mauer windet sich ein Weg nach oben und eine alte Frau mit Kopftuch und viel zu vielen Tüten quält sich die Stufen hinauf. Ich empfinde spontan das Bedürfnis ihr meine Hilfe anzubieten und deute mit meinen Händen auf ihre Taschen. Sie guckt mich erst befremdlich und pikiert, dann den Sinn meiner Gesten verstehend belustigt an, schüttelt stolz den Kopf und verneint. „La, La!“
Immer mit der Ruhe Madame, ich wird Ihnen
schon nicht meine Hilfe aufdrängen.
Mit gutem Karma beladen entscheide ich mich
den Gang zu wagen und laufe fidel und aufmerksam in die Häuserschluchten.
Es ist gegen 11:30 und nur wenige Menschen
sind auf der Straße. Aus den Häusern dringen geschäftige Küchengeräusche und
vereinzelte Frauenstimmen. Die Straßen sind leer und es liegt mehr Müll herum,
als in den anderen Vierteln. Etwa Vorboten der Ungleichbehandlung der
Bevölkerung in Form von Sparmaßnahmen bei der Straßenreinigung? Wie aufs Wort
sehe ich einen Müllwerker durch die Gassen gehen, der Kammern öffnet und daraus
Säcke an eine größere Straße trägt. An dieser taucht kurz darauf laut knatternd
ein kleiner Trecker auf. Hinter diesem geht ein weiterer Mann und wuchtet die
Müllsäcke auf die gitterbewährte Ladefläche. Der lose Müll verbleibt auf den
Straßen.
Von den Gassen geht eine eigenartige Kühle
aus. Wie von Rohbauten, die noch unbewohnt einen schalen und kalten Betongeruch
ausatmen. Ist diese Atmosphäre lediglich eine Illusion? Ich überlege, ob sie
etwas mit meinen persönlichen Assoziationen zu tun hat bezüglich meiner
Vorurteile und gelegentlichen Ressentiments gegenüber der fremden Religion.
Spüre ich eine Unfreiheit durch von außen beeinflusste Umstände, oder durch die
selbst gesetzten, religiös und kulturell bedingten?
Oder sagen meine Empfindungen mehr über mich
aus, als zu der möglicherweise nur imaginierten Empfindung?
Zwei kleine Kinder reißen mich aus meinen
Gedanken. Der eine hat ein Kinderfahrrad, dem es an Bereifung fehlt. Auf bloßen
Metallfelgen rattert er über die Pflastersteine und vollführt obercoole
Vollbremsungen auf dem rutschigen Untergrund. Ein bis zwei mal kommt es zu
Funkenflug und sein Kumpel springt eifrig und freudig, aber auch mit einer nur
zu kindlichen Erwartung um ihn herum, halb auf den Spaß seines Freundes, und
mehr noch auf die eigene Anspannung endlich selber fahren zu dürfen fokussiert.
Beide im totalen Zustand kindlicher Freiheit.
Mit einem Lächeln im Gesicht lande ich auf
der Via Dolorosa, folge einer Gruppe Gläubiger, die ein großes Kreuz trägt.
Laufe Weg an diversen Stätten mit tiefgehender Bedeutung. Lasse mich treiben.
Links, rechts, treppauf, treppab, unten drunter, oben drüber. In einer weiteren
Gasse ein Stand mit T-Shirts. Eines fällt direkt ins Auge; die Suchmaske von
Google, in die „Israel“ eingetippt ist. Darunter geschrieben: „Did you mean
Palestine?“ Ergänzend dazu weitere T-Shirts, unter anderem mit der Silhouette
Israels auf palästinischer Fahne, verschwörungstheoretische Motive von „Uncle
Sam“ mit Davidstern, Kufiyas etc. Als ich den Stand photographieren will fährt
mich der Besitzer aggressiv an. „No Photo, no Photo!“ und drängt mich ab.
Bleib ruhig Brauner, wollt doch nur mal
knipsen.
Weiter geht’s. Irgendwie lande ich im
jüdischen Viertel und lasse mich vor der Hurva Synagoge nieder.
Hier herrscht reges touristisches Treiben.
Der Platz vor der Synagoge ist gesäumt mit gut gefüllten Cafes, Imbissen und
Restaurants. Straßenkatzen rekeln sich auf dem Steinboden, schnorren Essen und
lassen sich kraulen. Menschen machen Photos und Selfies. Die Generation unserer
Eltern hat die Natur durch überbordenden Konsum und Umweltverschmutzung irreparabel
geschädigt, meine Generation besorgt der Welt durch das Streben nach den
absoluten Instagram-Momenten den Rest.
Auf einmal ein Knall und Geschrei. Alle
zucken zusammen, manche schlagen die Hände über dem Kopf zusammen, andere
ziehen ihre Kinder zu sich. Was ist passiert? Schüsse? Eine Bombe?
Auch ich zucke zusammen, mache aber schnell
die Quelle des Geräusches ausfindig. Eine junge Frau ist erschrocken von ihrem
Stuhl aufgesprungen und hat mit ihrem Bein den wackeligen Tisch so zum wackeln
gebracht, dass ein Metalltablett mit einem Knall zu Boden gefallen ist. Den
Grund ihres Erschreckens habe ich bereits ausgemacht.
Mit einer Arroganz und Hochnäsigkeit, wie sie
wohl nur ein Straßenkater in der wichtigsten aller Städte zu Stande bekommen
kann, stolziert ein deftiger schwarzer Mikesch unter dem Tisch hervor, tut, als
wenn nie was gewesen wäre und sonnt sich dennoch im Angesicht seiner unverhofften
Wichtigkeit. Mit ostentativem Gebaren kommt er mit breiter, weiß behaarter
Brust erhaben auf mich zugetigert, legt kurz den Kopf schief, taxiert mich und schreitet
seiner Wege. Ich sagte es doch bereits Leute, es sind die Brusthaare. Die
Brusthaare bestimmen den Charakter eines israelischen Mannes, wie Katers. Mit
eitlem Arschwackeln macht er sich von dannen.
Es war mir eine Ehre, edler König. Auf dass
sich noch viele Untertanen in ihrem Glanze wähnen dürfen.
Auf diese Art demütig geworden, fühle ich
mich bereit für eine der wohl wichtigsten Sehenswürdigkeiten Jerusalems. Wieder
winde ich mich durch die Gassen und passiere einen kleinen Tunnel mit
vermehrter Polizeipräsenz. Einen kleinen Sicherheitscheck später stehe ich auf
einem großen Platz und erblicke die Klagemauer. Jenem Überbleibsel der Mauer des
zweiten Tempels der Juden. Unter Herodes neugestaltet und nur wenige Jahre
später von den Römern wieder zerstört, bleibt die Mauer als Zeugnis vergangener
Zeiten und stellt heute eine wichtige religiöse Stätte des Judentums dar.
In die Ritzen zwischen den Steinen stecken
viele Menschen Zettel mit Gebeten, Wünschen, ihren Sorgen etc., wohl in der
Hoffnung auf ein kleines Wunder.
Das Areal ist mit Drängelgittern abgesperrt, auf
denen unzählige Menschen Süßigkeiten auf Heranwachsende werfen, die innerhalb
der Gitter mit Thorarollen in und Tefillin an den Händen Bar Mitzwa feiern.
Sephardische Juden machen Trillergeräusche mit ihren Mündern, andere Familien
singen. Dazwischen Photografen und Kameramänner. Alle sind euphorisiert. Dazwischen
belustigt und irritiert dreinschauende Touristen. Denn die Mauer ist für alle
Menschen zugänglich, egal, ob Jude, oder nicht. Einzige Bedingung: das Tragen
einer Kopfbedeckung. Die habe ich zwar nicht, dafür steht am Eingang zur Mauer
ein Mann und verteilt aus einem großen Korb kostenlose Kippot. Ich schnappe mir
eine und mische ich unter die Leute, berühre die Wand, spüre aber nur fettigen
Stein.
Wieder keine Gefühlsregung. Bin ich
enttäuscht? Irgendwie schon. Ich bin sicherlich kein religiöser Mensch im Sinne
einer christlichen Körperschaften des öffentlichen Rechts, oder anderer organisierter
Strukturen, dennoch würde ich mich auf gewisse Art und Weise als spirituell
bezeichnen, was nicht zuletzt Ausdruck in Form des Genusses
eichenfassgelagerter Geister findet.
Anstatt die Kippa wieder in den Korb
zurückzuwerfen, wie es viele andere Besucher machen, behalte ich die Kappe noch
eine Weile auf dem Kopf. Will mal sehen, wie man sich so als Möchtegern-Jude
fühlt. Eigentlich nicht anders als vorher.
Das gute Stück wandert zur eventuellen
späteren Verwendung in meine Tasche. Und ich wende mich nach links und
überquere den Platz. Dort stehen viele Leute in einer Schlange vor einer
Holzbrücke, die oberhalb der Klagemauer auf den Tempelberg führt. Am Ende
stehen zwei deutsche Pärchen, die mich auf aufklären. Jeden Tag zu bestimmten
Uhrzeiten wird der Tempelberg mit dem Felsendom und der al-Aqsa-Moschee nur für
kurze Zeit für Touristen geöffnet. Je nach Sicherheitslage und anderen Faktoren
variieren diese Zeiten, so dass man sich in den Hotels oder Touristeninformationen
sicherheitshalber informieren sollte, um nicht vor verschlossenem Tore zu stehen.
Wieder mal spielt mir das Glück in die Hände, denn in etwa zwanzig Minuten soll
es hier los zum drittwichtigsten Heiligtum des Islams gehen. Noch mehr als für
die Moslems hat der Tempelberg fundamentale Bedeutung für die Juden. Hier soll
Abraham aus Gottgefälligkeit heraus versucht haben seinen Sohn zu töten und
später standen die beiden zerstörten Tempel ebenda.
Wen wundert es da, dass auch hier Zank und
Streit zwischen den beiden kontrahierenden Gruppen gibt.
Die Schlange vor dem Eingang erscheint mir
nicht so lang, als dass man zu viel Zeit aufs Warten verschwenden müsste. Vor
uns steht eine vermutlich spanische Familie und kaut Sesamringe. Während die
Schlange hinter uns länger wird, gesellen sich zu der Familie in einem stetigen
Strom weitere Menschen, die wohl deren Bekannten sind, dazu. Da der Zustrom
jedoch nicht aufzuhören scheint, schließe ich, dass es sich eher um eine
Reisegruppe zu handeln, die ein paar Leute vorgeschickt hat und nun versucht Zeit
und Raum gut zu machen. So bildet sich innerhalb weniger Minuten eine kleine
Traube vor uns. Was bei mir anerkennende Erinnerungen ob meiner eigenen Dreistigkeiten
in Bezug auf Vorteilsnahme bei Umgehungen von Menschenmassen an den Pforten der
Berliner Clubs erweckt, verleitet die deutschen Pärchen zu grimmigen
Kommentaren und Unmutsäußerungen. Der größere der beiden Deutschen wendet sich
ostentativ an seine Begleitung und mich und sagt, dass er gleich was sagen
wird. Sein Tatendrang wird spontan durch eine Musiktruppe gut gekleideter
Hippies gestört, die wie wild anfängt Trommeln, Hörner und andere Schlagwerke
zu bearbeiten. Zum rhythmischen Sound der Leinenträger setzt sich plötzlich die
Schlange in Bewegung und auch die Traube vor uns wird linienförmig. Wir
schlängeln uns über die überdachte Holzbrücke und passieren den obligatorischen
Sicherheitscheck. Ich frage mich, ob auch Tiere religiös, oder aggressiv sein
können im Sinne des Nah-Ost-Konflikts. Müsste man dann nicht bei den Ameisen,
die hier überall rumkrabbeln, auch einen Sicherheitscheck durchführen?
Wahrscheinlich reichen die Steuergelder dafür nicht aus und man drückt zwei
Augen zu. Jedenfalls stehen wir auf
einmal oben auf dem Tempelberg. Dieser ist quadratisch angelegt, von einer großen
Mauer umgeben und beherbergt im Süden die Al-Aqsa-Moschee und im Norden den
Felsendom.
Wir Touristen sind jedoch bei weitem nicht
die einzigen Besucher. Für Moslems und Bewohner Ostjerusalems gibt es separate
Eingänge, die zeitlich weniger eingeschränkt sind. So tummeln sich bereits
viele Menschen hier oben und gehen ihren täglichen Ritualen nach.
Heranwachsende Jungs vollführen auf einem sandigen Areal spektakuläre
Kunstsprünge, arabische Schulklassen werden von Lehrern angeleitet,
verschleierte Frauen hocken mit ihren kleinen Kindern in Gruppen im Schatten
der Bäume und ältere Männer mit Gebetsketten in den Händen stehen rauchend und
diskutierend vor der Moschee. In diese darf man als Ungläubiger nicht
eintreten, jedoch kann man durch die geöffneten Tore einen Blick ins innere
erhaschen. Drinnen ist alles mit Teppichen ausgelegt, aber nur wenige Gläubige
finden sich zum Gebet ein. Was mir an Moscheen, wie auch am Islam grundsätzlich
gefällt ist der Verzicht auf jeglichen Standesdünkel und protziges Inventar. Was
wäre diese Religion nur für eine Bereicherung für die Welt, würde sie sich
endlich reflektieren und modernisieren. Auch äußerlich ist die Moschee schlicht
gehalten und ähnelt eher einer Markthalle, oder einem Bahnhof, nur dass sie
eben eine charakteristische Kuppel trägt.
Wendet man sich um 180Grad und erhebt den
Blick, dann sieht man den Felsendom. Erhaben und als Musterbeispiel früher
islamischen Baukunst thront er erhöht auf der nördlichen Hälfte des
Tempelbergs.
Wer hier kein Selfie macht, oder machen
lässt, ist selber schuld. Als das erledigt ist, laufe ich noch etwas auf dem
Areal herum. Am östlichen Ende erstreckt sich eine große Mauer mit
Schießscharten, durch die man den Ölberg mit seinem riesigen jüdischen Friedhof
blicken kann. Auf dem Weg zurück zum Ausgang beschmeißen sich Teenager
gegenseitig mit Steinen. Wenig später kommt mir einer der Jungs hinterher und spricht
mich mit bestem Englisch an: „Hello Sir! Do you have some money for me?“
In Berlin ist meine etwas zynische Antwort in
diesen Fällen meist, dass ich qua meiner beruflichen Tätigkeit schon genug
Gutes tue und nicht noch im Privaten Geld abdrücken möchte. Da ich mich in der
Fremde als Tourist jedoch oft mit einem Anflug von schlechtem Gewissen plage,
gebe ich dem Bengel eine zehn Schekel Münze in der Annahme, dass er sich mit
diesem schon fast fürstlichen Betrag glücklich und zufrieden gibt. Der Junge
starrt mir lediglich mit großen, leeren und fordernden Augen an und sagt: „I
thought you would give me more. I want to go to University...“
Ich gucke den frechen Bastard mit einem Blick
an, der in etwa der soeben ausgeschriebenen Beleidigung entspricht und
erwidere: „If you want to go to University, why are you not in school now?“ Er
antwortet: „Because it is Thursday and school ends at 1pm. Now it is quarter
past three“.
Touché Habibi. Geschlagen und in der Hoffnung
durch weitere Mildtätigkeit nicht mit in das Steinwerfspiel einbezogen zu
werden, wühle ich nochmals in meinem Portemonee und weitere zehn Schekel
wechseln den Besitzer. Ich erspare uns beiden ihm großväterlich und aufmunternd
in die Wange zu kneifen. Da er sicherlich mehr Geld erwartet hat und ich
eigentlich nichts geben wollte, geben wir uns mit der „Loose-Loose-Situation
zufrieden.
Mir reicht es für heute mit Historie und so
lasse ich nicht nur den Felsendom, sondern auch die komplette Altstadt hinter
mir. Mir steht der Sinn nach etwas Abwechslung und ich will mich amüsieren. Auf
in das Viertel der Ultraorthodoxen.
Auf nach Me’a She’arim!




















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