Donnerstag, 31. Januar 2019

ISRAEL 2018 - Tag 4, Teil II


Löwentor, Ostjerusalem, moslemisches Viertel. Ich steige die steile und enge Treppe hinab und muss mich entscheiden. Folge ich den Wegweisern zur Via Dolorosa, dem Leidensweg Jesus Christus, auf dem der gute Mann dornengekrönt sein eigenes Kreuz gen Golgatha tragen musste. Oder wage ich mich in die engen Seitengassen des nordöstlichen Viertels vor? 
Entlang dessen Mauer windet sich ein Weg nach oben und eine alte Frau mit Kopftuch und viel zu vielen Tüten quält sich die Stufen hinauf. Ich empfinde spontan das Bedürfnis ihr meine Hilfe anzubieten und deute mit meinen Händen auf ihre Taschen. Sie guckt mich erst befremdlich und pikiert, dann den Sinn meiner Gesten verstehend belustigt an, schüttelt stolz den Kopf und verneint. „La, La!“
Immer mit der Ruhe Madame, ich wird Ihnen schon nicht meine Hilfe aufdrängen.
Mit gutem Karma beladen entscheide ich mich den Gang zu wagen und laufe fidel und aufmerksam in die Häuserschluchten.
Es ist gegen 11:30 und nur wenige Menschen sind auf der Straße. Aus den Häusern dringen geschäftige Küchengeräusche und vereinzelte Frauenstimmen. Die Straßen sind leer und es liegt mehr Müll herum, als in den anderen Vierteln. Etwa Vorboten der Ungleichbehandlung der Bevölkerung in Form von Sparmaßnahmen bei der Straßenreinigung? Wie aufs Wort sehe ich einen Müllwerker durch die Gassen gehen, der Kammern öffnet und daraus Säcke an eine größere Straße trägt. An dieser taucht kurz darauf laut knatternd ein kleiner Trecker auf. Hinter diesem geht ein weiterer Mann und wuchtet die Müllsäcke auf die gitterbewährte Ladefläche. Der lose Müll verbleibt auf den Straßen.
Von den Gassen geht eine eigenartige Kühle aus. Wie von Rohbauten, die noch unbewohnt einen schalen und kalten Betongeruch ausatmen. Ist diese Atmosphäre lediglich eine Illusion? Ich überlege, ob sie etwas mit meinen persönlichen Assoziationen zu tun hat bezüglich meiner Vorurteile und gelegentlichen Ressentiments gegenüber der fremden Religion. Spüre ich eine Unfreiheit durch von außen beeinflusste Umstände, oder durch die selbst gesetzten, religiös und kulturell bedingten?
Oder sagen meine Empfindungen mehr über mich aus, als zu der möglicherweise nur imaginierten Empfindung?
Zwei kleine Kinder reißen mich aus meinen Gedanken. Der eine hat ein Kinderfahrrad, dem es an Bereifung fehlt. Auf bloßen Metallfelgen rattert er über die Pflastersteine und vollführt obercoole Vollbremsungen auf dem rutschigen Untergrund. Ein bis zwei mal kommt es zu Funkenflug und sein Kumpel springt eifrig und freudig, aber auch mit einer nur zu kindlichen Erwartung um ihn herum, halb auf den Spaß seines Freundes, und mehr noch auf die eigene Anspannung endlich selber fahren zu dürfen fokussiert. Beide im totalen Zustand kindlicher Freiheit.
Mit einem Lächeln im Gesicht lande ich auf der Via Dolorosa, folge einer Gruppe Gläubiger, die ein großes Kreuz trägt. Laufe Weg an diversen Stätten mit tiefgehender Bedeutung. Lasse mich treiben. Links, rechts, treppauf, treppab, unten drunter, oben drüber. In einer weiteren Gasse ein Stand mit T-Shirts. Eines fällt direkt ins Auge; die Suchmaske von Google, in die „Israel“ eingetippt ist. Darunter geschrieben: „Did you mean Palestine?“ Ergänzend dazu weitere T-Shirts, unter anderem mit der Silhouette Israels auf palästinischer Fahne, verschwörungstheoretische Motive von „Uncle Sam“ mit Davidstern, Kufiyas etc. Als ich den Stand photographieren will fährt mich der Besitzer aggressiv an. „No Photo, no Photo!“ und drängt mich ab.
Bleib ruhig Brauner, wollt doch nur mal knipsen.
Weiter geht’s. Irgendwie lande ich im jüdischen Viertel und lasse mich vor der Hurva Synagoge nieder.
Hier herrscht reges touristisches Treiben. Der Platz vor der Synagoge ist gesäumt mit gut gefüllten Cafes, Imbissen und Restaurants. Straßenkatzen rekeln sich auf dem Steinboden, schnorren Essen und lassen sich kraulen. Menschen machen Photos und Selfies. Die Generation unserer Eltern hat die Natur durch überbordenden Konsum und Umweltverschmutzung irreparabel geschädigt, meine Generation besorgt der Welt durch das Streben nach den absoluten Instagram-Momenten den Rest.
Auf einmal ein Knall und Geschrei. Alle zucken zusammen, manche schlagen die Hände über dem Kopf zusammen, andere ziehen ihre Kinder zu sich. Was ist passiert? Schüsse? Eine Bombe?
Auch ich zucke zusammen, mache aber schnell die Quelle des Geräusches ausfindig. Eine junge Frau ist erschrocken von ihrem Stuhl aufgesprungen und hat mit ihrem Bein den wackeligen Tisch so zum wackeln gebracht, dass ein Metalltablett mit einem Knall zu Boden gefallen ist. Den Grund ihres Erschreckens habe ich bereits ausgemacht.
Mit einer Arroganz und Hochnäsigkeit, wie sie wohl nur ein Straßenkater in der wichtigsten aller Städte zu Stande bekommen kann, stolziert ein deftiger schwarzer Mikesch unter dem Tisch hervor, tut, als wenn nie was gewesen wäre und sonnt sich dennoch im Angesicht seiner unverhofften Wichtigkeit. Mit ostentativem Gebaren kommt er mit breiter, weiß behaarter Brust erhaben auf mich zugetigert, legt kurz den Kopf schief, taxiert mich und schreitet seiner Wege. Ich sagte es doch bereits Leute, es sind die Brusthaare. Die Brusthaare bestimmen den Charakter eines israelischen Mannes, wie Katers. Mit eitlem Arschwackeln macht er sich von dannen.
Es war mir eine Ehre, edler König. Auf dass sich noch viele Untertanen in ihrem Glanze wähnen dürfen.
Auf diese Art demütig geworden, fühle ich mich bereit für eine der wohl wichtigsten Sehenswürdigkeiten Jerusalems. Wieder winde ich mich durch die Gassen und passiere einen kleinen Tunnel mit vermehrter Polizeipräsenz. Einen kleinen Sicherheitscheck später stehe ich auf einem großen Platz und erblicke die Klagemauer. Jenem Überbleibsel der Mauer des zweiten Tempels der Juden. Unter Herodes neugestaltet und nur wenige Jahre später von den Römern wieder zerstört, bleibt die Mauer als Zeugnis vergangener Zeiten und stellt heute eine wichtige religiöse Stätte des Judentums dar.
In die Ritzen zwischen den Steinen stecken viele Menschen Zettel mit Gebeten, Wünschen, ihren Sorgen etc., wohl in der Hoffnung auf ein kleines Wunder.
Das Areal ist mit Drängelgittern abgesperrt, auf denen unzählige Menschen Süßigkeiten auf Heranwachsende werfen, die innerhalb der Gitter mit Thorarollen in und Tefillin an den Händen Bar Mitzwa feiern. Sephardische Juden machen Trillergeräusche mit ihren Mündern, andere Familien singen. Dazwischen Photografen und Kameramänner. Alle sind euphorisiert. Dazwischen belustigt und irritiert dreinschauende Touristen. Denn die Mauer ist für alle Menschen zugänglich, egal, ob Jude, oder nicht. Einzige Bedingung: das Tragen einer Kopfbedeckung. Die habe ich zwar nicht, dafür steht am Eingang zur Mauer ein Mann und verteilt aus einem großen Korb kostenlose Kippot. Ich schnappe mir eine und mische ich unter die Leute, berühre die Wand, spüre aber nur fettigen Stein.
Wieder keine Gefühlsregung. Bin ich enttäuscht? Irgendwie schon. Ich bin sicherlich kein religiöser Mensch im Sinne einer christlichen Körperschaften des öffentlichen Rechts, oder anderer organisierter Strukturen, dennoch würde ich mich auf gewisse Art und Weise als spirituell bezeichnen, was nicht zuletzt Ausdruck in Form des Genusses eichenfassgelagerter Geister findet.
Anstatt die Kippa wieder in den Korb zurückzuwerfen, wie es viele andere Besucher machen, behalte ich die Kappe noch eine Weile auf dem Kopf. Will mal sehen, wie man sich so als Möchtegern-Jude fühlt. Eigentlich nicht anders als vorher.
Das gute Stück wandert zur eventuellen späteren Verwendung in meine Tasche. Und ich wende mich nach links und überquere den Platz. Dort stehen viele Leute in einer Schlange vor einer Holzbrücke, die oberhalb der Klagemauer auf den Tempelberg führt. Am Ende stehen zwei deutsche Pärchen, die mich auf aufklären. Jeden Tag zu bestimmten Uhrzeiten wird der Tempelberg mit dem Felsendom und der al-Aqsa-Moschee nur für kurze Zeit für Touristen geöffnet. Je nach Sicherheitslage und anderen Faktoren variieren diese Zeiten, so dass man sich in den Hotels oder Touristeninformationen sicherheitshalber informieren sollte, um nicht vor verschlossenem Tore zu stehen. Wieder mal spielt mir das Glück in die Hände, denn in etwa zwanzig Minuten soll es hier los zum drittwichtigsten Heiligtum des Islams gehen. Noch mehr als für die Moslems hat der Tempelberg fundamentale Bedeutung für die Juden. Hier soll Abraham aus Gottgefälligkeit heraus versucht haben seinen Sohn zu töten und später standen die beiden zerstörten Tempel ebenda.
Wen wundert es da, dass auch hier Zank und Streit zwischen den beiden kontrahierenden Gruppen gibt.
Die Schlange vor dem Eingang erscheint mir nicht so lang, als dass man zu viel Zeit aufs Warten verschwenden müsste. Vor uns steht eine vermutlich spanische Familie und kaut Sesamringe. Während die Schlange hinter uns länger wird, gesellen sich zu der Familie in einem stetigen Strom weitere Menschen, die wohl deren Bekannten sind, dazu. Da der Zustrom jedoch nicht aufzuhören scheint, schließe ich, dass es sich eher um eine Reisegruppe zu handeln, die ein paar Leute vorgeschickt hat und nun versucht Zeit und Raum gut zu machen. So bildet sich innerhalb weniger Minuten eine kleine Traube vor uns. Was bei mir anerkennende Erinnerungen ob meiner eigenen Dreistigkeiten in Bezug auf Vorteilsnahme bei Umgehungen von Menschenmassen an den Pforten der Berliner Clubs erweckt, verleitet die deutschen Pärchen zu grimmigen Kommentaren und Unmutsäußerungen. Der größere der beiden Deutschen wendet sich ostentativ an seine Begleitung und mich und sagt, dass er gleich was sagen wird. Sein Tatendrang wird spontan durch eine Musiktruppe gut gekleideter Hippies gestört, die wie wild anfängt Trommeln, Hörner und andere Schlagwerke zu bearbeiten. Zum rhythmischen Sound der Leinenträger setzt sich plötzlich die Schlange in Bewegung und auch die Traube vor uns wird linienförmig. Wir schlängeln uns über die überdachte Holzbrücke und passieren den obligatorischen Sicherheitscheck. Ich frage mich, ob auch Tiere religiös, oder aggressiv sein können im Sinne des Nah-Ost-Konflikts. Müsste man dann nicht bei den Ameisen, die hier überall rumkrabbeln, auch einen Sicherheitscheck durchführen? Wahrscheinlich reichen die Steuergelder dafür nicht aus und man drückt zwei Augen zu.  Jedenfalls stehen wir auf einmal oben auf dem Tempelberg. Dieser ist quadratisch angelegt, von einer großen Mauer umgeben und beherbergt im Süden die Al-Aqsa-Moschee und im Norden den Felsendom.
Wir Touristen sind jedoch bei weitem nicht die einzigen Besucher. Für Moslems und Bewohner Ostjerusalems gibt es separate Eingänge, die zeitlich weniger eingeschränkt sind. So tummeln sich bereits viele Menschen hier oben und gehen ihren täglichen Ritualen nach. Heranwachsende Jungs vollführen auf einem sandigen Areal spektakuläre Kunstsprünge, arabische Schulklassen werden von Lehrern angeleitet, verschleierte Frauen hocken mit ihren kleinen Kindern in Gruppen im Schatten der Bäume und ältere Männer mit Gebetsketten in den Händen stehen rauchend und diskutierend vor der Moschee. In diese darf man als Ungläubiger nicht eintreten, jedoch kann man durch die geöffneten Tore einen Blick ins innere erhaschen. Drinnen ist alles mit Teppichen ausgelegt, aber nur wenige Gläubige finden sich zum Gebet ein. Was mir an Moscheen, wie auch am Islam grundsätzlich gefällt ist der Verzicht auf jeglichen Standesdünkel und protziges Inventar. Was wäre diese Religion nur für eine Bereicherung für die Welt, würde sie sich endlich reflektieren und modernisieren. Auch äußerlich ist die Moschee schlicht gehalten und ähnelt eher einer Markthalle, oder einem Bahnhof, nur dass sie eben eine charakteristische Kuppel trägt.
Wendet man sich um 180Grad und erhebt den Blick, dann sieht man den Felsendom. Erhaben und als Musterbeispiel früher islamischen Baukunst thront er erhöht auf der nördlichen Hälfte des Tempelbergs.
Wer hier kein Selfie macht, oder machen lässt, ist selber schuld. Als das erledigt ist, laufe ich noch etwas auf dem Areal herum. Am östlichen Ende erstreckt sich eine große Mauer mit Schießscharten, durch die man den Ölberg mit seinem riesigen jüdischen Friedhof blicken kann. Auf dem Weg zurück zum Ausgang beschmeißen sich Teenager gegenseitig mit Steinen. Wenig später kommt mir einer der Jungs hinterher und spricht mich mit bestem Englisch an: „Hello Sir! Do you have some money for me?“
In Berlin ist meine etwas zynische Antwort in diesen Fällen meist, dass ich qua meiner beruflichen Tätigkeit schon genug Gutes tue und nicht noch im Privaten Geld abdrücken möchte. Da ich mich in der Fremde als Tourist jedoch oft mit einem Anflug von schlechtem Gewissen plage, gebe ich dem Bengel eine zehn Schekel Münze in der Annahme, dass er sich mit diesem schon fast fürstlichen Betrag glücklich und zufrieden gibt. Der Junge starrt mir lediglich mit großen, leeren und fordernden Augen an und sagt: „I thought you would give me more. I want to go to University...“
Ich gucke den frechen Bastard mit einem Blick an, der in etwa der soeben ausgeschriebenen Beleidigung entspricht und erwidere: „If you want to go to University, why are you not in school now?“ Er antwortet: „Because it is Thursday and school ends at 1pm. Now it is quarter past three“.
Touché Habibi. Geschlagen und in der Hoffnung durch weitere Mildtätigkeit nicht mit in das Steinwerfspiel einbezogen zu werden, wühle ich nochmals in meinem Portemonee und weitere zehn Schekel wechseln den Besitzer. Ich erspare uns beiden ihm großväterlich und aufmunternd in die Wange zu kneifen. Da er sicherlich mehr Geld erwartet hat und ich eigentlich nichts geben wollte, geben wir uns mit der „Loose-Loose-Situation zufrieden.
Mir reicht es für heute mit Historie und so lasse ich nicht nur den Felsendom, sondern auch die komplette Altstadt hinter mir. Mir steht der Sinn nach etwas Abwechslung und ich will mich amüsieren. Auf in das Viertel der Ultraorthodoxen.
Auf nach Me’a She’arim!























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