Nach dem Aussteigen ist es wesentlich kälter als vor dem Besteigen des Autos. Ein
kühler Wind weht durch die Straßen und es ist nur noch 17Grad warm.
Der Oktober zeigt sich hier von seiner herberen Seite, so dass ich beschließe die kurze gegen eine lange Hose zu tauschen und ein Longsleeve überzuziehen. Hinter einem Bauzaun bei einer leeren Baustelle finde ich das geeignete Plätzchen. Da ich nach dem Baden die Badehose zum Trocknen an der frischen Luft gleich anbehalten habe und keine Boxershort drunter trage, baumelt meine unbeschnittene Nudel kurzzeitig im Abendwind. Genau in diesem Moment erscheint etwa fünf Meter vor mir ein Bauarbeiter hinter einer Ecke und sein Blick fällt direkt auf den fleischgewordenen Hartweizengrieß. Offensichtlich schon öfter menschlicher Tragödien ansichtig geworden reagiert der Blaumann cool und trocken mit einer schlagfertigen Analyse des Hautlappens:
Der Oktober zeigt sich hier von seiner herberen Seite, so dass ich beschließe die kurze gegen eine lange Hose zu tauschen und ein Longsleeve überzuziehen. Hinter einem Bauzaun bei einer leeren Baustelle finde ich das geeignete Plätzchen. Da ich nach dem Baden die Badehose zum Trocknen an der frischen Luft gleich anbehalten habe und keine Boxershort drunter trage, baumelt meine unbeschnittene Nudel kurzzeitig im Abendwind. Genau in diesem Moment erscheint etwa fünf Meter vor mir ein Bauarbeiter hinter einer Ecke und sein Blick fällt direkt auf den fleischgewordenen Hartweizengrieß. Offensichtlich schon öfter menschlicher Tragödien ansichtig geworden reagiert der Blaumann cool und trocken mit einer schlagfertigen Analyse des Hautlappens:
„Ah, a christian tourist... Welcome to
Jerusalem!“
Und verschwindet daraufhin genau so
plötzlich, wie er aufgetaucht ist.
Sehr schön! Liegt es an der Begrüßung, oder
an der dünnen Höhenluft, dass ich mich herzlich willkommen fühle?
Die Stadt liegt etwa auf 800m über
Normalnull. Der damit verbundene Höhenunterschied von 1200m zum Toten Meer ist
beachtlich, wenn man bedenkt, dass beide Punkte per Luftlinie nur circa 20km
voneinander entfernt liegen.
Jerusalem ist das wirre Gegenteil von
Tel-Aviv. Sowohl topographisch, wie auch geschichtlich und kulturell. Während
die Stadt am Meer ebenerdig und in klaren Linien strukturiert ist, spielen hier
rechte Winkel sowohl in der Horizontalen, wie auch Vertikalen eine eher
untergeordnete Rolle. Die Stadt erscheint grotesk gewachsen, bis stellenweise verwachsen. An den Horizonten sind modernste und illuminierte Wolkenkratzer zu sehen, dann kommen kahle und dunkle Täler, daraufhin Siedlungen mit Häusern in Reih und Glied, gefolgt von Zweckbauten diverser Einrichtungen und gelegentlich ein kleines Stück Park, oder ein Spielplatz. Alles wird von hässlichen Ausfallstraßen zerschnitten.
Vielleicht liegt es am Kontrast zur Wüste, aber die Stadt wirkt stressig und wirr auf mich.
Das Gleiche gilt wohl auch für das Denken. Sowohl politischer, wie auch religiöser Natur.
Vielleicht liegt es am Kontrast zur Wüste, aber die Stadt wirkt stressig und wirr auf mich.
Das Gleiche gilt wohl auch für das Denken. Sowohl politischer, wie auch religiöser Natur.
Auf Grund der Geschichte und Gegenwart ergibt
sich die groteske Situation, dass Jerusalem zwar die administrative und
symbolische Hauptstadt der Israelis ist, aber nur von den wenigsten Staaten als
solche anerkannt wird. Die Staaten, die Israel überhaupt anerkennen, haben ihre
Botschaften fast ausschließlich in Tel Aviv.
Dennoch werden die politischen Entscheidungen hier in der Knesset, dem israelischen Parlament, getroffen.
Dennoch werden die politischen Entscheidungen hier in der Knesset, dem israelischen Parlament, getroffen.
Die Palästinenser haben weder einen Staat,
noch eine Hauptstadt. Als quasi „Überbleibsel“ der Konflikte nach der israelischen
Staatsgründung im Jahre 1948 von allen arabischen Anrainerstaaten zwar gerne
als Spielball eigener Interessen benutzt, dennoch bezüglich einer angeblichen
Panarabischen Solidarität gänzlich alleine gelassen und von den Israelis nicht
anerkannt, fristen sie heute ein bemitleidenswertes Dasein zwischen Repression,
hoffnungsloser Autonomiebestrebungen, internen Konflikten, Korruption und
Unfähigkeit.
Weiter lese ich bei Wikipedia, dass das
Stadtviertel, in dem ich Quartier beziehen werde, im Viertel „French-Hill“
liegt. Dieser Teil Jerusalems gehörte einst zu Jordanien und wurde im Zuge des
Sechstagekrieges von Israel erobert. Kurz darauf siedelten erste jüdische
Menschen dort und Israel annektierte es 1980 im Rahmen des „Jerusalemgesetzes“.
Eine darauffolgende Resolution der UN erklärte die Annexion für ungültig, so
dass der Stadtteil, wie auch ganz (Ost)Jerusalem einer der vielen Zankäpfel
zwischen Israelis und Palästinensern ist.
Der Rest ist Geschichte.
French-Hill liegt ungefähr 5km von meiner
Position entfernt, nordöstlich des Stadtzentrums.
In der Wahl meiner Unterkunft war ich nicht
zimperlich. Ausschlaggebend war weniger die Örtlichkeit, sondern vielmehr der
Preis, denn auch Jerusalem ist furchtbar teuer. Bei den Unterkünften sogar noch
teurer als Tel-Aviv.
Die Unterkunft hatte gute Bewertungen, der
Typ, der es betreibt, stellte sich in seinem Profil als interessanter
Zeitgenosse dar und überhaupt war es eines der wenigen Etablissements, das noch
Zimmer frei hatte.
Der Tourismus hat in der heiligen Stadt zu
jeder Jahreszeit Konjunktur.
Die günstigen Konditionen haben allerdings
zur Folge, dass ich auf weniger touristischen Pfaden wandeln muss, um dorthin
zu gelangen.
Der kürzeste Weg zum Hostel führt fast
ausschließlich an breiten, lauten, hässlichen und stinkigen Ausfallstraßen entlang.
Zudem geht es bergauf und bergab. Jerusalem wurde auf einigen Hügeln erbaut.
Da ich wenig Lust darauf habe, nur der
Ansicht wegen eine noch weitere Strecke durch eventuell hübschere Viertel
auf mich zu nehmen und ebenfalls nicht vorhabe mich vom Infanterieprinzip der Fortbewegung zu lösen, trabe ich in Abgasen gehüllt
weiter gen Ziel.
Obwohl das Autofahren in Israel sehr teuer
sein soll, scheint jeder Mensch motorisiert zu sein und von den technischen
Ausstattungen der Autos rege Gebrauch zu machen. Ein harscher Soundteppich aus
Hupen, Motorgeheule und gedämpften Flüchen umwabert einen. Ich frage mich,
warum die Leute nicht Gebrauch von den vielen Bussen und der Straßenbahn
machen, die mit beständiger Regelmäßigkeit an mir vorbeifahren.
Ist Unökologisches Denken etwa ein wenig
nachhaltiges Merkmal des israelischen Pragmatismus-Wahns? Fragt sich der
Billigflieger... ;)
Zu Fuß sind nur wenige Menschen unterwegs.
Die für Tel-Aviv typischen E-Roller sind ebenfalls rar gesät, Fahrräder vermag
ich kaum auszumachen und ein Äquivalent des sportlichen Lifestyles der
Küstenmetropole fällt nicht direkt ins Auge.
Zwar hat Jerusalem weder Anschluss an ein
Meer, einen größeren Fluss, oder sonst ein Gewässer, dafür erscheint es mir
grüner und mit relativ vielen Bäumen gesegnet.
Bei den Mengen an Abgasen, die in der Luft
schwirren, scheinen diese eine wichtige Filterfunktion zu erfüllen.
Auch bringen sie etwas Abwechslung in die
immer gleich aussehende Bebauung. Dennoch sehen die Häuser ganz anders aus als
in Tel-Aviv. Eigenwilliger und ein kleines bisschen weniger Pragmatisch.
Im Gusch Dan, der Agglomeration Tel Avivs,
überwiegen Beton und Plattenbauten. Hier gibt der „Jerusalem-Stone“ den Ton an.
Dieser besondere Kalkstein heißt tatsächlich so und wird in Steinbrüchen im
israelischen Hochland abgebaut. Wohin man guckt; die meisten Gebäude bestehen
aus den gelbweißen, ungeschliffenen und etwa 20x40cm großen Rechtecken.
Historische Substanz suche ich dagegen vergebens.
Kamele und Esel sind genauso wenig auszumachen, wie manische Verkünder von
Weltuntergangsszenarien. Doch viele der, in Hebräisch, Arabisch und Englisch
gehaltenen Straßenschilder künden von der „Old-City“.
Leider zeigen die Schilder allesamt in die
falsche Richtung.
Anreiz für das Schmieden von Plänen einer
ausführlichen Begehung am morgigen Tag bieten diese jedoch genug, so dass ich
immer wieder meinen Reiseführer vor die Nase halte, um die urbane Monotonie
erträglicher zu machen und mich auf die Sehenswürdigkeiten des historischen
Jerusalems vorzubereiten.
Nach einer knappen Stunde Marsch und kurz vor
dem Ziel kommt mir die Umgebung plötzlich bekannt vor. Den Blick von hier oben
nach da unten habe ich doch bereits irgendwo in meinem Hirn abgespeichert.
Moment, haben wir nicht genau hier vorne
links gestanden und ich von meiner Mitfahrgelegenheit den Job des Navigators
übernommen?
Genau! So war es! Wäre ich hier ausgestiegen,
wäre ich nur 500m von meiner Unterkunft entfernt.
Hinsichtlich des guten Gefühls meine
Wohltäter sicher zu ihrem Hotel geleitet zu haben und der Dankbarkeit mich
überhaupt mitgenommen zu haben, bin ich wegen des Zeitverlusts aber versöhnlich
gestimmt. Zudem merke ich, dass sich der Wolf an den Oberschenkeln weiterhin im
Zaume hält.
Dem Wunderwasser des Toten Meers sei Dank!
Keine fünf Minuten später habe ich einen
letzten Berg erstiegen, eine kurioserweise kurz vor dem Haus gehaltenes Pferd gegrüßt
und stehe vor einem siebenstöckigen Mehrfamilienhaus aus Jerusalem-Stein.
Der Besitzer hat bereits auf der Website
angekündigt, dass es sich bei seiner Unterkunft weniger um ein klassisches
Hostel handle, sondern vielmehr um eine Wohnung mit vier Zimmern, die er mit
Betten vollgestopft habe, um so möglichst vielen Menschen eine günstige Schlafmöglichkeit
zu verschaffen.
Laut Beschreibung sei er früher selbst oft
und mit geringem Budget gereist. Nun wolle er der Welt im überteuerten
Jerusalem die Möglichkeit geben für kleines Geld zu übernachten. Aus den
Bewertungskommentaren erfährt man, dass er auch gerne mal dafür zu sorgen
scheint, dass der Kühlschrank gefüllt ist, Leute mit Tee und interessanten bis
polarisierenden Gesprächen versorgt, oder zu Jeep-Touren in die Negev-Wüste
einlädt. Der Preis von circa 12€ pro Nacht sprechen des Weiteren für diese
Unterkunft. Um in die Wohnung zu gelangen, hat mir der Boss eine detaillierte
Beschreibung eines Schlüsselverstecks gesendet. Diesen müsse man lediglich unter
einem großen Stein vor der Eingangstür hervorholen und dürfe sich dann wie zu
Hause bei ihm fühlen.
Wie Wächter des Schlüssels streichen zwei
Straßenkatzen um das beschriebene Versteck und fordern lauthals Aufmerksamkeit
ein.
Zwar habe ich keine Leckerei für Sie, dafür
aber eine ordentliche Streicheleinheit.
Nach kurzem Kraulen geben die beiden
zufrieden den Stein frei, so dass ich das besagte Metall mit einer schönen
Panade aus Erde darunter hervorholen kann.
Die Eingangstür steht bereits offen und der
Flur im Erdgeschoss empfängt mich mit einer Duftmischung aus feuchtem, kalten
Beton, nassem Hund und verfaulten Früchten.
An den Wänden sind Graffiti-Tags und zwischen
den offenen Leitungen steckt Müll.
Qualität hat eben ihren Preis.
Etwas missmutig begebe ich mich nach oben zur
Wohnung.


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