Mittwoch, 9. Januar 2019

ISRAEL 2018 - Tag 3, Teil III



Nach dem Aussteigen ist es wesentlich kälter als vor dem Besteigen des Autos. Ein kühler Wind weht durch die Straßen und es ist nur noch 17Grad warm. 
Der Oktober zeigt sich hier von seiner herberen Seite, so dass ich beschließe die kurze gegen eine lange Hose zu tauschen und ein Longsleeve überzuziehen. Hinter einem Bauzaun bei einer leeren Baustelle finde ich das geeignete Plätzchen. Da ich nach dem Baden die Badehose zum Trocknen an der frischen Luft gleich anbehalten habe und keine Boxershort drunter trage, baumelt meine unbeschnittene Nudel kurzzeitig im Abendwind. Genau in diesem Moment erscheint etwa fünf Meter vor mir ein Bauarbeiter hinter einer Ecke und sein Blick fällt direkt auf den fleischgewordenen Hartweizengrieß. Offensichtlich schon öfter menschlicher Tragödien ansichtig geworden reagiert der Blaumann cool und trocken mit einer schlagfertigen Analyse des Hautlappens:
„Ah, a christian tourist... Welcome to Jerusalem!“
Und verschwindet daraufhin genau so plötzlich, wie er aufgetaucht ist.
Sehr schön! Liegt es an der Begrüßung, oder an der dünnen Höhenluft, dass ich mich herzlich willkommen fühle?
Die Stadt liegt etwa auf 800m über Normalnull. Der damit verbundene Höhenunterschied von 1200m zum Toten Meer ist beachtlich, wenn man bedenkt, dass beide Punkte per Luftlinie nur circa 20km voneinander entfernt liegen.
Jerusalem ist das wirre Gegenteil von Tel-Aviv. Sowohl topographisch, wie auch geschichtlich und kulturell. Während die Stadt am Meer ebenerdig und in klaren Linien strukturiert ist, spielen hier rechte Winkel sowohl in der Horizontalen, wie auch Vertikalen eine eher untergeordnete Rolle. Die Stadt erscheint grotesk gewachsen, bis stellenweise verwachsen. An den Horizonten sind modernste und illuminierte Wolkenkratzer zu sehen, dann kommen kahle und dunkle Täler, daraufhin Siedlungen mit Häusern in Reih und Glied, gefolgt von Zweckbauten diverser Einrichtungen und gelegentlich ein kleines Stück Park, oder ein Spielplatz. Alles wird von hässlichen Ausfallstraßen zerschnitten.
Vielleicht liegt es am Kontrast zur Wüste, aber die Stadt wirkt stressig und wirr auf mich. 
Das Gleiche gilt wohl auch für das Denken. Sowohl politischer, wie auch religiöser Natur.
Auf Grund der Geschichte und Gegenwart ergibt sich die groteske Situation, dass Jerusalem zwar die administrative und symbolische Hauptstadt der Israelis ist, aber nur von den wenigsten Staaten als solche anerkannt wird. Die Staaten, die Israel überhaupt anerkennen, haben ihre Botschaften fast ausschließlich in Tel Aviv.
Dennoch werden die politischen Entscheidungen hier in der Knesset, dem israelischen Parlament, getroffen.
Die Palästinenser haben weder einen Staat, noch eine Hauptstadt. Als quasi „Überbleibsel“ der Konflikte nach der israelischen Staatsgründung im Jahre 1948 von allen arabischen Anrainerstaaten zwar gerne als Spielball eigener Interessen benutzt, dennoch bezüglich einer angeblichen Panarabischen Solidarität gänzlich alleine gelassen und von den Israelis nicht anerkannt, fristen sie heute ein bemitleidenswertes Dasein zwischen Repression, hoffnungsloser Autonomiebestrebungen, internen Konflikten, Korruption und Unfähigkeit.
Weiter lese ich bei Wikipedia, dass das Stadtviertel, in dem ich Quartier beziehen werde, im Viertel „French-Hill“ liegt. Dieser Teil Jerusalems gehörte einst zu Jordanien und wurde im Zuge des Sechstagekrieges von Israel erobert. Kurz darauf siedelten erste jüdische Menschen dort und Israel annektierte es 1980 im Rahmen des „Jerusalemgesetzes“. Eine darauffolgende Resolution der UN erklärte die Annexion für ungültig, so dass der Stadtteil, wie auch ganz (Ost)Jerusalem einer der vielen Zankäpfel zwischen Israelis und Palästinensern ist.
Der Rest ist Geschichte.
French-Hill liegt ungefähr 5km von meiner Position entfernt, nordöstlich des Stadtzentrums.
In der Wahl meiner Unterkunft war ich nicht zimperlich. Ausschlaggebend war weniger die Örtlichkeit, sondern vielmehr der Preis, denn auch Jerusalem ist furchtbar teuer. Bei den Unterkünften sogar noch teurer als Tel-Aviv.
Die Unterkunft hatte gute Bewertungen, der Typ, der es betreibt, stellte sich in seinem Profil als interessanter Zeitgenosse dar und überhaupt war es eines der wenigen Etablissements, das noch Zimmer frei hatte.
Der Tourismus hat in der heiligen Stadt zu jeder Jahreszeit Konjunktur.
Die günstigen Konditionen haben allerdings zur Folge, dass ich auf weniger touristischen Pfaden wandeln muss, um dorthin zu gelangen.
Der kürzeste Weg zum Hostel führt fast ausschließlich an breiten, lauten, hässlichen und stinkigen Ausfallstraßen entlang. Zudem geht es bergauf und bergab. Jerusalem wurde auf einigen Hügeln erbaut.
Da ich wenig Lust darauf habe, nur der Ansicht wegen eine noch weitere Strecke durch eventuell hübschere Viertel auf mich zu nehmen und ebenfalls nicht vorhabe mich vom Infanterieprinzip der Fortbewegung zu lösen, trabe ich in Abgasen gehüllt weiter gen Ziel.
Obwohl das Autofahren in Israel sehr teuer sein soll, scheint jeder Mensch motorisiert zu sein und von den technischen Ausstattungen der Autos rege Gebrauch zu machen. Ein harscher Soundteppich aus Hupen, Motorgeheule und gedämpften Flüchen umwabert einen. Ich frage mich, warum die Leute nicht Gebrauch von den vielen Bussen und der Straßenbahn machen, die mit beständiger Regelmäßigkeit an mir vorbeifahren.
Ist Unökologisches Denken etwa ein wenig nachhaltiges Merkmal des israelischen Pragmatismus-Wahns? Fragt sich der Billigflieger... ;)
Zu Fuß sind nur wenige Menschen unterwegs. Die für Tel-Aviv typischen E-Roller sind ebenfalls rar gesät, Fahrräder vermag ich kaum auszumachen und ein Äquivalent des sportlichen Lifestyles der Küstenmetropole fällt nicht direkt ins Auge.
Zwar hat Jerusalem weder Anschluss an ein Meer, einen größeren Fluss, oder sonst ein Gewässer, dafür erscheint es mir grüner und mit relativ vielen Bäumen gesegnet.
Bei den Mengen an Abgasen, die in der Luft schwirren, scheinen diese eine wichtige Filterfunktion zu erfüllen.
Auch bringen sie etwas Abwechslung in die immer gleich aussehende Bebauung. Dennoch sehen die Häuser ganz anders aus als in Tel-Aviv. Eigenwilliger und ein kleines bisschen weniger Pragmatisch.
Im Gusch Dan, der Agglomeration Tel Avivs, überwiegen Beton und Plattenbauten. Hier gibt der „Jerusalem-Stone“ den Ton an. Dieser besondere Kalkstein heißt tatsächlich so und wird in Steinbrüchen im israelischen Hochland abgebaut. Wohin man guckt; die meisten Gebäude bestehen aus den gelbweißen, ungeschliffenen und etwa 20x40cm großen Rechtecken.
Historische Substanz suche ich dagegen vergebens. Kamele und Esel sind genauso wenig auszumachen, wie manische Verkünder von Weltuntergangsszenarien. Doch viele der, in Hebräisch, Arabisch und Englisch gehaltenen Straßenschilder künden von der „Old-City“.
Leider zeigen die Schilder allesamt in die falsche Richtung.  
Anreiz für das Schmieden von Plänen einer ausführlichen Begehung am morgigen Tag bieten diese jedoch genug, so dass ich immer wieder meinen Reiseführer vor die Nase halte, um die urbane Monotonie erträglicher zu machen und mich auf die Sehenswürdigkeiten des historischen Jerusalems vorzubereiten.
Nach einer knappen Stunde Marsch und kurz vor dem Ziel kommt mir die Umgebung plötzlich bekannt vor. Den Blick von hier oben nach da unten habe ich doch bereits irgendwo in meinem Hirn abgespeichert.
Moment, haben wir nicht genau hier vorne links gestanden und ich von meiner Mitfahrgelegenheit den Job des Navigators übernommen?
Genau! So war es! Wäre ich hier ausgestiegen, wäre ich nur 500m von meiner Unterkunft entfernt.
Hinsichtlich des guten Gefühls meine Wohltäter sicher zu ihrem Hotel geleitet zu haben und der Dankbarkeit mich überhaupt mitgenommen zu haben, bin ich wegen des Zeitverlusts aber versöhnlich gestimmt. Zudem merke ich, dass sich der Wolf an den Oberschenkeln weiterhin im Zaume hält.
Dem Wunderwasser des Toten Meers sei Dank!
Keine fünf Minuten später habe ich einen letzten Berg erstiegen, eine kurioserweise kurz vor dem Haus gehaltenes Pferd gegrüßt und stehe vor einem siebenstöckigen Mehrfamilienhaus aus Jerusalem-Stein.
Der Besitzer hat bereits auf der Website angekündigt, dass es sich bei seiner Unterkunft weniger um ein klassisches Hostel handle, sondern vielmehr um eine Wohnung mit vier Zimmern, die er mit Betten vollgestopft habe, um so möglichst vielen Menschen eine günstige Schlafmöglichkeit zu verschaffen.
Laut Beschreibung sei er früher selbst oft und mit geringem Budget gereist. Nun wolle er der Welt im überteuerten Jerusalem die Möglichkeit geben für kleines Geld zu übernachten. Aus den Bewertungskommentaren erfährt man, dass er auch gerne mal dafür zu sorgen scheint, dass der Kühlschrank gefüllt ist, Leute mit Tee und interessanten bis polarisierenden Gesprächen versorgt, oder zu Jeep-Touren in die Negev-Wüste einlädt. Der Preis von circa 12€ pro Nacht sprechen des Weiteren für diese Unterkunft. Um in die Wohnung zu gelangen, hat mir der Boss eine detaillierte Beschreibung eines Schlüsselverstecks gesendet. Diesen müsse man lediglich unter einem großen Stein vor der Eingangstür hervorholen und dürfe sich dann wie zu Hause bei ihm fühlen.
Wie Wächter des Schlüssels streichen zwei Straßenkatzen um das beschriebene Versteck und fordern lauthals Aufmerksamkeit ein.
Zwar habe ich keine Leckerei für Sie, dafür aber eine ordentliche Streicheleinheit.
Nach kurzem Kraulen geben die beiden zufrieden den Stein frei, so dass ich das besagte Metall mit einer schönen Panade aus Erde darunter hervorholen kann.
Die Eingangstür steht bereits offen und der Flur im Erdgeschoss empfängt mich mit einer Duftmischung aus feuchtem, kalten Beton, nassem Hund und verfaulten Früchten.
An den Wänden sind Graffiti-Tags und zwischen den offenen Leitungen steckt Müll.
Qualität hat eben ihren Preis.
Etwas missmutig begebe ich mich nach oben zur Wohnung.

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