Die Straße ist
dicht und es macht in keiner Weise den Anschein, als wenn sie für mich geöffnet
werden würde. Anstatt dessen bauen sich zwei junge breite Kerle auf und
marschieren, die Hand an der Maschinenpistole, auf mich zu.
Dass ich eines
beherrsche, nämlich in kritischen Situationen auf dumm zu schalten und
freundlich zu gucken, habe ich ja hinlänglich bewiesen. So fahre ich auch nun
die Scheibe herunter, zeige entschuldigend auf mein Handydisplay und sage:
„Google-Maps told me to go here... I`m sorry...“ Grinnnnnnssss....
Die beiden Soldaten
erreichen das Auto. Während der eine mit etwa zwei Metern Abstand und der Hand
an der Knarre den anderen sichert, tritt dieser vor, lehnt sich mit der linken
Hand auf das Autodach, beugt sich zu mir hinab und ich wiederhole entschuldigend
das bereits Gesagte. Der junge Mann hat rote, kurze Haare und scheint
osteuropäische Wurzeln zu haben. Er mustert mich ohne Feindseeligkeit, nimmt
mir aber wortlos mein Handy ab und mustert den angezeigten Streckenverlauf.
Daraufhin nickt er seinen Kameraden zu, sagt etwas auf hebräisch, was diese mit
wieherndem Lachen quittieren. Ich sitze weiter hinterm Steuer, grinse dümmlich
und verstehe nur Bahnhof. Werde ich gleich abgeführt? Anklage: Spionage...?!
Er wendet sich
wieder mir zu und fragt: „Do you come from Germany?“ Ich bejahe. „I heard it
from your accent! Welcome to Israel. You should rather take the other route.“
Ich will noch
fragen, ob ich ein Photo mit der versammelten Mannschaft vor dem Kampfwagen
machen darf, da schlägt er aber schon mit der Pranke aufs Autodach und geht
betont lässig zurück zu seinen Leuten.
Etwas peinlich
berührt und die amüsierten Blicke der Soldaten im Rücken spürend wende ich das
Auto, überlege kurz, ob ich mit durchdrehenden Reifen den kleinen Ehrverlust
ausgleichen soll, entscheide mich dagegen und fahre butterweich zurück zur
Alternativroute. Erst nach einigen Minuten schwant mir, dass ich mich mal
wieder blauäugig in eine vermeidbare Situation gebracht habe. Das Glück ist
einmal mehr mit den Dummen.
Hinter Sderot
verändert sich die Landschaft nun merklich hinsichtlich einer kargen Vegetation.
Wenn man sich die Karte Israels vor Augen führt, dann sieht man, dass das die
nördliche Hälfte zwar die überwiegende Mehrheit der Bewohner beherbergt, aber
lediglich 40% der Gesamtfläche ausmacht. Stellt man sich das Land als eine Art
archaischen Messer vor, macht die Wüste die überdimensionierte dreieckige
Klinge in der unteren Hälfte aus.
Die Großstadt
Be’er Scheva begrenzt diesen Teil im Norden und im Süden, am Golf von Akaba,
liegt die Touristenstadt Eilat. Dazwischen erstreckt sich die auf über 200km
Länge und bis zu 80km Breite die Wüste Negev, in der es nur wenige kleinere
Städte und Siedlungen, dafür aber umso mehr natürliche Sehenswürdigkeiten gibt.
Zumindest eine davon möchte ich heute noch bei Tageslicht sehen.
Etwa 40km hinter
Sderot teilt sich die Straße und man fährt entlang der Peripherie der Wüstenstadt
Be’er Scheva. An den vielen Kreisverkehren sind diverse Kampfflugzeuge und Panzer
in heroischer Weise ausgestellt und sollen wohl daran erinnern, dass diesem
Land alles abgetrotzt werden musste; wenn nicht mit Handwerks- und
Ingenieursgeschick, dann eben mit militärischer Gewalt.
Kurz bevor die
Stadt endet, sehe ich einen Skateboardpark. Ich gehe auf die Bremse, suche
einen Parkplatz und betrete die Sportstätte, um mit den heimischen Skatern in
Kontakt zu kommen. Schon beim Aussteigen bemerke ich sofort, dass sich die Luft
verändert hat. War diese in Sderot noch feucht und warm, so spürt man hier
förmlich die Trockenheit der Wüste und die etwas höhere Lage der Stadt. Klare,
kühle, reine Wüstenluft.
Nach wenigen
Minuten komme ich mit dem 27jährigen Alex ins Gespräch. Seine Eltern seien vor
zwanzig Jahren aus Russland emigriert und er in Be’er Scheva aufgewachsen. Nun
studiere er etwas mit IT. Auf Dauer sei ihm Israel aber zu klein und
langweilig, so dass er nach dem Studium unbedingt entweder nach Australien,
oder London wolle. Hier in Israel seien die Lebensläufe der Menschen alle
gleich. Zuerst Schule, dann Wehrdienst, dann ein Jahr Work & Travel, danach
Studium, gefolgt von der Jobsuche, daraufhin Familiengründung, Wohnungskauf, lebenslanges
Abbezahlen von Krediten, die ständigen Sorgen wegen der diversen Bedrohungen etc.
Das soll`s gewesen sein? Nicht mit Alex! Den Master hätte er kommenden Sommer
in der Tasche und dann würde ihn nichts mehr in seiner Heimat halten.
Auf meine Frage,
wie er es schafft in Israel als Student zu überleben, antwortet er etwas
kleinlaut, dass er zwar einen Tutorenjob an der Uni habe, aber noch bei seinen
Eltern wohne. So käme er gut über die Runden, könne etwas Geld zum Reisen
sparen und sei recht zufrieden.
Wir filmen noch
einen Trick von mir, den ich an meine Berliner Skategang schicke, dann will ich
weiter. Zwischenzeitlich hat der Skatepark geschlossen und ich muss Ghetto-like
über den Zaun klettern, um zurück zum Parkplatz zu gelangen. Mit nur einer
verwegenen Aktion am Tage würde ich mich niemals zufrieden geben.
Während vor Be’er
Scheva noch vereinzelt grüne Büsche am Straßenrand wuchsen, ist hinter der
Stadt damit eindeutig Schluss. Lediglich ein paar verdorrte Hölzer säumen die
Straße. Dafür tauchen die ersten Siedlungen von Beduinen auf. Ähnlich der
Wellblechverschläge hinter Jerusalem, auf dem Weg zum Toten Meer, hausen auch
die Beduinen eher schlecht, als recht in heruntergekommenen und improvisiert
wirkenden Restmüllverschlägen, die von der Bundesstraße aus gut zu sehen sind.
Einst lebten die moslemischen Beduinen als Nomaden in der Wüste, wurden jedoch
1948 im Unabhängigkeitskrieg von der Israelischen Armee vertrieben und
umgesiedelt. Seitdem sind auch sie eher schlecht als recht Teil der Gesellschaft,
leben halbnomadisch von Schafszucht und zeugen einmal mehr von der Verschiedenheit
der Bewohnerschaft dieses Landes und der Behandlung durch den Staat und seiner
Gesellschaft.
Trotz der
gesellschaftlichen Marginalisierung, oder gerade deswegen und um den Schein der
Zugehörigkeit zu wahren, dürfen in der Wüste aus Metall gefertigte
Beduinenkarawanen als Kunstwerke die Aufmerksamkeit der Autofahrer schärfen.
Das ist in meinem
Fall noch nicht nötig, da ich mich in bester Gesellschaft von Musik befinde und
mich topfit fühle. Das Radio ist über USB mit meinem Handy verbunden und
beschallt mich mit der ehrlichsten aller modernen Rockstile, dem Doom. Sleep: „Holy
Mountain“
Oberhammeraffentittengeil!
Ansonsten Fahren,
Strecke machen.
Ich erreiche Sede
Boker. Hier lebte Ben Gurion in den letzten Jahren vor seinem Tod in einem
Kibbuz. Der gebürtige polnische Jude war nicht nur zionistischer Visionär und
Mitbegründer einflussreicher Sozialistischer Parteien, die über Jahrzehnte die
Politik Israels mitbestimmen sollten, sondern auch der erste israelische Premierminister.
In dieser Funktion rief er 1948 den Staat aus und wurde 1973 nach einem
bewegten Leben hier begraben. So ist Sede Boker heute zwar noch immer ein
Kibbuz, aber vor allem ein Freilichtmuseum israelischer und zionistischer
Geschichte. Leider ist es zu spät für einen Besuch, denn am Sabbat schließen
alle öffentlichen Einrichtungen bereits früh. Dafür kann man vom Grab Ben Gurions
aus eine wunderbare Aussicht auf ein gewaltiges Tal genießen.
Dieses Panorama
spare ich mir aber, da ich mir einen noch gewaltigeren Ausblick in Mitze Ramon
erhoffe. Dort befindet sich nämlich mit dem Machtesch Ramon der größte Erosionskrater
der Welt. Vor ein paar Millionen Jahren ist dort auf einer Strecke von bis zu
40 Kilometern einfach der Erdboden weggesackt und man kann von der Kleinstadt
aus in den mehrere hundert Meter tiefen Krater gucken.
Ich komme bei
einsetzender Dämmerung an und parke das Auto auf dem Parkplatz des exponierten
Besucherzentrums. Ein schneller Gang zur Sicherheitsbrüstung lässt mich noch
rechtzeitig im letzten Abendlicht einen Blick über den Abgrund erhaschen. Das
Photo, das ich mache, ist leider schon recht pixelig und wegen des fehlenden
Weitwinkels zeigt es nur einen Bruchteil der Ausmaße. Der Eindruck verbleibt
jedoch im Gedächtnis. Was gibt es im Leben, was den Menschen demütiger stimmen
kann als der Tod? Ich denke, die Begegnung mit dieser archaischen Natur gehört
ebenfalls dazu. Im schwindenden Tag, in der zunehmend kälter werdenden, aber
noch sanft schmeichelnden Wüstenluft und dem langsamen Verschwinden der
Konturen der Felsen zieht es mich gedanklich in den Orkus. Vor dieser Kulisse
schwinden Zeit und Raum, genauso wie an den Gestaden eines Ozeans. Der Mensch
ist klein und unbedeutend. Das Absolute der Natur wird ihn uneingeschränkt
überdauern, wie es bereits vor Jahrmilliarden und noch in alle Ewigkeit sein
mal chaotisches, mal überaus strukturiertes, aber stets unergründliches und
wunderschönes Spiel mit dieser Welt spielt.
Das rhythmische
Trommeln einer Bongo holt mich aus meinen Gedanken. Hier ist natürlich der
perfekte Ort für Hippies. Ich lausche eine Weile dem Hall über dem Krater, dessen
Akustik selbst bei Verfechtern der harten Hand gegenüber allzu viel
linksalternativem Aneignungsimperialismus wie mir eine fast magische Wirkung
hinterlässt.
Ich mache den
Trommler ausfindig, der hinter der Absperrung am Rande des Kraters sitzt und
will ihm Lob zu sprechen. Als ich mich über den Zaun beuge, schreckt er aus
seiner Trance auf und scheint sich ertappt zu fühlen. Mein lobendes „very nice
Sound“ hält ihn nicht zu einer Unterhaltung an. Vielmehr packt er wortlos seine
Sachen ein, steigt über den Zaun und lässt mich etwas irritiert stehen. Sollte
ich seine Einheit mit Zeit und Raum gestört haben dann tut es mir leid.
Vielleicht ist es besser die Dinge öfter einfach nur hinzunehmen und zu
genießen, als ihnen stets auf den Grund gehen zu wollen.
Anstatt dem nun
Folgenden auf den Grund zu gehen, will ich ihm lieber auf den Pelz rücken. Denn
es wimmelt an der Aussichtsplattform nur so von Steinböcken, die keinerlei
Scheu vor Menschen zu haben scheinen. Man kann sich ihnen bis auf einen Meter
nähern, ohne dass sie sich vom Grasen abhalten lassen. Nur bei schnelleren
Bewegungen nehmen sie reiß aus. Ich mache mir diese stoische Gelassenheit zu
Nutze und positioniere mich unterhalb eines Bocks mit prächtigem Geweih und
versuche ihn so zu fotografieren, dass seine Hörner meinen Kopf zieren. Um ihm ein
wenig Aufmerksamkeit abzuringen, mache ich leichte Schnalzgeräusche mit dem
Mund, wie man es gerne bei Umgarnen von Katzen macht. Mit dem Handy im
Selfiemodus versuche ich dabei das Geweih auf Höhe meines Kopfes zu bringen,
als plötzlich etwas Weiches an meinem Hinterkopf entlang streicht und ein nur
zu vertrautes Gurr-Geräusch erklingt.
Ich erschrecke und freue mich zugleich, realisiere ich doch sofort, dass es
sich bei dem Schreckgespenst um die kleine schwarze Katze handelt die gerade
eben noch zwischen den Böcken umher strich. Ihrem Selbstverständnis nach kann
mein Schnalzen nur ihr gegolten haben, so dass sie sich aufgefordert fühlte mir
einen kleinen Fellgruß auszurichten. Da ich geistesgegenwärtig den Auslöser
gedrückt habe, gelingt mir wohl das Bild meines Urlaubs. Ich, die Katze und der
Steinbock, allesamt mit eigenartiger Miene, auf einem Bild vereint. Das reale Leben
schießt immer noch die besten Fotos.
Ich laufe anschließend
durch das kleine Städtchen und überlege, ob ich die Gunst der Stunde nutzen
soll und ein Bad im problemlos zugängigen und absolut unbewachten Swimmingpool
eines Hotelappartements mit bester Sicht über den Krater nehmen soll,
entscheide mich aber dagegen und setze die Fahrt gen Süden fort.
Hinter Mitzpe
Ramon herrscht Dunkelheit und Stille. Die Straße windet sich auf Kraterniveau
hinab und bald wieder hinauf. Nur wenige Autos kommen mir entgegen. Es ist
Freitagabend, Sabbat und das Leben auf öffentlichem Grund kommt zum Erliegen. Nur
vereinzelt kann man ferne Lichter am Horizont ausmachen. Ich bin weitestgehend
alleine mit mir und der Musik. Die Scheinwerfer erleuchten auch bei
Aufblendlicht nur einen schmalen Korridor innerhalb der mich umgebenden
Schwärze. Lediglich der beständige Internetempfang, der Asphalt und die
Konturen der Felsen am Wegesrand geben mir Aufschluss über vorhandene Materie und
Erdverbundenheit außerhalb meines Raumschiffs. Ich befinde mich zunehmend in
einem rauschhaften Zustandes aus Musikgenusses und Fahrvergnügens. Die Ewigkeit
wird immer greifbarer und ein entspannter Flow stellt sich ein. Fu Manchu`s
Song „Saturn III“ erzeugt den Soundtrack. Zu dem psychedelischen Gitarrensound
singt Scott Hill: „…time to release the hatch…“, die Gitarren explodieren in einem
weit ausschweifenden Solo, der Song und meine Gedanken gehen ihrer Klimax
entgegen. Mit spritzendem Sabber summe ich das Riff mit, schlage rhythmisch auf
das Lenkrad ein… „Spacemen destroy… mega Asteroids… certain time and space…
floating out to space…“
Das Lied und
somit auch das Album geht zu ende. Mir dröhnt der Kopf vor lauter Endorphin und
Lautstärke. Ich brauche eine Pause und fahre auf einen kleinen Schotterplatz,
steige aus dem Auto und lasse die plötzliche Ruhe auf mich wirken. Um mich
herum nur Dunkelheit, Stille und das leise Tocken des abkühlenden Motors. Über
mir die Sterne. Ich gehe ein paar Meter auf dem Platz und lasse die Atmosphäre
auf mich wirken. Die Stille ist definitiv. Ich höre beidseitig meinen Tinnitus
kreischen und schaffe es maximal zwei Minuten zu verweilen. Ich lebe seit knapp
sechzehn Jahren in Berlin; habe die letzten acht Jahre im Stressmodus zwischen
Arbeit, Familie und der Zurückstellung eigener Bedürfnisse verbracht. Ich bin
diese Form der Abstinenz aller Geräusche und Fixpunkte absolut nicht gewohnt
und sie überfordern mich. Das ist sehr schade, denn so erschließt bleibt mir
der eigentliche Reiz der Wüstennacht verborgen. Natürlich ist die Wüste nicht
leer und still; im Gegenteil, sie ist voller Leben. Aber mein momentaner Eindruck
ist vielmehr der von toten Härchen in meinen Gehörtrakt und die Erkenntnis
selbst im Urlaub nicht von meinem Modus Operandi lassen zu können.
Doch ich will
versöhnlich mit mir sein. Menschen sind verschieden und dazu gehört eben auch,
dass manche von ihnen über die Jahre hinweg eine gewisse Betriebsblindheit gegenüber
manch eigener Bedürfnisse an den Tag legen. Solange man es schafft keine Magengeschwüre,
oder Herzinfarkte zu bekommen und sich gelegentlich Auszeiten in Form von kurzen,
wenn auch zuweilen straff organisierten, aber dennoch bereichernden Urlauben
gönnt, dann ist doch eigentlich alles in Ordnung, oder?
Derart mit mir,
dem Tinnitus, der Wüste und meinem Leben versöhnt, steige ich wieder ins Auto
und fahre die letzte und erstaunlich ereignislose Etappe des Tages bis nach
Eilat, um mir dort am Golf von Akaba ein ruhiges Plätzchen zum Übernachten im
Auto zu suchen.

















Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen