Dienstag, 5. Februar 2019

ISRAEL 2018 - Tag 5, Teil II

Die Straße ist dicht und es macht in keiner Weise den Anschein, als wenn sie für mich geöffnet werden würde. Anstatt dessen bauen sich zwei junge breite Kerle auf und marschieren, die Hand an der Maschinenpistole, auf mich zu.
Dass ich eines beherrsche, nämlich in kritischen Situationen auf dumm zu schalten und freundlich zu gucken, habe ich ja hinlänglich bewiesen. So fahre ich auch nun die Scheibe herunter, zeige entschuldigend auf mein Handydisplay und sage: „Google-Maps told me to go here... I`m sorry...“ Grinnnnnnssss....
Die beiden Soldaten erreichen das Auto. Während der eine mit etwa zwei Metern Abstand und der Hand an der Knarre den anderen sichert, tritt dieser vor, lehnt sich mit der linken Hand auf das Autodach, beugt sich zu mir hinab und ich wiederhole entschuldigend das bereits Gesagte. Der junge Mann hat rote, kurze Haare und scheint osteuropäische Wurzeln zu haben. Er mustert mich ohne Feindseeligkeit, nimmt mir aber wortlos mein Handy ab und mustert den angezeigten Streckenverlauf. Daraufhin nickt er seinen Kameraden zu, sagt etwas auf hebräisch, was diese mit wieherndem Lachen quittieren. Ich sitze weiter hinterm Steuer, grinse dümmlich und verstehe nur Bahnhof. Werde ich gleich abgeführt? Anklage: Spionage...?!
Er wendet sich wieder mir zu und fragt: „Do you come from Germany?“ Ich bejahe. „I heard it from your accent! Welcome to Israel. You should rather take the other route.“
Ich will noch fragen, ob ich ein Photo mit der versammelten Mannschaft vor dem Kampfwagen machen darf, da schlägt er aber schon mit der Pranke aufs Autodach und geht betont lässig zurück zu seinen Leuten.
Etwas peinlich berührt und die amüsierten Blicke der Soldaten im Rücken spürend wende ich das Auto, überlege kurz, ob ich mit durchdrehenden Reifen den kleinen Ehrverlust ausgleichen soll, entscheide mich dagegen und fahre butterweich zurück zur Alternativroute. Erst nach einigen Minuten schwant mir, dass ich mich mal wieder blauäugig in eine vermeidbare Situation gebracht habe. Das Glück ist einmal mehr mit den Dummen.
Hinter Sderot verändert sich die Landschaft nun merklich hinsichtlich einer kargen Vegetation. Wenn man sich die Karte Israels vor Augen führt, dann sieht man, dass das die nördliche Hälfte zwar die überwiegende Mehrheit der Bewohner beherbergt, aber lediglich 40% der Gesamtfläche ausmacht. Stellt man sich das Land als eine Art archaischen Messer vor, macht die Wüste die überdimensionierte dreieckige Klinge in der unteren Hälfte aus.
Die Großstadt Be’er Scheva begrenzt diesen Teil im Norden und im Süden, am Golf von Akaba, liegt die Touristenstadt Eilat. Dazwischen erstreckt sich die auf über 200km Länge und bis zu 80km Breite die Wüste Negev, in der es nur wenige kleinere Städte und Siedlungen, dafür aber umso mehr natürliche Sehenswürdigkeiten gibt. Zumindest eine davon möchte ich heute noch bei Tageslicht sehen.
Etwa 40km hinter Sderot teilt sich die Straße und man fährt entlang der Peripherie der Wüstenstadt Be’er Scheva. An den vielen Kreisverkehren sind diverse Kampfflugzeuge und Panzer in heroischer Weise ausgestellt und sollen wohl daran erinnern, dass diesem Land alles abgetrotzt werden musste; wenn nicht mit Handwerks- und Ingenieursgeschick, dann eben mit militärischer Gewalt.
Kurz bevor die Stadt endet, sehe ich einen Skateboardpark. Ich gehe auf die Bremse, suche einen Parkplatz und betrete die Sportstätte, um mit den heimischen Skatern in Kontakt zu kommen. Schon beim Aussteigen bemerke ich sofort, dass sich die Luft verändert hat. War diese in Sderot noch feucht und warm, so spürt man hier förmlich die Trockenheit der Wüste und die etwas höhere Lage der Stadt. Klare, kühle, reine Wüstenluft.
Nach wenigen Minuten komme ich mit dem 27jährigen Alex ins Gespräch. Seine Eltern seien vor zwanzig Jahren aus Russland emigriert und er in Be’er Scheva aufgewachsen. Nun studiere er etwas mit IT. Auf Dauer sei ihm Israel aber zu klein und langweilig, so dass er nach dem Studium unbedingt entweder nach Australien, oder London wolle. Hier in Israel seien die Lebensläufe der Menschen alle gleich. Zuerst Schule, dann Wehrdienst, dann ein Jahr Work & Travel, danach Studium, gefolgt von der Jobsuche, daraufhin Familiengründung, Wohnungskauf, lebenslanges Abbezahlen von Krediten, die ständigen Sorgen wegen der diversen Bedrohungen etc. Das soll`s gewesen sein? Nicht mit Alex! Den Master hätte er kommenden Sommer in der Tasche und dann würde ihn nichts mehr in seiner Heimat halten.
Auf meine Frage, wie er es schafft in Israel als Student zu überleben, antwortet er etwas kleinlaut, dass er zwar einen Tutorenjob an der Uni habe, aber noch bei seinen Eltern wohne. So käme er gut über die Runden, könne etwas Geld zum Reisen sparen und sei recht zufrieden.
Wir filmen noch einen Trick von mir, den ich an meine Berliner Skategang schicke, dann will ich weiter. Zwischenzeitlich hat der Skatepark geschlossen und ich muss Ghetto-like über den Zaun klettern, um zurück zum Parkplatz zu gelangen. Mit nur einer verwegenen Aktion am Tage würde ich mich niemals zufrieden geben.
Während vor Be’er Scheva noch vereinzelt grüne Büsche am Straßenrand wuchsen, ist hinter der Stadt damit eindeutig Schluss. Lediglich ein paar verdorrte Hölzer säumen die Straße. Dafür tauchen die ersten Siedlungen von Beduinen auf. Ähnlich der Wellblechverschläge hinter Jerusalem, auf dem Weg zum Toten Meer, hausen auch die Beduinen eher schlecht, als recht in heruntergekommenen und improvisiert wirkenden Restmüllverschlägen, die von der Bundesstraße aus gut zu sehen sind. Einst lebten die moslemischen Beduinen als Nomaden in der Wüste, wurden jedoch 1948 im Unabhängigkeitskrieg von der Israelischen Armee vertrieben und umgesiedelt. Seitdem sind auch sie eher schlecht als recht Teil der Gesellschaft, leben halbnomadisch von Schafszucht und zeugen einmal mehr von der Verschiedenheit der Bewohnerschaft dieses Landes und der Behandlung durch den Staat und seiner Gesellschaft.
Trotz der gesellschaftlichen Marginalisierung, oder gerade deswegen und um den Schein der Zugehörigkeit zu wahren, dürfen in der Wüste aus Metall gefertigte Beduinenkarawanen als Kunstwerke die Aufmerksamkeit der Autofahrer schärfen.
Das ist in meinem Fall noch nicht nötig, da ich mich in bester Gesellschaft von Musik befinde und mich topfit fühle. Das Radio ist über USB mit meinem Handy verbunden und beschallt mich mit der ehrlichsten aller modernen Rockstile, dem Doom. Sleep: „Holy Mountain“
Oberhammeraffentittengeil!
Ansonsten Fahren, Strecke machen.
Ich erreiche Sede Boker. Hier lebte Ben Gurion in den letzten Jahren vor seinem Tod in einem Kibbuz. Der gebürtige polnische Jude war nicht nur zionistischer Visionär und Mitbegründer einflussreicher Sozialistischer Parteien, die über Jahrzehnte die Politik Israels mitbestimmen sollten, sondern auch der erste israelische Premierminister. In dieser Funktion rief er 1948 den Staat aus und wurde 1973 nach einem bewegten Leben hier begraben. So ist Sede Boker heute zwar noch immer ein Kibbuz, aber vor allem ein Freilichtmuseum israelischer und zionistischer Geschichte. Leider ist es zu spät für einen Besuch, denn am Sabbat schließen alle öffentlichen Einrichtungen bereits früh. Dafür kann man vom Grab Ben Gurions aus eine wunderbare Aussicht auf ein gewaltiges Tal genießen.
Dieses Panorama spare ich mir aber, da ich mir einen noch gewaltigeren Ausblick in Mitze Ramon erhoffe. Dort befindet sich nämlich mit dem Machtesch Ramon der größte Erosionskrater der Welt. Vor ein paar Millionen Jahren ist dort auf einer Strecke von bis zu 40 Kilometern einfach der Erdboden weggesackt und man kann von der Kleinstadt aus in den mehrere hundert Meter tiefen Krater gucken.
Ich komme bei einsetzender Dämmerung an und parke das Auto auf dem Parkplatz des exponierten Besucherzentrums. Ein schneller Gang zur Sicherheitsbrüstung lässt mich noch rechtzeitig im letzten Abendlicht einen Blick über den Abgrund erhaschen. Das Photo, das ich mache, ist leider schon recht pixelig und wegen des fehlenden Weitwinkels zeigt es nur einen Bruchteil der Ausmaße. Der Eindruck verbleibt jedoch im Gedächtnis. Was gibt es im Leben, was den Menschen demütiger stimmen kann als der Tod? Ich denke, die Begegnung mit dieser archaischen Natur gehört ebenfalls dazu. Im schwindenden Tag, in der zunehmend kälter werdenden, aber noch sanft schmeichelnden Wüstenluft und dem langsamen Verschwinden der Konturen der Felsen zieht es mich gedanklich in den Orkus. Vor dieser Kulisse schwinden Zeit und Raum, genauso wie an den Gestaden eines Ozeans. Der Mensch ist klein und unbedeutend. Das Absolute der Natur wird ihn uneingeschränkt überdauern, wie es bereits vor Jahrmilliarden und noch in alle Ewigkeit sein mal chaotisches, mal überaus strukturiertes, aber stets unergründliches und wunderschönes Spiel mit dieser Welt spielt.
Das rhythmische Trommeln einer Bongo holt mich aus meinen Gedanken. Hier ist natürlich der perfekte Ort für Hippies. Ich lausche eine Weile dem Hall über dem Krater, dessen Akustik selbst bei Verfechtern der harten Hand gegenüber allzu viel linksalternativem Aneignungsimperialismus wie mir eine fast magische Wirkung hinterlässt.
Ich mache den Trommler ausfindig, der hinter der Absperrung am Rande des Kraters sitzt und will ihm Lob zu sprechen. Als ich mich über den Zaun beuge, schreckt er aus seiner Trance auf und scheint sich ertappt zu fühlen. Mein lobendes „very nice Sound“ hält ihn nicht zu einer Unterhaltung an. Vielmehr packt er wortlos seine Sachen ein, steigt über den Zaun und lässt mich etwas irritiert stehen. Sollte ich seine Einheit mit Zeit und Raum gestört haben dann tut es mir leid. Vielleicht ist es besser die Dinge öfter einfach nur hinzunehmen und zu genießen, als ihnen stets auf den Grund gehen zu wollen.
Anstatt dem nun Folgenden auf den Grund zu gehen, will ich ihm lieber auf den Pelz rücken. Denn es wimmelt an der Aussichtsplattform nur so von Steinböcken, die keinerlei Scheu vor Menschen zu haben scheinen. Man kann sich ihnen bis auf einen Meter nähern, ohne dass sie sich vom Grasen abhalten lassen. Nur bei schnelleren Bewegungen nehmen sie reiß aus. Ich mache mir diese stoische Gelassenheit zu Nutze und positioniere mich unterhalb eines Bocks mit prächtigem Geweih und versuche ihn so zu fotografieren, dass seine Hörner meinen Kopf zieren. Um ihm ein wenig Aufmerksamkeit abzuringen, mache ich leichte Schnalzgeräusche mit dem Mund, wie man es gerne bei Umgarnen von Katzen macht. Mit dem Handy im Selfiemodus versuche ich dabei das Geweih auf Höhe meines Kopfes zu bringen, als plötzlich etwas Weiches an meinem Hinterkopf entlang streicht und ein nur zu vertrautes  Gurr-Geräusch erklingt. Ich erschrecke und freue mich zugleich, realisiere ich doch sofort, dass es sich bei dem Schreckgespenst um die kleine schwarze Katze handelt die gerade eben noch zwischen den Böcken umher strich. Ihrem Selbstverständnis nach kann mein Schnalzen nur ihr gegolten haben, so dass sie sich aufgefordert fühlte mir einen kleinen Fellgruß auszurichten. Da ich geistesgegenwärtig den Auslöser gedrückt habe, gelingt mir wohl das Bild meines Urlaubs. Ich, die Katze und der Steinbock, allesamt mit eigenartiger Miene, auf einem Bild vereint. Das reale Leben schießt immer noch die besten Fotos.
Ich laufe anschließend durch das kleine Städtchen und überlege, ob ich die Gunst der Stunde nutzen soll und ein Bad im problemlos zugängigen und absolut unbewachten Swimmingpool eines Hotelappartements mit bester Sicht über den Krater nehmen soll, entscheide mich aber dagegen und setze die Fahrt gen Süden fort.
Hinter Mitzpe Ramon herrscht Dunkelheit und Stille. Die Straße windet sich auf Kraterniveau hinab und bald wieder hinauf. Nur wenige Autos kommen mir entgegen. Es ist Freitagabend, Sabbat und das Leben auf öffentlichem Grund kommt zum Erliegen. Nur vereinzelt kann man ferne Lichter am Horizont ausmachen. Ich bin weitestgehend alleine mit mir und der Musik. Die Scheinwerfer erleuchten auch bei Aufblendlicht nur einen schmalen Korridor innerhalb der mich umgebenden Schwärze. Lediglich der beständige Internetempfang, der Asphalt und die Konturen der Felsen am Wegesrand geben mir Aufschluss über vorhandene Materie und Erdverbundenheit außerhalb meines Raumschiffs. Ich befinde mich zunehmend in einem rauschhaften Zustandes aus Musikgenusses und Fahrvergnügens. Die Ewigkeit wird immer greifbarer und ein entspannter Flow stellt sich ein. Fu Manchu`s Song „Saturn III“ erzeugt den Soundtrack. Zu dem psychedelischen Gitarrensound singt Scott Hill: „…time to release the hatch…“, die Gitarren explodieren in einem weit ausschweifenden Solo, der Song und meine Gedanken gehen ihrer Klimax entgegen. Mit spritzendem Sabber summe ich das Riff mit, schlage rhythmisch auf das Lenkrad ein… „Spacemen destroy… mega Asteroids… certain time and space… floating out to space…“
Das Lied und somit auch das Album geht zu ende. Mir dröhnt der Kopf vor lauter Endorphin und Lautstärke. Ich brauche eine Pause und fahre auf einen kleinen Schotterplatz, steige aus dem Auto und lasse die plötzliche Ruhe auf mich wirken. Um mich herum nur Dunkelheit, Stille und das leise Tocken des abkühlenden Motors. Über mir die Sterne. Ich gehe ein paar Meter auf dem Platz und lasse die Atmosphäre auf mich wirken. Die Stille ist definitiv. Ich höre beidseitig meinen Tinnitus kreischen und schaffe es maximal zwei Minuten zu verweilen. Ich lebe seit knapp sechzehn Jahren in Berlin; habe die letzten acht Jahre im Stressmodus zwischen Arbeit, Familie und der Zurückstellung eigener Bedürfnisse verbracht. Ich bin diese Form der Abstinenz aller Geräusche und Fixpunkte absolut nicht gewohnt und sie überfordern mich. Das ist sehr schade, denn so erschließt bleibt mir der eigentliche Reiz der Wüstennacht verborgen. Natürlich ist die Wüste nicht leer und still; im Gegenteil, sie ist voller Leben. Aber mein momentaner Eindruck ist vielmehr der von toten Härchen in meinen Gehörtrakt und die Erkenntnis selbst im Urlaub nicht von meinem Modus Operandi lassen zu können.
Doch ich will versöhnlich mit mir sein. Menschen sind verschieden und dazu gehört eben auch, dass manche von ihnen über die Jahre hinweg eine gewisse Betriebsblindheit gegenüber manch eigener Bedürfnisse an den Tag legen. Solange man es schafft keine Magengeschwüre, oder Herzinfarkte zu bekommen und sich gelegentlich Auszeiten in Form von kurzen, wenn auch zuweilen straff organisierten, aber dennoch bereichernden Urlauben gönnt, dann ist doch eigentlich alles in Ordnung, oder?
Derart mit mir, dem Tinnitus, der Wüste und meinem Leben versöhnt, steige ich wieder ins Auto und fahre die letzte und erstaunlich ereignislose Etappe des Tages bis nach Eilat, um mir dort am Golf von Akaba ein ruhiges Plätzchen zum Übernachten im Auto zu suchen.





















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