Mittwoch, 13. Februar 2019

ISRAEL 2018 - Tag 6, Teil IV


Die Rückfahrt entlang des Toten Meeres verläuft sehr entspannt. Obwohl es die kürzeste Verbindung zwischen Jerusalem und dem südlichen Teil des Landes ist, sind nur wenige Autos unterwegs. Nur gelegentlich parken an Aussichtspunkten über dem Toten Meer Touristen und Israelis ihre Autos, vertreten sich die Beine und photographieren das Panorama.
Kurz hinter der jüdischen Siedlung Kalya, die sich damit brüstet die am tiefsten gelegene Bar der Welt bei -417 Metern zu haben, biegt die Straße erst gen Norden ab und führt dann hart nach Westen hinauf in die Berge vor Jerusalem. Abermals überwinde ich in wenigen Kilometern 1200 Höhenmeter und fädle mich in das Stadtautobahngewirr der Hauptstadt ein. An den Grenzposten werde ich durchgewinkt. Da es noch hell ist, kann ich nicht erwarten im jüdischen Teil der Stadt ein offenes Geschäft, geschweige denn einen Imbiss vorzufinden. Deswegen entscheide ich mich für die mir bereits vertraute Gegend in French Hill und will dort nochmals den Imbiss mit den Riesenportionen aufsuchen. Leider ist auch dieser geschlossen, so dass ich erst vor dem Damaskus-Tor, dem absoluten Touristen-Hotspot fündig werde. Gegenüber dem Busparkplatz ist eine Laden- und Imbisszeile, an der rege Betriebsamkeit herrscht. Touristen, wie arabische Einheimische sitzen an den unzähligen Tischen im Freien vor den Geschäften, essen und lassen sich arabischen Tee schmecken. Ich entscheide mich für eine Falafelbude und muss mich damit abfinden, dass ich als Tourist grundsätzlich als allerletzter bedient werde, obwohl ich von allen Gästen am längsten anstehe. Um mich herum stehen immer mehr Homies von den Angestellten und bekommen ihre Vorzugsbehandlung. Jeder bestellt gefühlt eine Familienportion und äußert diverse Probier- und Extrawünsche, die allesamt erfüllt werden. Zudem beugt sich ein älterer Herr mit Kufiya, traditionellem Gewand und dem deftigsten Schnauzbart seit Wachtmeister Dimpfelmoser beständig halb über mich und halb über den Tresen, um aus der sich dahinter befindlichen Schale eingelegtes Gemüse in seinen Rachen zu schieben und die Theke mit dem Abtropfwasser einzusudeln. Der Kerl besitzt offensichtlich Status, Connections, Einfluss, oder alles zusammen, sonst hätte ihm bei soviel Dreistigkeit sicherlich selbst der in engste Familienbande und Zugehörigkeitszwänge involvierte Muselmann auf die Finger gehauen. Denn auch die Popelbremse sieht weniger nach gepflegtem Oberlippenbart, als nach einer haarigen Ablagerungsstätte einer knoblauchähnlichen Gewürzphantasie aus. Kann bei aller Vorzugsbehandlung nicht mal einer der Tresenburschen dem Jassir den Tipp geben seine Gesichtsfotze den heilenden Kräften des Toten Meeres auszusetzen, oder zumindest in wahrscheinlich nicht weniger heilsamer Halloumi-Salzlake zu wässern? 
OK, dass Alles zusammen wäre soweit kein großes Problem, da ich die Gabe besitze zu den richtigen Zeiten Demut empfinden zu können, wenn nicht mein Auto etwa 50m und außer Sichtweite im absoluten Park- und Halteverbot in einer ausgewiesenen Ladezone stehen würde. Die Polizeipatrouille auf der gegenüberliegenden Straßenseite vereinfacht die Situation nicht unbedingt. Ich muss mir also eine Taktik überlegen um endlich als souveräner Kunde wahrgenommen zu werden. Ich versuche es mit einem direkten Angriff, indem ich mit einem fünfzig Schekel Schein fuchtle, mein altbewährtes dämliches Grinsen aufsetze und „Salam Alaikum Habibo! One Falafel-Sandwich please“ von mir gebe. Der Typ hinterm Tresen nimmt nun tatsächlich Notiz von mir und die Bestellung auf. Dennoch dauert es gefühlt zehn weitere Sandwiches, bis ich meines in die Hand gedrückt bekomme. Dafür kostet es lediglich 18 NIS. Schnell haste ich zurück zum Auto und fahre in eine ruhigere Seitenstraße.
Nach vollendetem Mahl ist es erst um 17:00 Uhr und trotz der bereits geschafften Strecke und besichtigten Attraktionen empfinde ich es zu früh um mich auszuruhen.
Ich entscheide mich nach Yad Vashen zu fahren. Innerlich bin ich froh, dass die monumentale Gedenkstätte der Erinnerung an die industriell vernichteten Juden des Nationalsozialismus heute nicht geöffnet hat. Zu bedrückend empfinde ich die Erzählungen und Berichte über die dort zur Schau gestellten Photos, Kunstwerke und Ausstellungen, als dass ich mich auf meinem bis jetzt doch recht frivol gehaltenen Trip diesen Eindrücken stellen möchte.
Doch leider bekomme ich nicht den Hauch einer Ahnung des Menschgewordenen Schreckens, da die Gedenkstätte am Shabat noch nicht einmal von außen zu besichtigen ist. Ein großes abgesperrtes Tor verhindert das Begehen des Areals. Dafür erwacht dass Leben auf den Straßen so langsam wieder. Immer mehr Autos fahren herum und die Geschäfte öffnen ihre Türen. Zuvor waren viele Familien zu Fuß unterwegs. Unter Ihnen auffallend viele Orthodoxe. Lustwandeln scheint den schwarzen Jecken am Shabbat also erlaubt zu sein. 
Für mich soll die Spazierfahrt nun enden und ich begebe mich auf die Suche nach einer Tankstelle zum Auffüllen des Tanks und einem Stellplatz für die Nacht. Dieser sollte im besten Falle nicht zu weit von dem Autoverleih entfernt, außerhalb von störenden Lichtquellen und geschützt von Verkehr sein. Nach einigen Minuten Suche finde ich sowohl eine Tankstelle, wie auch wenig später das passende Plätzchen zum Übernachten vor einer Schule in der Nähe der Knesset.
Ich packe vorsorglich schon mal meine Sachen zusammen, damit ich morgen früh keine Zeit darauf verschwenden muss und entscheide heute Abend ins Kino zu gehen. In Richtung Altstadt gibt es ein unabhängig betriebenes Kino mit interessantem Programm. Zwar muss ich dorthin eine gute halbe Stunde Laufen, was hinsichtlich der morgigen Tour nach Hebron und der Blasen an den Hacken für kurzes Unbehagen bei mir sorgt. Aber nachdem ich in meine ausgelatschten Sneaker gewechselt habe, erscheint mir das Laufen gleich viel einfacher.
Am Kino angekommen stelle ich fest, dass Samstagabend Großkampftag an der Kinokasse zu sein scheint. Die Hütte ist proppevoll und ich fürchte um einen Platz in dem von mir ausgesuchten Film. Da der Teufel aber immer auf den größten Haufen kackt, bekomme ich nach einer knappen halben Stunde Anstehen doch noch eine Karte am äußersten Rand der Saalbestuhlung und kann den Film pünktlich zum Ende der Werbung genießen.
Ich habe mir einen Dokumentarfilm eines Israelischen Regisseurs ausgesucht, mit dem Namen: „You only die twice“. Der Film behandelt eine Geschichte, die so nur vom Leben geschrieben werden kann. Der Regisseur begibt sich in Folge einer unerwarteten Erbschaft auf eine Spurensuche in die Vergangenheit des ihm bekannt geglaubten Großvaters und gelangt in die Abgründe der eigenen Familiengeschichte, die bis vor die Zeit des Nationalsozialismus reicht und mit dieser tief verbunden ist. Er kommt bei seinen Recherchen einem unglaublichen Geheimnis und einer großen Liebe auf die Spur und gewinnt unerwartet neue Freunde. Den Trailer der deutschen Version kann man bei Youtube unter dem Namen „Der Mann, der zweimal starb“ anschauen.
Der Film ist auf Hebräisch, Englisch und Deutsch und Englisch untertitelt, wie ein Thriller konzipiert und die Story so verworren und spannend, dass die 90Minuten Laufzeit wie im Fluge vergehen.
Gegen 22:30 bin ich wieder am Auto und bereite mir ein weiteres Mal ein provisorisches Nachtlager. Ich stelle den Wecker auf 06:00 Uhr. Die Abgabestation der Autovermietung ist knapp zwei Kilometer von meiner Schlafstätte entfernt. Das macht in Fahrtzeit etwa fünf Minuten. Wenn ich pünktlich zur Öffnung des Schalters um 07:00 Uhr dort eintreffe, dann werde ich hoffentlich spätestens um 07:20 los zum Hotel können. Bis zum Hostel werde ich ebenfalls etwa zwei Kilometer laufen müssen. Um 08:00 Uhr pünktlich zum Tourstart da zu sein, sollte kein Problem darstellen. Bleibt nur zu hoffen, dass das Auto ohne Beastandung angenommen wird. 
Leider bin ich vielleicht auch deswegen innerlich sehr aufgewühlt, so dass ich partout nicht einschlafen kann. Immer wieder wache ich in der Nacht auf und komme insgesamt vielleicht auf vier Stunden Schlaf. Vielleicht kennt ihr diesen Zustand, in dem man aufwacht und sich im vollen Bewusstsein darüber ärgert, dass man vor einem ereignisreichen Tag einfach nicht genug Schlaf bekommt, obwohl man ihn eigentlich total nötig hätte. Und um mir hier in der Enge und relativen Einsehbarkeit des Beifahrersitzes einen runterzuholen bin ich dann doch zu beherrscht.
Aber watt willste machen? Eben! Einfach ausliegen die Angelegenheit und auf Hypnos Gnade hoffen. In diesem Sinne gute Nacht und bis morgen früh...



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