Ob ich gut
geschlafen habe? Geschenkt! Sagen wir mal so, für ein paar luzide und wilde
Träume unter dem Einfluss der leicht psychoaktiven Substanz hat es gereicht. Der
Abschied von Dans Hostel fiel nicht schwer, da nur Silke wach war, die mir
netterweise ihre Sim-Karte in die Hand drückte. Jetzt kann ich per Kopfhörer
Musik vom Streaming-Dienst hören und mich mit alten Westernhagen Songs in
Stimmung bringen. Gefrühstückt wird heute erst, wenn ich mindestens 50km hinter
Jerusalem bin. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.
Um Punkt 08:00
Uhr stehe ich vor dem Büro der Mietwagengesellschaft und zeige dem Mitarbeiter
meinen Voucher auf dem Handy, Kreditkarte, Ausweis und Führerschein. Wenige
Minuten Später halte ich die Schlüssel eines halbwegs fitten
Kompaktklasse-Autos in den Händen. Kurz den Beifahrersitz nach hinten geklappt,
Probe gelegen und als Übernachtungsmöglichkeit für ausreichend befunden. Nach
einem kurzen Dellencheck geht es beanstandungslos auf die Straße. Ich habe
keinen Plan wohin es gehen soll; so viel Freiheit muss sein.
Nach etwa 30km
geht es südlich Richtung Bet Schemesch. Ich habe gelesen, dass hier ebenfalls
viele Orthodoxe Juden wohnen sollen. Muss ich mir nach der gestrigen Dröhnung
eine Weitere geben? Eher nicht,
dafür scheint es einen großen Supermarkt zu geben. Da ich noch nicht gänzlich
die Hoffnung verloren habe halbwegs erschwingliche Lebensmittel zu erstehen,
fahre ich ab und winde mich die kurvigen Straßen ins Stadtzentrum hinauf. Von
Orthodoxen Juden ist wenig zu sehen. Dafür gibt es einen wunderbar schäbigen
Einkaufsladen. Wenn hier die Preise wieder so hoch wie in Tel Aviv sind, dann
verstehe ich das komplette Leben in Israel nicht. Die Leute verdienen angeblich
deutlich weniger als in Deutschland und Familien wenden in der Regel ein
komplettes Einkommen für eine Mietwohnung in z.B. Tel Aviv, oder Jerusalem auf.
Zudem sind die Rechte der Mieter weitaus eingeschränkter, als etwa in
Deutschland. Mietverträge werden oftmals nur für ein Jahr geschlossen, so dass
es sein kann, dass man sich regelmäßig um eine neue Bleibe bemühen muss. Was
bei jungen Singles vielleicht noch als zu kalkulierendes Abenteuer gilt, führt
spätestens Familien und ältere Menschen an die psychosoziale Belastungsgrenze.
Da die guten Jobs zudem in den beiden Ballungszentren Tel Avivs und Jerusalems
liegen, sieht man sich mit vielen anderen Interessenten im Wettbewerb, oder müsste
alternativ zeitraubende Fahrten zur Arbeit in Kauf nehmen. Die vermögenden
Juden aus dem Ausland, die sich hier eine Zweitwohnung gönnen und die
allgegenwärtige AirBnB-Vermietung tun ihr übriges zu den katastrophalen
Verhältnissen.
Ich parke den
Wagen auf dem chaotischen Parkplatz des Supermarkts und wage mich hinein. Ungeniert
stehen die Autos auf der Fahrbahn und die
Menschen laden in Seelenruhe ihre Einkäufe ein, ohne sich um den
Verkehrsfluss zu kümmern. Ich sehe eine Lücke, kämpfe mich vor, nehme einer
Einkaufswagenschiebenden Frau die Vorfahrt und parke.
Um in die Bude herein
zu kommen, muss ich wieder einmal durch einen Sicherheitscheck. Ein deftiger
Mittsechziger sitzt lässig und mit Kippe im Maul auf seinem Hocker und winkt
mich durch. Der Laden selber kommt wie eine veraltete Version eines
Lidl-Marktes daher. Offensichtlich die israelische Version eines Discounters.
Hier geht es weitaus chaotischer zu, als in dem teuren Supermarkt in Tel-Aviv.
Auch die Kundschaft ist weitaus differenzierter. Weniger Hipster und Touristen.
In Bet Schemesch scheint der Durchschnitts-Israeli zu wohnen. Viele Familien
mit kleinen Kindern, Menschen mit orientalischem, afrikanischem und
europäischem Aussehen schieben sich durch die Gänge und füllen die
Einkaufswagen mit mal mehr, mal weniger Gesundem kram. Mir fällt auf, dass es
weitaus weniger verarbeitete Lebensmittel gibt, als in Deutschland. Hier wird
wahrscheinlich mit Grundnahrungsmitteln auf Masse gekocht und so Geld gespart.
Die Preise sind tatsächlich deutlich günstiger, als in der Küstenstadt. Zum
Vergleich kosten die Eier nur acht Schekel, und somit die Hälfte. Käse und
Aufschnitt sind ebenfalls weitaus günstiger. Ich gönne mir einen reduzierten
Cheddar-Käse, 200g für 18 NIs, also knapp vier Euro. Dafür, dass es Importware
ist, finde ich den Preis angemessen und im Vergleich zu meiner Heimat
ebenbürtig. Das Brot ist spottbillig und auch die Oliven, Hummuspaste und eine
Dose Cola lassen mich nicht frustrieren.
Offensichtlich
gibt es nicht nur bei Wohnraum ein Preisgefälle von Metropole zu Provinz,
sondern auch bei den Lebensmitteln. Oder ich habe einfach einen überteuerten
Laden erwischt, was in der zentralen Ben-Yehuda-Street in Tel Aviv sicherlich
nicht unrealistisch ist.
Mit den Preisen
etwas versöhnt gönne ich mir ein verspätetes Frühstück und überschlage meine
Optionen. Vor vielen Jahren wurde mir von der bereits benannten Ex-Freundin ein
T-Shirt aus der Stadt Sderot geschenkt. Diese liegt nur wenige Kilometer vom
Gazastreifen entfernt und zieht regelmäßigen Raketenbeschuss von ebenda auf
sich. Das finde ich interessant, da muss ich hin. Ein paar Schrapnellsplitter
in der Hüfte als Mitbringsel für zu Hause sind doch irgendwie originell und
garantieren bleibende Erinnerungen, oder?
Je weiter ich
nach Süden fahre, desto grüner wird es paradoxerweise. Ich hätte spätestens mit
dem Abflachen des Geländes hinter Bet Schemesch damit gerechnet, dass eine
karge Gerölllandschaft mit ein paar Krüppelsträuchern zu dominieren beginnt.
Wohin ich gucke, ist alles grün. Da ich mich auf einer Art Bundesstraße
befinde, kann ich problemlos an den Seitenstreifen fahren und aussteigen. Ich
befinde mich in der Schefela, einen hügeligen Landstrich zwischen den Bergen
Judäas und dem Mittelmeer. Es gibt hier einen Wanderpfad, der zu alten
Steinbehausungen führt und von Kuhherden passiert wird. Ein paar Kilometer weiter
ändert sich die Landschaft erneut, wird sanfter und ist mit kleinen Hügeln
durchzogen. Soweit das Auge reicht sind
grüne Wiesen zu erkennen, welche von Hochspannungsleitungen durchzogen
werden. Es sieht tatsächlich fast genauso aus wie in meiner Heimat, dem
malerischen Landstrich an der Schleswig-Holsteinischen Ostseeküste namens
„Angeln“.
Der einzige
Unterschied sind die omnipräsenten Wasserleitungen und Pumpen, die in regelmäßigen
Abständen aus dem Boden auftauchen und für die Bewässerung der üppigen Vegetation
sorgen, sowie die fehlenden „Knicks“, Krüppelhölzer, die auf kleinen Wällen die
Flur begrenzen. Es herrschen dazu milde Temperaturen und ich fühle mich in
komisch entrückt; wie in einem Sommer auf dem Land bei meinem Elternhaus.
Das dem nicht so
ist wird mir bewusst, als ich keine halbe Stunde später in Sderot einfahre und
den ersten kleinen Bunker erblicke. Zwischen den Wohnhäusern stehen an
öffentlichen Sportanlagen, oder Spielplätzen kleine olivengrüne viereckige
Betonkästen, die an einer Seite geöffnet sind.
Ich parke mein
Auto und gehe ein wenig in Sderot spazieren. Zwar ist hier das Raketenabwehrsystem
„Iron Dome“ stationiert, welches mit etwa 15Sekunden Vorwahnzeit den Menschen
Zeit lässt Schutzräume aufzusuchen und die meisten aus dem Gaza-Streifen abgeschossenen
Raketen abfängt, dennoch ist es befremdlich die Menschen hier ihren ganz normalen
Trott gehen zu sehen. Die Imbisse und Lokale in der Innenstadt sind gut
gefüllt, die Menschen trinken Bier und schauen Fußball, Kinder spielen auf
Spielplätzen und Eltern bereiten Picknicks im Park vor. Man hat sich
offensichtlich an die Gefahr gewöhnt und das Abwehrsystem, wie auch die Bunker
scheinen genug Schutz zu bieten, um hier ein qualitativ gutes Leben führen zu
können.
Ich betrete in
einem öffentlichen Park einen der Bunker, mache ein Selfie und schicke es der
besagten alten Freundin, welche mir als Antwort gleich den Tipp gibt in den
Kibbuz, in dem sie einst selber ein halbes Jahr lebte, zu fahren, da es dort
einen Aussichtsplatz gäbe, von dem aus man nach Gaza-Stadt gucken könnte.
Der Gazastreifen.
Mehr noch als das Westjordanland Ausdruck für Leid, Unterdrückung, Terror und
Repression. Zeigt jemand mit dem Finger auf Israel, dann hat er gleichzeitig
das Wort Gaza auf den Lippen.
In der Antike bis
zur Neuzeit hat dieser Landstrich das gleiche Schicksal, wie das restliche Land
erlitten. Waren es in der Antike unter anderen die Philister, Mesopotamier, Agypter,
Perser, Griechen oder Römer, die herrschten, gaben sich im Mittelalter und der
Neuzeit mal die Araber, Kreuzfahrer und Mamelukken die Klinke in die Hand. In
der Neuzeit dominierte die längste Zeit das Osmanische Reich, welches 1917 vom
Britischen Königreich besiegt wurde. Bis 1948 gehörte der nahe Osten, wie auch
der heutige Gazastreifen zum britischen „Völkerbundsmandat Palästina“.
Und in diesem
Zeitraum fängt es an spannend zu werden.
Im Jahre 1927
wurden alle Juden von der arabischen Bevölkerung aus dem Gazastreifen vertrieben.
Reibereien gab es schon immer zwischen den jüdischen und arabischen Bewohnern.
Diese beruhten auch stets auf Gegenseitigkeit. Als 1948 der jüdische Staat
ausgerufen wurde, kam es zum Überfall der arabischen Anrainerländer. Diesen
Krieg gewann Israel und handelte ein Waffenstillstandsabkommen aus, welches
auch die Verteilung von Land vorsah. Hierbei fiel der Gazastreifen unter
ägyptische Verwaltung. Im Gegensatz zu den im, damals von Jordanien besetzten,
Westjordanland lebenden Menschen erhielten die Bewohner des Gazastreifens jedoch
keine staatsbürgerlichen Rechte in Ägypten. Dieses änderte sich auch nach dem
Sechstagekrieg nicht, den Israel abermals für sich entscheiden konnte. Diesem,
eindeutiger Provokationen der Anrainerländer vorangegangenen, Präventionskrieg
zu Folge gelang dem jüdischen Staat eine Vergrößerung des von ihm
kontrollierten Gebiets bis auf das Dreifache seiner Größe. Dazu zählte
ebenfalls der Gazastreifen. Während Israel die eroberte Sinai-Halbinsel an
Ägypten zurückgab, bliebt der Gazastreifen besetzt ohne den dort wohnenden
Menschen irgendeinen Status zuzubilligen. Daraufhin kam es immer wieder zu regen
Kämpfen zwischen arabischer Guerillas, der PLO und der israelischen Armee. Der
Rest ist Geschichte.
In meinem Auto
bekomme ich von der bewegten Vergangenheit nicht viel mit. Ich nicke zum Takt
von Patti Smith und fahre die wenigen Minuten zum Kibbuz Nir Am. Netterweise
hat Holle mir gleich noch die Wegbeschreibung zu einem Wasserauffangbecken mit
geschickt, von dem aus man eine gute Aussicht auf die Westbank haben soll.
Dort angekommen
stelle ich mein Auto ab und sehe, dass sich bereits viele Familien auf dem
Hügel zum Picknicken und Grillen niedergelassen haben. Allgemeine
Wochenendstimmung.
Ich laufe ein
wenig herum und mache an der höchsten Spitze drei Männer ausfindig, die mit
verschränkten Armen, Sonnenbrillen und angespannter Gesichtsmuskulatur auf die
Grenze gucken. Offensichtlich geht dort etwas vor sich, denn mehrere
Armeefahrzeuge fahren in schnellem Tempo Streife. Ich stelle mich neben die
Männer, gucke eine Weile zu und frage dann in die Runde, ob jemand englisch
spräche. Einer der Männer fühlt sich angesprochen und erklärt mir, was es mit
den Armeebewegungen auf sich hat. Der Freitag sei bei der Hamas der beliebteste
Tag um Krawall zu machen. Wohl wegen des Shabbats riefen die Terroristen in
aller Regelmäßigkeit Kinder und Frauen dazu auf an die Grenze zu kommen und
Steine auf die Armeefahrzeuge zu werfen, wohl wissend, dass nicht zurück
geschossen wird. Der Mann guckt mir tief in die Augen und fragt mich: „Where
else does this happen? An Army gets attacked and they dont strike back?!“
Ich zucke mit den
Achseln und er erklärt weiter, dass in dem vor uns liegenden Grenzabschnitt die
Mauer nicht überirdisch, wie im Norden bei Aschkelon verlaufe, sondern unterirdisch.
Dieses solle den Tunnelbau verhindern, durch den immer wieder Palästinensische
Terroristen nach Israel gelängen und Anschläge verübten.
„Since we build
the Wall, Israel is so much safer now...! No Suicide-Attacks anymore.“
Die Mauer ist von
hier aus deutlich erkennbar. Rechterhand verläuft sie weiß schimmernd in einem ziemlich
geraden Strich an der Großstadt Aschkelon vorbei und endet abrupt. Dann
übernehmen ein gut gesicherter Grenzzaun und eben die unterirdische
Befestigung.
Für die im
Gazastreifen lebende Bevölkerung bedeuten diese israelischen Sicherheitsmaßnahmen
und die seit vielen Jahren mal mehr, mal weniger stark bestehende Blockade erhebliche
Einschränkungen. So können sie den Gazastreifen nur unter erheblichem Aufwand
verlassen und Güter des täglichen Bedarfs lassen sich nur schwer einführen,
bzw. sind oftmals nur durch Hilfslieferungen möglich. Von einem angeblichen
Konzentrationscamp ist das Ganze allerdings Lichtjahre entfernt. Im
Gazastreifen ist die Infrastruktur zwar in weiten Teilen den Launen und
Reaktionen der Israelischen Armee unterlegen, jedoch gibt es sie und zwar in
relativ modernem und umfangreichem Ausmaß und sie könnte noch besser sein,
weitaus besser. Über Jahrzehnte wurden aus aller Herren Länder Milliarden an
Dollars und Arbeitsstunden an Aufbauhilfe in diesen winzigen Streifen Land investiert,
ohne jedoch größeren nachhaltigen Nutzen geschaffen zu haben. Wäre nicht die
grenzenlose Korruption der herrschenden Terroristen, könnte der Gazastreifen
womöglich zu den bestentwickelten Gegenden der Welt gehören. Wären da nicht die
Klanstrukturen und die Hamas. Und so wundert es nicht, dass die Maßnahmen der
Israelis nicht von ungefähr stammen, sondern als Reaktionen der jeweiligen Entwicklungen
gesehen werden müssen.
Ungenommen der Gründungsumstände
des Staates Israels, der Auswirkungen des Sechstagekrieges und Israels darauf
basierenden (Fehl)Entscheidungen ist es eindeutig, dass der Gazastreifen seit
Jahrzehnten ein Unruheherd terroristischer Umtriebe ist, in dem jeglicher
zivilgesellschaftlicher Protest gegen Israel, oder gar Annäherungsversuche an
Israel seitens der Fatah und später der Hamas auf grausamste Weise
niedergeschlagen wurden und werden. So bleibt denn nur der blanke Hass, der
sich in Raketenbeschuss, Tunnelbau und Überfällen entlädt und dessen Opfer die
Zivilbevölkerung auf beiden Seiten ist.
Genau diese
Meinung vertritt der Rädelsführer der Dreiergruppe, die anderen beiden nicken
stumm und wenden sich wieder mit ihren verschränkten Armen dem makabren
Schauspiel zu.
Hinter uns steht
der SUV des Falkens, dessen Motor im Leerlauf läuft. Während wir uns unterhalten
höre ich ein gedämpftes Auf- und Abheulen, das einer Sirene ähnelt. Ich gucke
mich immer wieder kurz um und spitze die Ohren. Werden etwa doch Raketen
geschossen? Mein Gesprächspartner bemerkt meine Verunsicherung und grinst.
„Relax, its not an Alert, its the ventilation of the motor. We are safe
here...“
Na wenn das so
ist, dann kann ich ja beruhigt für ein Photo posieren und den von Google-Maps
angezeigten Weg entlang des Grenzverlaufs nehmen, um in die Negev-Wüste zu gelangen.
Ich verabschiede
mich und fahre weiter. Die Straße führt noch etwa einen Kilometer direkt auf
den Gazastreifen zu und verläuft dann abrupt nach Süden. Ich drossle das Tempo,
schneide die Kurve und muss sofort abbremsen. Vor mir versperrt ein riesiger
Armee-Humvee die Straße und ein halbes Dutzend israelischer Soldaten starren
mich an.












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