Sonntag, 3. Februar 2019

ISRAEL 2018 - Tag 5, Teil I

Ob ich gut geschlafen habe? Geschenkt! Sagen wir mal so, für ein paar luzide und wilde Träume unter dem Einfluss der leicht psychoaktiven Substanz hat es gereicht. Der Abschied von Dans Hostel fiel nicht schwer, da nur Silke wach war, die mir netterweise ihre Sim-Karte in die Hand drückte. Jetzt kann ich per Kopfhörer Musik vom Streaming-Dienst hören und mich mit alten Westernhagen Songs in Stimmung bringen. Gefrühstückt wird heute erst, wenn ich mindestens 50km hinter Jerusalem bin. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.
Um Punkt 08:00 Uhr stehe ich vor dem Büro der Mietwagengesellschaft und zeige dem Mitarbeiter meinen Voucher auf dem Handy, Kreditkarte, Ausweis und Führerschein. Wenige Minuten Später halte ich die Schlüssel eines halbwegs fitten Kompaktklasse-Autos in den Händen. Kurz den Beifahrersitz nach hinten geklappt, Probe gelegen und als Übernachtungsmöglichkeit für ausreichend befunden. Nach einem kurzen Dellencheck geht es beanstandungslos auf die Straße. Ich habe keinen Plan wohin es gehen soll; so viel Freiheit muss sein.
Nach etwa 30km geht es südlich Richtung Bet Schemesch. Ich habe gelesen, dass hier ebenfalls viele Orthodoxe Juden wohnen sollen. Muss ich mir nach der gestrigen Dröhnung eine Weitere geben?  Eher nicht, dafür scheint es einen großen Supermarkt zu geben. Da ich noch nicht gänzlich die Hoffnung verloren habe halbwegs erschwingliche Lebensmittel zu erstehen, fahre ich ab und winde mich die kurvigen Straßen ins Stadtzentrum hinauf. Von Orthodoxen Juden ist wenig zu sehen. Dafür gibt es einen wunderbar schäbigen Einkaufsladen. Wenn hier die Preise wieder so hoch wie in Tel Aviv sind, dann verstehe ich das komplette Leben in Israel nicht. Die Leute verdienen angeblich deutlich weniger als in Deutschland und Familien wenden in der Regel ein komplettes Einkommen für eine Mietwohnung in z.B. Tel Aviv, oder Jerusalem auf. Zudem sind die Rechte der Mieter weitaus eingeschränkter, als etwa in Deutschland. Mietverträge werden oftmals nur für ein Jahr geschlossen, so dass es sein kann, dass man sich regelmäßig um eine neue Bleibe bemühen muss. Was bei jungen Singles vielleicht noch als zu kalkulierendes Abenteuer gilt, führt spätestens Familien und ältere Menschen an die psychosoziale Belastungsgrenze. Da die guten Jobs zudem in den beiden Ballungszentren Tel Avivs und Jerusalems liegen, sieht man sich mit vielen anderen Interessenten im Wettbewerb, oder müsste alternativ zeitraubende Fahrten zur Arbeit in Kauf nehmen. Die vermögenden Juden aus dem Ausland, die sich hier eine Zweitwohnung gönnen und die allgegenwärtige AirBnB-Vermietung tun ihr übriges zu den katastrophalen Verhältnissen.
Ich parke den Wagen auf dem chaotischen Parkplatz des Supermarkts und wage mich hinein. Ungeniert stehen die Autos auf der Fahrbahn und die  Menschen laden in Seelenruhe ihre Einkäufe ein, ohne sich um den Verkehrsfluss zu kümmern. Ich sehe eine Lücke, kämpfe mich vor, nehme einer Einkaufswagenschiebenden Frau die Vorfahrt und parke.
Um in die Bude herein zu kommen, muss ich wieder einmal durch einen Sicherheitscheck. Ein deftiger Mittsechziger sitzt lässig und mit Kippe im Maul auf seinem Hocker und winkt mich durch. Der Laden selber kommt wie eine veraltete Version eines Lidl-Marktes daher. Offensichtlich die israelische Version eines Discounters. Hier geht es weitaus chaotischer zu, als in dem teuren Supermarkt in Tel-Aviv. Auch die Kundschaft ist weitaus differenzierter. Weniger Hipster und Touristen. In Bet Schemesch scheint der Durchschnitts-Israeli zu wohnen. Viele Familien mit kleinen Kindern, Menschen mit orientalischem, afrikanischem und europäischem Aussehen schieben sich durch die Gänge und füllen die Einkaufswagen mit mal mehr, mal weniger Gesundem kram. Mir fällt auf, dass es weitaus weniger verarbeitete Lebensmittel gibt, als in Deutschland. Hier wird wahrscheinlich mit Grundnahrungsmitteln auf Masse gekocht und so Geld gespart. Die Preise sind tatsächlich deutlich günstiger, als in der Küstenstadt. Zum Vergleich kosten die Eier nur acht Schekel, und somit die Hälfte. Käse und Aufschnitt sind ebenfalls weitaus günstiger. Ich gönne mir einen reduzierten Cheddar-Käse, 200g für 18 NIs, also knapp vier Euro. Dafür, dass es Importware ist, finde ich den Preis angemessen und im Vergleich zu meiner Heimat ebenbürtig. Das Brot ist spottbillig und auch die Oliven, Hummuspaste und eine Dose Cola lassen mich nicht frustrieren.
Offensichtlich gibt es nicht nur bei Wohnraum ein Preisgefälle von Metropole zu Provinz, sondern auch bei den Lebensmitteln. Oder ich habe einfach einen überteuerten Laden erwischt, was in der zentralen Ben-Yehuda-Street in Tel Aviv sicherlich nicht unrealistisch ist.
Mit den Preisen etwas versöhnt gönne ich mir ein verspätetes Frühstück und überschlage meine Optionen. Vor vielen Jahren wurde mir von der bereits benannten Ex-Freundin ein T-Shirt aus der Stadt Sderot geschenkt. Diese liegt nur wenige Kilometer vom Gazastreifen entfernt und zieht regelmäßigen Raketenbeschuss von ebenda auf sich. Das finde ich interessant, da muss ich hin. Ein paar Schrapnellsplitter in der Hüfte als Mitbringsel für zu Hause sind doch irgendwie originell und garantieren bleibende Erinnerungen, oder?
Je weiter ich nach Süden fahre, desto grüner wird es paradoxerweise. Ich hätte spätestens mit dem Abflachen des Geländes hinter Bet Schemesch damit gerechnet, dass eine karge Gerölllandschaft mit ein paar Krüppelsträuchern zu dominieren beginnt. Wohin ich gucke, ist alles grün. Da ich mich auf einer Art Bundesstraße befinde, kann ich problemlos an den Seitenstreifen fahren und aussteigen. Ich befinde mich in der Schefela, einen hügeligen Landstrich zwischen den Bergen Judäas und dem Mittelmeer. Es gibt hier einen Wanderpfad, der zu alten Steinbehausungen führt und von Kuhherden passiert wird. Ein paar Kilometer weiter ändert sich die Landschaft erneut, wird sanfter und ist mit kleinen Hügeln durchzogen. Soweit das Auge reicht sind  grüne Wiesen zu erkennen, welche von Hochspannungsleitungen durchzogen werden. Es sieht tatsächlich fast genauso aus wie in meiner Heimat, dem malerischen Landstrich an der Schleswig-Holsteinischen Ostseeküste namens „Angeln“.
Der einzige Unterschied sind die omnipräsenten Wasserleitungen und Pumpen, die in regelmäßigen Abständen aus dem Boden auftauchen und für die Bewässerung der üppigen Vegetation sorgen, sowie die fehlenden „Knicks“, Krüppelhölzer, die auf kleinen Wällen die Flur begrenzen. Es herrschen dazu milde Temperaturen und ich fühle mich in komisch entrückt; wie in einem Sommer auf dem Land bei meinem Elternhaus.
Das dem nicht so ist wird mir bewusst, als ich keine halbe Stunde später in Sderot einfahre und den ersten kleinen Bunker erblicke. Zwischen den Wohnhäusern stehen an öffentlichen Sportanlagen, oder Spielplätzen kleine olivengrüne viereckige Betonkästen, die an einer Seite geöffnet sind.
Ich parke mein Auto und gehe ein wenig in Sderot spazieren. Zwar ist hier das Raketenabwehrsystem „Iron Dome“ stationiert, welches mit etwa 15Sekunden Vorwahnzeit den Menschen Zeit lässt Schutzräume aufzusuchen und die meisten aus dem Gaza-Streifen abgeschossenen Raketen abfängt, dennoch ist es befremdlich die Menschen hier ihren ganz normalen Trott gehen zu sehen. Die Imbisse und Lokale in der Innenstadt sind gut gefüllt, die Menschen trinken Bier und schauen Fußball, Kinder spielen auf Spielplätzen und Eltern bereiten Picknicks im Park vor. Man hat sich offensichtlich an die Gefahr gewöhnt und das Abwehrsystem, wie auch die Bunker scheinen genug Schutz zu bieten, um hier ein qualitativ gutes Leben führen zu können.
Ich betrete in einem öffentlichen Park einen der Bunker, mache ein Selfie und schicke es der besagten alten Freundin, welche mir als Antwort gleich den Tipp gibt in den Kibbuz, in dem sie einst selber ein halbes Jahr lebte, zu fahren, da es dort einen Aussichtsplatz gäbe, von dem aus man nach Gaza-Stadt gucken könnte.
Der Gazastreifen. Mehr noch als das Westjordanland Ausdruck für Leid, Unterdrückung, Terror und Repression. Zeigt jemand mit dem Finger auf Israel, dann hat er gleichzeitig das Wort Gaza auf den Lippen.
In der Antike bis zur Neuzeit hat dieser Landstrich das gleiche Schicksal, wie das restliche Land erlitten. Waren es in der Antike unter anderen die Philister, Mesopotamier, Agypter, Perser, Griechen oder Römer, die herrschten, gaben sich im Mittelalter und der Neuzeit mal die Araber, Kreuzfahrer und Mamelukken die Klinke in die Hand. In der Neuzeit dominierte die längste Zeit das Osmanische Reich, welches 1917 vom Britischen Königreich besiegt wurde. Bis 1948 gehörte der nahe Osten, wie auch der heutige Gazastreifen zum britischen „Völkerbundsmandat Palästina“.
Und in diesem Zeitraum fängt es an spannend zu werden.
Im Jahre 1927 wurden alle Juden von der arabischen Bevölkerung aus dem Gazastreifen vertrieben. Reibereien gab es schon immer zwischen den jüdischen und arabischen Bewohnern. Diese beruhten auch stets auf Gegenseitigkeit. Als 1948 der jüdische Staat ausgerufen wurde, kam es zum Überfall der arabischen Anrainerländer. Diesen Krieg gewann Israel und handelte ein Waffenstillstandsabkommen aus, welches auch die Verteilung von Land vorsah. Hierbei fiel der Gazastreifen unter ägyptische Verwaltung. Im Gegensatz zu den im, damals von Jordanien besetzten, Westjordanland lebenden Menschen erhielten die Bewohner des Gazastreifens jedoch keine staatsbürgerlichen Rechte in Ägypten. Dieses änderte sich auch nach dem Sechstagekrieg nicht, den Israel abermals für sich entscheiden konnte. Diesem, eindeutiger Provokationen der Anrainerländer vorangegangenen, Präventionskrieg zu Folge gelang dem jüdischen Staat eine Vergrößerung des von ihm kontrollierten Gebiets bis auf das Dreifache seiner Größe. Dazu zählte ebenfalls der Gazastreifen. Während Israel die eroberte Sinai-Halbinsel an Ägypten zurückgab, bliebt der Gazastreifen besetzt ohne den dort wohnenden Menschen irgendeinen Status zuzubilligen. Daraufhin kam es immer wieder zu regen Kämpfen zwischen arabischer Guerillas, der PLO und der israelischen Armee. Der Rest ist Geschichte.
In meinem Auto bekomme ich von der bewegten Vergangenheit nicht viel mit. Ich nicke zum Takt von Patti Smith und fahre die wenigen Minuten zum Kibbuz Nir Am. Netterweise hat Holle mir gleich noch die Wegbeschreibung zu einem Wasserauffangbecken mit geschickt, von dem aus man eine gute Aussicht auf die Westbank haben soll.
Dort angekommen stelle ich mein Auto ab und sehe, dass sich bereits viele Familien auf dem Hügel zum Picknicken und Grillen niedergelassen haben. Allgemeine Wochenendstimmung.
Ich laufe ein wenig herum und mache an der höchsten Spitze drei Männer ausfindig, die mit verschränkten Armen, Sonnenbrillen und angespannter Gesichtsmuskulatur auf die Grenze gucken. Offensichtlich geht dort etwas vor sich, denn mehrere Armeefahrzeuge fahren in schnellem Tempo Streife. Ich stelle mich neben die Männer, gucke eine Weile zu und frage dann in die Runde, ob jemand englisch spräche. Einer der Männer fühlt sich angesprochen und erklärt mir, was es mit den Armeebewegungen auf sich hat. Der Freitag sei bei der Hamas der beliebteste Tag um Krawall zu machen. Wohl wegen des Shabbats riefen die Terroristen in aller Regelmäßigkeit Kinder und Frauen dazu auf an die Grenze zu kommen und Steine auf die Armeefahrzeuge zu werfen, wohl wissend, dass nicht zurück geschossen wird. Der Mann guckt mir tief in die Augen und fragt mich: „Where else does this happen? An Army gets attacked and they dont strike back?!“
Ich zucke mit den Achseln und er erklärt weiter, dass in dem vor uns liegenden Grenzabschnitt die Mauer nicht überirdisch, wie im Norden bei Aschkelon verlaufe, sondern unterirdisch. Dieses solle den Tunnelbau verhindern, durch den immer wieder Palästinensische Terroristen nach Israel gelängen und Anschläge verübten.
„Since we build the Wall, Israel is so much safer now...! No Suicide-Attacks anymore.“
Die Mauer ist von hier aus deutlich erkennbar. Rechterhand verläuft sie weiß schimmernd in einem ziemlich geraden Strich an der Großstadt Aschkelon vorbei und endet abrupt. Dann übernehmen ein gut gesicherter Grenzzaun und eben die unterirdische Befestigung.
Für die im Gazastreifen lebende Bevölkerung bedeuten diese israelischen Sicherheitsmaßnahmen und die seit vielen Jahren mal mehr, mal weniger stark bestehende Blockade erhebliche Einschränkungen. So können sie den Gazastreifen nur unter erheblichem Aufwand verlassen und Güter des täglichen Bedarfs lassen sich nur schwer einführen, bzw. sind oftmals nur durch Hilfslieferungen möglich. Von einem angeblichen Konzentrationscamp ist das Ganze allerdings Lichtjahre entfernt. Im Gazastreifen ist die Infrastruktur zwar in weiten Teilen den Launen und Reaktionen der Israelischen Armee unterlegen, jedoch gibt es sie und zwar in relativ modernem und umfangreichem Ausmaß und sie könnte noch besser sein, weitaus besser. Über Jahrzehnte wurden aus aller Herren Länder Milliarden an Dollars und Arbeitsstunden an Aufbauhilfe in diesen winzigen Streifen Land investiert, ohne jedoch größeren nachhaltigen Nutzen geschaffen zu haben. Wäre nicht die grenzenlose Korruption der herrschenden Terroristen, könnte der Gazastreifen womöglich zu den bestentwickelten Gegenden der Welt gehören. Wären da nicht die Klanstrukturen und die Hamas. Und so wundert es nicht, dass die Maßnahmen der Israelis nicht von ungefähr stammen, sondern als Reaktionen der jeweiligen Entwicklungen gesehen werden müssen.
Ungenommen der Gründungsumstände des Staates Israels, der Auswirkungen des Sechstagekrieges und Israels darauf basierenden (Fehl)Entscheidungen ist es eindeutig, dass der Gazastreifen seit Jahrzehnten ein Unruheherd terroristischer Umtriebe ist, in dem jeglicher zivilgesellschaftlicher Protest gegen Israel, oder gar Annäherungsversuche an Israel seitens der Fatah und später der Hamas auf grausamste Weise niedergeschlagen wurden und werden. So bleibt denn nur der blanke Hass, der sich in Raketenbeschuss, Tunnelbau und Überfällen entlädt und dessen Opfer die Zivilbevölkerung auf beiden Seiten ist.
Genau diese Meinung vertritt der Rädelsführer der Dreiergruppe, die anderen beiden nicken stumm und wenden sich wieder mit ihren verschränkten Armen dem makabren Schauspiel zu.
Hinter uns steht der SUV des Falkens, dessen Motor im Leerlauf läuft. Während wir uns unterhalten höre ich ein gedämpftes Auf- und Abheulen, das einer Sirene ähnelt. Ich gucke mich immer wieder kurz um und spitze die Ohren. Werden etwa doch Raketen geschossen? Mein Gesprächspartner bemerkt meine Verunsicherung und grinst. „Relax, its not an Alert, its the ventilation of the motor. We are safe here...“
Na wenn das so ist, dann kann ich ja beruhigt für ein Photo posieren und den von Google-Maps angezeigten Weg entlang des Grenzverlaufs nehmen, um in die Negev-Wüste zu gelangen.
Ich verabschiede mich und fahre weiter. Die Straße führt noch etwa einen Kilometer direkt auf den Gazastreifen zu und verläuft dann abrupt nach Süden. Ich drossle das Tempo, schneide die Kurve und muss sofort abbremsen. Vor mir versperrt ein riesiger Armee-Humvee die Straße und ein halbes Dutzend israelischer Soldaten starren mich an.













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