Samstag, 16. Februar 2019

ISRAEL 2018 - Tag 7, Teil III


Yussuf ist ein Endzwanziger mit sanften Gesichtszügen, Vollbart, lässiger Levi`s 501 und Nike-Turnschuhen. In seinen Augen funkelt eine schelmische Intelligenz. Bei der Begrüßung setzt er auf Theatralik, indem er jeden Satz mit vor der Brust geschlossenen Händen beendet, dabei den Kopf senkt und die Augen schließt. Bereits von Anfang an macht er in perfektem Englisch klar, was er von den Soldaten hält, indem er verächtlich zu Ihnen herüber guckt und von täglichen Schikanen, wie Leibesvisitationen und verwährten Zugangsberechtigungen berichtet. Jede seiner Geschichten kann mit einer fein akzentuierten Pointe aufwarten, die in ihrer Absurdität den willkürlichen Charakter der Armee unterstreicht, aber für mich immer einen Hauch zu plakativ herüber kommt. Die Fakten allerdings sind interessant und sprechen für sich.
Hebron ist mit über 200000 Einwohnern die größte Stadt im Westjordanland und gehörte vor dem Sechstagekrieg zu Jordanien. In dessen Folge wurde es von Israel besetzt, ohne dass den Bewohnern die Möglichkeit des Erwerbs der israelischen Staatsbürgerschaft eingeräumt wurde. In den Monaten nach dem Krieg ließen sich unerlaubter Weise die ersten Siedler in Hebron nieder. Das Burgartige Gebäude, vor dem wir bei Tims Geschichtslektion gesessen haben, ist das „Grab der Patriarchen“, in dem Abraham, Sara, Isaak und weitere Bibelprominenz begraben lägen. Dieser Ort ist, je nach Uhrzeit, in einem geregelten Turnus mal für Juden, mal für Moslems zugänglich, welche dort abgetrennte Gebetsstätten hätten. Für beide Gruppen stellt der Ort gleichermaßen ein Heiligtum dar und diente als weitere Rechtfertigung der meist religiös motivierten Siedler sich hier niederzulassen. Christen wiederum haben uneingeschränkten Zutritt und wir würden später beide Seiten besichtigen.
Heute leben etwas mehr als 800 Juden in der Altstadt, die von über 600 Soldaten beschützt werden. Die Stadt ist in zwei Zonen eingeteilt, der Zone H1 und H2. Das westliche H1, in dem auch Yussuf wohnt, nimmt den überwiegenden Teil der Stadt ein und beherbergt mit etwa 170000 Einwohnern ausschließlich Menschen palästinensischer Herkunft. Im östlich gelegenen H2 wohnen die wenigen Juden und weitere 30000 Palästinenser. Hier hat die palästinensische Obrigkeit keine Befugnisse und auch die nichtjüdischen Einwohner müssen mit teils erheblichen Einschränkungen leben. Die Siedler leben größtenteils in den Häusern der alten jüdischen Gemeinde Hebrons. Diese wurden in Folge eines Massakers von Arabern an den Juden im Jahre 1929 aufgegeben. Ich finde es wichtig und richtig, dass Yussuf betont, dass viele Araber verhindert haben, dass nicht mehr als die 67 der etwa 435 Juden bei der gewalttätigen Raserei umgebracht wurden, indem sie ihre Nachbarn und Freunde versteckten. Diesen Gaul reitet er für meinen Geschmack jedoch etwas zu lang und ich ertappe mich dabei dieses als Teil seiner Agenda zu empfinden. Sie erinnert mich an linke, westliche Israelkritiker, die sich in ihrer Argumentation prominenter Leute wie z.B. Noam Chromsky oder Naomi Klein bedienen, deren Reputation zu dem Thema darauf zu beruhen scheint, dass sie jüdischer Abstammung sind. Vielleicht sollte ich, als getaufter Christ, mich zukünftig auch als Spezialist für Menschenrechtsfragen in z.B. Bulgarien aufspielen. Da war ich schon mal, ein Verwandter von mir lebte dort und es ist ein mehrheitlich christliches Land.
Zurück zu Yussuf. Immer wieder kommt es in Hebron zu gegenseitigen Übergriffen, in deren Folge oftmals Menschen gestorben sind. Darunter nicht nur Juden und Palästinenser, sondern auch Mitarbeitende der UN. Yussuf beschränkt sich auf die Schilderungen israelischer Gewalt und kommt sofort auf Baruch Goldstein zu sprechen. Der ehemalige Militärarzt amerikanischer Abstammung war ebenfalls ein fanatischer Siedler und stand der rechtsextremen Kach-Partei nahe. Er erschoss im Februar 1994 in der Moschee in dem besagten Bauwerk 29 Palästinenser beim Morgengebet und verletzte weitere 150. Als ihm die Munition ausging, wurde er von den Anwesenden mit einem Feuerlöscher erschlagen. Dieser Anschlag hatte verheerende Ausschreitungen zu Folge, in denen weitere Palästinenser und Juden getötet wurden. Für Yussuf ist das Ereignis keine Ausnahme, sondern die Bestätigung der Gewaltherrschaft der Israelis.
Bereits in den ersten Minuten wird mir gewahr, dass auch Yussuf in komplettem Schwarz-Weiß-Denken verhaftet ist. So gibt er seine Geschichte preis, in der ihm verboten wurde nach Jerusalem einzureisen. Er hätte bei einem Versuch dorthin zu gelangen an einem Armeekontrollposten erfahren, dass er auf einer Geheimdienstliste stehe und den sogenannten „Terror-Status“ habe, der eine Einreise auf unbestimmte Zeit unmöglich mache. Er jedoch sei sich keiner Schuld bewusst und versucht uns die Sinnlosigkeit dieser Maßnahme an Hand eines zweifelhaften Beispiels zu verdeutlichen. Er sagt, dass er hier, an diesem Checkpoint, an dem er sich problemlos aufhalten dürfe, nur eine Waffe ziehen müsste, um den jüdischen Siedlern Unheil anzutun. Aber nach Ostjerusalem zu reisen, wo er nur von Palästinensern umgeben sei, dafür würde er wegen der angeblich von ihm ausgehenden Gefahr keine Einreiseerlaubnis bekommen. Während ich nicht sicher bin, ob das darauf folgende Lachen und Kopfschütteln der anderen Mitreisenden nur aus Verlegenheit gespielt, oder echt ist, entscheide ich für mich, dass ich Yussuf für einen geschickten Schwätzer halte. Zudem habe ich den Eindruck, dass er uns nicht wirklich ernst nimmt, was ich durchaus verstehen kann. Was wissen wir wohl situierten Touristen schon über dieses Leben und maßen uns womöglich auch noch an darüber zu richten. Andererseits wurde er sicher nicht gezwungen uns zu führen. Jedenfalls ist er mir in seinem Gebaren etwas zu cool und auch seine Reden wirken auf mich einstudiert und einen Hauch zu jovial. Sicherlich hat er eine einnehmende Ausstrahlung und sieht zudem gut aus, aber ich habe in meiner langjährigen Arbeit mit Drogensüchtigen genug Blender kennengelernt, die mit ihrer (Überlebens)Strategie auf raffinierte Art und Weise Menschen um den Finger zu wickeln vermochten. Dazu gehörten immer auch Geschichten, in denen die „Schuld“ von sich zu den „Anderen“ verschoben wurde und die Reflexion der eigenen Rolle kaum möglich war. Sobald man den Eigenanteil an Vorgängen thematisiert hat, gingen die Klienten meist in eine aggressive Verteidigungshaltung und wiesen Alles kategorisch von sich.
Aber vielleicht bilde ich mir zu viel auf meine „Menschenkenntnis“ ein und tue ihm Unrecht. Auch gebührt ihm mein Respekt, denn er ist mit Leidenschaft bei der Sache und das verleiht ihm eine Authentizität, die dem intensiven Erleben seiner Führung sicherlich förderlich ist.
Deswegen werde ich versuchen Yussuf mit systemischen Fragen aus der Reserve zu locken und erhoffe mir insgeheim mäßigende und versöhnliche Töne. Dafür will ich aber den richtigen Zeitpunkt abwarten und erst noch mehr von und über ihn erfahren.
Wir schütteln noch Hände mit seinem Vater, der den einzigen palästinensischen Laden in der Grenzzone zu führen scheint und dort mit ein paar Freunden vor seiner aus orientalischen Kleidungen und Andenken bestehenden Auslage herumsitzt. Die Männer haben eine ruhige und gütige Ausstrahlung und in ihre Augen ist nichts als Freundlichkeit zu erkennen. Vielleicht haben sie bereits ihren Frieden mit der absurden Situation geschlossen und kennen noch andere Zeiten, in denen es Annäherungen mit den Israelis gab. Für Yussuf mag das nicht gelten und seine Wut ist unterschwellig an seinem angespannten Schritt spürbar, als wir uns in Richtung Metallschranke und Checkpoint begeben. Es muss sich total beschissen anfühlen, wenn man wie er nur kurz zum Geschäft seines Vaters will und dabei andauernd durch die Metalldrehtür und die Militärkontrollen muss. Ich bekomme ein Gespür für seinen Hass auf die Besetzung.
Die Metallschranke und der Wachturm führen in einen schmalen Gang, an dessen Ende wir in den Souk, dem kommerziellen Viertel der Altstadt Hebrons gelangen. Die Passage verläuft für unseren Führer, wie auch uns reibungslos. Wer, oder was in den palästinensischen Teil hereingelangt, scheint den Militärs schnuppe zu sein. In die andere Richtung wird es sicherlich strenger zugehen.
Die schmale Gasse des Souks ist nach oben hin vergittert und an der linken Seite recken sich Häuser mit israelischen Fahnen, die auf die Händler wie Provokationen wirken müssen, empor. Auf den Dächern befinden sich ein eingezäunter Weg für Patrouillen und ein Wachturm. So wandert die erste Geste Yussufs auch hinauf und er erklärt uns den Hintergrund dieser harschen Trennung. Angeblich würden die Siedler von ihren Balkonen Fäkalien und Steine auf die Menschen in der Gasse werfen. Die Händler hätten sich damit arrangiert und wenigstens den Zaun gespannt um nicht von den geworfenen Gegenständen verletzt zu werden. Ich werde direkt wieder stutzig, denn genau solche Drahtgitter gab es auch über den Gassen der Altstadt von Jerusalem. Genau wie hier lagen dort Müll, Spielzeug und kleinere Steine, die aber genauso gut Putz der Häuser gewesen sein können, auf dem Draht. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit irgendwo zwischen der Schilderung und meiner Vermutung.
Nachdem Yussuf mit seinem Vortrag, der ähnlich wie Tims Reden lediglich die Unterschiede und negativen Seiten der anderen Partei hervorgehoben hat, beendet, übergibt er uns an einen älteren Herren, der uns seinen Laden zeigt. Heute verkauft auch er Andenken aus Hebron und orientalischen Schnickschnack, wo vormals eine Ölpresse betrieben wurde. Er erklärt uns, dass früher ein Kamel mit verbundenen Augen immer im Kreis um den Mahlstein laufen musste, um das Sesamöl zu gewinnen. Ich bin dankbar für diesen kleinen Ausflug in ein gänzlich anderes Thema, denn ich fühle mich weiterhin schlapp und auch der Kopfschmerz ist noch nicht vergangen. Die Vibes unserer beiden Führer stressen mich und auch die Stimmung in der Stadt ist bedrückend und nervig.
Der Mann scheint wenigstens eine positivere Sicht auf die Dinge zu haben. Zwar verkauft auch er Wandanhänger der Umrisse Israels, auf denen die palästinensische Flagge gedruckt ist, aber es scheint ihm wichtig zu sei, dass es vor der ersten Intifada in den 1980er Jahren viel mehr Berührungspunkte und Freundschaften mit Juden gab, als heute. Er unterscheidet auch zwischen den normalen Bürgern Israels, den Politikern und den Siedlern. Ich frage ihn, was er für eine sinnvolle Lösung halten würde in der Auflösung des territorialen Konfliktes. Der Mann ahnt, dass ich mich eingehender mit der Problematik befasst zu haben scheine und äußert: „In my opinion a one-state-solution would be a fair solution. All citizens, no matter if jewish, christian or moslem should have the same rights“. Am Ende des Satzes zwinkert er mir verschwörerisch zu, wohl wissend, dass auch ich um die Bedeutung dieser Lösung weiß. Zusammengenommen leben im Gazastreifen, im Westjordanland und in Israel etwa knapp sechs Millionen Menschen mit arabischem und moslemischem und knapp sieben Millionen Menschen mit jüdischem Hintergrund. Allerdings ist die Geburtenrate der moslemischen Bevölkerung höher, so dass sich bei einer Einstaatenlösung unweigerlich mit der Zeit eine Diskontinuität hinsichtlich einer geringeren jüdischen contra einer höheren moslemischen Bevölkerung einstellen würde. Das möchte der Staat Israel natürlich nicht und deswegen wird es wohl auch niemals zu einer Einstaatenlösung kommen.
Ich erspare mir eine realistischere Alternative anzusprechen und gucke mir lieber das alte Bild mit dem Kamel an. Tag für Tag, stundenlang musste das arme Tier sich blind im Kreis drehen und bekam dafür lediglich das zum Überleben notwendigste. Ich habe das Gefühl, dass das arme Tier sinnbildlich für die Einstellung vieler Menschen steht, die direkt am Konflikt beteiligt sind. Nun könnte man zumindest den Erwachsenen unter ihnen eine gewisse Mündigkeit zusprechen und damit auch der Möglichkeit sich ein ums andere Mal zu neuen Perspektiven durchzuringen. Doch spielen scheinbar Indoktrination, Tradition, Erwartungen, Angst und nicht zuletzt Kultur und Religion auf der ein, oder anderen Seite mal mehr, mal weniger eine zu große Rolle, als dass man sich Konflikten analytisch und unbefangen annähern könnte. Vielleicht ist es doch richtig, dass so viele Außenstehende sich für diesen eigentlich relativ kleinen und weltgeschichtlich eher unbedeutenden Konflikt interessieren.
Wir verabschieden uns von dem ehrenwerten Mann und gehen wieder in die Gasse. Dort steht Yussuf und scherzt bei einer Zigarette mit einem kleinen Jungen, der uns selbstgeknüpfte Armbänder in den Palästinensischen Nationalfarben verkaufen will. Er trägt ein T-Shirt von Ronaldo, hat wunderschöne lockige Haare, einen herrlich niedlichen Schlafzimmerblick und versucht auf unbeholfene Art und Weise seine Ware an uns loszuwerden. Warum können wir nicht alle unsere Hände in kindlicher Unschuld waschen?





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