Yussuf ist ein Endzwanziger mit sanften Gesichtszügen, Vollbart, lässiger
Levi`s 501 und Nike-Turnschuhen. In seinen Augen funkelt eine schelmische
Intelligenz. Bei der Begrüßung setzt er auf Theatralik, indem er jeden Satz mit
vor der Brust geschlossenen Händen beendet, dabei den Kopf senkt und die Augen
schließt. Bereits von Anfang an macht er in perfektem Englisch klar, was er von
den Soldaten hält, indem er verächtlich zu Ihnen herüber guckt und von
täglichen Schikanen, wie Leibesvisitationen und verwährten
Zugangsberechtigungen berichtet. Jede seiner Geschichten kann mit einer fein
akzentuierten Pointe aufwarten, die in ihrer Absurdität den willkürlichen Charakter
der Armee unterstreicht, aber für mich immer einen Hauch zu plakativ herüber
kommt. Die Fakten allerdings sind interessant und sprechen für sich.
Hebron ist mit über 200000 Einwohnern die größte Stadt im Westjordanland
und gehörte vor dem Sechstagekrieg zu Jordanien. In dessen Folge wurde es von
Israel besetzt, ohne dass den Bewohnern die Möglichkeit des Erwerbs der
israelischen Staatsbürgerschaft eingeräumt wurde. In den Monaten nach dem Krieg
ließen sich unerlaubter Weise die ersten Siedler in Hebron nieder. Das
Burgartige Gebäude, vor dem wir bei Tims Geschichtslektion gesessen haben, ist
das „Grab der Patriarchen“, in dem Abraham, Sara, Isaak und weitere
Bibelprominenz begraben lägen. Dieser Ort ist, je nach Uhrzeit, in einem
geregelten Turnus mal für Juden, mal für Moslems zugänglich, welche dort
abgetrennte Gebetsstätten hätten. Für beide Gruppen stellt der Ort gleichermaßen
ein Heiligtum dar und diente als weitere Rechtfertigung der meist religiös
motivierten Siedler sich hier niederzulassen. Christen wiederum haben uneingeschränkten
Zutritt und wir würden später beide Seiten besichtigen.
Heute leben etwas mehr als 800 Juden in der Altstadt, die von über 600
Soldaten beschützt werden. Die Stadt ist in zwei Zonen eingeteilt, der Zone H1
und H2. Das westliche H1, in dem auch Yussuf wohnt, nimmt den überwiegenden
Teil der Stadt ein und beherbergt mit etwa 170000 Einwohnern ausschließlich
Menschen palästinensischer Herkunft. Im östlich gelegenen H2 wohnen die wenigen
Juden und weitere 30000 Palästinenser. Hier hat die palästinensische Obrigkeit
keine Befugnisse und auch die nichtjüdischen Einwohner müssen mit teils
erheblichen Einschränkungen leben. Die Siedler leben größtenteils in den
Häusern der alten jüdischen Gemeinde Hebrons. Diese wurden in Folge eines
Massakers von Arabern an den Juden im Jahre 1929 aufgegeben. Ich finde es
wichtig und richtig, dass Yussuf betont, dass viele Araber verhindert haben,
dass nicht mehr als die 67 der etwa 435 Juden bei der gewalttätigen Raserei umgebracht
wurden, indem sie ihre Nachbarn und Freunde versteckten. Diesen Gaul reitet er für
meinen Geschmack jedoch etwas zu lang und ich ertappe mich dabei dieses als Teil
seiner Agenda zu empfinden. Sie erinnert mich an linke, westliche Israelkritiker,
die sich in ihrer Argumentation prominenter Leute wie z.B. Noam Chromsky oder
Naomi Klein bedienen, deren Reputation zu dem Thema darauf zu beruhen scheint,
dass sie jüdischer Abstammung sind. Vielleicht sollte ich, als getaufter
Christ, mich zukünftig auch als Spezialist für Menschenrechtsfragen in z.B.
Bulgarien aufspielen. Da war ich schon mal, ein Verwandter von mir lebte dort
und es ist ein mehrheitlich christliches Land.
Zurück zu Yussuf. Immer wieder kommt es in Hebron zu gegenseitigen
Übergriffen, in deren Folge oftmals Menschen gestorben sind. Darunter nicht nur
Juden und Palästinenser, sondern auch Mitarbeitende der UN. Yussuf beschränkt
sich auf die Schilderungen israelischer Gewalt und kommt sofort auf Baruch
Goldstein zu sprechen. Der ehemalige Militärarzt amerikanischer Abstammung war
ebenfalls ein fanatischer Siedler und stand der rechtsextremen Kach-Partei
nahe. Er erschoss im Februar 1994 in der Moschee in dem besagten Bauwerk 29 Palästinenser
beim Morgengebet und verletzte weitere 150. Als ihm die Munition ausging, wurde
er von den Anwesenden mit einem Feuerlöscher erschlagen. Dieser Anschlag hatte
verheerende Ausschreitungen zu Folge, in denen weitere Palästinenser und Juden
getötet wurden. Für Yussuf ist das Ereignis keine Ausnahme, sondern die
Bestätigung der Gewaltherrschaft der Israelis.
Bereits in den ersten Minuten wird mir gewahr, dass auch Yussuf in
komplettem Schwarz-Weiß-Denken verhaftet ist. So gibt er seine Geschichte preis,
in der ihm verboten wurde nach Jerusalem einzureisen. Er hätte bei einem
Versuch dorthin zu gelangen an einem Armeekontrollposten erfahren, dass er auf
einer Geheimdienstliste stehe und den sogenannten „Terror-Status“ habe, der
eine Einreise auf unbestimmte Zeit unmöglich mache. Er jedoch sei sich keiner
Schuld bewusst und versucht uns die Sinnlosigkeit dieser Maßnahme an Hand eines
zweifelhaften Beispiels zu verdeutlichen. Er sagt, dass er hier, an diesem
Checkpoint, an dem er sich problemlos aufhalten dürfe, nur eine Waffe ziehen
müsste, um den jüdischen Siedlern Unheil anzutun. Aber nach Ostjerusalem zu
reisen, wo er nur von Palästinensern umgeben sei, dafür würde er wegen der
angeblich von ihm ausgehenden Gefahr keine Einreiseerlaubnis bekommen. Während
ich nicht sicher bin, ob das darauf folgende Lachen und Kopfschütteln der
anderen Mitreisenden nur aus Verlegenheit gespielt, oder echt ist, entscheide
ich für mich, dass ich Yussuf für einen geschickten Schwätzer halte. Zudem habe
ich den Eindruck, dass er uns nicht wirklich ernst nimmt, was ich durchaus
verstehen kann. Was wissen wir wohl situierten Touristen schon über dieses
Leben und maßen uns womöglich auch noch an darüber zu richten. Andererseits
wurde er sicher nicht gezwungen uns zu führen. Jedenfalls ist er mir in seinem
Gebaren etwas zu cool und auch seine Reden wirken auf mich einstudiert und
einen Hauch zu jovial. Sicherlich hat er eine einnehmende Ausstrahlung und
sieht zudem gut aus, aber ich habe in meiner langjährigen Arbeit mit Drogensüchtigen
genug Blender kennengelernt, die mit ihrer (Überlebens)Strategie auf raffinierte
Art und Weise Menschen um den Finger zu wickeln vermochten. Dazu gehörten immer
auch Geschichten, in denen die „Schuld“ von sich zu den „Anderen“ verschoben
wurde und die Reflexion der eigenen Rolle kaum möglich war. Sobald man den
Eigenanteil an Vorgängen thematisiert hat, gingen die Klienten meist in eine
aggressive Verteidigungshaltung und wiesen Alles kategorisch von sich.
Aber vielleicht bilde ich mir zu viel auf meine „Menschenkenntnis“ ein und
tue ihm Unrecht. Auch gebührt ihm mein Respekt, denn er ist mit Leidenschaft
bei der Sache und das verleiht ihm eine Authentizität, die dem intensiven
Erleben seiner Führung sicherlich förderlich ist.
Deswegen werde ich versuchen Yussuf mit systemischen Fragen aus der Reserve zu
locken und erhoffe mir insgeheim mäßigende und versöhnliche Töne. Dafür will
ich aber den richtigen Zeitpunkt abwarten und erst noch mehr von und über ihn
erfahren.
Wir schütteln noch Hände mit seinem Vater, der den einzigen
palästinensischen Laden in der Grenzzone zu führen scheint und dort mit ein
paar Freunden vor seiner aus orientalischen Kleidungen und Andenken bestehenden
Auslage herumsitzt. Die Männer haben eine ruhige und gütige Ausstrahlung und in
ihre Augen ist nichts als Freundlichkeit zu erkennen. Vielleicht haben sie
bereits ihren Frieden mit der absurden Situation geschlossen und kennen noch
andere Zeiten, in denen es Annäherungen mit den Israelis gab. Für Yussuf mag
das nicht gelten und seine Wut ist unterschwellig an seinem angespannten
Schritt spürbar, als wir uns in Richtung Metallschranke und Checkpoint begeben.
Es muss sich total beschissen anfühlen, wenn man wie er nur kurz zum Geschäft
seines Vaters will und dabei andauernd durch die Metalldrehtür und die Militärkontrollen
muss. Ich bekomme ein Gespür für seinen Hass auf die Besetzung.
Die Metallschranke und der Wachturm führen in einen schmalen Gang, an
dessen Ende wir in den Souk, dem kommerziellen Viertel der Altstadt Hebrons
gelangen. Die Passage verläuft für unseren Führer, wie auch uns reibungslos.
Wer, oder was in den palästinensischen Teil hereingelangt, scheint den Militärs
schnuppe zu sein. In die andere Richtung wird es sicherlich strenger zugehen.
Die schmale Gasse des Souks ist nach oben hin vergittert und an der linken
Seite recken sich Häuser mit israelischen Fahnen, die auf die Händler wie
Provokationen wirken müssen, empor. Auf den Dächern befinden sich ein
eingezäunter Weg für Patrouillen und ein Wachturm. So wandert die erste Geste
Yussufs auch hinauf und er erklärt uns den Hintergrund dieser harschen
Trennung. Angeblich würden die Siedler von ihren Balkonen Fäkalien und Steine
auf die Menschen in der Gasse werfen. Die Händler hätten sich damit arrangiert
und wenigstens den Zaun gespannt um nicht von den geworfenen Gegenständen
verletzt zu werden. Ich werde direkt wieder stutzig, denn genau solche
Drahtgitter gab es auch über den Gassen der Altstadt von Jerusalem. Genau wie
hier lagen dort Müll, Spielzeug und kleinere Steine, die aber genauso gut Putz
der Häuser gewesen sein können, auf dem Draht. Wahrscheinlich liegt die
Wahrheit irgendwo zwischen der Schilderung und meiner Vermutung.
Nachdem Yussuf mit seinem Vortrag, der ähnlich wie Tims Reden lediglich die
Unterschiede und negativen Seiten der anderen Partei hervorgehoben hat,
beendet, übergibt er uns an einen älteren Herren, der uns seinen Laden zeigt.
Heute verkauft auch er Andenken aus Hebron und orientalischen Schnickschnack, wo vormals
eine Ölpresse betrieben wurde. Er erklärt uns, dass früher ein Kamel mit verbundenen
Augen immer im Kreis um den Mahlstein laufen musste, um das Sesamöl zu
gewinnen. Ich bin dankbar für diesen kleinen Ausflug in ein gänzlich anderes
Thema, denn ich fühle mich weiterhin schlapp und auch der Kopfschmerz ist noch
nicht vergangen. Die Vibes unserer beiden Führer stressen mich und auch die
Stimmung in der Stadt ist bedrückend und nervig.
Der Mann scheint wenigstens eine positivere Sicht auf die Dinge zu haben.
Zwar verkauft auch er Wandanhänger der Umrisse Israels, auf denen die
palästinensische Flagge gedruckt ist, aber es scheint ihm wichtig zu sei, dass
es vor der ersten Intifada in den 1980er Jahren viel mehr Berührungspunkte und
Freundschaften mit Juden gab, als heute. Er unterscheidet auch zwischen den
normalen Bürgern Israels, den Politikern und den Siedlern. Ich frage ihn, was
er für eine sinnvolle Lösung halten würde in der Auflösung des territorialen
Konfliktes. Der Mann ahnt, dass ich mich eingehender mit der Problematik
befasst zu haben scheine und äußert: „In my opinion a one-state-solution would
be a fair solution. All citizens, no matter if jewish, christian or moslem
should have the same rights“. Am Ende des Satzes zwinkert er mir
verschwörerisch zu, wohl wissend, dass auch ich um die Bedeutung dieser Lösung
weiß. Zusammengenommen leben im Gazastreifen, im Westjordanland und in Israel
etwa knapp sechs Millionen Menschen mit arabischem und moslemischem und knapp
sieben Millionen Menschen mit jüdischem Hintergrund. Allerdings ist die Geburtenrate
der moslemischen Bevölkerung höher, so dass sich bei einer Einstaatenlösung
unweigerlich mit der Zeit eine Diskontinuität hinsichtlich einer geringeren
jüdischen contra einer höheren moslemischen Bevölkerung einstellen würde. Das
möchte der Staat Israel natürlich nicht und deswegen wird es wohl auch niemals
zu einer Einstaatenlösung kommen.
Ich erspare mir eine realistischere Alternative anzusprechen und gucke mir
lieber das alte Bild mit dem Kamel an. Tag für Tag, stundenlang musste das arme
Tier sich blind im Kreis drehen und bekam dafür lediglich das zum Überleben
notwendigste. Ich habe das Gefühl, dass das arme Tier sinnbildlich für die
Einstellung vieler Menschen steht, die direkt am Konflikt beteiligt sind. Nun
könnte man zumindest den Erwachsenen unter ihnen eine gewisse Mündigkeit
zusprechen und damit auch der Möglichkeit sich ein ums andere Mal zu neuen
Perspektiven durchzuringen. Doch spielen scheinbar Indoktrination, Tradition,
Erwartungen, Angst und nicht zuletzt Kultur und Religion auf der ein, oder
anderen Seite mal mehr, mal weniger eine zu große Rolle, als dass man sich Konflikten analytisch und unbefangen annähern könnte. Vielleicht ist es doch
richtig, dass so viele Außenstehende sich für diesen eigentlich relativ kleinen
und weltgeschichtlich eher unbedeutenden Konflikt interessieren.
Wir verabschieden uns von dem ehrenwerten Mann und gehen wieder in die
Gasse. Dort steht Yussuf und scherzt bei einer Zigarette mit einem kleinen
Jungen, der uns selbstgeknüpfte Armbänder in den Palästinensischen
Nationalfarben verkaufen will. Er trägt ein T-Shirt von Ronaldo, hat
wunderschöne lockige Haare, einen herrlich niedlichen Schlafzimmerblick und
versucht auf unbeholfene Art und Weise seine Ware an uns loszuwerden. Warum
können wir nicht alle unsere Hände in kindlicher Unschuld waschen?






Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen