Sonntag, 17. Februar 2019

ISRAEL 2018 - Tag 7, Teil IV


Nun geht es mit Yussuf weiter in das moderne kommerzielle Viertel Hebrons. Wir schlängeln uns durch die enge Gasse des Souks, welche allmählich breiter wird und in einer dicht befahrenden Hauptstraße mündet. Von dem kühlenden Schatten und der feuchtkalten Luft, wie auch der trägen Ruhe ist hier nichts mehr zu spüren. Die Sonne gewinnt zunehmend an Kraft, Autos stehen hupend im Stau, Händler lassen aus billigen Boxen krachend pathetisch vorgetragenen Arab-Pop erklingen und versuchen uns ihre Waren aufzuschwatzen, Menschen, Menschen, Menschen drängen an uns vorbei. Männer umrahmen Gespräche mit weiten Gesten, Frauen reden in Handys, die in ihre Kopftücher geklemmt sind; dirigieren mit der linken Hand ihre Kinder, während die Rechte die Einkaufstüten hält. Endlich wieder Leben. Willkommen im arabischen Alltag.
Yussuf und ich gehen gemeinsam und ich habe Zeit  und Mut ihm endlich ein paar Fragen zu stellen.
Wir reden erst über Belangsloses. Er sei verheiratet, habe zwei Kinder, arbeite als Touristenführer, berate NGOs und seine Frau trüge kein Kopftuch. Ich bestätige ihm, dass auch meine Freundin kein Kopftuch trage und ergänze, dass es sicher anders wäre, wenn sie weniger gut aussehen würde. Wir beide lachen ein Lachen, wie es nur Männer bei flachen Witzen hinbekommen und schlagen miteinander ein. In diesem Moment merke ich, dass es so viele andere verbindende Dinge, als Politik, Religion und Kultur gibt. Ich gestehe ihm meine Liebe zu arabischem Essen und frage, wer denn nun seiner Meinung nach die Falafel und Hummus erfunden habe. Die Juden, oder die Araber? Für Yussuf ist klar, dass beides eine arabische Erfindung sei, gesteht den Israelis aber zu, die Falafel in Form eines Sandwichs mit Salat- und Saucenfüllung als quasi „to-go-Snack“ in die Moderne transferiert zu haben.
Obwohl ich dieses leichte Gespräch genieße und Yussuf mir wieder sympathischer wird, will ich doch etwas Gehaltvolleres fragen. Ich überlege, ob ich eher eine systemische Frage stellen soll, die meinem Gegenüber ermöglicht sich in andere Menschen hereinzufühlen, oder lieber eine offene Frage, die ihm Raum zum Erzählen seiner Erfahrungen gibt. Ich entscheide mich für ersteres, da ich glaube mit zweitem nur wieder in einer Litanei schrecklicher Ereignisse zu enden.
„What do you think are the wishes of the kids of the settlers and what do you think are the wishes of your kids for their future?“
Tatsächlich beginnt Yussuf nicht sofort mit einer automatisch abgespulten Antwort, sondern klingt viel differenzierter. Wir kommen überein, dass den Kindern die Chance gegeben werden sollte frei von Indoktrination der Eltern und anderen Akteuren einen freien Willen zu entwickeln, der ihren elementarsten Wünschen und Bedürfnissen, nach einem Leben in Frieden und Freiheit gerecht werden sollte. Kinder kennen keine Unterschiede zwischen Rassen, Religionen und Ideologien. Beide Seiten trägen ihren Teil zur Spaltung bei und nur miteinander könne eine positive Veränderung herbeigeführt werden. Klar klänge das pathetisch und auch habe Yussuf weiterhin eine ungeheure Wut auf die Israelis, aber er ist ebenfalls voller spürbarer Liebe für seine Kinder, als dass er deren Zukunft durch eine weitere Zuspitzung der Situation gefährden wolle.
Es ist etwas grundsätzlich Verschiedenes ob man mit Menschen in ihrer repräsentativen, oder aber in ihrer persönlichen Rolle spricht. Mein Eindruck von Yussuf beginnt sich zu ändern, auch wenn das Gefühl bleibt, dass er in seiner „offiziellen Rolle“ als Verfechter der Palästinensischen Sache und dem von ihm erwarteten und geforderten Aussagen gefangen zu sein scheint.
Wir halten an einer geschäftigen Kreuzung inmitten der Innenstadt. Bis auf eine massive Müllhalde hinter einem Wellblechbauzauns umgeben uns moderne Boutiquen, Handygeschäfte und Bankfilialen. Ich mache die ironische Bemerkung, dass ich jetzt gerne zu Macdonalds möchte. Yussuf erklärt mir, dass es diesen noch nicht gäbe, er den israelischen Franchise-Holder aber als Ehrenmann ansehe, da dieser davon absehe seine Filialen auf den Golanhöhen und in Siedlungen zu eröffnen. Verdammt, sogar ein Burger ist politisch.
Die nächsten 30 Minuten können wir uns frei in der Innenstadt bewegen. Yussuf gibt uns noch mit auf den Weg, dass wir unbesorgt und frei herumlaufen könnten; niemand würde uns etwas antun. Schließlich seien wir ja alles Christen und zwinkert einem der beiden Brasilianer, der mit seiner leicht übergewichtigen Tollpatschigkeit tatsächlich wie die rothaarige Variante des Jonnys aus „Eis am Stiel“ aussieht. Der guckt betreten zu Boden und murmelt etwas Unverständliches. Um nicht Opfer eines spontanen Pogroms zu werden zu, wende ich mich Isa zu, einer deutschen Politikstudentin, die für ein Semester ein Praktikum bei einer NGO macht. Wir haben uns während der Führung bereits mehrmals ob der Einseitigkeit der jeweiligen Vorträge ausgetauscht und scheinen beide zwischen Fassungslosigkeit, Hoffnung und jeder Menge offener Fragen zu schwanken.
Gemeinsam ziehen wir los und Isa ist fast schon besessen davon Stimmen der zivilen Bevölkerung Hebrons zur Situation mit den Siedlern und dem Staat Israel zu sammeln.
Unser Plan ist es wahllos und naiv Leute anzuquatschen, in der Hoffnung, dass diese Englisch sprechen und mit uns reden wollen. Wir beginnen mit einem älteren Herrn, der auf einem Hocker am Straßenrand sitzt und Tee trinkt. Nach kurzem Vorstellen unserer Personen fängt er an über das gesamte Gesicht zu Grinsen und erklärt uns in gutem Deutsch, dass er viele Jahre in der Stadt Schleswig gewohnt hätte und seine beiden Töchter derzeit in Hamburg studieren. Isa und ich können es kaum fassen. Sie kommt ursprünglich aus Hamburg und ich bin nur etwa zwanzig Kilometer von Schleswig entfernt aufgewachsen. Dort habe er lange Zeit in einer Zuckerraffinerie gearbeitet, bis diese Anfang 2003 geschlossen hätte und er nach Hebron zurückgekehrt sei. Nun könne er von seiner Rente ganz gut leben und gibt zu, dass es den Palästinensern an vielen Dingen mangele, um einen eigenen Staat aufrecht zu erhalten. Dennoch sei sein Wunsch die Gründung eines eigenen Staates mitzuerleben, auch damit seine Töchter zurückkehren können, um hier Karriere zu machen. Die Israelis seien ihm egal, er wolle einfach eine Zukunft für sein Land und seine Leute haben, aber dafür bedürfe es Einigkeit und Disziplin. Beides sehe er in absehbarer Zukunft nicht bei den Palästinensern. „Aber schau“, sagt er und macht eine ausladende Geste über den Straßenabschnitt. „Das alles glänzt, funkelt und sieht nach Wohlstand aus. Aber brauchen wir das wirklich? Ich will euch sagen, was wir brauchen; Wir brauchen eine gemeinsame Identität, die über die religiösen und politischen Konflikte in der palästinensischen Gesellschaft hinausgeht. Wir müssen als Palästinenser zusammenhalten, dann werden wir irgendwann unseren Staat bekommen“.
Ein Mann und ein Satz, wie er wohl nur besser von einem gewissen Claas R. erfunden werden könnte, so aber tatsächlich gesagt wurde. Isa und ich verabschieden uns herzlich und freuen uns wie kleine Kinder über diesen wortgewaltigen ersten Kontakt.
Der Mann hat etwas Wichtiges thematisiert, denn auch die palästinensische Gesellschaft ist äußerst divers. So sind nicht alle Bewohner ausschließlich Moslems, sondern es gibt auch eine kleine Minderheit von Christen. Im Bereich der Politik gibt es die PLO als Dachorganisation mit der Fatah als stärkste Partei, aber eben auch der Hamas, die dem Dachverband ablehnend gegenübersteht und vielen weiteren religiösen, bis sakuläre Parteien und Gruppierungen, die oftmals ihrer eigenen Agenda folgen.
Wir gehen weiter und sehen eine junge Frau, die bereits einige Meter vor uns unseren Augenkontakt aufnimmt und intuitiv anhält. Sie ist Studentin und spricht passables Englisch. Auf unsere Frage zu ihrem Verhältnis zu den Israelis zögert sie kurz und sagt: „I hate them!“ Wir fragen weiter, ob sie denn Israelis kennen würde und sie sagt, dass sie nur indirekt welche kennen würde; als aggressive Soldaten und rücksichtslose Politiker aus dem Fernsehen. Und überhaupt, wie solle sie denn welche kennenlernen?
Auf die Frage, wie für sie die Lösung des Konfliktes aussehen würde, äußert sie, dass alle Israelis das Land verlassen müssten. Isa und ich sehen ein, dass wir hier nicht weiterkommen. Die Studentin lädt uns zu sich in die Universität ein, da könne man mit anderen Studierenden weiter diskutieren. Da wir aber nur heute hier sind, müssen wir ablehnen. Zum Abschluss bittet die junge Frau ein Bild von mir und Isa machen zu dürfen. Als wir sie bitten sich doch zu uns zu gesellen und ein gemeinsames Foto zu machen, lehnt sie mit folgender Begründung ab: „My husband would not allow it!“
Isa ist weniger ob der hassvollen Antwort bezüglich der Israelis irritiert, denn der devoten Haltung gegenüber ihrem Ehemann. Obwohl sie mit ihren jungen Jahren einen charakterlich gefestigten und zielstrebigen Eindruck macht, scheint sie noch Minuten nach der Begegnung fassungslos, ob der für sie erniedrigend empfundenen Aussage.
Das spornt ihren Ehrgeiz noch mehr an wir sprechen eine weitere junge Frau an, die uns jedoch abweist. Da es langsam Zeit wird zurück zur Kreuzung zu kehren, machen wir einen letzten Versuch in einem Juwelierladen, in dem zwei Männer arbeiten. Nur der eine spricht englisch, ist aber erfreut über unser Interesse und gibt bereitwillig Auskunft über seine Meinung. Auch er hasst die Israelis. Es gäbe nichts Gutes an der Situation in Hebron. Als Teenager habe auch er Steine geworfen und überlegt Anschläge durchzuführen. Ich frage, ob es ihm wirtschaftlich gut geht, was er bejaht. Auf die Frage, ob er sich vorstellen könne sein Juweliergeschäft in einem von Israelis geführten Einkaufszentrum, wie dem nördlich von Jerusalem, zu eröffnen, sagt er nach kurzem Überlegen dennoch zu. Ich frage, ob es ihm nicht wie eine Niederlage vorkommen müsste an Israelis Miete zu zahlen? Er gibt zu, dass es ihm egal wäre, wenn denn der Umsatz stimmen würde. „Let me tell you something. I own a Juwelry-Business. In the end ist all about Gold, Diamonds and Money!“
Etwas verdattert treffen wir wieder mit der Gruppe zusammen. Auch die Brasilianer sind komplett und unbeschadet zurück. Wir zählen durch und gehen zurück durch den Souk und biegen rechts ab in einen Hinterhof. Es ist Mittagszeit und Yussuf führt uns in seine Wohnung. Der Raum, in dem wir essen werden sieht typisch arabisch eingerichtet aus. Er ist voll gestellt mit niedrigen Sofas voller Polster und einem langen, flachen Tisch in der Mitte. Die Wände sind in hellem smaragdgrün gestrichen und verstärken das kalte Neonlicht von der Decke. Am Kopfende hängen zwei gekreuzte Dolche. Die Fenster sind vergittert und in der Ecke steht ein übergroßer Ventilator.
Nachdem alle auf Toilette waren und ich in ein tiefes Loch im Boden gepinkelt habe, gibt es was zu Essen. Reis mit Erbsen und mariniertem Hühnchen. Einfach, aber äußerst lecker und sättigend. Zu trinken gibt es schweren und süßen Fruchtsaft und Wasser. Zum Nachtisch Zucker mit Tee, den Yussuf unter Ausnutzung der maximalen Spannweite zwischen Teekanne in der rechten Hand und Glas in der Linken aus gut einem Meter einfüllt, ohne dabei einen Tropfen zu verschütten. Unweigerlich frage ich mich, ob er in einer liberaleren Gesellschaft der ungekrönte König des Kekswichsen geworden wäre.
Danach geht es zurück durch die Schranke und in den moslemischen Teil des Grabes der Patriarchen. Der Sicherheitscheck verläuft glücklicherweise unkompliziert. Oben angekommen entledigen uns unserer Schuhe und laufen durch den erstaunlich lebhaften moscheeartigen Teil des Heiligtums. In den verschiedenen Räumen sind jeweils Frauen und Kinder, bzw. Männer mal am Smalltalk halten, mal am beten, mal am Spielen, oder am telefonieren. Ein Handwerker steht auf einem Gerüst und bessert die Übergänge von Wand zur Decke aus. Außer Yussufs weiteren Erwähnung erinnert nichts an das Massaker von Baruch Goldstein vor beinahe einem Vierteljahrhundert. Ich versuche mich auf die damals gestorbenen Menschen, unter denen viele Kinder waren zu konzentrieren, rieche aber lediglich alten Teppich, Moder, Mensch und Andächtigkeit und schäme mich ein ums andere Mal wegen meiner unsensiblen Art. Andererseits lässt es sich damit vielleicht ungemein entspannter durchs Leben gehen.
Langsam nähert sich unser Aufenthalt im palästinensischen Teil dem Ende. Es ist kurz vor 14:00 und wir sind wieder am Geschäft von Yussufs Vater. Dieser gibt arabischen Gewürzkaffee aus. Der spontane Koffeinkick gibt mir endlich das Gefühl wieder etwas fitter zu sein. Wir verabschieden uns von Yussuf und ich stecke ihm Zwanzig NIS Trinkgeld zu. Dann taucht auch schon Tim mit seinem fröhlichen Gesicht und ausgebreiteten Armen aus einem Imbiss auf der Siedlerseite auf. Beim Gehen hören wir ein letztes Mal Yussufs Stimme. Er ruft: „Much fun on the dark side!“










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