Wir sind mittlerweile die letzten, die aus dem Bus steigen.
Bei der Tristesse, die hier um 10:00 morgens und im völligen Gegensatz zum
geschäftigen Jerusalem herrscht, wundere ich mich nicht, dass sich kein normaler Mensch an diesen Ort verirrt. Tim lotst uns zu einer kleinen Wiese vor dem Burgartigen
Gebäude. Draußen ist es erstaunlich kühl, aber wenigstens scheint die Sonne und
das Gras ist trocken, so dass man sich hinsetzen kann. Nun folgt ein geschichtlicher
Abriss zu den Juden, der Diaspora, den ersten zionistischen
Siedlungsbestrebungen bis hin zur Gründung des Staates Israels und der heutigen
Situation. Einmal mehr wird mir deutlich, was für ein bunter und vielfältiger
Staat Israel eigentlich ist. Mit dem Vorurteil, dass hier lediglich Juden
wohnen, müsste man weitflächig und ein für alle Mal aufräumen. So sind zwar ziemlich genau drei Viertel der knapp neun Millionen Bewohner Juden, aber eben auch etwa
20% Moslems. Der Rest verteilt sich auf Drusen, Christen, Bahai und viele
andere Minderheiten. Sie alle leben im einzigen demokratischen Staat der Region,
wenn auch oftmals segregiert, aber doch friedlich miteinander. Alleine die
jüdische Bevölkerung besteht aus dutzenden Gruppierungen und Abstammungen.
Sowohl kulturell, wie auch in der Ausübung ihrer Religion sind sich Orthodoxe
Ashkenasim, die ehemals aus Osteuropa emigriert sind und die
ursprünglich aus dem arabischen Mittelmeerraum stammenden Mizrachim teilweise genauso fremd, wie sakuläre russischstämmige
und sakuläre einheimische Juden.
Israeli ist also nicht gleich
Israeli, Jude nicht gleich Jude und vor Allem nicht Israeli gleich Jude. Ein
weiteres Vorurteil, dass nur all zu oft zur Verteufelung der Juden und Israelis
dient, ist die Tatsache, dass während der vergangenen zweitausend Jahre immer
Juden im Gebiet des heutigen Israels gewohnt und eben nicht in einem Akt der
Verschwörung und der Absicht alle dort wohnenden Menschen zu vertreiben nach dem
Landstrich gegriffen haben. Auch hielt sich die Zahl der dort lebenden Menschen
auf Grund der schwierigen Lebensbedingungen stets in Grenzen. Die Minderheiten
hatten meist mehr damit zu tun sich mit der früheren Besatzungsmacht, ergo dem
osmanischen Reich herumzuschlagen, als
sich gegenseitig zu bekriegen. Vielmehr waren es die Juden, die unter der
moslemischen Herrschaft nur nach Zahlung der sogenannten Dhimma, einer Art
Schutzsteuer, unbeschadet ihrem Leben nachgehen konnten. Die Vorläufer der heute noch
herrschenden Konflikte zwischen Arabern und Juden fällt erst in die Zeit der
Landkäufe zionistischer Aktivisten von moslemischen Großgrundbesitzern im beginnenden
zwanzigsten Jahrhundert. Kurzum,
das Land war ein unwirtlicher Fleck Geröll und Wüste, auf dem die verschiedenen
Minderheiten jahrhundertelang relativ friedlich miteinander auskamen und der
erst durch den Pioniergeist der Zionisten zumindest im agrarkulturellen Sinne
zu dem geworden ist, was er heute ist.
Hinsichtlich des Nah-Ost-Konfliktes mit den verhärteten Fronten von heute hat diese Entwicklung zwar auch etwas zu tun, jedoch seien die Folgen eher in den kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Anrainerstaaten und der möglicherweise falschen Reaktion des Israelischen Staates bezüglich der Landgewinne nach dem Sechstagekrieg zu suchen. Aber auch die scheinheilige Haltung der angeblichen Brüder und Schwestern auf arabischer Seite gegenüber den Palästinensern hat mit der Zuspitzung der heutigen Situation zu tun. Es ist eine Sache sich mit großen Worten für diese Gruppe einzusetzen, es in der Tat aber bei heißer Luft zu belassen. Vielmehr gelten die Palästinenser den tönenden Staatsmännern islamischer und angeblich linker Regierungen eher als Manövriermasse eigener politischer Ziele und darüber hinaus, in ihrer „ausschließlich“ israelisch bedingten Armut, zur Kaschierung eigener Unzulänglichkeiten und Minderwertigkeitskomplexe hinsichtlich des unter wirtschaftlichen, menschenrechtlichen und vielen anderen Aspekten weitaus fortschrittlicheren Nachbarn. Die betonierten Sichtweisen der jeweiligen Hardliner dürfen nicht unerwähnt bleiben und werden sich später noch in einem gewissen Baruch Goldstein auf schockierende Weise wiederfinden. Dennoch sollte die Weltöffentlichkeit, allen voran die sogenannten Linken, bei aller teilweise berechtigten Kritik am Vorgehen des Staates, bedenken, wie andere Staaten reagieren würden, wenn sie sich einer ähnlichen multiperspektivischen geostrategischen Situation befänden, wie Israel. Obwohl ich nicht weiß, ob ich Tim sympathisch, oder anstrengend finden soll, teile ich doch zumindest den nüchtern analytischen Teil seines Vortrags zur historischen und politischen Situation im Lande. Freilich bin ich gespannt, was das Narrativ des unter der reellen Besetzung lebenden Palästinensers Yussuf mit mir machen wird.
Insgesamt empfände ich es als schön und von besonderer Wichtigkeit, wenn in den Schulen die Juden nicht ausschließlich hinsichtlich des Nah-Ostkonflikts und der Shoah behandelt würden, sondern auch die äußerst differenzierte und abwechslungsreiche Kultur- und Besiedlungsgeschichte ebenfalls ins Augen gefasst würde. Darüber ließe sich ein viel besseres Bild einer "menschlichen" Gesellschaft generieren, als diese nurn an "Opfer- und Täterdarstellungen" zu messen.
Hinsichtlich des Nah-Ost-Konfliktes mit den verhärteten Fronten von heute hat diese Entwicklung zwar auch etwas zu tun, jedoch seien die Folgen eher in den kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Anrainerstaaten und der möglicherweise falschen Reaktion des Israelischen Staates bezüglich der Landgewinne nach dem Sechstagekrieg zu suchen. Aber auch die scheinheilige Haltung der angeblichen Brüder und Schwestern auf arabischer Seite gegenüber den Palästinensern hat mit der Zuspitzung der heutigen Situation zu tun. Es ist eine Sache sich mit großen Worten für diese Gruppe einzusetzen, es in der Tat aber bei heißer Luft zu belassen. Vielmehr gelten die Palästinenser den tönenden Staatsmännern islamischer und angeblich linker Regierungen eher als Manövriermasse eigener politischer Ziele und darüber hinaus, in ihrer „ausschließlich“ israelisch bedingten Armut, zur Kaschierung eigener Unzulänglichkeiten und Minderwertigkeitskomplexe hinsichtlich des unter wirtschaftlichen, menschenrechtlichen und vielen anderen Aspekten weitaus fortschrittlicheren Nachbarn. Die betonierten Sichtweisen der jeweiligen Hardliner dürfen nicht unerwähnt bleiben und werden sich später noch in einem gewissen Baruch Goldstein auf schockierende Weise wiederfinden. Dennoch sollte die Weltöffentlichkeit, allen voran die sogenannten Linken, bei aller teilweise berechtigten Kritik am Vorgehen des Staates, bedenken, wie andere Staaten reagieren würden, wenn sie sich einer ähnlichen multiperspektivischen geostrategischen Situation befänden, wie Israel. Obwohl ich nicht weiß, ob ich Tim sympathisch, oder anstrengend finden soll, teile ich doch zumindest den nüchtern analytischen Teil seines Vortrags zur historischen und politischen Situation im Lande. Freilich bin ich gespannt, was das Narrativ des unter der reellen Besetzung lebenden Palästinensers Yussuf mit mir machen wird.
Insgesamt empfände ich es als schön und von besonderer Wichtigkeit, wenn in den Schulen die Juden nicht ausschließlich hinsichtlich des Nah-Ostkonflikts und der Shoah behandelt würden, sondern auch die äußerst differenzierte und abwechslungsreiche Kultur- und Besiedlungsgeschichte ebenfalls ins Augen gefasst würde. Darüber ließe sich ein viel besseres Bild einer "menschlichen" Gesellschaft generieren, als diese nurn an "Opfer- und Täterdarstellungen" zu messen.
Tim
schließt seinen Vortrag mit den Worten, dass er wir uns nun zum Grenzposten mit
dem Metallzaun begeben werden und dort von Yussuf abgeholt werden. Mit ihm
würden wir die nächsten dreieinhalb Stunden verbringen. Bevor er uns alleine
lässt, fragt er uns noch nach unserer Religionszugehörigkeit. Zwei der Brasilianer
geben „jüdisch“ an, woraufhin Tim ihnen eindringlich zu verstehen gibt, dass
sie, falls sie im palästinensischen Stadtgebiet daraufhin angesprochen werden
sollten, unbedingt „christlich“ angeben sollen, da es sonst passieren könnte,
dass sie massakriert (sic!) werden. Die beiden jungen Männer schlucken
sichtlich bedrückt, scheinen sich aber recht schnell mit der Verleugnung der
eigenen Identität abzufinden. Vielleicht sehen sie es als kleines Abenteuer an
inkognito unterwegs zu sein. Ich selber bin etwas pikiert, weil der Konflikt
wohl tatsächlich nicht nur territoriale und politische, sondern auch religiöse Hintergründe
zu haben scheint. Dadurch manifestiert
sich für mich das Bild eines reellen moslemischen Antisemitismus. So heißt es oftmals, dass
Kritik und die Ablehnung des Staates Israels niemals Antisemitismus sein könne
und Juden an sich in Ordnung wären, auch für Palästinenser und Araber an sich.
Sollte an der Tatsache, dass man selbst als außenstehender brasilianischer Jude
hier gefährdet ist, etwas dran sein, dann macht mich auch das Herunterspielen
von Übergriffen an Juden in z.B. Berliner Schulen noch wütender, als eh schon.
Insgeheim hoffe ich durch das die Begegnung mit Yussuf und eventuell anderen
Gesprächspartnern in Hebron diese Vorahnung entkräftet. Doch fairerweise muss ich
sagen, dass auch Tim bis jetzt kaum in irgendeiner Art gemäßigt, oder gar
wohlwollend über Moslems und Palästinenser gesprochen hat. Dass er aber damit
nicht stellvertretend für die israelische Gesellschaft steht, versteht sich
genauso wie die Tatsache, dass ich noch nie mäßigende Worte, oder gar wohlwollende
offizielle Stellungsnahmen seitens Palästinenser zu Israel vernommen habe. Und
nochmal muss ich Partei für den kleinen Staat ergreifen, in dem es eine
Vielzahl zivilgesellschaftlicher Plattformen des Protests gegen die widersprüchliche
und teilweise menschenverachtende Politik des Staates gibt. Es gibt eine
Vielzahl bekannter Initiativen ehemaliger Militärs, Soldatenmütter, Intellektueller,
Kulturschaffender, Aktivisten und ganz normaler Menschen, die sich allesamt für
das friedliche Zusammenleben mit den arabischstämmigen Bewohnern und Palästinensern
einsetzen. Die für eine Zweistaatenlösung, oder noch radikaler, gar für eine
Einstaatenlösung sind und sich offen gegen die Methoden des Staates aussprechen,
ja aussprechen können, ohne Gefahr zu laufen dafür Risiken eingehen zu müssen. Doch
wo findet man dieses auf der anderen Seite? Wer als Palästinenser Verständnis
für die Israelis äußert, wird als Verräter ausgeschlossen, oder mit weniger Glück
als Kollaborateur von Hochhäusern geworfen, erschossen oder zerhackt. Alles
leider schon oft und regelmäßig passiert, dokumentiert und im Internet, auf
Videos und Flyern zur Abschreckung durch die palästinensischen „Volksvertreter“
verbreitet. Wie kann in so einem Klima der Unfreiheit und Angst etwas wie ein
bilaterales Interesse an Frieden entstehen? Gerade, wenn, wie zur Zeit auch auf
israelischer Seite eine rechtskonservative Regierung steht, die den Ansichten
unseres jüdischen Guides wohl näher steht, als den jungen Menschen in Tel Aviv,
die Lebensfreude, Liberalität und Offenheit ausstrahlen?
So belässt es Tim dann auch bei einem
kurzen wortlosen Zunicken gegenüber dem jungen Palästinenser, der uns kurz
darauf hinter dem Armee-Checkpoint abholt und sich als Yussuf vorstellt. Wenn
sich die beiden, die doch gewissermaßen Kollegen sind und für den gleichen Veranstalter
arbeiten, noch nicht einmal die Hand geben, wie soll das dann jemals zwischen
sich gänzlich fremden Menschen klappen? Ich bin gespannt was Yussuf zu sagen
hat und wie er auf meine Fragen reagieren wird.


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