Der wagen
rollt! Das ist die gute Nachricht. Die schlechte Nachricht folgt sogleich. Seit
der erfolgreichen Überbrückung leuchtet mir ein Warnsignal entgegen. Irgendein
Motorsymbol, oder so. Eine kurze Internetrecherche ergibt, dass es sich dabei
um die Steuerung des Autos handelt, die umgehend von einem Fachmenschen
begutachtet werden sollte. Ich fühle mich für einen kurzen Moment an meinen
letzten Schottlandurlaub im vergangenen September erinnert, bei dem ich den
Mietwagen in einem unachtsamen Moment an einen Kantstein in Fort William
gesetzt habe und dieser seitdem auf dem linken Hinterrad beständig Luft verlor.
Anstatt den Wagen in die Werkstatt zu fahren habe ich – no risk, no fun – die
Warnanzeige ignoriert und den Reifen einfach bei jeder sich bietenden
Gelegenheit aufgepumt, bis das Warnsignal wieder verschwand. Da ich noch drei
komplette Tage vor mir hatte, war die Sache nicht ohne Thrill, bot dafür aber
den entsprechenden Reiz der Reise eventuelle Überraschungsmomente zu bescheren.
So wurde mir selbst im tiefsten Nebel zwischen Ullapool und Durness nie
langweilig. Letztlich hat das Auto tatsächlich durchgehalten und ich alter
Bastard es geschafft die Karre ohne Beanstandungen wieder abzugeben.
Soll mich
heute etwa dieRache der Mietwagenindustrie ereilen?
Zwar habe ich
eine Vollkaskoversicherung abgeschlossen, müsste mir den Eigenanteil der Sicherheitsleistung
aber umständlich vom deutschen Veranstalter erstatten lassen. Mit diesen
Gedanken im Kopf fährt es sich leider wesentlich unentspannter. Zeit also für
etwas Musik. Wie wäre es mit Oranssi Pazuzus „Vasemman käden hierarkia“? Eingeloggt!
Aber so was von!
Die Musik und
der Anblick eines Liegefahrradfahrers reißen mich aus meinen düsteren Gedanken.
Fährt da etwa wirklich ein Typ mit einem Liegefahrrad durch die Gegend?
Wenn ich
eines noch mehr hasse, als junge, orientierungslose Frauen mit Französischen
Bulldoggen und Modeblog, dann sind es Liegefahrradfahrer. Wer ist eigentlich so
bescheuert und kauft sich ein Liegefahrrad? Sich gedankenlos Gefahren
auszuliefern ist für mich, als selbsternannten Gefahrensucher und
Teilzeit-Kretin, ja noch irgendwie verständlich. Dabei aber auf ein
Liegefahrrad zurückzugreifen; diesem ultimativen Statement einer vorgeblich
fortschrittlichen, aber in Wirklichkeit zutiefst rückwärts gewandten, weil
absolut deutschen Denke, ist mir absolut zu wider und gehört obendrein noch zu
den schlimmsten Style-fails, die ich mir vorstellen kann. Gibt es überhaupt
Menschen außerhalb Deutschlands, die auf Liegefahrrädern unterwegs sind? Wohl
kaum. Das kann nur der High-Tech-Schwabe aus dem Wadi von vorhin sein. Ein Übermensch
und Gewinnertyp in Personalunion, der es trotz Rückstand geschafft hat mich mit
einem Liegerad zu überholen. Wäre er nicht mit dem endbescheuerten Ding unterwegs,
hätte er sicherlich bei Sixt, oder Europcar einen großen SUV mit Rundum Sorglos
Paket gemietet. Einfach weil er es kann.
Ich denke ja
wirklich selten darüber nach Verbrechen zu begehen, aber in diesem Augenblick
schießt mir die Szene aus dem Film „Natural Born Killers“ in den Kopf, in dem
die beiden Protagonisten den Rennradfahrer in der Wüste abknallen. Dumm nur,
dass ich keine Knarre habe und dem eh schon lädierten Wagen nicht noch eine
tiefe Delle, oder Kerbe zufügen will.
So muss ich
es wohl oder übel bei bösen Blicken im Rückspiegel und einer engen Auslegung
von Mindestabstandsgebot bei Überholung belassen.
Blöder
Liegeradfahrer, du blöder du...
Herrje...
Manchmal sind kurze geistige Rasereien gut für die Psychohygiene. Sollten also
Liegefahrradfahrende, Übermenschen, Erfolgstypen oder gar Leute schwäbischer
Abstammung unter den Lesenden sein, dann bitte ich um Entschuldigung.
Hundetussis ausgenommen.
Während
Oranssi pazuzus bester Song sich dem Ende nähert, fahre ich beständig abwärts
und erreiche abermals das Tote Meer; diesmal jedoch von Süden kommend. Ich sehe
riesige Salinen und das Betriebsgelände von „Dead Sea Works“, die hier Kalisalz
fördern. Etwas weiter windet sich der Weg bergauf und wieder bergab und am Ufer
des Sees erstreckt sich das fast ausschließlich aus hässlichen Hotelanlagen
bestehende En Bokek. Ich parke das Auto auf einem Seitenstreifen und wechsle im
Schutze der Fahrertür von langer Hose auf Badehose.
Um von meiner
Position aus an den ausgebauten Strandabschnitt zu gelangen, müsste ich noch
einige hundert Meter um die eingezäunten Hotelanlagen laufen, worauf ich
natürlich keine Lust habe. Da passt es mir ganz gut, dass sich vor mir eine
Touristengruppe aus einem Bus entleert und reger Betrieb in der Lobby herrscht.
Ich mische mich unters Volk und gelange problemlos in den seewärts angrenzenden
Bade- und Vergnügungsbereich des Hotels. Was aber viel wichtiger ist; von hier
aus kommt man Luftlinie zum Strand. Man muss lediglich ein Tor passieren, dass
sich von Außen mit der Zimmerkarte öffnen lässt. Wer allerdings hinaus will,
muss lediglich durch eine Infrarotschranke laufen und die Tür öffnet sich von
alleine.
So gönne ich
mir ein kleines entspanntes Bad und mache mir ein Bild der anderen Badegäste.
Viele haben tatsächlich auffällige Schuppen und Hautprobleme. Man bin ich froh,
dass ich außer einem kleinen Dachschaden und dem obligatorischen Senk- Platt-
und Spreizfuß bis jetzt von weiteren Beschwerden verschont geblieben bin. Ein
Blick in den Spiegel bei der Dusche bestätigt diesen Eindruck, auch wenn ich
eventuell mal ein paar Kilos abspecken sollte. Bevor der straffende Effekt des
kalten Wassers nachlässt, nutze ich lieber die Möglichkeit mich der just in
diesem Momente Cocktail-seelig andampfenden, beständig Schuppen verlierenden
und im Besitz mehrerer gezückter Hotelzimmerkarten befindlichen Männertruppe
auf Freiersfüßen anzuschließen, ihnen unauffällig durch die Schranke zu folgen
und abermals die Abkürzung zu nutzen.
Bingo! Nach
einer Minute sitze ich im Auto, dass sich problemlos starten lässt und fahre die gut 30km weiter nach Ein Gedi.
Durch meine
gute Tat mit der Heckscheibe und dem Gelingen der kleinen Dreistigkeiten
angespornt, überlege ich mir, ob ich nicht noch in die Camp-Lodge zurückkehren
soll, um dort eine richtige Dusche zu nehmen. So richtig mit Seife und so.
Allerdings
ist es jetzt Mittagszeit und es dürfte kaum etwas im Camp los sein. Das bedeutet
einerseits, dass ich vielleicht auffallen werde, kann aber andererseits heißen,
dass ich eben nicht auffalle.
Denn:
Dreistigkeit ist die Mutter des Porzellanladens! Oder so ähnlich...
Ich parke, stolziere
wie ein eitler Geck die wenigen Meter auf die Sanitärkabine zu, verschwinde
hinter der Schiebetür und sitze keine Fünf Minuten später duftend und sauber wieder
hinterm Steuer.
Verdammt noch
mal... Irgendwann wird sich das Alles auf einmal rächen.
Bis es soweit
ist, will ich aber das Leben genießen und Spaß haben. Und weil Spaß für mich
immer auch bedeutet an der entscheidenden Stelle Geld zu sparen und mich über
derlei fuchsartiges Verhalten zu freuen, gehe ich nicht durch den Haupteingang
des Nationalparks, sondern folge bei dem Mineralwasserhersteller einer kleinen
Straße, die hinter einer hochgeklappten Schranke an einem Parkplatz endet. Dort
führt mich ein gewundener Pfad über einen Bergkamm und somit völlig kostenlos
zum sonst kostenpflichtige Park, seinen Wasserfällen und der Oase.
Es lebe die
Internet-Recherche!
Auf dem
Bergkamm angekommen, empfängt einen eine kleine Quelle und man bekommt den
ersten Eindruck des satten grünen Lebens inmitten der steinigen und
staubtrockenen Wüstenlandschaft. Von hier aus führt ein steiler und selbst mit
gutem Schuhwerk nur schwer zu begehender Weg hinab in das Tal, in dem die
eigentliche Oase und der „King-David-Waterfall“ liegen. Vor mir machen sich
bereits viele Touristen in unmöglichen Klamotten an den Abstieg. Mich wundert,
wie manche von denen es überhaupt geschafft haben hier hoch zu gelangen. Viele
von ihnen tragen lediglich Sandalen und Flip-Flops. Von den angeratenen
mindestens 2l Wasser sehe ich bei den meisten nicht mal eine kleine
Wasserflasche. Was ist eigentlich mit den Menschen los? Wenn ich mich in
„Gefahr“ begebe, dann wenigstens mit einem Mindestmaß an Ausrüstung und
Verpflegung. Was diese Menschen hier jedoch in die Hybris treibt, ist mir ein
ums andere Mal ein Rätsel. Vor mir scheucht eine russische Mutter ihre Tochter,
deren Füße nur noch halb in den Sandalen hängen, mit harten Kommandos unentwegt
den Berg hinab. Unten angekommen kämpfen sich Scharen an Touristen gen
Wasserfall und zurück. Schön ist es hier auf jeden Fall. Und doch beschleicht
mich der Eindruck vollkommen Fehl am Platze zu sein.
Der Mensch
ist nicht zum Reisen gemacht. Zumindest diese Menschen nicht. Was sich hier
tummelt, sollte vielleicht lieber vor der heimischen Glotze bleiben und nicht
diese wunderschöne Natur mit Dummheit und Ignoranz besudeln.
Schlimm ist
diese Erkenntnis vor Allem, weil auch ich hier stehe und Teil der Maschinerie
bin; meine Bilder und Selfies mache, hier in diesem Text darüber schreibe und
mir dadurch ein gehöriges Maß an Profilierung und Bestätigung erhoffe. Sollte
ich zukünftig nicht viel lieber Ferien in der Uckermark, oder an der Ostsee
machen?
Doch wo ich
schon mal hier bin, will ich nun auch alles sehen. Also Egoismus-Modus
angeschaltet und rein ins Getümmel vor dem Wasserfall.
Ein Typ mit
ungeschicktem Photohändchen vermasselt mehrere Bilder von mir und ich halte es
nicht für nötig mich noch länger an diesem menschverschandelten Spektakel zu
beteiligen. Der Rückweg führt mich wieder über den Bergkamm. Diesmal kommen mir
gefühlt Menschen entgegen. Da sind leicht bekleidete Israelische Frauen, die
laut herumgackern neben Schleier tragenden moslemischen Frauen, die unentwegt
Selfies von sich machen. Beiden ist gemein, dass sie schwitzen und gelegentlich
ins Schlittern geraten. So auch ich, als ich spontan zwei Pinguinen das
Panorama für ihr Photo ermöglichen will, dabei auf einen losen Stein trete und
noch gerade rechtzeitig einen der gespannten Stahldrähte zu fassen bekomme.
Vor Gott und
auf diesem Fels sind wir alle gleich!
Leider
bemerke ich, dass ich in meinen neuen Schuhen langsam Blasen bekomme und bin
froh, als ich das Auto erreiche. Insgesamt habe ich für die Besichtigung des
Nationalparks nur eine gute Stunde gebraucht, dafür aber an jeder Hacke eine
prächtige Blase erlaufen.
Ich
überschlage meine Optionen und beschließe, dass ich es für heute mit Abenteuern
sein lasse. Anstatt noch auf Teufel komm raus eine weitere Aktivität zu
erzwingen, will ich lieber zeitig in Jerusalem ankommen, mir ein schönes
Abendessen organisieren, dann den Wagen auf einem stillen und dunklen Parkplatz
parken und früh schlafen gehen. Schließlich muss ich morgen früh den Wagen
wieder abgeben und bereits um 08:00 Uhr am Hostel sein, um die Tour nach Hebron
zu begehen.








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