Dienstag, 12. Februar 2019

ISRAEL 2019 - Tag 6, Teil III


Der wagen rollt! Das ist die gute Nachricht. Die schlechte Nachricht folgt sogleich. Seit der erfolgreichen Überbrückung leuchtet mir ein Warnsignal entgegen. Irgendein Motorsymbol, oder so. Eine kurze Internetrecherche ergibt, dass es sich dabei um die Steuerung des Autos handelt, die umgehend von einem Fachmenschen begutachtet werden sollte. Ich fühle mich für einen kurzen Moment an meinen letzten Schottlandurlaub im vergangenen September erinnert, bei dem ich den Mietwagen in einem unachtsamen Moment an einen Kantstein in Fort William gesetzt habe und dieser seitdem auf dem linken Hinterrad beständig Luft verlor. Anstatt den Wagen in die Werkstatt zu fahren habe ich – no risk, no fun – die Warnanzeige ignoriert und den Reifen einfach bei jeder sich bietenden Gelegenheit aufgepumt, bis das Warnsignal wieder verschwand. Da ich noch drei komplette Tage vor mir hatte, war die Sache nicht ohne Thrill, bot dafür aber den entsprechenden Reiz der Reise eventuelle Überraschungsmomente zu bescheren. So wurde mir selbst im tiefsten Nebel zwischen Ullapool und Durness nie langweilig. Letztlich hat das Auto tatsächlich durchgehalten und ich alter Bastard es geschafft die Karre ohne Beanstandungen wieder abzugeben.
Soll mich heute etwa dieRache der Mietwagenindustrie ereilen?
Zwar habe ich eine Vollkaskoversicherung abgeschlossen, müsste mir den Eigenanteil der Sicherheitsleistung aber umständlich vom deutschen Veranstalter erstatten lassen. Mit diesen Gedanken im Kopf fährt es sich leider wesentlich unentspannter. Zeit also für etwas Musik. Wie wäre es mit Oranssi Pazuzus „Vasemman käden hierarkia“? Eingeloggt! Aber so was von!
Die Musik und der Anblick eines Liegefahrradfahrers reißen mich aus meinen düsteren Gedanken. Fährt da etwa wirklich ein Typ mit einem Liegefahrrad durch die Gegend?
Wenn ich eines noch mehr hasse, als junge, orientierungslose Frauen mit Französischen Bulldoggen und Modeblog, dann sind es Liegefahrradfahrer. Wer ist eigentlich so bescheuert und kauft sich ein Liegefahrrad? Sich gedankenlos Gefahren auszuliefern ist für mich, als selbsternannten Gefahrensucher und Teilzeit-Kretin, ja noch irgendwie verständlich. Dabei aber auf ein Liegefahrrad zurückzugreifen; diesem ultimativen Statement einer vorgeblich fortschrittlichen, aber in Wirklichkeit zutiefst rückwärts gewandten, weil absolut deutschen Denke, ist mir absolut zu wider und gehört obendrein noch zu den schlimmsten Style-fails, die ich mir vorstellen kann. Gibt es überhaupt Menschen außerhalb Deutschlands, die auf Liegefahrrädern unterwegs sind? Wohl kaum. Das kann nur der High-Tech-Schwabe aus dem Wadi von vorhin sein. Ein Übermensch und Gewinnertyp in Personalunion, der es trotz Rückstand geschafft hat mich mit einem Liegerad zu überholen. Wäre er nicht mit dem endbescheuerten Ding unterwegs, hätte er sicherlich bei Sixt, oder Europcar einen großen SUV mit Rundum Sorglos Paket gemietet. Einfach weil er es kann.
Ich denke ja wirklich selten darüber nach Verbrechen zu begehen, aber in diesem Augenblick schießt mir die Szene aus dem Film „Natural Born Killers“ in den Kopf, in dem die beiden Protagonisten den Rennradfahrer in der Wüste abknallen. Dumm nur, dass ich keine Knarre habe und dem eh schon lädierten Wagen nicht noch eine tiefe Delle, oder Kerbe zufügen will.
So muss ich es wohl oder übel bei bösen Blicken im Rückspiegel und einer engen Auslegung von Mindestabstandsgebot bei Überholung belassen.
Blöder Liegeradfahrer, du blöder du...
Herrje... Manchmal sind kurze geistige Rasereien gut für die Psychohygiene. Sollten also Liegefahrradfahrende, Übermenschen, Erfolgstypen oder gar Leute schwäbischer Abstammung unter den Lesenden sein, dann bitte ich um Entschuldigung. Hundetussis ausgenommen.
Während Oranssi pazuzus bester Song sich dem Ende nähert, fahre ich beständig abwärts und erreiche abermals das Tote Meer; diesmal jedoch von Süden kommend. Ich sehe riesige Salinen und das Betriebsgelände von „Dead Sea Works“, die hier Kalisalz fördern. Etwas weiter windet sich der Weg bergauf und wieder bergab und am Ufer des Sees erstreckt sich das fast ausschließlich aus hässlichen Hotelanlagen bestehende En Bokek. Ich parke das Auto auf einem Seitenstreifen und wechsle im Schutze der Fahrertür von langer Hose auf Badehose.
Um von meiner Position aus an den ausgebauten Strandabschnitt zu gelangen, müsste ich noch einige hundert Meter um die eingezäunten Hotelanlagen laufen, worauf ich natürlich keine Lust habe. Da passt es mir ganz gut, dass sich vor mir eine Touristengruppe aus einem Bus entleert und reger Betrieb in der Lobby herrscht. Ich mische mich unters Volk und gelange problemlos in den seewärts angrenzenden Bade- und Vergnügungsbereich des Hotels. Was aber viel wichtiger ist; von hier aus kommt man Luftlinie zum Strand. Man muss lediglich ein Tor passieren, dass sich von Außen mit der Zimmerkarte öffnen lässt. Wer allerdings hinaus will, muss lediglich durch eine Infrarotschranke laufen und die Tür öffnet sich von alleine.
So gönne ich mir ein kleines entspanntes Bad und mache mir ein Bild der anderen Badegäste. Viele haben tatsächlich auffällige Schuppen und Hautprobleme. Man bin ich froh, dass ich außer einem kleinen Dachschaden und dem obligatorischen Senk- Platt- und Spreizfuß bis jetzt von weiteren Beschwerden verschont geblieben bin. Ein Blick in den Spiegel bei der Dusche bestätigt diesen Eindruck, auch wenn ich eventuell mal ein paar Kilos abspecken sollte. Bevor der straffende Effekt des kalten Wassers nachlässt, nutze ich lieber die Möglichkeit mich der just in diesem Momente Cocktail-seelig andampfenden, beständig Schuppen verlierenden und im Besitz mehrerer gezückter Hotelzimmerkarten befindlichen Männertruppe auf Freiersfüßen anzuschließen, ihnen unauffällig durch die Schranke zu folgen und abermals die Abkürzung zu nutzen.
Bingo! Nach einer Minute sitze ich im Auto, dass sich problemlos starten lässt und fahre die gut 30km weiter nach Ein Gedi.
Durch meine gute Tat mit der Heckscheibe und dem Gelingen der kleinen Dreistigkeiten angespornt, überlege ich mir, ob ich nicht noch in die Camp-Lodge zurückkehren soll, um dort eine richtige Dusche zu nehmen. So richtig mit Seife und so.
Allerdings ist es jetzt Mittagszeit und es dürfte kaum etwas im Camp los sein. Das bedeutet einerseits, dass ich vielleicht auffallen werde, kann aber andererseits heißen, dass ich eben nicht auffalle.
Denn: Dreistigkeit ist die Mutter des Porzellanladens! Oder so ähnlich...
Ich parke, stolziere wie ein eitler Geck die wenigen Meter auf die Sanitärkabine zu, verschwinde hinter der Schiebetür und sitze keine Fünf Minuten später duftend und sauber wieder hinterm Steuer.
Verdammt noch mal... Irgendwann wird sich das Alles auf einmal rächen.
Bis es soweit ist, will ich aber das Leben genießen und Spaß haben. Und weil Spaß für mich immer auch bedeutet an der entscheidenden Stelle Geld zu sparen und mich über derlei fuchsartiges Verhalten zu freuen, gehe ich nicht durch den Haupteingang des Nationalparks, sondern folge bei dem Mineralwasserhersteller einer kleinen Straße, die hinter einer hochgeklappten Schranke an einem Parkplatz endet. Dort führt mich ein gewundener Pfad über einen Bergkamm und somit völlig kostenlos zum sonst kostenpflichtige Park, seinen Wasserfällen und der Oase.
Es lebe die Internet-Recherche!
Auf dem Bergkamm angekommen, empfängt einen eine kleine Quelle und man bekommt den ersten Eindruck des satten grünen Lebens inmitten der steinigen und staubtrockenen Wüstenlandschaft. Von hier aus führt ein steiler und selbst mit gutem Schuhwerk nur schwer zu begehender Weg hinab in das Tal, in dem die eigentliche Oase und der „King-David-Waterfall“ liegen. Vor mir machen sich bereits viele Touristen in unmöglichen Klamotten an den Abstieg. Mich wundert, wie manche von denen es überhaupt geschafft haben hier hoch zu gelangen. Viele von ihnen tragen lediglich Sandalen und Flip-Flops. Von den angeratenen mindestens 2l Wasser sehe ich bei den meisten nicht mal eine kleine Wasserflasche. Was ist eigentlich mit den Menschen los? Wenn ich mich in „Gefahr“ begebe, dann wenigstens mit einem Mindestmaß an Ausrüstung und Verpflegung. Was diese Menschen hier jedoch in die Hybris treibt, ist mir ein ums andere Mal ein Rätsel. Vor mir scheucht eine russische Mutter ihre Tochter, deren Füße nur noch halb in den Sandalen hängen, mit harten Kommandos unentwegt den Berg hinab. Unten angekommen kämpfen sich Scharen an Touristen gen Wasserfall und zurück. Schön ist es hier auf jeden Fall. Und doch beschleicht mich der Eindruck vollkommen Fehl am Platze zu sein.
Der Mensch ist nicht zum Reisen gemacht. Zumindest diese Menschen nicht. Was sich hier tummelt, sollte vielleicht lieber vor der heimischen Glotze bleiben und nicht diese wunderschöne Natur mit Dummheit und Ignoranz besudeln.
Schlimm ist diese Erkenntnis vor Allem, weil auch ich hier stehe und Teil der Maschinerie bin; meine Bilder und Selfies mache, hier in diesem Text darüber schreibe und mir dadurch ein gehöriges Maß an Profilierung und Bestätigung erhoffe. Sollte ich zukünftig nicht viel lieber Ferien in der Uckermark, oder an der Ostsee machen?
Doch wo ich schon mal hier bin, will ich nun auch alles sehen. Also Egoismus-Modus angeschaltet und rein ins Getümmel vor dem Wasserfall.
Ein Typ mit ungeschicktem Photohändchen vermasselt mehrere Bilder von mir und ich halte es nicht für nötig mich noch länger an diesem menschverschandelten Spektakel zu beteiligen. Der Rückweg führt mich wieder über den Bergkamm. Diesmal kommen mir gefühlt Menschen entgegen. Da sind leicht bekleidete Israelische Frauen, die laut herumgackern neben Schleier tragenden moslemischen Frauen, die unentwegt Selfies von sich machen. Beiden ist gemein, dass sie schwitzen und gelegentlich ins Schlittern geraten. So auch ich, als ich spontan zwei Pinguinen das Panorama für ihr Photo ermöglichen will, dabei auf einen losen Stein trete und noch gerade rechtzeitig einen der gespannten Stahldrähte zu fassen bekomme.
Vor Gott und auf diesem Fels sind wir alle gleich!
Leider bemerke ich, dass ich in meinen neuen Schuhen langsam Blasen bekomme und bin froh, als ich das Auto erreiche. Insgesamt habe ich für die Besichtigung des Nationalparks nur eine gute Stunde gebraucht, dafür aber an jeder Hacke eine prächtige Blase erlaufen.
Ich überschlage meine Optionen und beschließe, dass ich es für heute mit Abenteuern sein lasse. Anstatt noch auf Teufel komm raus eine weitere Aktivität zu erzwingen, will ich lieber zeitig in Jerusalem ankommen, mir ein schönes Abendessen organisieren, dann den Wagen auf einem stillen und dunklen Parkplatz parken und früh schlafen gehen. Schließlich muss ich morgen früh den Wagen wieder abgeben und bereits um 08:00 Uhr am Hostel sein, um die Tour nach Hebron zu begehen.








Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen