Dienstag, 12. Februar 2019

ISRAEL 2018 - Tag 6, Teil II


Ich fahre weiter entlang der ägyptischen Grenze und passiere mehrere Armeebasen auf israelischer Seite. Trotz der bewegten Vergangenheit mit mehreren Kriegen existiert seit 1979 ein gemeinsamer Friedensvertrag und diplomatische Beziehungen zwischen den Nachbarländern, die bis heute Bestand haben. Vielmehr hat sich die Zusammenarbeit beider Länder insbesondere in der Bekämpfung des Terrorismus auf der Sinai-Halbinsel intensiviert. Der auch hier ansässige Islamische Staat destabilisiert seit Jahren hartnäckig die Halbinsel, überfällt sowohl Polizeistationen, Touristen wie auch Banken und schießt Raketen auf Israel ab. Ägypten erlaubt seit einigen Jahren der Israelischen Armee Ziele des IS zu bombardieren. Der ägyptische Militärherrscher versucht sich so weitere religiöse Extremisten vom Halse zu halten, während Israel seine Waffensysteme testen und Sicherheitspolitischen Interessen wahren kann. Ironischerweise ist auch die Hamas als Quasi-Verbündeter in diesen Konflikt involviert, wenn auch auf zwiespältige Art und Weise. Dazu muss man wissen, dass die Mitglieder des IS auf der Sinai-Halbinsel mehrheitlich aus Beduinenfamilien stammen, welche auch in Ägypten ausgegrenzt und wirtschaftlich marginalisiert werden. Als eine der wenigen Einnahmequellen pflegen sie spätestens seit Israels Blockade des Gazastreifens ab dem Jahre 2007 hervorragende Kontakte zur Hamas. Diese beruhen auf dem Schmuggel von diversen Wirtschaftsgütern und Waffen durch die zahlreichen Tunnel von Ägypten, an deren Koordination und Vermarktung die Hamas-Oberen sich immens bereichern. Doch die Hamas ist auch abhängig von Ägyptens Wohlwollen hinsichtlich der Duldung der Tunnel und der Möglichkeit Ausreisen ins Ausland über den Grenzübergang in Rafah vornehmen zu können. Wenn man sich schon auf Kosten der Bevölkerung, derer Stimme man sein will, bereichert, dann will man dieses Geld auch mal in Ländern ausgeben, in denen all die Freiheiten herrschen, die man angeblich so hasst und verdammt. Aus diesem Grunde verurteilte der politische Arm der ideologisch ebenfalls zersplitterten Hamas zunehmend terroristische Aktionen des IS und sorgte sogar dafür, dass gelegentlich IS-Mitglieder auf palästinensischem Gebiet festgenommen wurden. Dennoch gewinnt der militärische Flügel der Hamas zunehmend an Einfluss zu, so dass es spannend bleibt, inwieweit diese unfreiwillige „Querfront“ zukünftig noch Bestand haben wird.
Zurück zur Straße. Diese führt mich weitere 35km durch die Wüste und an dem Flughafen „Ovda“ vorbei. Dieser wird militärisch für Einsätze gegen die Terroristen genutzt, aber auch zivile Flugzeuge landen hier. So auch eine große irische Billig-Fluglinie, die zwei Mal in der Woche hier landet. Am Flughafen wird einmal mehr deutlich, wie die Firma es schafft sich die Abgeschiedenheit und wirtschaftlicher Bedürftigkeit mancher Flughäfen zu Nutze zu machen, in dem man günstige Abfertigungspreise aushandelt und den Touristen, durch raffinierte Namensgebungen, vorgaukelt sich nahe des eigentlichen Urlaubsortes zu befinden. So heißt der Flughafen Ovda, trotz der gut 60km Entfernung zur Stadt, im Billigflieger-Jargon eben Eilat-Ovda. Zwar gibt es einen Bus der Egged-Bus-Company, der selbst am Shabbat jeden Flug abpasst und auch dem letzten Passagier noch die Möglichkeit gibt, zuzusteigen, aber wer ahnungs- und arglos hier landet, wird sich ob der zurückzulegenden Stunde Busfahrt durch die Wüste, fernab von jeder Siedlung, schon etwas verarscht vorkommen müssen.
Weitere 15km später gelange ich an eine Kreuzung mit einem Parkplatz, auf dem ich halte, um meine weitere Routenplanung via Google-Maps vorzunehmen.                       
Erstaunlicherweise hat man selbst in der tiefsten Wüste 4G-Internet. Warum schaffen wir so was nicht in Deutschland?
Wie ich so auf meinem Handy herumtippe, höre ich neben mir den Schotter des Parkplatzes platzen, als ein kleiner Mazda mit Vollbremsung neben mir zum Stehen kommt. Ein übergewichtiger und verschwitzter Israeli, samt wild gelockter und nicht minder proportionierten Ehefrau und schlafendem Baby im Maxi-Cosy gestikuliert mir zu, dass ich mein Fenster herunterkurbeln solle. Gesagt, getan. Ein Schwall hebräischer Vokabeln ergießt sich aus dem Kleinwagen. Ich gebe dem Dude zu verstehen, dass ich nur Englisch spreche. Er wendet sich resigniert ab und fährt an. Ich widme mich wieder meinem Handy. Wenige Meter später bremst er erneut ab und aus der Beifahrertür kommt seine Frau gestiegen, stakst auf mächtigen Säulen energisch auf mich zu, zeigt auf das Auto und fragt in gebrochenem Englisch: „You have tape?“
Zuerst will ich antworten, dass die Zeiten der Musikkassetten, zumindest in meinem Heimatland, wohl ein für alle Mal vorbei seien, doch dann sehe ich, dass die komplette Heckscheibe des Autos fehlt und durch einen großen Flatscreen-TV-Karton, der mit flatterndem Tapeband mehr schlecht als recht gehalten wird, provisorisch abgedichtet ist und wegzufliegen droht.
Zwar muss ich die nun richtig verstandene Frage verneinen, aber mein Ehrgeiz ist geweckt; liebe ich doch fummelige Aufgaben, wie diese. Irgendwie muss die Pappe doch zu befestigen sein und da ist deutsche Handarbeit gefragt.
Ich erhebe also den rechten Zeigefinger, lasse ein bedeutungsschwangeres „wait“ folgen und steige aus.
Wenn die Israelis die Wüste urbar machen können, dann werde ich mich nicht von der Reparatur einer profanen Behelfsscheibe abschrecken lassen.
Während das Baby friedlich schläft, stehe ich nun mit den beiden vor der klaffenden Wunde und überlege, wie der unfreiwilligen Lüftung beizukommen ist. 
Tatsächlich ist die Lösung relativ einfach. Wenn man die Pappe etwas faltet, kann man die Knickkante mit geringem Kraftaufwand in die Gummidichtung der Scheibe pressen. Da der Karton ausreichend groß sind, dauert es zwar ein paar Minuten, bis wir die richtigen Maße gefunden haben, können dafür aber die ganze Scheibe ausfüllen und das Loch komplett und mit einer gewissen Spannung verschließen. Um der Sache noch mehr Stabilität zu geben, nutze ich das bereits verfusselte Klebeband als Halteseile, perforiere dafür den Karton vorsichtig an mehreren Stellen und knote alles, unter Einbeziehung der Heckklappe zusammen. Tatsächlich macht die Konstruktion einen erstaunlich stabilen Eindruck. Leider verpeile ich es Photos zu machen, dafür ist die Verabschiedung umso herzlicher und wir wünschen uns gegenseitig eine gute Weiterfahrt.
„Mazel Tov!“
Für mich soll es nun weiter in den Norden gehen. Ich habe Lust heute nochmals im Toten Meer zu baden, allerdings unter weniger gefährlichen Umständen, als zuvor. Somit entscheide ich mich für den Touristenort En Bokek, an dem es gesicherte Strände, öffentliche Duschen und reichlich Hotelanlagen gibt. Um dorthin zu gelangen, werde ich etwa zwei Stunden benötigen. Für das Bad plane ich maximal eine Stunde ein, so dass ich spätestens gegen 12:30 eine offene Rechnung beglichen kann. Ich will unbedingt noch den mir am dritten Tag meiner Reise verwährt gebliebenen Besuch des „Arugot-Nature-Reserve“ in Ein Gedi nachholen.
Wer aus der Wüste kommt, dem steht der Sinn eben nach einer Oase.
Um meine Ziele erreichen zu können, muss ich aber unbedingt tanken. So langsam geht der Sprit zur Neige und ich bin bereits ein wenig nervös hinter dem Steuer. Glücklicherweise ist die Straße nun weitaus weniger einsam, als zwischen Eilat und dem Flughafen Ovda, so dass ich recht schnell eine Tankstelle finde.
In Israel wird nach US-Amerikanischen Prinzip getankt. Man geht zuerst an den Verkaufsschalter, legt die entsprechende Summe in Cash auf den Tresen, oder lässt seine Kreditkarte in gewünschter Höhe belasten und tankt dann bis zum Limit drauf los.
Als das geschafft ist, stelle ich das Auto in eine Parkbucht, lasse Musik laufen und gönne mir ein karges Mittagessen; mal wieder bestehend aus Resten und einer weiteren Coca-Cola. Nach 15 Minuten des Chillens gehe ich pinkeln und will den Wagen für die Weiterfahrt starten. Ich drehe den Schlüssel um und es passiert: Nichts.
Nanu?! Am besten gleich noch mal versuchen. Wieder mit gleichem Resultat: Nichts.
Alter Verwalter... Was ist denn nun los? Ich entdecke, dass ich das Licht angelassen habe und mir schwant, dass die wenigen Minuten mit Musik und Licht, aber ohne laufenden Motor offensichtlich der Batterie derart zugesetzt haben, dass sie nun alle zu sein scheint.
Bitte, lass es nur die Batterie sein!
In mir steigt ein Gefühl der Verzweiflung und Wut auf mich und die Autovermietung auf. Sicherlich; die Bewertungen beim Vergleichsportal waren nur mittelprächtig im Vergleich zu anderen, bekannteren und prestigekräftigeren Firmen. Aber dennoch ist der Vermieter Teil einer renommierten und von mir bereits oft gebuchten großen Verleihfirma, so dass ich ein gewisses Maß an Vertrauen in das Auto gesetzt habe.
Nach zwei Minuten der Ratlosigkeit und Enttäuschung keimt in mir bereits wieder die Gabe, die mein Leben für mich so äußerst lebenswert macht. Ich spüre Freude über die erneute Abwechslung und ein Gefühl der Herausforderung dieses Problem als zu lösende Aufgabe zu verstehen. In diesen Momenten passe ich genau auf die Wunschvorstellung von Headhuntern bezüglich der Personalplanung bei Start-Ups. Dumm nur, dass ich mich zumeist nur mir Selbst und meinen Nächsten verpflichtet fühle. Sonst hätte ich mit dieser Einstellung und etwas mehr Engagement nach Außen womöglich schon längst „Karriere“ gemacht.
Eine schreckliche Vorstellung.
Da stelle ich mir lieber vor auf dem Parkplatz bei erstem Anquatschen einen Volltreffer zu landen und eine Überbrückung von Batterie zu Batterie anzubahnen.
Ich gehe also zurück zur Tankstelle und habe bereits beim ersten Auto Glück. Ein Ehepaar aus Jerusalem erbarmt sich meiner und schafft es auf Anhieb nicht nur ein Überbrückungskabel aus dem Kofferraum zu fischen, sondern auch den nötigen Saft bereitzustellen, den es bedarf um meine Karre wieder zum Laufen zu bringen.
Der Mann klopft mir auf die Schulter und sagt mitfühlend, dass er früher oft alte Autos gehabt hätte und mich nur zu gut verstünde. Ich nutze die Gunst der Stunde und lasse von seiner Frau das Selfie machen, dass ich eine knappe Stunde zuvor von der Heckscheibe hätte machen sollen.
Mit fast grenzenloser Dankbarkeit verabschiede ich mich von den beiden, setze mich ans Steuer und hoffe, dass sich die Batterie bis En Bokek und darüber hinaus in soweit wieder aufgeladen hat, als dass ich die Rostlaube problemlos beim Mietwagenparkplatz zurück geben kann.

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